Einmal angenommen, man hätte erstens ein Wohnmobil und zweitens die Zeit, es nicht nur im Urlaub für eine vierwöchige Tour zu nutzen, sondern richtig lang, monatelang. OK, das scheint unrealistisch zu sein: Wer hat schon die Zeit, wenn man noch nicht in Rente ist und die Kinder noch zur Schule gehen (müssen). Ich finde trotzdem, dass es sich als sesshafter Mensch mit einer großen und bequemen Wohnung lohnt, einmal darüber nachzudenken. Warum? Weil man sich ja eigentlich in einer Art Käfig befindet.
Also nicht wirklich, etwa wie ein Kanarienvogel, der tatsächlich nicht raus kann, weil es sein Besitzer so will. Aber irgendwie leben wir unser Leben doch auch ein wenig unfrei, wie in einem Käfig aus Stangen, die wir uns selbst im Kopf vorstellen.
- Eine Stange wäre der Gedanke, dass es unsicher sein könnte, Haus und Arbeit zu verlassen und auf Reisen zu gehen. Es könnte einen Unfall geben, das Wohnmobil könnte kaputt gehen oder ein Bandit könnte einen an einem einsamen Strand überfallen.
- Eine zweite Stange wäre der Gedanke, dass man ja Geld verdienen muss. Und zwar regelmäßig, ohne längere Unterbrechung, sonst könnte man nichts zu essen einkaufen. Das geht unterwegs nicht so einfach (außer man ist Schriftsteller oder Software-Entwickler und hat seinen Laptop dabei). Man hätte zwar ein Dach über dem Kopf und wäre gegen Hitze, Kälte und Regen geschützt. Aber ohne Geld kein Frühstück, kein Mittag- und kein Abendessen. Geschweige denn ein Eisbecher im Strandcafé.
- Eine dritte Stange könnte der Gedanke sein, dass man sich von Oma und Opa, den Onkeln und Tanten und natürlich auch den Freunden entfernt. Man könnte auch nicht weiter im Verein aktiv sein.
Und so weiter. Es gibt viele solcher Stangen, die den Käfig zu und zum Gefängnis machen. Die Stangen sind schon so lange im Kopf, dass man sie gar nicht mehr bemerkt. Man weiß nur: So, wie ich gerade lebe, muss es weitergehen. Es gibt keine Alternative, keine echte Freiheit.
Wie ein Kanarienvogel im Käfig?
So sitzt man da, wie der Kanarienvogel in seinem öden Käfig und hat sich damit abgefunden, dass da ein Mensch ist, der einem immer den Futternapf und die Wasserschale füllt, wenn man denn immer schön singt und ihn erfreut. Dann vergisst er einen nicht. Draußen könnte er zwar zur Sonne oder jedenfalls von Baum zu Baum fliegen. Aber wäre es nicht auch viel zu gefährlich mit all den Katzen und Raubvögeln?
Außerdem: Kann er überhaupt noch fliegen? Also mehr als 20 cm im Käfig? So richtig 100 Meter am Stück? Das hat er ja nie gelernt. Und wie würde er Getreide und Körner finden, wenn gerade keine Erntezeit ist? Wie man einen Regenwurm erbeutet, hat er auch nie gelernt. Jobs für Kanarienvögel gibt es auch nicht. Ich kenne nur eine Ausnahme: ein Vogel, der im Iran einem Weissager auf seinem Käfig hockend dabei half, für bezahlende Kunden einen Zettel mit einem weisen Spruch herauszuziehen (Vogelorakel von Yezd). Und wo könnte er nachts schlafen? Alle trockenen Schlafstellen in der Stadt sind schon von Tauben und Fledermäusen belegt, die unseren Kanarienvogel vertreiben würden. Und natürlich gibt es zwar viele entflogene Kanarienvögel, aber wie findet man die? Der Kanarienvogel möchte ja einen Partner finden, Eier legen und Küken großziehen. So hat er irgendwann resigniert und sich mit seinem Käfigleben abgefunden. Selbst wenn der Mensch nach dem Füttern vergisst, das Türchen wieder abzuschließen, nutzt er höchstens die Gelegenheit, etwas durchs Zimmer zu fliegen. Durch das offene Fenster aber lieber nicht. Das ist zwar sehr langweilig und nachts träumt er davon, ein Adler zu sein. Aber eigentlich geht es ihm ja auch gar nicht sooo schlecht. Oder?

So weit der Vergleich. Anders als beim Kanarienvogel, dessen Käfigstangen er sich nicht ausgedacht hat, sondern die so real da sind, dass er sich immer wieder das Köpfchen stößt, könnte sich der Mensch befreien, wenn er über seine Stangen im Kopf nachdenkt.
Oder sich befreien?
Seit Corona kann man kaum noch Wohnmobile (englisch „van“) kaufen, weil damals so viele Leute entdeckt haben, dass damit ein freies Leben ohne Maske und Zwang, zuhause zu bleiben möglich ist. Aber es gibt noch gebrauchte, die nicht den höchsten Standard haben, dafür nicht so teuer sind. Daraus hat sich sogar ein richtiger Trend entwickelt. Auf der Seite „Smoking Paper/ Vanlife“ lese ich: „Stell dir vor, du wachst jeden Morgen an einem anderen Ort auf: heute am Meer, morgen mitten im Wald, übermorgen vor der Kulisse einer schneebedeckten Bergkette. Keine festen Zeiten, kein Büro, kein monatlicher Mietdruck. Nur du, dein Van und die Straße. Genau das ist Van Life. Was einst als alternative Praxis einzelner Reisender begann, hat sich zu einem der meistdiskutierten und begehrtesten Lebensstile der letzten Jahre entwickelt. Hinter den perfekten Bildern in sozialen Netzwerken verbirgt sich eine Realität, die auf jeden Fall mehr Aufmerksamkeit verdient.“


„Van-Life“ im Selbstversuch
OK. Aber wie sieht der Alltag aus? Welche Hoffnungen auf ein schönes anderes Leben, aber auch welche Befürchtungen könnte es geben? Oder anders gefragt: Gibt es dieses coole, sonnige, freie Van-Life aus den YouTube-Videos wirklich oder werden die Schattenseiten einfach nur nicht gezeigt?
Ich schaue mir erstmal die positive Seite an. Auf der genannten Webseite lese ich: „Van Life bezeichnet einen Lebensstil, bei dem du dauerhaft oder über längere Zeit in einem ausgebauten Van oder Camper lebst und reist. Der englische Begriff setzt sich aus „van“ (Wohnwagen) und „life“ (Leben) zusammen – und bringt die Idee auf den Punkt: Dein Fahrzeug wird zu deinem Zuhause, Mobilität zu deinem Alltag. Ein Van ist weit mehr als ein Transportmittel. Er ist so ausgestattet, dass er alle grundlegenden Bedürfnisse abdeckt: schlafen, kochen, arbeiten und entspannen. Je nach Ausbau kann ein Wohnwagen eine feste Schlafgelegenheit, eine kleine Küche, Solarpanels, eine Dusche, eine Trockentoilette oder einen Arbeitsplatz mit Internetzugang umfassen. Der entscheidende Unterschied zu einem Urlaub im Camper liegt in der Dauer: Vanlifer sind nicht einfach unterwegs – sie leben in ihrem Fahrzeug.“
Dann hat es sich ergeben, dass ich meine Kinder und ihre Mutter, die genau das von Oktober 2025 bis Juni 2026 in Österreich, Italien und Griechenland gemacht haben, mehrmals unterwegs besuchen und eine Weile mit ihnen mitfahren konnte. Da habe ich genau dieses Positive erlebt. Aber eben auch manches, das nicht so schön war. Also die Schattenseiten: Ich gehe den Text oben einmal durch und beschreibe die Erfahrungen.
Zum Schlafen hatte ein Kind eine Matratze über dem Fahrersitz, das andere Kind und die Mutter mussten abends Tisch und Sitzbänke auseinandernehmen, um daraus ein Bett zu machen. Aus den Sitzlehnen wurde die Matratze. Eigentlich ein tolles System, aber vorher musste alles aufgeräumt werden, für die Bettdecke brauchte es einen Aufbewahrungsort und jeden Tag musste die Matratze auf- und abgezogen werden. Das konnte schon eine Viertelstunde dauern. Und dann ging es schlecht, dass einer um 20 Uhr, ein anderer um 23 Uhr das Licht ausmacht und schlafen geht. Man musste sich abstimmen und einigen. Und ich als Besucher? Zuerst schlief ich auf einer engen, zu kurzen Bank: sehr unbequem. Außerdem schnarche ich manchmal, womit ich sehr störte. Also nahm ich mir dann ein Zelt und schlief draußen. Ich brauchte aber eine Matratze, die auch wiederum bei jeder Weiterfahrt mit dem abzubauenden Zelt im Wohnmobil verstaut werden musste. Und zwar vorne zwischen Fahrer- und Beifahrersitz, wo schon die Schnorchel und Schwimmsachen lagen…
Es ist einmalig, wenn man den ganzen Vormittag am Strand, in einer Schlucht oder in den Bergen verbringt und mittags nicht in einem Restaurant zu viert 50 bis 75 Euro für ein ordentliches Essen ausgeben muss, sondern sich einfach in der eigenen Küche etwas kocht. Aber auch die bestand nur aus einem kleinen Herd über dem Kühlschrank und neben einer Spüle, und die Ablageflächen waren so klein, dass es schwierig war, etwas komplizierteres als eine Linsensuppe zu kochen. Wir mussten dann die Zutaten auf dem „Wohnzimmertisch“ ablegen und zubereiten, weshalb jedes mal aufgeräumt werden musste und niemand anderes den zentralen Tisch benutzen konnte. Und was heißt „aufräumen“? Es gab nur wenige kleine Schränke, in die kaum etwas reinpasste. Bei Regenwetter war das alles ziemlich doof mit vier Leuten auf 6-8 Quadratmetern. Manchmal regnete es mehrere Tage am Stück. Da fehlt es dann völlig an Rückzugsmöglichkeiten. Schlimmstenfalls entwickelt sich ein Lagerkoller.
Und zum Kochen benötigt man Zutaten. Da es an den tollsten Wohnmobilplätzen keine Bauern- oder Supermärkte gibt, steht mindestens einmal in der Woche eine einstündige Einkaufsaktion an, oft 10 bis 15 km entfernt einen Supermarkt zu besuchen und an alles zu denken, was man braucht. Dabei hat man schnell die Butter oder Zwiebeln vergessen und muss tagelang ohne diese klarkommen.
A propos Wasser: Zwar gab es einen Wassertank unter der Sitzbank und ein Auffangbecken unter der Toilette, beide mussten aber regelmäßig geleert bzw. aufgefüllt werden. Das war jedes Mal eine längere Aktion. Und Trinkwasser gab es eigentlich nur an Tankstellen oder Dorfbrunnen – nicht immer in guter Qualität. Positiv daran war, dass die Kinder mit in die Verantwortung genommen wurden, ihren Job lernten und gerne für das Gemeinwohl erledigten. WC und Dusche sind jedenfalls kaum genutzt worden, weil dann die ganze (ein Quadratmeter große) Toilette unter Wasser stand. Wir lernten uns, mit einem Spaten ausgestattet, einen versteckten Ort für unser Geschäft zu suchen. Das war eigentlich sogar schön, so in der Natur. Nur Duschen gab es lediglich an manchen Strandlokalen, wenn man zahlender Gast war. Standen wir aber in freier Natur, konnte man sich oft wochenlang nicht richtig abwaschen – doof, wenn man oft im salzigen Meerwasser badet. Die Haut fängt dann an zu jucken und die Klamotten versalzen. Eine Waschmaschine gab es ja auch nicht. Und volle Kleiderschränke hatten wir ja auch nicht, nur eine elementare Grundausstattung. Zum Glück gab es immer wieder nahe Plätzen mit vielen Campern Servicestationen wie die Filia Laundry auf dem Peloponnes, in denen man Wäsche waschen konnte. Nicht immer billig.
Solarpanele hatten wir auch auf dem Dach, aber es gab immer wieder Probleme mit der Batterie, die den gewonnenen Strom speicherte. Sie konnte nicht genug Strom aufnehmen, so dass der Strom öfters knapp wurde und man nur eine Lampe anmachen konnte. Außerdem stand die Batterie direkt im Eingangsbereich hinter der Tür und versperrte etwas den Weg. Dort konnte man per USB-Stick zwar sein Smartphone aufladen, durfte da aber nicht versehentlich mit dem Fuß dranstoßen. Ein Selbstläufer war das jedenfalls nicht. Immer wieder musste aufs Dach geklettert werden, weil sich irgendwelche Kabel gelöst hatte.
Und Internet? Leider nicht überall in guter Qualität verfügbar, zumal nicht in der schönen wilden Natur am Strand oder in den Bergen. Ein „digitaler Nomade“, der für eine Firma in Deutschland arbeitete, fuhr in Sizilien jeden Morgen in ein Café mit stabilem Anschluss. Auch für Leute wie mich, die nur einmal an einer Videokonferenz teilnehmen mussten, hieß es, ins nächste Dorf und ein Café mit gutem WLAN zu laufen und dafür konsumieren zu müssen, wie erlebt im Kafenio in Elia.
Nicht zuletzt ein unerwähntes Thema: Auf welcher finanziellen Basis kann man sich diese Freiheit nehmen, wenn man kein digitaler Nomade mit Homeoffice-Job ist oder unterwegs Jobs wie Saisonarbeit in der Olivenernte annehmen kann? Erspartes, Vermögen, Unterhaltszahlungen? Frei und unabhängig ist man da nicht immer. Und dann braucht es verschiedenste Versicherungen, die auch im Ausland Schutz bieten. Das bedeutet einige Bürokratie.
Fazit
Wenn man sich keinen 5-Sterne-Luxus-Van leisten kann, besteht der Alltag jeden Tag aus sehr vielen kleineren und größeren Aufgaben, die in der Wohnung in Deutschland nicht anfallen, aber hier unbedingt erledigt werden müssen.
Und das coole Van-Life an den schönstmöglichen Orten? Das gibt es tatsächlich. Man fährt einen Tag lang die Küste entlang und sucht sich rechtzeitig vor der Dämmerung einen schönen Ort mit genialem Blick und Traumstrand. Da unterscheiden sich allerdings zwischen Erwachsenen und Kindern die Vorstellungen zum Teil erheblich. Aber OK. Mal setzt sich der eine, mal der andere durch. Ein passendes Foto trage ich nach.
Leider ist das freie Campen auch in Süditalien, Kroatien, Albanien oder Griechenland längst nicht mehr so uneingeschränkt erlaubt, wie früher. Es gilt sich also oft, etwas zu verstecken. Und manchmal endet man an einem gar nicht so schönen Ort.



Die schönsten Erfahrungen haben wir an „wilden“ Campingplätzen gemacht, auf denen wir vielen gleichgesinnten anderen Menschen (oft auch Deutschen) begegnet sind. Da waren Abenteurer und „Freilerner“, aber auch pensionierte Menschen, die überwinterten. Wir haben also nicht nur schöne Landschaften und historische Kulturstätten erlebt, sondern auch Gespräche mit oft faszinierenden Menschen, vor allem über ihre Versuche, andere Lebensentwürfe zu verwirklichen. Viele hatten Hunde, wie wir (Lumi lief uns quasi auf dem Peloponnes zu).
Andere haben nach der Ankunft den Käfig mit ihrem Kanarienvogel draußen ans Wohnmobil gehängt, damit er auch einmal etwas träumen konnte.
Versuch über das mobile Leben © Ekkehart Schmidt
Ich war der erste Gast heute morgen um 8.15 Uhr, froh, nach einem ersten Check der gastronomischen Einrichtungen im oberen Altenkessel, hier einen guten Ort für einen mehrstündigen Aufenthalt gefunden zu haben. Mein Sohn war nach längerer Krankheit heute erstmals wieder in der Waldorfschule etwas unterhalb und ich wollte ihn ermutigen, indem ich mich nahebei aufhielt und versicherte, dass er jederzeit mit mir wieder nach Hause fahren kann (wozu es nicht kam).



Drinnen begrüßt einen eine appetitanregende Kuchen-, Brot- und Sandwichtheke. Insgesamt entsprach das Interieur aber eher nicht meinen Vorstellungen von Coolness, aber ich wohne ja auch nicht hier, im alten Bergbaustadtteil mit Arbeiterprägung. Der verschnörkelte Schmetterling mit der Aufschrift „Lebe Deinen Traum“ war nur auf den ersten Blick kitschig, verwies mich aber nach ein paar Stunden der Beobachtung der Gäste in eine Welt, in der es manche Restriktionen gibt, die ich so nicht kenne.


Schnell füllte sich das Café und mein Sitzplatz an einem großen Tisch wurde mir recht bald – wie die Inhaberin angekündigt hatte – von einem rund achtköpfigen Frauenstammtisch im Alter von 30 bis 90 streitig gemacht. In der optisch viel cooleren Konkurrenz von „Brot & Sinne“ weiter oben an Rathaus und Kirche sah ich dagegen nur Männer an Stehtischen. Erst blieb ich, dann zog ich um aus der vorderen Backstube in den etwas abgesetzten hinteren Lounge-Bereich. Und hörte ein bisschen zu. „Mir sinn alte Gretcher“ und zu den Demos der Gen-Z mit anschließender Gewalt am Wochenende: „Es wird immer schlimmer in Deutschland“ die eine, „Die meisten haben ja friedlich demonstriert die andere Meinung.




Ich beobachtete natürlich auch die Wirtin. Man spürt, dass es ihr Freude bereitet, es den Gästen gemütlich zu machen. Tatsächlich hat sie einen ungezwungenen Wohlfühlort geschaffen, der in vielen Vierteln an den Rändern von Saarbrücken fehlt oder verloren gegangen ist. Es gibt viel netten Dekoschnickschnack, der aber wohl den Vorstellungen der Kundschaft entspricht. Man kann dort auch frühstücken, was eine später kommende Gruppe ausgiebig tat.
Zwischendurch rief sie jemand „Irmi“. Aber eigentlich heißt sie Szilvia Koller und ist eine Ungarin, deren Familie ursprünglich aus Siebenbürgen stammt. Sie zog 2004 nach Deutschland und kam 2008 der Liebe wegen nach Saarbrücken. Dort arbeitete sie im Café Lounge, das sich damals noch im Oberen Malstatt (bzw. schon halb im Rastpfuhl) befand. Genauer gesagt in der Rheinstraße 93, direkt gegenüber der Caritas-Klinik, erzählt sie. Die Inhaberin wollte aufhören, hatte aber noch die Idee, ihr Lokal umzuziehen: nach Altenkessel, in ein früheres Café mit Backstube. Das muss so etwa gegen 2015 gewesen sein. Später übernahm Szilvia das Lokal und eröffnete es am 15. Juli 2018 (was ich von einem Foto in Restaurant Guru weiß).

Sie backt nur Croissants und Kaffeestückchen (oder Bretzeln?) selbst, alles andere komme aus Frankreich: Baguette und Kaffestückchen. Über die Preise habe ich mich dennoch etwas gewundert: Doppelter Espresso, Rührei mit Brötchen, zwei Filterkaffees und ein leckeres Schokoteilchen für 19.30 Euro. Einen Ticken zu teuer, fand ich – jedenfalls in der durch die abseitige Lage veränderte Erwartungshaltung. Ich hatte ein wenig kreuz di quer bestellt, weil mir der Preis für die verschiedenen Frühstücke recht hoch erschien. Aber Szilvia serviert sehr freundlich mit positiver Ausstrahlung und bereitet Getränke und Speisen in liebevoller, appetitlicher und aufmerksamer Weise zu. Alles wirkt auch sehr sauber. Die Eier sind in Bioqualität, der Kaffee bio und fair. Das ist es dann also schon wert.
Eigentlich ist das ein Teesalon, oder sollte einer werden. Jedenfalls gibt es eine eigene Teekarte, überall stehen alte gesammelte Teekannen und an der Decke hängen umgedrehte, zu Lampen umfunktionierte Kannen.


Zwischendurch bin ich etwas durch den Ort und entdeckte zwei spannende tote, aber wieder auferstandene Lokale: „Zum Rolly“ und „Zum Knegges„. Da ich viel Zeit hatte, produzierte ich gleich anschließend Blogposts dazu. Bei einem „diggen unn gudden Kaffee-Schtiggscha“

Auffällig war die schön gestaltete Terrasse auf etwa ein Meter hohen Stelzen, die sie vom Vorgänger übernommen hat. Auch hier Frosch- und Igel-Dekoware und überwiegend Plastikblumen. Im Sommer bieten ursprünglich rote, heute graue Sonnenschirme gemütlichen Schatten. Ein Schild ermuntert: „Lass es Dir gutgehen auf Balkonien“. Als Raucher nahm ich das mehrfach wahr. Szilvia ging erst zwei Stunden nach dem ersten Ansturm nach draußen, um eine zu rauchen. Sie öffnet schon um 5.30 Uhr und es scheint auch schon früh gut Betrieb zu geben, macht dann aber nicht mehr – wie früher – durch bis 17 Uhr, sondern schließt um 14 Uhr. Mittwoch ist geschlossen.

Viele alleinstehende ältere Damen finden hier ihre „Familie“. Aber niemand kann mir sagen, wie das Lokal früher hieß. Das übernahm dann Herr Lerner, ein Kunstdruckverkäufer gegenüber: „Das war erst das ‚Zeller‘, dann übernahm es der Beck, ein Herr aus Fürstenhausen. Und dann war da auch noch die Frau Brinkmann für ein paar Jahre“. Okay… Da ist wie so oft noch viel, das recherchiert werden könnte.
Adresse: Alleestraße 28, 66126 Saarbrücken, Tel.: 06898-91 29 933
Café Lounge_Altenkessel © Ekkehart Schmidt
Beim heutigen Spaziergang durch Altenkessel entdeckte ich so einige alte Kneipen (oder was davon übrig blieb: „Zum Rolly„). In der Hauptstraße ein besonders langjährig leerstehend wirkendes Exemplar.



Einem spontanen Impuls folgend wechsle ich die Straßenseite, betrete einen kleinen Laden, der ähnlich alt wirkte und frage den Schuhmacher Jürgen Eich. Klar, er weiß sofort den früheren Namen, ich verstehe ihn aber erst nicht: „Gnägges“? Ja, das heiße in der Mundart so etwas wie „kleiner Mann“, erklärt er. Und tatsächlich: Gnägges oder Kneckes (oder eben auch Knegges) bedeutet „Knirps, Dreikäsehoch“, finde ich in einem Saarländischen Wörterbuch.
Früher habe das Lokal „Alte Kinoklause“ genießen, nach einem Kino linkerhand, in dem sich heute ein arabischer Möbelhändler befindet. Zwischen beiden habe es ein Eiscafé gegeben (der heutige „Barber M Star“), in das man direkt aus dem Kino habe gehen können.
Der Inhaber sei dann um die Ecke umgezogen, sagt er und deutet in Richtung Alleestraße. Komisch, da habe ich heute Morgen gar nichts ähnliches wahrgenommen. Aber mein Gedächtnis trügt: „Zum Knegges“ prangt dort über einem deutlich größeren Lokal.

Es hat allerdings geschlossen und online findet sich nichts davon. Ich werde (wie so oft) wiederkommen müssen. Nach der Erfahrung mit dem wandernden Schild „Zum Rolly“ und einer kurzen Überprüfung der Größe des Kneipenschilds nehme ich an, dass der Wirt auch hier das Schild zum neuen Ort hinübergerettet hat.
Zuhause checke ich noch das Kino und finde es tatsächlich bei „Saar-Nostalgie„: „Das Union-Theater war in der Alleestraße 8. Es verfügte über 320 Plätze. Inhaberin: Stella Bliemeister. – Nachdem das Kino geschlossen worden war, war dort zuerst ein Gottlieb-Laden, danach ein Plus und später ein KIK. Heute steht das Gebäude seit Jahren leer. Die alte Kinoklause gibt es aber immer noch, sie heißt jetzt ‚Musik-Kneipe Knegges‚“. Der Eintrag scheint schon etwas älter zu sein…
(alte) Adresse: Alleestr. 8, 66126 Saarbrücken
Zum Knegges_Altenkessel © Ekkehart Schmidt
Na was ist das denn, was ich da durch hintere Gärten neben der Waldorfschule in Altenkessel entdecke: eine Kneipenleuchtschrift „Zum Rolly“. Es ist jedoch keine Straße zu erkennen und ich muss etwas suchen, ehe ich das Schild im Garten der Schulstraße 5 an einen knallbunten Bus erkenne.




Nein, den nutzen wir nur noch als Rumpelkammer, sagt eine freundliche Frau, die auf die Terrasse tritt und sich über meinen Besuch im Garten wundert. Ich hatte den Eindruck, hier könnte tatsächlich im Sommer eine Gastwirtschaft existieren. Der Bus sei vom Reisebüro „Harz“ unten in Rockershausen. Die Karnevalsgesellschaft „Die Kesselflicker“ habe ihn zeitweilig genutzt. Als die Kneipe ihres Schwagers schließen mußte weil oder und das Haus verkauft wurde, hätten sie die Schilder übernommen und in einem spontanen Impuls an den Bus und ihr Gartenhäuschen montiert. Leider vergaß ich nach dem Hintergrund des Namens zu fragen: Meinen Bruder Roland nennen wir „Rolli“, es könnte aber tatsächlich auch auf den eventuell durch Straßen rollenden Bus bezogen sein.
Ich lasse mir erklären, wo um die Ecke die frühere Kneipe bestand, verabschiede mich und finde in der Blumenstraße 37, im linken Teil der Doppelhaushälfte tatsächlich Spuren einer Kneipe. Der grüne Anstrich wirkt jahrzehntealt, die Löcher der Dübel und Verkabelungen der Schilder sind aber noch zu erkennen. Auf der Klingel steht „Seydmann“ in einer schon einige Jahre alt wirkenden Aufschrift: Ich nehme an, dass das der Name der früheren Pächter ist.



Im „Café Lounge“ um die Ecke an der Hauptstraße frage ich den Frauenstammtisch, ob sie etwas wissen. Eine Dame erzählt, dass die Kneipe schon bestimmt vor 30 Jahren geschlossen worden sei. Benannt nach ihrem Inhaber, der dann aber gestorben sei. Sein Sohn mit seiner Ehefrau übernahmen das Haus. Anfang des Jahres sei er ebenfalls gestorben und die Witwe haben für eine (sicher teure) Sanierung kein Geld.
Zum Rolly_Altenkessel © Ekkehart Schmidt
Ich mache ja seit Jahren das gleiche, aber heute war es anders. Die Mainzer Straße für den Autoverkehr zu sperren und mit vielen Nachhaltigkeitsinitiativen Dutzende Parkplätze von Autos befreit zu bespielen, fühlte sich beim diesjährigen Parking Day anders an als in Malstatt 2022, in der Alt-Saarbrücker Heuduckstraße 2023 und 2024 oder in der Großherzog-Friedrich-Straße 2025: Es war viel mehr los, hunderte Leute flanierten, vor allem weil es keinerlei Durchgangsverkehr mehr gab. Aber auch, weil hier in der Straße häufig Veranstaltungen sind (CSD, Hausflohmärkte etc.) und die Besucher:innen hier eher darauf gepolt sind, sich Zeit zu nehmen und zu bleiben. In den anderen Locations kamen eher Zufallspassanten ohne diese Vorerfahrung.
Ich jedenfalls verschenkte wieder all die im Laufe eines Jahres gesammelten Spielsachen, Kinderbücher und abgelegte Kinderkleidung meiner Söhne und was sich so in Verschenkkartons am Straßenrand fand.




Um 14.30 startete die „Kiddical Mass“ ihre Tour durch die Stadt, um auf die Radfahr-Bedürfnisse von Kindern aufmerksam zu machen – und kam nach einer Stunde beschwingt zurück.




Ebenfalls von Transition Town organisiert sensibilisierte die Initiative Stadt-Baum-Zukunft nebenan für die Notwendigkeit, unsere Stadtbäume zu schützen.

Ein Dutzend andere Initiativen und Vereine (vom ADFC, Greenpeace, dem NES und dem BUND über die Eliya-Kirche und der …) boten Mitmachaktionen und Infostände rund um nachhaltige Themen.





Überall gute Stimmung, aber wir blieben letztlich doch in unserer links-ökologisch-queeren Blase.





Auf meinen Teppichen war bis 18.15 viel los, manche Kinder blieben gefühlt stundenlang und blätterten durch Bücher oder spielten mit Figuren, Stofftieren und Playmobil-Segelschiffen. Die Betreuerin einer Wohngruppe nahm drei Taschen mit Kleidung mit, es gab schöne Gespräche und als ich das Taxi zurück (alle Lastenräder waren ausgebucht) nahm, waren zwei Drittel aller Sachen in neue Hände (statt im Abfall) gelandet.



Wunderbar!
Parking Day 2026_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt
Regionalversammlung Saarbrücken

Die AfD wurde letztes Wochenende Wahlsieger in Sachsen-Anhalt. Eine Woche zuvor – bei den Neuwahlen im Regionalverband Saarbrücken – war sie nur knapp hinter der SPD zweitstärkste Partei. Das Ergebnis hier ist also nicht viel besser. In beiden Parlamenten hat die CDU stark verloren, ist in ihren Grundfesten erschüttert worden, während die SPD an der Saar mit einem blauen Auge davongekommen ist.
Das ist die neue Wirklichkeit. Und solange die gesichert rechtsextreme Partei nicht verboten ist, haben wir Demokrat:innen dies zu akzeptieren (hinzunehmen). Aber was tun?
Als Mitglied der Regionalversammlung (vergleichbar mit dem Kreistag anderswo) habe ich mich als Mitglied der Fraktion bunt.Saarland für Alle bei der letzten Sitzung der durch Neuwahlen vorzeitig beendeten Legislatur (die AfD war 2024 aufgrund der Einreichung von zwei Listen ausgeschlossen worden, hatte dagegen geklagt und gewonnen) heute unter „Verschiedenes“ zu Wort gemeldet.
Seit März hatten wir in zwei Anträgen vergeblich versucht, die Regionalversammlung dazu zu bewegen, die Landesregierung aufzufordern, ein Verbotsverfahren gegen die AfD zu befürworten. Die Anträge wurden nicht zugelassen, weil der Regionalverband nicht zuständig sei. Vielleicht ist dieser Weg auch tatsächlich nicht der richtige, weil ihr Wahlerfolg ja einen Hintergrund hat, auf den es vor allem eine politische Antwort geben muss. Wenn die AfD ein Symptom für schwerwiegende Probleme sein sollte, dann müssen vor allem diese angegangen werden. SPD und Grüne, aber auch andere Parteien, scheinen allerdings den Kontakt vor allem zu männlichen AfD-Wählern verloren zu haben.
Ich habe in einem kurzen Statement Folgendes stark verknappt dargelegt:
Auch wenn wir hier Opfer einer bundesweiten Stimmung geworden sind, so gibt es aber doch hausgemachte Ursachen, auf die wir schauen müssen! Es gibt eine tiefe Unzufriedenheit mit dem politischen System, viele fühlen sich von den ausgelaugten ehemaligen Volksparteien der Mitte weder gehört, noch repräsentiert, sondern eher ignoriert. Veränderungen gab es scheinbar nur mit Blick auf das Inwertsetzen von Geschlechter-Vielfalt, was eher ein Thema für sozial, aber nicht auch ökonomisch ausgegrenzte Menschen ist und von letzteren als „Gängelung“ empfunden wurde. Es gibt einen großen Unmut über verschleppte soziale Probleme, ein allumfassendes Frust- und Ohnmachtsgefühl: So konnte die AfD erfolgreich „Endlich Veränderung“ fordern und wurde von Politikverdrossenen gewählt, die viele Jahre zur „Partei“ der Nichtwähler gehörten – sich nun aber mit ihrem Kreuz endlich einmal als selbstwirksam empfinden konnten. Dies, indem sie den „etablierten“ Parteien, von denen sie enttäuscht und frustriert worden waren, ihre Macht zeigten, so jedenfalls Werner Kolhoff in der Saarbrücker Zeitung.
Die Auseinandersetzung müssen wir annehmen. Als erstes die Frage: Welche Verantwortung haben auch wir hier im Regionalverband möglicherweise für diese große Unzufriedenheit? Ein Teil der Probleme sind hausgemacht. Diese Mitverantwortung wird kaum gesehen oder aber klein geredet.
Wir müssen unsere Lehren ziehen, und zwar nicht nur parteiintern oder zwischen den Parteien. Nicht hilfreich sind Schuldzuweisungen an andere Parteien, ohne sich auch selbst einmal vor den Spiegel zu stellen. Es hilft auch nicht, uns nur zu fragen, wie wir der AfD als Partei begegnen (konfrontieren oder ignorieren?). Sondern vor allem darüber nachzudenken, inwieweit die Art und Weise, wie hier die Verwaltung und die seit Jahrzehnten undeklariert zusammenarbeitende Große Koalition aus SPD und CDU Intransparenz erzeugt und mit zur tiefen Vertrauenskrise in die demokratische Politik beigetragen hat.
Es kann auch hier nichts mehr bleiben, wie es ist. Die Menschen erwarten Antworten. Wir müssen vieles besser machen. Und uns fragen, was wir falsch gemacht haben. Ich möchte vier Punkte nennen:
- Wir müssen unseren Politikstil grundlegend überdenken, um das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen. Dazu gehört auch, Probleme fehlender Integration und Überfremdungsängste zum Beispiel in Malstatt, Burbach und Sulzbach zu benennen. Dort hingehen, raus aus der Komfortzone. Uns streiten, Widersprüche aushalten und gemeinsam demokratische Lösungen erarbeiten. Vor allem wieder mit den Frustrierten ins Gespräch kommen und zuhören ohne zu belehren (Frust aussprechen dürfen, ohne gleich in den Verdacht zu kommen, rechtsextrem zu sein).
- Wir müssen die unzufriedenen Bürger:innen besser einbeziehen. Mich fragte heute eine Freundin, die gerne einmal in die Regionalversammlung kommen wollte: „15 Uhr? Das ist wirklich erstaunlich: Das schließt doch viele Menschen aus, sich in diesem Gremium zu engagieren!“ – Allerdings. Als Mandatsträger ebenso wie unsere Arbeit beobachtende Bürger:in. Vielleicht müssen die Vertreter der Regionalversammlung neue Formate finden, als im Punkt „Verschiedenes“ Bürger:innen gegen 16.30 die Möglichkeit zu geben, sich zu äußern. Vielleicht außerhalb des Schlosses?
- Thema Umlage: Die ersten der zehn im Regionalverband vereinten Kommunen wehren sich gegen das Abwälzen von – vor allem durch die Bundesgesetzgebung verursachten – Mehrkosten in zweistelliger Millionenhöhe auf sie. Friedrichsthal hat jetzt den Klageweg beschritten (fünf andere Kommunen überlegen das ebenso). Ist das ein Zufall, bei 44,4 Prozent für die AfD (dem höchsten Wert im Regionalverband)? Wohl kaum: Da bröckelt sichtbar Wohlstand weg. Der Kommune fehlt dadurch Geld für die elementarsten Dinge, was hier in Saarbrücken auch nicht viel besser ist. Klar: hier findet sich ein anderes Milieu, und dennoch bekam die AfD hier auch 20 Prozent. Natürlich muss man an Berlin appellieren und eine Umsetzung des Konnexitätsprinzips (wer bestellt zahlt), also Entlastungen, einfordern. Wir müssen uns aber auch an die eigene Nase fassen und ernsthafte Sparanstrengungen unternehmen. Auch da, wo es weh tut. Vor allem am Personal: Bei Arbeitsprozessen gibt es viele Optimierungsmöglichkeiten.
- Wenn ich mich hier in der Versammlung umgucke: Es gibt eine soziale Verzerrung zwischen Volk und Volksvertreter:innen, eine Repräsentationslücke. 20-40 Prozent der Unzufriedenen waren hier nicht vertreten. Ebensowenig Migrant:innen. Sind wir – von CDU bis Linke – das Establishment? Glaubten wir besser zu wissen, was die Bürger:innen wollen (und haben deren Lebenswelt mit aufgezwängten moralisierenden Leitbildern unter Druck gesetzt), statt zu fragen, was sie tatsächlich denken? Müssten wir nicht alles dafür tun, dass beide Gruppen stärker kommunalpolitisch aktiv werden und ihre Sicht einbringen? Damit alle repräsentiert sind. Haben wir nicht verstanden, was die Stunde geschlagen hat? Die ZEIT fragt jedenfalls schon: „Kann man hier den Absturz eines Systems beobachten?“ Zumindest funktioniert nicht mehr viel.
Da ist viel Entfremdung, es ist eine maximale Polarisierung entstanden. Positiv ist, dass die Menschen wieder politisch denken, Debatten geführt werden, also die Demokratie nicht per se in Gefahr ist, wohl aber durch die Programmatik der AfD.
Ich beendete meinen stark verkürzten Beitrag mit der Einsicht, dass wir diese Debatte wohl jetzt hier nicht führen können. Aber dass es mir ein Bedürfnis war, es einzufordern.
Die Reaktion? Keine. Die Regionalverbandsdirektorin rief einfach den nächsten Punkt der Tagesordnung auf.
Ich habe den erschreckenden Eindruck, dass vor allem SPD und CDU bedrückend ratlos, ja hilflos in einer einfallslosen Rhetorik dem Erstarken der AfD zuschauen und veränderungsunfähig sind. Die politische Mitte kollabiert in ihrer Selbstgerechtigkeit, ohne das zu merken. Man glaubt, einfach wie gehabt weiter machen zu können, weil man ja die Deutungshoheit besitze. Was für ein fataler Irrtum. „Warum finden sie keine Mittel und keine Worte, mit einer Lage umzugehen, die absehbar war und die sie selbst ständig beschworen haben?“, fragt die ZEIT.
Ich werde diese Debatte über notwendige Änderungen bei der ersten Sitzung der neuen Regionalversammlung am 1. Oktober erneut einfordern. Diesmal mit der AfD im Raum. Schade, dass die Gelegenheit verpasst wurde, sie ohne sie zu führen.
Wahlsieger AfD: Hilflose SPD und CDU © Ekkehart Schmidt
Wenn man als Camper monatelang per Wohnmobil unterwegs ist, braucht man, so autark auch immer man es sich eingerichtet hat, doch gelegentlich eine externe Infrastruktur. Zum Beispiel zum Wäsche waschen, gelegentlichem warmen Duschen, zum Austausch einer deutschen Gasflasche oder für frisches Brot und einen stabilen Internetempfang. Diesen Frühsommer habe ich diese Bedürfnisse und ihre Befriedigung erlebt, als ich meine Kinder auf Freilernreise in Elia an der Westküste des Peloponnes in Griechenland besucht habe.



Da gab es zwar ein Dorf mit Kafenions (und WLAN!) und integrierten Minimärkten, aber für all das andere nötige hatten wir zu fahren. Den Weg wiesen Schilder auf unserem informellen Campingplatz unter Pinien am Meer. Insbesondere zum Filía Laundry Shop, einer wirklich spannenden Einrichtung am Dorfrand von Kakovatos, ein gutes Dutzend Kilometer nordwärts.



Die Filía Laundry ist ein offenbar sehr beliebter, von Freiwilligen, meist jungen Menschen aus England oder Frankreich, geführter Treffpunkt für Reisende und Camper. Ein breites Tor schirmt ihn ab. Ich habe sehr zurückhaltend fotografiert…

Neben Waschmaschinen und Trocknern bietet der Ort warme Duschen, vegane Snacks, eine Tauschbörse und Platz zum Verweilen.



Die Hauptenergie der Struktur schien mir aber der Einsatz für die Aufnahme und Versorgung von streunenden Hunden zu sein. Ein guter Teil der Einnahmen fliesst wohl in ihre Betreuung und Weitervermittlung. Auch wir kamen hier auf den Gedanken, einen Hund zu übernehmen, was wir dann aber mit „Lumi“ erst später durch einen anderen Kontakt umsetzten. Sie lebt jetzt in Deutschland.

Genaue Beschreibung bei Misses Backpack
Filia Laundry_Kakovatos © Ekkehart Schmidt
Es gibt ja diesen Begriff, diese gastronomische Einordnung des „ersten Hauses am Platz“, den jede:r schon einmal gehört hat. Was bedeutet er eigentlich? OK: Irgendwie das renommierteste oder beliebteste Geschäft, Café, Hotel eines Ortes, die erste Wahl. Aber in welcher Beziehung eigentlich? Qualität der Waren und Speisen? Und/ oder ein nobler Place to be für diejenigen, für die Status- und Distinktionsfragen wichtig sind? Wie hat sich das Lokal diese Einschätzung erarbeitet? Durch die Qualität der Speisen und des Service? Und wie konnte ein solcher ruf manchmal über Jahrzehnte gehalten werden?
Spannende Fragen, die sich mir in der französischen Kleinstadt Lons-le-Sunier stellten, als wir vor drei Wochen in brüllender Hitze einen Ort für ein Kaltgetränk suchten. Vor dem Grand Café du Théâtre am Opernplatz des Ortes erzählte meine in der Region aufgewachsene Begleiterin, dass ihre Mutter immer hierher gegangen sei. Als in Marseille und Colmar aufgewachsene bzw. lebende Dame mit hochkulturellem Anspruch an sich selbst, scheint dies hier trotz vieler Alternativen immer eindeutig der einzige Ort gewesen zu sein, an dem sie sich aufhalten wollte, der ihrem Selbstbild entsprach.
Das Opernhaus ist auch beeindruckend und das Grand Café besteht schon seit 1847. Ich kenne solche Lokale aus Paris, Brüssel oder Neapel, fand es hier aber spannender, zu sehen, wie der Platz für Hitzesommer begrünt worden ist.



Das nach einem Brand 1901 errichtete Theater-Gebäude ist sehr beeindruckend für eine Kleinstadt. Offenbar ist es schon so konzipiert worden, dass an der Front das Grand Café dominiert und der Eingang zum Theater um die Ecke ist. Ich habe etwas recherchiert und fand im Wesentlichen die folgende Einschätzung: „Ein Ort voller Geschichte und Eleganz. In einem stilvollen Ambiente kommt die Brasserie-Küche voll zur Geltung: traditionelle Gerichte, gemischte Salate und Tagesempfehlungen, die der Küchenchef kreiert hat, um den Gaumen zu überraschen und zu verwöhnen. Eine Kultadresse, an der Tradition und Genuss aufeinander treffen.“
OK. Ich habe kurz hineingeschaut, aber es war schon klar, dass wir uns linkerhand in ein besser besuchtes, einfaches Café mit einer Bedienung setzen, die durch ihre Piercings auffiel: Das Grand Café dagegen leer und auf Restaurantgäste ausgerichtet, die „Foie gras“ mit einer Marinade aus weissem Portwein, Lachscarpaccio, paniertes Kalbsschnitzel, Sauerkraut mit Fisch und ähnliches gouttieren möchten. Interessant, dass es gleichwohl bei Trip Advisor nur auf Rang 17 der Restaurants vor Ort rangiert, wobei ich die Kriterien nicht kenne. Das unterstreicht aber die Vermutung, dass es auf die Qualität der Speisen nicht wirklich ankommt.




Adresse: 2 Rue Jean Jaurès 39000 Lons le Saunier/ Frankreich
Grand Café du Théâtre_Lons-le-Saunier © Ekkehart Schmidt
In Besançon aus einem Regionalzug in einen TGV umzusteigen ist kompliziert, sehr unpraktisch und zeitaufwändig. Aber ich habe mir vor zwei Wochen gesagt, dass ich daraus das Beste machen mag: Mir ein wenig diese 120.000 Einwohner starke Stadt im Westen Frankreichs in der Region Bourgogne-Franche-Comté anschauen, an der ich früher immer vorbei gefahren bin. Schon der Regionalbahnhof liegt etwas ausserhalb der Stadt, der TGV-Bahnhof dann nochmal 16 km ausserhalb. Aber ich hatte anderthalb Stunden Umsteigezeit und nutzte sie durch einen Gang runter an den Doubs und zum Stadteingang. Das Ziel: Ein nettes Café zu finden. Solche Gelegenheiten nutze ich immer gerne.
Ich wurde belohnt durch eine beeindruckende Kulisse einheitlicher und architektonisch stimmiger Bauten auf dem Weg zur Pont Battant, die die Altstadt (La Boucle) mit dem Viertel Battant verbindet.


Ich bin erst in die Altstadt, fand ein Lokal mit elsässischer Küche, empfand es aber als zu touristisch und bin zurück, um am jenseitigen Brückenkopf neben der Kirche Sainte Madeleine ein ebenfalls altes, aber ganz normal einheimisches Lokal namens „Le Brass’eliande“ zu entdecken, das mir besser gefiel. Hier werden sich eher Bisontines bzw. Bisontins aufhalten, wie die Einwohner der Stadt genannt werden.






Eine nette Terrasse mit vielen zu beobachteden Menschen. Aber was für ein merkwürdiger Name: Brass’eliande. Ein Wortspiel rund um „Brasserie“? Vielleicht in Abwandlung von „Brocéliande“, dem sagenhaften Wald in der Bretagne, in dem eine Reihe von Erzählungen aus der Artussage lokalisiert werden? Könnte der bärtige Mann im Logo dann der Zauberer Merlin sein? Ich hatte zu wenig Zeit, um nachzufragen, bekam nur noch mit, dass die Leute das Café einfach „Brass“ nennen.
Eliande ist jedenfalls ein seltener Vorname, genauer: eine Namensvariante, die zu Namen wie Eliane, Eliana oder Elias gehört und oft mit „mein Gott ist Jahwe“ oder „Sonne“ in Verbindung gebracht wird – weiss das Internet. Und dann gibt es noch einen gleichnamigen Elvenwald.








Drinnen eine Blockhaus-Atmosphäre, in der sich jetzt in der Hitze natürlich fast niemand aufhielt. Das Lokal bietet eine breite Auswahl an (vor allem belgischen) Biersorten.




Neben dem Klo mit seinem Karomuster gab es ein interessantes Schild eines wohl imaginären flämischen Malers, der hier geboren sein soll, zu dem es online aber keine Spuren gab. Egal. Ich beocbachtete gegenüber eine schwierige Auseinandersetzung, die fast in einer Prügelei resultierte, dann aber mit Polizeibesuch endete, ehe ich mich durch die Strasse mit vielen afrikanischen Geschäften im Viertel „Battant“ wieder hoch zum Bahnhof zu bewegen hatte.
Ich liebe solche kurzen Aufenthalte mit gutem Espresso. Und bin ganz dankbar, dass mir die Schwarmintelligenz in Form eines Kommentars von Holger einiges erklärt hat (siehe unten).
Adresse: 1, Place Claude François Jouffroy d’Abbans, 25000, Besançon/ Frankreich
Le Brass’eliande_Besançon © Ekkehart Schmidt











