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Zur Sonne_Ottweiler

April 14, 2020

Zum letzten unserer Vater-Sohn-Treffs hatten wir uns am 12. März in Ottweiler verabredet, dem Ort, in dem er aufgewachsen ist (leider nur sechs Jahre mit dem Papa) und den er nun verlässt. Es war für beide einer der letzten Gaststätten-Besuche vor den Ausgangsbeschränkungen. Wir landeten letztlich im hippen „Onkel Tom’s Hütte“ – aber ich war schon früher gekommen und nutzte die Zeit, das Wirtschaftsleben meines durchaus geliebten kleinen Landstädtchens nach vielen Jahren Abwesenheit darauf zu überprüfen, wo ich mich mit Tom am liebsten treffen würde und ob ich nicht etwas für diesen Blog finde.

Also ein Lokal, das ich damals 1997-2003 in der schnöselig-überheblichen Arroganz des zugezogenen Städters (tatsächlich) nie betreten hätte. Und wurde – durchaus demütig – eines Besseren belehrt. Es wirkte während der „blauen Stunde“ aber auch einfach zu einladend:

Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt
Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt

Es sah warm aus, drinnen. Und mir gefielen die beiden Schilder in ihrem schlechtem corporate design: einmal auf alt und historisch machend, einmal pragmatisch das servierte Bier hervorhebend.

Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt
Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt
Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt

„Neben jede Kirche hat der Teufel eine Kneipe gesetzt“, hörte ich einmal in Luxemburg bezüglich des sehr weit von der Kirche in Gonderange entfernten Café op der Gare. Hier ist es ihm in der Wilhelm-Heinrich-Straße wohl perfekt gelungen, die Gläubigen und Glauben Vortäuschenden, wie auch die Unreflektierten Stammgäste der katholischen Kirche „Maria Geburt“ nach dem Gottesdienst an eine Theke zu locken (die ja auch Altarähnlichkeit hat). Aber natürlich auch andere Leute, wie mich. OK, etwas bessres findste nicht: Allez Hopp und mutig hinein!

Besonders „sündig“ fühlte es sich freilich nicht an (abgesehen davon, um 19 Uhr einen Espresso (mit Schokotäfelchen von „Merci“), statt eines Biers zu bestellen). Ich setzte mich in eine Ecke, in der ich das ganze Lokal überblickte: Die zwei Männer im Gespräch rechterhand im Séparée, den städtischen Reinigungsbediensteten linkerhand am Spielautomaten und frontal vor mir die Theke mit einem weiteren Pärchen und zwei Einsamen). Das Herz des Lokals. Dazu gab es in Form eines umfunktionierten ehemaligen Windfangs eine Raucherecke am Eingang.

Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt

Neben meinem heimlichen Thekenfoto fand ich noch viel bessere in einem Artikel des Stadtmagazins:

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Aber zurück zu meinem Erleben:

Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt
Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt

Mich erstaunten neben den Kerzen auf jedem Tisch auch die Bretzeln, die da auf mehreren Tischen mit der impliziten Aufforderung lagen, sich einfach zu bedienen. Ähnliches habe ich nur einmal mit belegten Broten in der „Taverne Battin Chez Anita“ im luxemburgischen Esch/ Alzette erlebt. Die message: Sei willkommen, bedien dich, wir schauen hier nicht so sehr auf’s Geld, uns ist die Gemeinschaft wichtiger.

A propos corporate design: Drinnen ist alles perfekt Ton in Ton. Ich mochte das, irgendwie.

Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt
Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt
Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt
Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt

„Zur Sonne“ gibt’s als urtypisch deutschen Namen auch in Dinkelsbühl oder als Hotel in Freiburg. Es ergab sich nicht, mit der Inhaberin über die Historie zu sprechen. Ich lernte sie erst im Mai 2020 zufällig beim Fegen vor ihrem Haus neben dem Lokal „Zwinger“ kennen. Vielleicht lass ich sie – über das stadtmagazin – selber ihr Lokal beschreiben:

„Seit 1999 führt Inhaberin Eva Leist die klassische Kneipe und bedient ihre Gäste stets mit einem Lächeln. Offeriert werden Ihnen gutbürgerliche Speisen und regionale Spezialitäten. Ein Besuch zur Mittagszeit lohnt sich, eine regionale Spezialität wird täglich als Mittagstisch geboten. Ein Highlight ist der Genuss der leckeren und mit Liebe zubereiteten Gerichte bei schönem Wetter im Biergarten des Hauses. Dazu wird Ihnen selbstverständlich ein kühles Getränk serviert  (…) Vereine dürfen gerne den ersten Stock des Gasthauses als Veranstaltungsraum nutzen. Übrigens wird jeden ersten Donnerstag im Monat eine Jazz Session veranstaltet – ein Event, das Sie nicht verpassen sollten.“

Später sagte mir Eva Leist, dass das Lokal wohl schon seit den 1950ern oder 1940ern existiert. Bei meinem Besuch war grad der zweite Donnerstag und von oben schallte eher der Gesang eines Männerchors auf die Straße. Das hörte sich nicht schlecht an. Hier trifft sich ansonsten auch die lokale SPD. Zu essen gibt es nur mittags das Stammgericht, bei meinem Besuch wäre das Ratatouille mit Reis gewesen.

Was aber hatte es mit diesem irgendwie unpassenden und doch passenden colorierten Foto auf sich? Ist das Rasputin? Und wieso hier?

Zum Wehrturm: tot, zwischendurch Cockktaiolbar "Curacao" oder so, die schnell dicht machte

Ja, tatsächlich – sagte mir die Kellnerin. Unterzeichnet ist es mit „Silber 20/0“. Es sei ein Bild eines befreundeten lokalen Künstlers. Ich hörte noch etwas den Gesprächen zu, überlagert von „Sound of Silence“ aus dem Radio, gefolgt von den Nachrichten: Die Schulen schließen? Das klang damals noch unvorstellbar. „Zieh doch ma Dein Mundschutz an“, scherzte eine Frau an der Theke. „Kann man sich auch selber machen“ – die Erwiderung. Woraufhin einer einen Witz loswerden musste: „Gehen Sie nicht zum Arzt, sondern zu denen, die Ihnen schon ein halbes Leben lang auf den Sack gehen“. Das verstand ich nicht. Aber so gehen halt die Gespräche an der Theke manchmal. Ein vierter Einsamer kam rein und die Wirtin fragte: „Cola Light?“ – „Jawoll“.

Die Sänger/innen von oben kamen übrigens nicht hinunter, während ich hier war. Der Raum im ersten Stock sieht sehr authentisch-interessant aus, vielleicht sogar unsaniert? Mal sehen, ob ich da nochmal hin komme.

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Ich zahlte und lief dann weiter, vorbei am „Brauhaus“ zum Marktplatz mit dem „Nassauer“, hatte ein Gespräch am „Fässje“ und entdeckte das tote „Zum Wehrturm“, das zwischendurch einmal eine Cockktaiolbar namens „Curacao“ oder so war, die aber schnell wieder dicht machen musste. Welches Lokal wohl älter ist? Das „Fässje“ oder die „Sonne“? Das Fässsje ist eine dunkle Kneipe unter den tiefen Decken eines über 400 Jahre alten Hauses, wie mir ein Stammgast sagte. Es sei 40 Jahre alt, da war er sich sehr sicher. Aber vorher? War da schon eine Kneipe? Das konnte mir der scchon nach Pensionär ausssehende nette Mann nicht sagen.

Es sind schon unfassbare 17 Jahre, seit ich hier weggezogen bin. Das fühlte sich gar nicht so an, obwohl oder weil ich gut verheimatet war. Schön, wieder zu kommen und mich neu in dieses Kleinstädtchen zu verlieben.

Adresse: Wilhelm-Heinrich-Str. 17, 66564 Ottweiler, Tel.: 06824-700720, info@gasthaus-zur-sonne-otw.de, Homepage

Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt

2 Kommentare
  1. Ulli permalink

    Erklätung: du sollst zu denen gehen, die dir auf den Sack gehen, um sie anzustecken. Ist zwar nicht sehr nett, aber ist ja ein Witz, wenn auch kein guter!

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