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Café Op der Gare_Gonneréng

November 15, 2016

„Der Teufel richtet neben jeder Kirche ein Cafe ein“, sagte mir beim Viezfest in Gonneréng Jules Muller, ein Einheimischer, von dem ich ein paar Infos zum Café Op der Gare erbat, „nur hier nicht“. Und ergänzte, dass der Ortsteil der Gemeinde Junglinster im nördlichen Speckgürtel Luxemburgs, der auf Französich Gonderange und auf Deutsch Gonderingen heißt, früher „sehr fromm“ gewesen sei. Damals gab es noch nicht die heute beachtlichen gut 1700 Einwohner, die außerhalb des kleinen Ortskerns in Häusern wohnen, die in den vergangenen drei Jahrzehnten entstanden sind und von einem frischen Wohlstand zeugen. 1950 lebten hier erst 104 Seelen, bis 1960 verdoppelte sich deren Zahl auf 204. Und so ging das mit den Verdopplungen pro Jahrzehnt bis 1990 mit 991 Einwohnern weiter.

Es gab die Kirche St. Sebastian und mindestens eine Kneipe nahebei, Bauernhöfe und einen Bahnhof jenseits des kleinen Tals, in dem der Iernsterbaach und der Kriipsebaach, die beide aus dem Grünewald kommen, ineinander münden und zur Schwarzen Ernz werden, die später in die Sauer fließen, welche wiederum bei Wasserbillig die Mosel erreicht. Dort entstand irgendwann das Café Op der Gare. Dann zogen immer mehr Berufstätige aus dem 13 km entfernten Luxemburg dazu, der noch dörfliche Ort wurde suburbanisiert, entwickelte sich zur Schlafstadt und veränderte sich soziologisch deutlich. Im Ortskern gibt es heute keinen sozialen Treffpunkt mehr (sieht man einmal von der Kirche sonntags ab).

Es ist jetzt schon zwei Jahre her, dass ich hier eines der letzten in Luxemburg existierenden historischen Cafés „Op der Gare“ besucht habe. Damals, am 19. Oktober 2014, ging ein Gerücht um, Nicole Britz, die Inhaberin, würde das Lokal Ende des Monats schließen. Es war Ende 2015 aber noch geöffnet – allerdings unter dem Namen Cafe beim Paulo „Op der Gare“. Der Name verweist zwar auf einen Bahnhof, aber einen solchen – im Sinne eines Gebäudes – hat es nie gegeben. Tickets bekam man im Café beim „Toni“, erinnert sich Jules Muller. Die Station des „Jhangeli“, einer Schmalspurbahn, die von 1904 bis 1957 betrieben wurde, lag nahebei – nicht weit vom Dorfkern entfernt, aber eben doch deutlich abseits, jenseits der Bäche im Tal. Wenn man sich teuflisch versuchen lassen wollte, hatte und hat man schon ein Stück zu gehen.

Café Op der Gare_Gonnereng © Ekkehart Schmidt

Café Op der Gare_Gonnereng © Ekkehart Schmidt

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Café Op der Gare_Gonnereng © Ekkehart Schmidt

Café Op der Gare_Gonnereng © Ekkehart Schmidt

Café Op der Gare_Gonnereng © Ekkehart Schmidt

Café Op der Gare_Gonnereng © Ekkehart Schmidt

Das Café ist heute das einzige verbleibende Lokal der Ortschaft. Es ist wohl vor einigen Jahren einmal saniert worden. Der Originalzustand ging dadurch etwas verloren. Authentisch ist es dennoch geblieben. Bei meiner mittäglichen Stippvisite bekam ich einen ordentlichen Kaffee, wurde von einer ziemlich typisch männlichen Kundschaft, mehrheitlich über 55, etwas interessiert betrachtet und schaute zurück, ehe ich wieder meiner Wege ging.

Café Op der Gare_Gonnereng © Ekkehart Schmidt

Café Op der Gare_Gonnereng © Ekkehart Schmidt

Café Op der Gare_Gonnereng © Ekkehart Schmidt

Café Op der Gare_Gonnereng © Ekkehart Schmidt

Café Op der Gare_Gonnereng © Ekkehart Schmidt

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Das Lokal ist halt im Alltag eine ganz normale Kneipe, nicht wirklich ein Café. Wenn auch im Sommer sicherlich mehr Leute draußen sitzen und Kaffee trinken, als drinnen beim Bier – trotz Mousel-Werbung draußen offenbar eher von der Diekirch-Brauerei – einen trinken und erzählen. Am beeindruckendsten empfand ich den Klebestreifen für Fliegen über meinem Sitzplatz in der Ecke. aber auch die Aufkleber in der Toilette hatten ihren Charme.

Café Op der Gare_Gonnereng © Ekkehart Schmidt

Café Op der Gare_Gonnereng © Ekkehart Schmidt

Café Op der Gare_Gonnereng © Ekkehart Schmidt

Jhangeli war die Bezeichnung für ein Netz von Schmalspurbahnen in Luxemburg. Der Name wurde nie offiziell benutzt, sondern wurde vom Volksmund geprägt. Einige Strecken wurden durch den luxemburgischen Staat finanziert, indem privaten Eisenbahngesellschaften Eisenerzlager zur Exploration angeboten wurden. Der Erlös der Erze sollte den Bau und den Unterhalt der jeweiligen Strecke finanzieren. So wurden beispielsweise für die Strecke Luxemburg–Remich pro gebautem Bahnkilometer 3 1/3 ha Erzfeld zugeteilt. Die Nutzung dieser Strecken wurde auf 95 Jahre festgelegt. Danach sollte sämtliche Infrastruktur auf den Staat übergehen.

Neben Erz wurden auf den Strecken auch andere Wirtschaftsgüter befördert, so zum Beispiel Gips zwischen Luxemburg und Remich. Aber natürlich Daneben fand auf allen Strecken auch Personenbeförderung statt. So wurde der Jhangeli ein wichtiger Faktor für die Dorfentwicklung, auch für Gonneréng. Seit Ende 1952 wurde die Passagierzüge schrittweise durch einen Schienenersatzverkehr ersetzt. Seit Dezember 1953 verkehrte auf der Strecke nur noch ein Personenzug, der restliche Personenverkehr wurde mit Bussen abgewickelt. Am 13. Juni 1954 wurde auch der letzte Zug durch einen Bus ersetzt; die vorgeschobene Begründung war der schlechte bauliche Zustand des Junglister Tunnels. Der ohnehin schon geringe Güterverkehr war bis zum Sommer 1954 noch weiter zurückgegangen, daher wurden fast alle Transporte ab dem 14. Juni 1954 auf Lkw verlagert.

So ist das Café heute, neben dem gleichnamigen Cafe Op der Gare in Lintgen – das freilich so gründlich saniert und an moderne Bedürfnisse angepasst wurde, dass seine vergangene Bedeutung verloren ging – ein echtes Relikt, dem man eine Zukunft wünscht. Das Thema einer Schließung scheint tatsächlich nur ein Gerücht gewesen zu sein, im Herbst 2017 existierte es jedenfalls noch. Weitere solche Lokale habe ich hier beschrieben.

Adresse: 46 Rue de Wormeldange, L-6810 Gonneréng, Tel.: 788 494

Verwendete Quellen: Administration Communale de Junglinster. La commune se présente: Données géographiques und Cartes postales.

Café Op der Gare_Gonneréng © Ekkehart Schmidt

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  1. Café de la gare_Bettembourg | akihart

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