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Itziger Stiffchen_Itzig

Ich habe mich ein bisschen verliebt in diesen idyllischen Ort, etwas oberhalb der Route de Thionville, durch die ich seit 12 Jahren per Bus zu meinem Arbeitsplatz fahre. Seine Existenz war mir bekannt, aber ich war nie dort. Zuletzt bekam ich nur mit, dass der erfolgreichste Sportler Luxemburgs dort ein Fahrradgeschäft aufgemacht hat: Andy Schleck, Tour de France-Sieger von 2010. Er wohnt aber wohl weiterhin in Mondorf-les-Bains. Dass hier auch der Radrennfahrer und Sieger der Tour von 1958, Charly Gaul (1932-2005) lebte, war für die Auswahl des Ortes aber sicherlich kein Zufall. Und wenn ich schon dabei bin, ist natürlich auch der hier geborene Schriftsteller Roger Manderscheid (1933-2010) zu nennen. Ein kleiner, aber feiner und interessanter Vorort also.

Ich hatte hier gestern in einem umgewandelten Gebäudetrakt des den Ort früher dominierenden Franziskanerklosters ein Seminar zu halten und stieg an der Busstation „Am Klouschter“ aus, deponierte meine Sachen und lief zurück zur Hauptstrasse, wo mir zwei Lokale an der Kirche aufgefallen waren, die ich bei einem schnellen Espresso vor Seminarbeginn besuchen wollte.

Das trotz seiner Nähe zur Hauptstadt sehr ländlich und authentisch wirkende frühere Strassendorf hat heute gleichwohl über 2000 Einwohner, die jedoch grösstenteils ausserhalb des Ortskerns leben. Viel wird auf der Seite der Kommune, die administrativ zu Hesperingen gehört, nicht erzählt. Angesprochen wird nur der Wandel einer ländlichen Bevölkerung Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Wohnort von Arbeitern und Menschen in Dienstleistungsberufen, wie Journalisten, und schliesslich zu einer Art Schlafstadt mit dörflichem Kern.

Nicht erwähnt wird vor allem diese schöne Ecke unterhalb der Kirche St.Hubert: Drei Lokale unmittelbar nebeneinander. So nahe an der Kirche, dass ich an den alten Spruch denken musste, das der Teufel immer auch eine Kneipe neben eine Kirche gesetzt habe. Ziemlich unwiderstehlich, tritt man nach einem Gottesdienst auf die Terrasse vor der Kirche:

Rechts die „Brasserie de la Place“ , links das Café „Itziger Stiffchen“, das sich auch als „Galerie d`Art“ präsentiert. Beide Lokale haben wohl einige Jahrzehnte und viele Inhaberwechsel hinter sich. Ich wurde enttäuscht: Beide Lokale sind saniert worden, wenigstens habe ich auf Google-Earth und Facebook einige alte Fotos gefunden, zunächst der Anblick vom September 2009, bei dem die Brasserie noch einen Brauereivertrag mit „Mousel“ hatte, ehe sie zu „Diekirch“ wechselte:

Ich setzte mich auf die Terrasse der Stuff, die eben noch voll belegt, jetzt aber plötzlich leer war: Punkt 14 Uhr war geschlossen worden – ich hatte also in die Brasserie zu gehen. Beide sind stark modernisiert worden, versuchen mit einem Mittagstisch von der veränderten Sozialstruktur des Ortes zu profitieren und kämpften jetzt mit Take-Away-Angeboten gegen die Lockdown-Krise. Insofern war mir das dann auch egal, wo ich meinen Espresso nahm.

Die in Sichtweite ein kleines Stück weiter oberhalb liegende „Brasserie des Sports“ ist wohl ähnlich angepasst worden.

Aber zurück zum „Itziger Stiffchen“, das von zwei Frauen osteuropäischer Herkunft betrieben zu werden scheint: Dina und Iryna. Auf ihrer Facebook-Seite finden sich ab Sommer 2015 Einträge, besonders zwischen 2016 und 2018 gab es viele Bemühungen der Kundenwerbung mit Barbecue Party, Karaoke, Fritures und Scampis, Paella- und Muscheltagen, Konzerten…, dann brach das schon vor Corona ab. Gestern fand ich nur ein Angebot an Pizza von 9 – 18 Euro (Margaritha bis Lachs). Und auf Facebook einige Foto, die eine Idee der Atmosphäre zu normalen Zeiten geben:

Wie so oft war mir klar, dass ich mindestens noch einmal kommen sollte, um das Leben hier wirklich zu verstehen. Weit über den Ort hinausweisend fand ich zum Namen Itzig auch einen gleichlautenden Ausdruck, der laut Wikipedia ein veralteter mundartlicher Scherzname war, der vor einem Jahrhundert sowohl einen Schlauberger oder auch einen Vorgesetzten bezeichnen konnte, aber vor allem auch als abwertendes Kollektivum für Juden gebraucht wurde. Der Ausdruck ist abgeleitet vom jüdischen Vor- und Familienname Jitzchak (Isaak), der umgangssprachlich im Jiddischen häufig zu Itzik verkürzt wurde. Das Wort bezeichnete zunächst nicht nur Juden, sondern insgesamt Menschen, die Ziel von Spott wurden. In Wendungen wie narrischer Itzig, krummer Itzig oder scheeler Itzig zeigte sich allgemein die verspottende Bedeutung für als dumm, faul oder körperlich eingeschränkt geltende Personen.

Unter der Form Itsich ist dieser Ort 1597 erstmals erwähnt worden, wenngleich es vorher schon Ansiedlungen gab. Aber ob es da einen Bezug zu diesem antisemitischen Begriff gibt, ist doch sehr fragwürdig. Ich wollte es dennoch erwähnen.

Adresse: 2 und 4, rue de Bonnevoie, L-5950 Itzig/ Luxemburg, Tel.: 27917871Hier lebte dHie

Delta Bar à bières_Luxemburg

Bislang habe ich hier immer mit einem traurigen Unterton über neu entdeckte „tote“ Gaststätten berichtet – verstärkt in Pandemiezeiten, in denen politische Entscheidungen zur Schliessung vieler Lokale geführt haben. Bei der heute entdeckten „Bar à bières“ ist dies aus zwei Gründen anders: Diese „Bierbar“ befand sich im Bahnhofsviertel von Luxemburg, in dem sich gut drei Dutzend andere Lokale finden. Es gibt also – anders als in Dörfern und Kleinstädten – keinen substanziellen Verlust eines Kommunikationsortes. Und: Das Gebäude wird in einer Weise umgewandelt, dass ein Beitrag zu einem viel grösseren Problem als einem Kneipensterben geleistet wird.

Die Gebäude mit den Hausnummern 74 bis 78 der Rue Adolphe Fischer (der Strasse, in die unser Büro im Januar umgezogen ist) sind nach 2015 begonnenen ersten Konzeptionen 2017 von der Stadt aufgekauft worden, um Sozialwohnungen zu errichten, insbesondere für Menschen, die bislang in so genannten „Cafészëmmern“ leben. Im September 2018 begannen Renovierungs- und Umgestaltungsarbeiten, die im März abgeschlossen wurden. Bald werden hier 23 möblierte Zimmer bzw. flexibel aufteilbare Wohnungen für jeweils ein bis vier Personen zur Verfügung stehen. Insgesamt 32 bedürftige Personen erhalten dadurch eine Unterkunft mit faireren Preisen, als den ausbeuterischen, semilegalen der „Cafézimmer“, deren Zustände teils menschenunwürdig waren.

Der vom Architekturbüro Beng umgestaltete Gebäudekomplex wird in Anlehnung an die frühere Nutzung „Haus Delta“ heissen. In einem Artikel des Luxemburger Wort ist von einem früheren „Hotel Delta“ die Rede. Die Bar im Erdgeschoss ist also schon ein Nachfolgebetrieb gewesen. Das war mir nicht bewusst. Auf „Holiday Check“ und „Letsbookhotel“ finden sich undatierte Bilder von aussen und innen. Ich laufe seit 2008 viel durch die Stadt und kann mich nicht entsinnen, ein so prachtvoll wirkendes Hotel wahrgenommen zu haben. Das muss also schon einige Jahre her sein.

Wie dem auch sei: Im Erdgeschoss sind Gemeinschaftsräume, u.a. Sanitäranlagen, ein Aufenthalts- und Esszimmer, eine Portiersloge und Räume für das Verwaltungspersonal entstanden. Kein schlechter Ersatz in Zeiten der Wohnungsnot durch extrem überteuerte Preise. Interessant: Die alten Schilder mit dem namen des Lokals und der Brauerei sind nicht abmontiert worden. Als eine Art Tarnung oder zur Erinnerung?

Adresse: 74-80 Rue Adolphe Fischer, 1521 Luxembourg

Verwendete Quellen: L`essentiel: Un ancien hôtel transformé en logements sociaux, 30.03.2021; Ruppert, Rita: Vom Hotel zum „Haus Delta“, Luxemburger Wort, 2. April 2021

Café Stuewer_Noerdange

Der Begriff „Patina“ beschreibt den Zustand dieses Schildes, das ich heute in Noerdange im Westen Luxemburgs nahe der belgischen Grenze entdeckte, nicht mehr korrekt. Da ist schon mehr im Gange, da hat die Zeit schon richtig genagt, das ist schon nicht mehr nur die Oberfläche, die von einer Art Verwitterung betroffen ist, die an die natürliche Zersetzung von Gestein erinnert. Man kennt das Ergebnis physikalischer oder chemischer Prozesse durch Hitze, Wind, Wasser und Eis von Felsen und anderem Gestein. Dieses alte Schild, das den Namen einer Gastwirtschaft trug, ist aber wohl aus einem Material wie Stuck. Sagt man dann besser „Korrosion“ wie bei anderen Kunststoffen? Oder passt der bei organischen Materialien verwendete Begriff „Verrottung“ besser?

Das Schild hing an einem kleinen, noch bewohnten Häuschen, das sich optisch in keinem guten Zustand befand, aber dennoch weit von Verwahrlosung oder Baufälligkeit entfernt war. Noch lösen sich da – abgesehen von zerbröckelnden Mörtelstellen, nicht einzelne Teile auf und brechen auseinander, geschweige denn in Trümmer zu fallen, zusammenzubrechen oder einzustürzen. Ein Teil des Türrahmens ist abgebrochen und ein Stein der Zugangsstufen ist verloren gegangen (vielleicht als der Bürgersteig neu gemacht worden ist). Aber es wäre keine grosse Investition, einen mit einem Eimer Mörtel kommenden Maler zu bezahlen.

Jedenfalls stand ich offenbar, wenn es auch heute wie ein normales Wohnhaus wirkte, vor einem ehemaligen Lokal. Aber was für einem? Der Schriftzug war nicht mehr zu entziffern

Ich versuchte, den Namen zu entziffern: Beginnt es mit „Jo…“ und endet mit „…ion“? „Restauration“ oder „Alimentation“ kann es wohl nicht heissen, oder überlagern sich da verschiedene Schichten? Das Schild wirkt linkerhand abgebrochen und wird auch nicht – wie rechterhand – durch eine Kreisform ergänzt. Ob das damit zu tun hat, dass da links relativ neues Ziegelstein-Mauerwerk und eine Art Betonplatte zu erkennen ist, während das Haus rechts durch massive Steine eingefasst ist? Gingen diese und die ein bis zwei Anfangsbuchstaben bei einer früheren Sanierung verloren?

Während dreier Radtouren war ich in den letzten vier Jahren auf der 1992 eingeweihten Velospiste, die der ehemaligen Bahnstrecke Petingen – Ettelbrück entlang der Attert folgt (daher auch: Atertlinn), immer wieder durch das Dorf Noerdange (dtsch.: Noerdingen) mit der Kuriosität von zwei Bahnhofsgebäuden nebeneinander (luxemburgisch: Näerdener Gare) gekommen. Von 1890 – 1969 bzw. 1953 auf der hier abzweigenden Strecke nach Martelingen gab es hier Zugverkehr. Das im weissen Bahnhofsgebäude eingerichtete Museum zog alle Aufmerksamkeit auf sich. Da es abstandstechnisch eine Weile dauerte, bis es sich die anderen angeschaut hatten, lief ich ein wenig herum. Erst dadurch fiel mir dieses Gebäude an der Hauptstrasse nebenan auf.

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Eine ältere Dame kam vorbei und ich fragte spontan nach: Ja, das sei schon lange zu. Wie es hiess? „Café Stöwer“. Oder „Stoewer“, was ich später als alten luxemburgischen Namen fand. Vielleicht auch „Stöber“ oder „Stüber“? Sie war etwas einsilbig und jetzt waren die anderen schon unterwegs Richtung Beckerich. So musste ich weiter und fand abends auch online keine Spur. Sicherlich war es eine Art Bahnhofsgaststätte, vielleicht für Ausflügler aus der Stadt? Aber dann gab es keinen gesonderten Eingang für die Bewohner des Hauses. Oder war es doch ein Tante-Emma-Laden, aus dem zuletzt ein Café wurde? Das bleibt also eine Recherche-Aufgabe. Spätestens bei der nächsten Radtour klingele ich dann mal. Für heute poste ich das aber schon einmal…

Adresse: Areler Stross/ Ecke Kierchewee, Noerdange/ Luxemburg

Café Stuewer_Noerdange ⓒ Ekkehart Schmidtauch abends

Umgestülptes Tier

Die Fleischindustrie war sehr geschickt darin, uns allesfressendem Lebewesen Fleischprodukte entgegen einem etwaigen Ekel so zu verkaufen, das uns irgendwann nicht mehr auffiel, dass es sich um totes Tier handelt: Bouletten, Cevapcici, Chicken Nuggets, Cordon bleu, Döner, Eisbein, Frankfurter, Frikadellen, Grütze, Gulasch, Gyros, Hamburger, Hanswurst (ach nee, Quark), Hot dog, Kasseler, Köfte, Königsberger Klopse, Köttbullar (bei IKEA), Landjäger, Lyoner, Rouladen, Salami, Schaschlick, Schinken, Schnitzel, Spare ribs, Steak, Sülze, Thüringer, Wiener, Würstel oder Wurst.

Zwar gibt es Ausnahmen: Blutwurst, Fleischbällchen oder -wurst, Gänseleberpastete, Hähnchen, Hackfleisch (obwohl: „Spaghetti Bolognese“), Lammfleisch, Kalbsleberwurst, Rindernackensteak oder Schweinelendchen (die ich immer als Schwein-Elendchen las). Aber das sind eher Begriffe, mit denen Kinder nicht konfrontiert sind, weil sie keine Kochbücher und Speisekarten lesen. Und so gewöhnen sie sich. Revoltieren einmal kurz und dann wird ein kleiner Anteil Veganer, ein grösserer isst weiter Produkte, deren Herkunft nicht mehr hinterfragt wird.

Ist schon klar: Aas, gebratenes Tier, Lämmchenfleisch, Schweinepoposchinken, Tierfleisch-Scheiben, umgestülptes Tier oder zerhackte Kuh wäre zwar präziser und transparenter. Aber genau das möchte ja niemand haben und hören: Transparenz und ethische Fragen zu der Selbstverständlichkeit, in der eine von Millionen Spezies auf diesem Planeten es sich herausnimmt, andere industriell zu züchten und zu verarbeiten, als wären es keine Lebewesen, sondern Produkte.

Diese durch Gewohnheit erlangte Gleichgültigkeit im Konsum solcher Produkte ist einer der Hauptgründe für Klima- und Biodiversitätskrise und letztlich auch deren Symptom Corona-Pandemie.

Mir liegt es fern, Fleischgenuss zwei Mal am Tag zu verurteilen, aber zwei Mal die Woche geht auch – ist gar nicht so schwer. Wichtig ist, dass es versucht wird. Denn: „Wir brauchen eine Fleischwende„, heisst es jedenfalls in der woxx zum Fleischatlas 2021, bei dem diesmal die Zukunft der Nutzierhaltung im Fokus steht. Die wichtigste Frage: Wie könnte die Fleischproduktion ökologischer und nachhaltiger gestaltet werden? Und wie lässt sich das Risiko weiterer Pandemien reduzieren?

Die Fotos stammen von einem Bio-Hof aus der Grossregion. Aber ich habe gelernt: Bio ist nur dann besser, wenn man die Lebensumstände dieser „Nutztiere“ wirklich verbessern möchte und sich wünscht, dass die Enten, Gänse, Hühner, Rinder, Schafe und Schweine erst einmal artgerecht Tier sein dürfen, ehe sie Fleisch werden. Ohne von Fisch zu reden. Am Grundproblem ändert sich nichts. Sie dürfen „artgerecht“ etwas länger leben. Aber wenn ihre durch den Menschen verwertbare Leistung nachlässt, sind auch sie dem Tod geweiht. Nach zwei oder drei Jahren. Oder dachtest Du nach acht bis zehn Jahren? Dieser Illusion sass ich auch bis vor Kurzem auf.

Umgestülptes Tier ⓒ Ekkehart Schmidt

Grünes Glück – Geteiltes Glück

Vor einigen Tagen begannen wir eine schöne Aktion namens „Grünes Glück“ an unserem Beet am Staden vorzubereiten, die durch eine Kooperation von Transition Town Saarbrücken mit dem Zuwanderungsbüro, der Ehrenamtsbörse und dem Karcher Hof entwickelt worden ist. Dass Pflanzen und Gärtnern Freude machen und insofern Glücksmomente vermitteln kann, habe nicht nur ich in der Coronazeit neu für mich entdeckt. In der Aktionswoche wollen alle Beteiligten vom 8. bis 14. April dafür sorgen, dass das Glück des Gärtnerns geteilt wird. Unter anderem. Denn unsere Aktion war nur eine von rund 60 Angeboten „Auf der Suche nach dem Glück„.

Am Donnerstag wurden 50m von hier an einer alten Eiche eine von einer Gruppe älterer Damen erstellte „Strickbombe“ befestigt und an ihren Wurzeln viele Dutzend bemalte Steine zum Mitnehmen abgelegt. Einen legte ich an den Komposthaufen unseres Gemeinschaftsgartens.

Und er brachte uns Glück! Heute war es endlich so weit. Es war nicht so sonnig wie gestern, dafür hat der Regen die Beete schön vorgewässert, wie Renate Schätgen meinte. Sie spendete 160 Kopf- und Romanasalat-, Brokkoli-, Rotkraut-, Spitzkohl- und Kohlrabisetzling, die von ihrem Verein zur Pflege von Erde und Mensch Karcherhof und Thalmühle e.V. zur Verfügung gestellt werden. An dem Bio-Hof bei Ensheim ist heute die Initiative „Essbare Stadt“ angesiedelt, unser Vorgänger hier am Garten, den uns das Grünamt der Stadt überlassen hat. Passt also sehr schön!

Wir pflanzten zunächst einige in unser Beet, dann sprachen wir Spaziergänger und Familien an, ob sie einen Garten oder einen Balkon haben… Gut drei Dutzend Familien und Einzelpersonen liessen sich gerne auf das Angebot ein, andere hätten gerne, aber ob Salat auf dem Fensterbrett wächst?

Wir integrierten die Setzlinge in das Beet, in dem aus dem Vorjahr schon wieder ein Dutzend Wildkräuter sprossen. Der Karcherhof wird uns im Mai noch Mais, Bohnen und Kürbisse spenden, um die „indianischen Schwestern“ zu pflanzen (am Mais rankt die Bohne hoch, die Kürbisblätter halten den Boden feucht). Es passte wunderbar, dass vier Mexikanerinnen vorbei kamen („Guten Tag. wir suchen das Glück!?“) – und das Prinzip aus der Heimat kannten.

Während Felix, Jonas, Nora, Renate, Rosa und Susanne pflanzten, lief Jenny mit einem Tablett voller Pflänzlein in Papiertüten (eine Packung Globus-Osterprospekte, von Renate mit gekonnter Falttechnik upgecycelt) über den Spielplatz. Nach gut drei Stunden war alles verteilt. Was übrig blieb, pflanzte ich auf meinen Balkon. Jede*r hat wohl für sich etwas anderes gelernt. Mir gefiel der Tipp von Renate, dass Kohlrabi und Brokkoli zwar auf Abstand gesetzt werden sollten, dazwischen aber Salat passt, weil der viel schneller wächst und schon geerntet werden kann, ehe die Nachbarn überhaupt erst gross geworden sind.

Die Aktion passte auch deshalb geglückt und beglückend in unser Konzept, weil wir wegen der Pandemie seit über einem Jahr nicht unsere Bücher- und Verschenkbörsen veranstalten können, deren Hintergedanke ein verändertes Konsumverhalten ist: Schenken, Verleihen, Teilen und Geben statt immer nur Kaufen. Und wieder einmal den Ansatz der Transitionbewegung umsetzen konnten: „Einfach. Jetzt. Machen“. Vielen Dank an Christine Mhamdi vom Zuwanderungs- und Integrationsbüro der Stadt, von der die Idee stammt und die vor allem die richtigen Personen zusammen brachte.

Einen Tag später regnete es ununterbrochen: Perfekt. Es waren aber auch Kinder am Beet gewesen, die mir alle Schildchen zur Benennung vertauscht hatten und auf ihm herum liefen. Ich versuchte, positiv mit ihnen zu reden: Wenn ihr jetzt gut aufpasst, dass die Pflänzlein wachsen können, dann dürft ihr im Sommer auch ernten! Mal sehen, ob das fruchtet…

Grünes Glück – Geteiltes Glück ⓒ Ekkehart Schmidt

Unser Gemeinschaftsgarten 2021

Der Winter war lang. Mitte Oktober blühten die letzten (von niemandem ausgepflanzten) Blumen. Margarithen oder Astern? Im November konnten wir die letzten Topinambur am Stadenbeet ernten und in den Salat schnippeln, im Januar legte sich Schnee über unsere nur notdürftig winterfest gemachte Anlage. Nach vier Monaten Ruhezeit haben wir dann einen Versuch unternommen, das Beet zu mulchen, aber nicht mit Stroh oder Rindenstücken, sondern mit dem, was da war: welken Blättern von der Wiese. Die eingesetzten Kräuter und die Wildkräuter fingen dennoch an zu spriessen. Aber alles sah Ende März eher trostlos aus. Jedenfalls im Vergleich zum satten letzten Jahr.

Dann begannen wir eine schöne Aktion namens „Grünes Glück“ vorzubereiten, die durch eine Kooperation mit dem Zuwanderungsbüro, der Ehrenamtsbörse und dem Karcher Hof entwickelt worden ist. Dass Pflanzen und Gärtnern Freude machen und insofern Glücksmomente vermitteln kann, habe ja nicht nur ich in der Coronazeit neu für mich entdeckt. Während der Aktionswoche wollen alle Beteiligten dafür sorgen, dass das Glück des Gärtnerns geteilt wird. Und so kann von den 160 Salat-, Rotkraut-, Spitzkohl- und Kohlrabi-Setzlingen, die in herzerfrischend selbstverständlicher Weise vom Verein zur Pflege von Erde und Mensch Karcherhof und Thalmühle e.V. zur Verfügung gestellt werden, ein Teil mit nach Hause genommen werden. Am Karcherhof ist heute die Initiative „Essbare Stadt“ angesiedelt, unser Vorgänger hier am Beet. Passt also sehr schön!

Die anderen Pflänzchen werden von uns als Grundstock des Beetes hier eingepflanzt. Das war natürlich zu bewerben, heute war der SR da und zeigte uns kurz am Ende des Beitrags. Am Samstag, 10. April verteilen wir ab 15 Uhr die Setzlinge (Bilder von der Aktion), später im Mai lassen wir mit einer Verteilung der „indianischen Schwestern“ eine zweite Aktivität folgen: Mais, an dem Bohnen sich hochranken können, während ein Kürbis den Boden bedeckt und feucht hält.

Stand der Dinge heute: Am Beet spriessen Topinambur, Hortensien, Wildkräuter wie Rosmarin, Thymian, Lavendel, Bohnenkraut, Salbei, Schnittlauch, gemeiner Sauerampfer und Blutssauerampfer, aber auch Erdbeeren und Zitronenmelisse – wenn auch nur für mich erkennbar. Zum Glück kam am Freitag noch Sadija Kavgic von den Saarbrücker Heften vorbei und blieb eine Stunde: Sie entdeckte noch Majoran, Pfefferminze, Petersilie und Knoblauchrauke und erklärte mir, dass sich einige dieser Pflanzen von einer einzigen aus 2020 sehr schnell sehr weit ausbreiten können. Ich kennzeichnete all diese Stellen mit kleinen Schildchen, damit Besucher*innen verstehen und lernen, was hier noch so unscheinbar wächst.

Hier der Plan:

Wir bleiben bei unserer Philosophie, dass hier alles wachsen darf, was sich ansiedelt, weil die Boden- und Lichtverhältnisse passen. Wir Menschen pflanzen dazwischen Nutzpflanzen wie Radieschen, Tomaten, Bohnen oder Kartoffeln, um wieder zu lernen, in der Stadt Landwirtschaft zu betreiben. Und damit Transporte über tausende Kilometer zu vermeiden. Dies ist ein partizipatives Projekt, bei dem wir nur die Ressourcen nutzen, die uns tatsächlich zur Verfügung stehen: Laub, Kaffeesatz, Stöcke, Abfallholz …

Um ein Szenario entstehen zu lassen, das in dieser Zeichnung von Jürgen Schanz so schön transportiert wird, wenn auch unser Beet viel zu klein dargestellt wurde:

Am Freitag legte ich noch eins der beiden „Glücksbeete“ an und umrandete sie mit abgesägten Brettern einer Container-Palette (Symbol der auf fossilen Energien beruhenden Globalisierung), die ich aus dem Garten unseres Büros in Luxemburg in drei Etappen mitgebracht hatte. Dort wurden aus Paletten zwei Hochbeete angelegt. So finden diese Stücke eine erneute Verwendung.

Die Glücksaktion war dann sehr beglückend für Schenkende und Nehmende. Erstmals sieht unser Beet Mitte April wirklich nach etwas durchdacht gepflegtem aus. Das ist wichtig, weil zu oft Leute glaubten, unsere Philosophie von Plan und natürlicher Anarchie sei eher Zeichen von Verwahrlosung. Aber das ist eben das „dicke Brett“ an nicht-ökologischen Vorstellungen, das wir zu bearbeiten haben:

Am 20. April fanden wir uns zu viert ein, um auch einmal etwas zu jäten. Also Löwenzahn rund um den Fenchel und die Erdbeeren ausstechen. Und die wuchernde, sich unterirdisch verbreitende Zitronenmelisse zu disziplinieren, also auch auszustechen, aber am Beetrand für eine Art Begrenzung neu einzupflanzen. Renate war da und versprach uns weitere Setzlinge und Kräuter, die sie von Anbauflächen des Karcher Hofs entfernen muss, ehe neu gepflanzt wird. Das nehmen wir alles gerne an!

Unser Gemeinschaftsgarten 2021 ⓒ Ekkehart Schmidt

Brasserie Hotel du Château_Larochette

Hotelsterben im Müllerthal: In Larochette ist neben dem Hotel de la Poste auch das zweite grosse, gutbürgerliche Haus am Platz betroffen, das eine wohl ebenso lange Geschichte hat: Wenn es auf den ersten Blick auch nicht so wirkt, ist das Hotel du Château doch auch schon seit etwa zwei Jahren zu.

Mich beeindruckte bei meinem Besuch vor vier Wochen diese schöne, authentische Fassade, mit den grossen Schriftzügen. Ich erlebte sie erst abends bei der Ankunft, dann am nächsten Mittag beim Verspeisen einer Francesinha im Café schräg gegenüber.

Hotel, Restaurant, Brasserie: Das war wohl ein Lokal mit hohem Anspruch und vielleicht auch viel Zuspruch in der Saison.

Ein Haus, in dem ich gerne übernachtet hätte. Stattdessen war ich in der Jugendherberge und hatte da auch eine wunderbare (andere) Zeit. Für den Moment kann ich nicht mehr erzählen, als dass das Haus gemäss einer Postkarte (Quelle), die Emile Hilger-Hoffmann als Inhaber nennt, mindestens aus den 1920er-Jahren stammt, also ein gutes Jahrhundert Geschichte hat.

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Neben zwei weiteren Postkarten aus den 1960er-/1970er-Jahren, auf denen interessante äusserliche Veränderungen sichtbar werden, kann ich vorerst aus der jüngeren Vergangenheit nur eine Einschätzung von 2014 und einen Link zu Fotos des Inneren nennen: tripadvisor.

„Übernachtet haben wir im malerischen La Rochette im empfehlenswerten Hotel du Chateau. In dem zwar schon etwas in die Jahre gekommenen, aber sauberen Hotel ist man mit 80 € pro Nacht für ein Doppelzimmer inkl. reichhaltigem Frühstück gut aufgehoben und auch das Restaurant bietet ansprechende Qualität,“ schreibt ein Blogger 2014 in „Reiseabenteuerlich„.

WORK IN PROGRESS

Adresse: 1 Rue de Medernach, Larochette 7619 Luxemburg

Brasserie Hotel du Château_Larochette ⓒ Ekkehart Schmidt

Zum Rabenstein_Wiebelskirchen

Diese kleine Reise in meine Vergangenheit war schon etwas gruselig. Nicht wegen der Raben an sich, die mir zuhause in Saarbrücken fast schon die alltäglichsten Tiere sind, in der Antike als magische und göttliche Vögel verehrt wurden, aber im Mittelalter als Vorboten von Tod, Unheil und Pest galten. Sondern wegen der Verknüpfung mit dem Wort „Stein“, von dem ich durch den Besuch bei der Burg „Rheinstein“ mit den Kindern 2019 lernte, dass er früher einen Felsen bezeichnete (z.B. auch Idar-Oberstein und Bad Münster am Stein). Das heutige „schlechte Image“ von Rabenvögeln entstand vor allem wegen ihrer Neigung, Aas zu fressen.

Aber ehe ich das auflöse, denke ich mich zunächst zurück in die Jahre 2004 – 2007, als ich mit meiner damaligen Partnerin in der Römerstrasse in einer schönen Wohnung lebte. Das Haus war von aussen hässlich, bot aber hinten eine riesige Terrasse mit Blick bis zum Stahlwerk von Neunkirchen. Rechterhand stand eine Kneipe, an der ich auf dem Weg zum Bahnhof Wiebelskirchen ständig vorbei kam. In meiner Erinnerung hiess sie „Römer-Stuben“. Schräg gegenüber stand damals auch das Gasthaus „Stoll“. Während letzteres wohl schon geschlossen war, hatte dieses Lokal durchaus seine Stammkundschaft. Einmal war ich drinnen in der rustikalen Umgebung und wunderte mich, dass es als Restaurant firmierte. Niemals hätte ich mich hier öfters hingesetzt. Ich mochte das proletarische Erbe des Ortes generell nicht, fühlte mich als „etwas besseres“, der sich täglich im Cafe „Ubu Roi“ in Saarbrücken unter Akademiker*innen verheimatete und die Ästhetik jahrzehntealter Kneipen noch nicht für mich entdeckt hatte.

Auf dem Weg zurück vom Osterbesuch in Köln folgte ich dem spontanen Impuls, hier erstmals seit 14 Jahren vorbei zu schauen: Alles wirkte, als hätte sich nichts verändert.

Nur beim Blick durch die Fenster wurde klar, dass „Zum Rabenstein“ Geschichte ist. Es wirkte nicht verstaubt-verwahrlost, aber eben auch nicht so, als würde man hier bald wieder öffnen. Tische und Stühle waren zusammengeschoben. Ein unscharfes Bild zeigte den wohl letzten Zustand vor der Schliessung:

Dass die Römerstrasse nicht zufällig so heisst, wusste ich schon damals: Sie bezeichnet den Verlauf der römischen Strasse von Worms nach Metz, die hier nahe der Ostermündung die Blies überquerte. Bei meiner Tiefenbohrung zum Rabenstein fand ich online heute im Monatsmagazin „es Heftche“ einen älteren Beitrag, der mich auf eine spannende Spur brachte: Im 6. Jahrhundert entstand weiter unterhalb im Tal bei der Wibilskirche ein Herrenhof, der für einen grossen Teil der Bliesgaugrafschaft zum Gerichtsort wurde. Dann fand ich eine Postkarte mit der Aufschrift „Wiebelskirchen (Saar) Auf dem Rabenstein“, die online zum Verkauf steht:

Man schaut die Römerstrasse hinunter in Richtung Kirche und erkennt in der Bildmitte diese Ecke. Aha? Es gibt also weiter oben einen Ort diesen Namens. Auf Wikipedia lerne ich, dass diese volkstümliche Bezeichnung offenbar für eine aufgemauerte Richtstätte genutzt wurde: also ein Ort, an dem im Mittelalter ein Verurteilter hingerichtet wurde.

Er befand sich zumeist außerhalb von Ortschaften an auffälliger Stelle, zum Beispiel an einer Wegkreuzung oder auf einem Hügel. Dort wurde weithin sichtbar der Galgen aufgestellt (es waren aber auch andere Hinrichtungsarten üblich). Der Weg zum Richtplatz (in diesem Fall vom Herrenhaus die Römerstrasse hoch und hier vorbei) war oft ein indirekter Teil der Bestrafung: Der Verurteilte wurde den Schaulustigen präsentiert oder mit einem Pferd zum Richtplatz geschleift. Nach der Hinrichtung ließ man die Hingerichteten zur Abschreckung teils bis zur Verwesung am Galgen hängen. Sie wurden in ungeweihter Erde begraben, oft direkt in der näheren Umgebung zum Galgen. Dazu passt, dass sich hier nahebei der Friedhof befindet. Vielerorts hat sich der Richtplatz in Flurnamen erhalten, zum Beispiel Galgenberg. Ferner gibt es deutschlandweit viele Burgen mit Namen „Rabenstein“.

Das Lokal steht laut Wirtschaftsförderungsgesellschaft mindestens seit 2017 leer und ist seit Anfang 2018 für 500 Euro zu vermieten: eine 140 m2 grosse Innenfläche, mit Möglichkeit einer Terrasse und ausdrücklich „brauereifrei“. Es könnte schon deutlich länger aufgegeben worden sein: Die letzte Spur online stammt vom September 2010, als sich hier ein Wahlbüro zur Wahl des Landrats befand.

Meine Reise in die Erinnerung ist jetzt zwar etwas rabenschwarz gefärbt, war aber dennoch schön. Also überraschend schön erhellend.

Adresse: Römerstr. 70, 66540 Neunkirchen

Verwendete Quellen: Wikipedia-Artikel Rabenstein und Richtstätte

Zum Rabenstein_Wiebelskirchen ⓒ Ekkehart Schmidt

Lieferkettengesetz: Keine faulen Eier!

Deutsche Unternehmen beziehen Rohstoffe sowie verarbeitete Produkte aus der ganzen Welt. Sie investieren in Produktions- und Vertriebsstätten im Ausland und exportieren ihre Güter in andere Weltregionen. Dabei sind Menschenrechtsverstöße in vielen Branchen keine Ausnahme: In der Herstellung unserer Kleidung etwa sind Brand- und Einsturzkatastrophen in Textilfabriken nur die Spitze des Eisbergs. Ausbeuterische Arbeitsbedingungen gehören zum Alltag. Auch für die Gewinnung von Rohstoffen für unsere Autos oder Elektrogeräte werden Lebensgrundlagen zerstört. Auf Mango-, Kakao- und Palmölplantagen arbeiten Kinder unter schwersten Bedingungen. Hier ein Eindruck aus Äthiopien von einer meiner Reisen 2012:

Viele Probleme sind seit langem bekannt. In den letzten 20 Jahren haben Unternehmen immer wieder beteuert, dass sie sich „freiwillig“ um ihre Lösung kümmern. Doch mittlerweile zeigt sich: Diese freiwilligen Ansätze führen zu kaum mehr als kosmetischen Korrekturen. Menschenrechtsverstöße sind Teil eines Systems, in dem Unternehmen unter hohem Wettbewerbs- und Preisdruck stehen, aber für die Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit im Ausland keine Verantwortung tragen. Es braucht einen verbindlichen Rahmen, damit Unternehmen die Menschenrechte in ihren Lieferketten wirklich beachten. Außerdem müssen Betroffene endlich die Möglichkeit erhalten, ein Unternehmen bei Verstößen zur Rechenschaft zu ziehen.

Die bundesweite Initiative Lieferkettengesetz tritt ein für eine Welt, in der Unternehmen Menschenrechte achten und Umweltzerstörung vermeiden. Dafür braucht es einen gesetzlichen Rahmen. Nach einer längeren Kampagne hat das Bundeskabinett am 3. März einen Gesetzentwurf verabschiedet, der nach Ostern im Bundestag debattiert wird. Er sei nach Worten des Bundesministers Hubertus Heil (BMAS) das stärkste in Europa. Doch: Der Entwurf bleibt weit hinter den Erwartungen von Menschenrechts- und Umweltorganisationen zurück – ein Resultat der Lobbyarbeit aus dem Wirtschaftslager.

Nach dem vorliegenden Entwurf droht das Gesetz geltende internationale Menschenrechtsstandards der Vereinten Nationen zu unterlaufen. Für ein starkes Gesetz, das Betroffene wirksam vor Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden durch deutsche Unternehmen schützt, muss noch viel getan werden. Darum muss das Gesetz im parlamentarischen Prozess umfassend nachgebessert werden. Wo genau liegen die Mängel des aktuellen Gesetzentwurfs? Welche Wirksamkeit hat ein Gesetz, dass sich nur auf große Unternehmen beschränkt? Inwiefern erleichtert das Gesetz tatsächlich Klagen von Betroffenen vor deutschen Gerichten?

Im Saarland hatte sich 2020 auf Initiative des Vereins mehr Wert! eine Initiative von 15 NGOs gegründet, unter anderem Transition Town Saarbrücken, bei der ich aktiv bin, um diesen Fragen auf den Grund zu gehen und das Maximum zu fordern. Es gab mehrere Aktionen, zum Beispiel eine „Schwenker-Veranstaltung“ am Bahnhof, um darauf aufmerksam zu machen, wie alltäglich wir Produkte nutzen, die unter unklaren sozialen und ökologischen Bedingungen hergestellt werden. Also: Grillfleisch, Tomaten, Säfte, Grillkohle…

Dass dann tatsächlich ein Gesetzentwurf erarbeitet wurde, war ein Erfolg. Europaweit gibt es erst in Frankreich ein solches Gesetz, in Belgien und Luxemburg (wo ich mich beruflich mit etika an einer schönen Aktion an der Abgeordetenkammer beteiligen durfte) wird es eingefordert. Aber jetzt wollen wir Druck machen, dass es wirklich konsequent formuliert wird. Die Initiative Lieferkettengesetz Saar hat sich dazu eine Aktion zu Ostern ausgedacht: „Keine faulen Eier“. Heike Sicurella (BUND) bastelte in den letzten Tagen die Ostereier, Tamara Enhuber (mehr Wert!) übernahm die Anschreiben und verschiedene Leute verteilten diese dann heute an die Wahlkreisbüros der neun saarländischen Bundestagsabgeordneten. Ich übernahm heute mittag Oliver Luksic, Thomas Lutze und Josephine Ortleb:

Informationen zu den Hintergründen der Kampagne und dazu, von wem sie getragen wird, für wen das Gesetz von Bedeutung ist und wer davon betroffen ist, finden sich unter www.lieferkettengesetz.de.

Die bundesweite Initiative Lieferkettengesetz wird getragen von: Arbeitsgemeinschaft der Eine Welt-Landesnetzwerke in Deutschland e.V. (agl), Brot für die Welt, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND), Christliche Initiative Romero e.V. (CIR), CorA-Netzwerk für Unternehmensverantwortung, Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB), European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR), Forum Fairer Handel e.V., Germanwatch e.V., Greenpeace e.V., INKOTA-netzwerk e.V., Bischöfliches Hilfswerk MISEREOR e. V., Oxfam Deutschland e.V., SÜDWIND e.V., ver.di – Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft, WEED – Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung e.V., Weltladen-Dachverband e.V., Werkstatt Ökonomie e.V.

Im Saar-Bündnis zur Initiative Lieferkettengesetz haben sich zusammengeschlossen: Arbeitskammer des Saarlandes, BUND e. V., Diriamba-Verein / Fairtrade Initiative Saarland e. V., Fair im Saarland e. V., DGB DGB Rheinland-Pfalz/Saarland, Greenpeace, Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB), Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt der Universität des Saarlands (KoWA), mehr Wert e. V., Netzwerk für Entwicklungspolitik im Saarland e. V. (NES), Ökumenisches Netz Rhein-Mosel-Saar e. V., Transition Town Saarbrücken, ver.di Bezirk Region Saar Trier und Weltveränderer e. V.

#Lieferkettengesetz # Saar-Bündnis zur Initiative Lieferkettengesetz

Lieferkettengesetz: Keine faulen Eier! ⓒ Ekkehart Schmidt

Hotel de la Poste_Larochette

In der „luxemburgischen Schweiz“ hat es ein Hotelsterben gegeben. Schon vor der Pandemie. Betroffen sind vor allem grosse „gutbürgerliche“ Hotels für ältere Wanderer aus Belgien und den Niederlanden, die hier in der faszinierenden Felslandschaft des Müllerthal ein paar Urlaubstage verbrachten. Bei drei Besuchen in den vergangenen drei Monaten konnte ich das in den Ortschaften Beaufort, Berdorf, Consdorf und zuletzt Larochette konstatieren.

In Larochette stehen zur Zeit gleich zwei grosse Hotels am Hauptplatz leer: Das Haus mit dem riesigen Schriftzug „Brasserie Restaurant Hotel Centrale“ und das „Hotel de la Poste“. Ersteres ist seit etwa zwei Jahren, letzteres seit etwa vier bis fünf Jahren geschlossen, wie mir der Wirt einer Pizzeria sagte. Ich habe bei meinem Besuch vor 12 Tagen nichts Konkretes herausfinden können, möchte letzteres aber dennoch hier präsentieren, weil es mir wie ein Zombie erschien. Es ist nicht offenkundig, dass das Hotel „tot“ ist, denn es spielt noch seine Rolle in der Optik des Platzes und man muss schon genau hinsehen…

Die Optik des alten Steinbaus und der Name suggerieren, dass dies das älteste Haus am Platz sei, aus der „Postkutschenzeit“, in der ein Netz aus Herbergen für Postkutschen existierte, flächendeckend alle 30 km. Ich weiss nicht, ob die Erbauer diesen „romantischen“ Aspekt geschickt nutzten oder ob er historisch belegt ist. Wohl letzteres, denn die Post stand früher tatsächlich gegenüber. Die leicht hochherrschaftliche Terrasse widerspricht dem etwas. Aber wer weiss, wie oft das Haus umgebaut worden ist? Gemäss einer Agentur, die es verkauft, wurde das Hauptgebäude Ende des 18. Jahrhunderts errichtet (1794), wohl ein heute abgerissener Bau rechter Hand des heute sichtbaren Gebäudes von 1865. Es wurde erst im 19. Jahrhundert zum Hotel.

Online findet man noch einige weitere Spuren, so den Hinweis, dass hier ab Dezember 1944 der US-amerikanische General Patton residierte – bis hin zu einem letzten Eintrag auf tripadvisor als „Grand Hotel“ von 2017, vor allem aber alte Postkarten, die zeigen, dass öfters saniert und renoviert wurde. Aber auch, dass ein kleines Gebäude (der Ursprungsbau?) rechterhand abgerissen worden ist, um die Strasse zu verbreitern:

1932:

2014:

WORK IN PROGRESS: Ich muss noch einiges herausfinden, auch den Grund für die Schliessung. Eine schöne Aufgabe.

Adresse: Place Bleech 11, 7610 Larochette, Luxemburg

Quellen der historischen Fotos: 1, 2, 3, 4 (von oben nach unten)

Hotel de la Poste_Larochette © Ekkehart Schmidt