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Fari_Bingen

Das war wegen des plötzlichen Schneeeinbruchs letzten Samstag nicht so einfach, für ein Rendezvous/ Date nach Bingen zu kommen (Zugausfälle und so), ich verspätete mich eine Stunde… Statt gemeinsam zu frühstücken, nahte gleich das Mittagessen… Hier lag kaum noch Schnee, aber als ich vom Bahnhof kommend doch noch über eisige Schneeverkrustungen stolperte und dann an diesem bescheiden wirkenden persischen Restaurant vorbei kam (wenn ich das einmal vergleichen darf mit grossstädtischen Lokalen wie dem „Molana“ in Hamburg, den „Persian Food & Rice Boxes“ in Luxemburg, dem „Arian Grill“ in Saarbrücken und vor allem dem „Hani„, dem „Kish“ und dem „Persia“ in Frankfurt/Main), strahlte es eine so sympathisch-attraktive Wärme aus, dass ich es bei der späteren Frage, wo etwas essen, gleich vorschlug. Bingo: Sie hatte es auch entdeckt.

Ihr behagte das „Fari“ in schnellem Einverständnis ebenfalls deutlich stärker als „Zur alten Post“ oder „Zum geschwollenen Herz“. Und so landeten wir nach einer Schneewanderung zur Rochuskapelle auf den Spuren von Hildegard von Bingen zwei Stunden später tatsächlich bei der gleichnamigen Dame, die das Lokal in der Rathausstraße – wie vermutet – mit Herzblut betreibt. Vor allem aber hatte sie um 15 Uhr noch offen und erklärte uns gerne, was sich in ihrer Vitrine an Speisen zur schnellen Zubereitung anbot: Ghorme Zabzi mit Safranreis, Gheymeh Sibzamini, gefüllte Auberginen und Paprika, persische Graupensuppe, Chello Kebab… Die Qualität ist sehr gut und auch die Preise sind vergleichsweise fair: Die Vorspeisen zu 3,50 bis 7,50 Euro, die Hauptgerichte 12,70 bis 18,70 Euro. Man zahlt eben nicht nur die Speisen, sondern auch das Gefühl des hier gut und herzlich aufgehoben Seins.

Wir setzten uns in den Nebenraum, wärmten uns auf und liessen die Einrichtung mit imposanter Löwenfigur unter einem Spiegel mit Goldrahmen auf uns wirken…

Dann kam unser Essen:

Ich kam schnell in Kontakt mit Fari und erfuhr: 16 Jahre lang hat sie mit ihrem Mann ein Fischgeschäft mit Restaurant geführt, dann versuchte er sich in Antiquitäten und sie machte „als Hobby“ ihr Bistro auf („Restaurant“ könnte man bei der Breite und Qualität der Auswahl durchaus auch sagen, aber…). Seit vier Jahren steht sie jeden Morgen gegen 3 Uhr auf und bereitet die Speisen vor, erzählte mir ihre Tochter, die später dazu kam und mich draussen vorm Schaufenster – zu Recht – fragte, was ich da fotografiere: Die persischen Dizibehälter mit Stampfer, neben denen ihre Mutter ziemlich typisch europäische Kochfiguren platziert hatte. Dizi heisst der Behälter, in der Abguscht zubereitet wird, eine Eintopf-Spezialität mit Lammfleisch und Kartoffeln, die man zerstampft isst – ich genoss das erstmals in Teheran im „Ayeyaran„.

Es ergab sich, wegen meiner Kindheitsvergangenheit im Iran, zwangsläufig ein Gespräch zum „Wo“ sie in Teheran gelebt haben: Ganz nahebei an der Khiabane Pahlavi und sie kannten natürlich den Markt am Tajrish… Oh, wie schön! Ich fragte aber auch, weshalb sie weiterhin diese weiträumige Plastikplanen-Konstruktion vor ihrem Garküchenbereich aufrecht erhält? Das sei noch nötig. Hmm? vielleicht hat sie sich auch nur daran gewöhnt, obwohl sie wohl ein sehr kommunikativer Mensch zu sein scheint, der diese Art Barrieren für die Kommunikation wohl eher nicht mag.

Wegen des Fischgeschäfts kämen auch viele alte Stammkunden hierher, erzählte Fari, und wollen natürlich auch hier ihre altbekannte Fischsuppe, obwohl diese untypisch für persische Restaurants ist. Mittags gibt es zudem eine Stammessen. Und als Konzession an hiesige „Imbiss-Wünsche“ bietet sie auch Frikadellen an. Geöffnet ist von 11 bis 20 Uhr. Zu den Stammgästen kann ich natürlich nichts sagen, aber die zwei Frauen, die am frühen Nachmittag mit uns hier saßen, schienen das Lokal als netten, zwanglosen Treff – wie in einem Café – zu nutzen und kannten die Inhaberin gut: Fari setzte sich auch gleich zu ihnen.

Hier eine Bewertung auf Gelbe Seiten:

„Hier wird das Essen noch mit Liebe zubereitet und das schmeckt und fühlt man… Ich bin immer wieder gerne da und neben dem leckeren Essen genieße ich auch die schöne Atmosphäre. Hier kocht „Mama“! Besonders empfehlenswert sind die täglich wechselnden Gerichte… es wird nicht langweilig! Meine Favorites sind: Gefüllte Paprika und die persische Graupensuppe… !leckkkkaaaaaaa! aber auch die Fleischspieße sind genial… ach, am besten einfach durchprobieren irgendwie ist alles lecker und vor allem frisch. Schade nur, dass es durch die Lage, zwar mitten in der Stadt aber in einer von den Bingern nicht so „beachteten“ Straße, nicht sofort ins Auge fällt. Ich würde Fari mehr Kunden wünschen und fände es sehr schade, wenn auch dieser Laden in Bingen bald schließen würde. Also Leute helft mir meinen „Liebling“ zu erhalten… geht hin! Es gibt noch anderes außer Pizza, Döner und gebratene Nudeln.“

Die Einrichtung war extrem kitschig, aber das kenne ich von persischen Lokalen. Auffällig freilich die vielen Frauenfiguren. Neben einem geschnitzten Adler im schaufenster, der wohl aus dem Laden ihres Mannes stammt und zu verkaufen ist. Es gab keinerlei Deko mit Bezug auf den Islam. Wir sprachen über die aktuelle Revolte und sie meinte, dass es Zeit sei, dass dieses Regime, welches das Land enorm zurückgeworfen habe, endlich verschwinde. Optimistisch klang das freilich nicht wirklich. Eher wie ein kurzes aufbäumen aus einer tiefen Resignation.

Von Fari gelangten wir dann wenige Minuten später ins „Museum am Strom„, mit einer guten ständigen Ausstellung zu Hildegard von Bingen – einer ganz anderen, aber auch starken Frau, die ebenfalls sehr lange eher übersehen worden ist.

Adresse: Rathausstraße 10, 55411 Bingen am Rhein, Tel.: 06721-984652, Homepage

Cafe Wonsyld_Bad Kreuznach

Manchmal ergibt es sich, zufällig aus dem Alltag und der gewohnten „Blase“ in ganz andere Lebenswelten zu stolpern. Oder aber solche Erfahrungen bewusst zu suchen. Heute war so ein Moment. Der Blick aus dem Fenster heute früh um 7.45 Uhr war wunderbar überraschend und verzaubernd: Es hatte heftig geschneit, erst das zweite Mal in diesem Winter in Saarbrücken. Aber ich war um 11 in Bingen am Rhein verabredet… Per Rad zum Bahnhof fahren schien unmöglich, aber die Busse fuhren erst ab 10… Was tun? Doch per Rad: Ging besser als gedacht trotz 8 cm Neuschnee. Der Regionalexpress aus Frankfurt kam 45 Minuten verspätet an und ich war nicht wirklich sicher, dass er fahren würde, aber es ging dann doch nicht allzuviel später als 8.51 los, entlang der Nahe und durch Idar Oberstein mit der Felsenkirche, aber in Bad Kreuznach war der Zug nach Bingen schon weg. Ich hatte eine gute halbe Stunde Aufenthalt.

Nun denn also: Eine halbe Stunde ist gar nicht so wenig. Vor zehn Jahren bin ich zuletzt hier hineingeradelt, ein neuer Bezug entstand, weil eine frühere Freundin letztes Jahr hier als Bürgermeisterkandidatin antrat. Sonst hätte mich der Ort nicht weiter interessiert (die Salinen und die Jugendherberge kannte ich schon). Jetzt versuchte ich einfach, schnell in die Stadt zu gehen und vielleicht ein nettes authentisches Café zu finden, gelangte an den Salinenplatz und: Bingo!

Ich entdeckte hier am Altstadtrand eine etwas versteckte Ecke, die doch wirklich interessant aussah für jetzt noch 20 verbleibende Minuten: Was für ein Name und was für ein Logo! Der Name des Café Wonsyld sei norddeutsch, sagte mir die freundliche Kellnerin auf meine Frage, nach der Bestellung eines doppelten Espresso. Es sei schon gut 80 Jahre alt, also ca. aus den 1940er-Jahren. Online fand ich später Texte, die auf 1906 als Gründungsdatum verwiesen. Und Hinweise, dass der Name dänischen Ursprungs sein könnte. Eine lange Tradition jedenfalls, mit Höhen und Tiefen…

Die Einrichtung des in dritter Generation von Heinz und Dorothea Wonsyld geführten Hauses war etwas altmodisch, aber mir imponierte gleich die riesige Frühstückskarte und ein Blick herum zeigte: Hier wurde ausgiebig gefrühstückt. Vor allem war es schön warm, auch optisch:

Frühstücken liess es sich hier ganz grossstädtisch bis 14 Uhr: vom bescheidenen Kaffee mit Croissant für 5,90 Euro über jede Menge phantasievoller Varianten von „Lilliput“, „Tiffany“, „Klein Venedig“ bis „Wallstreet“ zu Preisen zwischen 7,90 und 13,60 Euro, sowie einem veganen Frühstück für 12,90 Euro. Und nachmittags gibt es handgefertigte Pralinen…

Ich lief dann einmal nach hinten durch, wo es noch einen abgesperrten Bereich gab: Eine im Moment geschlossene modernere Ecke, vielleicht für Kindergeburtstage? An der Wand im Durchgang hingen gerahmte Zeitungsartikel mit Schwerpunkt auf der guten Ausbildung hier.

Zurück in diese behaglich-altmodische Stimmung…, ein Blick auf die Vitrine mit klassischen Konditoreiwaren, dann zurück zum Bahnhof und per Regionalbahn in 20 Minuten nach Bingen an die Mündung der Nahe in den Rhein.

Bingen dann erst um 12 Uhr (die Frau, mit der ich mich traf, verzieh es mir): Schön!

Adresse: Salinenstraße 17, 55543 Bad Kreuznach, Tel.: 0671-31867, Mail: info@wonsyld.de, Homepage

Tschüss und Danke an Awa

Awa Taban-Shomal ist zu einer Symbolfigur geworden. Und sie weiss das durchaus, als sie vor einer Woche im „Theater im Viertel“ auf die Bühne tritt, um ihren Abschied aus Saarbrücken zu begehen. Diesen öffentlich in aller Konsequenz zwar keineswegs zu feiern, aber doch mit dem Wunsch auszuleben, noch einmal alles zu geben, für das die Frontsängerin von „Savoy Truffle“ bewundert und geliebt wird. Sie wird wegziehen, letztlich weil die hiesige Region ihr nicht bieten kann, für was sie leben möchte. Das ist aber nicht in ihrer Rolle für diese saarländische Kultband und deren Möglichkeiten begründet, sondern in ihrer eigentlichen ökonomischen Existenz als Wirtin eines sehr besonderen Lokals, das die 33jährige vor sieben Jahren aus dem Nichts aufgebaut hat, jetzt aber schließen musste: dem „Zing“.

Mit viel Herzblut und Energie hatte die Tochter iranischer Eltern ab 2015 aus einem düster wirkenden, heruntergekommenen Lokal am Rande des Nauwieser Viertels, das kaum ein Viertelbewohner freiwillig betreten hätte, eine frisch und fröhlich wirkende Cafébar gemacht, in dem es zwar noch die erwartete schwarzbraun vertäfelte Decke, Stühle in Eiche rustikal und andere Elemente des bis in die 1970er-Jahre in diesem Quartier am Rand der Innenstadt vorherrschenden kleinbürgerlich-spießigen Ambientes gab, das sie aber mit viel Weiß und bunter Farbe so aufgemischt und durchgelüftet hatte, dass es eine Freude war. Ich habe sie damals besucht und darüber gebloggt: Awa macht ihr „Zing“

Durch die Umwandlung dieser fast schon „historisch“ zu nennender Kneipe hatte sie etwas Neues geschaffen, ohne das Alte zu eliminieren. Das ganz andere Flair der Vorgängerlokale „Ziehwäänche“ oder „Zum alten Seemann“ an der Ecke Richard-Wagner-Str./ Rotenbergstr. war noch spürbar. Es gelang ihr, das Zing zu einer Jazzkneipe zu machen, etwas, das in Saarbrücken seit der Schliessung des Jazzkellers „Giesskanne“ 2001 (heute „Blau“) fehlte. Zwar gibt es im und um dieses bekannteste saarländische Szeneviertel einige Musikkneipen, auch mit Lifemusik, aber – bis Awa ihr Ding machte – keinen Ort, an dem die Jazzszene regelmässig jammen konnte.

Die Kündigung  im Februar 2022 traf sie unvorbereitet. Ihr entsprechend frustrierter Aufschrei in den sozialen Medien, nachdem sie die Hiobsbotschaft erhalten hatte („Das Viertel geht vor die Hunde“ ) schlug wie eine Bombe eine. Eine Welle der Empörung erreichte erst das Ludwigsparkstadion und dann die Politik. „Mit dem Zing fängt es an. Ist bald das ganze Viertel dran? Gentrifizierung im Nauwieser Viertel stoppen“ hatten Fans beim nächsten Heimspiel des 1. FC Saarbrücken auf ein gut 35 m langes Spruchband geschrieben. Die Stadt bot Hilfe an, doch fand sich keine Lösung, weil der Bebauungsplan (aus guten Gründen) keine neue Gastronomie erlaubte, aber kein freies Lokal übernommen werden konnte und auch eine Umnutzung der ehemaligen Einsegnungshalle im Echelmeierpark so kurzfristig nicht machbar war.

Das Zing musste Ende September schließen. Der Mietvertrag war gekündigt worden, der Inhaber will das gut 100-jährige Gebäude abreißen und dort, sowie auf dem benachbarten Ruinengrundstück einen Neubau errichten, durch den wohl langfristig deutlich höhere Mieteinnahmen zu erwarten sind. Awa hat gehört, es sei auch ein Investor aus Luxemburg beteiligt. Überprüfbar war das jedoch nicht. Ursprünglich sollte der Vertrag Ende Juni auslaufen, während monatelang mit vereinten Kräften nach einem Ausweichquartier gesucht wurde. Awa lief die Zeit davon – am Ende gab die gebürtige Saarbrückerin auf. Sie wird die Stadt in Richtung Hannover verlassen.

An diesem Abschiedsabend vermischt sich Awas doppelte Identität als Sängerin und Wirtin. In der für Bands eher ungewöhnlichen Atmosphäre des kleinen Theaters präsentiert die im positive Sinne stilistisch undefinierbare achtköpfige Combo (vier Frauen vorne, vier Männer hinten) dem heimischen Publikum seit 1998 in einer Konzertserie an drei Januartagen hintereinander ihr jeweils aktuelles Programm. In Englisch und Deutsch. Letzten Donnerstag zum 55. Mal, wie Bandleader Zippo Zimmermann schätzte – bei fast genau so vielen Gästen und einem auch nicht weit von dieser Zahl entfernten Durchschnittsalter.

Auch nach 32 Jahren Bandgeschichte und dem ein oder anderen Besetzungwechsel bleiben die Markenzeichen der Band das „stoische Ignorieren aller Stil-Schubladen und ein treffsicheres Gespür für catchy Popsongs zwischen großer Emotion und feiner Ironie“, heisst es in einer Kritik. Oder: „Wir sind ineffizient, langsam, detailverliebt und interessieren uns nicht die Bohne für Karriere oder Trends oder was andere über uns denken – und genau so klingt auch unsere Musik“ – so ein statement, das die Saarbrücker Zeitung 2018 notierte.

Damit ist die Band zum personifizierten Sound des Nauwieser Viertels geworden und gilt als einzigartiges, unnachahmliches Urgestein der saarbrigger Szene. Der Saarländische Rundfunk charakterisierte sie einmal als „unkonventionelle Perfektionisten, die dem Mainstream seit Jahrzehnten die Stirn bieten“. In diesem musikalischen Gegenentwurf zur Perfektion könnte die Band auch als viertelstypische Weigerung, mehr als nötig am eigenen beruflichen Fortkommen zu arbeiten, gesehen werden. Und, was Awa angeht, auch zu den Möglichkeiten, die sich hier bieten. Nach dem Abitur verkaufte sie bei Konzerten der Band CDs und bewarb sich dann spontan, als diese eine neue Backgroundsängerin suchten.

Zu ihrem Abschied konnte Awa die Songs des Abends bestimmen: Mit „Set me free“, „Afterglow“ und anderen Songs wählte sie viele Lieder, die von Abschied und Verlusten erzählen. Textzeilen wie „Geh ich laut, geh ich leise? Wie lange dauert meine Reise? Ich vermisse dich so sehr!“ singt sie zwar traurig, aber entschlossen („I cry – but not for you“), in einer faszinierend starken Bühnenpräsenz. Ihre Ausstrahlung speist sich aus der zum Ausdruck gebrachten Ambivalenz aus Selbstvertrauen und Zweifeln. Von Hoffnungen singt sie zart und leise. Aber wenn es gilt, Enttäuschungen zum Ausdruck zu bringen, kann sie sich ihre Seele auch extrem kraftvoll und intensiv aus dem Leibe röhren. Mit entsprechenden Zwischenansagen, die auch ein Stück Identität des Viertels ansprachen: „Das erste Mal, seit ich hier spiele, bin ich mit einem einigermaßen stabilen Mann in einer halbwegs stabilen Beziehung“.

Sie ist authentisch, herzlich, offen und unverstellt – wie das Viertel selbst. Nach der Pause scherzt sie, ihr sei  eine Beschwerde zu Ohren gekommen: Es gebe zu wenig depressive Ansagen. Aufzuhören breche ihr wirklich das Herz, ergänzt sie, und kokettiert mit Blick auf ihre weniger extrovertierte Nachfolgerin Sarah Dahlem, die an diesem Abend erstmals dabei ist: „Vielleicht hat Sarah weniger Lust, psychische Probleme auf der Bühne zum Ausdruck zu bringen?“ Fast könnte man denken, Awa sei in ihrer Rolle als Sängerin die Seele des Viertels. Sicher ist jedoch, dass das Schicksal ihres Kindes „Zing“ als Symbol für die Gentrifizierungsbedrohung gesehen wurde.

Der Begriff bezeichnet zumeist die Verdrängung einkommensschwächerer Haushalte durch Wohlhabendere in innerstädtischen Quartieren. Das klingt erst einmal neutral, wird aber als wichtiger Aspekt der Auswirkung sozialer Ungleichheit auf den Wohnungsmärkten gesehen. Den Eigentümern der Häuser dieser Viertel fehlten die Mittel, die Häuser zu sanieren. So blieben die Mieten günstig, was Menschen anzog, deren Budget eher gering ist: Studierende, Kunstschaffende  oder auch Migrant*innen.

„Wem gehört Saarbrücken?“ fragten die „Saarbrücker Hefte“ letzten Sommer und illustrierten ihr Titelthema mit einem Monopoly-Spielbrett, auf dem sie anstelle der Schlossallee die Nauwieser Straße platzierten. Damit wurde ein Erschrecken darüber ausgedrückt, dass die Entwicklung dieses exemplarisch von sozial-ökologischen Initiativen und Kneipen geprägtes Viertel den Weg des Prenzlauer Bergs in Berlin gehen könnte. Also den einer von privaten Interessen rein über den Markt gesteuerten Stadtentwicklung, die genau die Szene zerstört, von welcher ausgehend der Wert der dortigen Immobilien gestiegen war und weshalb es dort plötzlich „interessant“ wurde, zu investieren.

Die Aktivitäten und Lokale von sozialen und künstlerischen Initiativen sind Vorboten oder auch Auslöser von Gentrifizierungserscheinungen. Als Pioniere verwandeln sie nach und nach ehemalige Arbeiterviertel in subkulturelle Hotspots und tragen so zum kulturellen Mehrwert eines Viertels bei, so der Sozialwissenschaftler Andrej Holm. Soziologisch und ökonomisch gesehen handele es sich um „eine immobilienwirtschaftlich vermittelte Enteignung des kulturellen Kapitals von (ökonomisch mittellosen) Künstlerinnen durch später zuziehende Reiche“. Das Zing kann so nicht nur als Opfer, sondern auch Wegbereiter steigender Mieten und Bodenpreise gesehen werden. Die Pioniere werden Opfer ihres Erfolgs.

Eine neue Heimat könnte die Jazzszene in einer anderen Kultkneipe finden: Der seit über 50 Jahren bestehenden „Brasserie“ am Markt. Nach dem Tod des legendären Wirtes Micha Weber vor zwei Jahren wird es dort ab dem 2. Februar Jazzsessions geben, kündigten die neuen Pächter letzte Woche an. Auch der „Blaue Hirsch“ oder das „Terminus“ stünden zur Verfügung.

So frustrierend die Situation auch für Awa und das Zing sind: für die Jazzszene gibt es Alternativen. Und die jungen Menschen auf der Suche nach anderen Lebensentwürfen in den Zwanzigerjahren, Studierende und Künstler*innen mit begrenztem Budget? Noch treffen sie sich im Viertel, haben zum Wohnen aber seit längerem auch den Arbeiterstadtteil Malstatt entdeckt. Auch da fehlt den Eigentümern das Kapital, die Gebäude an heutige Ansprüche anzupassen. So bleibt das Mietniveau niedrig. Wie damals „Uff de Nauwies“. Noch hat dort kein cooles Lokal eröffnet. Aber das ist nur eine Frage der Zeit.

Dieser Text ist ein Nebenprodukt der Recherchen für einen Artikel für die Luxemburger Wochenzeitung Woxx: „Gentrifizierung: Gefährdete Heimaten“, der am 19. Januar 2023 erschienen ist.

Tschüss und Danke an Awa © Ekkehart Schmidt

Avam Kahvesi_Istanbul

Mitte Dezember versuchte ich, meinem 25jährigen Sohn Tom zu vermitteln, was Beyoğlu für ein Viertel ist, welche Bedeutung es in Istanbul und für die Türkei hat, als historisch-räumliche Weiterentwicklung des „europäischen“ Stadtteils Pera/ Galata, auf der anderen Seite des Goldenen Horns gelegen, gegenüber der historischen, heute dominant islamisch geprägten Altstadt. Beyoğlu ist der Mikrokosmos der Türkei, in dem noch immer freies, zeitgenössisches Leben in einem autoritär nationalistischen Staat gelebt werden kann. Jedenfalls an der Oberfläche. Mehr kann ich auch nicht beurteilen.

Diese Vermittlung glückte an den zwei Tagen, in denen wir vom Alpek Hotel hinüber liefen, mitten hinein in das Panorama des Blicks von unserer Dachterrasse.

Es gelang durch zwei schöne Fügungen. Zum einen fand ich per Intuition vom Taksim-Platz den Weg in eine kleine, verborgene Gasse abseits der Hauptwege, in der ich schon vor einem Jahrzehnt mit dem Café „Ana Mia“ einen glücklichen Fund machte. Und vor 20 Jahren nahebei beruflich das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung besuchte.

Während ich das schreibe, höre ich Musik von Sezen Aksu und denke an meinen 2021 verstorbenen Freund Georg. Er kannte das „Avam Kahvesi“ vielleicht, hat in diesem ungewöhnlichen Lokal, dessen Namen sich aus dem Türkischen mit „Gemeinschaftscafé“ übersetzen lässt, vielleicht sogar gesessen. Zumal es rundum (immer noch) einige Antiquariate gibt, in denen wir – je für uns – oft gestöbert haben. Sollte ich mich je in Istanbul verheimaten, würde ich immer die Çukurluçeşme Sokak und das Viertel Cihangir nahebei ansteuern. Hier würde ich mich aufgehoben fühlen. Und an ihn denken.

Zunächst setzten wir uns vorne hin, bestellten Tee und beobachteten die Leute, die am französischen Gymnasium gegenüber vorbei liefen.

Dann fiel mir auf, wie liebevoll das Innere gestaltet war. Und auch durchaus mit gesellschaftlich-politischer Aussage.

Das hätte hier auch im NauwieserViertel, Neukölln oder Kreuzberg sein können. Die Retro-Deko innen mit gerahmten Bildern, tapetenähnlichen Applikationen, Kinoplakaten und Sammelobjekten mit vielen politisch-literarischen Asnpielungen war dann aber doch sehr türkisch widerständig gegenüber dem herrschenden Regime.

Bedruckte Flaschen waren eine gemeinsame Leidenschaft von Georg und mir. Polizeiautos hätten wir eher nicht erstanden. Hier ist die subtile message aber klar: die Polizei ist nicht Freund und Helfer, nicht Bürger in Uniform, sondern Teil des Repressionsapparates.

Ein Gespräch mit dem Kellner ergab die vage Aussage, dass das Lokal seit 12 Jahren besteht.

Die andere glückliche Fügung war der Impuls, 11 Jahre nach der letzten Begegnung wieder Kontakt zu Çiğdem aufzunehmen. Sie zeigte uns einen Tag später ihr Viertel am Galata-Turm und einen angesagten Innenhof mit Bars für Leute, die eher nicht ins „Avam“ gehen würden und doch, aber anders, Gemeinschaft fühlten. Wir kamen erst gegen 3.30 Uhr ins Bett.

Adresse: Katip Mustafa Çelebi, Çukurluçeşme Sokak 4/A, Beyoğlu/ Istanbul, Tel.: +90 212 292 72 76

Avam Kahvesi_Istanbul © Ekkehart Schmidt

Saarbrücker Nachhaltigkeitsinitiativen

Den Wandel der Stadt initiieren

WORK IN PROGRESS (die Initiativen werden noch verlinkt)

Seit einigen Jahren befinden sich alle Lebewesen der Erde im Stress multipler Krisen und Bedrohungen. Das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen ist teils massiv aus dem Gleichgewicht geraten. Spätestens 2022 hat das jeder verstanden. Die Debatten und Handlungsmöglichkeiten zu diesen Nachhaltigkeitskrisen finden auf globaler, nationaler, regionaler, kommunaler, nachbarschaftlicher und familiärer Ebene statt. Dabei ist es schwierig, die nötigen Handlungsoptionen zu trennen und nicht konfus oder gar panisch und schlecht strukturiert durcheinander zu argumentieren und zu handeln. Klar ist nur: Wir müssen unser ökonomisches System ändern. Aber wie?

Bricht man diese globale Bedrohung und die Lösungsansätze auf die hiesige lokale Ebene hinunter, ist das zielführender und beherrschbarer. Saarbrücken ist allerdings weit davon entfernt, eine resiliente Stadt zu sein. Sie ist gefährdet durch extreme Wetterphänomene wie Dürreperioden oder Starkregenereignisse mit Überschwemmungen (Kleinblittersdorf 2018), aber auch innerstädtische Hitzephänomene mit bedrohlichen Folgen für die Gesundheit. Neben diesen Symptomen der Klimakrise haben auch die aktuelle Energiekrise und mögliche Folgen des Krieges in der Ukraine die Augen dafür geöffnet, wie gefährdet das Funktionieren innerstädtischer Abläufe sein könnte. Genannt seien etwaige Stromausfälle, die zu Problemen in der Versorgung mit Lebensmitteln führen könnten. Auch die Energie- und Verkehrsinfrastruktur der Stadt ist in hohem Masse von äußeren Faktoren und überregionalen Netzen abhängig.

Neben den globalen Erfordernissen des Klimaschutzes, die ein lokales Handeln notwendig machen, muss sich ein Gemeinwesen auch auf solche bislang undenkbare lokalen Gefährdungen vorbereiten. Diese notwendige Transformation auf globaler, wie lokaler Ebene betrifft vor allem die Bereiche Energie, Verkehr, Landwirtschaft und Ernährung sowie Bildung. Wie also können die Betriebe und Bewohner*innen Saarbrückens unabhängiger von (teuer gewordenen und klimaschädlichen) fossilen Energien werden und vor Systemzusammenbrüchen geschützt werden? Was muss die Gemeinde unternehmen, um dieser doppelten Herausforderung zu begegnen?

Konzepte gibt es genug. Sie lassen sich in Politik und Wirtschaft nur nicht so schnell umsetzen, wie es nötig wäre. Stadt und Land müssten Anreize für eine klimabewusstes Leben geben, um irgendwann klimaneutral zu werden. Sie müssten Systeme und Strukturen schaffen, in deren Rahmen es einfacher und günstiger ist, sich nachhaltig zu verhalten. Der Stadtrat müsste also auf die im Juni 2019 erfolgte Ausrufung des Klimanotstandes Taten folgen lassen – vor allem jede politische Entscheidung auf ihre klimapolitische Relevanz prüfen, aber auch Formate lokaler politischer Partizipation entwickeln, um bürgerschaftliches Engagement zu initiieren bzw. zu nutzen.

Solange es in Saarbrücken keinen Klimarat gibt, der parteipolitisch unabhängig Vorschläge erarbeitet, wie das jüngst in Luxemburg und anderen Großstädten geschehen ist, gehen zivilgesellschaftliche Organisationen voran, machen Vorschläge für die ökologische und soziale Transition und schaffen „Zukunftsorte“. Ihre Kompetenz und ihr Engagement sollten ernster genommen werden.

Denn: Vom Wissen und Reden zum Handeln zu kommen heißt zunächst, sich das anzuschauen und damit anzufangen, was schon da ist und dieses weiterzuentwickeln. Es bestehen Dutzende Unternehmen, die vor dem globalen Hintergrund lokal verantwortlich und nachhaltig wirtschaften. Seit vielen Jahrzehnten engagieren sich Verkehrs- und Naturschutzgruppen und haben sich einen so guten Ruf erarbeitet, dass die Politik auf ihre Fachkompetenz hört. Neben diesen Verbänden, die sich eine überregionale Lobbyfunktion erarbeitet haben, gibt es im Bereich Nachhaltigkeit aber auch viele neu entstandene lokale Vereine und Initiativen, die das Quartier als wichtigen Handlungsort verstehen, neue Ansätze erproben und politische Forderungen erarbeiten. Beide sollen hier vorgestellt werden.

Die etablierten Player

Der 1955 gegründete NABU Saar ist mit 18.000 Mitgliedern die größte und älteste Umweltorganisation im Saarland. Seine große Stärke ist die starke ehrenamtliche Basis in 34 Ortsgruppen und 15 Kinder- und Jugendgruppen der Naturschutzjugend (NAJU). Der NABU setzt sich für die Erhaltung der biologischen Vielfalt mit all ihren Facetten. So führt die Saarbrücker Ortsgruppe unter anderem Aktivitäten wie den Schutz von Amphibien bei ihrer Wanderung zur Laichzeit durch (zum Beispiel am Tabaksweiher oder im Fischbachtal), baut Mauerseglernisthilfen, regt den Aufbau von Vogeltränken an, pflanzt Blühflächen (zum Beispiel auf dem Burbacher Waldfriedhof) und pflegt das Naturschutzgebiet St. Arnualer Wiesen mit seinen wildwachsenden Orchideen.

Auch der 1906 gegründete Saarbrücker Imkerverein, der sich zunächst auf die Imkerei beschränkte, beteiligt sich seit Aufkommen der Thematik des Bienensterbens verstärkt an ökologischen Projekten. So betreut er einen Bienenlehrpfad im Deutsch-Französischen Garten und kooperiert mit Hauseigentümern, Garten- und Friedhofsämtern, um im ganzen Stadtgebiet Bienenvölker anzusiedeln. Heute bevölkern 185 Völker den städtischen Raum, betreut von 35 Imke*rinnen.

1971 wurde die Saarbrücker Ortsgruppe des „Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)“ gegründet, aus der dann auch der Landesverband Saarland hervorging. Damals, in Zeiten erster beunruhigender Meldungen über saure Niederschläge und Kritik an der Atomenergie-Euphorie, ging es zunächst um konkreten Naturschutz. Später kamen die Themen Waldsterben, Gewässerschutz, nachhaltige Waldbewirtschaftung, Klimaschutz und Ausbau erneuerbarer Energie dazu. Der Verein erlebte ein stetiges Wachstum auf heute 5.500 Mitgliedern, aber vieles hat sich in den 51 Jahren seit der Gründung verändert.

Ein Meilenstein war 2001 der Kauf einer Immobilie am heutigen Cora-Eppstein-Platz, die bis 2004 zum „Haus der Umwelt“ umgewandelt wurde. Dort befindet sich jedoch nicht nur die BUND-Geschäftsstelle. Das Haus bietet auch anderen Vereinen und Initiativen wie Greenpeace oder dem Verein „Mehr Wert“ Büroräume. Auch das Bio-Restaurant „moccachili“ und der Weltladen „Kreuz des Südens“ sind Teil des Nutzungskonzeptes. Auf dem Dach steht seit 2004 eine Fotovoltaik-Anlage, die von Energie SaarLorLux betrieben wird, denen der BUND das Dach zur Verfügung stellte. Eine eigene Anlage betreibt der BUND seit 1997 auf dem Dach der KBBZ in Brebach.

Die 1984 gegründete Greenpeace-Gruppe Saar ist eine von über 100 lokalen Gruppen bundesweit. Als solche transportiert sie die Greenpeace-Öffentlichkeitsarbeit ins Saarland und bringt Anregungen in die zentrale Themen- und Kampagnenarbeit ein. Abgesehen von solchen Informationskampagnen und lokaler Pressearbeit zu überregionalen Themen wie Schutz der Meere oder Arten- und Klimaschutz, bezieht sich die Arbeit der Gruppe selten auf konkrete städtische Themen.

Seit 1973 bemüht sich die „Fairtrade Initiative Saarland“ dafür, dass Kaffee, Tee, Gewürze und viele andere Produkte aus dem globalen Süden hier zu einem Preis verkauft werden, der den Produzent*innen ein Leben in Würde ermöglicht. Faire Produkte zu kaufen, ist bald 50 Jahre später zur Selbstverständlichkeit geworden. Damals war der Gedanke neu und musste erst in hunderten Veranstaltungen in Kitas, Schulen, bei Festen, Workshops und anderswo vermittelt werden. 1990 wurde am St. Johanner Markt mit dem „Weltladen“ ein Fachgeschäft für fair gehandelte Produkte eröffnet. Getragen wird der kleine, liebevoll gestaltete Laden im Haus der Umwelt vom Verein Kreuz des Südens. Über den Verkauf hinaus möchte das Team ehrenamtlicher Mitarbeiter*innen zu einer Änderung der Konsumgewohnheiten anregen und der Bereitschaft, den echten Preis von Waren zu bezahlen, nicht den billigen, bei dem die sozialen und ökologischen Folgen der Herstellung von anderen bezahlt werden.

Längst gibt es auch andere Geschäfte mit einem ähnlichen Angebot, so nahebei der „CONTIGO Fairtrade Shop“, die „Spielbar“ sowie Läden mit fairer Kleidung wie „Grünstreifen“, „Loup“, „Marienkäfer“, „Work & Wear“ oder „Zweigesicht“. Neben Bio- und konventionellen Supermärkten werden auch in der Gastronomie verstärkt faire Produkte angeboten, zum Beispiel im „Café Kostbar“ oder im „Hotel Madeleine“. Kontinuierliche Bildungsarbeit betreibt auch der Kultur- und Werkhof Nauwieser 19, der im Rahmen der Stadtteilkulturarbeit erst kürzlich mit der Fairtrade Initiative einen Workshop „Faire Rosen in Upcycling-Vasen“ durchführte.

2009 war Saarbrücken die erste im Rahmen der bundesweiten Initiative „FAIRtrade Towns“ ausgezeichnete Stadt. Die Auszeichnung belohnt die kommunale Förderung des fairen Handels – als Ergebnis einer erfolgreichen Vernetzung von Akteur*innen aus Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft. Seit 2016 werden Kindergärten und Kindertagesstätten ausgezeichnet, seit kurzem auch „FAIRnünftige Unternehmen“.

Während die Arbeit von NABU und BUND an ihren Hauptsitzen kaum sichtbar wird, ist das 1989 gegründete Netzwerk Entwicklungspolitik im Saarland e.V. (NES) vor Ort sehr präsent. Das NES ist der Dachverband von 40 Vereinen und Initiativen sowie über 60 entwicklungspolitisch Engagierten im Saarland. Das Landesnetzwerk vertritt die Interessen seiner Mitglieder, bietet ihnen eine Plattform für gemeinsame Aktionen und unterstützt sie durch Beratungs- und Seminarangebote. Die projektbezogene Arbeit konzentriert sich auf die Bereiche Globales Lernen und Nachhaltiger Konsum. Konkret hat das NES an den entwicklungspolitischen Leitlinien des Landes mitgearbeitet, das erste Repair-Café in Saarbrücken initiiert und unterschiedliche Zielgruppen für die globalen Aspekte nachhaltiger Entwicklung im Rahmen des Projektes „Transformation gestalten“ sensibilisiert. Seit 2016 sind im Saarland Eine Welt-Promotor*innen im Einsatz, deren Arbeit vom NES koordiniert wird. Sie sensibilisieren zu den Fachthemen global verantwortliches leben, wirtschaften und arbeiten und pflegen internationale Partnerschaften. Dieser Tage bietet das NES wieder die jährliche Fortbildungsreihe „Go Global“ an. In sechs Ganztagsseminaren und einem dreitägigen Blockseminar werden thematische Einblicke in verschiedene Nachhaltigkeitsthemen geboten.

Der bundesweit 1986 und im Saarland 1988 gegründete Verkehrsclub Deutschland (VCD) versteht sich als Botschafter der Verkehrswende und Anwalt für viele Verkehrsteilnehmer, denen Umweltverträglichkeit der Mobilität am Herzen liegt. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club Landesverband Saarland (ADFC) setzt sich für die gleichen Ziele ein, hat dabei aber den Fokus auf einer Förderung des Radfahrens. Er engagiert sich seit 1991 für verbesserte Bedingungen für das Radfahren in der Landeshauptstadt. Im kritisch-konstruktiven Dialog mit Verwaltung und Politik sowie mit vielfältigen Aktionen, wie einer Gebrauchtfahradbörse oder Vorschlägen zum Ausbau des Radwegenetzes, konnte bereits vieles durchgesetzt werden.

Die ADFC-Initiative „Freie Lastenräder“ ermöglicht die kostenfreie Ausleihe von Lastenrädern für alle. Dabei geht es zum einen um die Idee der Gemeingüter („commons“): gemeinsame Nutzung statt individueller Konsum . Also Leihen statt Kaufen. Zum anderen geht es um ein Umdenken in der urbanen Mobilität mit Blick auf Ressourcenschonung und Verkehrsberuhigung. Mit dem „Molschder Muli“ am Malstatter Stadtteilgarten, dem „Radlader“ des Regionalverbands beim ADFC und anderen Anbietern kann man ausprobieren, schwere Lasten innerstädtisch auch ohne Auto zu transportieren.

Bis auf die Imker haben alle diese Vereine und Verbände seit über 20 Jahren ihren Sitz im Haus der Umwelt. Sie gehörten jahrelang zum Establishment nachhaltiger Initiativen in Saarbrücken. Nach der  Pariser Klimakonferenz 2015 entstanden dann in einer neuen Generation engagierter Menschen ganz neue, dezentral agierende Initiativen, die mit ihren Projekten und Forderungen zunehmend die öffentliche Wahrnehmung prägen. Vor allem die Klimaschutzdemos seit 2019, die von einem breiten Bündnis von „Fridays for Future“, dem BUND, Greenpeace, der Gewerkschaft Verdi und anderen vom Max-Regler-Platz und dem Landwehrplatz starteten und jeweils viele Tausend Teilnehmer*innen hatten, zeigten:  Die sich kumulierenden multiplen Krisen erzwingen viel konkretere und radikalere Forderungen an die Politik als – bei allem Respekt vor ihrer Arbeit – ein reiner „Reparaturbetrieb“ von Naturschützern.

Neue, radikalere Initiativen

Ausgehend von der Beobachtung, dass die nationale und internationale Politik nicht angemessen auf die Herausforderungen der reagiert und die Nutzung fossiler Energien nur halbherzig einschränkt und daher die Kommunen von sich aus mit ersten vorbereitenden Maßnahmen auf eine Zukunft knapper werdender Roh- und Treibstoffe reagieren müssen, haben auch in Saarbrücken einige Akteure der Transitionbewegung  (engl. Transition = Wandel, Übergang) auf privater Basis begonnen, Gemeinschaftsprojekte zu initiieren. Hierzu gehören insbesondere Maßnahmen zur Verbrauchsreduktion von fossilen Energieträgern sowie zur Stärkung der Regional- und Lokalwirtschaft.

Neue Initiativen wie „Clean-Up“, „Critical Mass“, „Foodsharing“, die „Saar Veggies“, „Transition Town Saarbrücken“ oder die „Weltveränderer“, aber auch Geschäfte wie der 2017 eröffnete „Unverpackt-Laden“ oder „Rettich – Der Retterladen“ agieren letztlich nach dem Saarland-Marketing-Slogan: „Großes entsteht immer im Kleinen“. Sie konzentrieren sich auf Lebensmittelproduktion und -rettung, nachhaltige Landwirtschaft und Ernährung sowie Umbau des innerstädtischen Verkehrs.

Die in den 1960er-Jahren gebaute „autogerechte Stadt“ Saarbrücken mit ihren überdimensionierten Straßen soll zurückgebaut werden, um den Bedürfnissen von Fußgängern, Rad- und Scooterfahrern gerecht zu werden. Die Stadt wird heute wieder stärker als Lebensort verstanden, die Dominanz der Autos im Straßenraum soll im Sinne von „shared space“ und „soft mobility“ zurückgeschraubt werden. Bei der (Um)Gestaltung des öffentlichen Raumes soll mehr darauf geachtet werden, dass Raum für Anwohner, spielende Kinder und Radfahrer entsteht – das war 2019 auch ein Punkt im Forderungskatalog von „Fridays for Future“ für Saarbrücken. Ihre Vision: „Es wird vermehrt Trinkwasser öffentlich zur Verfügung gestellt, außerdem werden angenehme Plätze zum Verweilen und kommunikationsfördernde Sitzgruppen auf Plätzen geschaffen.

Seit 2005 findet am Ende September in vielen Städten Deutschlands und anderer Länder der „Parking Day“ statt. Seit 2015 auch in Saarbrücken. Bei diesem Aktionstag zur Re-Urbanisierung von Innenstädten wurden zuletzt am 16. September in der Breite Str. in Malstatt gut 20 Parkplätze im öffentlichen Straßenraum modellhaft kurzfristig umgewidmet und einer anderen Nutzung zugeführt, mit Fokus auf Begegnungs- und Gesprächsorte. Ein Dutzend Saarbrücker Initiativen boten Sitzecken, Infostände zu lokalen und globalen Nachhaltigkeitsthemen, Spielmöglichkeiten, einen Stand mit Lastenrädern, gerettete Lebensmittel, oder auch Kinderbücher und Spielsachen zum Verschenken. Dazu spielten vier Straßenmusiker*innen.

Oberbürgermeister Uwe Conradt, der die Schirmherrschaft übernommen hat, ließ sich bei einem Rundgang inspirieren. Dass sich KfZ-Parkplätze nicht so einfach und widerstandslos großräumig in Fahrradparkplätze, Grünanlagen oder Projekte umwidmen lassen, musste er dann aber wenig später beim Umbau des Straßenraums vor der Postfiliale in der Vorstadtstraße feststellen, als er massiven Protest erntete. Neue Ideen müssen eben auch gut kommuniziert werden.

Weniger Autos in der Innenstadt: Auf diesen Wunsch können sich viele einigen. Das hieße dann aber eben auch: ein besserer ÖPNV und weniger kostenlose oder billige Parkplätze als Anreiz zum Umstieg. Viele Städte erhöhen gerade drastisch die Preise und hoffen auf eine entsprechende Lenkungswirkung. Das Ziel: Wertvollen Innenstadtplatz und saubere Luft schaffen. Der Preis scheint das einzige Argument zu sein, das Wirkung zeigen würde. Offensichtlich bewirkt eine Moralisierungsstrategie keine Verhaltensänderung, haben diese Städte erkannt. Daran traut sich die hiesige städtische Politik aber nicht. Immerhin wird über innerstädtische Tempolimits nachgedacht und die Fußgängerzone wird erweitert. Niemand traut sich aber auszusprechen, was man eigentlich will: Sehr deutlich weniger Autos in der Stadt.

Nirgendwo in Deutschland wird so wenig Rad gefahren wie im Saarland. Noch ist das so, aber es ist erklärtes Ziel der Landesregierung und vieler Initiativen, die rote Laterne im Vergleich der Bundesländer abzugeben. Allein: Es passiert kaum etwas. Zu den Aktivitäten der Institutionen, die sich mit steigender Entschiedenheit dafür einsetzen, gehören neben der genannten Lobbyarbeit vor allem Radeldemos, Reparaturwerkstätten und der Verleih von Lastenrädern. Zunächst stieg im März 2016 das informelle „Radelkollektiv“ auf die Drahtesel, weil in Saarbrücken ein neuer Baudezernent gewählt wurde. Man erhoffte sich, dass die Belange von Radler*innen in der Saarbrücker Politik eine stärkere Unterstützung bekommen würden, da von einer guten Radinfrastruktur für Kinder, von Radwegen, auf welchen man ohne Sorgen Kinder fahren lassen kann, keine Rede sein konnte.

Nach zwei solchen Demos vereinigten sich die Akteure mit der international verwendeten Aktionsform „Critical Mass“ (Kritische Masse), die seit 2015 auch in Saarbrücken stattfanden. Hierbei treffen sich mehrere nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer scheinbar zufällig und unorganisiert, um mit gemeinsamen Protestfahrten durch Innenstädte mit ihrer bloßen Menge und ihrem konzentrierten Auftreten auf ihre Belange und Rechte gegenüber dem motorisierten Individualverkehr aufmerksam zu machen. Angelehnt daran entstand die weltweite Bewegung „Kidical Mass“, die es seit 2017 auch in Deutschland und seit 2021 in Saarbrücken gibt. Bei bunten Fahrraddemos erobern Radfahrende von 0 bis 99 Jahren die Straßen. Das Format hat Kinder und nachhaltige Mobilität im Fokus. Die lustigen Fahrten mehrerer hundert großer und kleiner Leute mit viel Musik werden bei von ADFC, VCD, BUND und FFF organisiert. Ihre Vision ist, dass sich alle Kinder und Jugendlichen sicher und selbständig mit dem Fahrrad durch die Stadt bewegen können.

Ein anderes Konsumverhalten

Der 2017 gegründete Verein „Weltveränderer“ war hier anfangs stark beteiligt. Er möchte mit Menschen arbeiten und diskutieren, die bislang kaum über globale Themen informiert oder dazu engagiert waren, insbesondere Menschen ohne akademischen Hintergrund. Mit Fokus auf den Stadtteil Malstatt werden Veranstaltungen und Aktionen auch zu anderen Themen der globalen Verantwortung angeboten. Basierend auf einer Wandelkarte „Malstatt global nachhaltig“ werden Stadtführungen angeboten. Seit Dezember 2021 agieren landesweit auch „Nachhaltigkeitsbotschafter“ und seit Anfang 2022 ist eine Website und App online, über die Interessierte mit den Weltveränderern in Kontakt kommen können und über Veranstaltungen zur Nachhaltigkeit im Saarland informiert (www.saarland-nachhaltig.de). Dazu werden über 260 „Nachhaltigkeitsorte“ präsentiert, wie die seit 2016 monatlich stattfindenden „Repair Cafés“ von BUND und Weltveränderern in der Breite 63.

Weitere dieser ehrenamtlichen Treffen, bei denen die Teilnehmer*innen allein oder gemeinsam mit anderen ihre kaputten Dinge reparieren, gibt es an der Universität des Saarlandes (organisiert von der VDE-Hochschulgruppe) oder in Völklingen (organisiert vom Mehrgenerationenhaus im Café Valz der Diakonie). Einer der Vorreiter, der so etwas schon vor gut 15 Jahren anbot, war das Stadtteilbüro der Diakonie in Malstatt. Dabei ist meist ein „Reparaturprofi“ anwesend, der mit Werkzeug und Material für alle möglichen Reparaturen hilft. Es geht darum, Geräte vor dem Schrott zu bewahren und gegen die Wegwerfgesellschaft zu agieren. Fahrradwerkstätten bietet neben dem ADFC seit 2015 auch das Stadtteilbüro Alt-Saarbrücken an.

Von November 2020 bis Mai 2021 betrieb die Diakonie in der Mainzer Str. 56 in auch einen „Up-Store„, der Kreativprodukte verkaufte, die im Upcycling-Verfahren entstanden sind. Die Idee entstand, weil viele Produkte aus Kleiderkammern und anderen Projekten auch zu symbolischen Preisen nicht mehr verkauft werden konnten, so Diakonie-Mitarbeiterin Sigrun Krack. Um die Sachen nicht wegzuwerfen, kam die Idee, in einer Kreativwerkstatt (angedockt an die Einrichtung „TaZe32„, die Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen hilft, eine Tagesstruktur aufzubauen) daraus ganz neue Produkte zu machen: vor allem Deko-Produkte aus Stoffen oder Holz, Blumenvasen oder alte Butterdosen.

Zurück zu den Weltveränderern: Seit kurzem steht gegenüber des Vereinssitzes in der Leipziger Str. 73 in Nr. 72 auch ein „Haus der globalen Nachhaltigkeit“ zur Verfügung – einer ehemaligen Wohnung, die auf 100 Quadratmetern Initiativen, Menschen und Unternehmen mit Bezug zu Nachhaltigkeit zur Verfügung steht, um dort Ideen zu entwickeln und anzustoßen, sich zu engagieren und tätig zu werden oder auch um sich auszutauschen und zu vernetzen. So weit ist der Verein „Transition Town Saarbrücken“ noch nicht. Unter dem Motto „Einfach. Jetzt. Machen“ erprobt die Initiative, wie es sich anders und besser, klimafreundlich und enkeltauglich leben lässt und wie man mit dem Ernährungsverhalten helfen kann, die Biodiversität zu bewahren und weniger abhängig von fossilen Energien zu werden.

Im Rahmen dieser Bewegung gestalten seit 2006 weltweit Umwelt- und Nachhaltigkeits­Initiativen  unter dem Motto „Stadt im Wandel“ den Übergang in eine postfossile, relokalisierte Wirtschaft. Initiiert wurde die Bewegung vom irischen Permakulturalisten Rob Hopkins. Die Saarbrücker Gruppe gründete sich 2015. Sie führt unterschiedlichste Projekte für Nachhaltigkeit und mehr Gemeinschaft für eine zukunftsfähige Stadt durch. Die ehrenamtlichen Akteure sind insofern auch eine Plattform, die offen für jeden ist, der eine Idee hat, die sich dann gemeinsam realisieren lässt.

Zunächst haben sie 2017 einen Gemeinschaftsgarten am Staden und 2021 an der eli.ja-Kirche die erste Verschenkhütte des Saarlandes eröffnet, die 24/24 und 7/7 offen zum Geben und Nehmen von allem außer Elektronik und Erwachsenenbüchern ist. Schon vor Corona hat der Verein in großem Stil mehrere Verschenkbörsen durchgeführt. Im November 2021 ging es dann in der Breite 63 weiter.  2022 gab es im Juni, November und Dezember weitere Börsen in Kooperation mit der Arbeiterwohlfahrt, dem Stadtteilbüro Malstatt der Diakonie oder den Weltveränderern. Gemeinsam mit anderen Partnern beteiligte man sich auch an Filmreihen wie „Cinema for Future: 17 Filme zu den 17 SDGs“ im Filmhaus, dem Parking Day, der „Initiative Lieferkettengesetz Saarland“ und anderen Aktivitäten von Partnern.

In diesem Kontext zu erwähnen sind die oft in Privatinitiative errichteten „offenen Bücherschränke“, bei denen man nicht mehr gebrauchte Bücher abgeben und sich kostenlos neue mitnehmen kann (u.a. am Schloss, im Werkhof Nauwieser 19, im Theater im Viertel, neben der Stiftskirche St. Arnual oder beim „Open Book Contest“ in der Heinrich-Böcking-Strasse).

Für ein anderes Konsumverhalten und insbesondere die Wiederverwertung unverkäuflicher Lebensmittel setzen sich in Saarbrücken auch Dutzende Menschen ein, die ursprünglich an den Abfalltonnen von Supermärkten „containert“ haben, dann aber einen Ortsverein der bundesweit 2012 entstandenen „Foodsharing“- Initiative ins Leben riefen. Während das Containern diskret abläuft, da es in Deutschland noch illegal ist, ist das Teilen von Lebensmitteln dessen legale Weiterentwicklung. Viele Betriebe, vorwiegend inhabergeführte, erklären sich gegenüber Foodsharing bereit, aussortierte aber noch genießbare Lebensmittel zu spenden, statt sie wegzuwerfen („too good to go“). Diese werden dann an vier „Fairteilern“ kostenlos zur Verfügung gestellt: an der eli.ja-Kirche, an St. Jakob, im Kultur- und Werkhof und an der Evangelischen Kirche in Malstatt. Aktuell sind im Regionalverband 529 Retter*innen aktiv, die in 23.400 Einsätzen über 245 Tonnen Lebensmittel vor dem Mülleimer bewahrt haben.

Die Stadt Saarbrücken ist seit diesem Jahr auch Teil der bundesweiten Initiative „Städte gegen Food Waste“, die zwei Jahre laufen wird. Hier wirkt auch die schon 1998 am Burbacher Markt gegründete „Tafel Saarbrücken“ mit, die aus solchen Lebensmitteln Speisen für Bedürftige kocht. In der Praxis bedeutet das: Seit 1999 leiten über 100 ehrenamtliche Mitarbeiter*innen den vorhandenen Überschuss unverkäuflicher Lebensmittel insbesondere von Supermärkten an sechs Tagen pro Woche dorthin, wo Bedarf besteht. Aktuell verteilen sie wöchentlich ca. 20.000 kg Waren zu günstigen Preisen an rund 4.500 bedürftige Personen, die sonst kaum über die Runden kämen.

Im August 2020 machte im Nauwieser Viertel „Rettich – Der Rettermarkt“ auf, in dem abgelaufenen Waren, die nicht aus Containern stammen, sondern Betrieben billig abgekauft wurden, zu günstigen Preisen verkauft werden. Darunter finden sich auch viele neu eingeführte vegane Produkte, deren Zeit noch nicht gekommen ist. Foodsharing als Geschäftsmodell: Das funktioniert gut.

À propos: Die 2013 gegründete Uni-Initiative „Saar Veggies“ ist eine Hochschulgruppe, die sich für für ein erweitertes vegetarisches und veganes Essensangebot auf dem Campus einsetzt, aber auch mit regelmäßigen veganen Abendessen und Sensibilisierungsaktivitäten für eine fleischfreie Ernährung in der Stadt aktiv ist. 2019 gründeten sich auch die „Vegans for Future Saarland“ und beteiligten sich an vielen Aktionen der Klimabewegung. Als Nachfolger des früheren „VEBU“ (Vegetarier Bund) wurde auch „ProVeg vor Ort – Saarbrücken“ ins Leben gerufen. Die Initiative bietet regelmäßige Veggi-Stammtische: Picknicke oder Abendessen in Lokalen mit konventioneller Ausrichtung, die aber auch ein veganes Angebot bietet. Man möchte gemeinsam herausfinden, was für vegetarische und vegane Köstlichkeiten die hiesige Gastronomie bereithält und sich mit Gleichgesinnten nett unterhalten.

2018 gründete sich auch der „Ernährungsrat Saarland“, eine Plattform zum Austausch von ernährungspolitischen Themen, die nach einer bundesweiten Auftaktveranstaltung mit viel Engagement zur Sache ging, Projekte besichtigte und sich auch als Verein gründete, dann aber von der Pandemie gebremst wurde. Der Ernährungsrat hat sich Ende 2022 aufgelöst.

Gemeinsam gärtnern

Jeder Garten kann ein wichtiger Baustein zum aktiven Klimaschutz werden. Gärten schaffen Lebensräume für die Tier- und Pflanzenwelt, Pflanzen sorgen für gesündere Luft durch Feinstaubbindung und Sauerstoffbildung und kühlen die Umgebung. Bäume und Gartenböden dienen als CO2-Speicher. Die Mitarbeit in Gemeinschaftsgärten liefert insofern auch zahlreiche Anregungen für eine klimaangepasste nachhaltige Gartengestaltung in der Stadt. Im Stadtverband  gibt es sechs Gemeinschaftsgärten: Der „Garten Eden“ an der Eli.ja-Kirche, ein vor allem als sozialer Treffpunkt konzipierter „Quartiersgarten“ in der Lebacher Straße in Malstatt, zwei Gärten in der Halbergstrasse – das Beet am Staden und das Parkbeet am „Raum4“ – sowie einen in Ludweiler. Das ist nicht viel, so alt, wie die Idee ist und angesichts der Forderung von Fridays for Future, dass es in jedem Stadtteil einen solchen gemeinschaftlich bewirtschafteten Garten geben sollte. Aber immerhin.

Schon 2013 gab es eine Gruppe Leute, die zunächst im innerstädtischen Echelmeyerpark  Lebensmittel anbaute, dann am Staden gegärtnert hat und 2017 zum Karcherhof außerhalb der Stadt wechselte. Das Beet am Staden übernahm 2015 die Initiative Transition Town, die dort bis heute aktiv ist. Sehr gut entwickelt sich auch der 2015 entstandene „Garten Eden“ an der eli.ja-Kirche mit Beeten, die zwei Dutzend Leute wie einen Schrebergarten bewirtschaften.

Ein gleichnamiges Projekt „Essbare Stadt“ begann dann durch das Amt für Stadtgrün 2019 in Kooperation mit dem Zentrum für Bildung und Beruf Saar (ZBB) im Rahmen eines EU-geförderten Projekts, verschiedene Gärten anzulegen. Heute gibt es 30 „Stadtgärtchen“, zum Beispiel vor dem Rathaus, in Brebach, Bischmisheim, Malstatt oder auch im Vorort Ludweiler, wo mit Langzeitarbeitslosen erst eine Fruchttheke und ein Gemüsebeet, dann Spaliere für Weintrauben und Himbeeren aufgestellt wurden, bis 2020 ein Gemeinschaftsbeet entstand, bei dem auch Nachbarn integriert werden. „Essbare Stadt“ soll dazu anregen, auch auf kleinstem Raum eigenes Gemüse anzubauen und grüne Oasen zu schaffen.

„Let´s go Halle4! Urban Jungle auf der Terrasse, grüne Oase im Hinterhof: Das ist Saarbrückens neuestes Urban-Gardening-Projekt“. So die knackige Ankündigung des im Sommer gegründeten Vereins „Parkbeet“. Eine Gruppe rund um die drei Jahre nach der Schließung des „Fridel“-Marktes in der Halbergstrasse entstandene Coworking-Space „Halle4“ begann im Herbst auf dem Dach ein kleines Gewächshaus mit Pflanzkübeln und selbstgebauten Hochbeete aufzubauen. Man möchte hier alle versammeln, die Lust haben, „einen nachbarschaftlichen Treffpunkt, Ort der Begegnung von Jung und Alt, Austauschplattform von Gartenwissen und Wohlfühlplatz gleichermaßen“ zu errichten, heißt es. Das Projekt ist eines der ersten, bei dem nicht nur auf ebener Erde, sondern auf Gebäuden gemeinschaftlich Lebensmittel gepflanzt werden: Bislang unbepflanzte Teile der Stadt werden begrünt.

Bildung for future

Während Gemeinschaftsgärten nicht-kommerziell arbeiten, möchten andere Gruppen die Nahrungsmittelerzeugung auch als Einkommensquelle in die Hand nehmen – um damit in einer Zeit, in der alles immer und sofort verfügbar ist, ein Zeichen für Qualität und gegen die Wegwerf- und Konsumgesellschaft zu setzen. So besteht seit 1998 ein Projekt der „solidarischen Landwirtschaft“, das mit dem 2015 entstandenen „Stadtbauernhof“ im Almet konkret wurde. Der Verein möchte die nachhaltige Erzeugung von Nahrungsmitteln erlebbar gestalten und vor allem Kindern und Jugendlichen näher zu bringen. Auf dem Hof gibt es einen kleinen Gemüsebaubetrieb, dessen Produkte per Direktvermarktung verkauft werden. Ferner werden Hühner und Bienen gehalten, es gibt eine Upcycling-Werkstatt, Naturpädagogik mit den „Kids in Gummistiefeln“ und nicht zuletzt die Hofgastronomie „Ulanen-Hof“ als kulinarischer und geselliger Treffpunkt.

Direkt an Kinder richten sich auch die Angebote von Acker e.V., einem 2014 in Berlin gegründeten Verein, der im Saarland seit 2018 aktiv ist. Sie sollen lernen, wo unsere Lebensmittel herkommen, bevor sie im Supermarkt in die Auslage landen. In mittlerweile 14 Schulen und einer Kita sind Schulgärten als Lernorte entstanden, darunter im Sozialpflegerischen Berufsbildungszentrum (SBBZ) in der Schmollerstrasse, auf der Bellevue und bei der Kita Bengesen in Püttlingen. Hier unterstützen „ährenamtlich“ tätige „AckerBuddys“ und „AckerCoaches“ die Pädagog*innen dabei, Kinder für Natur und gesunde Ernährung zu begeistern. Unabhängig von Acker e.V. gibt es ein ähnliches Projekt auch am Ludwigsgymnasium.

Auch der BUND richtet sich mit Unterstützung des Umweltministeriums mit einem „kunterBUNDmobil“, einem Bus als mobilem Klassenzimmer seit 2000 an Schulen und Kindergärten.  Mit ihm werden Kindern und Jugendlichen an Projekttagen in Schulen oder vor Ort in der Natur bei jährlich 120 Veranstaltungen naturkundliche und umweltrelevante Themen in ihrer natürlichen Umgebung altersgerecht vertraut gemacht.

Die Stadt regt seit 2015 mit der Aktion „KlimaKids Saarbrücken“ eine Kindergärten und Grundschulen an, sich mit Projekten zum Energie- und Wassersparen, der Müllvermeidung und der Reduktion von Lebensmittelverschwendung zu beteiligen. Die diesjährigen ersten drei Plätze belegten die Albert-Schweitzer-Grundschule, die Kita Eschberg und die Grundschule Rastpfuhl.

2019 startete das Konzept „Schule der Nachhaltigkeit“ des Bildungsministeriums gemeinsam mit dem Umweltministerium und mit Unterstützung unter anderem des NES und der NAJU. Mittlerweile wurden im Stadtverband drei Schulen mit dem Siegel ausgezeichnet –neben der schon genannten SBBZ auch die Ganztagsgrundschule Scheidt und die Marie Curie Schule BBZ Völklingen. Beim SBBZ gibt es neben Nutzgärten und umweltbewussten Klassenzimmern auch ein „grünes Lehrerzimmer“, seit dem Herbst auch eine Gartenklasse, die für den Schulgarten verantwortlich ist und dort Kräuter, Gemüse und Obst anbaut. Hintergrund des Siegels ist das Leitbild der „Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Es soll in den Schulen mittels einer Ausrichtung an den 17 globalen Nachhaltigkeitszielen (SDGs) der Agenda 2030 verankert werden.

Ist Saarbrücken mit all diesen Initiativen nun ernsthaft eine „Stadt im Wandel“? Erfolgt hier ein positives „glokales Handeln von unten“, um wirklich alles neu zu denken? Nein. Wie viel auch passiert: Das reicht alles noch nicht. Aber allem Pessimismus zum Trotz wird doch deutlich, dass Ideen für mehr konkrete Nachhaltigkeit längst praktiziert und entwickelt werden. Das Ziel, die nötige Transformation hier, lokal zu ermöglichen, um unsere Lebensweise den reell zur Verfügung stehenden Ressourcen anzupassen, steht noch in weiter Ferne. Und doch: Die Alternativen werden immer sichtbarer.

(Langfassung eines Textes für die Saarbrücker Hefte 126, erschienen im Dezember 2022)

Saarbrücker Nachhaltigkeitsinitiativen © Ekkehart Schmidt

Mein zweiter Veganuary

Im Januar 2022 machte ich erstmals beim Veganuary mit: Dem Versuch, mich einen Monat weitestgehend vegan zu ernähren. Der Umstieg auf eine vegane Ernährung ist einer der besten Wege, unseren Planeten zu schützen und das Leid unzähliger Tiere zu mindern. Außerdem zeigen zahlreiche Studien, dass sich eine pflanzliche Ernährung positiv auf die Gesundheit auswirken kann (heisst es auf der Seite der Initiator*innen dieser Aktion). Schlicht und einfach.

Das war damals freilich in der Umsetzung nicht so einfach, aber doch sehr befriedigend, war doch die Quintessenz: Es geht viel besser, als gedacht, von konventionellen Fleisch- und Milchprodukten auf vegane umzusteigen (Resumee im damaligen Blog).

Auch bei meinem zweiten Veganuary möchte ich diesen Blog nutzen, mich da etwas in meinem Essverhalten zu beobachten, zu kontrollieren und Bilanz zu ziehen. Nur werde ich das jetzt auf täglicher Basis tun: Wann habe ich, Tag für Tag, bei den typischen drei Mahlzeiten doch noch tierische Produkte zu mir genommen (vorausgeschickt sei, dass ich in diesen Fällen zumindest immer Bioprodukte gegessen habe).

Ich nehme mir vor, keinerlei Fleisch oder Wurst zu essen, auch keine Eier oder Eierprodukte, so wenig Milchkäse wie möglich und nur sehr gelegentlich Fisch.

Los geht`s:

01 Frühstück: Keine Erinnerung, Mittags Eierspätzle (weil die Kinder sie so mögen), abends eins von drei Abendbroten vegan

02 Frühstück: 3-4 Esslöffel Restmilch der Kinder zum Müsli, mittags Rest Käsespätzle, abends containertes Brot mit Milchkäse und kurz vorm Schlafen hauchdünne Gruyere-Scheiben mit Oliven

03 Frühstück: 3-4 Esslöffel Restmilch der Kinder zum Müsli, mittags vegan, abends containertes Brot u.a. mit Milchkäse und kurz vorm Schlafen hauchdünne Gruyere-Scheiben mit Oliven

04 Frühstück: 3-4 Esslöffel Restmilch der Kinder zum Müsli, mittags vegan, abends containertes Brot u.a. mit Milchkäse und kurz vorm Schlafen hauchdünne Gruyere-Scheiben mit Oliven

05 Frühstück: 3-4 Esslöffel Restmilch der Kinder zum Müsli, mittags Pasta mit Thunfisch, abends Brot u.a. mit Milchkäse und kurz vorm Schlafen hauchdünne Gruyere-Scheiben mit Oliven

06 3-4 Esslöffel Restmilch der Kinder zum Müsli, mittags Reste der Pasta mit Thunfisch, abends Brot u.a. mit Milchkäse und kurz vorm Schlafen hauchdünne Gruyere-Scheiben mit Oliven

07 Halbes Buttercroissant, mittags Reste der Pasta mit Thunfisch, abends vier Scheiben Brot, davon eine mit Milchkäse

08 Erstmals komplett vegan (ich widerstand dem Impuls, Gruyere auf die Bratkartoffeln zu schnipseln, auch bei den vier Scheiben Abendbrot erstmals ohne Milchkäse)

09 Erneut komplett vegan, aber nur, weil ich abends im Bioladen zwei Gläschen Aufstrich von Zwergenwiese „Wie Mettwurst“ und „Wie Leberwurst“ im Angebot fand und erstand: genug für vier Abendbrote

10 Komplett vegan, problemlos auch deshalb, weil ich mir weitere Packungen veganer Wurst besorgte

11 Vielleicht komplett vegan, falls in den Schokobonbons, die jemand im Büro verschenkt hat, keine Milch drin war

12 Ganz vegan, fast schon ganz normal

13 Vegan, dachte ich: Aber war in dem Tüten-Risotto von foodsharing wirklich keine Milch? Mist: Da war Schmelzkäsepulver drinne… Und den Müsli-Milchrest von Paul esse ich morgen – bei einem Kinderwochenende wird das alles schwierig…

14 Der erste Sündentag: Nach leckerem Fruchtsalat mit Milch von gestern wollten und bekamen die Kinder Kartoffelpüree mit Möhren und Köttbüllar, die ich mit Rosenkohl ergänzte – und mich doch als unfähig erlebte, nicht auch von den Fleischbällchen zu kosten (warum auch nicht, war sehr lecker), abends wieder alles vegan

15 Zur Halbzeit des Veganuary spürte ich einen Widerstand gegen die Absolutheit des 100% veganen Anspruchs. Nach dem Frühstücksobst mit Restmilch ass ich nach der veganen Humuspizza mittags ein Achtel der Käse-Salami-Pizza eines Sohnes, beim Abendbrot belegte ich eins von drei Broten mit Emmentaler, den ich schon im Dezember gekauft hatte – und schnabulierte schliesslich gegen 22 Uhr small slices of Gruyere zu Oliven. Denn: Keine vorhandenen Lebensmittel zu verschwenden ist wichtiger, als dieses vegane Ding…

16 Morgens und abends vegan. Mittags ging es nicht anders, einen Käsepizzarest und dazu ein containertes Brot mit Frischkäserest zu essen: Völlig OK, fand ich

17 Jetzt schwächele ich aber wirklich: Nach dem veganen Fruchtsalat zum Frühstück „brauchte“ ich im Abgabestress eines Artikels gegen 11ein Buttercroissant und mittags verwertete ich die drei Wochen alten Emmentaler-Scheiben zur Verfeinerung meiner Bratkartoffeln, ehe sie verschimmeln – abends besorgte ich dann auch noch ein Käsesandwich für einen späten beruflichen Termin…

18 Mittags den Bratkartoffel-Käse-Rest gegessen, abends das zweite Käsesandwich von gestern. Ging nicht anders. Im indonesischen Restaurant dann noch eine vegane Suppe.

19 Zurück in der Spur: Veganer Fruchtsalat, vegane Spaghetti „Bolognese“, veganes Abendbrot – Yeah!

20 dito!

21 Das war schwer: veganes Frühstück, dann ein Ausflug nach Bingen und da bei „Fari“ endlich einmal wieder persisch essen: Leider ging Ghorme Zabzi nur mit Rindfleisch, dazu das Joghurtgetränk Dugh… und abends musste ich irgendwie Käse naschen: Sünden als Belohnung musste auch mal sein. Ich bin ja nicht dogmatisch.

22 So lecker der Gruyere gestern Abend auch war: Heute wollte ich morgends, mittags und abends wieder konsequent vegan sein. Das war einfach – allerdings war ich nachmittags Kirschstreusel essen, etwas im Zweifel, ob der vegan war…

23 Ich blieb den ganzen Tag konsequent, streute mir nur beim Mittagessen im Restaurant versehentlich Parmesan auf die etwas langweilig schmeckenden veganen Farfalle

24 Im Home-Office sehr konsequent, mit Jackfruit-Experiment mittags: Es freute mich, dass das gut schmeckte! Aber abends lockte die Balkan-Bäckerei mit dem superleckeren vegetarischen Kartoffelbörek (ich vergass die Butter…): Shit!

25 Im Büro spendete jemand Croissants und Krapfen (kein Widerstand möglich), mittags vegan, abends noch ein Spinatbörek (von gestern… jaja, shit), dazu dann spätabends nach langer Busfahrt nach Hause wieder der Gruyère

26 Morgends ein weiteres altes Croissant von gestern gegessen, ansonsten konsequent vegan – ich fürchte nur, gleich lockt nach ein paar Gläsern Wein wieder der Gruyère …

Erste Erkenntnisse: Durch diese „Bilanzierung“ wird mir bei vielen weiterverarbeiteten Lebensmitteln überhaupt erst klar, dass sie nicht vegan sind, z.B. bei Croissants und Börek oder manchen Weinen (mein Lieblingswein ist aber ausdrücklich vegan) … Ich widerstehe vielem, habe guten Ersatz gefunden. Merke aber, dass es bei Zeitnot unterwegs so gut wie unmöglich ist, sich etwas Veganes to go zu besorgen…

Mein zweiter Veganuary © Ekkehart Schmidt

Hotel Alpek_Istanbul

Ich nehme mir einmal heraus, nach gut 20 Hotel-Aufenthalten in Istanbul seit 1981, ein Haus ganz besonders zu empfehlen. Natürlich war das „Hotel Güngör“ neben dem legendären Puddingshop bei meinen ersten zwei Aufenthalten schon seit den 1970ern das coolste für Traveller auf dem Hippie-Trail nach Kabul: Genau gegenüber der Hagia Sophia gelegen und superbillig. Bis 1985 habe ich dort drei Mal übernachtet. Aber das gibt es schon lange nicht mehr. Wie der „Londra Camping“, ein grosser Lkw-Parkplatz am westlichen Stadtrand, von wo aus ich sehr oft zurück nach Deutschland getrampt bin. Auch andere preiswerte Hotels wie das „Pele“ am Taksim existieren nicht mehr. Das Angebot hat sich deutlich verteuert. Oder sagen wir: Hotels für türkische Reisende wurden durch Touristenhotels verdrängt.

All die anderen, die ich im Laufe von vier Jahrzehnten ausprobiert habe, sind entweder viel zu teuer – wie das „Pera Palas Hotel“ und das „Richmond“ in Beyoglu oder das „Çirağan Palace Kempinski“ – oder nur ein schlechter Kompromiss gewesen – wie das „Aden“ in Kadiköy, das „Alzer“ an der Sultan Ahmet Moschee, das „Grand Tahir“ und ein anderes in Aksaray oder das „Bristol“ in Sishane/ Beyoglu. Schlechter Kompromiss, weil: Ordentliche Lage, akzeptabler Preis, aber keinerlei interessante Historie oder ein Blick auf die Stadt.

Das „Alpek“ aber, in dem wir vom 10. – 15. Dezember unsere traditionelle jährliche Papa-Sohn-Zeit verbrachten, bietet mit einem Preis knapp über 100 Euro für das Doppelzimmer mit reichhaltigem türkischem Frühstück (mit nur kleinen Zugeständnnissen an 08/15-Erwartungen) vor allem durch seine Dachterrasse ein derart besonderes Erlebnis, dass ich es hier gerne als „Geheimtipp“ beschreiben mag. Mir war das bei der Hotelsuche gar nicht so wichtig gewesen, aber Tom (25) mit seiner eigenen, ganz anderen Reiseerfahrung, bevorzugte es unmissverständlich wegen dieser Terrasse. Sie bietet einen perfekten Blick von (links) dem Turm der Istanbul Universität über die Suleimaniye Moschee und die Yeni Camii ganz nah, das Goldene Horn mit der Galata-Brücke, dem Galata-Turm und den aus der Skyline herausragenden Gebäuden von Beyoglu bis zur Europabrücke über den Bosporus (ganz rechts).

Aber zunächst war da das kleine Zimmer Nr. 505 direkt unter der Terrasse. Wir öffneten das Fenster und schon dieser Ausblick machte mich sprachlos: Durch diesen Blick entstand ein Gefühl eines weiten räumlichen Da-Seins mitten im Herzen der Stadt. Wir verschlossen es nur noch an einem üblen Regentag.

Wir sind dann schnell hoch, bestellten zwei Efes und dann sass ich da und schaute, irgendwie voll und leer zugleich. Begeistert und ernüchtert. Für meinen Sohn dachte ich: Shit, den Höhepunkt zu Beginn entspricht nicht meiner Philosophie des Reisens. für mich dachte ich: Das ist oder wird hier die Quintessenz all dieser Istanbul-Aufenthalte…

Das Hotel besteht erst seit 2015 oder 2010 (die Angestellten waren da uneinig), wirkt aber, als wäre es schon immer da gewesen. Das historische Gebäude war aber wohl in jedem Fall jahrzehntelang ein Gebäude mit Handwerkerateliers, Schneider offenbar. Dann wurde es umgebaut, das heisst wohl, das Zimmer anders geschnitten, also räumlich reduziert wurden und „Nasszellen“ eingebaut wurden. Das Treppenhaus mit seinen altmodischen Teppichen wirkt freilich so, als wäre das schon immer ein Hotel gewesen. Entweder stimmt also diese Story nicht oder der Inhaber hat das sehr geschickt und bewusst so gestaltet, dass sich ein Gast fühlt wie in einem Hotel der 1980er/90er-Jahre.

Sei es drum… Wir erlebten fünf Frühstücke mit diesem Blick.

Die Gäste sehr international: aus Japan, England und den USA, aber auch aus Herne (eine sehr nette türkischstämmige Familie). Und das Personal wirklich authentisch nett und zuvorkommend, edel gestylt und immer frisch rasiert, einem die Wünsche nach einem zweiten Tee oder Efes vom Blick ablesend…

Aber nochmal von vorne: Unsere Annäherung an das Hotel, die Rezeption, das Treppenhaus und unser Zimmer… Das Alpek liegt am direkt auf das Goldene Horn und die Galata-Brücke endenden Stadtkörper der Altstadt im Viertel Eminönü, das viele Hotels für Touristen beherbergt, die von hier aus hoch zur Hagia Sophia, der Sultan Ahmet Moschee, dem Topkapi-Palast und dem Basar streben. Deren Blickrichtung geht also vorrangig eher nicht in Richtung Galata-Turm und Beyoglu. Wenn sie dann auch in diese Richtung laufen, dann vor allem wegen der Yeni Camii und dem „ägyptischen Basar“. Rechterhand dieses Weges fndet sich die Arpacilar Caddesi und unser Hotel:

Der Empfang in der Rezeption war ganz besonders freundlich, wir wurden per Aufzug zum Zimmer im 5. Stock begleitet und liefen dann nach dem ersten Zimmer- und Terrassenerlebnis wieder hinunter, um noch etwas zu essen.

Adresse: Hobyar, Arpacılar Cd. No:10, 34110 Fatih/İstanbul, Türkei, Homepage

Hotel Alpek_Istanbul © Ekkehart Schmidt

Zwei Lächelgeschenke im Thonet

Vor einem Dutzend Jahren ging mir die Gewohnheit verloren (oder habe ich sie aufgegeben/ beenden müssen?), mich täglich mittags oder nach der Arbeit in ein Café zu setzen, um zu mir zu kommen und vielleicht ein schönes Gespräch zu erleben. Als Pendler ins Ausland, der Papa wurde, war zumindest der abendliche Espresso der Mama und den Kindern gegenüber nicht mehr zu rechtfertigen. Und mittags suchte ich Ruhe im „Le Relax„, in dem garantiert keine Leute aus der Ökosozialblase anzutreffen waren, weil ich die im Büro schon um mich hatte. Entspannung suchte ich – trotz Trennung von der Mama – seitdem nur noch zu Hause.

Am ersten Arbeitstag eines neuen Jahres kam mir heute spontan der Impuls, nach den abendlichen Einkäufen meinen rituellen Espresso nicht auf dem Balkon, sondern im „Thonet“ zu trinken, um auch ohne Ablenkung konzentriert und grundlegend über die Arbeit in 2023 nachzudenken, statt sofort zuhause in die üblichen einsamen Gewohnheiten zu tauchen. Vielleicht würde mir in diesem etwas im toten Winkel zwischen Altstadt und Nauwieser Viertel gelegenen Café mit nachhaltiger Ausstrahlung und individuell-unkonventionell lebende Menschen ansprechenden Touch ja auch jemand Neues begegnen?

Auf der Terrasse sprachen zwei Frauen über eine Beziehungsproblematik, ich setzte mich in den leeren vorderen inneren Bereich, weil es hinten etwas zu intim wirkte – mit einem älteren Päarchen und einer jungen Frau mit erfrischender Ausstrahlung, die in eine Lektüre vertieft schien. Es gab, abgesehen von der Kellnerin, keinerlei Augenkontakte. So gelang es mir, auf einem kleinen Blatt Papier das Wesentliche der anstehenden Aufgaben strukturiert zu notieren.

Das Paar zahlte und ging. Dann räumte auch die andere, alleine hier sitzende Person ihre Sachen zusammen und kam nach vorne, um zu zahlen. Ich schaute sie an und sie lächelte mir gewissermassen in die Augen. Mein Blick war aufmerksam, aber – dem Altersunterschied angemessen – neutral gewesen. Ihrer dagegen offen und einnehmend – gleichwohl letztlich ebenso neutral. Ich verstand, dass sie sich hier vielleicht ähnlich alleine fühlte und gerne in Kontakte kommen wollte (obwohl gerade gehend). Ganz prinzipiell, ohne Bezug zu mir. Vielleicht neu in Saarbrücken?

Dieses Lächeln berührte mich und da ich nahe der Theke saß, blickte ich unauffällig weiter in ihre Richtung, um vielleicht einen zweiten Blick zu erhaschen. Und bekam diesen tatsächlich, als sie zur Tür ging: Ein erneut echtes Lächeln. Verstehend und ausdrückend, dass wir uns in unserem beidseitigen Wunsch nach Nähe verstanden hatten. Nicht mehr und nicht weniger. So meine Empfindung.

Schön!

Und nun? Gehe ich jetzt öfters gegen 18.30 Uhr ins Thonet, um meiner frischen, überraschenden und hoffnungsvollen Erwartung eine Chance zu geben oder freue ich mich für heute daran und widerstehe der Gefahr eines Strudels unerfüllbarer und frustrierender Hoffnungen angesichts von 25 – 30 Jahren Altersunterschied?

(Das Photo entstand in einem völlig anderen Kontext in Istanbul)

Zwei Lächelgeschenke im Thonet © Ekkehart Schmidt

Versuch über eine Annäherung_Istanbul

Als ich ihre Hand sah, erinnerte ich mich sofort an andere Frauenhände, die ich bei Besuchen Istanbuls zwischen 1981 und 2011 so oft fasziniert fixiert hatte: Nur hielt sie kein Reststück eines Sesamkringels („simit„) hinaus in den Wind, sondern einen Kartoffelchips nach dem anderen. Es sind vor allem Frauen, die während der Viertelstunde, die die im Minutentakt fahrenden unzähligen Dampfschiffe brauchen, um vom europäischen zum asiatischen Ufer Istanbuls hin und her zu pendeln, eine stille Freude empfinden, die mitfliegenden Möwen zu locken.

Manche von ihnen kennen das Spiel, andere sind extrem vorsichtig. Ihr menschliches Gegenüber hat entweder viel Erfahrung mit dem richtigen Locken, oder probiert es aus einer Intuition heraus erstmals. So gelingen in dieser Zeit nur drei bis vier Matches.

Sie nahm wahr, dass ich ihren ausgestreckten Arm mit der Kamera fixierte, liess sich das aber kaum anmerken, sondern hielt ihn mit dem Paprikachips geduldig in den heute besonders stürmischen Wind, während sich die Möwen in schwierigen Flugmanövern annäherten, aber selten näher heranwagten. Vielleicht hatten sie auch schon Menschen erlebt, die ihnen nicht wohlwollend gegenüber traten. Geduld traf auf Vorsicht. Auch für mich war es eine Geduldsübung, die mit einem frohlockend-glücklichen Blick belohnt wurde.

Wir erreichten den Hafen von Kadiköy, ohne uns noch einmal anzuschauen. Aber ich spürte eine wunderbare Ergänzung meiner bisherigen Erlebnisse beim Pendeln von Europa nach Asien, auf dem Vapur mit einem Teeglas in der Hand.

Das Thema ist übrigens eines, zu dem sich schon manche Poet*innen und andere Autor*innen Gedanken gemacht haben. So stellte die deutsche Schriftstellerin Angelika Overath ediesen topos während ihres Istanbul-Aufenthaltes von 2015-2018 an den Anfang ihrer „Istanbuler Elegien“:

Wie klein doch
diese Stadt,
ein Möwenschnabel, der in den Himmel stößt,
Pfeilnocken roter Füße
unter dem Spachtel-Baldachin des Schwanzgefieders.
Genug Engel gesehen
und genug –
Brotbrocken geworfen
über dem Bosporus
sit, sit, sit, mit, mit, sim
seltsamer Samen, Sesam,
so winzige Perlen von
Öl.

Und der in Berlin und Ankara lebende Autor und Übersetzer Achim Wagner dichtete in „Immer noch“ ähnlich trübselig oder wehmütig klagend:

Dass der lange Arm der Platane in Çengelköy
immer noch bis an den Bosporus
und die Angler in den Buchten
die rufe der Schrottsammler
jeden Morgen
wieder den Blick von einem Balkon in Cihangir
auf ein verlassenes Haus
wir füttern die Möwen weiter mit Simitstücken
wenn wir mit dem Dampfer zu den Inseln
den Eseln
und aus einer Ferne der vertraute Smog
dieses Gewölbe der Stadt

Es ist, als wäre dieses Tun der perfekte Ausdruck von „hüzün„, jener spezifisch Istanbuler Gefühlslage des Scheiterns und des Verlustes, die mit Traurigkeit oder Melancholie nur unzureichend in ein deutsches Wort gefasst werden kann, weil sie immer noch nicht die Hoffnung auf eine Veränderung aufgegeben hat, also weiterhin eine Hoffnung und Sehnsucht mitschwingt.

Vielleicht, weil es in dieser extrem dynamisch sich verändernden Metropole schon immer Möwen gab, als einzige Konstante und gewissermassen Verbindung zum (bislang) unendlich gleichen Rhythmus der Natur? Und, anders als die Fische, Bindeglied zwischen Meer und Land? Zwischen Vergangenheit und Zukunft…

Die Frühstückskellner unseres Hotels Alpek füttern die türkisch martı genannten Meeresvögel ebenfalls täglich, allerdings in sehr pragmatischer, wenig poetischer Weise: Die Brotreste werden von einem Tablett auf ein Vordach der Dachterrasse gekippt und dort von Möwen und Raben vertilgt:

Von anderen Hafenstädten ist mir solch eine Verbindung zwischen Mensch und Tier nicht bekannt. Natürlich verfolgen Möwen die Fischerboote auf der Nordsee wie im Mittelmeer oder den Weltmeeren. Aber weder aus Alexandria, Amsterdam, London, Marseille, New York oder Oslo sind mir solche Traditionen bekannt. Aber vielleicht euch?

Verwendete Zitate: Overath, Angelika: Istanbuler Elegien, in: die horen, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik, 65. Jg., Ausgabe 278, 2020: in flüchtiger berührung. Istanbul – heute, S. 51-62, S. 51; Wagner, Achim: Immer noch, in: die horen, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik, 65. Jg., Ausgabe 278, 2020: in flüchtiger berührung. Istanbul – heute, S. 79.

Versuch über eine Annäherung_Istanbul © Ekkehart Schmidt

Madeira Stuff_Pfaffental

Wir waren hier jetzt mehrmals. Beim ersten Mal, im Juni 2021, waren meine Kinder derart begeistert von diesem gläsernen Aufzug, der seit 2016 von der luxemburger Oberstadt in 30 Sekunden die 60 Höhenmeter hinunter ins ehemals arme „Paffendal“ fährt, dass ich nach ihrer dritten oder vierten Fahrt hinunter und wieder hoch sagte: „OK Jungs, ich setzte mich da hinten ins erste Café an der Ecke und trinke einen Espresso. Ihr könnt dann ja nachkommen und auch etwas trinken.“ Fein. Sie faszinierte auch die digitale Anzeige der Fahrt, und immer waren andere Leute mit dabei. So fuhren sie wohl ein Dutzend Mal, während ich meinen Espresso genoss. Irgendwie hatte ich das schon geahnt oder eingeplant, bevor wir für die „Transition Days“ hierherkamen. Und als wir dann von oben hinunterschauten…

Die „Madeira Stuff“ war – natürlich – eine dieser unzähligen Lokale des Landes mit portugiesischen Inhabern, die ehemalige luxemburgische Lokale mit langer Tradition übernommen haben, nachdem ein Lokal frei wurde. Bei Madeira denke ich gleich an CR7, aber vielleicht kamen die Inhaber einfach irgendwann als Arbeitsmigrant*innen von dieser Inselgruppe, die zu Portugal gehört und vor der Nordwestküste Afrikas liegt.

Natürlich hielt ich sie im Blick. Sie waren 8 und 6 Jahre alt, da können doch schon mal gefährliche Dinge passieren, wenn sie übermütig werden. Aber nach 10 Minuten waren sie bei mir und nahmen gerne das Angebot eines Kakaos an. Und ich nahm einen zweiten Espresso, froh, ihnen etwas bieten zu können. Er kostete nur 2 Euro, ein Kakao 2,40: Faire Preise.

„Roode Pelikaan“? Das ehemals arme Viertel ist nicht erst mit diesem Aufzug gentrifiziert worden und zieht plötzlich auch Touristen aus den Niederlanden, Belgien oder Deutschland an. Die Madeira Stuff existierte schon länger. Ihre mediterrane Küche mit Fisch und Muscheln scheint wirklich besonders gut zu sein, glaubt man Trip Advisor. Für uns war das keine Option: Wir haben woanders preiswerter gegessen und sind zurück in unser Hotel am Flughafen, startende und landende Flieger schauen und am nächsten Tag in Mersch schwimmen gehen: Es waren in Deutschland hart restriktive Corona-Zeiten, hier aber waren Hotels und Schwimmbäder offen. Das durfte ich den Kindern bieten.

In einer Ausstellung, die ich noch nachtragen muss, fand ich ein faszinierendes Bild der Situation dieser Ecke etwa in der Mitte des 20. Jahrhunderts, das zeigt, wie sehr sich der ehedem heruntergekommene Stadtteil entwickelt hat. Auch mit und durch seine dominant portugiesischstämmige Bewohnerschaft:

Und was den Spass am hoch- und runterfahren angeht: Das wiederholte sich gegenüber, auf der anderen Seite des Tals beim Funikular, einer – ebenfalls neuen – Drahtseilbahn… Nur war ich da mangels Café nicht mehr soo entspannt. Ein paar Mal durften die Jungs aber.

Adresse: 2-4 Rue du Pont, 2344 Luxemburg, Tel.: 26880220, Homepage, Facebook

Madeira Stuff_Pfaffental © Ekkehart Schmidt