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Vorstadt-Klause_Saarbrücken

„Vorstadt“ – welche Assoziationen poppen da nicht alles hoch… Man denkt an einen Stadt- oder Ortsteil, der außerhalb des Stadtzentrums liegt, aber eben so nah an der Altstadt, dass er noch kein Vorort ist. Dicht bevölkert, wie der typische „Faubourg“ in Frankreich, aber noch nicht „Banlieue“. Der Begriff hat dennoch etwas pejoratives, man denkt an etwas Ausgesondertes – damals wollte noch niemand ausserhalb der Stadt im Grünen wohnen…

In manche Vorstädte extra muros wurden Menschen und Gewerbe abgedrängt, welche die bestimmenden Kräfte nicht intra muros haben wollten, zum Beispiel das stinkende Gewerbe der Gerber (wie jenseits der Basilika St. Johann in Saarbrücken oder unten im Paffendal in Luxemburg).

Zu Zeiten des Architekten und Stadtentwicklers Friedrich Joachim Stengel, im 18. Jahrhundert, hiess diese Gasse zwischen Erbprinzenpalais und Rathaus in Saarbrücken „Hintergasse“. Sie führte vom Schloss stadtauswärts in die „Vorstadt“ und von da weiter zur Strasse nach Frankreich.

Ab 1748 wurden hier neue Häuser gebaut, zum Beispiel Nr. 13 als Haus mit der merkwürdigen Tür in der Luft, aber eben auch das weisse Haus Nr. 55 mit einem uralten reliefierten Schriftzug einer früheren „Vorstadt-Klause“. „Das Haus lässt sich ebenfalls auf eine Entstehungszeit um 1750 datieren“, heisst es in einer aktuellen Publikation. Weiter heisst es: „Es ist partiell in der originalen Bausubstanz erhalten. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus beschädigt, der Dachstuhl verbrannte. Das Denkmalamt gibt 1942 als wiederaufbaujahr des Gebäudes an.“ Diese schöne Publikation zum barocken Erbe der Stadt ist in bestimmten Punkten sehr präzise, andere, für mich offensichtlich wichtige Details werden in erstaunlicher Weise ignoriert: „Vorstadt Klause“ ist auf den Fotos zu lesen. Da war also eine Gastwirtschaft.

In Nr. 55 der Vorstadtstrasse in Saarbrücken war jahrelang kein Gewerbe erkennbar (und ich bin in den vergangenen 26 Jahren wirklich oft genug hier vorbei gekommen). Nebenan in diesem zweigeteilten Gebäude, das als einziges Haus deutlich in die Strasse hineinragt, befindet sich ein O2-Laden. Mitte November fiel mir auf dem Weg zur „Vorstadt Post“ plötzlich ein rosafarbener Rosenschmuck am Haus auf: erstmals nahm ich in diesem alten Gebäude ein sich präsentierendes Lokal wahr. Heute machte ich ein paar Fotos.

Hier hat ein Kosmetik-Studie namens „Kenzy“ eröffnet. Ich konnte heute nicht hineingehen und nachfragen: Es war geschlossen.

„Klause“? Das klingt so nach Einsiedelei oder jedenfalls einem abgeschiedenen Ort. Und tatsächlich bezeichnet das aus dem Lateinischen stammende Wort claudere: „schließen“ nicht nur den abgeschiedener Aufenthaltsort eines Einsiedlers (Klausners) oder mehrerer Eremiten oder einen Engpass im Sinne der Einengung eines Flusstals, sondern auch eine „Einzelsiedlung, meist eine Gaststätte (veraltet)“, so Wikipedia. In diesem Fall eben vielleicht ein Lokal etwas ausserhalb der Stadt. In ländlichen Regionen Süddeutschlands wurden solche (meist in einer Art Einöde stehende) Gasthäuser tatsächlich oft „Klause“ oder „Klausen“ genannt.

Ich kenne neben der Vorstadt-Klause nur die Reiterklause in Dudweiler, die Stadionklause in Ludweiler und die Sportklause in Burbach. Was für Geschichten sich dazu wohl erzählen liessen? Oder schon erzählt wurden? Diese ist jedenfalls noch nicht fertig. Nur erstmal für heute.

Verwendete Quelle: Ulrike und Manfred Jacobs: Saarbrücken und sein barockes Erbe, Geistkirch Verlag, Saarbrücken 2019, S. 58ff

Vorstadt-Klause_Saarbrücken ⓒ Ekkehart Schmidt

Mercato Prato della Valle_Padua

Hier habe ich im Juni eine wunderbare Corona-Befreiung erlebt. Aus der eigentlich sehr heimeligen Enge der Stadt kommend, die sich durch die Pandemie jetzt aber anders anfühlt, erlebte ich hier ein Aufatmen.

Der „Prato delle Valle“ ist ein extrem weiter, ovalförmiger Platz, der nach Abriss der erhaltenen Reste im 16. Jahrhundert an der Stelle des ehemaligen römischen Amphitheaters im Süden von Padua entstand. Er ist einer der grössten innerstädtischen Plätze Europas.

Auf dem von unterirdischen Wasseradern durchzogenen Platz breitete sich bald ein Sumpf aus, ehe man im 18. Jahrhundert mit der heutigen Gestaltung begann: Einem Platz mit einer zentralen Grünfläche, eingerahmt von einem Wassergraben, an dessen Ufer 78 monumentale weisse Steinfiguren von „wichtigen“ Bürgern (darunter keiner einzigen Frau) stehen.

Dies war schon immer (auch für den unvermeidlichen Goethe) ein sehr schöner Ort, um zur Ruhe zu kommen. Jetzt erst Recht. Ich bog, von der Basilika und meinem Hotel Pellegrino kommend, erst einmal linksherum ab und drehte eine Runde in Richtung der Kirche San Giustina, einer der grössten Kirchen der Welt, um mir dann in Ruhe den Markt rechterhand anzuschauen:

Die Grünanlage im Zentrum des Platzes, umrahmt von den Säulen, war ein sommerlicher Treffpunkt und Erholungsort für die Menschen, die gerade erst der hier schlimm ausgeprägten ersten Corona-Welle entkommen waren. Endlich keine Masken mehr…

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So sah es auch für Goethe am 27. September 1786 aus:

Nach dieser Runde bin ich dann zum Markt zurück, der jetzt, an einem Werktag, nur aus einer kleinen halbmondförmigen Aneinanderreihung von Ständen bestand, die von jeder Seite aus gesehen, ganz unterschiedlich wirkte. Aber aus jedem Blickwinkel vor dieser phantastischen Kulisse photographisch herausfordernd schön.

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Leider war ich nie samstags hier, im vollen Markttreiben. Am Montag meines Besuchs, meinem ersten vollen Tag in Padua Mitte Juni, an dem ich wirklich frei von Gedanken, was ich alles besuchen sollte, mich noch richtig spontan treiben liess, gab es nur Obst und Gemüse.

Von hinten auch irgendwie strange, unwirklich in der Hitze. Vier Tage später kam ich hier noch einmal vorbei und beschaute mir die merkwürdig gleich wirkenden Lieferwagen.

Gekauft habe ich bei beiden Besuchen nichts, hatte keinen Bedarf – war durch gute und preiswerte Restaurants wie dem „Sky“ nie so hungrig, dass ich mir hätte fürs Hotel etwas für einen Salat oder so kaufen müssen.

Verwendete Quelle: Wikipedia-Artikel Prato della Valle

Mercato Prato della Valle_Padua © Ekkehart Schmidt

Hotel Topas_Frankfurt/ Main

„Das Internet zerstört Dein Leben“ hiess es einmal auf einem Aufkleber an der Ampel vor meiner Haustür. Das klang damals überzogen, aber bedenkenswert. Nun: Mein Bloggen unter anderem über Hotels hat zumindest mein altbewährtes Prinzip zerstört, mich in oft besuchten Städten zu verheimaten, indem ich mir ein „Stammhotel“ suche und möglichst auch ein Lieblingscafe suche. Das war dann schön, mich an frühere Aufenthalte zu erinnern, kleine Rituale zu wiederholen und Veränderungen wahr zu nehmen.

Seit einem Jahrzehnt suche ich mir in Städten wie Frankfurt/ Main, Paris oder Berlin jetzt immer ein neues Hotel – fast manisch auf der Suche nach dem ultimativ-authentischen alten Hotel, in dem die Zeit stehen geblieben ist. Für einen neuen Blog…

OK, so ganz bin ich meinen alten Idealen nicht untreu geworden: Wenn ich mal in Frankfurt bin, suche ich mir fast immer ein Hotel am Hauptbahnhof. Das Quartier hat sehr unterschiedliche Seiten, je nachdem, ob man ostwärts, südwärts oder nordwärts herumschaut oder für eine Nacht wohnt. Nach vielen Nächten im Osten und Süden (Hotel Apollo, Hotel Monopol und Pension Alpha) habe ich jetzt drei Mal im Gallusviertel unmittelbar nördlich des Bahnhofs übernachtet: im A&O Hostel, im Columbus Hotel und zuletzt am 15./ 16. Oktober mit meinen kleinen Kindern im Hotel Topas (um das Senckenbergmuseum zu besuchen).

Man kann hier rund um die Niddastrasse günstige Zimmer finden, in einer Umgebung mit vielen alteingesessenen italienischen, eritreischen oder iranischen Lokalen und Geschäften. Mein Fixpunkt ist hier die „Bar Mereb„. Im Osten und Süden des Bahnhofs ist der Kontext eher türkisch und afghanisch bzw. osteuropäisch.

Der Teil des Gallusviertels unmittelbar am Bahnhof wird aber gerade einem starken Umwandlungsprozess unterzogen wird: Neue Skyscraper verändern alles. Und hier ist eine andere Kundschaft: Leute, die berufliche Termine auf der Messe haben. Da muss die Optik stimmen: Auch an unserem seit mindestens 20 Jahren bestehenden Hotel wurde gerade die Fassade aus der Gründerzeit renoviert, nachdem das Innere schon 2015 völlig neu gestaltet worden war. Es wirkte unscheinbar neben der dominant bunten Ecke mit dem schon seit langem nicht mehr im Ursprungszustand bestehenden Cafe Ludwig: Das ist nach einer „zwielichtigen“ Übergangsphase heute eine Art Bar für junge Leute, nichts mehr für einen Kaffeeklatsch unter Omas.

Diese Tour war die erste mit meinen Kindern, bei denen wir unsere Räder mitnahmen. Das war cool, wir sind von hier aus zum Museum, zum Main und den persischen Lokalen „Hani“ und „Persia“ – was sich ganz anders anfühlte, als würde man zu Fuss gehen oder die U-Bahn nutzen. Die Räder durften wir im kleinen Innenhof abstellen, alles kein Problem.

Die Lobby nüchtern, mit bunten Möbeln aber um Frische und Modernität bemüht. Meine Kinder liebten den Aufzug hoch in den 5. Stock dieses Hotels mit 45 Betten, während mir die Winkelecke vom Aufzug zum Flur gefiel:

Die Zimmer typisch pragmatisch, also langweilig. Der grosse Flachbildschirm zog die Kinder freilich magisch an und ich musste aufpassen, sie zu disziplinieren: Wir schauten zwei Tierfilme, darunter einen beeindruckenden über die Rettung von Orang Utans – einem Thema, das uns am nächsten Morgen beim Frühstück erneut aufgetischt wurde.

Coronabedingt gab es zum Frühstück kein Büffet und ich machte nur ein Foto vom Gang zum Frühstücksraum. Eine sehr nette Kellnerin fragte uns nach unseren Wünschen und brachte die dann sehr exakt (6 Brötchen, 4 Stück Butter, 2 mal Honig, 2 mal Schokocreme…). Natürlich gab es nur Nutella, keine Bio-Schokocreme ohne Palmöl. Aber ich sprach das Thema an (Orang Utans), erklärte es und packte dann das vorausschauend mitgebrachte Glas Bio-Schokocreme von Samba aus.

Beim Check-Out sprach mich Karim Nadi, der türkischstämmige Rezeptionist dann auf das Thema Palmöl an. Ich erklärte die Problematik und er nahm es wirklich ernst, war dankbar für den Hinweis, sagte sogar, er würde schauen, ob er von Samba Hotelpackungen bekommen könne. Waow!

Der Inhaber des Hotels, Bernhard Žamberk, könnte aus der tschechischen Republik stammen. Das blieb mir ebenso unklar, wie die Bedeutung des Hotelnamens. Dieser erschien mir zunächst türkisch – wegen des netten Rezeptionisten und dem Wort „Top“ (türkisch: Geschütz) und „as“ (AS ist eine häufige Endung von Firmennamen, ähnlich AG). Aber eher ist es nach einem Edelstein benannt, den es auch in Böhmen gibt.

Wenn das Haus auch nach der Fassadensanierung schön weiss glänzen wird und vielleicht gar ein „Schmuckstück“ wird, würde ich es denn im übertragenen Sinne doch nicht als diamantenen Geheimtipp benennen wollen. Aber ein empfehlenswerter Mineralstein (oder Kristall) ist es in Bezug auf Lage und Preis-Leistungsverhältnis eben doch unbedingt: Wir haben in Coronazeiten im Doppelbett nur 44,50 EUR incl. Frühstück bezahlt (sonst wird es etwas teurer sein).

Nein: Das Internet zerstört nicht – ebensowenig wie Covid – mein Leben, sondern erweitert es. Ich finde virtuell viele Antworten auf meine Fragen und sammele Erkenntnisse, die ich rein analog nicht erhalten hätte. Und zumindest was Frankfurt angeht, bleibe ich meiner alten Idee des Mich-Verheimatens treu, weil ich bei fast jeder neuen Hotelerfahrung auch wieder an früheren Hotels vorbeikomme.

Adresse: Niddastr. 88, 60329 Frankfurt/ Main, Tel.: 069-23 80 58 20, info@hoteltopas.de, Homepage

Restaurant Persia_Frankfurt/ Main

Ich dachte, ich würde die persische Restaurantszenerie Frankfurts kennen – und machte doch am 16. Oktober die neue Entdeckung eines schon seit 2002 bestehenden Lokals, nachdem wir mal wieder im „Hani“ im Gutleutviertel lecker persisch essen waren. Auf dem Weg von dort an den Main (die Kinder wollten nochmal zum Skaterpark) kamen wir danach abends um`s Eck, in einer schönen Partie des alten Hafenquartiers, an der Esslingerstrasse vorbei, wo mir plötzlich die Leuchtreklame des „Persia“ ins Auge fiel.

Seit einem guten Jahrhundert leben Iraner in Deutschland, zunächst in Berlin, Hamburg und Stuttgart, durch den Zuzug iranischer Student/innen auch in Hannover, Aachen, Köln, Saarbrücken, München und eben Frankfurt. Die Tendenz zur Konzentration auf wenige Großstädte wurde durch die bundesweite Verteilung von Flüchtlinge nach der Revolution von 1979/80 zwar abgeschwächt, jedoch nicht entscheidend verändert. In der Regel wanderten Iraner/innen nach der Anerkennung als Asylberechtigte in die genannten, traditionell bevorzugten Städte ab.

Innerhalb dieser leben sie jedoch nicht konzentriert in wenigen Vierteln, wie andere grosse Communities. Insofern hat die Bedienung im ehemaligen, berühmten Frankfurter Restaurant „Hafez“ Recht, als sie mir vor gut 7 Jahren sagte: „Hier gibt es kein Ghetto wie bei den Türken“. Früher hätten jedoch viele Familien im Gutleutviertel am Hafen gelebt. Nördlich davon, in einem sichelförmigen Halbkreis östlich des Hauptbahnhofs finden sich sehr viele altansässige, aber auch neue iranische Unternehmen – von Restaurants und Hotels über Lebensmittelhändler, Fluggesellschaften und Reisebüros bis hin zu Schmuckgeschäften und Importeuren. Die Iraner selbst leben jedoch über die Stadt verstreut.

Dass im Guteutviertel noch Spuren der Anfangszeit bestehen, lernte ich jetzt im „Persia“. Ansonsten dominieren hier jetzt äthiopische und andere afrikanische Lokale in einem durch den Ausbau des alten Hafens gentrifizierten Voiertels.

An unserem zweiten Abend in Frankfurt radelten wir auf dem Weg zum Hafen hierhin, gingen rechts durch, setzten uns an ein Fenster und schauten zurück zur Inhaberin, die an der Theke wurschtelte.

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Als einzige Gäste wurden wir freundlich begrüsst und bedient, aber es blieb mir unklar, wie die Familienverhältnisse waren. Sie sagte mir, dass ihr Bruder in der Küche arbeite, während auf der Homepage in einer sehr persönlichen Ansprache von Saeed Darashti und seiner Frau die Rede war:

„Wir sind vor rund 40 Jahren aus dem Iran, nach einem Aufenthalt in den USA, nach Deutschland ausgewandert. Zum damaligen Zeitpunkt war die persische Küche für viele Frankfurter eher unbekannt. Aus Liebe zu gutem Essen und der verlassenen Heimat, haben wir uns entschlossen 1984 das 1. Persische Restaurant in Frankfurt mit dem Namen `Zookeller` zu eröffnen und somit die iranische Küche in die Hessische Metropole zu bringen.“

Seit 2001 betreiben sie jedenfalls das „Persia“, nächstes Jahr feiern sie ihr 20-jähriges Jubiläum. Ich sprach sie mehrfach an, aber sie blieb leider kurz angebunden. Vielleicht brachten wir zu viel Hektik in ein Lokal, das sich eher als kleiner, edler Rückzugsraum für gute Küche versteht: Mit edlen Lampen und anderen Details. Nur auf das historische Gemälde einer Bäckerei an der Wand sprang sie an, erzählte etwas.

Hier gab es nur Grillspezialitäten, keine Khorescht-Speisen, also Reis mit Sossen wie Ghorme Sabzi oder Fisandshun. Die Kinder wählten zwei Fleischvarianten: einmal das Nationalgericht Chello Kebab, einmal Hühnchenspiess und bekamen erst den – jedenfalls in Frankfurt – klassischen Vorspeiseteller mit frischen Kräutern, Schafskäse, Zwiebeln und Nan-Brot. Ich nahm das Auberginengericht „Gheime Badendjan“. Dazu natürlich Dugh zum Trinken:

Satt wurde ich trotzdem: Ich ass noch die Hälfte der Grillteller (natürlich wollten die zwei sich nicht einen teilen) und dann liessen wir uns den Rest einpacken, um ihn am nächsten Tag meinem Bruder in Heidelberg mitzubringen. Bastane-Eis zum Nachtisch:

Ein schönes Erlebnis, eingebettet in einen Besuch des Senckenberg-Museums (Dinos…), stundenlangem Radeln auf der Skateranlage nahebei und einer guten Nacht im Hotel Topas.

Adresse: Esslingerstrasse 11, 60329 Frankfurt a.M., Tel.: 069-242 486 90, info@persia-frankfurt.de, Homepage

Restaurant Persia_Frankfurt am Main ⓒ Ekkehart Schmidt

Gasthaus Zum Stern_Saarbrücken

Mit den Kindern ging es heute zum Abenteuerspielplatz Meiersdell im Oberen Malstatt. Diesmal, weil uns der Weg nicht klar war, fuhren wir anders als früher: wodurch mir plötzlich ein alter Bitburger-Schriftzug ins Auge fiel – und darunter ein offensichtlich totes Lokal begegnete.

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Vom Spielplatz ging ich nochmal zurück, um die Kneipe zu dokumentieren. Ein Passant meinte, es sei sicher seit 5-6 Jahren zu. Die Lage war nicht schlecht, mitten in einem Wohngebiet und gegenüber des alten Friedhofs, der als Grünanlage zum Erholungsort wurde.

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Den Namen „Zum Stern“ gibt es in der Region relativ häufig: in der Wellesweiler Strasse in Neunkirchen und in Leimen im Pfälzer Wald gibt es gleichnamige Gaststätten (in Sulzbauch „Zum blauen Stern“, wie auch eine Kegelsporthalle in Überherrn), ferner in Rodgau, Römerberg und Walldorf weiter ostwärts Restaurants und in Baumholder sowie Schweich bei Trier gleichnamige Hotels.

Woher der Name wohl kommt? Sicher nicht von Gourmet-Sternen. In einem Text des „Sonntagsblatt“ zur Wirtshauskultur fand ich folgende weitaus nüchternere Erklärung: „So ging im Lauf der Geschichte die Benennung eines Platzes, an dem sich vier Wege kreuzen, oft auf in der Nähe liegende Gebäude über“.

Mehr weiss ich nicht über dieses konkrete Lokal. Vielleicht finde ich noch etwas heraus. Viel wichtiger: Beim Spielplatz hat man die superlange Rutsche entfernt. Das war erst eine Enttäuschung, aber dann hatten wir doch viel Spass.

Gasthaus Zum Stern_Saarbrücken ⓒ Ekkehart Schmidt

Kanecher Ieselsstiffchen_Canach

Wenn man als Grenzpendler im Luxemburg-Saarbrücken-Express sein Portemonnaie oder Smartphone vergisst oder verliert, wie ich vor ein paar Jahren und gestern wieder, führt einen der Weg auf eine grüne Wiese bei der uralten Ortschaft Canach zwischen Luxemburg, Sandweiler und Remich: Da hat die Busfirma Emile Weber ihr Depot mit Fundbüro. Da ich keine Lust hatte, in Corona-Home-Office-Zeiten stupide zwei Stunden hin und zwei zurück zu fahren (wenn auch mit ausreichend Lektüre), checkte ich vorher, ob es da nicht ein nettes Dorfcafé gibt. Jawoll: das Kanecher Ieselsstiffchen (zu deutsch: Canacher Eselsstube)!

Es lag an der Hauptstrasse zwischen den Busstationen Canach/ Weber und Canach/ Post. Nach zwei Mal zehn Minuten Fussweg kam ich hier 15.50 Uhr an, freute mich über das abgegebene Smartphone und hatte 25 Minuten Zeit bis zur Rückfahrt: Genug für einen Espresso und ein Gespräch mit dem Wirt, woher der Name stammt und was hier vorher drin war (denn offensichtlich schien, dass ein solcher Name erst vor wenigen Jahren für eine Auffrischung eines Vorgängerlokals erdacht worden ist).

Aber es war zu. Wegen Corona? Nein, schon eine längere Zeit vor dem ersten Lockdown, sagte mir eine Nachbarin. Schade. Ich fragte, ob es noch ein anderes Café im Ort gebe? Nein, erst in Grevenmacher oder in der Stuff in Sandweiler – aber einen Kaffee bekäme man auch in der (portugiesischen) Epicerie, an der ich eben vorbei gekommen war. Gegenüber der alten Zentrale des 1875 entstandenen Busbetriebs, den mein Arbeitgeber etika bei seinen Investitionen in hybride Technologien unterstützt hat. Merci bien, Madame.

Im Fenster hing eine offizielle Ankündigung, dass das Lokal in ein Restaurant umgewandelt und oben zwei Apartmentwohnungen entstehen sollen. Kneipen gehen nicht mehr ausreichend gut bei extrem hohen Immobilien- und Mietpreisen. In den meisten Dörfern rund um Luxemburg, die zu Schlafdörfern wurden, fehlt die Kundschaft. So konnte ich nur einen groben Blick ins Innere werfen und nahm dann doch einen Bus früher zurück.

Vom Inneren kann ich sonst nur einige Fotos anderer aus Google Earth beisteuern. Sie sind von September/ Oktober 2019 und zeigen ein sehr buntes Inneres mit Spielautomaten und Essensangebot. Kann es sein, dass die Eselsstube nur wenige Monate existiert hat? Oder gar schloss und in der Epicerie neu auferstand? Der Gedanke könnte einem kommen, wenn man auf die Facebook-Seite des Lokals geht und im Lebensmittelgeschäft landet. Ich kann mal wieder nur mutmassen…

Und was Esel angeht, eines meiner Lieblingstiere: eigentlich ist Diekirch die Stadt der Esel in Luxemburg. Wenn meine Vermutung stimmt, dass dieses Lokal von portugiesischen Migranten aufgebaut wurde, hätte ich dann doch einen sinnvollen Bezug. Wenn das Grautier auch im Mittelmeerraum kaum noch als Arbeitstier zu finden ist. Es zu verspassen, war vielleicht keine gute Idee.

Adresse: 18, Rue d`Oetrange, 5411 Canach, Luxemburg

Kanecher Ieselsstiffchen_Canach (c) Ekkehart Schmidt

Gaststätte Journal_Neunkirchen

Es war schon sehr erstaunlich, vorgestern seit langem mal wieder durch Neunkirchen zu laufen und im Viertel rund um die Wellesweiler-, Brücken- und Lutherstrasse zu sehen, wie wenig sich verändert hat, seitdem ich das Quartier vor gut 14 Jahren im Rahmen des Projekts „Soziale Stadt“ in einer Studie untersucht habe. Jedenfalls optisch: Ich erkannte sehr viele Geschäfte und Kneipen wieder – die meisten waren schon damals im Leerstand oder kürzlich geschlossen worden. So auch diese Kneipe, die ich als exemplarisches Relikt für die Folgen der Strukturkrise nach Schliessung des Stahlwerks empfinde.

Mein Sohn ist ins Nachbarhaus gezogen und so kam ich in Kontakt zu einem seit Jahrzehnten hier lebenden Schriftsteller. Er schätzte, dass das „Journal“ seit gut zwei Jahren geschlossen ist. Zum Alter der Kneipe konnte er aber nichts sagen. Ungewöhnlich ist, neben dem eher intellektuelle Gäste ansprechenden Namen (nicht zu verwechseln mit dem Cafe Le Journal in St. Wendel, in dem tatsächlich viel gelesen wird), dass hier Werbung der Platzhirsche von der Karlsberg-Brauerei, aber auch der bayrischen Paulaner Brauerei zu sehen ist – welche auch immer zuerst Lieferant war.

Und natürlich sind die Buntglasfenster sehr speziell. Sie weisen – selbst im Bergbau- und Stahlstandort Saarland selten – drei Fenster auf, in denen in bleiernen Einfassungen Symbole beider Branchen zu sehen sind. Vielleicht hat das Lokal also gut 60 bis 80 Jahre auf dem Buckel, vielleicht unter anderen Namen.

Hier, in einer der letzten verbliebenen Strassen eher gutbürgerlicher Institutionen und Lokale dieser ehemals sehr wohlhabenden Stadt (um die Ecke das Restaurant Postillion und das Cafe Löwe, gegenüber die ehemalige Stadtbücherei, weiter unten Lutherschule und Lutherkirche), ist ein altes Stück Neunkirchen erhalten geblieben.

Es fühlte sich warm an, hinter den Scheiben. Aber der Eingang ist jetzt zugestellt und Obdachlose oder andere „Randständige“ nutzen den Freiraum, um hier zu schlafen oder ihre Sachen zu sortieren. Das fühlt sich eher kalt an.

Adresse: Lutherstraße 13, 66538 Neunkirchen, Tel.: 06821-865665

Gaststätte Journal ⓒ Ekkehart Schmidt

Hotel Chez Anna & Jean_Luxemburg

Hier hat sich ein Drama abgespielt, von dem ich bei meinen Passagen per Expressbus Saarbrücken – Luxemburg auf dem Weg zur Arbeit nichts mitbekam. Immer wieder habe ich die letzten 11 Jahre hinüber geguckt und mich gefragt, was für ein Hotel das wohl ist. Aber erst nachdem meine preiswerten und vor allem authentischen Familienbetriebe „Auberge de Reims“ und „Bella Napoli“ schlossen, wurde dieses etwas weniger zentrale Hotel zur Alternative, falls ich mal übernachten muss.

60 Euro die Nacht mit Frühstück – das bietet hier heute sonst nur noch das „Hotel Bristol“, die Jugendherberge einmal aussen vor gelassen (42 EUR im EZ). Jedenfalls in den die Preise zu Boden drückenden Covid-Zeiten. Am Montag verbrachte ich hier also meine erste und wohl auch letzte Nacht. Denn Anna will schliessen, Jean hat ein Machtwort gesprochen (obwohl sie eigentlich die Hosen an zu haben scheint). Recht hat er. Beim Check-In hat sie auf meine Frage, wie es geht, gleich sehr offen und lange erzählt. Vielleicht war ich der erste Gast seit der Entscheidung, der achtsam fragte und gewillt war, auch zuzuhören? Zwei Sprichwörter drängten sich mir auf.

Beim Check-In gegen 17 Uhr hatte ich das Gefühl, in ein wirklich authentisches Haus zu kommen, in dem sogar der Vorgänger des aktuellen Grand Duc – Jean – noch per Wandbild gewürdigt wurde. Und hatte ein langes Gespräch mit Anna Leoci, einer Italienerin, die das Hotel seit 30 Jahren mit ihrem französischen Mann Jean Sanchez leitet. „Ich gehöre hier schon zum alten Gemäuer“, sagte sie. Der Gastraum war grad belegt mit einem Bügeltisch, an dem sie die gewaschene Bettwäsche abarbeitete. Alles kurzzeitig etwas unaufgeräumt, weil in Corona-Zeiten eh wenig Gäste kommen.

So richtig in die Dokumentierfreude der Eindrücke per Foto begab ich mich aber erst abends nach der Rückkehr vom Termin.

Die Treppe hoch zu den drei Etagen mit den zehn Zimmern zu steigen, war durch die Holzvertäfelung und die sehr alte Tapete schon etwas Besonderes: Wie alt das Hotel wohl war, bevor Anna und Jean es 1990 als Pächter übernahmen?

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Im dritten Stock dieses bemerkenswerten Treppenhauses war ich dann unterm Dach bei Zimmer 10 angekommen:

Das sehr einfache Zimmer wirkte wie ein 70er-Jahre-Jugendzimmer, das so blieb, nachdem die Kinder flügge geworden sind. Die grellen Farben von Bettbezug und Kissen passten nicht zu denen der ungewöhnlichen Holzvertäfelung:

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Nach diesem ersten Mich-Hinein-Fühlen bin ich zurück zu meiner Abendveranstaltung, wegen derer ich übernachten musste und kam dann nachts zurück, mich jetzt in aller Ruhe in die Situation einfühlend, die mir Anna geschildert hatte. Das erste Sprichwort, dass sich aufdrängte, war: „Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende“. Corona hat dem Hotel das Genick gebrochen – erst war da noch Hoffnung, dann wurde klar, dass sie schliessen müssen, um nicht sämtliche Ersparnisse zu verlieren.

Sie sei von 7 bis 23 Uhr im Haus, erzählte Anna. Als im März der erste Lockdown kam, seien ihr erst „die Tränen gekommen“, später dann – und sie fasst sich ans Herz – „kam die Wut“. Die Regierung habe zwei Monate 1.200 EUR bezahlt, aber die Fixkosten lägen bei 8.000 EUR. Und die Aktion, 730.000 Hotelgutscheine zu verteilen sei ein Witz gewesen. Tourismusminister Lex Delles habe das als Erfolg dargestellt. Als ein Journalist nachfragte, wie viele eingelöst worden seien, habe er eingestehen müssen: Nur 67.000. Die meisten seien in den grünen Norden oder Osten gefahren, nicht in die Stadt.

Sie habe – „von Jetzt auf Gleich“ – 50.000 EUR ihrer (hart erarbeiteten) Ersparnisse verloren. Die „Hilfe“ der Regierung war also zu viel zum Sterben, aber zu wenig zum Überleben. Und der Vermieter sei ihnen keinen Cent entgegen gekommen. Sie habe einen Zusammenbruch erlebt, woraufhin ihr Mann sagte, dass jetzt Schluss sei. Heute sei man ja ganz gut belegt, aber in den nächsten Tagen gebe es nur 1 bis 3 Reservierungen, an manchen Tagen keine einzige. Und das solle man nun mit der zweiten Welle bis Februar oder März durchhalten?

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Auf der Terrasse im 2. Stock rauchte ich zwei Mal eine Zigarette.

Meine Sympathie bekam einen heftigen Schlag, als ich um 22.30 für die dritte Zigarette vor die Tür trat, um auch ein paar Fotos von aussen zu machen. Jean kam darüber zurück von einer Erledigung und blaffte mich an, dass die Tür nicht abgeschlossen sei. Auf meine Erklärung, ich sei doch nur kurz vor der Tür, hiess es, ich könne ja auf der Terrasse rauchen. Die Nerven liegen wohl blank. „C`est un peu exagéré! „, erwiderte ich.

Beim Frühstück – zu dem der Raum ab 7.30 Uhr frei von Bügelbrett etc. war – sprach mich Anna sofort darauf an, Jean entschuldigend: Es sei einfach zu viel… Sehr oft würden Hotelgäste die Tür nicht abschliessen und immer wieder seien dann Fremde hinein gekommen, vor allem Junkies von der nicht so weit entfernten Fixerstube Abrigado, um im Vorraum zu nächtigen… Es gab ein Glas Orangensaft, ein sehr leckeres Croissant und zwei Brötchen, dazu Honig, Marmelade und La vache qui rit in den klassischen Hotelportionen – und einen sehr guten Kaffee.

Mit mir frühstückten zwei Arbeiter in gelben Overalls sowie zwei junge italienische und französische Pärchen. Letzterem gab sie Tipps für eine kleine touristische Rundtour, dann führten wir unsere Unterhaltung fort und Anna erwähnte, dass das Restaurant schon lange geschlossen sei: Keine Spezialitäten aus Toulouse mehr… Das ging wohl schrittweise, betrachtet man die Speisekarte draussen genauer:

Anna war ganz pragmatisch: „Ich muss noch 5 Jahre arbeiten. Wenn wir zugemacht haben, werde ich von Tür zu Tür gehen, etwas suchen.“ Ob es ein Zurück gebe? Nein, nicht nach dieser Zeit.

Eine Woche später telefoniere ich noch einmal mit ihr. Sie sagt, sie habe sich jetzt – resigniert – damit abgefunden, sei nicht mehr wütend und arbeitet jetzt halt noch die letzten drei Wochen ab…

Zur Ehrenrettung von Minister Delles sei noch angemerkt, dass die Bon-Aktion für alle Bürger und Beschäftigte inklusive Grenzgänger (Erstattung von 50 Euro einer Übernachtung) nicht alleine eine Hilfsmassnahme im Umfeld der Corona-Krise, sondern Teil des touristischen Gesamtkonzepts gewesen sei, das eigene Land den Bürger/innen als Alternative zu Auslandsreisen und also nachhaltiges Ziel zu präsentieren – las ich zwei Tage später im Journal. Anna und Jean hätte auch das nichts geholfen: Kein Luxemburger würde in der höchstens 40 km entfernten Hauptstadt eine Vakanz machen, zudem das Solidaritätsgefühl schon derart gering ausgeprägt zu sein scheint, dass nur jede/r zehnte die Gelegenheit nutzte, mit einer preiswerten Übernachtung der gebeutelten Branche zu helfen.

Mich hat diese Geschichte so beeindruckt, dass ich für die Wochenzeitung Woxx eine Reportage geschrieben habe, in der ich auch die Schwierigkeiten dreier anderer Hotels beschreibe.

Adresse: 248 Route de Thionville, 2610 Howald, Luxemburg, Tel.: 00352-4821 69

Verwendete Quelle: Patrick Welter: Bon-Aktion war ein Erfolg, Lëtzebuerger Journal, 28. Oktober 2020

Hotel Chez Anna & Jean_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Hedwig_Edenkoben

„Jeder kennt ne Hedwig!“ – heisst es auf einer Postkarte dieses Cafes. Das mag sein, trifft nur auf mich nicht zu: Ich kannte aus der verstorbenen Verwandschaft nur eine Helene, eine Lore, eine Friedel und eine Gertrud – ähnlich veraltete Frauennamen. Ein Oma-Name für ein von jungen Leuten betriebenes Cafe? Es so zu benennen, ist wirklich eine An- und Aussage. Aber erst eine halbe Stunde, nachdem wir letzten Donnerstag unsere Flammkuchen getilgt hatten, verstand ich das wirklich höchst ungewöhnliche dieser Namensbenennung – aber dazu später.

Eigentlich war das Café für mich für diesen Blog deshalb ein Thema, weil wir hier vor zwei Jahren schon einmal waren – aber da hiess es „Kaffee Gut„. Die Kinder liebten die längste uns bekannte Tunnelrutsche hier in Edenkoben und wir kamen in den Herbstferien nur wegen ihr noch einmal per Zug und Rad an die Weinstrasse (naja, ich auch wegen der Wirtschaft Zum Ochsen nahebei). Und wie schon damals suchten wir danach ein Lokal zum Essen. Es war nach 14 Uhr, werktags, ausserhalb der Saison – und nur das „Cafe Hedwig“ war offen und bot warme Küche.

Wie schon 2018 wurde hier klar angezeigt: Dies ist das einzige dem Zeitgeist jüngerer Leute entsprechende Cafe in einem Ort mit ansonsten nur konventionellen Lokalen. An der Eingangstür mit einer metallenen Brezel erkannte mein Sohn, dass das früher eine Bäckerei war. Wie 2018 war der vordere Bereich eine Art Ausstellungsraum, in dem Kunsthandwerk und besondere Spezialitäten präsentiert wurden.

Auf einer anderen, hier ausliegenden Karten stand: „Hedwig. Tu was Du liebst. Frühstück. Kuchen. Limonade. Quiche. Salat.“ Wir setzten uns auf gelbe Sofas und waren froh, als eine der zwei netten Inhaberinnen uns sagte, dass es durchaus noch warmes, salziges zu essen gibt. Als erstes bestellten wir einen Espresso und eine Apfelschorle und Johann schnappte sich die Kamera, nachdem ich erste Detailfotos gemacht hatte. Schön! Endlich bin ich auch mal wieder in einem Blog sichtbar.

Wir bestellten uns zwei Flammkuchen: Elsässer Art und griechisch mit Feta und Pepperoni. Letzteres bemerkenswert im Hinblick auf die Inhaberinnen Filiz Mutlu und Karabay Pinar, die sich als türkischstämmige Schwestern aus Izmir entpuppten. Mir waren die im Vorraum präsentierten Olivenöl-Flaschen aufgefallen, neben denen lobpreisende Flyer lagen: Produkte aus dem kurdischen Batman, einem Ort, durch den ich 1992 einmal durchgefahren war. Das Angebot an Wurstaufschnitt zum Früh- oder Spätstück wies neben Chorizo auch Sucuk auf und man bekommt hier auch einen türkischen Mokka.

Auf Nachfrage wurde mir erzählt, dass sie das Lokal im Juli eröffnet hat, übernommen von der Nachfolgerin der Inhaberin, die wir 2018 kennen gelernt hatten. Diese sei schwanger geworden und habe das Cafe Gut aufgegeben. Eine andere Frau, Dorothea Schläfke, habe im April 2019 übernommen. Dann kam Covid-19 und der Lockdown (inmitten dessen auch Frau Schläfke schwanger wurde).

Wenn es mir auch so vorkam, als habe sich nicht viel verändert, jedenfalls nicht stilistisch, betonte eine der Schwestern, dass sie durchaus einiges an der Möblierung verändert haben. Die Bücherecke im hinteren, etwas abgesetzten Bereich haben sie kaum verändert. Auch die Theke wirkte trotz der Verschiebung der Vitrine wie damals. Mir gefielen die Sprüche auf Schiefertafeln. Und die Kuchen sahen sehr lecker aus, aber wir waren leider satt vom Flammkuchen.

Nur der Samowar, der Mokka und ein Artikel der Lokalzeitung verwiesen – wenn man denn aufmerksam ist – neben der Sucuk darauf, dass die – im positiven Sinne – offenbar sehr deutsch sozialisierten Inhaberinnen einen türkischen „Hintergrund“ haben, den sie völlig unauffällig hinter dem Schild „Hedwig“ versteckt, verbirgt oder einfach ignoriert. Statt das Lokal „Cafe Ayla“ oder so zu nennen. Aber ich hätte es ahnen können, als eine Kellnerin meinem Sohn sagte: „Wenn Du fertig gegessen hast, kommst du zu mir – dann kriegst Du noch was Süsses“. Das klang – pardon – nicht sehr deutsch…

Viel Glück, Ihr werdet es gebacken kriegen!

Adresse: Rhodterstrasse 1, 67480 Edenkoben, Tel.: 06323-9350768, info@cafehedwig.de, Homepage

Café Hedwig_Edenkoben ⓒ Ekkehart Schmidt

Zum Ochsen_Ladenburg

Tack, tack, tack machte es letzten Samstag, als wir erstmals durch Ladenburg radelten, einem historischen nordbadischen Örtchen am Neckar, von dem ich neben alten Stadttoren wenig erwartete. Dann aber ging es in der Hauptstrasse Schlag auf Schlag: „Goldener Hirsch“, „Zum Goldenen Löwen“, „Zur Goldenen Krone“, „Gasthaus Zum Ochsen“, „Gasthaus Zum Schwan“.

Aber nicht nur das: Am Ochsen hing ein Schild, das behauptete, hier sei das Stammlokal von Carl Benz gewesen. Mein Bruder, den wir bei diesem kleinen Trip besuchten, erzählte und bestätigte, dass der Erfinder des Automobils hier (und nicht etwa in Cannstadt bei Stuttgart) gelebt (ab 1906) und getüftelt hat und dass Bertha Benz eine ihrer legendären Fahrten (wenn auch nicht die erste) mit einem die Kutsche ersetzenden „Wagen ohne Pferde“ fuhr. Oder wie die BILD im Mai schrieb: „Mannheim und Cannstatt sind die Geburtsstätten des Automobils, aber Ladenburg ist die Kinderstube. Hier baute 1910 Carl Benz (1844 – 1929) neben sein Wohnhaus und in Nähe seiner Fabrik die erste Auto-Garage der Welt.“

Aber bevor ich auf den Bezug des Erfinders zu diesem Städtchen eingehe (ohne zu wissen, ob es stimmt, dass er hier gerne gegessen und getrunken hat, oder ob das nur geschicktes Marketing ist), möchte ich auf den Namen des Lokals eingehen: Früher sind Häuser v.a. im badischen Raum gern markiert worden, mit Symbolen – sogenannten Hausmarken, später bekamen sie Bilder (die „Hauszeichen“), bevor sie in einigen Gegenden Namen bekamen. So habe es in Freiburg 1516 ein Gesetz gegeben, nach dem jedes Haus einen Namen haben müsse, der zur Straße hin gut sichtbar sei. Die ersten Hausnamen seien aber um 1150 in Köln aufgetaucht, so Namensforscher Konrad Kunze.

Anderswo mussten die Häuser Nummern haben. Außer bei Apotheken und Gasthäusern seien die Hausnamen aber mittlerweile in Vergessenheit geraten. Gasthäuser hätten schon bei den alten Römern Namen gehabt, doch das sei in Mitteleuropa nicht weitergeführt worden. Nicht zuletzt, weil es hier im Mittelalter kaum Gasthäuser gegeben habe. Die einzigen Reisenden seien damals Pilger gewesen – und die nächtigten zumeist in Klöstern. Folgerichtig bekamen später die ersten Gasthäuser auch Namen, die auf biblische Legenden zurückgehen. Wie zum Beispiel auf den „Raben“, der den biblischen Propheten Elias in seiner Verbannung mit Brot und Fleisch versorgt habe.

Doch nicht immer stimme die These des biblischen Ursprungs, meint Kunze. So sei die Meinung weit verbreitet, dass die gängigen Namen „Adler“, „Engel“, „Löwen“ und „Ochsen“ auf die Symbolzeichen der vier Evangelisten zurückgehe. Doch er habe hier Zweifel. So seien die Namen deutschlandweit sehr ungleichmäßig verbreitet. Den Ochsen gebe es zum Beispiel nur in Baden-Württemberg und der Schweiz, während der Löwe weit verbreitet sei. Zudem sei ihm nicht einleuchtend, wie aus dem Zeichen des Lukas, dem Stier, nun der Ochsen geworden sei. Kunze zufolge sind die meisten Gasthausnamen wohl schlicht und einfach aus den ehemaligen Hausnamen entstanden. Je nach Dialekt und Region hieß ein Gasthaus dann „Hirsch“, „Hirschen“ oder „Zum Hirschen“ (oder, wie einige Meter weiter hier: „Goldener Hirsch“):

Letzten Samstag haben wir woanders gegessen, aber als mein Sohn den Wunsch äusserte, in der letzten Woche der Herbstferien einen Ausflug in einen anderen Ort in der Nähe zu unternehmen, ging ich gerne drauf ein – um hier heute ein zweites Mal vorbei zu kommen und mit ihm dort zu essen. Neben dem Ochsen hatte mich auch die zwischendurch gelesene Info neugierig gemacht, Ladenburg sei die „älteste Stadt Deutschlands rechts des Rhein“. So lassen sich die Wünsche von Vater und Sohn doch gut verbinden. Und Hunger hatten wir auch nach einer Stunde am Skaterpark mit „Pump Track“):

Die Gaststube wirkte, als hätte man es mit einem sehr gut gehenden Lokal zu tun, in dem über die Jahre und Jahrzehnte viel saniert und die Einrichtung entsprechend der (vermeintlichen) Wünsche der Kundschaft perfektioniert worden ist. Es wurde nicht „kaputtsaniert“, aber doch die Original-Einrichtung stark verändert.

Die Kellnerin wies uns einen Tisch im (ebenso grossen) Nebenraum, der so genannten Carl-Benz-Stube. Ehe ich meinem Sohn die historischen Fotos zeigen konnte, entdeckten wir ein Modell eines Ochsen und ein Kühlfach mit Fleisch – was perfekt zum Buch „Die kleine Hexe“ passte, das ich gerade vorlas. In einer Episode des 1957 erschienenen Buchs von Otfried Preusssler ist vom Gasthof „Zum doppelten Ochsen“ und dem Ochsen Korbinian die Rede, der dann davor gerettet wird, beim Schützenfest verspeist zu werden. So fügt sich manchmal eins zum anderen…

Ich bestellte das am Eingang empfohlene Fischfilet mit Suppe vorab, mein Sohn den Schnitzel-Kinderteller „Biene Maja“ – beides wurde von der netten Bedienung in riesigen Portionen sehr schnell geliefert, so dass ich wegen der Rückfahrt mit dem Zug um 13.56 Uhr nicht in Stress geriet. Aber es war sehr fettlastig und ich fühlte mich noch Stunden später pappensatt von dieser Art so genannt „gutbürgerlicher“ Speise, bei der das Fleisch zwar „bio“ zu sein schien (ein Aufsteller am Eingang behauptete das), aber vom Küchenchef und Inhaber Heinz Jäger, seines Zeichens ausgebildeter Metzger, doch sehr konventionell zubereitet war. Aber ich will mich nicht beschweren: Das Essen kostete mit grosser Apfelschorle und Espresso nur 19,60 Euro.

Der in Mühlburg geborene Autoerfinder lebte ab 1898 in Ladenburg. Wieso Carl Benz hier gerne speiste, hat mit seinem Rückzug aus der 1899 in eine Aktiengesellschaft umgewandelte Benz & Cie. Rheinische Gasmotorenfabrik (Benz & Cie. AG) zu tun: Trotz des riesigen Erfolgs – um 1900 war sie die größte Automobilfabrik der Welt – zog sich Benz 1903 nach einem Patentstreit mit Gottlieb Daimler verärgert aus dem Unternehmen zurück und gründete 1906 mit seinen Söhnen in Ladenburg das Unternehmen Carl Benz Söhne, das sich auf den Fahrzeugbau spezialisierte und in dessen ehemaligen Räumlichkeiten heute das Automuseum Dr. Carl Benz zu finden ist. Er starb übrigens auch hier.

Möglicherweise nach vielen Schnitzeln im „Ochsen“. Er soll auch dem Rotwein von der Bergstraße nicht abgeneigt gewesen sein. Das wäre eine der bleibenden Fragen: Was wurde damals eigentlich aufgetischt? Und was haben Helmut Kohl und Franz Beckenbauer hier gespeist, die zumindest einmal bei der Familie Jäger zu Besuch waren?

Adresse: Hauptstraße 28, 68526 Ladenburg, Tel.: (06203) 14828, Homepage

Verwendete Quellen: Schöneberg, Mario: Von Engeln, Löwen und Ochsen. Gasthäuser und ihre Namen, Badische Zeitung, 28. 10.2008; Sturm, Axel: Carl Benz wäre am Montag 175 Jahre alt geworden, Rhein-Neckar-Zeitung, 25.11.2019

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Zum Ochsen_Ladenburg ⓒ Ekkehart Schmidt