Wenn man als Camper monatelang per Wohnmobil unterwegs ist, braucht man, so autark auch immer man es sich eingerichtet hat, doch gelegentlich eine externe Infrastruktur. Zum Beispiel zum Wäsche waschen, gelegentlichem warmen Duschen, zum Austausch einer deutschen Gasflasche oder für frisches Brot und einen stabilen Internetempfang. Diesen Frühsommer habe ich diese Bedürfnisse und ihre Befriedigung erlebt, als ich meine Kinder auf Freilernreise in Elia an der Westküste des Peloponnes in Griechenland besucht habe.



Da gab es zwar ein Dorf mit Kafenions (und WLAN!) und integrierten Minimärkten, aber für all das andere nötige hatten wir zu fahren. Den Weg wiesen Schilder auf unserem informellen Campingplatz unter Pinien am Meer. Insbesondere zum Filía Laundry Shop, einer wirklich spannenden Einrichtung am Dorfrand von Kakovatos, ein gutes Dutzend Kilometer nordwärts.



Die Filía Laundry ist ein offenbar sehr beliebter, von Freiwilligen, meist jungen Menschen aus England oder Frankreich, geführter Treffpunkt für Reisende und Camper. Ein breites Tor schirmt ihn ab. Ich habe sehr zurückhaltend fotografiert…

Neben Waschmaschinen und Trocknern bietet der Ort warme Duschen, vegane Snacks, eine Tauschbörse und Platz zum Verweilen.



Die Hauptenergie der Struktur schien mir aber der Einsatz für die Aufnahme und Versorgung von streunenden Hunden zu sein. Ein guter Teil der Einnahmen fliesst wohl in ihre Betreuung und Weitervermittlung. Auch wir kamen hier auf den Gedanken, einen Hund zu übernehmen, was wir dann aber mit „Lumi“ erst später durch einen anderen Kontakt umsetzten. Sie lebt jetzt in Deutschland.

Genaue Beschreibung bei Misses Backpack
Filia Laundry_Kakovatos © Ekkehart Schmidt
Es gibt ja diesen Begriff, diese gastronomische Einordnung des „ersten Hauses am Platz“, den jede:r schon einmal gehört hat. Was bedeutet er eigentlich? OK: Irgendwie das renommierteste oder beliebteste Geschäft, Café, Hotel eines Ortes, die erste Wahl. Aber in welcher Beziehung eigentlich? Qualität der Waren und Speisen? Und/ oder ein nobler Place to be für diejenigen, für die Status- und Distinktionsfragen wichtig sind? Wie hat sich das Lokal diese Einschätzung erarbeitet? Durch die Qualität der Speisen und des Service? Und wie konnte ein solcher ruf manchmal über Jahrzehnte gehalten werden?
Spannende Fragen, die sich mir in der französischen Kleinstadt Lons-le-Sunier stellten, als wir vor drei Wochen in brüllender Hitze einen Ort für ein Kaltgetränk suchten. Vor dem Grand Café du Théâtre am Opernplatz des Ortes erzählte meine in der Region aufgewachsene Begleiterin, dass ihre Mutter immer hierher gegangen sei. Als in Marseille und Colmar aufgewachsene bzw. lebende Dame mit hochkulturellem Anspruch an sich selbst, scheint dies hier trotz vieler Alternativen immer eindeutig der einzige Ort gewesen zu sein, an dem sie sich aufhalten wollte, der ihrem Selbstbild entsprach.
Das Opernhaus ist auch beeindruckend und das Grand Café besteht schon seit 1847. Ich kenne solche Lokale aus Paris, Brüssel oder Neapel, fand es hier aber spannender, zu sehen, wie der Platz für Hitzesommer begrünt worden ist.



Das nach einem Brand 1901 errichtete Theater-Gebäude ist sehr beeindruckend für eine Kleinstadt. Offenbar ist es schon so konzipiert worden, dass an der Front das Grand Café dominiert und der Eingang zum Theater um die Ecke ist. Ich habe etwas recherchiert und fand im Wesentlichen die folgende Einschätzung: „Ein Ort voller Geschichte und Eleganz. In einem stilvollen Ambiente kommt die Brasserie-Küche voll zur Geltung: traditionelle Gerichte, gemischte Salate und Tagesempfehlungen, die der Küchenchef kreiert hat, um den Gaumen zu überraschen und zu verwöhnen. Eine Kultadresse, an der Tradition und Genuss aufeinander treffen.“
OK. Ich habe kurz hineingeschaut, aber es war schon klar, dass wir uns linkerhand in ein besser besuchtes, einfaches Café mit einer Bedienung setzen, die durch ihre Piercings auffiel: Das Grand Café dagegen leer und auf Restaurantgäste ausgerichtet, die „Foie gras“ mit einer Marinade aus weissem Portwein, Lachscarpaccio, paniertes Kalbsschnitzel, Sauerkraut mit Fisch und ähnliches gouttieren möchten. Interessant, dass es gleichwohl bei Trip Advisor nur auf Rang 17 der Restaurants vor Ort rangiert, wobei ich die Kriterien nicht kenne. Das unterstreicht aber die Vermutung, dass es auf die Qualität der Speisen nicht wirklich ankommt.




Adresse: 2 Rue Jean Jaurès 39000 Lons le Saunier/ Frankreich
Grand Café du Théâtre_Lons-le-Saunier © Ekkehart Schmidt
In Besançon aus einem Regionalzug in einen TGV umzusteigen ist kompliziert, sehr unpraktisch und zeitaufwändig. Aber ich habe mir vor zwei Wochen gesagt, dass ich daraus das Beste machen mag: Mir ein wenig diese 120.000 Einwohner starke Stadt im Westen Frankreichs in der Region Bourgogne-Franche-Comté anschauen, an der ich früher immer vorbei gefahren bin. Schon der Regionalbahnhof liegt etwas ausserhalb der Stadt, der TGV-Bahnhof dann nochmal 16 km ausserhalb. Aber ich hatte anderthalb Stunden Umsteigezeit und nutzte sie durch einen Gang runter an den Doubs und zum Stadteingang. Das Ziel: Ein nettes Café zu finden. Solche Gelegenheiten nutze ich immer gerne.
Ich wurde belohnt durch eine beeindruckende Kulisse einheitlicher und architektonisch stimmiger Bauten auf dem Weg zur Pont Battant, die die Altstadt (La Boucle) mit dem Viertel Battant verbindet.


Ich bin erst in die Altstadt, fand ein Lokal mit elsässischer Küche, empfand es aber als zu touristisch und bin zurück, um am jenseitigen Brückenkopf neben der Kirche Sainte Madeleine ein ebenfalls altes, aber ganz normal einheimisches Lokal namens „Le Brass’eliande“ zu entdecken, das mir besser gefiel. Hier werden sich eher Bisontines bzw. Bisontins aufhalten, wie die Einwohner der Stadt genannt werden.






Eine nette Terrasse mit vielen zu beobachteden Menschen. Aber was für ein merkwürdiger Name: Brass’eliande. Ein Wortspiel rund um „Brasserie“? Vielleicht in Abwandlung von „Brocéliande“, dem sagenhaften Wald in der Bretagne, in dem eine Reihe von Erzählungen aus der Artussage lokalisiert werden? Könnte der bärtige Mann im Logo dann der Zauberer Merlin sein? Ich hatte zu wenig Zeit, um nachzufragen, bekam nur noch mit, dass die Leute das Café einfach „Brass“ nennen.
Eliande ist jedenfalls ein seltener Vorname, genauer: eine Namensvariante, die zu Namen wie Eliane, Eliana oder Elias gehört und oft mit „mein Gott ist Jahwe“ oder „Sonne“ in Verbindung gebracht wird – weiss das Internet. Und dann gibt es noch einen gleichnamigen Elvenwald.








Drinnen eine Blockhaus-Atmosphäre, in der sich jetzt in der Hitze natürlich fast niemand aufhielt. Das Lokal bietet eine breite Auswahl an (vor allem belgischen) Biersorten.




Neben dem Klo mit seinem Karomuster gab es ein interessantes Schild eines wohl imaginären flämischen Malers, der hier geboren sein soll, zu dem es online aber keine Spuren gab. Egal. Ich beocbachtete gegenüber eine schwierige Auseinandersetzung, die fast in einer Prügelei resultierte, dann aber mit Polizeibesuch endete, ehe ich mich durch die Strasse mit vielen afrikanischen Geschäften im Viertel „Battant“ wieder hoch zum Bahnhof zu bewegen hatte.
Ich liebe solche kurzen Aufenthalte mit gutem Espresso. Und bin ganz dankbar, dass mir die Schwarmintelligenz in Form eines Kommentars von Holger einiges erklärt hat (siehe unten).
Adresse: 1, Place Claude François Jouffroy d’Abbans, 25000, Besançon/ Frankreich
Le Brass’eliande_Besançon © Ekkehart Schmidt
Hitzeschutz? Wenn eine Kommune es will, ist es eigentlich sehr einfach: Aus versiegelten Plätzen grüne Oasen zu machen geht, wenn es gewollt ist. Zum Beispiel in Lons le Saunier im französischen Jura vor dem Theater, wie ich am 9. Juli mitten in der Hitzewelle erleben durfte.
Eingangs der Stadt noch völlige Ödnis und Wüstenei (wenn auch schön), mit anarchischem Hinweis auf die Durchsetzungskraft des Löwenzahns (frz.: Pissenlit):


Am Theaterplatz dann die Überraschung eines Geschenks, mit dem wir nicht gerechnet haben: Die Stadt hat hier mit Entsiegelungen zur Schaffung von Beeten und Pflanzkübeln eine kühle Oase geschaffen, die gerne genutzt wird. Wir setzten uns jedenfalls gleich in ein Lokal nebenan und bestellten ein kühles Getränk. Stadtbegrünung fördert die Wirtschaft!





Ach, was wäre es schön, wenn sich die Stadtverwaltung in Saarbrücken auch so etwas trauen würde, statt nur vereinzelte Kübel mit Olivenbäumen aufzustellen. So schwierig und teuer kann das eigentlich nicht sein.
Platzbegrünung_Lons le Saunier © Ekkehart Schmidt
Auf Einladung unseres Spiritus Rectors Volker Schütz durfte ich auch dieses Jahr zum gut 10. Mal seit 2012 an der Nacht der schönen Künste einen Teil meiner Sammlungen präsentieren: Diesmal Fotos von Kaugummi-Automaten. Für mich ist das immer neu eine Ehre, mich als Amateur unter HbK-Absolvent:innen und von Kunst lebenden Menschen am Gelingen dieses bald volljährigen Gemeinschaftsevents zur Belebung der hiesigen Kunstszene beteiligen zu dürfen.
Wir waren am 17. Juli erstmals im Silodom am Osthafen von Saarbrücken, nachdem unser mehrjährig klassischer Haupt-Ausstellungsort, das Garrelyhaus (vorher Nauwieser 19), nicht mehr zur Verfügung stand. Das Areal ist an sich schon eine sehr coole Location, besonders aber war es der uns zur Verfügung gestellte Raum: das Untergeschoss eines ehemaligen Bordells (in der Nähe der früheren Schlachthöfe), ein Raum mit Theke namens „Puff“, der schon seit längerem für Konzerte und ähnliches zur Verfügung steht.





Mit Sarah hatte ich kurz vor dem Eintreffen der ersten Gäste noch den AutomatOmaten mit Miniautomatenfotos zu bestücken.


Ich hatte gut 90 zwischen Borkum, Berlin, Kassel, Bonn, Esslingen und dem Saarland dokumentierte Automaten in einer räumlich abstandsgetreuen Weise über mehrere rote Wände verteilt. Dazu einen vom Buchladen geliehenen Automaten, der für 20 Cent normalerweise Buchtipps oder Gedichte ausspuckt mit kleinen Automatenfotos bestückt. Sie gaben Anlass zu vielen schönen Gesprächen.
Parallel zeigte Sarah Maurer Porträts von Stadttauben, Albert Herbig rotlichtige Linolschnitte, Renée Nesca ihre fotografischen Selbstporträts und Identitätssuchen, Toni Weber seine über 100 Jahre alte Knopfsammlung nebst Originalen u.a. der Ursprungsmuscheln, während Norne Zora Besuchern in einer zwielichtigen Ecke die Möglichkeit bot, sich mit dem eigenen Schicksal auseinander zu setzen.





Wie schon im Garrelyhaus faszinierte Tromla mit einer Performance, danach auch die Tao Twins sowie Thewes & Schütz in einem Duett aus Oszillograph und Posaune (leider ohne Fotos meinerseits). Im Keller noch end:licht.





Nacht der schönen Künste 2026 © Ekkehart Schmidt
Auch in Frankreich drohen die Dorfcafés als Begegnungsorte auszusterben. Die meisten überleben nur, weil es gelingt, sich an digital veränderte Zeiten anzupassen, und/ oder weil es den Wirtsleuten gelingt, Stammkunden zu halten. Ihr Angebot also den veränderten Nachfragebedürfnissen angepasst werden konnte. Letzte Woche erlebten wir in Bletterans (Franche Comté) ein uraltes Café, dessen Lage und Atmosphäre es wohl ermöglicht, mit einem superumsatzstarken Tag zu überleben: Wenn jeden Dienstag gegenüber in den Hallen der Marché des producteurs abgehalten wird und hunderte Kund:innen anzieht, von denen nicht wenige danach noch etwas trinken oder sich unterhalten möchten. Es ist das letzte von ehedem 17 Cafés. An der Hauptstrasse fand ich noch die tote Hülle eines „Café de Paris“ und zwei Restaurants.
Wenn kein Markt ist, wirkt es hier in einer abseitigen Gasse parallel zur Durchgangsstrasse mit ihren vielen Geschäften sehr unscheinbar. Es kommt hier dann auch niemand durch. Am Markttag kann man es dagegen leicht übersehen. Ich war gleich elektrisiert, nach dem Kauf von Tomaten, Gurken, Zwiebeln, grünen Paprika, Auberginen, Kirschen und Kirschsirup ein verschrumpeltes grünes Transparent zu entdecken, das mich sofort an die mythischen „Halles“ von Paris denken liessen.





Der heutige Name ist eigentlich Z.A.G., lernte ich. Das ist aber keine Abkürzung einer gemeinwohlorientierten Gesellschaft, sondern ein Kürzel des heutigen Inhabernamens Zaza, einer Frau, die einen zweiten Vornamen mit A und einen Nachnamen mit G trägt, erklärte mir die Kellnerin, die ich im Nachhinein in einem Artikel im „Le Progres“ als Isabelle Gabriel-Robez identifiziert habe. Passt nicht. Egal. Es hat wohl kurz zuvor schon einen anderen Besitzerwechsel gegeben, nachdem das Lokal nach dem Eintritt in die Rente von Jean Renard, der es 20 Jahre führte, 2021-2023 leer stand. Anfang 2023 übernahmen Kevin und Giorgia Lyvet, wie ich in einem Artikel der „Voix du Jura“ fand. Auf sie folgte wohl Isabelle, die auf dem Foto noch dunkelhaarig ist, jetzt aber offenbar schnell ergraut ist. Falls da nicht schon wieder ein wechsel stattfand. Egal: Es scheint hier letzlich doch immer weiter zu gehen.
„Ein Café, das wieder zum Leben erwacht, ist wichtig für eine Stadt, und die Stammgäste haben es nicht versäumt, die jungen Inhaber darauf hinzuweisen. Diese nehmen sich nun Zeit zum Nachdenken, um die Änderungen vorzunehmen, die zur Zufriedenheit ihrer Kundschaft beitragen und natürlich auch zu ihrer eigenen Freude darüber, in Bletterans zu sein – was sie bereits jetzt begeistert“, heisst es im Artikel zu Kevin und Giorgia. Ich vermute, dass die beiden relativ schnell wieder aufgegeben haben.
Vor der Tür viele Tische unter Sonnenschirmen, die aber kaum besetzt waren. Drinnen ein erstaunlich modern wirkender Schankraum voller Menschen, dahinter ein Durchgang in den Hof, der für mich die eigentliche Entdeckung war.



Hier fühlte ich mich sofort dankbar in einem Relikt der France profonde, des „tiefen“ Frankreichs, in dem es durchaus gar nicht so provinziell zugeht, sondern in dem das schlichte Leben in guter Qualität (zum Beispiel der Lebensmittel) genossen wird.
Plastikstühle. OK. Aber spannend zu beobachtende Menschen. Ein ständiger Wechsel an den Tischen. Es kommt ein Bekannter vorbei und bleibt oder geht weiter …




Die Männer gegenüber gingen dann und Zazis zwei Angestellte räumten auf, immer im Gespräch. Die Tischecke blieb kurz ein Stilleben in Plastik, bis die nächsten kamen.


Die Frau in blau huschte immer wieder vorbei, neue (bekannte) Gäste begrüssend. Ich fragte sie, wie alt das Lokal wohl sei. Sie verwies auf die (schon lange nicht mehr genutzten und wohl allen Marktteilnehmer:innen zur Verfügung stehenden) Toilettenanlagen hinter ihr: Schätzen Sie mal! Hmm. Da die Markthalle 1911 erbaut wurde, könnte das ähnlich alt sein.


Hmm. Die könnten vom Anfang des 20. Jahrhunderts stammen. Ein schmaler Gang führte hinaus, zurück zur Marktgasse. Vielleicht war das mal der konsumzwangfreie Zugang zu den Klos?

Adresse: 6-8 Rue du Marché, 39140 Bletterans/ Frankreich
Café des Halles_Bletterans © Ekkehart Schmidt
Eine richtig grosse Markthalle in einem Dorf – das wirkt aus deutscher Sicht schon ungewöhnlich. In Frankreich nicht. Da wird noch starker Wert auf die Qualität und Regionalität von Lebensmitteln gelegt. Anfang Juli habe ich eine solche 1911 erbaute Halle in der Franche Comté besucht, die nur dienstags öffnet. Wir kauften für unseren einwöchigen Aufenthalt regionale Produkte, grösstenteils in Bioqualität: Obst, Gemüse, Honig und einen Kirschsirup bei Matthieu Rabot von der Ferme du Bief, der ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Eco-Terrorist“ trägt. Nicht das einzige originelle hier…







Zu finden sind auch Balsame und ätherische Bio-Öle.




Um die Markthalle herum gab es weitere Stände mit Obst, aber auch Textilien, Teppichen und Kunsthandwerk. Vor allem aber ein Café, das mich sofort anzog wegen seiner Schlichtheit und Authentizität.



„Café des Halles“ – Was für ein Versprechen (das gehalten wurde).


Marché de producteurs_Bletterans © Ekkehart Schmidt
„La France profonde“ (das „tiefe Frankreich“) ist ein Begriff, der das ländliche, traditionelle und provinzielle französische Leben beschreibt. Er steht symbolisch für die authentische Kultur, die abseits der großen Metropolen wie Paris liegt, und oft als Bewahrer der nationalen Identität, regionaler Bräuche und der lokalen Gastronomie gilt. Ursprünglich von Parisern verwendet, um die „Provinz“ abfällig zu bezeichnen, hat sich der Ausdruck gewandelt. Er bezeichnet heute Regionen, die stark in ihren Wurzeln verankert sind und sich oft durch eine unberührte Natur, historische Dörfer und einen entschleunigten Lebensstil auszeichnen.
Man konzentriert sich auf das Wesentliche: den Wochenmarkt, lokale Produkte, traditionelles Handwerk, die Saniwerung der Häuser im langjährigen Familienbesitz und herzhafte, regionale Gerichte. Im starken Kontrast zur Anonymität der Großstädte prägen hier enge Dorfgemeinschaften, kleine Bistros, Märkte und lokale Feste das tägliche Miteinander. Wer die „France profonde“ hautnah erleben möchte, findet sie abseits der Touristenpfade. So, wie wir, als wir letzte Woche Urlaub in einem Haus der Familie einer Freundin in Ruffey s/ Seille machten, einem Dorf mit 700 Einwohner:innen in der Franche Comté.
Kaum angekommen bekamen wir mit, dass wieder der „Sandwichwagen“ an der Uferpromenade der Seille steht. Wie jeden Samstag und Sonntag. Wir gingen hin im Gefühl, uns nach langer Anreise bei einem Foodtruck etwas Vorbereitetes zu Essen zu gönnen, statt uns mit halbleerem Kühlschrank irgendwie selbst zu versorgen. Wir gingen eine Stunde später zurück im Gefühl, jetzt Teil der Dorfgemeinschaft geworden zu sein.




„Gone Truck“ nannte sich der Imbiss, der seit neun Jahren konstant in den Ort kommt. Das ungewöhnliche und anziehende: Es gab bunte Stühle und Tische, die neben dem Mäuerchen zum Fluss einluden, etwas länger zu bleiben. Und einen Fassbierstand eines Nachbarn. Ich fragte den Betreiber: „Gone“ sei der Name eines Löwenjungen. Wir nahmen Sandwichs mit und ohne Steak oder Hühnchen, dazu Getränke. Und beobachteten die anderen, kamen in Kontakt, fühlten uns wohl in der Abenddämmerung.





Es kostet 46,30 Euro (plus 10 Euro für das Bier vom anderen Stand, das nach dem in der Region geborenen Dichter der „Marseillaise“ benannt ist). Nicht wirklich Imbisspreise, obwohl wir zu viert waren. Aber wie immer in der Gastronomie zahlt man nicht nur für das konsumierte, sondern auch für das Setting und, nicht nur in diesem Fall, für das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Das ist viel wert, jedenfalls mir als einzigem Fremdem, und übernahm also gerne die Rechnung. Meine Begleitung war schon längst Teil, schliesslich verbringen sie hier seit gut 45 bzw. 13 und 17 Jahren einen Teil des Sommerurlaubs im Haus des Grossvaters. Und doch vertiefte sich das Gefühl der Zugehörigkeit auch für sie.


Der mobile Unternehmer füllt mit einem Pizzatruck, der an einem anderen Tag kommt, eine Lücke, die durch das Schliessen vieler Infrastruktureinrichtungen der Dörfer entstanden ist: keine Dorfgaststätte mehr, die Post und der Metzger schon lange geschlossen – nur ein Minimarkt und ein Bäcker haben überlebt, bieten aber keine Kontaktmöglichkeiten mehr. Die gibt es ansonsten nur noch bei Beerdigungen, wie wir am nächsten Tag mit einigen bekannten Gesichtern vom Vorabend erlebten.
Adresse: 39, Ruffey s/ Seille, Franche Comté, Frankreich



















