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Taverne Battin/ Beim Anita_Esch an der Alzette

November 21, 2019

Ich bin in den letzten Jahren schon ein paar Mal durch diesen Häuserblock am Rande der vom Escher Bahnhof zur Fußgängerzone führenden Hauptstraße gelaufen, in dem offenbar nicht nur Dealer auf Kunden warten, wie im Blog über das Café „Chez Nadia“ beschrieben, sondern es auch etwas rotlichtig wirkte. Aber so ganz klar war mir das nicht. Ich hatte nur einmal eine schummrig wirkende Bar gesehen, in der hinter dem Tresen Dutzende Schlüpfer hingen. Sehr originell, aber was wollte man damit sagen? „Beim Anita“ – klang das nicht auch etwas nach schwedischer oder osteuropäischer Puffmutter?

Taverne Battin/ Beim Anita_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Im Oktober bin ich hier nochmal herumgeschlichen, jetzt im Wissen, dass das alles falsche Schlüsse waren: Diese ur-luxemburgische Gaststätte war gerade wegen seines 30jährigen Bestehens in vielen seriösen Medien beschrieben worden. Und Anita ist eine Portugiesin, die dieses um 1970 als „Café Lisboa“ entstandene Lokal – als erstes von einem Mitglied dieser größten Migrantengruppe des Landes in Esch gegründet – 1989 übernahm. Damals hieß es schon „Taverne Battin“. Aber ich hatte keine Zeit oder traute mich vielleicht auch nicht richtig, hinein zu gehen, weil ich nicht wusste, welcher Menschenschlag mich Kneipenabstinenzler hinter den getönten Scheiben erwarten würde – die eigentlich eine besonders intime Gemütlichkeit ausstrahlten..

Taverne Battin/ Beim Anita_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Taverne Battin/ Beim Anita_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Taverne Battin/ Beim Anita_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Taverne Battin/ Beim Anita_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Battin“ ist übrigens eine Biermarke und der Aufkleber „I support Esch 2022“ nimmt Bezug auf die Wahl der alten Stahlmetropole als „Europäische Kulturhauptstadt 2022“ in zwei Jahren. Sich zu bekennen bedeutete nicht nur kunstinteressiert zu sein, sondern – nach dem Skandal um die Ausbootung der ehemaligen Kuratoren Andreas Wagner und Janina Strötgen – auch, dem Ganzen trotzdem optimistisch entgegen zu schauen. Anitas Erwartungen an das kulturelle Großereignis sind groß, hat das Tageblatt erfragt: „Da wird rund um die Uhr was los sein in Esch und die Taverne Battin macht mit.“

Taverne Battin/ Beim Anita_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

 

Taverne Battin/ Beim Anita_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Taverne Battin/ Beim Anita_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Taverne Battin/ Beim Anita_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Letzten Samstag hatte ich dann endlich die Muße bzw. hatte mir schon vor diesem Abend in Esch an der Alzette gesagt, dass ich hier jetzt einmal hineinschauen mag. Ich setzte mich mittig hin, gebannt von der Idee, die Schlüpfer ablichten und zählen zu wollen. Weia…, als wäre das der Kern des Lebens hier (es sind 52).

Taverne Battin_Esch an der Alzette (c) Ekkehart Schmidt

Taverne Battin_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Taverne Battin/ Beim Anita_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Taverne Battin_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Ich bestellte bei Kellnerin Yuliya einen Espresso und schaute mich um: Der 30. Geburtstag am 13. April ist wohl gebührend gefeiert worden, wie durch das T-Shirt oben im Fenster angedeutet. Laufkundschaft scheint eher selten zu kommen, die Gäste sind mit ihren Ritualen beschäftigt oder unterhalten sich. Aber ich fühle mich nicht als Eindringling.

 

Taverne Battin/ Beim Anita_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Taverne Battin/ Beim Anita_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Abgesehen von den Slips ist das hier ein normales urgemütliches Café, in der eine besondere Gastfreundschaft gepflegt wird: Kaum steht der Espresso vor mir, kommt Anita aus der Küche und stellt auf jeden besetzten Tisch einen Teller mit belegten Broten. „Ich habe das nicht bestellt“, sage ich etwas ängstlich (will das nicht zahlen, hab ja doch meine zu Hause geschmierten Butterbrote dabei), aber sie winkt einfach ab. Und so esse ich ein Schinkenbrot. Sie scheint zu wissen, wie man Kunden großzügig verwöhnt, neben den kleinen Häppchen kocht und verteilt sie offenbar auch literweise  Suppe für Studierende.

Schaut man sich mit etwas Ruhe um, fallen sechs Bilderrahmen ins Auge, in denen gut 150  Geldscheine fein säuberlich eingerahmt wurden. Ihren Ursprung hat die Sammlung im Jahr 1989: „Im ersten Jahr im Café konnte ich keinen Urlaub nehmen. Um mich zu trösten, haben die Gäste mir Geldscheine von ihren Reisen mitgebracht“, erzählte Anita dem Tageblatt. Offenbar wurde die Sammlung nach 1989 stetig erweitert. An der Theke steht ein Mann mit einem Sweatshirt einer Beschäftigungsinitiative, aber die Kundschaft wirkt gut durchmischt.

Taverne Battin/ Beim Anita_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Taverne Battin/ Beim Anita_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Taverne Battin/ Beim Anita_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

 

 

Anita ist „nur“ die Pächterin. Wer der Besitzer des Wirtshauses ist, blieb mir unklar: Jean-Claude Conter und/ oder Sanda Liliana Kiefer-Pop. Ich blieb bei meinem Besuch ganz passiv – darauf konzentriert, heimlich zu fotografieren. Ich wusste ja, dass ich das Wesentliche im Tageblatt nachlesen konnte: „Jede Kellnerin, die hier gearbeitet hat, musste an ihrem letzten Arbeitstag einen Slip hinterlassen“, hat Anita dem Reporter Raymond Schmit „verschmitzt“ erklärt. „Fast schon ein Kunstobjekt“ meint Schmit. Wieso „fast schon“?

Glaubt man dem Tageblatt, hat Anita den familiären Charme der Gründerjahre „in unsere Zeit hinüberretten können“. Auch im Innern habe sich seit Jahrzehnten nicht viel verändert. Altbekannte Hits meiner Jugendzeit erklingen gemischt mit aktuelleren Songs in zurückhaltender Lautstärke: Erst „La vie en rose“, dann „Mrs. Robinson“, dann Amy Winehouse mit „… and I say No, No, No…“

Anita und die Kellnerinnen Sanda und Yuliya scheinen über ein sehr gutes Gedächtnis zu verfügen und kennen natürlich alle Stammkunden beim Namen. „Und es sind deren viele. Frauen und Männer. Studenten und Pensionierte. Gewerkschafter und Lehrer. Politiker jeder Couleur. Im virtuellen Gästebuch stehen auch alle Escher Bürgermeister und Bürgermeisterinnen der vergangenen Jahrzehnte. ‚Auch der Neue‘, betont Anita“, so das Tageblatt. Auch die Mutter der ehemaligen Bürgermeisterin und späteren Gesundheitsministerin Lydia Mutsch sei Stammkundin. Also Konservative wie Sozialdemokraten und Kommunisten. Nur Portugiesen sah ich keine.

Taverne Battin/ Beim Anita_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Gegen 19 Uhr muss ich los zum Konzert von Björk. Früh am Abend: Gleich viermal die Woche, von mittwochs bis samstags, ist hier bis 3.00 Uhr morgens geöffnet: „Kunden, die nach dem Konzert-, Theater- oder Restaurantbesuch noch etwas trinken möchten, wissen das zu schätzen,“ sagt Anita. Mir gefiel es sehr, erinnerte mich an das Lokal „Zum Storch“ in Saarbrücken, das ebenfalls von einer herzlich-dominanten Frau betrieben wird.

Adresse: 1 Rue Simon Bolivar/ Ecke Rue de la Libération, L-4037 Esch-sur-Alzette, Tel.: 543 438

Verwendete Quellen: Goetz, Marco: Damenunterwäsche im Blick: Seit 30 Jahren führt Anita Dias die Taverne Battin, Tageblatt 15.02.2019; Schmit, Raymond: 30 Jahre Taverne Battin, Luxemburger Wort 13.04.2019

Taverne Battin/ Beim Anita_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

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