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Plastifizierte Todesanzeigen_Padua

In den Ländern am nördlichen Ufer des Mittelmeers, aber auch im Iran ist es üblich, Fotos der Toten auf Grabmälern zu befestigen. In Ägypten hat man Bildnisse schon vor 5000 Jahren auf Särge gemalt, zunächst in nicht individualisiertem Stil, bei den Kopten später auch mit lebensechten Köpfen. In Luxemburg zeigen Todesanzeigen in Zeitungen ebenfalls Gesichter. Nur in Deutschland ist ein/e Tote/r gesichtslos.

Für uns wirkt das offenbar befremdlich. Man will dem Tod nicht ins Auge sehen, er ist tabuisiert. Wir sollen lebensfroh konsumieren, solange wir können und nicht an das Sterben denken. Oder auch: Konsum als Flucht vor der Todesgewissheit in einer zunehmend areligiösen Gesellschaft, die nicht mehr an ein Leben nach dem Tod glaubt.

Der Todesschrecken zu Beginn der Corona-Pandemie in Norditalien ist in Padua weitestgehend überstanden. Die entsprechenden Bilder gestapelter Särge noch vor Augen, bemerkte ich plastifizierte Todesanzeigen kürzlich gestorbener Menschen, die an Schildern befestigt waren. Zunächst fand ich das als Deutscher wieder befremdlich.

Als ich am Dom jedoch zwei Damen an einer Anzeige beobachtete und es offensichtlich wurde, dass beide die Verstorbene kannten, und sich über ihren Tod und ihr Leben unterhielten, verstand ich die soziale Funktion dieser Aushänge.

Ich fand diese plastifizierten A4-Blätter nur am Domplatz und rund um die Antonius-Basilika. Wahrscheinlich weil ein Todesgedenken oder Fürbitte-Gottesdienst in den jeweiligen Kirchen angekündigt wird (mein Italienisch ist ebenso dünn, wie meine Kenntnis katholischer Rituale). In einem Online-Lexikon finde ich die Begriffe l’annuncio, la necrologia und partecipazione funebre.

Wie anonym ein Sterben auch gewesen sein mag – hier wird die Person ein letztes Mal öffentlich sichtbar. Ein memento mori auch, wenngleich die Pandemie hier noch lange nicht vergessen und vorbei ist. Vergleichbares hätte ich den unzähligen Toten in deutschen Pflege- und Altersheimen gewünscht, die durch völlig unsinnig-überzogene Restriktionen noch nicht einmal von den eigenen Verwandten besucht werden durften, in schrecklicher Einsamkeit starben – und anonym blieben.

Plastifizierte Todesanzeigen_Padua © Ekkehart Schmidt

Versuch über einen Raben in Padua

In Venedig seien die meisten Museen noch geschlossen gewesen, sagte mir heute ein Touristenpaar beim Frühstück in der „Casa del pellegrino“. 50 Kilometer landeinwärts in Padua ist dagegen diesbezüglich schon die Post-Corona-Zeit angebrochen: Alles ist offen, man geniesst die Rückkehr der Freiheit, auch nebenan in der Basilika des Heiligen Antonius. Bei Venedig musste ich jetzt an die Karnevalsmasken denken, die aus Schutzmasken in Zeiten der Pest entstanden sind und in der Form an Rabenschnäbel erinnerten. Der Rabe als Todesbote.

In der zweiten meiner bisher vier Übernachtungen in desem ehemals luxuriösten Hotel von Padua, in dem schon Kaiser, Könige und der unvermeidliche Goethe übernachten haben, ehe es 1950 saniert und zum Pilgerhotel gemacht wurde, hatte ich auch eine Begegnung mit einem Raben. Eine von der merkwürdigen Art.

Von meinem Fenster aus schaue ich auf ein leerstehendes Gebäude mit einem sehr schönen alten Fenster. Genauer gesagt: Ich schaue durch das Fenster und einen Raum mit einer uralten Lampe auf ein rückseitiges Fenster mit gelbem Milchglas und durch dieses hindurch in einen Innenhof mit einem Baum.

Abends schaute ich einmal pro Stunde zu einer Zigarette. Und plötzlich sah ich ihn Montag-Abend im Innenraum flanierend. Dort scheint ein Tisch zu stehen, den der Rabe hin und her abschritt, mich keines Blickes würdigend, aber offenbar in Gedanken vertieft.

Natürlich musste ich sofort an einen Song von Alan Parsons Project aus dem Album „Tales of Mystery and Imagination“ denken: „The Raven„. Mit 17 habe ich das hoch und runter gehört. Besonders beeindruckte mich die Textstelle, in der der Gruseldichter Edgar Allan Poe zitiert wird: „Thus quoth the raven, … nevermore“. So sprach der Rabe. Auch zu mir.

Er erzählte mir davon, wie wir Menschen den Planeten zerstören, unfähig, sofort unser Konsumverhalten grundlegend zu ändern, und dass dann aber – nach unserem Untergang – die verbleibenden Tiere unser Terrain einfach für sich nutzen werden. Was auch immer sie damit anfangen. Hier könnten auch Fledermaus- und Rattenkolonien gut leben.

Es gelang mir nicht, herauszufinden, was für ein Gebäude das einmal war. Der Mann an der Rezeption meinte, es sei ein militärisch genutztes Gebäude gewesen. Zum Schutz der Pilger zum Grab des Heiligen Antonius? Vorne sind alle Türen geschlossen. Auf Luftaufnahmen von 1989 wirkt es – betrachtet man den gepflegten Hof in der Bildmitte – noch genutzt. Bei Google-Earth heute, ist der Innenhof dagegen völlig grün und zugewachsen.

Dem Raben wird das egal sein. Er ist allerdings nicht wieder durch mein Blickfeld gelaufen. Stattdessen höre ich ununterbrochen die Schwalben. Vögel, zu denen der Mensch ein nicht derart von Misstrauen geprägtes Verhältnis hat. Vielleicht, weil Raben sehr intelligent sind – weit über das kluge Instinktleben beispielsweise der Schwalben hinaus.

Versuch über einen Raben in Padua © Ekkehart Schmidt

Erscheinung auf der Piazza delle Erbe_Padova

Mit Patti Smith und Max Picard liess ich eben den zweiten Abend in Padua ausklingen – auf der Terrasse der Bar Nazionale im Schatten der tiefstehenden Sonne über der Piazza delle Erbe. Wegen eines weisshaarigen Alten und einer schwarzhaarigen Jungen wird dies mein erster Blog aus Italien seit 2015.

Max Picard empfand den imposanten Palazzo della Ragione, das alte Gerichtsgebäude, unter den sich die Bar duckt, 1949 „wie ein grosses, trächtiges Tier“, das breit an der Piazza liegt. „Es ist, als hätte es selber die Häuser von sich weg an den Rand gedrückt. Überall in der Stadt sind mächtige Paläste, aber bei allen denkt man an das grosse mächtige Tier in der Mitte der Stadt, alle sind wie aus ihm herausgekrochen“. Nach meinem morgendlichen Besuch zur Marktzeit, blieb mir der Gedanke im Kopf. Wegen der drei Märkte rundum und den Spezialitätenläden im Inneren, empfand ich ihn eher als Herz der Stadt.

Patti Smith reflektierte 2016 über eine Zeile im Titelsong der Verfilmung von „Alice im Wunderland“, gesungen von Johnny Depp in der Rolle des Hutmachers: „Wollen wir ein bisschen sterben?, sang er mit ausgebreiteten Armen, als wollte er alle umfassen (…) Die Frage von Johnnys Hutmacher hat mich seitdem immer wieder beschäftigt – Wollen wir ein bisschen sterben? Was könnte er damit gemeint haben? eine zweifellos herrliche Verrücktheit oder irgendein homöopathischer Zauber, ein kleiner Tod, der gegen die Schrecken des grösseren immun machte“.

Bei meinem abendlichen Besuch des jetzt leeren Platzes, sah ich ihn zwei Minuten nach dieser Lektüre: Eine Freiheitsstatue der Post-Corona-Zeit, ohne Mundschutz, die Haare im hellen Licht, an einem Brunnen stehend. Endlich ist das alles vorbei.

Un uomo! Ein alter, weiser Punk? Ich war froh, ihn aus 30 Meter Entfernung mit lichtdurchflutetem Haar und Zigarettenqualm getroffen zu haben. Dann bemerkte ich, dass eine junge schwarzhaarige Frau am Nachbartisch offenbar der Ausrichtung meines Zooms gefolgt war und jetzt per Smartphone ebenfalls versuchte, ihn abzulichten. Sie schien enttäuscht, also bin ich zu ihr hin und zeigte ihr das letzte Photo bzw. den Ausschnitt. Sie fragte, ob sie es haben könne. Also bot ich an, es ihr zu mailen. Sie gab mir ihre Adresse – „Ciao“ und „Grazie“.

Der Sid Vicious-Doppelgänger war dann aber so plötzlich verschwunden, wie er sich für eine Zigarettenlänge an diesen Stein gestellt hatte – dabei in meiner Wahrnehmung zu einem ephemeren Denkmal für den Lauf der Dinge werdend. Ein „memento mori“ auch durch das Vorbeilaufen dreier Mädels: er wirkt fast doppelt so alt wie die Ragazza zusammen.

Da ich Lust bekam, das Erlebnis dieser Erscheinung ausführlicher zu schildern, bekam sie gleich den Link zu diesem Blog. Am nächsten Tag schaute ich mir den Brunnen genauer an: Er wird während der Marktzeit rege genutzt, eine Jahreszahl ist unter einem Kreuz eingraviert: XIV. Also über tausend Jahre alt. Was der schon alles gesehen hat? Vor Corona die Pest…

Zitierte Literatur: Max Picard: Nach Santa Fosca. Tagebuch aus Italien. Reisen um glücklich zu sein, München 1989, S. 40; Patti Smith: Im Jahr des Affen, Köln 2020, S. 100f;

Erscheinung auf der Piazza delle Erbe_Padova © Ekkehart Schmidt

Hüttenschänke_Völklingen

Seit Ende des 19. Jahrhunderts, vor allem aber in den 1950er- bis 1980er Jahren, in der Hoch-Zeit der Völklinger Hütte, hatten auch die Gaststätten der Stadt Hochkunjunktur. Es gibt legendäre Geschichten von Doppelreihen Biergläsern und Mettfleisch-Schnitten, die zum Schichtende in Dutzenden Kneipen an den Torhäusern auf Tausende von Arbeitern warteten, die gleichzeitig ihren Durst stillen wollten. Das ist sehr lange vorbei. Durch den Bau des Globus am Bahnhof und des „Woolworth“ sind viele abgerissen worden, andere wurden umgewandelt oder verschwanden komplett aus dem Stadtbild. Aber es lassen sich noch drei bis vier Spuren finden.

Ich habe mir die Mühe gemacht, an den wichtigsten diesbezüglich relevanten Ecken anhand alter Postkarten und Fotos in die Tiefe zu bohren, um Kneipenkontinuitäten zu finden. Das war schwierig. Ich versuche dennoch eine Auflistung:

Direkt im Bahnhof bestand mindestens seit dem 1. Weltkrieg eine grosse Gaststätte, die in der Stahlkrise geschlossen wurde. Es entstand ein neuer Bahnhof mit einer Imbisswirtschaft. 1998 erwachte der Vorgängerbau nach aufwändiger Sanierung als Kulturort namens „Alter Bahnhof“ und „Café 11 3/4“ nebst Touristen-Info wieder zu neuem Leben, schloss aber nach etwa einem Jahrzehnt auch wieder. Gegenüber stand ein legendärer Imbiss, an dem vorbei die per Zug kommenden Arbeiter durch die Unterführung zur Hütte liefen. Die für März 2020 geplante Neueröffnung fiel Corona zum Opfer.

Wer nicht per Bahn oder Privatauto zur Arbeit kam, lief durch die Stadt zu seinem Torhaus oder wurde als Auswärtiger per Bus dorthin gefahren. Entlang dieser Wege entwickelte sich eine bunte Kneipenlandschaft. Bürgerliche Kneipen gab es freilich auch – und Hotels mit Kneipen im Erdgeschoss.

Bekannte Namen waren in der Rathausstrasse (vormals Wilhelmstrasse) bis in die 1980er-Jahre in Bahnhofsnähe das „Volkscafé“ und der „Park Express“. In der ebenfalls zum Bahnhof führenden Poststrasse gab es um 1900 in Nr. 10 das „Gasthaus Willenbrock/ Wack“ (später „Kliehan“). In Nr. 2 zog nach den Abrissen 1986 „Beim Helen“ in ein ehedem anders benanntes Lokal um, als einzige – neben der mindestens 60 Jahre alten Pferdemetzgerei und Kneipe „Zum Niebes“ und „Serhad Toprak“ – in der Strasse verbliebene Kneipe.

In der schon etwas von der Hütte entfernten Karl-Janssen-Strasse (ehedem Luisenstrasse, dann Friedrichstrasse) bestand laut Foto von 1897 an der Ecke zur Kühlweinstrasse das „Gasthaus Alter Fritz“, 1897-1948 das „Gasthaus Schwarz“ (später „Gasthaus von Franz Ritter“), 1907 fand sich hier das „Restaurant Kaiserhof“, 1908 das „Gasthaus Sauer“ (später „Frankfurter Hof“), 1915 das „Gasthaus und Bäckerei Johann Herber“

In der Bismarckstrasse, die im Stadtinnern ebenfalls stark verändert wurde, muss man schon eine Weile gen Norden stadtauswärts fahren, ehe man entlang des ut einen Kilometer langen Werksgebäudes auf Kneipen trifft. 1930 gab es hier noch das „Hotel Kirner Braustübel“, in Nr. 63 etwa 1920 das „Gasthaus Zum Kaisersaal“ und daneben das „Gasthaus Jungfleisch“.

Am 2. Mai bin ich dann bis zum Ende der Strasse nordwärts geradelt und fand in Nr. 122 die „Hüttenschänke“ und machte im Glauben, dass ich mehr nicht würde herausfinden können, als dass das Lokal prinzipiell noch überlebt hat, ein paar Fotos:

Sehr schön: „Kriese“ und diese blauen Wäscheleinengardinen mit Spiegelung des Parkplatzes vor dem Torhaus der Hütte (worauf noch zurückzukommen sein wird).

Weiter gings: In Nr. 138 gegenüber von Torhaus 4 entdeckte ich das seit nur coronabedingt geschlossen wirkende, aber etwa seit 18 Jahren geschlossene Lokal „Weisses Rössel“ und in Nr. 178 das Lokal „Ur-Knall“. Dann bog ich rechterhand in die Dieselstrasse ein, entdeckte die nur in Corona-Zeiten geschlossene „Donner-Quelle“ und radelte dann parallel zur Bismarckstrasse im Inneren des Ortes durch die südwärts zurück in die Stadt führende Hofstattstrasse. An der Ecke Beethovenstrasse hatte auch „Rottmann`s Eck“ überlebt. Dann entdeckte ich, dass sowohl das „Weisse Rössel“ wie auch die „Huttenschänke“ nach hinten hin zur Hofstattstrasse einen zweiten Eingang mit Terrasse hatten. Warum, lernte ich erst durch das Glück eines sich ergebenden Gesprächs mit der perfekten Auskunftsperson.

In einem etwas unbeholfenen Gesprächsauftakt, mich beim unerlaubten Fotografieren erwischt fühlend, fragte ich nach der Schreibweise des Lokals, weil es in Saarbrücken-Burbach noch die HüttenschEnke gibt. Nein, es heisse HüttenschÄnke – „Mit Ä, weil wir nichts zu verschenken haben“, sagte mir Dieter Baldauf, obwohl das „wir“, das auch seine Frau Helga Fehrentz umfasst, nicht mehr zutraf: der 62jährige Gastwirt ist in Pension gegangen.

Im Oktober 2019 hat mit Lisa Oğuz eine neue Pächterin übernommen. Aber den sicher schon hunderte Mal gebrachten Kalauer hatte er noch drauf, als wäre er noch der Chef. Dabei wohnte er jetzt nur noch über dem Lokal, das seine Familie fast 60 Jahre betrieben hat – erst seine Eltern, dann drei andere Pächter, bis er vom 1, Oktober 2000 bis zum 1. Oktober 2019 übernahm. Aber so leicht lässt einen das nicht los: In Corona-Zeiten war ihm aufgefallen, dass ich das Äussere des Lokals fotografierte – und trat auf den Balkon – sich halt noch zuständig fühlend.

Mich hatte der Schriftzug angezogen, von dem ich dann hörte, dass ihn Vater Baldauf eigenhändig 1960 aufgemalt hat, vier Jahre vor meiner Geburt, der ich auch schon etwas ausgeblichen aussehe:

Wir hatten ein sehr nettes, langes Gespräch, das mich dafür entschädigte, mir das Innere nicht anschauen zu können. Bis auf die Raucherecke, in der FCB- und BVB-Schals wunderbar einträchtig beieinander hängen, obwohl das als Widerspruch in sich eigentlich nicht geht: Entweder oder. Aber vielleicht ein Zeichen, dass man hier bereit ist, trotz solch unterschiedlicher Zugehöriggkeitsgefühle gemeinsam sein Bier zu trinken.

Wie alt das Lokal ist, konnte mir Dieter Baldauf genau sagen. Vor Ort bestand zwar schon seit Ende des 19. Jahrhunderts ein später abgerissenes zweistöckiges Gebäude, aber ohne Gastwirtschaft. Die entstand erst 1960 in einem Neubau von 1958. Damit scheint es – mit dem Lokal „Zum Niebes“ zu den ältesten Völklinger Kneipen zu zählen, die ununterbrochen als solche bewirtschaftet werden.

Die ursprüngliche misstrauische Skepsis ablegend, erzählte er mir von dem grossen Wandel ab 1986, als die Völklinger Hütte in ihrer alten Form und Bedeutung endgültig Geschichte wurde, wenngleich die historischen Hochöfen weit weg stehen und es hier eigentlich ununterbrochen weiter ging. Aber es änderte sich die Kundschaft, ihre Bedürfnisse und soziale Stellung. Aus der wohnung holt er einen Artikel der Saarbrücker Zeitung von 2015, in dem er als Urgestein der Völklinger Kneipenszene beschrieben wird und wo er aus alten Zeiten zitiert wird: „Da war jedes Mal zu Schichtwechsel an der Theke die Hölle los“.

Mir erklärt er, warum das Lokal einen hinteren Bereich hat: Die Busse mit Stahlarbeitern kamen (unter anderem) morgens um 6 Uhr auf der Rückseite des Lokals an. Wahrscheinlich fuhren sie nach Ende der abgelösten Schicht nicht leer zurück. Ich nehme an, es gab bei drei Schichtwechseln je zwei Mal Hochbetrieb in der Hüttenschänke. „Wir hatten dann schon unsere Mettschnittcher vorbereitet“, erzählt er zur Frühschicht. Aber das sei vorbei: „Damals haben bei Saarstahl 25.000 Leute geschafft, heute noch 2.500“ – und das seien kaum noch Arbeiter, eher Angestellte, die am Computer sitzen. „Den legendären Hüttenmann gibt es nicht mehr, dort arbeiten Fachleute in hochmodernen Anlagen.“ Und die meisten Stammgäste seien auch weder auswärtige Arbeiter, noch Bewohner der angrenzenden Straßen, sondern Stammkunden auch aus entfernteren Teilen der Stadt. Alte Freundschaften, die dem Lokal beim Übergang in eine andere Zeit halfen.

Ein riesiges Gemälde der Hütte – ähnlich dem Schild am Vorderhaus rauchende Schlote zeigend – hängt an der Stirnwand des Lokals. Ein Werk des Kunstmalers Alfred Schneider, der es 1961 vom Original abgemalt habe, sagte er der Saarbrücker Zeitung. Ein anderes Gemälde der Industriemalerin Ria Picco-Rückert und viele Arbeitsgeräte der früheren Hüttenarbeiter hängen an den Wänden.

Dann kam die Agenda 2010 und die Spaltung der früheren Arbeiterpartei SPD, sehr schön beschrieben 2009 in der taz anhand der Brüder Norbert und Klaus Degen, die für den Ortstermin mit dem Berliner Journalisten W. Schmidt die „Hüttenschänke“ als Ort wählten.

Und jetzt der Corona-Lockdown: „Ich bin im Nachhinein heilfroh, dass ich das Lokal rechtzeitig übergeben habe. Die neuen Pächter sitzen auf heissen Kohlen, warten auf die Neueröffnung. Aber wie soll das gehen, mit Abstand?“ Es dauerte dann gar nicht mehr so lange, wie befürchtet. Die „Hüttenschänke“ hat wohl vor drei Wochen wieder öffnen können. Aber ich nehme an, dass das Lokal drinnen noch gesperrt ist – ob Gäste von der Hauptstrasse nach hinten zur Terrasse durchgehen wollen und dürfen?

Ich wollte die neue Pächterin Lisa Oğuz (offenbar eine mit einem türkischstämmigen Mann verheiratete Frau), diese Woche anrufen – Dieter Baldauf mailte mir aber, dass sie zum 1. Juni wegen der Corona-Betriebsverbote das Handtuch geschmissen habe. Es gebe aber am 3. Juli eine Wiedereröffnung mit neuer Pächterin – einen Termin, den ich mir gleich in den Kalender schreibe.

Adresse: Bismarckstr. 122, 66333 Völklingen, Tel.: 06898-298501

Verwendete Quellen: Howest-Uthemann, Sigrid (Hg. im Auftrag des Heimatkundlichen Vereins Warndt e.V.): Völklingen und seine Stadtteile. Vom Dorf zur Mittelstadt. Eine Sammlung historischer Fotos, Merzig/ Völklingen ca. 1990, S. 40f, 94, 99; Kück, Jürgen: Ein paar Störungen stören seine Laune nicht, Saarbrücker Zeitung, 10. August 2015; Lang, Andreas: Zwei Völklinger Wirtsleute sagen jetzt Adieu. In der Hüttenschänke steht zum Monatsende ein Betreiberwechsel an, Saarbrücker Zeitung, 29. September 2019; Schmidt, W.: SPD und Linke im Saarland: Die ungleichen Brüder, taz 18.08.2009.

Hüttenschänke_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg

Als Undercover-Blogger gerate ich manchmal in Situationen, durch die ich einfach durch muss. Im April 2019 hatte ich erstmals im Leben Kaninchen zu essen. Gut: Ich hätte mich bei einem Tagesgericht ohne Alternative auch einfach umdrehen und woanders hingehen können. Aber dieses Lokal, das vorne eine Bäckerei-Konditorei und hinten eine Mittagskantine für Portugies*innen ist, in das mich eine Arbeitskollegin etwa 2015 erstmals ausgeführte hatte und deren Inneneinrichtung  ich 2016 zu dokumentieren begann, war saniert worden. Ich hatte das zufällig bemerkt, beim Mittagessen heimlich fotografiert und wollte damit weiter machen. Kaninchen also: „Bom Apetit!“

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Sonst gab es ganz hinten an einer garküchenähnlichen Theke nahe der Küche bei der Köchin immer die Wahl zwischen Fisch mit Reis und Kartoffeln sowie einem ähnlichen Gericht typisch portugiesischer Hausmannskost. Dieses Mal nicht. Was da präsentiert wurde, sah lecker aus: Wirsing, Kartoffeln und knusprig gebratenes Fleisch. „C’est du lapin“ warnte mich die Köchin, aber ich sagte trotzdem gleich ja. Wenn ich sechs Tage die Woche bio und weitestgehend vegetarisch esse, dann kann ich einmal die Woche auch ein konventionelles Fleischgericht essen. Vor allem, weil ich mir vorstelle, dass die Luxemburger Portugiesen für ihre Zutaten eher eigene Quellen nutzen und nicht ausschließlich preisbewusst agroindustrielle Massenware einkaufen.

Dann blieb der Blogtext liegen – bis ich nach dem Corona-Lockdown heute noch einmal vorbei kam und feststellen musste: Es ist geschlossen, es wird umgebaut und aus dem Restaurant wird ein Primavera-Einkaufsmarkt. Dieser Text und die Fotos sind also die Dokumentation von etwas, das es nicht mehr gibt.

Aber ich fange vielleicht besser nochmal vorne an: Bei der Boulangerie-Patisserie. Der Gast betritt eine typische Bäckerei mit drei Stehtischen linkerhand. Es gibt portugiesisches Weißbrot, Croissants, aber auch Pastel de Nata – Blätterteigtörtchen mit Pudding.

Primavera (c) Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Hinter der Bäckerei ging es aber weiter, es öffnete sich eine Gaststube mit einem Dutzend Tischen und dann – nach einem Durchgang – noch ein wekterer Raum mit der beschriebenen garküchenähnlichen Theke. Im Zwischenbereich sah es im April/ Mai 2016 so aus:

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Dass sich hier hinter der Fassade von einer der acht Bäckereien in einem Radius von 300 Metern rund um die Place de la gare  ein mit 9,50 Euro durchaus preiswerter Mittagstisch mit Getränk und Nachspeise (oder Kaffee von der Brasilia Kaffeemaschine) verbarg, wussten wohl wenige der im Viertel arbeitenden Leute. Jedenfalls sind geschätzte 80 Prozent der Gäste portugalstämmige Migrant*innen. Sieht man einmal von den fünf Bäckereien ab, die nur Filialen von Ketten sind (Fischer, Oberweis, Paul und Brioche Dorée) haben die anderen drei als lokale Familienbetriebe meist eine sehr interessante Geschichte (neben Primavera auch Hoffmann, Kathy’s Deli und Cupcakery und die Boulangerie logique).

Die Geschichte des Familienbetriebs Primavera wird auf der Homepage stolz und ausführlich dargestellt: Im Alter von 15 Jahren war der spätere Gründer und langjährige „patron“, Manuel Rui Fernandes, als Kind einer portugiesischen Kaufmannsfamilie nach Luxemburg gekommen. Schon im Alter von 16 Jahren übernahm er Verantwortung. Nach dem Militärdienst in Portugal lernt er mit 21 seine Frau kennen, die wie er aus aus Figueira da Foz stammt. Ein Jahr später heiraten sie. Sie besaß in der rue Joseph Junck eine Epicerie namens „Primavera“ („Frühling“ auf Portugiesisch). Sie behielten den Namen bei und machten sich gemeinsam mit aller Energie und ihrem Wissen daran, daraus einen Supermarkt zu machen.

1978  verwandeln sie eine weitere Fläche im inneren Passsagenbereich der Galerie Kons, weiter unten an der Straße, das 1979 mit zunächst 12 und später 23 Angestellten auf einer Fläche von 1000 m2 als Supermarkt Primavera öffnet. Die ursprüngliche Epicerie wurde zu einer Boutique und später einem Hotel-Restaurant, das 2004 verkauft wurde. 1997 weitete sich der Supermarkt weiter aus und beschäftigte 35 Angestellte auf 1.500 m2. Dort gab es wohl auch ein Restaurant. Ein weiterer Markt entstand 2014 in Gasperich. Es war aber hier, gegenüber des Bahnhofs, wo ich diesen Namen 2008 erstmals wahrnahm, aber nie hin ging, weil es vorne nicht sichtbar war, zu tief im Haus gelegen. Das Gebäude wurde dann ab 2017 abgerissen und durch den lokalen Sitz der ING-Bank ersetzt.

Zurück zu meinen Mittagspausen: In der rue Origer wurde es immer heimisch-portugiesisch-intimer, je weiter man nach hinten durchging. Leider fehlt bei den folgenden Fotos das entscheidende: Die breite Speisetheke mit den netten Köchinnen aus Portugal und den Kapverden ganz hinten. Sie waren einfach zu sympathisch und präsent, als dass ich diese Szenerie hätte unbemerkt ablichten können.

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Manuel Rui Fernandes beschreibt sich selbst als humanistisch inspirierten Unternehmer. Das Konzept eines knallharten Discounters sei ihm fremd. Er versuche natürlich, preiswert zu sein, aber nicht zu jedem Preis. Gemäß seiner Vorstellung mache Qualität zu einem guten Preis den Erfolg aus. Bäckereiprodukte stammen aus der Fabrik Primavera Pain in Düdelingen, die auch an weitere Orte liefert. Und er setzt auf menschliche Nähe und Nachfrageorientierung:  «Le client demande, je donne», sagt er.

Aber zurück zum Lokal: In der Boulangerie vorne angeboten wurden auch fünf Frühstücksvarianten. Sie reichten vom „Petit déjeuner express“ oder „simple“ für 3,10 Euro (entweder mit Croissant oder Toast) bzw. „spécial“ für 4,95 (mit einem zusätzlichen Saft)  bis hin zu den Varianten „maison“ und „super spécial“ für 6,45 bzw. 6,20 Euro, bei denen noch Marmelade und Baguette dazu kommen. Die Präsidentin meines Vereins traf sich dort öfters mit anderen aus der zivilgesellschaftlichen Szene, um beim Frühstück Aktionen zu besprechen. Jetzt ist hier in Bahnhofsnähe der letzte Ort mit alternativem Flair für solche Treffen verschwunden. „Schade“ ist vielleicht die Quintessenz dieses Nachrufs.

Adresse: 7, rue Jean Origer, L-2269 Luxemburg, Tel: +352 48 84 62, Homepage

Weitere Filialen: Dudelange (41, Place de l’Hôtel de ville) und Differdange (27, avenue de la liberté)

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Corona-Absonderlichkeiten

Was wir in Corona-Zeiten unter anderem erleben, ist ein völliges aus dem eingeübten Alltag-Fallen. Wir leben plötzlich ganz anders. Manches davon ist schön (Entschleunigung), anderes erhellend (Selbstbeobachtung) oder schwierig (ewig lang im Home Office). Wenn wir uns und andere in dieser Ausnahmesituation beobachten, gibt es manche Abstrusitäten. Ich versuche das für mich einmal etwas aufzuarbeiten.

  • „Erstbezug nach Renovierung in Bliesransbach inkl. 2 Rollen Toilettenpapier“ (Wohnungsanzeige von Holger Fuchs auf der Facebook-Seite Wohnungsmarkt Saarbrücken, 1. Mai)
  • Homeoffice ändert ein Dutzend Details des täglichen Ablaufs manch immer gleicher Handlungen. Zum Beispiel gibt es in meinem Stammcafé „Le Relax“ in Luxemburg mittags zum Espresso immer eine viel zu grosszügig volle Zuckertüte, die ich – nur halb geleert – seit Jahren einstecke, um sie zu Hause in die Zuckerdose zu leeren und dann das Tütchen ins Altpapier. Oder die zwei Servietten zu Suppe und Käsebaguette dort: Ich nehme sie mit nach Hause und tue sie in ein Bastkörbchen an der Toilette, um sie als Toilettenpapier zweitzunutzen. Seit drei Monaten nicht mehr, was mir erst am 15. Juni beim ersten Besuch im Café auffiel.
  • Ich habe mir nie die Hände mit Seife gewaschen. Ausser, wenn die Fahradkette abgesprungen war. Also habe ich auch nie Seife gekauft. Oder nur, wenn es im Bioladen plötzlich echte Alepposeife gab (aber die wollte ich ja nicht wirklich benutzen). Ich hatte immer welche aus Hotels übrig: Mit Aufdruck des Namens – dann wurde es Sammelobjekt. Oder ohne – mal mit Erinnerung, mal ohne. Wenn ohne, könnte ich sie jetzt endlich aus dem Bastkörbchen im Bad holen und sinnvoll verwenden. Ob aus Istanbul 2002 oder Lübeck 1998. Aber erst hatte ich die Berliner Seife vom Januar aufzubrauchen, die ich – offenbar verwaist – in der Dusche des Art Hotel „Luise“ aufgepickt hatte, damit sie nicht im Müll landet. Sie hat drei Monate gehalten. Jetzt wird es schwierig, werde mich beim Blick ins Bastkörbchen überwinden müssen.
  • Unsere WG ist gerade – was die Interaktion angeht – stark reduziert, obwohl ich jetzt ununterbrochen anwesend bin. Dafür sind die zwei anderen aus diversen Gründen fast ununterbrochen anderweitig unterwegs. Home Office ist eine sehr einsame Angelegenheit, wenn man ohne Partner/in ist, die Kinder bei der Mama leben und andere gewohnte Kontakte (der Busfahrer, die anderen Leute im Bus, die Kellnerinnen im Café) völlig ausfallen. Ich fühle mich da noch stärker vereinzelt, oft echt in Einsamkeit. Stattdessen ist da plötzlich die Tierwelt, mit der ich in Austausch trete: Von der Motte, die ich abklatsche, über die Wespen (die die Strohhalme des Balkon-Sichtschutzes zur Gewinnung von Material für ihr Nest abknabbern), Spinnen, Fruchtfliegen, Ameisen (die ihre Kolonien von Läusen auf dem Efeu und den Stiefmütterchen bearbeiten), die ich beobachte, bis hin zu den Kohlmeisen, denen ich Frischwasser auf den Balkon stelle und der Amsel, die mir beim Umgraben im Gemeinschaftsgarten schlau zuschaut, um sich dann Regenwürmer zu schnappen. Nicht zu vergessen der abendlichen Abfolge: Erst singt da ein Vogel wunderschön auf Partnersuche, dann streiten zwei Amseln, ehe die Raben von der Saar in den Wald hinter dem Haus zurückkehren und schliesslich die Fledermaus ihre Runden über dem Garten dreht – jeden Abend gleich.
  • Home-Office als neue Realität bringt mir in Kombination mit der Einführung des kostenlosen ÖPNV in Luxemburg ab dem 1. März als Grenzgänger, der bislang per Bus von Saarbrücken nach Luxemburg fuhr, quasi eine Gehaltserhöhung oder Kostenreduktion von 80 Euro für das Monatsticket (ich fahre nur noch einmal im Monat für je 5 Euro, ab Juni einmal die Woche).
  • Als ich mit den Kindern am 8. Mai nach gut sieben Wochen endlich wieder auf den Staden-Spielplatz durfte, gab es am Sandkasten eine Überraschung: Dutzende Wildbienen hatten sich am Rand des Sandkastens Schlupflöcher in den harten, verwaisten Sand gegraben, um dort zu brüten. Das wird nicht gut gehen…
  • Es gibt viele andere Beispiele von der Leere, welche die Corona-Krise weltweit in den Städten, an den Stränden und auf dem Wasser erzeugt. Zugleich erobern sich immer mehr Tiere diese Orte und Räume zurück und füllen sie mit Leben (Fotos in der „Bunte„). Ich führe das hier als „absonderlich“ auf, weil einem klar wird, wie sehr der Mensch andere Kreaturen verdrängt hat. Das Verhalten der Tiere ist völlig normal und natürlich.
  • Ein die Türkei liebender und deren Entwicklungen auch in der türkischen Presse verfolgender Freund erzählte mir eine wunderbare Fake-News-Geschichte aus Kurdistan: Ein Einwohnermeldeamt hatte zu schliessen wegen eines Riesenandrangs älterer Damen, die ihr Geburtsdatum ändern wollten, damit sie als Risikogruppe eingeordnet werden. Ich habe vergessen, warum sie das wollten.
  • Das Kreuzworträtsel im Luxemburger „Tageblatt“ wie auch im „Wort“ ist jetzt ganzseitig. Es fällt mangels Veranstaltungen offenbar schwer, die für die staatliche Pressehilfe erforderliche Seitenzahl zu füllen. Bei der „Woxx“, die üblicherweise mit einer Agenda aufwartet, die exakt die Hälfte der Wochenzeitung füllt, tat man sich schwer, das mit Tipps zu Kultur im Internet zu füllen.
  • Nach einer Augen-OP musste ich mich zwei Wochen lang zu HardCoreCoronaFerien zwingen: also so wenig wie möglich lesen und am PC sitzen. Das ging fast nicht, aber zum Glück hatte ich in einer Nachbarstrasse eine Sammlung von 12 CDs des Handelsblatts mitnehmen können, in der gut 80 Persönlichkeiten der Wirtschaft porträtiert wurden.
  • Mit Mundschutz merke ich plötzlich, wie ich als Raucher rieche (Ärrgs). Wie ich nach dem Rauchen einer Zigarette zu einem Glas Wein ausdünste, weiss ich nicht, weil ich das abends nie mit Mundschutz ausprobiert habe. Eine erschreckende Erkenntnis.
  • Auch das Dutzend Dealer rund um den Bahnhof Luxemburg trägt vollständig Mundschutz (so beobachtet bei einem Besuch am 1. Mai).
  • Es ist toll, von zu Hause aus arbeiten zu können. Jede Woche 12 Stunden Weg zur Arbeit einsparen. Aber nach ein paar Wochen änderte sich das Gefühl: Es gibt keine Trennung von Arbeits- und Privatleben mehr. Ich muss das künstlich neu herstellen, indem ich morgens, mittags und abends per Rad eine Runde drehe. Und nach der Abendrunde muss Feierabend sein. Wie früher, wenn ich von der Arbeit kam.
  • Mitte Juni ist immer noch unklar, wie es nach dem Lockdown mit der steuerlichen Behandlung von Homeoffice weiter gehen soll. Berufspendler/innen durften vor Ausbruch der Pandemie nur eine begrenzte Anzahl an Arbeitstagen von ihrem Wohnsitz aus arbeiten, ohne dort Steuern zu zahlen (19 im Falle von Deutschland). Die Regelungen wurden während der sanitären Krise aufgehoben, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Das entsprechende Abkommen zwischen Belgien und Luxemburg endet am 30. Juni, kann aber monatlich verlängert werden. Wie es mit Frankreich und Deutschland aussieht, ist unklar. „Wir wollen, dass die Regierung dauerhafte Regelungen mit den Nachbarländern ausarbeitet, was die Besteuerungsgrenzen und das Thema Sozialversicherung betrifft“, sagt der Generalsekretär der Gewerkschaft LCGB gegenüber der Woxx. Das würde mir sehr helfen – schliesslich denken wir an Homeoffice bis September und ich habe keine Lust auf plötzliche Steuernachzahlungspflichten seitens deutscher Finanzämter Jahre später.
  • Ende Juni bin ich per Zug von Deutschland nach Italien: Ab Basel in der Schweiz hatte plötzlich fast niemand im Zug mehr eine Maske auf, vorher und ab der Grenze nach Italien dann wieder alle. Ein Schaffner sagte: Nur sie seien verpflichtet, Passagiere nicht – und fügte sarkastisch hinzu, daran erkenne man den Grad an Gemeinsinn der Schweizer. Aber auf der Rückfahrt kam eine klare Durchsage: „Halten Sie bitte den Abstand von 1,50 m ein. Sollte das (und also nur dann) nicht möglich sein, tragen sie bitte eine Maske. Was absonderlich wirkte, erschien plötzlich in einem sehr freiheitlichen Licht.
  • Die Biermarke „Corona“ ist pleite gegangen, hiess es im März. In Saarbrücken, wie in Padua fand ich Corona-Kronkorken. Also auch ein wenig Kult – jetzt erst Recht in Saarbrücken-, während mein italienischer Fund schon angerostet war:

Ich führe das hier als WORK IN PROGRESS für mich fort. Aber natürlich freue ich mich über eure Ergänzungen. Und vielleicht führt das dann auch zu wichtigen Selbsterkenntnissen. Von Individuen und der Gesellschaft insgesamt.

Denn klar ist: Was vorher als „normal“ galt, darf es – nicht nur gesellschafts- und wirtschaftspolitisch – „Nach-Corona“ nicht mehr sein. Sonst kriegen wir die Klima- und Biodiversitätskrise, die eine viel grössere Bedrohung ist, nicht mehr in den Griff.

Wir sind aus unseren Gewohnheiten gefallen und haben die einmalige Chance – oder notwendige Pflicht – danach in einer deutlich nachhaltigereren Weise weiter unser Leben zu leben. Die Zeit für einen radikalen Wandel ist jetzt.

Oder haben wir das mit den milliardenschweren Rettungspaketen ohne sozial-ökologische Bedingungen schon verspielt?

Zum Hirsch_Ottweiler

Als wir 1997 nach Ottweiler zogen, könnte es noch geöffnet gewesen sein. Ich kam hier täglich auf dem Weg zum Bahnhof vorbei. Als ich 2003 weg zog, war es längst geschlossen. Es gab – glaube ich – erst einen Versuch, es als Jugendkneipe zu führen und nach dessen Scheitern die Möglichkeit, das geschlossene Lokal für Hochzeiten und andere „Events“ tageweise zu vermieten. Lief auch nicht.

Offenbar ist dieses sicher hundert, vielleicht hundertfünfzigjährige Haus (und Lokal?) 1988 saniert worden und hat dann vielleicht ein Jahrzehnt funktioniert. Ich nehme jedenfalls an, dass es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet wurde, als der Bahnhof entstand. Vielleicht kamen Ausflugsgäste aus Neunkirchen und Saarbrücken, um in den nahen Wäldern Natur zu erleben? Oder ist der spiessig wirkende Name, der an die berühmten Gemälde vom „röhrenden Hirsch“ über dem gutbürgerlichen Sofa denken lässt, einfach nur ein damals üblicher Name für eine Kneipe, in der Stahl- oder Bergarbeiter vor oder nach der Fahrt zur Grube bzw. Hütte einen zwitscherten?

Manchmal habe ich geträumt, ich könnte das Lokal übernehmen und was cooles draus machen. Aber das hätte ich mich nicht wirklich getraut. Und wenn, dann wäre der Gastronomie-Traum sowieso einer gewesen, den ich in Istanbul oder so hätte umsetzen wollen. Was in Ottweiler freilich echt fehlt, ist ein Bio-Restaurant oder zumindest eines, das auch vegane und vegetarische Speisen anbietet, wie ich heute im „Nassauer“ feststellen musste. Das Fleisch ist von „Metro“. Ja super… Es gab genau ein vegetarisches Gericht: Schupfnudeln mit Gemüse. Die hatte ich dann halt zu nehmen (und gierte trotzdem danach, etwas vom Schnitzel der Kinder abzukriegen, ich gebe es zu – aber sie tilgten alles).

Schon vor 20 Jahren hatte der „Hirsch“ nur dieses eine kleine Schild, glaube ich. Kein Schild über der Tür, oder? Aber ob die ehemalige Eingangstür überhaupt schon zugemauert war und man schon damals nur durch den Hauseingang daneben hinein kam, weiss ich nicht mehr. Viel interessanter war damals etwas weiter unten der perfekt sortierte, altbackene „Kruschtladen“ namens „Eisen Schaefer“: Das war der letzte Laden, den ich in Baumarktzeiten erlebt habe, der wirklich noch jede Schrauben- und Scharniergrösse sowie alles von der Giesskanne zum Heizstrahler bot, was es aus Eisen zu kaufen gab. Er ist auch seit einem Jahrzehnt zu.

Die Zukunft ist wohl, dass die Gaststube zu einer Wohnung umgebaut wird. Gaststätten halten sich hier nur schwer. Auch das griechische Lokal „Hellas“ und das Eiscafe „Venezia“ im Haus Schlossstr. 25 nebenan scheinen der Konkurrenz des sich sehr gut entwickelnden Schlossplatzes 200 m weiter die Strasse runter nicht gewachsen zu sein. Hier gab es schon einmal einen Inhaberwechsel: Das Eiscafé hiess vorher „Da Angela“ und statt des griechischen Lokals befand sich im 1. Stock die „Pizzeria Da Giovanni“.

Von ehedem sechs bis sieben Lokalen rund um den Bahnhof haben nur die zwei und das Restaurant „Am Denkmal“ überlebt (die Bahnhofsgaststätte wird gerade komplett saniert).

Adresse: Bahnhofstr. 25, 66564 Ottweiler

Zum Hirsch_Ottweiler  © Ekkehart Schmidt

Weisses Rössel_Völklingen

„Zum Adler, Bären, Löwen, Ochsen“…: Früher sind Häuser v.a. im badischen und bayrischen Raum gern markiert worden, mit Symbolen – sogenannten Hausmarken, später bekamen sie Bilder, die Hauszeichen, bevor sie in einigen Gegenden Namen bekamen. So habe es in Freiburg 1516 ein Gesetz gegeben, nach dem jedes Haus einen Namen haben müsse, der zur Straße hin gut sichtbar sei, zum Beispiel „Zum Löwen„. Die ersten Hausnamen seien aber um 1150 in Köln aufgetaucht, so Namensforscher Konrad Kunze. Anderswo mussten die Häuser Nummern haben. Wie das im Saarland war, weiss ich nicht. Hier gibt es kaum Lokale mit Tiernamen.

Mir ist bei meinen Kneipenrecherchen rund um das Saarland nur zwei Mal ein Krokodil begegnet (in Gersweilerund Dudweiler), dazu je einmal ein Storch, ein Adler (in Saarbrücken), ein Ochse (in St.Wendel) und ein seit einem Jahrzehnt toter Hirsch in Ottweiler. Und eben am 2. Mai dieses „Weisse Rössel“:

Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt
Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Ein „Rössel“ ist natürlich ein Ross, also ein stattliches Pferd. Und wenn es weiss ist, ist es ein Schimmel. Das ist ein erhabener Name für ein Lokal gegenüber eines der vielen Torhäuser der Völklinger Hütte. Und es wirkt mit seiner roten Fassade auch beeindruckend. Aber das ist alles Vergangenheit. Das Lokal hat geschlossen, seit mindestens/ etwa 17 Jahren, wie mir die Inhaber der benachbarten Lokale „Hüttenschenke“ und „Donner-Quelle“ sagten.

Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt
Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt
Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt

17 Jahre tot? So wirkte das nicht- Jedenfalls nicht von vorne in der Bismarckstrasse. eine Viertelstunde später entdeckte ich in der Hofstattstrasse, die parallel verläuft, einen Hintereingang zu einer Art Biergarten. Aber das war eher eine falsche Assoziation, wie ich von Dieter Baldauf, dem früheren Inhaber der „Hüttenschenke“ hörte: Rückseitig hieleten in den Hochzeiten der Stahlproduktion die Busse, die die Arbeiter zum Werk brachten. Sie gingen vor Schichtbeginn nicht selten durch die Lokale durch zum Torhaus und kehrten nach Schichtende hierher zurück – für ein oder zwei schnelle Biere und ein Mettbrötchen, ehe der Bus zurück fuhr.

Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt
Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt
Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt
Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt
Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Lokalitäten dieses Namens (in den Varianten Rössl, Rössle oder Röss`l) gibt es noch am Wolfgangsee in Österreich (Hotel und dort angesiedeltes bekanntes Singspiel aus dem Jahr 1930), als Gaststätte bei Aalen oder als „älteste bayrische Bierstube“ in Berlin (von 1938) und als Restaurants in Wasserburg am Inn, Hotel in Dietmannsried, oder in der italienischen Variante „Cavallino Blanco“ in Südtirol… Aber jedenfalls nicht allzuoft. Wie alt dieses hier ist, kann ich überhaupt nicht einschätzen. Nachkriegszeit?

Außer bei Apotheken und Gasthäusern seien diese Hausnamen mittlerweile in Vergessenheit geraten, schreibt jedenfalls der Gastwirtschaftsnamensforscher Kunze. Gasthäuser hätten schon bei den alten Römern Namen gehabt, doch das sei in Mitteleuropa nicht weitergeführt worden. Nicht zuletzt, weil es hier im Mittelalter kaum Gasthäuser gegeben habe. Die einzigen Reisenden seien damals Pilger gewesen – und die nächtigten zumeist in Klöstern. Folgerichtig bekamen später die ersten Gasthäuser auch Namen, die auf biblische Legenden zurückgehen. Wie zum Beispiel auf den „Raben“, der den biblischen Propheten Elias in seiner Verbannung mit Brot und Fleisch versorgt habe.

Doch nicht immer stimme die These des biblischen Ursprungs, meint Kunze. So sei die Meinung weit verbreitet, dass die gängigen Namen „Adler“, „Engel“, „Löwen“ und „Ochsen“ auf die Symbolzeichen der vier Evangelisten zurückgehe. Doch er habe hier Zweifel. So seien die Namen deutschlandweit sehr ungleichmäßig verbreitet. Den Ochsen gebe es zum Beispiel nur in Baden-Württemberg und der Schweiz, während der Löwe weit verbreitet sei. Zudem sei ihm nicht einleuchtend, wie aus dem Zeichen des Lukas, dem Stier, nun der Ochsen geworden sei. Kunze zufolge sind die meisten Gasthausnamen wohl schlicht und einfach aus den ehemaligen Hausnamen entstanden seien. Je nach Dialekt und Region hieß ein Gasthaus dann „Hirsch“, „Hirschen“ oder „Zum Hirschen“.

Hier in Völklingen hat man wohl völlig unabhängig von solchen historischen Kontexten einfach einen netten Namen gesucht, der einen Kontrast zum harten Hüttenalltag bot. Oder weiss jemand mehr?

Ob da nochmal ein Investor, Pächter, Prinz, Retter auf dem weissen Pferd kommt, der das Lokal aus seinem Dornröschenschlaf wach küsst?

Verwendete Quelle: Schöneberg, Mario: Von Engeln, Löwen und Ochsen. Gasthäuser und ihre Namen, Badische Zeitung, 28. 10.2008

Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Akteure der Transition – Saarbrücken im Wandel

WORK IN PROGRESS (letzte Ergänzung am 2. Juli 2020)

Es gab einmal eine Zeit Vor-Corona. Jetzt sind wir in der Corona-Krise (die viel mehr als eine Gesundheitskrise ist). Dann wird irgendwann die Post-Corona-Zeit beginnen. Nichts wird mehr sein wie vorher. Alles ist in Frage gestellt – Was einmal als  „normal“ galt, hat sich als Ursache der schnellen Entwicklung einer Pandemie erwiesen. Es darf kein „back to normal“ geben.

Viele Bewegungen haben seit Jahrzehnten einerseits die negativen Folgen unseres seit 40 Jahren dominanten Wirtschaftssystems beschrieben und andererseits Alternativen aufgezeigt und aufgebaut. Dazu gehören neben der Anti-AKW-Bewegung mit Akteuren wie Greenpeace, den Naturschützern und Bio-Landwirten, den Betreibern von Anlagen erneuerbarer Energien, Globalisierungskritikern wie Attac, vielen Nord-Süd-Initiatiben, der „grünen“ oder auch „ethischen Finanz“ mit unter anderem meinem Arbeitgeber etika, der Gemeinwohlökonomie und Protagonisten der Idee eines Grundeinkommens, auch die „Transition Bewegung“. Ihr Kerngedanke war ursprünglich, dass wir die Zeit ohne die gewohnte Nutzung fossiler Energien vorbereiten müssen, indem wir u.a. den lokalen Anbau von Lebensmitteln neu erlernen müssen. In der Klima- und Biodiversitätskrise kam noch einiges dazu.

Die Transition-Initiative Saarbrücken entstand im Frühjahr 2016: Man traf sich zunächst vierzehntägig im Café Exodus, dann im  Café Zing und nach der Vereinsgründung im Sommer 2019 meist wöchentlich im DAJC. Die Akteure haben bereits mehrere Bücherbörsen und acht Verschenkbörsen durchgeführt (letztere immer in Zusammenarbeit mit der Jugendkirche eli.ya) und bewirtschaften seit fünf Jahren auch ein Gemeinschaftsbeet am Staden.

Ich bin 2018 dazu gestossen und hatte bald das Gefühl, dass sich die Menschen, die vor Ort einen Wandel in verschiedenen Bereichen vorantreiben möchten, nicht ausreichend kennen. Ich nahm es mir zur Aufgabe, einmal einen solchen Überblick zu recherchieren. Nach zwei Jahren traue ich mich jetzt, das Ergebnis zu publizieren. Als veränderbaren und kontinuierlich zu ergänzenden Text. Ich beginne mit einer Einführung, beschreibe dann allgemein die fünf wichtigsten „Transformationsaufgaben“, um zu jeder dann die hiesigen Beispiele und Akteure zu nennen.

Nachhaltige Mobilität und Landwirtschaft sind nur zwei Themen, die Menschen umtreibt, die hier gerne oder auch dringlich einen Wandel initiieren möchten.

So sagt etwa Prof. Dirk Messner, der neue Leiter des Umweltbundesamtes, dass wir (auch bei anderen Themen) die Fähigkeit entwickeln sollten, uns eine bessere Zukunft vorzustellen (sonst würden Zukunftsängste zum Nährboden von Demagogen). In einem Interview sagte er der SZ (also der Süddeutschen Zeitung) vom 29. Februar, dass man in vielen Kommunen gemerkt habe, wie ungünstig man in der Vergangenheit den Lebensraum der Menschen gestaltet habe. Es gebe kaum noch Orte guten städtischen Lebens, die Menschen zögen sich zurück, der Austausch in der Nachbarschaft gehe verloren und damit die Kraft, gemeinsam Verbesserungen zu erarbeiten.

Und dann sagt er einen Satz, den ich jetzt als Motto dieser Zusammenstellung pragmatischer und/ oder visionärer Ideen zum städtischen Wandel nehmen möchte:

Die Bausteine, die wir für den Umbau brauchen, haben wir längst. wir müssen sie nur zusammenfügen.

Das erinnert mich an den Satz von Malcolm Hayday, der 2016 bei der Mitgliederversammlung des Verbands INAISE, dem globalen Netzwerk nachhaltiger Banken und Investoren in die Sozial- und Solidarökonomie, die ich als Mitarbeiter von etika besuchte, sinngemäß : „Ja, wir sind gegenüber der Mainstream-Finanz unbedeutend, aber unsere Aufgabe ist es, eine funktionierende Alternative aufzubauen – für den Fall, dass diese einmal gebraucht wird“. Also: Wir können nicht den neoliberalen Kapitalismus beseitigen, aber uns in ihm entwickeln und auf einen Paradigmenwechsel hoffen.

Für welchen konkreten Umbau brauchen wir Stadtwandler*innen Bausteine? Silke Stremlau vom Sustainable Finance Beirat der deutschen Bundesregierung nannte bei einer Tagung in Stuttgart, die ich am 4. Dezember besuchen durfte, fünf Bereiche, in denen eine „Wende“ zwingend nötig sei, um die Ziele der Pariser Klimakonferenz und der 17 SDGs zu erreichen: Agrar, Energie, Verkehr, Konsum und Finanzwirtschaft.

Sechs Transormationsaufgaben

Agrarwende: Konventionelle und Biobauern eint der Wunsch nach einem angemessenen Einkommen. Sie sollten daher zusammen für faire und höhere Preise kämpfen. Und weniger Fleisch produzieren. Letztlich müssten vor allem die konventionellen Landwirte auf dem Weg zu bio als Standard dabei unterstützt werden, negative ökologische Effekte einzupreisen. Die Konsumenten sollten die Agrarwende durch Bevorzugung regionaler und saisonaler Produkte unterstützen und zudem den Anteil fair gehandelter Waren erhöhen.

Eine Konsumwende umfasse aber noch deutlich mehr. Der Import solcher Rohstoffe und Produkte von außerhalb der EU müsse stark reduziert werden, bei deren Anbau, Abbau und Herstellung wertvolle natürliche Lebensräume zerstört, Wasser und Böden verschmutzt sowie wichtige Wasserressourcen verbraucht werden. Dies betrifft insbesondere Soja, Palmöl, Baumwolle und Steinkohle sowie Erze. Generell seien die „4 E“ einer Konsumwende zu nennen: Entrümpelung, Entschleunigung, Entkommerzialisierung und Entflechtung.

Mit Blick auf die Verkehrswende nennt das Wuppertal Institut das Ziel „Faktor-10-Mobilität“: Neun von zehn Autos müssten verschwinden, an die Stelle der meisten könnten autonome Wagen (Nutzen statt Besitzen von Autos), Fahrräder und der öffentliche Verkehr treten. Für eine Energiewende nennt sie im Einzelnen mehr dezentrale Strukturen, eine Steigerung der Effizienz und eine deutlich höhere CO2-Bepreisung.

Finanzwende: In der Finanzindustrie müssten sozial-ökologische Kriterien integraler Bestandteil aller Analysen werden und deren Wirkung müsse messbar werden. Banken und Versicherungen müssten transparenter werden und die Realwirtschaft finanzieren (weg von komplexen Produkten ohne gesellschaftlichem Mehrwert). Generell sei eine andere Haltung zur Lenkungswirkung von Geld nötig. Die Finanzströme müssten in Kürze so umgeleitet werden, dass die globalen Ziele erreicht werden. Ich möchte ergänzen: Kund*innen konventioneller, nicht nachhaltiger Bank- und Versicherungsprodukte sollten einen Wechsel ihres Anbieters ernsthaft in Betracht ziehen, falls dieser rein renditeorientiert arbeitet und also Teil des zerstörerischen globalen Systems ist.

Bildungswende: Zur nachhaltigen Umsetzung dieser Transformation durch kommende Generationen muss sich auch das Bildungssystem verändern. Bislang geht es in Kindergarten und Schule letztlich vor allem darum, für die Kompatibilität mit den Anforderungen der Arbeitswelt zu lernen.

Saarbrücker Wandelinitiativen

So weit zur Theorie. Was wird davon in Saarbrücken/ im Saarland durch wen wie angegangen? Es passiert mehr, als man denken könnte. Die Transformation vollzieht sich allerdings dezentral, kaum koordiniert und noch nicht auf breiter Front sichtbar. Aber die Lösungen werden erarbeitet und erprobt, sie stehen bereit.

Agrarwende

In der heutigen Großstadt gibt es keine Landwirtschaft (mehr), lediglich Kleingärten wie im Almet oder nahe des Messegeländes, in denen auch zum Eigenverbrauch Obst und Gemüse angebaut wird. Oder vereinzelte Imker. Die Produktion von Nahrungsmitteln ist nicht mehr sichtbar. Man kauft sie beim Discounter, steril verpackt oder in hellem Licht als normale Ware, wie andere auch, präsentiert. Man kauft „Schinken“ oder „Salami“, „Gouda“ oder „Emmentaler“, ob bio oder nicht, jedenfalls bewusst nicht mehr als tierisches Produkt erkennbar. Die Industrie entfremdet die Kund*innen davon. Höchstens noch der Wintringer Hof, der Martinshof oder die Eier von Rose in Mainzweiler sind außerhalb der Wochenmärkte wahrnehmbar.

Auch deshalb haben sich in den vergangenen Jahren einige, von Initiativen getragene gärtnerische Projekte gegründet.

Urban Gardening/ Gemeinschaftsgärten in der Stadt

Urbaner Gartenbau ist die meist kleinräumige, gärtnerische Nutzung städtischer Flächen oder im direktem Umfeld von Städten. Die Rede ist nicht von Balkonen mit Kräutertöpfen oder citynahen Gärten und Kleingartenanlagen im Privatbesitz von Einzelpersonen, wie es sie an der Saar in Alt-Saarbrücken oder im Almet gibt. Es geht um die nachhaltige Bewirtschaftung bislang ungenutzter öffentlicher Flächen in umweltschonender Weise (keine Pestizide, kaum oder kein Dünger, Saatgut aus biologischer Produktion) durch eine Gemeinschaft von Amateuren, bei denen das gemeinsame Gärtnern im Vordergrund steht. Und um die Sensibiliserung anderer Leute. Irgendwann sollen die Erzeugnisse dann natürlich auch gemeinsam konsumiert werden.

Die frühen Gemeinschaftsgärten fußten auf Schrebergärtenkolonien der Stadtränder und den Community Gardens, die im New York der 1970er-Jahre im Zuge einner Fiskal- und Kreditkrise aufkamen. In Saarbrücken gab es schon vor 10 Jahren Vorgängerinitiativen in Form von Guerilla-Gardening: Das Ehepaar Jan Brosowski und Christine Thomas bepflanzte damals im Kampf gegen den Gestank von Hundekot den Platz vor ihrer Wohnung an der Ecke Mainzerstraße/ Arndtstraße  mit Blumen. Inzwischen haben sie mehrere 1000 Euro in die Fläche investiert und erhielten 2019 beim Projekt „Saarland zum Selbermachen“ eine Auszeichnung. „Entweder man macht es selbst, oder es passiert gar nichts“ war sein Motto.

Aber erst seit 2013 gab es eine Gruppe Leute, die zunächst im innerstädtischen Echelmeyerpark auch Lebensmittel anbaute, dann am Staden gegärtnert hat und 2017 zum Karcherhof ausserhalb der Stadt bei Ensheim wechselte (mehr dazu auf ihrer Seite Die essbare Stadt). Deren Anstoß einer „Revolution von unten“ waren wohl die vielfältigen Aktivitäten unter gleichem Namen in Andernach. Das Beet am Staden übernahm dann die Initiative Transition Town Saarbrücken, die dort auch 2020 noch aktiv ist. Zu erwähnen ist noch der 2015 entstandene „Garten Eden“ an der Eli.ja-Kirche mit Beeten, die man wie einen Schrebergarten bewirtschaften darf.

Im Vergleich zu Dutzenden Gemeinschaftsgärten in Luxemburg (siehe eisegaart.lu) ist das noch nicht viel. Dafür gibt es hierzulande stärker auf soziale und interkulturelle Integration ausgerichtete Gemeinschaftsgärten. Neben einem 2018 von der Diakonie initiierten „Quartiersgarten“ in der Lebacher Straße im „sozialen Brennpunkt“ Malstatt ist vor allem der vom Verein Zukunftswerkstatt Saar 2016 in der Kleingartenanlage Dillingen Nord aufgebaute interkulturelle Garten und ein Teekräutergarten zu nennen. Ersterer ist vor allem für Frauen mit und ohne Migrationshintergrund gedacht. Dem voraus ging die Entwicklung eines Demonstrationszentrums zu urbanem Gärtnern mit Begleitstudie 2012-13 in Kooperation mit der Patton Stiftung Saarbrücken. Eine schöne Fotoreportage zu einem solchen Garten in Norddeutschland hat die Fotografin Julia Kneuse erarbeitet: Sie zeigt den Geist gemeinsamen Gärtnerns wunderbar.

Solidarische Landwirtschaft

Während Gemeinschaftsgärten nicht-kommerziell arbeiten, möchten viele andere Gruppen die Nahrungsmittelerzeugung auch als Einkommensquelle selbst in die Hand nehmen – um damit in einer Zeit, in der alles immer und sofort verfügbar ist genauso ein Zeichen für Qualität und gegen die Wegwerf- und Konsumgesellschaft zu setzen. Es handelt sich um eine Form der Direktvermarktung ohne Zwischenhändler.

Während es in Luxemburg schon sieben Projekte solidarischer Landwirtschaft gibt, sind es im Saarland nach Angaben des Netzwerkes Solidarische Landwirtschaft erst zwei: der Stadtbauernhof in Saarbrücken und ein 2018 entstandenes Solawi-Projekt in Limbach. Nicht weit entfernt sind in der Pfalz noch die 2015 entstandene Solawi im Wahlbacher Hof in Contwig bei Zweibrücken, die ebenfalls 2015 aufgebaute Solawi Oberalben bei Kusel und die 2017 als Urban Gardening-Projekte entstandene Solawi in Trier zu nennen. Insgesamt gibt es in der Grossregion also schon ein Dutzend solcher Betriebe.

In Saarbrücken hat sich seit 1998 der Verein Stadtbauernhof („Der Mitmachhof„) als Ziel gesetzt, die nachhaltige Erzeugung von Nahrungsmitteln erlebbar zu gestalten und vor allem Kindern und Jugendlichen näher zu bringen. Der dann ab 2014/15  konkret im Almet aufgebaute Stadtbauernhof Saarbrücken hat sich zu einem Ort entwickelt, an dem Landwirtschaft, Nahrungsmittelerzeugung und nachhaltige Entwicklung erlebbar sind. Es gibt dort eine kleinen Gemüsebaubetrieb, der als solidarische Landwirtschaft betrieben wird, es werden Hühner und Bienen gehalten, eine Upcycling-Werkstatt, Naturpädagogik mit den „Kids in Gummistiefeln“, die Hofgastronomie „Ulanen-Hof“ als kulinarischer und geselliger Treffpunkt, einen öffentlichen Stadtgarten zum Mitgärtnern, viel Bewegung mit „1fach bewegen“ und noch mehr…

Der auf dem Gelände eines ehedem konventionellen Betriebs namens „Weirichs Hof“ entstandene „Ulanen Hof“ soll auch den vielfältigen Initiativen einen Platz bieten, die sich in Saarbrücken bereits um eine nachhaltige Landnutzung, Ernährung und Gemeinwohl-Ökonomie kümmern. Der gemeinnützige Trägerverein „Stadtbauernhof Saarbrücke e.V.“ nutzt den Hof als Plattform für seine Bildungsangebote zu verschiedenen Umweltthemen, mit dem Schwerpunkt nachhaltige Nahrungsmittelerzeugung und Landnutzung. Dazu haben sich mehrere Gruppen am Hof organisiert, die eigenverantwortlich und gemeinsam verschiedene Projekte verwirklichen.

Imker und andere Insektenschützer

In unseren ausgeräumten, monokulturellen Agrarlandschaften geht vielen Tierarten das Futter aus. Ein enormer, schnell voanschreitender Verlust der Biodiversität ist die Folge. Es gibt einige Initiativen, die versuchen, Bienen und anderen Insekten ganzjährig mehr Wildblüten zu bieten, zum Beispiel indem Kommunen sparsamer öffentliche Grünflachen mähen. Dazu ist es wichtig, überhaupt erst einmal zu verstehen, welche Pflanzen für den Insektengarten wichtig sind. Der Nabu hat das hier gut aufgearbeitet.

Landesweit ist 2019 ein „Aktionsprogramm Insektenschutz Saarland“ (APIS) aufgelegt worden, mit dem einem weiteren Artenschwund entgegengetreten werden soll (konkretes dazu habe ich freilich nicht gefunden, lediglich eine Rote Liste bedrohter Tiere und Pflanzen im Saarland).

Und seit das Bienensterben viele erschreckt hat, boomt das Hobby des Imkers. Im Saarland gibt es heute ungefähr genauso viele Imker wie Landwirte. Während die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe seit vielen Jahren abnimmt, steigt die Zahl der Imker in den letzten Jahren erfreulicherweise wieder an. Auch mitten in Saarbrücken. Zum Beispiel finden sich hinter dem Landtag vier Bienenstöcke, deren Bewohner sich täglich zwischen üppig wachsendem Lavendel oder einer prachtvollen Wildblumenwiese entscheiden müssen. Ein Erholungsort auch für Menschen.

Wer lernen will, wie man auch in der Stadt einen Bienenstock aufbaut und so Honigbienen Unterschlupf gewährt, findet bei stadtbienen.de viele erste Tipps. Eine schöne Seite hat auch Lukas Tost von der Imkerei Fleissiges Bienchen in Lebach aufgebaut. Und dann gibt es natürlich den Imkerverein Saarbrücken, den Kreisverband und den Landesverband saarländischer Imker. Eine Liste hiesiger Imker, Bienenzüchter und Honiganbieter findet sich auf dem Honigportal Saarland.

Färbergärten

Schließlich zu erwähnen sind eine Initiative, die sich nach Schliessung des Botanischen Gartens der Universität um kleine, alternative Projekte zur Weiternutzung im Sinne der Nachhaltigkeit bemühen und die Künstlerinnen Stephanie Laub und Leonie Dörrenbecher, die 2018/19 im Innenhof der HbK einen Färbergarten einrichteten. Er wurde mittlerweile in „Projektgarten“ umbenannt, „da auch Kräuter für die Mensa und mittlerweile auch Zierpflanzen beherbergt werden“, erzählt Leonie. Stephanie Laub hat dies weiter entwickelt: Durch verschiedene Seminare und Workshops bei dem Künstler und Gründer von „sevensgarden“ Peter Reichenbach, hat sie gelernt, aus Pflanzen wie Färberkamille und Rote Bete Pflanzenfarben herzustellen, die dann in Kunstprojekten weiterverarbeitet werden können.

2020 initiierte sie an der Ganztagsgemeinschaftsschule Neunkirchen einen eigenen Färbergarten, in dem Schüler/innen in einer AG aus Färberpflanzen eigene ökologische Farben herstellen, die sie dann kreativ weiter verarbeiten können. Aus den Färberpflanzen im Schulgarten stellen die Schüler/innen unter Anleitung Farbpulver her, das dann Grundlage für weitere Kreativprojekte zum Thema Vielfalt und Demokratie waren. Finanziert wurde das Färbergartenprojekt durch die Stiftung Demokratie in Kooperation mit dem Adolf-Bender Zentrum.

Saatguttausch

Saatgut ist nicht weniger als der Ursprung unserer Nahrung – das Saatgut. Seit Jahrtausenden besteht ein Zyklus: Man sät aus, legt einen Teil der Ernte beiseite und nutzt ihn als Grundlage für die nächste Aussaat. An dieser Praxis hat die Saatgutindustrie eine kleine Veränderung vorgenommen und so ein einträgliches Geschäftsmodell erschaffen: Das Saatgut (sog, Hybridsamen) funktioniert nur eine Saison lang, danach gehen die Eigenschaften wie guter Ertrag und gute Optik verloren. Damit werden Landwirte und Gärtner gezwungen, im nächsten Jahr neues Saatgut nachzukaufen. Das hat viele Nachteile:

  • Die gängigen Saatgutmarken, die man beim Discounter erhält, können sich nicht fortpflanzen. Außerdem sind sie häufig bestrahlt;
  • Hybridzüchtungen führen zum Verschwinden alter und regionaler Obst- und Gemüsesorten;
  • Darüberhinaus stammen die meisten Samen, die man im Discounter bekommt von Tochterfirmen einschlägiger Pestizidhersteller, die nebenbei auch noch gute Umsätze mit Gentechnik machen.

Drei gute Gründe also, seine Samen nicht im Supermarkt zu kaufen. Will ich ordentliches Saatgut, das Pflanzen hervorbringt, die mir und der Umwelt guttun? Dann sollte man sich nach Alternativen umsehen. Saatgut sog. samenfester Sorten lässt sich nach alter Schule im eigenen Garten vermehren. Dafür gilt es beim Kauf des Saatguts darauf zu achten, kein Hybridsaatgut zu kaufen (zu erkennen am Kürzel F1 auf der Packung). Ein weiterer Vorteil ist, dass sie sich Jahr für Jahr besser an ihren Standort anpassen. Samenfestes Saatgut erhält man im Bioladen oder bei Anbietern wie Bingenheimer Saatgut (Liste von bundesweiten Anbietern).

Es gibt aber auch individuelle Tausch-Anbieter (Kalender) und regional organisierte Tauschbörsen für Saatgut, auf denen Hobby-Gärtner untereinander Samen tauschen und verschenken (mehr dazu hier). Im Saarland gibt es meines Wissens keinen anderen Anbieter als den Karcherhof, der im Herbst 2019 eine erste Tauschbörse organisiert hat – wohl aber mit SEED ein Projekt im nahen Luxemburg sowie einen Saatgut herstellenden Einsiedler an der Mosel. 2019 wurde jedoch seitens des Regionalverbands die Ausgabe von kostenlosen Saatgutmischungen heimischer Wildpflanzen initiiert, die auch 2020 fortgeführt wird. Damit geht das auf Grünen-Initiative gestartete Blühflächen-Förderprogramm weiter, bei dem es um Saatgut für Blumen geht, die Insekten Nährstoffe bieten sollen.

Gärtner und neue Sammler und Jäger

Viele Menschen entdecken eine neue Freude am Gärtnern, müssen sich das Wissen aber mühsam neu aneignen und produzieren dann schöne Nutzgärten, insbesondere Bauerngärten alter Tradition oder machen Balkonien in der Stadt zum Treff für Vögel und Insekten, indem sie nicht nur Nektar und Pollen spendende Blumen wie Veilchen, Dill, Ringelblume, Katzenminze oder Wiesensalbei und Glockenblume als Blühfutter pflanzen, sondern auch Wasserschalen als Tränke aufstellen, in die sie Steine legen, damit Insekten nicht ertrinken, Nistkästen aufhängen und Insektenhotels bauen. Die Biodiversität lässt sich heute am besten in der Stadt befördern und bewahren.

Schließlich sind noch die Leute zu erwähnen, die eine große Freude daran empfinden, wie ihre Vorfahren der Jäger und Sammler auf die Suche nach wild wachsenden Lebensmitteln zu gehen. Die meisten sammeln im Herbst Pilze oder im Frühjahr Kräuter. Bei letzteren zu nennen sind Löwenzahn (für „Bettsäächer-Salat„), Spitzwegerich oder Schafgarbe als Beigabe zu anderen Salaten oder Brennnesseln als Spinatersatz und natürlich Bärlauch für Pesto – mehr (er)kenne ich jedenfalls nicht.

Interessierten werden Kräuterwanderungen angeboten, zum Beispiel von Andreas Rockstein, Klaudia Landau, Dietmar Vogel oder Michael Madernach. Während Andreas Rockstein als Botaniker Wanderungen ausschliesslich durch den Bürgerpark macht und nicht nur Kräuter erklärt, ist Dietmar Vogel Pflanzenkundler und Heilpraktiker. Er  betont: „Es ist nicht nur gegen jedes Übel ein Kraut gewachsen, auch für den Genuss ist das Schatzkästlein der Natur reich gefüllt. Dienen doch die Pflanzen unserer Heimat seit jeher nicht nur als Rohstoffe für Kleidung und Handwerk, sondern auch als Nahrungs- und Heilmittel.“ In Türkismühle befindet sich mit Dr. Potempas Gift- und Heilkräutergarten der mit etwa 4.000 m² der größte private Apotheken Gift- und Heilkräutergarten der Region. Im 1972 entstandenen Garten wachsen über 400 Pflanzen, Bäume und Sträucher, die in der Medizin Anwendung finden. Es gibt Führungen.

Andere suchen im Sommer Obst tragende Bäume auf, die von den Besitzer*innen nicht mehr geerntet werden. Also Birnen und Mirabellen im Almet und anderswo, ökologisch höchst wertvolle Streuobstwiesen mit Pflaumen und Äpfeln bei Merzig oder Ottweiler (legale Ernteorte zeigt die Seite Mundraub.de). Schon immer wurden übrigens Äpfel, Wacholderbeeren oder Mirabellen zum Schnapsbrennen gesammelt, zum Beispiel im Bliesgau bei der „Edelbrennerei Keßler„.

Ob es auch Wilderer gibt, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber generell ist – falls man Fleisch isst – der Verzehr von saarländischem Wildbret aus Zucht oder heimischer Jagd ökologisch durchaus korrekt als Alternative zu Fleisch aus Massentierhaltung. Seit längerem gibt es hierzulande auch Retter „ausgedienter“ (also nicht mehr „produktiver“) Tiere, die ihnen einen Gnadenhof bieten. So engagieren sich Sonja und Andreas Lauer aus Beckingen seit 2019 mit einem Ableger der bundesweiten Initiative „Rettet das Huhn„. Sie suchen ihnen ein neues, artgerechtes Zuhause, um ihre Tötung zu vermeiden und sind für Leute dankbar, die Adoptionen übernehmen (Kontakt: team-saarland@rettetdashuhn.de). Und in Walhausen kenne ich die Schülerin Rabea Niedermeier, die sich um Ziegen kümmert.

Ob im Garten, im Stall, auf der Wiese oder im Wald: Der direkte Kontakt zur Natur tut gestressten Städtern enorm gut und sollte Bestandteil eines guten, gesunden Lebensstils sein. So gibt es auch immer mehr Angebote zum so genannten Waldbaden: Mit der heilenden Kraft der Natur sich selbst neu entdecken. „Der Wald stellt für uns gleichermaßen Therapie- und Gesundheitszentrum dar, wie auch ein Ort der Freude und der Inspiration. Er ist ein Ort, der uns Lösungen bieten kann, aber auch vor Aufgaben stellt, so dass wir uns wieder spüren. Er weckt Begeisterung und Faszination“, heisst es auf der Seite der Waldpädagogin Ina Schmitt, die im Pfälzer Wald entsprechende  Seminare anbietet.

Im Saarland nennt die Seite des Netzwerks Waldbaden die Natur-Resilienz-Trainerin Annette Adam-Huffer aus Saarlouis, Ute Born-Hart aus spiesen-Elversberg, die sich auf Achtsamkeit im Wald konzentriert, sowie Jutta eich in Saarbrücken, die Kurse für Erwachsene und Kinder anbietet. In Luxemburg bietet Karen ähnliches an: Mit besonderem Blick für Burnout-Patienten oder -Gefährdete kann man bei ihr ein Waldcoaching (luxemburgenglisch: Beschcoaching) buchen, um Stress abzubauen und neue Energie zu tanken. Wer sich für Überlebenstechniken im Wald interessiert, dem seien die Kurse von Branos in Keskastel/ Lothringen, südlich von Saargemünd, empfohlen.

Für viele dieser Themen ist das saarländische Umweltministerium zuständig. Preisfrage: Kennt jemand den/ die saarländische Landwirtschaftsminister/in? (Lösung: Es gibt keine/n, nur eine Abteilung des Umweltministeriums – was immerhin besser ist, als eine Unterabteilung des Wirtschaftsministeriums).

Energiewende

Seit über 30 Jahren weiss man, dass Kohlekraftwerke mit ihren hohen CO2-Emissionen ein aktiver, aggressiver Beitrag zur Klimakrise sind. Die Energiewirtschaft war bis zur Privatisierung 1998 fest in staatlicher Hand. Zum Ausgleich für die nun angegangene Energiewende werden der Kohleindustrie als Ausgleich dafür, dass sie bis spätestens 2038 mit der Verstromung aufhört, jetzt noch mehrere Milliarden Euro aus der Staatskasse gezahlt (mehr zur bundesweiten Entwicklung und Debatte).

Im historisch stark von der Kohleverstromung geprägten Saarland gibt es heute noch entsprechende Anlagen in Bexbach, Ensdorf, Fenne, Saarbrücken (Römerbrücke) und Weiher. Aber auch sehr viele Anlagen erneuerbarer Energieträger (Sonne, Wind, Biogas, Biomasse, aber keine Wasserkraft), die rund ein Viertel des Bruttostrombedarfs des Landes abdecken. Zur Energiewende gehört aber auch, über den erheblichen Energiebedarf der Digitalisierung zu informieren.

Am wichtigsten sind hierbei die 209 Windenergieanlagen, deren kumulierte Nennleistung 2000 – 2019 fast 500 Megawatt (MW) betrug. Dennoch belegt das Land beim Ausbau der Erneuerbaren Energien im Vergleich aller Bundesländer den letzten Platz. Eine der Ursachen ist offenbar die energieintensive Stahlbranche im Saarland (SR-Bericht vom Nov. 2029).

direkt-erfasst-infografik, https://www.bmwi-energiewende.de/EWD/Redaktion/Newsletter/2017/17/Meldung/direkt-erfasst_infografik.html

Quelle: BMWi

Windenergie

Aber es gibt von der Saar auch erfreuliches zu vermelden: Wenig bekannt ist, dass  Saarbrücken auch der Standort der 1990 von Prof. Dr.-Ing. Friedrich Klinger gegründeten INNOWIND Forschungsgesellschaft mbH befindet, von der die Technologie der Direktangetriebenen Windturbinen (ohne Getriebe) entwickelt und als Auftragsentwicklungen in mehreren Prototypen realisiert worden ist. Die Anlagen der im Hochschul-Technologiezentrum der htw Saar in Burbach ansässigen Firma stehen weltweit.

Aus diesen Entwicklungen ging auch die Vensys Energy AG in Neunkirchen hervor, die mit ihren Lizenzpartnern rund um den Globus von Polen und Weissrussland über Ägypten bis zu den USA und Kanada Windturbinen mit 45 Gigawatt Gesamtleistung ans Netz gebracht hat. Aktuell wird an der Entwicklung einer 10-MW-Windturbine zur Off-Shore-Aufstellung gearbeitet.

Die im Saarland von verschiedenen Akteuren errichteten Windenergie-Anlagen (Liste und  Karte mit Standorten) sind höchstens halb so hoch und leistungsstark. Beim Bau der Anlagen sind bestimmte Artenschutzauflagen zu beachten. Dennoch gibt es immer wieder Kritik, zuletzt Anfang Mai vom Landesverband Rheinland-Pfalz/ Saarland des Bundesverbands Windenergie (BWE) wegen der temporären Auischaltung von 27 Anlagen zum Schutz des Roten Milan durch das saarländische Umweltministerium. Der NABU LV Saarland beantwortet die wichtigsten Fragen dazu (allgemein und mit Blick auf diese von ihnen unterstützte Massnahme).

2019/20 gab es einen Stillstand bei der Genehmigung neuer Anlagen – bis die CDU-SPD-Koalition im Mai zu einer Einigung bezüglich der Regelungen über einen Mindestabstand von Windkraftanlagen zu Wohngebieten kam.

Solarenergie

Es gibt zwischen Hochwald und Bliesgau Dutzende Anbieter von Solaranlagen sowie viele hundert von privater Hand, Vereinen, Firmen oder Kommunen errichtete Anlagen. Das Land förderte die Installation und Nutzung von stationären Stromspeichern mit einer Speicherkapazität zwischen drei und 30 Kilowattstunden (kWh). Obwohl die Richtlinie erst am 15. Oktober 2020 außer Kraft treten sollte, musste das Programm aufgrund der großen Nachfrage frühzeitig beendet werden. Zurzeit gibt es daher hierzulande keine Förderung für Photovoltaik-Anlagen und Stromspeicher (Förderbedingungen).

Der Förderdeckel für Solaranlagen, der zu einem Stillstand im Ausbau solcher Anlagen geführt hatte, ist Mitte Mai durch einen Beschluss der Landesregierung aufgehoben worden. Auch Planungs- und Genehmigungsprozesse sollen beschleunigt werden.

Vereine und Bürgerkraftwerke

Neben der 2018 gegründeten Initiative Fridays for Future Saarland, die mit beeindruckenden Demos vor allem 2019 enorm für eine Energiewende geworben haben, oder konkreten Einzelinitiativen wie der 20 Hektar grossen Solarstromfläche des Linslerhofs bei Überherrn sind drei Initiativen zu nennen, die sich – neben dem konventionellen Grossbetrieb Energie SaarLorLux mit ihrem nicht wirklich konsequenten Programm erneuerbarer Energien (zu dem auch das zur Zeit gebaute Gaskraftwerk am Staden gehört) – um einen echten Wandel bemühen: das Klimaschutzbündnis Saar, Energiewende Saarland und Solverde Bürgerkraftwerke.

Ziel des im März 2019 gegründeten Klimaschutzbündnis Saar ist es, gemeinsam mit lokalen Verbänden, Vereinen, Initiativen, Bürgerenergiegesellschaften und weiteren Akteuren die Klimaschutzmassnahmen im Saarland zu beschleunigen. In einem im Mai 2019 veröffentlichten Positionspapier liegt ein starker Fokus auf erneuerbaren Energien.

Der Verein „Energiewende Saarland„, gegründet 1986 als Reaktion auf die atomare Katastrophe in Tschernobyl, informiert zu allen Fragen der Sonnenenergie-Nutzung, über Energiesparen und rationellen Energieeinsatz. Der aus etwa 300 Mitgliedern bestehende Verein mit Sitz im Saarbrücker Haus der Umwelt will „nicht länger auf andere warten, sondern selbst etwas bewegen“ – dies vor allem auf lokaler und saarlandweiter Ebene. Getragen werden die Aktivitäten auch von der Überzeugung, dass konventioneller Strom viel zu billig ist und Ökostrom günstiger wäre, wenn die konventionelle Stromindustrie die Kosten umlegen müsste, die durch den Abbau fossiler Energien und die Endlagerung von Atommüll anfallen (werden).

Seit 2019 ist das Thema erneuerbare Energien und Energiewende wieder aktuell geworden. „Und die Frage, ob sie denn gelingt, ist heute von eher geringer Bedeutung. Längst ist den meisten Menschen klar, dass der Erfolg der Energiewende alternativlos ist. Und dass für alle Menschen.“ hieß es in der Einladung zu einer Veranstaltung „Energie in Bürgerhand“ am 22. Oktober 2019. „Die großen Energiekonzerne wie RWE, EnBW und Vattenfall oder die örtlichen Versorger in den Städten und Kommunen haben längst diesen Markt der Zukunft erkannt. Sie drängen mit der Macht ihres Geldes und ihrer Lobbyisten vor und besetzen ‚diesen Markt‘ für sich. Die Frage, ob Maßnahmen wirklich sinnvoll sind, werden in den Konzernen von dem Stand der Aktie und den Gewinnen bestimmt, weniger von Vernunft und der Frage, wie können wir alle das am Besten hinbekommen und alle davon partizipieren. Also: Wie können möglichst viele Bürger daran beteiligt werden?“ Die Veranstaltung, insbesondere der Vortrag von Werner Götzinger von der Bürger-Energie-Genossenschaft Köllertal (BEG)  zeigte dazu Wege auf, zum Beispiel durch die Mitgliedschaft in einer der solchen Energiegenossenschaften, die vor Ort die Energiewende vorantreibt (PDF des Vortrags). Ausser in Köllertal gibt es noch eine BEG im Bliesgau.

Eine weitere Möglichkeit privaten Engagements sind Bürgerkraftwerke. Im Jahr 2000 wurde in Merzig die Ökostrom Saar GmbH gegründet, deren Geschäftszweck die Planung, Finanzierung, Errichtung und der Betrieb von Anlagen zur Energiegewinnung aus regenerativen Quellen sowie der Handel mit der aus solchen Anlagen erzeugten Energie ist. Seitdem wurden viele Windenergie-, Biogas- und Photovoltaik-Anlagen errichtet. Im Mai 2011 wurde aus der GmbH heraus die Ökostrom Saar Bürgerkraftwerke GmbH gegründet. „Erneuerbare Energien müssen bürgernah und dezentral sein. Dafür stehen wir seit über 20 Jahren und bringen unsere ganze Erfahrung ein, um solide, seriös und umsichtig geplante Energieprojekte in unserer Region zu entwickeln,“ so Thomas Nägler, einer von drei Gesellschaftern der Ökostrom Saar GmbH. Wer hier sein Geld investieren will, kann dies über das Beteiligungsportal der GmbH tun.

Auch schon seit 16 Jahren besteht die Initiative Solverde Bürgerkraftwerke. Ursprünglich 2004 in Saarbrücken als Verein gegründet, ist man seit 2016 als Energiegenossenschaft bundesweit aktiv. Ihr Metier sind Photovoltaik und die Geldanlage in Photovoltaik: Die Genossenschaft plant, baut und betreibt Photovoltaik-Anlagen – sowohl im Aufdach- wie auch im Freiflächenbereich. Bürgersolaranlagen entstanden in St, Wendel, Marpingen und Quierschied sowie bundesweit. Man kann Mitglied werden oder zwecks Geldanlage in Solverde investieren. Mit Esther Sabokat und Dietmar Schorr sind zwei Saarbrücker*innen weiterhin bei der heute in Berlin ansässigen Genossenschaft aktiv.

In der Großregion zu nennen sind auch die 2012 in Luxemburg gegründete Energiekooperative EquiEnercoop, die in Zusammenarbeit mit Kommunen auf Schulen Photovoltaik-Anlagen errichten. Die Transition-Gruppe „Minett“ hat 2013 im Süden des Landes ebenfalls eine solche Kooperative gegründet: TMEnerCoop.

Umfassender aufgestellt ist das neu geründete Klimaschutzbündnis Saar, dessen Ziel es ist, gemeinsam mit saarländischen Verbänden, Vereinen, Initiativen, Bürgerenergiegesellschaften und weiteren Akteuren die Klimaschutzmassnahmen im Saarland zu beschleunigen.

Stromanbieterwechsel

Jeder Stromkunde kann relativ einfach zu einem sauberen Anbieter umsteigen. Die meisten sind nicht wirklich viel teurer als die konventionellen mit ihrem immer noch hohen Anteil an Energie aus fossilen Quellen- Doch wie erkennt man eigentlich einen guten Ökostromanbieter? Das Problem beginnt beim Begriff: „Ökostrom“ ist nicht genau definiert. Anders als bei „bio“ stehen dahinter keine gesetzlichen Regelungen, die den Begriff schützen. Stromanbieter können Begriffe wie „Ökostrom“ oder „Naturstrom“ auch missbräuchlich verwenden, ohne negative Auswirkungen befürchten zu müssen.

Das gilt auch und gerade für den hiesigen Anbieter Energie SaarLorLux, der 2020 mit viel Aufwand für eine „Bürgerbeteiligung für das neue Gasmotoren-Kraftwerk“ (GAMOR) an der Römerbrücke wirbt, um den „Kohleausstieg zu unterstützen“, damit aber eher greenwashing betreibt.

Es gibt keine spezifisch saarländischen Anbieter, die 100 % grünen Strom liefern. Aber man kann seinen Strom auch von ausserhalb beziehen. Sehr gute Anbieter erzeugen zu 199 % Strom aus erneuerbaren Energien und setzen sich aktiv für den Ausbau der erneuerbaren Energien (im eigenen Land) ein- Eine Ökotest-Analyse von 2018 und ein Vergleich von Check24 von 2020 zeigen, worauf man achten muss, will man zwischen den Bürgerwerken, Lichtblick, Naturstrom oder Polarstern wählen soll, um nur die bekanntesten zu nennen.

Digitalisierung

Das Internet und die digitalen Funktechniken haben in Corona-Zeiten einen enormen Schub erhalten. So sehr wir Home Office und digitale Konferenzen schätzen gelernt haben: Sie haben jedoch sozusagen einen „Auspuff“ in Form von erheblich steigenden CO2-Emissionen. Darüber sollte im „digitalen Rausch“ besser aufgeklärt werden. Da wir erst in 2030 einen Ökostromanteil von bestenfalls 65 % erreichen (derzeit 46 %), darf der Ausbau der digitalisierung also keineswegs schneller vonstatten gehen als der Ausbau der erneuerbaren Energien.

FAZIT: Es bleibt noch viel zu tun. Preisfrage: Kennt eigentlich jemand den/ die saarländische Energieminister/in? (Lösung)

Verkehrswende

Wir müssen unsere Alltagsmobilität und unsere Urlaubsgewohnheiten ändern. Im Saarland gilt wohl vor allem ersteres, wollen wir ernsthaft den CO2-Ausstoss senken. Die bundesweit einzige Autobahn, die mitten durch den wichtigsten Stadtpark einer  Landeshauptstadt führt, ist das deutlichste Symbol für eine verfehlte Verkehrspolitik, bei der dem auto-mobilen, durch fossile Energien angetriebenen Personenkraftwagen absolute Priorität eingeräumt wurde. Vom kaum hinterfragt stolzen Diktum „Autoland Saar“ kommt man nicht so einfach weg.

Die Vision, dass das in den 1960er- und 70er-Jahren zur Autostadt mutierte Saarbrücken wieder grüner und gesünder werden muss, ist schon einige Jahre alt. Oder sagen wir: Aus diversen, von der Mehrheit routiniert zurückgewiesenen Einzelforderungen nach Zurückdrängung des Autoverkehrs zugunsten einer stärker kind- und fahrradgerechten Stadt erwuchs 2019/20 in Zeiten der akuten Klima- und Biodiversitätskrise die Erkenntnis, dass es sich hier nicht mehr nur um Partikularinteressen, sondern um den Wunsch eines immer größeren Teils der Bevölkerung handelt.

Waren es bislang lokale Organisationen und Initiativen wie der ADFC, der BUND, das nes oder die Weltveränderer, die den Auto fahrenden, sich über mangelnde Parkplätze beklagenden Bürger*innen andere Vorstellungen entgegensetzten, so beginnen jetzt auch die Wirtschaft und die Politik halbwegs zu verstehen, wie dringend ein Wandel nötig ist: Die Verbrennung fossiler Energien muss schnellstmöglich weitgehend eingestellt werden, zugleich sollte der Ressourcenverbrauch radikal gesenkt werden. In Saarbrücken, im Saarland, in der ganzen Welt.

Immerhin wurde der Fehler, die jahrzehntelang quer durch den Stadtverband verlaufenen Strassenbahnen einzustellen mit dem Bau und der Eröffnung der Saarbahn 1997 halbwegs wieder gut gemacht. Bereits 1890 hatte die Stadt St. Johann mit dem „feurigen Elias“ ihre erste Dampfstraßenbahn von (Alt-) Saarbrücken über den St. Johanner Markt nach Luisenthal eingerichtet. In den 1950er-Jahren „nahm der Verkehr immer stärker zu, weil Banken, Versicherungen, Einzelhandelsunternehmen und Schulen zu gleichen Zeiten ihre Arbeit aufnahmen und beendeten. Das führte zu einer Überbelastung der öffentlichen Verkehrsmittel. Die rund 200 Fahrzeuge waren dem Ansturm nicht mehr gewachsen“ heisst es in einem historischen Rückblick.

Durch die rapide Zunahme des motorisierten Individualverkehrs „blieben die Straßenbahnen oftmals auf ihren von Autos verstopften Trassen stecken“. In dieser Situation erwies sich der Bus als das Verkehrsmittel der Zukunft. Er konnte den Hindernissen ausweichen. Im flexibleren Omnibus sah man langfristig das einzige Verkehrsmittel des öffentlichen Nahverkehrs. Die Straßenbahn hatte ausgedient. Folgender Satz dieses Rückblicks ist bezeichnend: „So kam es zur Entscheidung, öffentlichen Verkehrsraum zugunsten des Individualverkehrs aufzugeben.“ Am 22. Mai 1965 fuhr die für die folgenden 32 Jahre letzte Straßenbahn.

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Quelle: Stadt Saarbrücken

Weltweit gestalten gerade Städte – darunter berüchtigte Stau-Metropolen – als direkte Folge der Corona-Pandemie ihren Verkehr um und schaffen das bisher Undenkbare: Verkehrsberuhigte Innenstädte mit mehr Raum für Fußgänger und Fahrräder. Denn mehr Platz ist auch ein wichtiger Beitrag zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Die Deutsche Umwelthilfe hat in über 200 deutschen Städten formal beantragt, Verkehrsflächen während der Corona-Krise in sichere Fahrradstraßen umzuwandeln und zur Vermeidung schwerer Unfälle die Geschwindigkeit in der Stadt auf 30km/h zu begrenzen. Das ist eine Möglichkeit, die „Gunst der Stunde“ zu nutzen. Aber bei der Verkehrswende geht es noch um mehr. Gerade in Saarbrücken.

„Fußverkehr“

Gutes und gefahrloses Gehen ist nicht nur für Eltern von Kleinkindern ein Thema. Das Auto dominiert mit Straßen und Parkplätzen (aber auch mit zugeparkten Bürgersteigen) seit 60 Jahren den öffentlichen Raum. Die meisten Entscheidungen über guten oder schlechten Fußverkehr fallen vor Ort – in Tiefbau- und Verkehrsbehörden, bei der Polizei, bei vielen Bürgern. Die Ortsgruppen des bundesweit aktiven Vereins Fuss e.V. engagieren sich für besseren Fußverkehr. Ihre Mitglieder legen lokale Ziele fest, analysieren Mängel und Qualitäten, sprechen Behörden an, machen Aktionen und mobilisieren die Öffentlichkeit. Aktuell haben sie 10 Ideen für die Corona-Zeit entwickelt. Ansprechpartner in Saarbrücken ist Volker Wieland (Volker.Wieland@fuss-ev.de), der darüber hinaus als Barfussgänger bekannt ist.

Spazierengehen liegt grad generell im Trend. Der Spaziergangsforscher (ja!) Bertram Weisshaar geht davon aus, dass der derzeitige, coronabedingte Trend zum Spazierengehen auch nach der Krise anhalten wird. Deshalb solle Gehwegen ein grösserer Stellenwert  in der Kommunalpolitik eingeräumt werden und es sollen grössere Parks und breitere Fusswege angelegt werden, so der Buchautor-

Fahrradinitiativen

Das Fahrrad war ursprünglich ein Verkehrsmittel für Wohlhabende, bis ihre Produktion für die Nutzung durch Arbeiter subventioniert und dadurch billiger wurde. Seitdem fuhren hierzulande mehr Radfahrer – bis zur Automobilisierung der 1960er-Jahre. Heute haben sie es nicht ganz leicht. Das weiß ich wie jede/r andere, der/die hierzulande die alltäglichen Wege mit dem Fahrrad zurücklegt.

Nirgendwo in Deutschland wird so wenig Rad gefahren wie im Saarland. Noch ist das so, aber es ist erklärtes Ziel der Landesregierung und vieler Initiativen, die rote Laterne im Vergleich der Bundesländer abzugeben. Hier ist insbesondere der Fahrradclub ADFC als Lobbyist für einen Ausbau des hiesigen Radwegenetzes aktiv. Er bietet aber auch Radfahrschulungen und veranstaltet jeden Monat vielee Radtouren und mehrmals jährlich auch Fahradbörsen, bei denen an den ersten Samstagen der Monate April – Oktober gebrauchte und reparierte Räder von Privat zu Privat verkauft werden können (Termine 2020: 20. Juni, 4. Juli, 1. August und 5. September). Helfer können sich unter 0681-45098 anmelden.

Auch der 2017 gegründete Verein „Weltveränderer“ beschäftigt sich stark mit Fragen der globalen Nachhaltigkeit und unter anderem spezifisch der lokalen Mobilität. Harald Krucem vom Verein ist einer der Initiatoren der hiesigen Critical Mass (Kritische Masse) Aktionsform, bei der sich mehrere nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer scheinbar zufällig und unorganisiert treffen, um mit gemeinsamen und unhierarchischen Protestfahrten durch Innenstädte mit ihrer bloßen Menge und ihrem konzentrierten Auftreten auf ihre Belange und Rechte gegenüber dem motorisierten Individualverkehr aufmerksam zu machen. Die Critical Mass Saarbrücken ist eine fröhliche und entspannte Radtour durch die Stadt, die zeigt, dass Fahrräder auch Verkehr sind. Treffpunkt ist jeden letzten Freitag im Monat um 18:30 Uhr auf dem Max-Ophüls-Platz. Die Teilnehmer/innen diskutieren auch auf Facebook. Das luxemburgische Pendant ist die „Vélorution“ in Esch/ Alzette.

Akteure der Weltveränderer kommen auch zu Einrichtungen und bieten Veranstaltungen und Aktionen zu globaler Verantwortung. Seit September 2018 hat der Verein ein kleines Büro in Malstatt, einem Stadtteil, in dem relativ viele Arme leben. Das ist kein Zufall: Ein besonderer Ansatz des Vereins besteht darin, mit Menschen arbeiten und diskutieren zu wollen, die bislang noch wenig zu globalen Themen informiert oder dazu engagiert sind. „In der Vergangenheit haben wir die Erfahrung gemacht, dass Nachhaltigkeitsthemen sehr häufig von Menschen gestaltet werden, welche den Bildungsweg vom Gymnasium über die Hochschule in die Entwicklungs- oder Umweltpolitik gemacht haben“, sagt Harald Kreutzer.

Dies möchte man mittelfristig mit Formaten und Veranstaltungen durchbrechen, die stärker von Menschen mit anderen Lebensläufen mitgestaltet werden. Dazu gehören die monatlichen Repair Cafés (siehe unten) und Aktivitäten zur Inwertsetzung des Fahrrads als perfektem innerstädtischen Verkehrsmittel.

Auch Lastenräder, also nicht nur Anhänger zum Transport von Kindern (ich fahre meine zwei seit Jahren mit einem Modell der Firma „Croozer“ durch die Stadt), sondern vor allem die aus den Niederlanden bekannten Modelle mit einer grossen Ladefläche vor dem Lenkrad, vor allem solche mit E-Motor-Unterstützung, können einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Entlastung der Innenstädte vom LKW-Verkehr leisten. Mit ihnen lassen sich auch schwere Waren durch Fussgängerzonen befördern, etwa bei der Anlieferung von Geschäften (weitere Argumente auf der Seite lastenfahrrad-zentrum.de). Der Saarbrücker Spezialist für den Verkauf und die Vermietung von Lastenfahrrädern, nachhaltige Mobilitätskonzepte, Wartung und Flottenmanagement ist „Cargo Velo Services“ in der Rotenbergstrasse.

2016 wurde ein u.a. vom Bund gefördertes Projekt „Ich entlaste Städte“ gestartet. Dabei werden Firmen und Einrichtungen im gesamten Bundesgebiet Lastenräder zur Verfügung gestellt, die dann von den Nutzern getestet werden. Diese Möglichkeit gibt es seit Juli 2018 auch im Regionalverband Saarbrücken. Wer Testpilot spielen möchte, wende sich an lastenrad@dlr.de (mehr Infos auf der Facebook-Seite „Lastenradfahrer Saarbrücken„). Wirklich erfolgreich ist das Projekt nicht. Es steht auch nur ein Lastenrad zur Verfügung. Aber wichtiger: Der Öffentlichkeit wird eine Alternative aufgezeigt.

Ein großer Teil des öffentlichen Raums wird in Städten für das Parken von Autos verbraucht und geht somit anderen Nutzungen verloren. Kinder finden im Freien kaum noch Platz zum Spielen, Kneipen müssen ihre Außenbestuhlung auf enge Gehwege stellen. Das hindert Autofahrer nicht daran, über fehlende Parkplätze in Saarbrücken sowie überteuerte Preise der Parkhäuser zu schimpfen. Die Stadt sei autofeindlich, heisst es oft.

Um die in Wirklichkeit unfassbar autofreundliche Flächennutzung zu problematisieren und andere Vorstellungen vom öffentlichen Raum politisch wieder in die Diskussion zu bringen, findet seit etwa 2018 jedes Jahr am 3. Freitag im September der Parking Day statt. Es wird dabei eine bestimmte Anzahl von genehmigten Parkplätzen von Einzelpersonen und Gruppen mit kreativen Aktionen umgewidmet. Hier spielen neben Raumnutzung, Klimaschutz und Gesundheit vor allem auch Lebensqualität und Freude eine große Rolle. Organisiert und unterstützt wurde der letzte Saarbrücker Parking Day 2019 von einer Gruppe aus Einzelpersonen, Vereinen wie ADFC, VCD, der Initiative Nauwieser Viertel und Unternehmen wie Cambio Car-Sharing. Im Februar 2020 stellten sie dem neuen Oberbürgermeister Uwe Conradt ihre Ideen vor.

Warentransport

Der Transport von Waren ist nach wie vor zu stark Lkw-basiert. Die mit geringerem CO“-Ausstoss bestehenden Alternativen Bahn und Schifffahrt haben es schwer. Insbesondere die Binnenschifffahrt leistet durch ihren niedrigen CO“-Ausstoss einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz und ist wegen der moderaten Frachtraten für Massengüter auch wichtig für die globale Wettbewerbsfähigkeit saarländischer Firmen, insbesondere der Stahlindustrie. Ihre effiziente Nutzung wird aber durch den nötigen Ausbau der Moselschleusen behindert. Dazu kommt, dass für die Nutzung der Mosel immer noch Schifffahrtsabgaben erhoben werden, währedn fast alle anderen deutschen Wasserstrassen davon befreit sind.

Über die deutschen Wasserstrassen werden pro Jahr rund 220 Millionen Tonnen an Gütern transportiert, was 8 % des Transportanteils entspricht. Das Bundesverkehrsministerium will diesen Anteil bis 2030 auf 12 % erhöhen. Dazu sollen erhebliche Investitionen getätigt werden, um Engpässe – wie Schleusen – zu verbessern oder zu beseitigen. Schiffe verursachen mach Berechnungen des Umweltbundesamtes pro Tonnenkilometer 34 gr an Treibhausgas-Emissionen, während es beim Lkw 112 gr sind.

Öffentliche Verkehrsmittel, nachhaltiges Reisen und Übernachten

Neben einer steigenden Nutzung des emissionsfreien Fahrrads ist natürlich ein gutes Angebot des Öffentlichen Personen-Nahverkehrs entscheidend für eine Verkehrswende im Autoland an der Saar. Dazu gehört ein einfaches Tarifsystem mit reduzierten Preisen. Wenn ich meine Kinder von Saarbrücken aus per Bahn in Walhausen abhole und am Ende des Wochenendes zurück bringe, zahle ich im Moment trotz Bahncard 50 satte 43,40 Euro! Wir fahren vorbei an extrem hässlichen, verwahrlosten Bahnhöfen wie dem in Friedrichsthal und ich wundere mich nicht, dass zu wenige Leute den Zug nehmen, wenn sie psychologisch das Gefühl haben, ein Arme-Leute-Transportmittel zu nutzen.

Die saarländischen Busgesellschaften waren schon vor Corona schlecht ausgestattet und hat sich in der Krise verschärft. Christian Umlauf von Verdi sagte Anfang Mai  dazu: „Vor Corona war es schlecht, jetzt ist es noch schlechter. Um überhaupt nur an einen Ausbau des ÖPNV und die Erreichung der Klimaziele zu denken, muss finanziell nachgebessert werden“. Hinzu komme noch ein sich verschärfender Personalmangel, der hauptsächlich an einer unzureichenden Bezahlung und schlechten Arbeitsbedingungen der Fahrerinnen und Fahrer liege.

Die aus einer Bürgerinitiative hervorgegangene Deutsch-Französische Partnerschaft Plattform Mobilität Saar-Lor-Lux entwickelt als Verein mit Sitz in Überherrn Konzepte für den Schienen-, Fuss- und Rad- sowie Autoverkehr. Dazu gehört die Forderung nach einer Reaktivierung der Rosseltalbahn und der linken Saarseite, aber auch der Bliestalbahn. Eine andere Forderung verschiedenster Initiatien ist eine Reaktivierung der Zugverbindung über Frankreich nach Luxemburg. Ich nehme täglich den benzinbetriebenen Express-Bus, der ohne Baustellen und andere Verzögerungen 1 Stunde 15 braucht, statt 2 Stunden 30 mit der Bahn über Trier…

Urlaub in der Region

In den Ferien oder für ein verlängertes Wochenende mal kurz per Flugzeug in die Ferne? Sollten wir uns sofort abgewöhnen oder zumindest auf ein angemessenes Mass reduzieren. Um sich zu erholen und eine schöne Urlaubszeit zu verbringen brauchen wir das eigentlich gar nicht. In einer weiteren Umgebung von 2 – 3 Stunden per Zug gibt es genug Möglichkeiten: von den kleinen Abenteuern vor Ort, über Burgen, Seen und Premiumwanderwegen im Saarland (allein vier im Stadtverband), Lothringen, den Vogesen oder am Rhein, bis hin zu attraktiven Städten wie Frankfurt, Karlsruhe, Luxemburg, Mannheim, Metz, Nancy, Paris, Strasbourg oder Trier. Und coole Jugendherbergen, Ferienhäuser, Hotels oder Campingplätze. Oder man nimmt nimmt sich eine der Nachbarstädte auf zwei Rädern vor (Tipps bei Quattropole) oder erkundet Luxemburg per Rad (Tipps hier). Was man an Flugkosten spart, kann man in gutes Essen investieren!

Manche dieser Möglichkeiten sind nicht nur lokal und schön, sondern auch ökologisch – und coronakonform. Zum Beispiel die Biosphärenregion Bliesgau, die ökologischen Campingplätze am Landgut Girtenmühle (einer von 24 Campingplatzen des Landes) oder Waldwiesen bei Birkenfeld, die Waldjugendherberge Sargenroth (ebenfalls im nahen Rheinland-Pfalz) mit Angeboten unmittelbar waldbezogener Umwelterziehung oder die Bed&Bike-Hotels. Jaja: Man kann auch einfach einmal ein Hotel oder eine Pension in der Region buchen und schauen, was man entdeckt. Es muss ja nicht gleich das Viersternehotel „Linslerhof“ bei Überherrn sein, wenngleich es seit 2011 als „Green Hotel“ zertifiziert ist, oder das Saarbrücker Viersternehotel „Am Triller„, das nicht nur als „Fairtrade-Hotel“ ausgezeichnet ist, sondern zu dessen Philosophie generell Nachhaltigkeit bei der Auswahl der Speisenzutaten gehört. Das Dreisterne-„Hotel Central Molitor“ in Luxemburg-Stadt ist – wie ein Dutzend andere – mit dem Eco-Label und als Fairtrade-Zone zertifiziert. In Mettlach bekommt man im Dreisternehaus „Hotel Haus Schons“ ein Bio-Frühstück. Das Haus ist auch Partner von Slow Food“. Und an den Saarland-Thermen kann man in einem „Glamping Resort“ glamourös campen. Oder nahebei im Landgasthaus „Wintringer Hof“ nicht nur zu 100 % bio speisen, sondern auch in Gästezimmern mit Naturmatratzen schlafen und von dort durch das Bliesgau wandern.

Auch in Lothringen gibt es viele Möglichkeiten des Naturerlebens und nachhaltiger Übernachtungsmöglichkeiten, zum Beispiel das ökozertifizierte „Hotel Nadia“ südlich von Nancy oder das ebenfalls mit dem Label ausgezeichnete Bio- & Spahotel in La Petite Pierre im Naturpark Nordvogesen (mehr zu diesen und anderen Labels). Etwas Besonderes sind auch die Eco Lodges im Wildpark Sainte Croix bei Sarrebourg: Es handelt sich um die europaweit erste solche Auszeichnung eines Tierparks. Nicht bio-zertifizierte Ferienhäuser, die jedoch inmitten der lothringischen Natur liegen, finden sich auf der Seite Naturhäuschen.

Etwas ganz anderes bietet das Team von „Branos. Zentrum für Wildnis Wissen“ seit 10 Jahren im elsässischen Keskastel: Hier werden Überlebenstechniken und die Kunst des Lebens in der Natur vermittelt, in Kursen kann man sich aus dem Alltag ausklinken, Tagesangebote für Kinder nutzen oder in den Ferien ein Familiencamp besuchen.

Egal wo, vor Ort merken wir: Ein gelungener Urlaub hat wenig – höchstens mit Blick auf Bedürfnisse wie Sandstrand, Hitze und wirkliche Fremdheitserfahrungen – mit Entfernung zu tun. Sondern mit Entspannung (keine lange An- und Abreise) und Entschleunigung, echten Erlebnissen, Entdeckungen, Erprobungen, beschäftigten Kindern, Naturerleben, reduzierten Haushaltserledigungen (Essen gehen, Vollpension), Sport und natürlich Spass.

Und wer doch nicht ganz auf Fernreisen verzichten mag, aber fair reisen möchte, dem sei das mit dem ITB-Buch Award 2017 ausgezeichnete Buch des Berliners Frank Herrmann „FAIRreisen: Das Handbuch für alle, die umweltbewusst unterwegs sein wollen“ empfohlen. Er fragt sich, wie wir fair und nachhaltig im Urlaub unterwegs sein können. Und welche Rolle spielt die Frage des Fair-Reisens für Tourismusanbieter? Ist nachhaltiger Tourismus eine Nische oder eine Notwendigkeit? Und nicht zuletzt: Wie können wir unser Reisen so gestalten, dass nicht nur wir bereichert zurückkehren, sondern auf unserem Weg auch zu guten Entwicklungen für Klima, Menschen und Umwelt beitragen?

Naherholung

A propos Wandern: Im Saarland gibt es mittlerweile 68 so genannte Premium-Wanderwege. Mit dieser Kategorie bezeichnet das Deutsche Wanderinstitut  Strecken- und Rundwanderwege, „die hervorragend markiert sind und einen besonders hohen Erlebniswert aufweisen“. Auf ihnen sei „ein ausgewogenes, schönes Wandererlebnis garantiert“. Also nicht die Art Wege, auf die uns die Eltern manchmal gezwungen haben, sondern solche, die oft nur Pfade sind, auf denen man tolle Aussichten und schöne Waldbilder, Gewässer, Felsstrukturen und andere Entdeckungsmöglichkeiten, wie auch „kulturhistorische Kleinoden“ erlebt. Zudem bietet der 1907 gegründte Saarwaldverein mit seinen 27 Ortsvereinen jährlich um die 2000 geführte Natur- und Kulturwanderungen an. Gerade diese Wege haben wohl dazu beigetragen, dass das Saarland als erstes Bundesland ist, das durch TourCert als nachhaltiges Reiseziel ausgezeichnet worden ist. Oder war es der diesbezüglich unvermeidliche Manuel Andrack, durch den man das pushen konnte?

Urwald macht Schule“ sind ganz- bis mehrtägige Veranstaltungen mit Übernachtung im Urwaldrevier, in der Scheune Neuhaus und dem WildnisCamp als Basislager und zentraler Ort – mit der Saarbahn erreichbar. Je nach Alter gibt es unterschiedliche Themenschwerpunkte zum Ökosystem Wald und seiner sukzessiven Entwicklung zum wilden (Ur)Wald. Waldpädagogik ist eine gute Überleitung zum Thema Konsum (ich habe schon Kindergeburtstage in Plastik-Vergnügungsparks erlebt). Viele kennen den Wildpark Saarbrücken, wissen aber nicht, dass es dort seit 2016 eine Wildpark-Akademie mit Angeboten vor allem für Kinder gibt. Und schliesslich sei noch das ökologische Schullandheim in Gersheim genannt, das in Spohns Haus ab Klassen-Stufe 7 Workshops zum Thema „ökologischer Rucksack“ anbietet. Bei Blieskastel-Lautzkirchen gibt es auch einen Erlebnisweg/ Lehrpfad zum Thema. Einen anderen, den 2010 vom NABU und der Gemeinde Schiffweiler angelegten Naturerlebnisweg am Strietberg, kann ich nur empfehlen: sehr gut gemacht, viele wirklich lehrreiche und ungewöhnliche, mit viel Liebe und handwerklicher Kunst gestaltete Stationen.

A propos waldbezogene Umwelterziehung: ein Kindergeburtstag mit einem Waldpädagogen bietet vor allem Stadtkindern tolle Erlebnisse und Erkenntnisse. Es gibt im Saarland einige Angebote, zum Beispiel des MALTIZ
Naturerfahrung und Waldpädagogik e.V. in Völklingen, der ein eigenes Waldhaus im Warndt besitzt, im Wald Erlebnis Camp von Christian Strass in Bischmisheim, der auch zu einem Wald in eurer Nähe kommt (kann ich sehr empfehlen) oder im Urwald vor den Toren der Stadt Saarbrücken (mit einem Zentrum für Waldkultur an der Scheune Neuhaus und dem Pädagogen Christian Kirsch, den ich ebenfalls aus eigenem Erleben 2019 sehr empfehlen kann). Dort gibt es mit dem WildnisCamp ein Bildungsangebot, ein Schulprojekt „Urwald macht Schule“ und Ferienprogramme für Kinder und Jugendliche, unter anderem angeboten von der Naturschutzjugend (NAJU).

Zukunft Wasserstoff?

Aber zurück zum Kernproblem, der zu starken Nutzung fossiler Energien im Verkehr: Der Automobil-Zulieferer Robert Bosch GmbH setzt auf den Wasserstoff-Antrieb. Konzernchef Volkmar Denner forderte Ende April von der Bundesregierung den Einstieg in die Wasserstoff-Wirtschaft, verbunden mit einer Technologie-Offensive. Die Forschung und Entwicklung in diesem Bereich müsse jetzt massiv unterstützt werden. Die Förderung der Elektromobilität reiche alleine nicht aus, um Umweltverträglichkeit und das Einhalten der Klimaziele zu erreichen. Nur eine konsequente Förderung der Wasserstoff-Technologie könne gewährleisten, dass Europa bis 2050 klimaneutral wird. „Die heutigen Wasserstoff-Anwendungen müssen raus aus den Reallaboren und rein in die Realwirtschaft“. Bosch wolle sich auf diesem Wachstumsmarkt erfolgreich positionieren. „Bereits 2030 könnte jedes achte neu zugelassene schwere Nutzfahrzeug mit einer Brennstoffzelle ausgestattet sein“, prognostizierte er.

Das Bosch-Werk in Homburg trägt im Konzern als Leitwerk weltweit die Hauptverantwortung zur Herstellung dreier Komponenten, die man für Brennstoffzellen benötigt. Der Aufbau der Musterfertigung zur Herstellung mobiler Brennstoffzellen ist abgeschlossen, Mit dem Konzept könne man künftig Wasserstoff-Fahrzeuge antreiben. Jetzt müsse man die Komponenten zur Serienfertigung bringen. Homburg entwickle auch die einzelnen Produktionsschritte, die zur Serienreife nötig sind. Man hofft, auch den Auftrag zur Serienfertigung zu erhalten – was ökonomisch sehr wichtig wäre, da der Standort durch die Corona-Krise massiv geschädigt wurde.

In Fenne will der Energiekonzern Steag ab 2023 Wasserstoff im industriellen Massstab gewinnen, etwa für Wasserstoff-Tankstellen. Ferner soll im Rahmen des Projekts „Wasserstoffregion Saarland“ auf dem Gelände des stillgelegten VSE-Kohlekraftwerks in Ensdorf ein Wasserstoff-Verteilzentrum entstehen, in dem Gas für den Transport verflüssigt werden soll. Ferner gibt es Pläne für eine 70 km lange grenzüberschreitende Wasserstoff-Pipeline. Und auch die Saarbahn will Brennstoffzellenbusse anschaffen.

FAZIT: Es bleibt noch viel zu tun. Preisfrage: Kennt eigentlich jemand den/ die saarländische/n Verkehrsminister/in? (Lösung)

Konsumwende

Stichworte für eine Konsumwende sind: bio, fair, nachhaltig, ökologisch, plastikfrei, regional, saisonal, slow, vegan und vegetarisch. Hier ist das Saarland und insbesondere Saarbrücken schon sehr weit, zumindest in Bezug auf die Sichtbarkeit der notwendigen Transformation.

Das Netzwerk Entwicklungspolitik Saar (nes) ist – anders als der Name vielleicht suggeriert, im Saarland aktiver als in der Koordination oder im Austausch über Projekte im globalen Süden. Aber alles was organisiert wird, hat weiterhin mit dem globalen Nord-Süd-Verhältnis zu tun. Insbesondere zu erwähnen ist der regelmässig seit 2010 angebotene „Konsumkritische Stadtrundgang“, bei dem Konsumenten für ökologische und soziale Probleme des globalisierten Handels sensibilisiert werden. Das nes hat unter anderem auch in vielen Orten Fair Trade-Beauftragte ausgebildet, zum Beispiel in Blieskastel. Und beschäftigt Fachpromotoren zu wichtigen Themen des global verantwortlichen Wirtschaftens.

Die konsumkritischen Stadtrundgänge werden von der Bildungsinitiative WELTbewusst SAAR umgesetzt – einer bunten Gruppe von engagierten Menschen aus den Organisationen Attac Saar, BUND Jugend Saar, Fairtrade Initiative Saarbrücken, Weltladen „Kreuz des Südens“ und des NES, die seit September 2011 aktiv ist.

Die Stadtrundgänge vermitteln im Rahmen einer ca. zweistündigen interaktiven Führung globale Hintergründe zu Produktion, Nutzung und Recycling von Konsumprodukten. An 4-5 Themenstationen in der Saarbrücker Fußgängerzone erfahren die TeilnehmerInnen, unter welchen Bedingungen und mit welchen Konsequenzen Kleidungsstücke, Papier, Lebensmittel und Elektrogeräte hergestellt werden und welche Konsumalternativen es gibt, um die Umwelt- und Lebensbedingungen weltweit zu verbessern.

Durch die Darstellung von Hintergrundwissen dienen die Stadtrundgänge der Bewusstseinsbildung bezüglich der sozialen, ökologischen und ökonomischen Aspekte des individuellen Konsums. Gemeinsam werden Zahlen und Fakten spielerisch ermittelt, Interessenskonflikte des internationalen Handels in Rollenspielen erfahrbar gemacht sowie Ideen gesammelt und diskutiert. Die TeilnehmerInnen kennen nach einer solchen Führung vielfältige Handlungsalternativen und nachhaltige Konsumangebote im Saarland. Mehr dazu hier

Fairer Handel

2009 war Saarbrücken die erste im Rahmen der bundesweiten Initiative „FAIRtrade Towns“ ausgezeichnete Stadt. Dies ist eine Auszeichnung für die Förderung des fairen Handels auf kommunaler Ebene – als Ergebnis einer erfolgreichen Vernetzung von Akteur*innen aus Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft, die sich gemeinsam lokal für den fairen Handel stark machen. Das Engagement der vielen Menschen zeigt, dass eine Veränderung möglich ist, und dass jede und jeder etwas bewirken kann. Seit 2016 werden Kindergärten und Kindertagesstätten ausgezeichnet, seit kurzem auch „FAIRnünftige Unternehmen“, Zwar gibt es jetzt auch eine Fairtrade-Initiative Saarland, dennoch bleibt noch viel zu tun.

Unten im Haus der Umwelt befindet sich der Weltladen, in dem man nicht nur fair gehandelte Produkte von Stoffen über Kunsthandwerk bis Spielzeug erhält. Auch Ernährung ist hier ein wichtiges Thema: Man bekommt neben den obligatorischen Bananen auch Gewürze oder Weine. Über den Verkauf dieser Proukte hinaus möchte der 1990 vom Verein „Kreuz des Südens e.V. eingerichtete Laden zu einer Änderung unserer Konsumgewohnheiten auch in anderen Bereichen anregen: Kleidung, Energie, Verkehr, Finanzen. Er nimmt auch Stellung zu politischen Fragen der Nord-Süd-Politlk. Nebenan, in bester Lage am Markt bietet auch eine Filiale der Kette „Contigo“ faire Produkte.

Saarlandweit gibt es noch Eine-Welt-Läden/ faire Läden in Dillingen, Homburg/Saar, Losheim, Saarlouis, St. Ingbert und St. Wendel (Kontakt-Liste).

Ein Team von jungen Studierenden des Marketing Science Masters der Htw Saar hat kürzlich eine Webseite entwickelt, die aufzeigt, wo man im Saarland sonst noch nachhaltig einkaufen, kochen und essen kann. Das Thema verantwortlichen Essens und Trinkens wird auch vom 2019 gegründeten „Saarländischen Ernährungsrat“ bearbeitet. Er will Menschen eine Plattform bieten, um Einfluss auf die lokale Ernährungspolitik zu nehmen: „Wir möchten das Ernährungssystem transparenter machen, damit Konsumenten ersichtlich wird, woher Lebensmittel stammen und unter welchen Umständen sie erzeugt, verarbeitet und vermarktet wurden. Außerdem planen wir gemeinsame Aktionen und Exkursionen rund um das Thema nachhaltige Ernährung. Wir versuchen eine Vernetzung vieler Akteure anzustreben“, heisst es.

Bioläden und -produzenten

Beim Öko-Barometer 2019 des Bundeslandwirtschaftsministers gaben 90 % der Befragten Deutschen an, Bio-Lebensmittel einzukaufen. 41 % taten das gelegentlich, 43 % häufig und 6 % ausschliesslich. Daten zum Saarland liegen nicht vor. Die meisten, die gelegentlich oder häufig Bio-Lebensmittel einkaufen, werden vermutlich hauptsächlich bei Discountern einkaufen und eventuell gelegentlich und gezielt (für bestimmte Produkte?) beim Bio-Händler, oder auch sponatn in Hofläden oder auf Bauernmärkten.

Neben der Kette Bio Frischmarkt (mit weiteren Niederlassungen in Homburg, Neunkirchen, Perl, Saarlouis oder St. Ingbert) sowie dem Martinshof Stadtladen gibt es in Saarbrücken einige kleine Bioläden (Ringelblume, Mutter Erde, Bioladen St. Arnual). Außerhalb der Landeshauptstadt sind neben den genannten Frischmarkt-Filialen noch Naturkost Schales in Völklingen, die Läden von La Naturelle in Merzig und Losheim am See, die Kornblume in St. Ingbert, der Bioladen Thomas in Eppelborn, die Brennessel in Saarlouis oder der Kaufmannsladen in Dillingen sowie zwei Naturkostläden im Bliesgau zu nennen. Eine halbwegs vollständige Liste findet sich auf der Seite der Bio-Metzgerei Weller in Blieskastel-Aßweiler, die Frischfleisch vom Rind, Schwein, Kalb, Lamm und Geflügel sowie Wurst anbietet.

Etwas besonderes ist „Tante Emmas Veganeria“ im Nauwieser Viertel, wo es keinerlei tierische Produkte gibt. Neben veganer Feinkost findet man hier hausgemachte Kuchen und Kaffeespezialitäten sowie wechselnde Wochengerichte. 80% der Produkte sind bio. Auch regionale Produkte werden unterstützt, sofern diese vegan sind.

Dazu kommen einige Bio-Hofläden, wie beim Eichelberger Hof in Ommersheim, beim Wintringer Hof in Kleinblittersdorf, beim Martinshof in Dörrenbach bei Ottweiler (mit Stadtladen in der Diskotopassage und Biobus) oder beim Geistkircher Hof in St.Ingbert-Rohrbach und natürlich neben den Bauernmärkten (an der Ludwigskirche, auf dem St.Johanner Markt oder dem Donnerstagsmarkt im Nauwieser Viertel) auch Direktvermarkter von Äpfeln, Erdbeeren  und Kartoffeln. Andere Hofläden wie der des Gemüsebauers Thomas Brill in Eppelborn oder der Hofladen Leibrock im auf Gemüse und Fleischproduktion spezialisierten Eschweilerhof zwischen Neunkirchen und Kirkel bieten wenn auch keine Bioqualität, so doch saisonale regionale Produkte.

Bäckereien sind wie Metzgereien von Konzentrationsprozessen und der Konkurrenz von in Supermärkten integrierten Anbietern betroffen und schwinden stark in der Fläche – jedenfalls die konventionellen Betriebe. Die Zahl der Bäcker*innen ist im Saarland nach Daten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks 2019 im Vergleich zu 2018 von 209 auf 140 Betriebe gesunken.

Es können hier noch drei Bäckereien empfohlen werden, die in Bioqualität oder zumindest nach alter handwerklicher Tradition backen: Sander, Schales und Brot  & Sinne. Die Bäckerei Schales in Völklingen beliefert einige Bioläden des Landes. Mir als Stammkunde bekannter ist die Bäckerei Sander: 2002 übernahm Sander die ehemalige Bäckerei Stein im Nauwieser Viertel und startet mit drei Mitarbeiter*innen die Produktion von Demeter-zertifiziertem Brot. Mittlerweile beschäftigt die Bäckerei Sander mit Filialen in Burbach und Püttlingen mehr als 40 Mitarbeiter*innen, beliefert viele Bioläden im Saarland wie auch in Luxemburg, sowie  Schulen und andere Institutionen. Sie ist immer noch die einzige Biobäckerei der Stadt. Einen guten Ruf hat sich aber auch die Bäckerei Brot & Sinne durch gutes Backwerk in echt handwerklicher Tradition erarbeitet. Zunächst betrieb man unter dem alten Namen „Brot & Seele“ nur einen Laden am St. Johanner Markt, mittlerweile hat man sieben Verkaufsstellen in Saarbrücken und in Saarlouis.

Barbara Unmüßig sagte bei der Vorstellung des „Fleischatlas 2013“ (bislang der letzte), der gemeinsam von der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und der Monatszeitung „Le Monde diplomatique“ vorgestellt wurde, dass, um die Fleischproduktion und den Konsum in Deutschland aufrechtzuerhalten, große Mengen an Futtermitteln importiert werden müssten . Dies trage zur Bedrohung des Regenwaldes bei. Auch würden aufgrund der hohen Nachfrage nach Fleisch in Deutschland vermehrt Antibiotika in der Massentierhaltung eingesetzt (Quelle: Wikipedia).

Nach Prognose der Heinrich-Böll-Stiftung, Herausgeberin des „Fleischatlas“, verbraucht ein Deutscher in seinem Leben im Schnitt zwischen 635 und 715 Tiere. Trotz der Diskussionen um Tierhaltung und Klimaschutz haben die Menschen in Deutschland 2020 kaum weniger Fleisch verzeht als 2018. Der Verbrauch pro Kopf lag mit 59,5 kg nur 600 gr unter dem Wert des Vorjahres. Das meldete die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung am 15. April. Bei Geflügel blieb der Verzehr konstant bei 13,8 kg/ Kopf, beim Schweinefleisch sank er leicht von knapp 36 auf 34 kg/ Kopf (Mehr dazu hier). Der Konsum von Fleisch bzw. Fleisch- und Wurstwaren als Bio-Lebensmittel wird auf bis zu 2 Prozent geschätzt.

An Bio-Metzgereien in unserer Region zu nennen sind die Bio Rind & Fleisch Gmbh in Gusterath, Petermann in St. Ingbert, der Martinshof bei St. Wendel, Peter Thome in Saarbrücken, der Grenzlandhof Becker im Mandelbachtal (vorrangig ein Pferdehof, aber mit Lieferservice für Rindfleisch und Wild) und Weller in Blieskastel-Assweiler. Ihre Produkte erhält man auch in den Bioläden und auf dem Donnerstagsmarkt im Nauwieser Viertel.

Schliesslich gibt es eine Vielzahl an Honig-Produzenten, darunter einige Imker, die nach Bio-Kriterien arbeiten, zum Beispiel Biohonig Wenzel in Blieskastel-Seelbach, der auch Honig-Bier, Bio-Gewürzmischungen, Öle und Schnäpse aus im Bliesgau wachsenden Pflanzen, sowie Fruchtaufstriche und Apfelessig aus regionalen Zutaten anbietet. In der Gaststätte „Zum Storch“ in Alt-Saarbrücken erhält man auch Honig von der Bellevue.

Bio-Restaurants

Während das Saarland in der Produktion von Bio-Lebensmitteln „top“ ist, muss man nach Restaurants und Cafés, die (regionale) Bioqualität anbieten lange suchen. In Saarbrücken zu nennen sind das „Mocca Chili“ und das „Luuc“ nahe des St. Johanner Marktes, das „Cafe Kostbar“ im Nauwieser Viertel, sowie das thailändische „Paillin`s Asian Veggie FoodPaillin`s Asian Veggie Food“ am Landwehrplatz, das  ausschließlich vegetarische und vegane Gerichte bietet und wo bei den Zutaten weitestgehend auf Bio- und Regional-Produkte geachtet wird. Nicht zu vergessen der Foodtruck von World Food Trip am Edeka in der Kossmannstrasse (neben dem Restaurant in Blieskastel). Nicht weit von Saarbrücken entfernt bietet das Landgasthaus „Wintringer Hof“ als BIOLAND-Partner-Betrieb eine Küche, in der zu 100 % Produkte aus biologischem Anbau verarbetet werden. In Schmelz gibt es „Ritas Natur- und Vollwertküche“, in Nonnweiler-Sitzerath den „Landgasthof Paulus & der Laden„.

Sie bieten eine saisonale, regionale Küche mit ausschliesslich oder zumindest hohem Bio-Anteil in – mit Ausnahme des Food Trucks – schöner Umgebung. Das Mittagessen ist dort ein bisschen teurer, schmeckt aber besser und fühlt sich richtiger an, als was es sonst so an billig-frittierten Alternativen gibt. Es lohnt aber auch, andere Betriebe durch Nachfragen zur ermutigen, ihr in Teilen schonn vorhandenes vegetarisches, veganes oder biologisches Angebot zu erweitern. So bietet das edle „Manin“ in einem Hochhaus am Hauptbahnhof eine große Auswahl an vegetarischen und veganen Gerichten. Und selbst die „Kalinski Wurstwirtschaft & Gin Bar“ bietet zum Teil auch Bioprodukte und vegane Speisen (ja!).

Vegane Restaurants

À propos: Ausschliesslich vegan gibt es in Saarbrücken nur in „Tante Emmas Veganeria“ zu essen, das der Inhaber und Handwerker Sven Zimmer 2016 übernommen und im Januar 2020 nach einem Umbau neu eröffnet hat (neben Speisen bietet er auch Feinkost an, unter anderem „die geilsten Torten in ganz Saarbrücken“). An Restaurants zu nennen, die auch ausdrücklich vegane Speisen bieten, sind das „Café Kostbar„, das japanische Sushi-Restaurant „Osaka“ und die Foodtrucks von „World Food Trip“ in Saarbrücken und Blieskastel. Das ist nicht viel, aber es gibt immer mehr Lokale, die zumindest ein oder zwei vegane Gerichte auf der Speisekarte haben.

Bio-Textilien

„Die Corona-Krise demonstriert auf dramatische Weise die Fragilität und Anfälligkeit globaler Lieferketten: nicht nur für europäische Unternehmen, sondern besonders für die Beschäftigten im Globalen Süden“, so Tamara Inhuber, Facpromoterin für global verantwortliches Wirtschaften beim Verein mehr Wert!. „Viele Modeketten stornierten Aufträge, kommen ihren vertraglichen Verpflichtungen nicht nach und verweigerten selbst für fertiggestellte Ware die Bezahlung. Deshalb stehen Millionen Arbeiter_innen beispielsweise der Textil- und Schuhindustrien in Bangladesch, Indien oder Kambodscha von einem Tag zum anderen auf der Straße – ohne Lohn und soziale Sicherung.“

Daher stellt sich jetzt für Tamara und andere saarländische Unterstützer*innen der bundesweiten Initiative Lieferkettengesetz die dringliche Frage: Wie müssen Einkaufspraktiken und Lieferketten nachhaltig und stabil umgestaltet werden, so dass die Menschen sozial abgesichert und ihre Rechte auch in Krisenzeiten geschützt sind? Regierungen und Unternehmen haben die Pflicht, Arbeiter_innen zu schützen. Dazu gehört auch, existenzsichernde Einkommen und Gesundheit sicherzustellen.

Fair gehandelte Biotextilien sind eine Lösung. Zwar galten noch vor wenigen Jahren Mode und Öko als unvereinbares Gegensatzpaar. Aber die Zeiten von „Jesuslatschen“ und Jutesack-Kleidern sind längst passé: Die grüne Welle hat nun auch die Laufstege erreicht. Immer mehr Designer und Modefirmen setzen auf soziale, umweltfreundliche Produktion, fairen Handel und Öko-Materialien (Linksammlung). Auch auf den „Glamour-Faktor“ braucht man nicht mehr zu verzichten: Heute fühlt sich ein gutes Gewissen nicht nur gut an, sondern es sieht auch gut aus.

Wirklich “öko“ und „fair“ ist Mode freilich erst, wenn verschiedene Aspekte beachtet werden: die Rohstoffe, ihre Verarbeitung, bestimmte Sozialstandards, ein fairer Handel und der Energieaufwand beim Transport. Wer ein Kleidungsstück aus 100 % Baumwolle trägt, hat nicht automatisch Natur pur auf der Haut. Denn konventionelle Kleider, auch solche aus 100% Baumwolle, werden fast immer intensiv chemisch behandelt. Schon beim Anbau werden reichlich Kunstdünger, Fungizide und Insektizide eingesetzt. Nach Recherchen von Greenpeace landen für den Rohstoff eines einzigen T-Shirts bis zu 150 Gramm Chemie auf dem Acker. Darunter leiden nicht nur die Böden, sondern auch die Menschen, die darauf arbeiten. Verantwortungsvolle Textilhersteller kaufen daher zunehmend Bio-Baumwolle (organic cotton) ein.

Allerdings sind selbst bei biologischer Landwirtschaft noch nicht alle Probleme aus der Welt: Baumwollpflanzen sind enorm durstig: Für ein Kilo werden zwischen 7.000 und 20.000 Liter Wasser (je nach Klimazone) benötigt. Daher sind mittlerweile auch andere Naturfasern im Kommen, die nicht so stark bewässert werden müssen – zum Beispiel aus Bambus und Hanf. Ehrliche Öko-Mode ist jedoch mehr als grün. Sie berücksichtigt auch das Wohlergehen der Bauern und Feldarbeiter und der Arbeiter/innen in den Textilfabriken und Nähereien.

In der Großregion SaarLorLux finden sich nicht viele Geschäfte, die Biotextilien anbieten. In Saarbrücken zu nennen sind der Marienkäfer] (Baby- und Kleinkinderbekleidung), Grünstreifen (Damen- und Herrenmode), „Zweigesicht“ (Mode), der „Loup-Store“ (Bekleidung, Keramik, Schuhe…)und „Work and Wear” am Neumarkt (funktionale und nachhaltige Arbeitskleidung). In Trier kann man zu Flax gehen. ]. Einen Überblick über Ladengeschäfte in deutschen Städten findet sich bei Grüne Mode. In Luxemburg zu nennen sind vor allem Naturwelten (spezialisiert auf Umstandsmode, Babysachen und Matratzen) und die Akabo Boutique (Damen- und Herrenmode).

Plastikvermeidung und Clean-Up-Initiativen

„Das Selbermachen ist die Grundform allen Schaffens“ heisst es im Buch „Stadtgrün statt Grau“. Das gilt auch für konsumierbare Produkte und deren Verpackung. Hier ist in den letzten Jahren viel passiert. Stellvertretend genannt sei die 79-jährige Ingrid Bröder, die gemeinsam mit anderen vom Verein Malstatt gemeinsam stark (Mags) zur Vermeidung und Ersatz von Plastiktüten jeden Freitag im Nähstunden aus alten Gardinen Säckchen mit Gummizug näht. Die seien ideal für den Einkauf von Obst und Gemüse, weil das Kassenpersonal durch den transparenten Stoff die verpackte Ware sieht und ohne Zeitverlust kassieren könne.

Seit einigen Jahren boomen in Deutschland Unverpackt Läden: Das Konzept ist denkbar einfach: Man kommt mit seinen eigenen Behältern (oder kauft sie im Laden), wiegt diese leer an der Tara-Waage ab und füllt seine beliebige Ware selbst ein. An der Kasse werden dann die Einkäufe gewogen und das Behältergewicht abgezogen. So zahlt man nur den Preis für das reine Produkt. Damit wird Verpackungsmüll vermieden und gleichzeitig etwas gegen die Lebensmittelverschwendung getan. Der Kunde kann selbst bestimmen, welche Menge er kaufen möchte. Deutschlandweit gibt es mehr als 190 solcher Läden, rund 180 weitere sind in Planung. Im Saarland gibt es erst einen in Saarbrücken (seit 2017), vier weitere sind aber in Planung: Eppelborn, Friedrichsthal, Saarlouis und St. Wendel.

Was dann an Plastik, anderer Verpackung, Zigarettenstummeln und sonstigem Müll dann doch in der Natur landet, wird seit kurzem durch freiwillige Akteure der CleanUp Initiative Saarland in gemeinschaftlichen Aktionen entsorgt,

Initiativen gegen Lebensmittelverschwendung

Was Oma noch wusste, haben wir verlernt: Wie verwende ich Lebensmittel, die nicht mehr ganz frisch sind? Statt sie wegzuwerfen. Ein Klassiker ist altes Brot: daraus kann man Paniermehl machen, Knödel und Frikadellen aufpeppen oder auch „Arme Ritter“. Hier ein ähnlich phantasievolles Rezept vom Blog „Balles World“.

Der 1998 gegründete Verein Saarbrücker Tafel am Burbacher Markt wirkt der Wegwerfmentalität unserer Gesellschaft entgegen. In der Praxis bedeutet das: Seit 1999 leiten über 100 ehrenamtliche Mitarbeiter*innen den vorhandenen Überschuss unverkäuflicher Lebensmittel insbesondere von Supermärkten an sechs Tagen pro Woche dorthin, wo Bedarf besteht. Aktuell verteilen sie wöchentlich ca. 20.000 kg Waren zu günstigen Preisen an rund 4.500 bedürftige Personen, die sonst kaum über die Runden kämen. Die Ehrenamtlichen nutzen vier Kühlwagen, um täglich an 60 Abgabestellen Lebensmittel abzuholen, die sonst im Müll landen würden.

Was nicht mehr verwendbar ist, geben sie an den Wildpark Karlsbrunn weiter. Auch der Wildpark Saarbrücken erhält neben privaten Futterspenden Abfälle aus Lebensmittelgeschäften.

Eine ähnliche Idee verfolgen die Leute von „foodsharing“ rund um Volker Wieland, der zudem als Barfußlauf-Aktivist bekannt ist, die ebenfalls unverkäufliche Lebensmittel „retten“ und an „Faierteilerstellen“ wie im Nauwieser Hof weitergeben, allerdings weniger an Bedürftige, sondern eher an Umweltaktivisten und jungen Leuten aus prekären Berufen, wie Künstler/innen. Und natürlich gibt es Leute wie mich und viele andere, die auf eigene Faust „containern„. Wer das „dumpster-diving“ auch einmal probieren mag: Auf WikiHow gibt es gute Tipps, auch juristischer und hygienischer Art.

Es gibt weltweit viele Applikationen, mit denen gegen Nahrungsmittelverschwendung agiert wird, insbesondere, indem aufgezeigt wird, wo Lebensmittel abgeholt werden können: Olio, Too Good to Go, Food Cowboy oder Karma,

Second-Hand-Märkte

Neben Second-Hand-Geschäften (unter anderem im Nauwieser Viertel) und den Dutzenden Flohmärkten, die saarlandweit nicht nur Antiquitäten, Trödel und Nippes, sondern auch gebrauchtes Geschirr, Kleidung und andere Alltagsgegenstände anbieten, gibt es auch ehrenamtlich organisierte Second-Hand-Märkte mit Spezialisierung auf Kleidung. Zu nennen sind neben den von vielen Kindergärten für Baby- und Kleinkinderbekleidung (z.B. vom Kindergarten Christ König oder vom SOS Kinderdorf in Saarbrücken) organisierten Märkten „von Eltern zu Eltern“, die DRK-Kleiderkammer in Dudweiler (Hofweg 82, 9-13 Uhr), der 2020 zum 54. Mal stattfindende Second-Hand-Markt des TuS Bliesransbach in der dortigen Jahnturnhalle oder auch die halbjährlich von Transition Town Saarbrücken in der eli.ja-Kirche in Saarbrücken organisierten Verschenkbörsen. Hier kann man sich kostenlos oder zu geringen Preisen mit sinnvoll neu verwendeter Kleidung ausstatten.

Repair Cafés

Wer defekte Haushaltsgegenstände, Elektrogeräte oder Kleidungsstücke hat, muss diese nicht neu kaufen. Oft ist die Reparatur einfach – wenn man denn Unterstützung und das notwendige Werkzeug hätte. Beides bekommt man bundesweit in Reparatur-Initiativen (Repair Cafés). Seit 2016 gibt es sie als monatliches Angebot auch im Stadtverband:

  • St. Johann (im welt:raum am St. Johanner Markt 23)
  • Malstatt (organisiert von BUND und den Weltveränderern am 1. Samstag im Monat im Kulturzentrum Breitestr. 63)
  • Universität des Saarlandes (organisiert von der VDE-Hochschulgruppe)
  • Völklingen (organisiert vom Mehrgenerationenhaus im Café Valz der Diakonie Saar, Gatterstr. 13)

Unterstützt werden sie unter anderem von Organisationen wie dem BUND oder dem NABU, die das Reparieren von Alltagsgegenständen als Alternative zum Wegwerfen fördern, um weltweit Ressourcen zu schützen. Im Kulturzehtrum Breitestr. 63 können konkret von 11 bis 14 Uhr kaputte Textilien und Elektrogeräte mitgebracht werden, um sie zusammen mit ehrenamtlichen Reparateuren wieder flott zu machen. „In einer Gesellschaft, die ihre nicht mehr funktionierenden Alltagsgegenstände schnell entsorgt und kaum noch zur Reparatur zum Handwerker um die Ecke bringt, soll ein Zeichen gesetzt werden gegen die grassierende Wegwerfmentalität“, sagt Ursela von den „Weltveränderern“. Die Repair Cafés sollen nicht nur ein Ort sein, in dem defekte Gegenstände wieder funktionsfähig gemacht werden, sondern auch ein sozialer Treffpunkt für Menschen.

Wer handwerklich unbegabt ist oder sich keine Zeit nehmen kann oder will, dem seien in Sachen Klamotten oder auch Polstermöbel die guten alten Änderungsschneidereien empfohlen (in den gelben Seiten finden sich zum Beispiel Melchior im Nauwieser Viertel, in der Fröschengasse, Nedim’s Nähstube, Graziella in Burbach oder Antonia Boncori auf dem Rastpfuhl ). Eine ausführliche Liste von Textil-Reparaturbertrieben sowie eine Liste von Reparaturbetrieben für Kleinelektronik haben die Weltveränderer zusammengestellt.

Finanzwende

In Bezug auf das Verstehen und Gewahrwerden, dass die Finanzindustrie – also Banken, Versicherungen oder Investmentfonds – einen wirklich substanziellen Beitrag zur nötigen Transformation leisten könnten und müssten, herrscht im Saarland weiterhin erschreckende Ödnis. Sieht man einmal von Attac Saar ab, gibt es hier keinen Akteur, der das Thema regelmässig in die Öffentlichkeit bringt. Stattdessen herrscht eine erstaunliche Ahnungslosigkeit vor, als würde das Geld der Inhaber von Spar- und Girokonten im Tresor schlummern (während es um die Welt gejagt wird).

Was macht die Bank mit meinem Geld? Das fragen sich immer mehr Sparer. Sie wollen keine Geschäfte mitfinanzieren, die sie für fragwürdig halten. Manche Banken vergeben Kredite und investieren generell nach ethisch-ökologischen Kriterien.

Als Mitarbeiter des Vereins etika in Luxemburg, der gemeinsam mit der dortigen Staatsbank Spuerkeess ein alternatives Sparkonto aufgebaut hat, bei dem das Geld der Sparer/innen ausschliesslich in soziale und ökologische Projekte investiert wird, kann ich im Saarland leider kein entsprechendes Finanzprodukt empfehlen. Die einzige Bank, die hier per Marketing einmal so tat, als habe sie ein grünes Produkt, die Sparkasse, ist immerhin regional orientiert, ebeso wie die Genossenschaftsbanken rund um die Volksbank. Wer seine Bank oder Versicherung aber zu einer wirklich verantwortlich agierenden Alternative wechseln will, dem seien die GLS Bank, Triodos, die Umweltbank und Umweltfinanz empfohlen.

Ein Produktfinder der Stiftung Warentest vom Mai 2020 zeigt, welche Spar-Konditionen gelten und nach welchen Grund­sätzen die ethisch-ökologischen Banken handeln.

Bildungswende

Wie wird aus einem egozentrischen Triebbündel ein soziales Wesen? Bislang geht es in Kindergarten und Schule vor allem darum, für die Kompatibilität mit den Anforderungen der Arbeitswelt zu lernen. Bildung ist dabei untrennbar mit einem Leistungsanspruch verbunden. In höheren Klassen ist Lernen in Konkurrenz zu den Mitschüler/innen (Noten) etwas, das vor allem aus Angst (der Eltern und zum Teil der Schüler) vor Arbeitslosigkeit motiviert ist. Man lernt vor allem, um später eine gute Arbeit zu finden. Andere Aspekte – wie Persönlichkeitsbildung – scheinen weniger relevant.

Individualisierung wird toleriert, das Ausprägen kollektiver Gemeinsamkeiten ist im Rückzug. Es geht so weit, dass man von einer invasiven Pädagogik sprechen kann: Das Kind wird schulisch und ausserschulisch mit Bildungsangeboten bedrängt, die nicht immer seinen Bedürfnisen entspricht – bei Zwang zum Gehorsam. Statt eines eigenaktivem, seine Erkenntnisse aus intrinsischer Motivation im richtigen Moment selber konstruierenden Kind. Dabei weiss man längst: Kinder sind nicht belehrbar. Sie können nur selber wirklich lernen.

Seit einem Jahrhundert wurden Alternativen erprobt: Montessorischulen, Waldorfschulen und Freie Schulen. Dazu gibt es Angebote der Waldpädagogik, Natur- und Waldkindergärten sowie Waldschulen. Im Saarland zu nennen sind der Waldkindergarten „Die Waldzwerge“ in Merzig-Besseringen ein 2019 eröffneter in Lautzkirchen, mehrere Montessori-Kindergärten und Schulen, Waldorfschulen in Saarbrücken-Altenkessel, Bexbach und Walhausen (auf die meine jüngsten Kinder gehen) sowie die Ganztagsgemeinschaftsschule Neunkirchen, bei der die Schüler/innen regelmässig die Waldschule im Kasbruch Furpach besuchen.

Letztlich geht es hier darum, in einer Gemeinschaft für das Leben zu lernen; Denn Wissen entsteht in einem ganzkörperlichen Austausch mit der Welt (nicht nur mit dem Kopf, sondern vor allem durch elementare Bildungserlebnisse). Transition und Nachhaltigkeit als Querschnittsthemen im Curriculum sind bei diesen Schulen zumindest im Ansatz vorhanden oder werden ausgebaut. Wichtig ist eine stärkere Subventionierung solcher alternativer Bildungsmodelle, die als Privatschulen organisiert sind, durch den Staat – und damit ein Bildungsverständnis, das sich nicht auf das berufliche Fortkommen in Anpassung an das bestehende ökonomische System fixiert.

Natürlich gibt es auch im konventionellen Schulsystem viele engagierte Lehrer/innen, was man zum Beispiel an 61 deutschen und französischen Schulklassen im Saarland sieht, die 2020 von der Fairtrade Initiative als „faire Klasse“ ausgezeichnet wurden, oder den „Schulen gegen Rassismus“, aber das bleibt korrigierendes Stückwerk, wenn sich insgesamt nichts ändert…

… – was im Übrigen für viele der hier beschriebenen Initiativen gilt.

Verwendete Quellen (neben den verlinkten): Bauer, Vincent: Futter ist noch da, Einnahmen fallen weg, Saarbrücker Zeitung, 20. April 2020; Bonenberger, Daniel: Aus dem Corona-Alltag eines Busfahrers, Saarbrücker Zeitung, 9. Mai 2020; esi: Fairtrade-Initiative zeichnet 55 saarländische Schulklassen aus, Saarbrücker Zeitung, 2. Juli 2020; Grimm, Fred: Hängematte, Schrot&Korn 05/2020, S. 106; jb: Gebraucht-Fahrrad-Börse, Wochenspiegel/ Die Woch, 13. Juni 2020; Lorenz, Udo: Wandern wird im Saarland immer beliebter, Saarbrücker Zeitung, 2. Mai 2020; Pabst, Aline: Vom Autoschrauber zum veganen Koch, Saarbrücker Zeitung, 29. Januar 2020; Prommersberger, Teresa: Gesundes Essen in kranken Zeiten, Saarbrücker Zeitung, 21. April 2020; red.: Nabu befürwortet Windrad-Pausen, Saarbrücker Zeitung, 5. Mai 2020; Sponticcia, Thomas: Bosch-Homburg plant auch im Mai Kurzarbeit, Saarbrücker Zeitung, 30. April 2020; Zeitung vum Letzebuerger Vollek: Spazierengehen liegt im Trend, 10. April 2020; Warscheid, Lothar: Stahlkrise und Niedrigwasser belasten Saarhafen, Saarbrücker Zeitung, 14. Mai 2020.

Zur Sonne_Ottweiler

Zum letzten unserer Vater-Sohn-Treffs hatten wir uns am 12. März in Ottweiler verabredet, dem Ort, in dem er aufgewachsen ist (leider nur sechs Jahre mit dem Papa) und den er nun verlässt. Es war für beide einer der letzten Gaststätten-Besuche vor den Ausgangsbeschränkungen. Wir landeten letztlich im hippen „Onkel Tom’s Hütte“ – aber ich war schon früher gekommen und nutzte die Zeit, das Wirtschaftsleben meines durchaus geliebten kleinen Landstädtchens nach vielen Jahren Abwesenheit darauf zu überprüfen, wo ich mich mit Tom am liebsten treffen würde und ob ich nicht etwas für diesen Blog finde.

Also ein Lokal, das ich damals 1997-2003 in der schnöselig-überheblichen Arroganz des zugezogenen Städters (tatsächlich) nie betreten hätte. Und wurde – durchaus demütig – eines Besseren belehrt. Es wirkte während der „blauen Stunde“ aber auch einfach zu einladend:

Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt
Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt

Es sah warm aus, drinnen. Und mir gefielen die beiden Schilder in ihrem schlechtem corporate design: einmal auf alt und historisch machend, einmal pragmatisch das servierte Bier hervorhebend.

Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt
Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt
Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt

„Neben jede Kirche hat der Teufel eine Kneipe gesetzt“, hörte ich einmal in Luxemburg bezüglich des sehr weit von der Kirche in Gonderange entfernten Café op der Gare. Hier ist es ihm in der Wilhelm-Heinrich-Straße wohl perfekt gelungen, die Gläubigen und Glauben Vortäuschenden, wie auch die Unreflektierten Stammgäste der katholischen Kirche „Maria Geburt“ nach dem Gottesdienst an eine Theke zu locken (die ja auch Altarähnlichkeit hat). Aber natürlich auch andere Leute, wie mich. OK, etwas bessres findste nicht: Allez Hopp und mutig hinein!

Besonders „sündig“ fühlte es sich freilich nicht an (abgesehen davon, um 19 Uhr einen Espresso (mit Schokotäfelchen von „Merci“), statt eines Biers zu bestellen). Ich setzte mich in eine Ecke, in der ich das ganze Lokal überblickte: Die zwei Männer im Gespräch rechterhand im Séparée, den städtischen Reinigungsbediensteten linkerhand am Spielautomaten und frontal vor mir die Theke mit einem weiteren Pärchen und zwei Einsamen). Das Herz des Lokals. Dazu gab es in Form eines umfunktionierten ehemaligen Windfangs eine Raucherecke am Eingang.

Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt

Neben meinem heimlichen Thekenfoto fand ich noch viel bessere in einem Artikel des Stadtmagazins:

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webbilder_gastronomie_slides_new_6508_3

Aber zurück zu meinem Erleben:

Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt
Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt

Mich erstaunten neben den Kerzen auf jedem Tisch auch die Bretzeln, die da auf mehreren Tischen mit der impliziten Aufforderung lagen, sich einfach zu bedienen. Ähnliches habe ich nur einmal mit belegten Broten in der „Taverne Battin Chez Anita“ im luxemburgischen Esch/ Alzette erlebt. Die message: Sei willkommen, bedien dich, wir schauen hier nicht so sehr auf’s Geld, uns ist die Gemeinschaft wichtiger.

A propos corporate design: Drinnen ist alles perfekt Ton in Ton. Ich mochte das, irgendwie.

Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt
Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt
Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt
Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt

„Zur Sonne“ gibt’s als urtypisch deutschen Namen auch in Dinkelsbühl oder als Hotel in Freiburg. Es ergab sich nicht, mit der Inhaberin über die Historie zu sprechen. Ich lernte sie erst im Mai 2020 zufällig beim Fegen vor ihrem Haus neben dem Lokal „Zwinger“ kennen. Vielleicht lass ich sie – über das stadtmagazin – selber ihr Lokal beschreiben:

„Seit 1999 führt Inhaberin Eva Leist die klassische Kneipe und bedient ihre Gäste stets mit einem Lächeln. Offeriert werden Ihnen gutbürgerliche Speisen und regionale Spezialitäten. Ein Besuch zur Mittagszeit lohnt sich, eine regionale Spezialität wird täglich als Mittagstisch geboten. Ein Highlight ist der Genuss der leckeren und mit Liebe zubereiteten Gerichte bei schönem Wetter im Biergarten des Hauses. Dazu wird Ihnen selbstverständlich ein kühles Getränk serviert  (…) Vereine dürfen gerne den ersten Stock des Gasthauses als Veranstaltungsraum nutzen. Übrigens wird jeden ersten Donnerstag im Monat eine Jazz Session veranstaltet – ein Event, das Sie nicht verpassen sollten.“

Später sagte mir Eva Leist, dass das Lokal wohl schon seit den 1950ern oder 1940ern existiert. Bei meinem Besuch war grad der zweite Donnerstag und von oben schallte eher der Gesang eines Männerchors auf die Straße. Das hörte sich nicht schlecht an. Hier trifft sich ansonsten auch die lokale SPD. Zu essen gibt es nur mittags das Stammgericht, bei meinem Besuch wäre das Ratatouille mit Reis gewesen.

Was aber hatte es mit diesem irgendwie unpassenden und doch passenden colorierten Foto auf sich? Ist das Rasputin? Und wieso hier?

Zum Wehrturm: tot, zwischendurch Cockktaiolbar "Curacao" oder so, die schnell dicht machte

Ja, tatsächlich – sagte mir die Kellnerin. Unterzeichnet ist es mit „Silber 20/0“. Es sei ein Bild eines befreundeten lokalen Künstlers. Ich hörte noch etwas den Gesprächen zu, überlagert von „Sound of Silence“ aus dem Radio, gefolgt von den Nachrichten: Die Schulen schließen? Das klang damals noch unvorstellbar. „Zieh doch ma Dein Mundschutz an“, scherzte eine Frau an der Theke. „Kann man sich auch selber machen“ – die Erwiderung. Woraufhin einer einen Witz loswerden musste: „Gehen Sie nicht zum Arzt, sondern zu denen, die Ihnen schon ein halbes Leben lang auf den Sack gehen“. Das verstand ich nicht. Aber so gehen halt die Gespräche an der Theke manchmal. Ein vierter Einsamer kam rein und die Wirtin fragte: „Cola Light?“ – „Jawoll“.

Die Sänger/innen von oben kamen übrigens nicht hinunter, während ich hier war. Der Raum im ersten Stock sieht sehr authentisch-interessant aus, vielleicht sogar unsaniert? Mal sehen, ob ich da nochmal hin komme.

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Ich zahlte und lief dann weiter, vorbei am „Brauhaus“ zum Marktplatz mit dem „Nassauer“, hatte ein Gespräch am „Fässje“ und entdeckte das tote „Zum Wehrturm“, das zwischendurch einmal eine Cockktaiolbar namens „Curacao“ oder so war, die aber schnell wieder dicht machen musste. Welches Lokal wohl älter ist? Das „Fässje“ oder die „Sonne“? Das Fässsje ist eine dunkle Kneipe unter den tiefen Decken eines über 400 Jahre alten Hauses, wie mir ein Stammgast sagte. Es sei 40 Jahre alt, da war er sich sehr sicher. Aber vorher? War da schon eine Kneipe? Das konnte mir der scchon nach Pensionär ausssehende nette Mann nicht sagen.

Es sind schon unfassbare 17 Jahre, seit ich hier weggezogen bin. Das fühlte sich gar nicht so an, obwohl oder weil ich gut verheimatet war. Schön, wieder zu kommen und mich neu in dieses Kleinstädtchen zu verlieben.

Adresse: Wilhelm-Heinrich-Str. 17, 66564 Ottweiler, Tel.: 06824-700720, info@gasthaus-zur-sonne-otw.de, Homepage

Zur Sonne_Ottweiler © Ekkehart Schmidt