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Gasthaus Stephan_Walhausen

Zunächst war das heute für mich nur ein weiteres „totes Café“ im ländlichen Raum. Es wirkte, als wäre es seit ein paar Jahren geschlossen. Dann trafen wir eine Frau, die sich hier im nördlichen Saarland engagiert, eine Gemeinschaft aufzubauen. Die Planungen sind schon weit fortgeschritten und neben einem Neubaugebiet an der  seit 1997 bestehenden Waldorfschule gehört dieses Haus mit dazu: Das Lokal wurde vor etwa 20 Jahren geschlossen.

Kürzlich waren sie drinnen: Alles war noch so, als wäre der Inhaber überraschend in ein Krankenhaus eingeliefert worden und nie wieder zurück gekommen (und auch keine Erben). Als wäre Stephan (oder wer immer) nur gerade kurz weg…

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Zum Lokal gehörte eine Metzgerei. Dort fand man noch verweste Fleischreste. So kann es gehen. So schnell. Im 620-Einwohner-Dorf Walhausen gibt es keinen Laden und kein Lokal mehr mehr – bis auf den improvisierten Bioladen auf dem Demeter-Hofgut an der Waldorfschule, mitten auf dem Feld, in dem man während der Saison in Selbstbedienung einkaufen kann, was gerade geerntet wurde. Ebenfalls  in der Straße unterhalb des Bahnhofs fanden wir auf dem Rückweg noch ein Tanzlokal, das wohl auch gestorben ist. Jedenfalls fand ich online heute Abend nichts, bis auf ein gleichnamiges Lokal im nahen Nohfelden.

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Falls wir ernsthaft überlegen sollten, uns dieser Gemeinschaft anzuschließen, kommen wir sicher bald noch einmal vorbei. Vielleicht können wir sogar im Gasthaus wohnen. Egal wie: Vorher könnte ich vielleicht den inneren Zustand dokumentieren!

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Nackige Säulenheilige

Upps: Welche Überraschung gestern unter der Wilhelm-Heinrich-Brücke: eine Frau bemalte eine Säule mit fünf identischen, sehr ansprechenden Rückenakten. Ich stoppte kurz, folgte leider nicht dem Impuls, sie anzusprechen. So kam ich heute Abend wieder vorbei, als das Werk vollendet war, aber niemand mehr für Erklärungen zur Verfügung stand.

Nackige Säulenheilige © Ekkehart Schmidt

Nackige Säulenheilige © Ekkehart Schmidt

Nackige Säulenheilige © Ekkehart Schmidt

Nackige Säulenheilige © Ekkehart Schmidt

Dafür rief mir Sascha Marcus, der unermüdliche Chronist der hiesigen Kulturszene, kurz nach dem Posten dieses Textes zu, dass es sich um das Streetart-Projekt „Waterwomens World“ der Künstlerin Sabrina Inzillo handelt, die unter dem Künstlernamen „Petit Comité Paris“ arbeitet. Mit Erlaubnis der Stadt darf sie die Flächen unter der Brücke nutzen.

Serielle erotische Rücken mit Bemalungen in Weiß auf Grau auf Schwarz: Sehr ansprechend. Aber welche Intention? Ausdruck feministischer Gedanken? Hier, wo abends vor allem Syrer*innen spazieren gehen und männliche Dealer hinter den vorderen Säulen auf Kunden warten? Hier, wo 2018 ein junger Mann zusammen geschlagen und ertränkt wurde?

Nachtrag vom 11. April: Heute sah ich Sabrina Inzillo abends wieder dort malen: alle vier Säulen wurden gestaltet, anders und noch nicht fertig. Leider hatte ich wieder keine Zeit zu einem Stopp (Yogakurs).

Nachtrag vom 14. April: Endlich konnte ich mir das fertige Ergebnis genauer anschauen und stellte fest, dass diese erste bemalte Säule eigentlich die letzte von vieren ist: Die abfolge scheint von der berliner Promenade her konzipiert zu sein. alos dokumentiere ich das jetzt auch von dort her. Zwischen Wasserspeiegelungskreisen hat Inzillo ihr Konzept aufgehängt:

Nackige Säulenheilige © Ekkehart Schmidt

Nackige Säulenheilige © Ekkehart Schmidt

Nackige Säulenheilige © Ekkehart Schmidt

Nackige Säulenheilige © Ekkehart Schmidt

Nackige Säulenheilige © Ekkehart Schmidt

Es geht der Künstlerin um um Wasser, als Grundelement des Lebens, durch das auch der zu 90 % aus dieser Materie bestehende Mensch mit allem verbunden ist. Ausgehend von einer generellen Darstellung der Bildung von Wasserringen, die „symbolisieren, dass die Welt ein gigantisches Symphonieorchester ist, welches auf Klang basiert“ und das „in Wechselwirkung alles in seiner Grundbasis zusammenspielt“. Also auch die Rundungen von Pobacken und Bäuchen von Schwangeren.

Nackige Säulenheilige © Ekkehart Schmidt

Nackige Säulenheilige © Ekkehart Schmidt

Nackige Säulenheilige © Ekkehart Schmidt

Nackige Säulenheilige © Ekkehart Schmidt

Nackige Säulenheilige © Ekkehart Schmidt

Nackige Säulenheilige © Ekkehart Schmidt

Nackige Säulenheilige © Ekkehart Schmidt

Jardin Sidwaya_Bobo Dioulasso

Ist es die hektische Nervosität und etwas aufgesetzte Freundlichkeit oder die in sich ruhende Gelassenheit und eine Freundlichkeit, die echt sein darf? Woran erkennt man den/ die Chef*in eines Lokals? Das hängt wohl vom Alter des Lokals ab. Die Chefin des Jardin Sidwaya erkannte ich jedenfalls sofort: So Marie Louise, die den Laden seit mindestens 20 Jahren schmeißt. Sie ist die „patronne“, die „Chefin“, oder wie man hier sagt: die „Tantie“, was wesentlich entspannter klingt. Also eine Inhaberin, die immer ein Ohr für ihre Kund*innen hat. In sich ruhend im rosafarbenen Pavillon inmitten eines für Burkina Faso typischen „Jardin“ sitzend: grünen Oasen mit Café- und Restaurantbetrieb, langsamem Service, weil staatlich geführt, um Erholungsbereiche in stark wachsenden Städten zu bieten.

Geboten wird aber eine durchaus gute und nicht teure afrikanische Küche, meine Begleiterin fand aber, dass man hier keinen guten Piment reiche, der sei eher für Kinder. Auch der Reis sei nicht gut. OK. Ich konnte das kaum beurteilen. Der Kontext, die grüne Umgebung war für mich mindestens genauso wichtig wie die konkrete Qualität der Speisen. Hier herrschte Ruhe, in einem halbwegs schönen, grünen, erholsamen Garten mitten in der Stadt.

Jardin Sidwaya_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo © Ekkehart Schmidt

Man erreicht den Jardin durch ein gusseisernes Tor am Nordrand des Vorplatzes des imposanten Bahnhofs von Bobo Dioulasso. Und betritt Gelände, auf dem mehrere Sitzmöglichkeiten im Schatten Erholung bieten: Unter Pavillons oder Bäumen.

Jardin Sidwaya_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Jardin Sidwaya_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Jardin Sidwaya_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Jardin Sidwaya_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Jardin Sidwaya_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Ich habe mich hier zwei Mal tagsüber ausgeruht, einen Nescafé getrunken und ein Reisgericht gegessen. Beim zweiten Mal bin ich zum rosa Pavillon, um zu schauen, ob die in manchen Reiseführern gerühmte Chefin da ist: Und da saß sie in zweiter Reihe. Ich war mir ob ihrer Ausstrahlung sicher, sprach sie an, ob sie die Tantie So Marie Louise sei – Ja, genau.

Geöffnet ist das Lokal von morgens 6 Uhr bis Mitternacht. Es gibt Salate, Brochettes, Suppen, Pommes, Reisgerichte für 600 oder gegrilltes Hühnchen für 3.500 Franc CFA. Zu meinen mittäglichen Beuchszeiten war es mäßig besucht.

Abends könnte es durchaus voller sein. Es hat wohl auch mal einen großen TV-Bildschirm gegeben, um Fußballspiele zu schauen… Jedenfalls gibt es ein breites Angebot an Alkoholika, von denen mindestens ein Viertel auch tatsächlich verfügbar ist.

Sidwaya

Jardin Sidwaya_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Jardin Sidwaya_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Ich hätte ein drittes Mal kommen müssen, um dann auch wirklich einmal mehr als Smalltalk mit So Marie Louise zu machen. Ein andern Mal, hoffentlich. Von den fünf „Jardins“, die ich in Burkina Faso besucht habe, war dieser jedenfalls einer der drei  am besten geführten, jedenfalls nach europäischen Ansprüchen: So, wie der Jardin Noces de Canaan oder „Le Fouquet’s“ in Ouagadougou, im Kontrast zu eher herunter gekommenen Etablissements wie dem Jardin „Grand Caféteria Fil d’Or„, die ihre Funktion als Viertelszentrum aber vielleicht in anderer Weise erfüllen, als in der, hier zu konsumieren.

Adresse: Place Tiofo-Amoro, BP 3409 Bobo-Dioulasso/ Burkina Faso, Tel.: 00226-20970773

Jardin Sidwaya_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo

Diesen Bahnhof und den Großen Markt zu sehen, waren mir im Januar die Hauptmotive, die sechsstündige Busfahrt von Ouagadougou nach Bobo Dioulasso auf mich zu nehmen. Stilistisch ist der Bahnhof der Inbegriff der kolonialistischen Interpretation des „sudanesischen Stils“, wobei man wissen muss, dass damals der Großteil des Sahel „Sudan“ genannt wurde. So bin ich gleich am ersten Tag von unserem Hotel „Villa Bobo“ auf einen sehr langen, ermüdenden Marsch gegangen, um nach gut einer Stunde endlich das weiße Bahnhofsgebäude auf der von Ouaga kommenden Nationalstraße 1 am  Westrand der kolonialen Neustadt zu sehen.

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo © Ekkehart Schmidt

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo  © Ekkehart Schmidt

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo © Ekkehart Schmidt

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo  © Ekkehart Schmidt

Ein sehr beeindruckender Bau. Und man könnte es – wie es wohl die wenigen Touristen tun – bei der äußeren Bewunderung belassen und sich dann dem Markt zuwenden. Ahnte man nicht, dass dieses Gebäude eine sehr besondere Geschichte hat.

Es wurde 1934 nach mehreren Jahren Bauzeit fertig gestellt. Damit war eine weitere Etappe in der französischen Vision einer Zugstrecke von Abidjan am Atlantik bis Niamey mitten in der Sahara realisiert. Erbaut wurde die Strecke nach Angaben des renommierten Reiseführers Bradt fast ausschließlich mit einheimischem „forced labor“. 1954 erreichte man Ouagadougou, errichtete dort aber keinen vergleichbar pompösen Bahnhof (ein solcher entstand erst später). Die Kosten waren enorm angestiegen und mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs stockte der Bau und auch die Fortführung über Ouaga hinaus bis Kaya wurde lange unterbrochen. Und ab dort nie wieder aufgenommen.

„Forced labor“, also Zwangsarbeit, wurde wohl in den Kolonien aller europäischer Mächte praktiziert, meist deklariert als „Dienst für die Öffentlichkeit“. Es galt, Straßen oder Bahnlinien zu errichten oder dort zu „helfen“, wo die örtlichen Behörden etwas brauchten. In der Regel wurde dies nicht bezahlt und es gab meist auch keine Verpflegung, schreibt Gert v. Paczensky mit Blick auf das offenbar diesbezüglich besonders inhumane portugiesische System. „Auch in den Gebieten unter französischer Herrschaft gibt es Zwangsarbeit, die mit Hunger, Schlägen oder Schlimmerem belohnt wird“.

Nachdem der renommierte französische Schriftsteller André Gide dies in seinem Buch „Reisen“ 1926 schildert und die Franzosen somit „aus der Feder eines ihrer großen Schriftsteller erfahren, was sich in den eigenen Kolonien abspielt, wollen sie ihren Augen nicht trauen“, hat Gert v. Paczensky, der ehemalige Stv. Chefredakteur des STERN  recherchiert. „Ein paar Mißstände werden auch abgestellt; die meisten bleiben“. Ihm zufolge gab es darüber hinaus 1904 in Französisch Westafrika bei 8,25 Millionen Einwohnern 2 Millionen Personen, die mit dem Begriff „Non Libres“ bezeichnet wurden (ein Euphemismus für Sklaven). Gerade beim Eisenbahnbau sei die Sterblichkeit sehr hoch gewesen. Zu Westafrika liegen keine Zahlen vor, aber alleine beim Bau der Eisenbahn im Kongo ab 1922, zu dem 150.000 Personen verpflichtet wurden, starben über 10 %.

Die Infrastruktur richtete sich in der Kolonialzeit ganz nach den Belangen des Handels. Regionen, die als landwirtschaftlich uninteressant galten, wurden nicht erschlossen. „Die Wirtschaftsstruktur der französischen Kolonien war einseitig auf die Landwirtschaft ausgerichtet, die Vermarktung der Rohstoffe (Erdnuss, Baumwolle, Kaffee, Kakao) bildete die alles dominierende ökonomische Grundlage. Einnahmen erhielt die Administration durch Kopfsteuer und Zollgebühren, die von den Bauern mit Bargeld zu bezahlen waren. Dies zwang die Afrikaner, Exportprodukte zum Verkauf anzubauen“, schreibt Thomas Krings.

Hinzu kamen die ‚freiwilligen‘ Arbeitsleistungen auf den Baumwollfeldern des Kommandanten sowie beim Straßen- und Eisenbahnbau. Zahlreiche Friedhöfe entlang der Bahnlinien zeugen von den ungeheuren Menschenopfern, die der ausbau der Infrastruktur forderte.“ Die ökonomischen Vorteile des Kolonialsystems lagen „einseitig bei den fremden Herren, nicht aber bei der Masse des Volkes“.

Steht man vor dieser weißen Pracht, ahnt man davon nichts. Jedenfalls nicht, wenn man nicht hinter die Kulissen schauen will.

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo © Ekkehart Schmidt

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo  © Ekkehart Schmidt

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo  © Ekkehart Schmidt

Ich bin ins Gebäude, nahm im Hintergrund einige Güterwaggons mit Containern von „Hapag Lloyd“ und anderen Firmen wahr, die sich sogar bewegten – ansonsten gähnende Leere, bis auf eine Putzfrau und einen Angestellten, der es mir nur erlaubte, das Fahrplanschild, nicht aber die sehr authentischen Ticket-Verkaufsschalter zu fotografieren. Ich bin dann zum Nordrand des Platzes, hatte – müde – das Bedürfnis nach einem Nescafé.

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo  © Ekkehart Schmidt

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo © Ekkehart Schmidt

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo  © Ekkehart Schmidt

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo  © Ekkehart Schmidt

Am Nordrand des Bahnhofsvorplatzes, der seit 1984 nicht mehr „Place de la gare“, sondern in Erinnerung an den König der Tiéfos „Place Tiofo-Amoro“ genannt wird, entdeckte ich den „Jardin Sidwaya“, einen Café- und Restaurantgarten, der gut und preiswerte afrikanische Küche bietet. Seit 20 Jahren ist Tantie So Marie-Louise die Patronin des kreisrunden Geländes, unter dessen Bäumen einige Wege zu Terrassen und Pavillons führen, in denen man in Ruhe sitzen kann, was ich zwei Mal gemacht habe.

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo © Ekkehart Schmidt

Eine Stunde später machte ich mich auf den Heimweg, im Gefühl, dass dieses Gebäude  für die meisten Bewohner der Stadt nur noch Kulisse ist, der Hintergrund zu einem wenig frequentierten Gemüse- und Obstmarkt.

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo © Ekkehart Schmidt

In der Struktur der Stadt hat der Bahnhof freilich eine große Bedeutung: Von hier aus öffnet sich in drei sternförmig ausgreifenden Straßen die koloniale Neustadt. Geht man geradeaus in die Avenue Coulibaly, gelangt man zum Grand Marché, hinter dem sich die Altstadt mit der berühmten Lehmmoschee erstreckt.

Vor Ort habe ich als Tourist mein Bedürfnis nach Exotik befriedigt bekommen. Zurück in Deutschland, nach der Lektüre vertiefender Literatur wurde mir klar: Es gab nicht nur den berüchtigten transatlantischen Dreieckshandel, bei dem über 10 Millionen Sklaven aus Afrika nach Amerika gebracht wurden, um dort auf Zucker-, Rum- und Baumwollplantagen zu arbeiten, deren Produkte nach Europa exportiert wurden und dort die industrielle Revolution ins Laufen brachten, um schließlich Flinten, Schnaps und Kattun zurück nach Afrika zu bringen.

Auch in den afrikanischen Kolonien selbst wurden Unschuldige versklavt. Und errichteten wunderschöne Gebäude wie dieses.

Verwendete Quellen: Burkina Faso, Bradt Travel Guide May 2006, S. 260; Jaguar, S. 116; Krings, Thomas: DuMont Kultur-Reiseführer. Sahel, Köln, 1982, S. 101; Le petit futé Burkina Faso, 3. Auflage, Nouvelles éditions de l’université, Paris 2007/08, S. 204; Michler, Walter: Weißbuch Afrika, Verlag J.H.W. Dietz, Berlin, Bonn, 1988, S. 81ff; Paczensky, Gert v.: Weiße Herrschaft. Eine Geschichte des Kolonialismus, Fischer Verlag, Frankfurt/ Main 1979 (Original: Hamburg 1970), S. 66, 187ff, 199f, 202

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo © Ekkehart Schmidt

Maggi-Magie in Westafrika

Die Maggi-Würze wurde 1886 von Julius Maggi in Singen in der Schweiz als preiswerter Ersatz für Fleischextrakt entwickelt – ursprünglich nur zur geschmacklichen Aufwertung seiner Erbsensuppen, die wiederum dazu beitragen sollten, die drohende Unterernährung der Arbeiterklasse abzumildern. . Im gleichen Jahr entstand die Suppenwürze. Hergestellt werden beide bis heute vom Unternehmen Maggi, das seit 1947 jedoch zum mittlerweile global agierenden schweizerischen Foodkonzern Nestlé gehört. In Deutschland kennen wir nur die kleinen Würz-Fläschchen, die längst Ikonen geworden sind (meist naserümpfend als solche einer schlechten Küche, die mit einer konzentrierten Universalwürze aus Soya, Weizen und anderen geheimen Ingredienzen (Schlachtabfällen unkten manche) geschmacklich aufzupeppen ist).

In keinem Teil von Deutschland ist das flüssige Würzmittel so beliebt und für alle kulinarischen Obszönitäten stets griffbereit, wie im Saarland. Im Malstätter Eiscafé Favretti macht man sogar Eis daraus, wie die Saarbrücker Zeitung 2018 über diese und andere Exzesse mit der salzig-braunen Brühe berichtete. Hier gibt es sogar die Kunstfigur „Captain Maggi“ und schräg- sarkastische Postkarten, wie diese vom Ostviertel-Wirt und Kabarettisten Hans Beislschmidt, anno 1999 zu einer Vernissage einladend. Sie hängt seit Jahren über unserem Herd:

Maggi-Magie in Westafrika © Ekkehart Schmidt

Wie lässt sich die außerordentliche Beliebtheit von Maggi im Saarland (und nur im Saarland) erklären? Da fragte sich 2017 sogar die taz und kam zu proletarischen Begründungen. Aber das ist jetzt nur der Einstieg in mein Thema. Maggi ist nämlich überraschenderweise auch anderswo in der Welt sehr beliebt. Da gibt es das Produkt dagegen kaum in Flaschen, dafür finden sich in jedem Markt die Brühwürfel: Ich habe sie in der arabischen Welt, aber auch in Westafrika entdeckt und mir seit gut 20 Jahren immer je ein Exemplar gekauft, so dass ich jetzt eine ordentliche Sammlung aufgebaut habe. Ich entdeckte sie als – im Vergleich zu Coca Cola, Nescafé, Mercedes Benz oder Vodaphone – wenig beachtetes, aber doch ähnlich omnipräsentes Symbol der Globalisierung.

Hier ein paar Beispiele aus Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Leider habe ich dieses schöne, bunte Thema zu spät entdeckt, sonst hätte ich mehr Gesammeltes zu bieten gehabt. Zumal das eigentlich banale Produkt „Magie“ ausgesprochen wird, also irgendwie erhöht wird.

Maggi-Magie in Westafrika © Ekkehart Schmidt

Maggi-Magie in Westafrika © Ekkehart Schmidt

Maggi-Magie in Westafrika © Ekkehart Schmidt

Maggi-Magie in Westafrika © Ekkehart Schmidt

Seit 1959 exportiert Nestlé die Cubes bereits nach Afrika, 1979 eröffnete der Konzern dort die erste Fabrik. Inzwischen sind es sieben, aber die Expansion geht weiter – ins benachbarte Ostafrika. Heute sind es insgesamt 27 Fabriken. Produziert wird Maggi vor allem in Yopougon (Elfenbeinküste), Dakar (Senegal), Douala (Kamerun), Koumalim (Mali) sowie Flowergate und Agbara (Nigeria). „So gewährleisten wir eine exzellente Versorgung in der Region und können uns auch auf die unterschiedlichen Verzehrgewohnheiten der lokalen Bevölkerung einstellen“, erläutert eine PR-Frau.

In Yopogon spielt übrigens der berühmteste Comic Westafrikas: „Aya“. In Band 3 wird der Maggi-Cube in einem Rezept erwähnt:

Maggi-Magie in Westafrika © Ekkehart Schmidt

Es gibt auf Märkten so genannte  „Mammie-Läden“, mit vom Konzern offenbar gesponsorter Außendarstellung, aber auch Ecken mit Maggi-Produkten in Geschäften und Supermärkten, neben dem anderen großen Verkaufsschlager Nescafé. Es soll gut 350.000 „Mammie-Läden“ geben.

Rund 100 Millionen „Maggi Cubes“ verkauft Nestlé in Westafrika – täglich (2016 noch 65 Millionen). Damit hat sich die Region zu einem enorm wichtigen Markt entwickelt, selbst wenn ein Würfel nur umgerechnet 5 Cent kostet. Setzt man in Beziehung, dass in der westafrikanischen Region derzeit etwa 350 Millionen Menschen leben, würde das bedeuten: Fast jeder Dritte in Ghana, Nigeria oder Burkina Faso nimmt pro Tag einen Brühwürfel zu sich. „Die Tendenz ist sogar steigend, Afrika ist einer der wichtigsten Wachstumsmärkte überhaupt“, sagt eine PR-Frau von Nestlé.

„Die Maggi Brühwürfel sind fester Bestandteil der Alltagsküche und leisten aufgrund ihres Jod-, Eisen- und Vitamin-A-Gehaltes einen Beitrag gegen Mangelernährung“, heißt es in einem anderen Werbetext. „Jahrelang war es das meistverkaufte Produkt, um traditionelle Eintöpfe und Suppen zu würzen. Heute ist es eine kleine, aber effektive Waffe im Kampf gegen eine der weltweit verbreitetsten Ernährungsstörungen, der Eisenmangel-Anämie.“

Das Marketing des Konzerns hat dieses Thema schon vor einiger Zeit als Verkaufsargument entdeckt: „Für den afrikanischen Markt begann ein aufwändiges Projekt: ein mehr als zwei Jahre dauernder Marathon aus Marktforschung, Verkostungen und Rezept-Veränderungen. So kam es auch bei den ‚Maggi Cubes‘ im Laufe der Zeit zu Veränderungen: In der afrikanischen Version der Brühwürfel wurde der Gehalt von Eisen und Jod erhöht. Auch den Salzgehalt haben die Maggi-Entwickler auf die Anforderungen der Menschen in den afrikanischen Regionen abgestimmt – sodass kein Nachsalzen der Gerichte mehr notwendig ist.“

Tatsächlich blickt Maggi bei der Lebensmittel-Optimierung auf eine lange Tradition zurück: Schon der Firmengründer entwickelte seine Suppen  „in tiefer Kenntnis der Ernährungsbedürfnisse der damaligen Fabrikarbeiter – und bekämpfte damit erfolgreich deren chronische Unterversorgung mit Eiweiß“, wird geschrieben.

Weiter heißt es: „Im Hinblick auf ihre soziale Verantwortung und die lokalen Einkommensverhältnisse bietet Maggi die Brühwürfel sogar einzeln an. In punkto Geschmack gibt es keinen großen Unterschied zwischen dem europäischen Produkt und dem afrikanischen – letzteren empfinden westliche Gaumen in der Regel als ein wenig salziger und pikanter.“

Bei den Mammie-Läden belässt es der Konzern nicht. So genannte „Cooking Caravans“ fahren zudem durch die ländlichen Regionen und zeigen der Bevölkerung, was mit dem Würzwürfel alles möglich sei und – so die PR-Abteilung von Nestlé – wie man gesund kocht.  Im Senegal heißen die „Maggi Cubes“ umgangssprachlich „Corrige Madame“ – was so viel bedeutet wie „der, der die Hausfrau noch besser macht“. Auch Treue-Aktionen veranstaltet Maggi, durch die die afrikanischen Familien unter anderem ihre Kochutensilien erneuern können:

Quelle des Fotos: Nestle

In Nigeria gibt es sogar eine Kochshow namens Maggi Kitchen. Für so etwas ist der Markt in Burkina Faso zu klein. Aber auch hier ist Maggi omnipräsent, als Beispiel globaler Marken in einem Land ohne viel Werbung: Neben der Biermarke Heineken und den Geldtransferfirmen Orange Money, Western Union und  Mobiltelefonanbietern wie Orange und Canal+ eben auch Maggi und Jumbo.

Maggi-Magie in Westafrika © Ekkehart Schmidt

Maggi-Magie in Westafrika © Ekkehart Schmidt

„Avec Maggi, chaque femme est une étoile“ (Mit Maggi wird jede Frau zum Star). Nimmt Bezug auf den Stern im Logo. Diese Form von Werbung wird unter Gendergesichtspunkten zunehmend kritisiert: „Women are primarily the target audience of Maggi, a brand manifesto built on conservative values and lionizes the traditional Nigerian family. The company just recently launched an advert titled #SheMakesADifference, which isn’t any different from its past catalogue of adverts portraying women as warmly domesticated and caregivers, mythologising Maggi as a secret weapon that binds families over sumptuous foods“, heißt es bei Mingooland.

Maggi war mir nur ein Seitenthema in Ouagadougou. Am letzten Abend wurde mir aber noch etwas interessantes zugeflüstert, das vielleicht als Gedanke gängig und verbreitet ist und all diese schöne Werbewelt konterkariert.

Maggi-Magie in Westafrika © Ekkehart Schmidt

Maggi-Magie in Westafrika © Ekkehart Schmidt

Eine Kellnerin im Espressocafé inTampouy gegenüber eines Geschäftes mit riesigen, an der Straße stehenden, umgenutzten Maggidosen, sagte mir dagegen etwas ganz anderes: „Maggi rends les hommes impuissant et apporte des maladies“ (Maggi macht die Männer impotent und übermittelt Krankheiten). Jedenfalls sage man das, schränkte sie auf mein Erstaunen hin ein. Aber man wisse ja nicht, wie die Würfel hergestellt werden.

Zudem gibt seit einiger Zeit offenbar einen harten Konkurrenzkampf für den Maggi-Cube oder Maggi Bouillon-Würfel. In der arabischen Welt ist das „Knurr“, eine uns als „Knorr“ wohlbekannte Marke (im Arabischen gibt es kein O…). Bouillon-Marken in Westafrika tragen auch klingende Namen wie: Jumbo (in China produziert), Joker, Tak, Mami, Dior, Tem Tem, Sossa, Doli oder Mimido. Im Senegal machen sieben Firmen Nestlé den Markt streitig. Sie produzieren Suppen in Würfelform, flüssig und als Pulver. In Burkina Faso habe ich vier Konkurrenzprodukte entdeckt und natürlich erstanden.

Maggi-Magie in Westafrika © Ekkehart Schmidt

Bouillon-Marken in Afrika tragen klingende Namen wie: Jumbo (in China produziert), Joker, Tak, Mami, Dior, Tem Tem, Sossa, Doli oder Mimido. Im westafrikanischen Senegal machen sieben Firmen Nestlé den Markt streitig. Sie produzieren Suppen in Würfelform, flüssig und als Pulver.

All diese Konkurrenz beunruhige den Nahrungsmittelriesen nicht, heißt es. Im Gegenteil drehen die Marketingspezialisten das Thema um: „Der Wettbewerb helfe Nestlé dabei, die Bedürfnisse der afrikanischen Konsumentinnen und Konsumenten noch besser zu verstehen, hiess es auf Anfrage beim Nestlé-Sitz in Nairobi. Der Schweizer Konzern überprüfe ständig seine Präsenz auf dem afrikanischen Markt“, so die Seite barfi.ch.

Gut. wie dem auch sei. Zurück im Saarland muss ich zugeben: Manchmal passt Maggi tatsächlich, nicht nur zu Erbsensuppen wie anno dazumal.

Maggi-Magie in Westafrika © Ekkehart Schmidt

Drei Schwestern für das Stadenbeet

Heute haben wir uns zu viert bei mir getroffen, um am konkreten Beispiel zu lernen, wie man ein Frühbeet für Kräuter- und Gemüsesamen anlegt. Klingt langweilig, aber es ist der Auftakt der diesjährigen Saison des Urban Gardening-Projekts der Transition Gruppe Saarbrücken.

Man sollte sich genau überlegen, was wann wo draußen gesät oder drinnen vorbereitet werden soll. Das machten wir natürlich im Austausch gemeinsam und nutzten die Chance, dass unser Gärtnereiprofi Florence gerade in den Semesterferien aus Dresden zurück an die Saar gekommen ist (selbst sie musste manches googeln).

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Als erstes galt es, das Dutzend von SEED erstandener Samentütchen in zwei Gruppen zu teilen. Ich hatte Pappmaché-Eierverpackungen gesammelt, jetzt musste entschieden werden, was wir in ihnen einsäen und was erst im Mai nach den Eisheiligen (falls es die noch gibt) direkt ins Beet kommt. Das erklärte uns Florence:

  • Eierbecher: Tomate „Yellow Submarine“, Gurken „Marketer“ und „Persiko“, den Riesenkürbis „Red Kuri“, Zucchini „Zuboda“ und last, but not least die Riesen-Sonnenblumen.
  • Beet: Karotten „Milan“ (mit Radieschen, die ich noch besorgen muss – dazu später), Grünkohl „Halbhoher Grüner Krauser“ (Abstand 40 x 80 cm), Bohnen „Haricot d’Espagne, Orteil de Précheur“ und ab unserem ersten Dienstag am Beet (26. März, 18 Uhr) den Spinat „Géant d’hiver“. Erbsen, Kapuzinerkresse und Ringelblumen sollen auch noch dazu kommen.

Alles natürlich Sorten, die vom in Luxemburg gegründeten Verein SEED bewusst gezüchtet werden, um alte einheimische oder seltene Sorten aus Gründen der Biodiversität zu vermehren.

In anderthalb Stunden lernten wir im Austausch beim gemeinsamen Tun ein halbes Dutzend Gartengeheimnisse:

Zwei Möhrensaatgeheimnisse

Florence trägt das Wissen ihrer Oma weiter, die auf der Bellevue einen großen Garten hat und einige Saatgeheimnisse kennt. Zum Beispiel sät sie immer Karotten und Radieschen gemeinsam aus: Letztere wachsen schneller, kommen früh zur Ernte und halten dadurch Platz zwischen den Möhren frei, die wir letztes Jahr viel zu eng gesät und nach der ersten Wuchsphase auch nicht ausgedünnt hatten. Resultat: Hunderte Minikaröttchen, die noch nicht einmal die Größe eines Fingers erreichten. Jonas kannte einen ähnlichen Tipp: Die winzigen Möhrensamen mit Sandkörnern mischen und aussähen. Auch so wird der Effekt erreicht, dass sie nicht zu eng stehen.

Das spanische Spinatgeheimnis

Ethymologisch hätte ich es ahnen können: Die deutschen, englischen und französischen Wörter „Spinat“, „Spinache“ und „Epinard“ verweisen auf Spanien bzw. Espagne. Spinat sei von den Arabern während der Eroberung und Besiedlung Andalusiens dort eingeführt worden und habe sich dann erst in Europa verbreitet. Jedenfalls sät man ihn breit im Beet aus und er keimt und wächst sehr schnell.

Ein indianisches Geheimnis

Florence wurde durch meine Saatauswahl an die „Drei Schwestern“ erinnert: So nennen Indianer eine symbiotische Pflanzkombination von Mais oder des Öl- und Kernspenders Sonnenblume mit einer an ihr hochrankenden Bohne sowie einer Gurken- oder Kürbispflanze, die den Boden abdeckt und feuchtigkeitsbewahrend wirkt. Mal sehen, ob wir das auch in Saarbrücken hinkriegen. Das Gelingen hängt schließlich von der zeitlich aufeinander abgepassten Aussaat zusammen.

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Das Kartoffelnreifenmysterium

Jetzt ging es ans Befüllen der Eierbehälter mit Erde: Meine Komposterde war Florence zu nährstoffreich und „scharf“, also haben wir sie mit sandiger Erde aus dem Garten gemischt. Auf der Fensterbank am Balkon entdeckte Florence einige schon stark keimende Kartoffeln, die ich dort abgelegt hatte, um sie bald auf dem Balkon einzupflanzen. Sie verriet mir einen Tipp eines Freundes, der damit auf einem halben Quadratmeter Dutzende Kilos Kartoffeln geerntet habe: Man nehme einen Autoreifen, lege ihn flach auf den Boden, befülle ihn mit Erde und setze Kartoffeln. Wenn die ersten Sprosse aus der Erde kommen, lege man einen zweiten Reifen drauf und fülle wieder Erde nach. Das könne man zwei Mal machen: Die Kartoffelpflanzen würden in jeder Reifenebene neue Kartoffeln bilden. Das klingt eher nach einem Mysterium, denn nach einem Geheimnis. Aber ich habe keine Reifen zur Hand.

Der Trick der hüpfenden Amseln

Mir fiel beim Mischen der Erde auf, dass keine Regenwürmer zu sehen waren. Anlass genug für eine Erklärung, warum Amseln auf Wiesen oft auffällig herumhüpfen: Irgendwann hatte ich gehört, dass sie damit Regentropfen imitieren und die Regenwürmer damit – aus Angst vor zu viel Wasser in der Erde – dazu bringen, an die Oberfläche zu kommen: um flugs geschnappt zu werden. Klang logisch. Kürzlich las ich, dass das nicht stimme: die Regenwürmer würde das Hüpfen an die Geräusche erinnern, die ihr größter Fressfeind, der Maulwurf, beim Graben mache. Deshalb fliehen sie. Ob die Amsel weiß, warum sie hüpft? Sie interessiert wohl nur der Effekt.

Als wir fertig waren, stellten wir die Eierbecher in die doppelt verglasten Fenster eines Zimmers, in der Hoffnung, dass da ein wenig Gewächshauswärme entsteht. Wenn Florence zurück in Dresden ist, werde ich wohl gelegentlich nachfragen müssen, was zu tun ist. Aber eigentlich kann nichts schiefgehen, wenn ich angemessen gieße.

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Das Transition-Geheimnis

Gemeinsam neu (er)lernen, wie unsere heimischen Nahrungsmittel wachsen. Jeder weiß etwas und teilt es in der Gruppe, die das lernt und weiterträgt. Oder auch vergisst. Im übertragenden Sinne viele Samen, die irgendwann Früchte tragen, wenn wir uns von der Nahrungsmittelindustrie emanzipiert haben werden. Jedenfalls ein bisschen.

Und eine Anregung zur Rückbesinnung

Zwei Tage später sahen wir uns im Filmhaus wieder zu einer Vorführung eines Films über den Kampf eines indigenen Volkes aus Ecuador für die Anerkennung und den Schutz ihrer Lebensweise. Die Kurz-Doku „Kawsak Sacha – Lebendiger Wald, das Lebenskanu“ zeigte den Bau eines Kanus, das als Symbol ihrer bedrohten Lebensweise zur Klimakonferenz 2015 nach Paris gebracht worden war (mehr zu ihrem Kampf auf der Webseite der Organisation Sarayaku).

Organisiert hatte das das Netzwerk Entwicklungspolitik Saar, die Initiative Transition Saarbrücken und die BUND-Jugend waren Partner der Veranstaltung, bei der über 50 Teilnehmer*innen anschließend zwei Vertretern des Volks der Kichwa Fragen stellen konnten: Tupac Viteri Gualinga (links) und Dionicio Machoa (rechts).

Vertreter des Volks der Kichwa aus Ecuador bei einer Veranstaltung des NES am 19. März 2019 © Ekkehart Schmidt

Wir lernten, wie dieses Volk im Einklang mit dem sie umgebenden Regenwald und ihren Ahnen leben, ohne zerstörerisch zu agieren – und dass sie sich gegen Erdölfirmen wehren müssen, die hier Bohrungen machen wollen mehr dazu bei der Initiative Kawsak Sacha. Für unsere Gruppe ergaben sich interessante Anstöße und Fragen. Natürlich werden wir hier nach 2000 Jahren Christentum („Macht euch die Erde untertan“) nicht zu einer solch naturreligiösen Sichtweise zurückkehren können.

Aber wir können das vielleicht im kleinen, lokalen versuchen. Indem wir uns an das Leben unserer Ahnen hier erinnern (was haben sie uns heute zu sagen?) und uns einmal fragen, welche einheimischen Pflanzen wir hier eigentlich haben, die wir essen und kultivieren können – um uns auch mit unserem kleinem Gemeinschaftsgarten wieder besser mit der hiesigen Natur zu verbinden.

Das ist gar nicht so wenig: Wir können Löwenzahn, Spitzwegerich und viele andere Kräuter zu erkennen und essen lernen, ebenso Früchte von Sträuchern wie Brombeere, Wacholder oder Hagebutte, sowie natürlich Äpfel, Birnen, Kirschen und Mirabellen. Aber was Gemüse angeht, müssen wir uns fragen, was eigentlich die hier seit Jahrhunderten üblichen Nutzpflanzen sind: Wir haben keine Ahnung (mehr), also noch einen spannenden Weg vor uns.

Am 22. März haben wir den Garten bereinigt und umgegraben, Möhren und Radieschen gesät. Am Dienstag, 26. März war ich alleine dort und habe rundum das Beet circa 20 Kronkorken, 20 Kippen, 15 Glasscherben und diverses Plastik aufgesammelt – auch eine meditative Arbeit.

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Wir müssen jetzt warten, bis die Keimlinge gewachsen sind (die Zucchinis und Kürbisse haben schon begonnen). Ein luxemburgischer Freund vom Gartenbauverein „Gaart an Heem“ gab mir den Rat, meine Fenster täglich zu lüften und die Keimlinge, wenn sie einmal gute 3 cm gewachsen sind und Wurzeln geschlagen haben, ruhig nach draußen zu pflanzen, mit einer Plastikfolie oder Glas in einigem Abstand drüber, damit sie richtig tief anwachsen, ehe sie an den Staden kommen.

Bis dahin werden wir uns vorerst dienstags ab 18 Uhr wieder im Café Zing treffen, erst ab Mitte April wieder am Beet. Interessierte sind herzlich willkommen, aber Vorsicht:

Das Gartenvirus kann einen heftig erwischen. Es reicht zu merken, wie leicht sich leckere Kräuter und Gemüse direkt zu Hause, auf dem Balkon oder im Garten, ziehen lassen. Susanne Wiborg, die 2019 das Buch „Gäste in meinem Garten: Bienen, Amseln, Huhn und Star“ geschrieben hat, schreibt in Bezug auf desen Virus: „Willkommen in einer der ältesten, glückbringendsten und vergnüglichsten Leidenschaften der Menschheitsgeschichte“.

Nachtrag Anfang April: Die Samen haben gut gekeimt, sind fleissig in meinem improvisierten Mini-Gewächshaus eines doppelt verglasten Zimmers  gewachsen und warten auf die Eisheiligen.

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Dann trafen wir uns noch einmal, um das Beet von uns nicht nützlichem Kraut zu reinigen, insbesondere Löwenzahn.

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Vor allem aber galt es, das von der HBK-Studentin Leonie produzierte obercoole neue Schild in den Boden zu setzen und beim REWE-Markt weggeworfene, weil leicht die Blätter hängen lassende, aber gerettete Kräuter einzupflanzen.

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Bissap und Jus Tamarin_Ouagadougou

Ich liebe Säfte, wenn sie handgemacht sind oder in Bioqualität hergestellt wurden. Handgemacht? Kennen wir das hier in Deutschland eigentlich noch? Ein einziges Mal bin ich mit einer Freundin durch Ottweiler Streuobstwiesen gelaufen und habe Äpfel gesammelt, die wir dann in einem Entsafter zu Saft gemacht haben, der allerdings nur ein paar Tage haltbar war. Holundersirup hab ich in den letzten Jahren aber ein paar Mal selbst gemacht. Das war’s aber schon. So etwas Essentielles ist in unserem modernen Leben also völlig verloren gegangen. Nur in wenigen Lokalen mit ökologischem Anspruch, wie dem Zing oder der Pause Traiteur, wird so etwas noch angeboten.

Ganz anders zum Beispiel in Burkina Faso. Meine Gastgeberin bei zwei Besuchen im Sommer 2018 und Winter 2018/19 hat, nachdem sie ein Theaterengagement gekündigt hat, zum Lebensunterhalt begonnen, Säfte herzustellen und zu verkaufen. Aus Hibiskusblüten, die ich von Tees aus Ägypten kenne, und Tamarindenfrüchten macht sie Säfte. Andere im Land produzieren Mango- und Ingwersaft, der zum Beispiel im Café Resto Tonus verkauft wird, abgefüllt in Mineralwasserflaschen:

Café Restau Tonus_Bobo Dioulasso  © Ekkehart Schmidt

Die Zutaten dazu werden überall im Land geerntet und getrocknet, wie hier Hibiskusblüten im Dorf Koumi bei Bobo Dioulasso:

Bissap und Jus Tamarin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Bissap und Jus Tamarin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Bissap und Jus Tamarin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Bissap und Jus Tamarin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Man kann die getrockneten Blüten überall auf Märkten kaufen, hier ein Stand mit Hibiskusblüten und Ingwerknollen am Grand Marché in Bobo-Dioulasso:

Grand Marché_Bobo Dioulasso  © Ekkehart Schmidt

Sie kochte Hibiskusblüten mit 10 Liter Wasser in einem Eimer ab, nahm dann ein Sieb und schüttete die Flüssigkeit in einen zweiten Eimer, dabei die Blütenmasse gut durchknetend, alles an Essenz herausquetschend, siebte das Ergebnis dann nochmal sauber durch und füllte einen Teil in gebrauchte Plastikflaschen (Cola etc.) damit ab, ohne die Ursprungsetiketten zu entfernen. ein zweiter Teil wurde in kleineren Portionen mittels eines Geräts in Plastiktüten eingeschweißt. Es heißt, Hibiskussaft würde oft auch mit Sauerampfer ergänzt.

Hier die Produktion von Tamarindensaft, die ähnlich verläuft. Tamarinden bekommt man gelegentlich auch in Cafés zum Kaffee hingestellt, als Angebot zum knabbern:

Bissap und Jus Tamarin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Bissap und Jus Tamarin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Bissap und Jus Tamarin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Bissap und Jus Tamarin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Bissap und Jus Tamarin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Dem Saft fügte sie dann Zucker und Aromastoffe zu („Ananas“ von Dr. Oetker…):

Bissap und Jus Tamarin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Bissap und Jus Tamarin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Bissap und Jus Tamarin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Bissap und Jus Tamarin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Bissap und Jus Tamarin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Bissap und Jus Tamarin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Bissap und Jus Tamarin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Sie bringt das Ergebnis dann sehr früh am Morgen zu einem Mann von einer Boutique, der sie an seine Kunden zu je etwa 100 Franc CFA verkauft. Als Reingewinn für 1 – 2 Stunden Arbeit und zwei Fahrten per Motorrad (noch 1 Stunde) beträgt etwa 1000 bis 2000 Franc CFA (= 1,70 – 3,40 Euro).

In Cafés bekommt man gelegentlich auch industriell gefertigte Tamarindensäfte in der Flasche oder Dose, die dann etwa 300 – 500 Franc CFA kosten und bei weitem nicht so gut schmecken. Dafür aber vielleicht den Nachteil der selbstgemachten Säfte ausgleichen, nicht mit Leitungswasser hergestellt zu sein, was für Ausländer manche gesundheitlichen Risiken mit sich  bringt. Meine Anregungen, ihre Säfte bei bestimmten Lokalen mit ausländischer Kundschaft als etwas wirklich besonderes anzubieten, verhallten. Schade.

Jardin Noces de Caanan_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Bissap und Jus Tamarin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt