Zum Inhalt springen

Bar al Stazione_Domodossola

Ich weiss ja nicht, wie ihr euch an fremden Bahnhöfen verhaltet? Das richtige Gleis erkunden und dann auf geradem Wege dorthin, oder – wenn noch Zeit ist – irgendwo einen interessanten Warteort suchen? Noch einen Kaffee oder ein Sandwich? Wenn ich ein bisschen Zeit habe, drehe ich immer eine Runde, bei der ich schnell zu erfassen suche, was es gibt, ob sich was für diesen Blog findet. Eine Bahnhofsgaststätte zum Beispiel. Also eine echte mit Geschichte, keine Niederlassung einer Kette.

Anfang Juni stiegen wir zwei Mal im norditalienischen Domodossola um, fanden beim ersten Mal mit dem „Istriano“ eine alte Cafébar und mit dem „Amareno“ ein gutes Eiscafé am Hauptplatz – und erst in der letzten Viertelstunde vor der Weiterfahrt entdeckte ich, was es früher so selbstverständlich an jeder grösseren italienischen Bahnstation gab, wie einen Fahrkartenschalter und ein WC: eine Bar/ Cafeteria, in Kleinstädten wie Cecina, Gossensaß oder Monterossa und Metropolen wie Mailand.

Ich schlich erstmal etwas herum, ob sich das lohnt, zehn Minuten vor Abfahrt schnell noch einen Espresso zu trinken, während die Kinder, ihre Mama mit all dem Gepäck schon im Zug sassen… Da war äusserlich dem Anschein nach nicht viel zu erwarten. Ausser man setzte sich kurz auf einen Plastikstuhl und entdeckte die Tiefe des Innenraums.

Oh wie gut, dass ich hinein bin: Waow, da tat sich mit zwei überraschend grossen historischen Räumen – linkerhand ein Tabakladen, rechterhand ein Caffè, dazwischen der Barista – ein ganzes Universum auf.

Die Bar ist also nicht nur eine Bahnhofsgaststätte wie tausend andere, sondern gibt sich als Staion auf dem Weg nach Mailand eine eigene Identität: „La Milanesa“. Aber wer ist diese Frau? Wie auch immer das frühere Selbstgefühl in diesem Kleinstadtbahnhof war: der Saal rechterhand wird noch immer gekrönt von einem sicher hundertjährigen Deckengemälde:

Welch überaschende Entdeckung eines versteckten Kleinods der Bahnreisekultur! Ich ging dann raus für eine Zigarette, steckte diese wunderschöne Tasse ein – ein erster solcher Diebstahl für meine Sammlung seit sicher drei Jahren, das Versiffen meiner Hosentasche riskierend, aber ohne Zweifel, dass das sein musste, diesen Moment mit nehmen zum Ortasee und heim nach Saarbrücken. Weiter aus dieser Tasse trinkend und mich erinnernd.

Aber oh, da kam schon Paul gerannt: „Papa!“ – „Jaja, es ist 17.44, wir haben ja noch 3 Minuten…“

Adresse: Piazza G. Matteotti, 27, 28845 Domodossola/ Italien

Gelateria Amarena_Domodossola

Eiscafes sind eigentlich nicht mein Thema… Wohl aber das Reisen mit seinen Herausforderungen. Manchmal passen, wie hier in Domodossola, beide Themen zusammen. Wir Eltern zweier Kinder von 9 und 7 hatten nach langer Zugfahrt auf dem Weg zum Ortasee Anfang Juni einen Zwischenstopp von zwei Stunden zu managen. Das klingt simpel, ist es aber nicht, wenn der eine in der Hitze schon 50 m vom Bahnhof entfernt fussfaul wird und der Papa ihn nicht tragen kann, weil er schon zwei schwere Rucksäcke, die Bade- und die Provianttasche zu buckeln hat… Und der andere alles öde findet.

Also schnellstmöglich ein vollmundig versprochenes Eiscafé finden! Natürlich nicht das erstbeste, sondern eins in einem räumlichen Kontext, in dem wir uns für längere Zeit aufhalten können … Bingo: An der wunderbaren Piazza del Mercato fand ich eins gleich neben dem für meine Bedürfnisse attraktiven „Caffè Istriano„: Das lauschige und schattige „Amarena“.

Puh! Das Gepäck ablegen, die verschwitzten Klamotten lüften, den schon deutlich nörgeligen Kindern Vorfreude vermitteln und bestellen. Also versuchen, die italienischen Bezeichnungen wie „Fragola“ in „Erdbeere“ zu übersetzen. Das gelang nicht ganz. Johann mochte sein „Limone“ nicht… Aber ich mein Pistazieneis. Es gab hier halt nicht die bekannten Kugeln, sondern eine Waffel bzw. ein Becher wurde per Spachtel mit einer unbekannten Eisform gefüllt…

Ich war zufrieden und als Papa erleichtert, die Aufgabe gelöst zu haben und schaute etwas hinein in dieses wohl nicht sehr alte, aber schön gestaltete Eiscafé.

Nach einem netten Kick auf dem Platz wollten wir noch etwas herumlaufen. Am besten freilich nicht mit all dem Gepäck. Also fragte ich die beiden Serviererinnen, ob wir das alles hinten im Nebenraum für eine halbe Stunde ablegen dürften. Natürlich!

„Natürlich“ … Man muss auf Reisen nur fragen, wenn solche Bedürfnisse auftreten. Selten gibt es Ablehnung oder Unverständnis. Und es braucht auch kein Trinkgeld für solche Selbstverständlichkeiten. Wir konnten dann also noch eine halbe Stunde ohne Lasten herumlaufen, entdeckten rote Käfer, Tunneldurchgänge, aus einem Garten in mysteriöser Weise herunter plädderndes Wasser sowie heranfahrende Oldtimer für eine hier auf dem Platz später startende Rallye. dann waren die zwei Stunden überbrückt und ab ging es zum Bahnhof zurück für die letzte kurze Etappe in den Bade-Urlaub…

Adresse: Piazza del Mercato, 21, 28845 Domodossola/ Italien

Caffè Bar Istriano_Domodossola

Domodossola… – Wie das klingt! Bei der Planung unseres Italientrips zum Lago di Orta, der uns per Zug ausnahmsweise nicht über den Brenner oder Lugano durch die Alpenpässe führen würde, sondern durch den berühmten Simplon-Tunnel, wusste ich: Da will ich aussteigen und rumschnuppern. Und tatsächlich ergab die Zugverbindung für den 5. Juni einen zweistündigen Umsteigestopp hier. Also los, vom Bahnhof mit allem Gepäck in Richtung Innenstadt dieser Stadt römischen Ursprungs im Ossola-Tal/ Piemont, die gerade einmal 18.000 Einwohner zählt und doch sehr städtisch wirkt.

Wir gelangten zur Piazza del Mercato, also dem Marktplatz, auf dem freilich gerade eine Rallye historischer Automobile vorbereitet wurde. Und sahen: Questo è il posto giusto (This is the place to be). Hier gab im Schatten rundum laufender Säulengänge aus dem 15. Jahrhundert viele Lokale, unter anderem die Gelateria „Amareno“ für die Bedürfnisse der Kinder und daneben eine Caffèbar meines Geschmacks: Das „Istriano“, die istrische Bar.

Und es gelang, uns einzufügen, uns für ein Stündchen zu integrieren, nicht nur als abgekämpfte Touristen herumzusitzen: Weil die Kinder nach dem Eis Fussball spielen wollten… Also hopp – und dabei möglichst viele einheimische Kinder zu integrieren versuchen…

Das „Istriano“ ist online nicht wirklich zu finden, bis auf Fotos des Platzes. 2010 hatte es noch eine gelb-weiss-gestreifte Markise und warb mit einem sehr verschnörkelten Schriftzug. Es steht sicher in einer uralten Tradition von Lokalen an dieser Stelle. Als ein Vorgängerlokal fand ich in einer Fotoserie von Lorenzo Taccioli das „Vecchia Domo“. Die Fotos wurden 2016 veröffentlicht, sind aber deutlich älter.

Die heutige Markise, wie auch die Inneneinrichtung wirken sehr modern, dem Zeitgeist angepasst. Aber es ist wohl durchaus eine Bar von Einheimischen geblieben, in der nur im Sommer ein paar Touristen Pause machen.

Ich fühlte mich an meinen Padua-Aufenthalt 2020 erinnert, bei dem mir erstmals auffiel, wie faszinierend harmonisch der Stadtkörper italienischer Städte ist: Hier einfach nur zu sein ist schon für sich sehr erholsam. An einem Markttag säher der Platz noch ganz anders aus (Fotoserie bei komoot). Aber dann hätten wir nicht kicken können.

Und versetzt man sich gedanklich noch einmal 200 Jahre zurück, so stand in der Mitte des Platzes der alte Kommunalpalast (wahrscheinlich mit einer typischen Markthalle im Erdgeschoss, wie wir sie später in Omegna und Orta di Giulio sahen), wie ich auf der Seite des Tourist Office las.

Adresse: Piazza del Mercato, 25, 28845 Domodossola/ Italien, Tel.: +39 0324 24338

Caffè Bar Istriano_Domodossola ⓒ Ekkehart Schmidt

Mooken Nescht_Mettlach

Mettlach an der Saarschleife ist vor allem Standort der Keramikfabrik Villeroy & Boch. Aber die befindet sich im Strukturwandel, was rund um den Bahnhof deutlich sichtbar ist: In Brachgelände und Leerstand fern der durchaus attraktiven Innenstadt. Ins Auge fällt aber die 1949 entstandene und erhalten gebliebene Skulptur „Das Füllhorn“ des belgischen Künstlers Frans Masereel. Es zeigt einen Mann mit nacktem Oberkörper, der ein riesiges Füllhorn ausschüttet, aus dem Kacheln, Fliesen und Mosaiksteinchen fallen.

Ich gelange zur Hauptstrasse und sehe: Hier gibt es nicht mehr die typischen Kneipen der Arbeiter*innen, nur noch einen (guten) Kebab im Bahnhofsgebäude, neben einem coolen, nachhaltigen Sozialcafé, das Hotel „Mettlacher Hof“ und den (guten) Bäcker „Marxen“ etwas abseits, wie ich letzten Sonntag bei einem halbstündigen Aufenthalt feststellte. Ob es hier, wie an anderen Industriestandorten viele Kneipen für das Bier vor oder nach der Arbeit gab, weiss ich nicht.

Aber ich fand ein Relikt: Das „Mooken Nescht“. Seit etwa zwei Jahren geschlossen. Nicht wegen Corona, sagte mir die Frau von der Bäckerei, da sei schon vorher „etwas schief gegangen“.

Das „Mückennest“ steht zum Verkauf, aber drinnen sieht es noch so aus, als könnte man ein schnelles Bier bestellen und an der Theke mit dem Nachbarn erzählen… Es war durch das starke Sonnenlicht nur nicht ganz einfach, hinein zu fotografieren.

Aber wie kam es bloss zu diesem Namen? Klingt ja erstmal eher unangenehm… Aber vielleicht sollte er einfach suggerieren, dass sich hier die Leute rund um die attraktive eichrustikale Theke trafen, angezogen von Flüssigkeit und Austausch?

Adresse: Heinertstr. 12, 66693 Mettlach

Mooken Nescht_Mettlach ⓒ Ekkehart Schmidt

Jaune Art Urbain Poubelles_Gare Esch/Alzette

Diese Woche fielen sie mir plötzlich auf: kleine auf Mülleimer am Bahnhof von Esch/ Alzette aufgeklebte Männchen in unterschiedlichsten lustigen Posen und Verrichtungen. Witzig vor allem, weil sie in ihrer Interaktion mit den Mülleimern (frz. Poubelles) wirken, als wären sie echt. Vielleicht will uns der Künstler vor allem einen Hinweis auf die Berufsgruppe des Reinigungspersonals geben, die oft übersehen und selten gewürdigt wird?

Was sie sonst nur schnell und gedankenlos leeren, entdecken sie nun als dreidimensionale Gebilde, um deren Ecken sie gucken und in deren Höhe sie per Leiter steigen können oder neben denen sie sich unterhalten und einen Kaffee trinken …

Das hier erinnert natürlich an das berühmte Schwarz-Weiss-Foto „Mittagspause auf einem Wolkenkratzer“ (Lunch atop a Skyscraper) von 1932…

Nicht nur auf den Gleisen 2 und 3 arbeiten die Männer, unterhalten sich oder treiben ihre Spässe – auch auf Gleis 1:

Eine kleine Recherche ergab, dass die Figuren Ende Januar/ Anfang Februar 2022 im Kontext der Reihe „Urban Art“ von einem Künstler namens Mr. Jean für Esch2022 appliziert wurden. Oder hat er sie damals nur für seine Galerie de Mr Jean fotografiert, die noch andere Kunstwerke zeigt? Genauso ist es, es handelt sich um eine Unterseite seiner Homepage exhibition.artfolio.com. Genauere Erklärungen gibt es nicht.

Er nannte die Bilderserie „Jaune Art Urbain Poubelles“, was ich dann auch übernommen habe. Aber ob das der echte Titel ist? Die Minettmetropole ist dieses Jahr Europäische Kulturhauptstadt. Beklebt wurden elf Mülleimer und sechs gelbe Kästen oder Container. Aber ob das in diesem Kontext steht?

Als ich einen Schaffner danach fragte, meinte er etwas in der Richtung, dass die Eisenbahngesellschaft CFL jemanden damit beauftragt hätte. Vielleicht hat das also gar nichts mit Esch2022 zu tun? Das muss ich noch herausfinden, aber erstmal geht`s morgen für eine Woche nach Italien…

Nee, es lässt mich nicht los, obwohl es schon 22.45 Uhr ist – aber ich wurde schnell fündig: Es handelt sich um eine von vier Urban Art-Interventionen am Bahnhof, initiiert vom Kulturzentrum „Kufa“ und umgesetzt im August 2021, wie ich einem Facebook-Post entnahm. Und da war auch der Künstler Jaune Pauwels (eigentlich Jonathan) verlinkt… Er stammt aus Brüssel und macht viel mit solchen „Stencil“-Arbeiterfiguren, auch ausserhalb von Esch, aktuell bei der Urban Art Biennale in Völklingen (1.5. – 6.11.2022) und in der Ukraine – und sagt zum Krieg dort: „when all that shit will be over, that’s little people who will have to clean up the rubble“ (mehr zu ihm).

Jaune Art Urbain Poubelles_Gare Esch/Alzette ⓒ Ekkehart Schmidt

Hungaria_St.Ingbert

Letzten Samstag radelte ich von Kirkel und Rohrbach kommend nach St. Ingbert, mit Geduld und suchendem Blick nach authentischen oder geschlossenen Gaststätten – und fand so einiges, wie die „Pension Gerti“ oder „Die Pinte„. Entlang der Hauptstrasse, einer uralten Verbindung vom Rhein nach Saarbrücken, die hier in St. Ingbert „Obere Kaiserstrasse“ heisst, fiel mir dieser irgendwie elsässisch wirkende Bau ins Auge.

Bevor ich mich wieder auf`s Rad schwang, fand ich noch ein – durch die Holzverkleidung – ganz ähnlich wirkendes Lokal ein paar Meter weiter und kam ins Gespräch mit dem Inhaber der „Pizzeria San Marco“, der just in dem Moment aus dem Nebenhaus trat:

Er hat sein Lokal vor 12 Jahren geschlossen, fasste vor etwa sechs Jahren noch einmal Mut, es wieder zu eröffnen, aber dann starb seine Frau. So steht es ebenfalls leer, vollständig eingerichtet, und harrt einer ungewissen Zukunft. Seine Kinder wollen es nicht weiter führen, haben andere Vorstellungen. Einer ist Doktor der Chemie…

Wir hatten ein schönes längeres Gespräch, bei dem ich dann auch nach dem ersten Lokal fragte: Es sei seit mindestens sieben Jahren geschlossen und habe „Hungaria“ gehiessen, die Frau des Inhabers sei Ungarin gewesen, erzählte er mir.

Interessant: Ungarische Lokale sind hier in der Region sehr selten, ich kenne hier nur den Imbiss „LÁNGOS Street Food HUN.GER“ in der Stengelstr, in Alt-Saarbrücken, bei dem wir einmal sehr leckere Lángos gegessen haben: Ein in Fett überbackenes Fladenbrot mit Rahm und Käse, eine Spezialität der ungarischen Küche. Das Lokal nennt sich jetzt irgendwie „Burger & Wraps New York„. Lángos-Lokale gibt es aber viele, am Rhein und weiter im Osten. Ob das auch im „Hungaria“ angeboten wurde? Egal wie: Da gäbe es sicher viele schöne Geschichten und Hintergründe.

Aber ich wollte weiter…

Adresse: Kaiserstr. 169, 66386 Sankt Ingbert

Hungaria_St.Ingbert ⓒ Ekkehart Schmidt

Pension Gerti_Rohrbach

Ohne diese Wandbemalung von 2006 wäre ich gestern wohl achtlos an diesem Eckhaus Obere Kaiserstr. 68/ Im alten Tal in Rohrbach bei St. Ingbert vorbeigeradelt. So aber fragte ich mich, warum sie hier angebracht wurde, entdeckte Spuren einer früheren Gastwirtschaft und einen Briefkasten mit beeindruckend langer Namensliste. Aha: Das ist offenbar heute ein Wohnheim für Geflüchtete.

Aber was war es früher? Hinter dem Briefkasten sind noch Spuren einer früheren Vitrine zu erkennen, wie man sie von Restaurants kennt. Ich googelte die Hausnummer und fand eine „Pension Gerti“. Fotos aus den Jahren bis 2018 gibt es bei Google Earth (die Gesamtansicht unten stammt von Sven Gehring, das vom Einzelzimmer hat Florin Haiciu eingestellt). Es gab wohl 15 Zimmer im ersten und zweiten Stock und einen Frühstücksraum.

Eine Mareike qualifizierte das Haus 2014 bei Holidaycheck (dort fand ich auch das Foto des Doppelzimmers) als: „Rustikale Pension für Raucher und Pragmatiker„. Und Leute auf Montage, würde ich denken (Monteurzimmer). Denn: Ein Touristenort ist weder Rohrbach, noch das nahe St. Ingbert, wenn auch die Kaiserstrasse bis zum Bau der Autobahn ein Teil der alten Ost-West-Verbindung Paris–Mainz war. Und die Besucher des hiesigen Standorts der Informatik-Weltfirma SAP werden wohl standesgemässer absteigen.

Mareike präzisiert: „Das Haus ist schon älter, so auch das Inventar (Anmutung urig, rustikal, zusammengestückelt). Auf den ersten Blick sauber, auf den zweiten und dritten Blick nicht mehr so. Duschen wollten wir dann doch lieber daheim … Übrigens stehen überall Aschenbecher und es riecht nach Rauch. Unten in der Gaststätte wird auch viel geraucht – also nichts für Nichtraucher! (…) Leider war es nachts und morgens auch recht laut (u. a. wegen der Hauptstraße und der Autos), wir machten fast kein Auge zu. Allerdings besticht die Pension durch die Preise, EZ schon für 35 Euro, DZ für 50 Euro und Dreibettzimmer für 65 Euro. Alles inkl. WiFi und gutem Frühstück, man darf sich sogar offiziell was einpacken! Gerti und Jürgen sind nett und kulant, wir durften einchecken und auschecken, wann wir wollten! Für Leute, die Nichtraucher sind, denen Hygiene und eine moderne, schöne Einrichtung wichtig ist, ist die Pension eher nicht zu empfehlen. Wer aber eine günstige Übernachtung will, Ohrstöpsel dabei hat, raucht, nicht so viel Wert auf perfektes, reinliches Wohlfühlen legt, der ist hier richtig, denn es ist zentral, familiär und preiswert!“

Danke, Mareike: Hättest du Dir damals nicht die Mühe gemacht, wäre die Pension Gerti wohl nirgends mehr auffindbar und die Erinnerungen wären bald verloren gegangen. Warum Gerti und Jürgen ihre Pension schliessen mussten, oder ob sie einfach nur in Pension gingen, weiss ich nicht. Dazu müsste ich noch einmal vorbeifahren und die Nachbarn fragen. Oder die Inhaber der ebenfalls an der Oberen Kaiserstrasse liegenden Lokale „Zum Mühlehannes“ und „Luitpolds Lust“.

Und das Männchen mit dem Paddel in den Schilfrohren, durch das ich erst auf das Haus aufmerksam wurde? Es ist ein Werk des Rohrbacher Künstlers Peter Schmieden, wie ich durch den Blog „Rohrbach Nostalgie„. Dort findet sich ein Foto, welches das Männchen in roter Jacke zeigt – die Farbe ist heute völlig verblichen.

Adresse: Obere Kaiserstr. 68, 66386 St. Ingbert-Rohrbach, pensiongerti@gmx.de

Pension Gerti_Rohrbach ⓒ Ekkehart Schmidt

Die Pinte_Kirkel

„Pint“ oder „Pinte“ ist ein altes, aber bis heute verbreitetes Raummaß aus dem angloamerikanischen Maßsystem. Es wird sowohl für Flüssigkeiten als auch für Trockenmaße verwendet. In Deutschland sind dagegen Ausschankmaße in Zentilitern und Litern üblich. In Bezug auf Bier entspricht 1 Pint 0,568 Litern. Diese Volumenangabe ist für den geschäftsmäßigen Ausschank jedoch heute unzulässig (§ 27 der Mess- und Eichverordnung). Wie dem auch sei: Umgangssprachlich wird das Wort „Pinte“ hierzulande oft als Synonym zum Begriff Kneipe gebraucht. Mit leicht abwertendem Klang, wie ich finde.

Ich kannte bisher nur eine „Kleine Pinte“ in meinem Jugendort Refrath und dachte immer, es wäre eine Bezeichnung, die kleinen Lokalen vorbehalten ist, bis ich gestern durch Kirkel kam…

Hier geht „kähner“ mehr „ähner dringe“… Ich unterhielt mich ein wenig mit einer (zugereisten) Nachbarin, die meinte, das Lokal sei früher sehr beliebt gewesen, stünde aber schon viele Jahre leer, lange vor Corona. Sie sei aber auch etwas froh drum, seien ihr doch öfters von Betrunkenen auf dem Nachhauseweg die Geranientöpfe auf den Fensterbänken heruntergestossen worden. Leider konnte ich nicht durch die Fentser schauen. Nur im hinteren Trakt stehen Blumen, aber da wohnt heute eine Familie Geflüchteter. Sie kamen gerade nach Hause, als ich ein zweites Mal vorbei kam. Ich fragte, ob da eine Kegelbahn war? Nein.

Online lässt sich so gut wie nichts über die Gastwirtschaft herausfinden. Nur, dass sie offenbar vor einem Jahrzehnt auch „Helga`s Pinte“ hiess, wohl schon 2010 dauerhaft geschlossen war und von 14 bis 23 Uhr offen hatte (mittwochs war Ruhetag). 2013 entstand eine Facebook-Seite, auf der die Pinte als „Bikertreff“ benannt wird – aber ohne jeden weiteren Eintrag.

Es gibt insgesamt noch recht viel Gastronomie in Kirkel, wie die städtische Homepage zeigt. Aber die meisten Lokale finden sich im Stadtteil Limbach, nicht hier in Burgnähe. Nahebei gibt es immerhin noch das edle Restaurant „Ressmanns Residenz“, das einfache „Filippos Restaurant“ mit italienischer Küche, das „Café Am Kreisel“ und die am Naturschwimmbad gelegene Pizzeria „Im Weihertal“. Weiter in Richtung Burg bietet der türkische „Ilan Grill“ Döner und Pizza an, das gutbürgerliche „Die Mühle“ bietet Steaks und Schnitzel, last not least wartet oben am Turm die Burgschenke mit schöner Terrasse auf Touristen.

Offenbar gab es keinen Bedarf mehr an einer Kneipe wie der Pinte. Dem Dorfleben ist damit etwas verloren gegangen. Im Gegensatz zu manch anderem Ort lässt sich der Verlust aber wohl durch Ausweichlokale kompensieren.

Adresse: Kaiserstrasse 95, 66459 Kirkel

Die Pinte_Kirkel © Ekkehart Schmidt

Auberge Gaglioti_Luxemburg

Irgendwie befinden sich die preisgünstigen Hotels, in denen ich seit 14 Jahren in Luxemburg übernachte, immer in einem zwielichtigen Kontext. Aber das fühlte sich selten schlecht an. Die Nachtclubs und das Drogenmilieu rund um den Bahnhof sind eben nur ein Teil der Szenerie dieses lebendigen, authentischen Viertels. Anfangs war da natürlich eine gewisse Faszination des Verbotenen und Gefährlichen. Dann wurde mir die Hotelwahl hier zu einem Statement: Hier ist das echte Leben. Alle anderen Hotels sind unecht oder sogar Fakes.

Als Grenzgänger, der in Saarbrücken wohnt und hier arbeitet, stellte sich mir seit 2008 immer wieder die Frage, wo ich bei Abendterminen übernachten kann, statt mich noch auf den langen Heimweg zu machen. Ein gutes Jahrzehnt war das einfach: Ich konnte preiswert für 35 bis 40 Euro in der „Auberge de Reims„, dem „Bella Napoli“ oder im Einzelzimmer in der Jugendherberge unterkommen.

Erstere Möglichkeit schloss vor ein paar Jahren, die zweite machte während der Pandemie zu und auf die dritte hatte ich irgendwann keine Lust mehr, zumal nicht sehr oft Einzelzimmer verfügbar waren. So kam ich auf diese Auberge, die ebenfalls sehr nah von unserem Büro im Bahnhofsviertel liegt, mir aber wegen der Lage in einer kaum frequentierten Nebenstrasse (ausser abends wegen gewisser Etablissements) nicht immer präsent war und die auch einen Tick teurer ist.

Zum 7. Februar kam der Moment, an dem ich eine Herberge brauchte und es in diesem Haus versuchte, das ich bislang nur wegen der „Trattoria dei Quattro“ kannte, einem italienischen Restaurant im Erdgeschoss. Es klappte: Ich bekam ein Zimmer für 60 Euro (normalerweise über 100 Euro).

Der Eingang fühlte sich warm an. Als die Tür hinter mir zufiel, war ich in einer anderen Welt: Linkerhand ging es in das Restaurant, in dem ich vor Jahren in sehr urtümlicher Atmosphäre an einem beeindruckenden Kaminofen einmal eine Pizza gegessen habe. Geradeaus ging es unter einer schönen Stuckdecke zur Rezeption des Hotels. Es besteht seit 1988, las ich in einem altbackenen Prospekt. Ich hatte zu warten, bis endlich jemand kam und irgendetwas fühlte sich dabei komisch an. Ich verstand später, warum. Aber es gab dadurch Zeit genug, die Details der Stuckdecke zu betrachten: Das Haus scheint schon eine lange Geschichte zu haben, vielleicht seit 80 Jahren ein Hotel?

Ein junger Mann checkte mich dann ein und ich ging hoch zu meinem Zimmer. Das Haus ist schmal. Die Etagen 1 bis 3 haben jeweils gerade einmal vier Zimmer. Es gibt nur 12, aber sie sind durchnummeriert von 21 bis 44. Das Treppenhaus und die Flure verströmten eine – für Luxemburg – längst vergangene Atmosphäre familiärer, etwas altmodischer Hotels. Kitschige Italienbilder, 50er-Jahre-Phantasien, vielleicht aber auch familiäre Erinnerungen…

Aber das Zimmer gefiel mir in seiner pragmatischen Schlichtheit, dem Blick in den Hinterhof und dem vergleichsweise aufgemotzten Bad:

Als ich zum Rauchen runter vor die Tür ging, erzählte mir der junge Mann an der Rezeption, dass er 1988 noch nicht geboren war, als das Restaurant (tatsächlich) von vier Gründern aufgebaut worden war. Neben seinen Eltern, die aus Kalabrien gekommen waren, noch zwei andere Italiener. Die Eltern hätten sich aber vor einiger Zeit getrennt. Jetzt führe die Mutter das Hotel (und wohl auch das Restaurant), der Vater habe 10 min per Auto entfernt ein anderes Lokal aufgemacht, das gut laufe. So läuft das eben manchmal. Er erzählte das ganz nüchtern. Die Auberge ist zwischenzeitlich einmal renoviert worden, dabei wurden unter anderem die Zimmer mit Satelliten-TV ausgestattet. Und einer faszinierenden Lampe…

Im Alltagsleben des Viertels ist das Restaurant (Fotos bei TripAdvisor)viel präsenter, als das Hotel. Hier wird die Pizza in einem Ofen mit Holzfeuer gebacken: von Margharita (10,90 EUR) bis Scamoi (18,80 EUR). Für die Mittagspause der Angestellten der Büros rundum ist das wohl die bevorzugte Kategorie. Es gibt aber auch Fleischgerichte („Carni“) von 17,90 EUR bis 31,90 EUR, Pesco von 27,10 bis 32, 50 EUR, Pasta von 12,50 bis 17,50 EUR (interessanterweise in zwei Sorten aufgeteilt: Pasta Secca und Pasta Fresca). Es gibt hier Platz für 100 Gäste – die ganz gut angenommen werden, wenn ich mich richtig erinnere.

Im Gespräch lernte ich, dass normalerweise montags geschlossen sei, aber es habe für diesen Abend eine Reservierungsanfrage des Restaurants einer Gruppe von 20 Deutschen gegeben. Nur deshalb sei auch das Hotel geöffnet gewesen. Mein Glück. Aber auch mein Pech am nächsten Morgen: Es gab kein Frühstück. Ich konnte nur eine Kaffeemaschine an der Rezeption nutzen und mir danach am Bahnhofsplatz ein Croissant holen. Auch OK.

Viele Kunden kommen wegen der Bahnhofsnähe oder vom Flughafen und seien schnell und unkompliziert hier, erzählte mir der junge Italiener noch. Das passt zu den Infos im Hotel, die es nur in Französisch und Englisch gab. Die internationalen Gäste landen hier in einer der schon angedeuteten spezifisch lokalen Situation einer Nachtclub-Gasse. Früher habe es mehr solcher Lokale gegeben, erzählte mir der Rezeptionist. Heute gebe es nur noch einen, bald entstehe aber ein neuer zweiter (früher gab es hier ein halbes Dutzend).

Problematisch seien hier aber die Junkies. Einmal habe sich einer gegenüber in einen Eingang und eine Spritze gesetzt. Er habe die Polizei rufen müssen, weil sich die Gäste irritiert gezeigt hätten. Wir debattierten ein wenig die altbekannt schwierige Situation des Viertels… Dann musste ich ins Büro.

Adresse: 64, rue du Fort Neipperg, L-2230 Luxembourg, info@trattoria.lu, Tel.: 00352-49 00 30, Homepage

Auberge Gaglioti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Restaurant Pils-Stube Turnhalle_Brebach

Oh, was für ein Fund heute: Erneut eine ehemalige Turnhalle, die zu einem Lokal umfunktioniert wurde! Mir waren zuletzt zwei in Gersweiler und nahebei in Ottenhausen begegnet und ich hätte nicht gedacht, eine weitere im Saarbrücker Raum zu finden. Diese ehemalige, vielleicht hundertjährige Turnhalle liegt neben der Sportanlage des SC Halberg-Brebach, auf der ich bis vor gut fünf Jahren öfters mit den Alten Herren des FC Wacker gespielt habe. Damals kannte ich das imposante Lokal „Zum Turnerheim“ in Ottenhausen noch nicht, so wurde mir die Analogie nicht bewusst.

Es ist geschlossen. Der „gegebene Anlass“ ist natürlich die Lockdown-Politik während der Pandemie. Auf der Ende Mai 2018 eingerichteten Facebook-Seite des Lokals findet sich am 19. Dezember 2019 ein letzter Eintrag: eine Veranstaltungsankündigung. Es gab hier in dieser kurzen Zeit des letzten Betreibers viele Veranstaltungen hiesiger Migranten-Communities, so im April 2019 das türkische „Internationale Kinderfest“, im Juni 2019 eine indische Hochzeit … Aber das Haus mit seinem riesigen, ehemaligen Turnsaal war auch offen für Geburtstage oder Karnevalsveranstaltungen.

Geöffnet war Montag – Freitag von 17 – 22.30 Uhr, am Wochenende nur bei Vorbestellung, las ich in einer Vitrine. Es gab eine warme Küche.

Ich ging nach hinten – und da wurde mir erst klar, wie riesig der Gebäudekomplex ist: Erst hinter dem schon sehr imposanten Vorderhaus an der Saarbrücker Straße lag die weitgestreckte Turnhalle. Wahrscheinlich war vorne eine Gaststätte und hinten wurde – mit separatem Eingang – nur für Großveranstaltungen geöffnet.

Meine Versuche, online etwas mehr als die Facebook-Seite zu finden, waren erfolglos. Zunächst fand ich einen Artikel zu einem früheren Kino „Westmark-Lichtspiele“ und glaubte – da das Hinterhaus hier eine fensterlose Wand aufweist – es könnte hier gewesen sein. Aber das lag in der Riesenstraße, weiter stadteinwärts. Jedenfalls diente diese Sport- und Gymnastikanlage am alten Stahlindustrie-Standort Brebach nicht nur der „körperlichern Ertüchtigung“, sondern war sicherlich zugleich ein wichtiger Begegnungsort.

Adresse: Saarbrücker Str. 146, 66130 Saarbrücken, Tel.: 0681 40145744, Facebook-Seite

Restaurant Pils-Stube Turnhalle_Brebach © Ekkehart Schmidt