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Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung

Am 16. März 1988 kam ich am 13. Tag meiner einmonatigen Reise per Anhalter und Bus von Köln nach Kairo, über Beograd, Istanbul, Sivas, Siirt, Cizre,  Mardin und einer Nacht im Grenzort Nusaybin endlich an der syrischen Grenze an. Leider waren die letzten Tage so erlebnisreich und  ich täglich so viel nachzutragen hatte, dass ich einen Tag später in Deir ez-Zor entschied, einfach ein Dutzend Seiten für die letzten – auch diese – Tage frei zu lassen, um wieder in der Echtzeit schreiben zu können. Die fehlenden Tage würde ich schon nachtragen, dachte ich. Dazu kam es aber nie.

So muss ich mich jetzt 29 Jahre zurück erinnern an den Grenzübergang, den dahinter liegenden Ort Qamishliye und die Strecke  weiter über Hassake nach Deir ez-Zor, von wo es am nächsten Tag den Euphrat flussabwärts nach Dura Europos und Mari an der irakischen Grenze und wieder zurück ging. Nach einer zweiten Nacht in Deir ez-Zor ging es am 18. März weiter nach Raqqa. Auch hier blieb ich wieder zwei Nächte, verbrachte den Tag aber mit einer Tour in die Wüstensteppe nach Resafa und zurück, ehe es nach Aleppo ging.

Den Grenzübertritt und die Suche nach dem Busbahnhof in diesem Nest mit seinen sehr provisorisch wirkenden Strukturen ist aber tatsächlich emotional tief in meiner Erinnerung abgespeichert, so ähnlich wie im Sommer 1986 der erste Abend in Aleppo: Nie zuvor hatte ich mich so fremd gefühlt und auch sprachlich den sich typischerweise ergebenden schwierigen Situationen kaum gewachsen.

Gut, dass es davon wenigstens ein Foto eines Straßenmarktes gibt, auf dem mir unbekannte, riesige Gemüse und Grillgerichte angeboten wurden.

Qamishliye - Erinnerungen an Syrien 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Ich muss dann wohl einen Bus genommen haben, der nicht direkt die etwa 150 km bis Deir ez-Zor durchfuhr, sondern vielleicht nur bis Hassake, der einzigen größeren Stadt unterwegs in dieser flachen und vom Frühling satt grünen Landschaft, in der man am Horizont immer wieder einen Tell aufragen sah, unter dem sich eine prähistorische oder frühzeitliche Siedlung verbarg. Jedenfalls muss es von da eher per Anhalter weiter gegangen sein, weil ich irgendwann zufällig in einem Dorf abgesetzt wurde. Es mag wohl so ausgesehen haben wie ein anderes Dorf der Region, in dem ich  ein paar Tage später diese Fotos machte (vielleicht war es auch dieses, ich kann es nicht rekonstruieren):

Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung © Ekkehart Schmidt

Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung © Ekkehart Schmidt

Ich traf auf eine Gruppe Frauen mit ihren Kindern, wurde freundlich zu ihnen gebeten und erlebte eine wunderbare Stunde, in der wir uns sprachlos (sie verstanden nur Arabisch, ich begann es erst zu lernen) doch irgendwie verständigten und uns in unserer Unterschiedlichkeit ein bisschen kennen zu lernen zu versuchten. Erst nachdem ich Ende der 1990er-Jahre im saarländischen Ottweiler erstmals auf Jesiden traf und mich mit ihrer uralten Religion zu beschäftigen begann, wurde mir klar, welch große Wissenslücke im Westen über diese irakisch-syrisch-türkische Grenzregion und ihre Bevölkerung besteht. Als ich letzte Woche begann, meine alten Syrien-Dias durchzuschauen, verstand ich durch die Ottweiler Erfahrung sofort, dass es sich hier um ein jesidisches Dorf gehandelt haben muss: Zu charakteristisch sind diese schwarz-roten Kopftücher mit ihrem speziellen Muster, als dass ein Zweifel hätte bestehen können.

Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung © Ekkehart Schmidt

Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung © Ekkehart Schmidt

Erinnerungen an Syrien 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung © Ekkehart Schmidt

Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung © Ekkehart Schmidt

Damals waren das für mich – unhinterfragt – muslimische  Dorffrauen, vielleicht nomadischer Herkunft, die einen fremden Mann in allerdings ungewöhnlich offener Weise empfingen. Ihre Männer gingen gerade irgendwo anders ihrer, wohl landwirtschaftlichen, Beschäftigung nach. Ich erinnere mich an eine beidseitige Herzlichkeit, die mich heute über das furchtbare Schicksal dieser von Sunniten schon immer so übel beleumundeten und vom IS 2015 im Irak fast zu Opfern eines Genozids gemachten religiösen Minderheit hinwegtröstet. Fast alle Jesiden der Region sind mittlerweile geflohen, ein sehr hoher Anteil von ihnen fand in Deutschland Asyl.

Wir saßen einfach eine Weile beieinander. Irgendwann traute ich mich, nachzufragen, ob ich sie fotografieren können. Ja! Und dann machte eine der Frauen auch eins von mir –  vielleicht das erste Mal eine Kamera in der Hand haltend.

Unsere weitestgehend stumme  Begegnung berührt mich noch heute.

Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung © Ekkehart Schmidt

In diesem oder einem anderen Dorf der Region entdeckte ich noch ein Backhaus, das mich in seiner Zeitlosigkeit ähnlich beeindruckte:

Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung © Ekkehart Schmidt

Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung © Ekkehart Schmidt

Ar-Raqqa: Von Kalifen und einem Quälgeist

ERINNERUNGEN AN SYRIEN: Samstag/Sonntag 19./20. März 1988

Kobane, Aleppo, Mossul – und jetzt Rakka. Die Offensive auf die so genannte IS-Hauptstadt Rakka (arab. Ar-Raqqa) ist seit gestern in vollem Gange. Im November 2016 hatten die „Demokratischen Kräfte Syriens“ (SDF) unter Mitwirkung der kurdischen Miliz YPG und amerikanischer Militärberater, sowie aus der Luft durch die US-Luftwaffe unterstützt,  eine „Zorn des Euphrat“ genannte Offensive begonnen. Die hierbei zentrale Rückeroberung von Raqqa sollte im Juni beginnen, nachdem die USA die Kurden mit schweren Waffen ausgestattet haben würden (eine Anfang Mai getroffene Entscheidung, welche die Kurden als „historisch“ einschätzen). Jetzt scheinen sich die Truppen schon deutlich früher vor der Stadt positioniert zu haben. Der „Islamische Staat“ (IS) setzt bei seiner Verteidigung – wie schon befürchtet – auf eine hier bislang völlig ungewöhnliche Waffe: Wasser. Vor zwei Wochen, nach der Einnahme der seit 2014 vom IS gehaltenen, 30 km entfernten Ortschaft Tabka am 1970 errichteten Euphrat-Staudamm, der nach dem Vater des heutigen Herrschers benannt ist, hatte man dort begonnen, das Gelände nach Sprengkörpern abzusuchen, weil befürchtet wurde, dass der Damm gesprengt werden könnte.

Wie SPIEGEL-ONLINE  heute berichtet, hat der IS jetzt in ganz anderer Weise geflutet. Er habe bereits am 19. Mai Teile von ar-Raqqa durch Umleitung von Wasserkanälen geflutet. Etwa zehn Quadratkilometer der Stadt würden bereits unter Wasser stehen. Der IS will so das Vorrücken der Alliierten verhindern. Durch den plötzlich ansteigenden Wasserpegel sind offenbar bereits mehrere Menschen in ihren Häusern ertrunken. Zudem sorgen seit Tagen anhaltende ungewöhnlich heftige Regenfälle und Hagelstürme dafür, dass die Stadt noch lange unter Wasser stehen wird, wie auch der FOCUS berichtet (Filmbeitrag). Für mich ist das ein Anlass, mich an meinen Aufenthalt 1988 zurück zu erinnern. Ich habe dabei verstanden, warum sich der IS ausgerechnet diese öde Wüstenstadt am Euphrat als Hauptstadt ihres neuzeitlichen so genannten Kalifats auszusuchen.

Ein Jahrtausend von einem Kalifat zum nächsten

Raqqa wurde 244 v.Chr. in hellenistischer Zeit von Seleukos II. gegründet, war in byzantinischer Zeit eine wichtige Grenzstadt, verödete jedoch bald nach der arabischen Eroberung (640 n.Chr.). 772 ließ der in Damaskus residierende Omayyaden-Kalif Mansur westlich des alten Raqqa eine neue Stadt mit dem Namen Rafiqa gründen, die zur Hauptstadt der gesamten Djezire aufstieg – jener, die „Insel“ genannten Region zwischen Euphrat und Tigris, die wir als „Mesopotamien“ oder „Zweistromland“ kennen. Doch die ganz große Zeit Raqqas kam erst mit den abbassidischen Kalifen Ende des 8. Jahrhunderts. Während das übrige Syrien wirtschaftlich und kulturell zur Provinz herabsank, nachdem das Kalifat von Damaskus nach Baghdad „übergesiedlt“ war, entwickelte sich die Djezire, und vor allem Raqqa, zu einer Lieblingsprovinz der Abbassiden. Raqqa war eine beliebte Sommerresidenz des auch bei uns durch die Erzählungen aus 1001 Nacht bekannten Kalifen Harun al-Raschid, der von 786-809 regierte und sich – aus politischen Gründen – von 796-808 hier aufhielt. Die neue, vor allem aus Lehmziegeln erbaute  Stadt, von der aus er versuchte, sein sich zumindest nominell von Gibraltar bis zum Indus ausdehnendes Weltreich zusammen zu halten, vergrößerte sich schnell soweit, dass sie die alte Stadt mit einschloss und deren Namen übernahm.

Vom Mongolensturm im 13. Jahrhundert erholte sich die einst blühende Stadt nicht, sie blieb über sieben Jahrhunderte lang ein Dorf mit wenigen Dutzend Lehmhütten und Zelten im und neben dem Ruinenfeld. 1945 beherbergte die Stadt immerhin wieder 4500 Einwohner, 1960 bereits 11.000 und Ende der 1980er-Jahre gut 25.000, Ende der 1990er-Jahre 40.000, ehe sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einer Großstadt mit 280.000 Einwohnern heranwuchs, die mit modernen Bauten längst sogar die gewaltige Stadtanlage des 9. Jahrhunderts soweit überprägt hat, dass man nur in einzelnen Relikten noch einen vagen Eindruck des früheren ar-Rafika bekommt. Seit Ausbruch des Bürgerkriegs ist die Stadt offenbar durch den Flüchtlingszustrom noch einmal rasant weiter angewachsen. Nachdem die Organisationen al-Nusra-Front und IS Mitte 2013 die Freie Syrische Armee aus der Stadt vertrieben haben, galt sie als größte Stadt unter der Kontrolle von Islamisten, ehe IS-Milizen 2014 Mossul eroberten. Raqqa deklarierten sie – natürlich nicht zufällig – zum Sitz ihres Pseudo-Kalifats.

1988: Eine öde Betonstadt mit dilettantisch sanierten historischen Relikten

Mein heutiger virtueller Raqqa-Besuch auf Google-Earth hat mir das rapide Wachstum der Stadt derart deutlich gezeigt, dass ich nicht weiß, ob ich heute vor Ort mein damaliges Raqqa wieder erkennen würde, von dem ich nur staubige Straßen in Erinnerung habe. Der Ort hatte damals gerade einmal gut 21.000 Einwohner, war immerhin „ein wichtiger Handel- und Verkehrsknotenpunkt und Endbahnhof der von Aleppo kommenden Euphratbahn“, wie es im Polyglott-Reiseführer von 1984/85 hieß.  Zur Stadt selbst heißt es sehr lapidar: „Von der antiken Stadt und der späteren Sommerresidenz Harun al-Raschids, die im 13. Jahrhundert von den Mongolen zerstört wurde, sind nur mehr Ruinen erhalten.“ Trotzdem: Mich interessierten an der Stadt genau und nur diese Ruinen.

Tagebuch vom Samstag, 19.März 1988:

„Diesmal hörte ich endlich mal den Wecker, um kurz nach 8 stand ich auf, packte meinen Kram und war auch Punkt halb 9 vor’m Teehaus, an dem gerade auch Gerd ankam“. Gerd hatte ich in Deir ez-Zor kennen gelernt und wir sind von dort bis Aleppo gemeinsam gereist, in aller Freiheit, dass jeder auch ‚mal sein Ding macht. Heute wollten wir gemeinsam nach Resafa. „Nach ’nem Tee sind wir dann doch noch zu den Bauruinen gegangen, die Gerd gestern schon gesehen hatte, aber nicht so doll fand. Ich wollte sie halt unbedingt sehen, obwohl wir uns wegen Resafa echt beeilen müssen. Es ging erstmal ewig zu Fuß durch die elend ätzende Neustadt, bis dann an einer Ausfallstraße das Bagdad-Tor in Sicht kam. Das wichtige an den alten Bauresten ist, dass die Stadt 772 von den Abbassiden nach dem Vorbild Bagdads erbaut wurde. Während von dem Vorbild nix mehr übrig blieb, konnte man sich hier (bevor das moderne Raqqa so expandierte) eine gute Vorstellung davon machen, wie Bagdad einmal ausgesehen hat. Das Kalifat war damals von Bagdad nach Damaskus gewechselt, und hier entstand 1 km neben alten byzantinischen Bauresten ein militärisch wichtiger Vorposten. Zwischen 796 und 808 herrschte dann sogar der berühmte Harun al-Raschid von hier aus über sein „Weltreich“. Erst als dann Samarra im heutigen Irak als neue Hauptstadt gebaut wurde, war Schluss mit dem Glanz der Stadt. Die Stadtmauer ist noch ziemlich weitgehend erhalten, in einer auseinander gezogenen Hufeisenform, mit dem Euphrat als Grenze am offenen Ende. Alles aus gebrannten Lehmziegeln, heute aber nur noch so etwa 10 Meter hoch. Bis zur Hälfte hat man als Schutz neue Backsteine drangebaut, die sicher nötig sind, aber doch den Gesamteindruck ziemlich stören.“

„Auch das Bagdad-Tor steht da wie unecht: viel wurde ausgebessert, fast weiß man nicht, was alt und was neu ist. Nicht besonders beeindruckend, obwohl ganz schön, besonders die Nischenreihe oben. Das ganze steht aber etwas verlassen, völlig unpassend in der Betonstadt von heute, mit reichlich Dreck. Passt hier gar nicht hin und strahlt auch nichts aus.“

Ar-Raqqa: Vom Kalifen und einem Quälgeist  © Ekkehart Schmidt

Ar-Raqqa: Vom Kalifen und einem Quälgeist  © Ekkehart Schmidt

Ar-Raqqa: Vom Kalifen und einem Quälgeist  © Ekkehart Schmidt

Angesichts der Dias empfinde ich mein Urteil heute als sehr hart. Aber ich habe wohl auch nur das fotografiert, was mir authentisch schien. „Genauso dann das Qasr al-Banat („Mädchenschloss“), das wir nach dem Ablaufen eines halben Kilometers Stadtmauer fanden. Absolut dumm und ungeschickt wurden da überall kleine Mauern und Ausbesserungen lieblos vorgenommen, die den Eindruck ziemlich kaputt machen. Es wirkt sehr deutlich so, als habe man sich nicht viel Mühe gemacht. Ein paar Backsteinberge warten da noch, um irgendwo bescheuert etwas auszubessern.“

Ar-Raqqa: Vom Kalifen und einem Quälgeist  © Ekkehart Schmidt

Ich schrieb damals meine Eindrücke ohne Kenntnis der Sanierungshintergründe nieder und lernte für mich, dass ich lieber die Originalbauten so belassen sehen möchte, wie sie die Jahrhunderte überdauert haben, statt sie saniert und herausgeputzt – einer anderen Philosophie folgend – so ergänzt vorzufinden, wie sie einmal ausgesehen haben mögen. Ich bin diesbezüglich also eindeutig ein Nostalgiker.

„Mir gefiel eigentlich nur die Freitagsmoschee, die wir als solche erst gar nicht erkannten. Ein 100 x 100 m großer Platz, von einer stadtmauerähnlichen Wand geformt, in der Mitte aber ein sehr schöner Turm, wohl ein Minarett, das wenigstens noch völlig original erhalten war. Ebenfalls mittig eine knallgrüne Minimoschee, die aussah, als hätte man sie in eine Farbbad gegeben.“

Ar-Raqqa: Vom Kalifen und einem Quälgeist  © Ekkehart Schmidt

Ar-Raqqa: Vom Kalifen und einem Quälgeist © Ekkehart Schmidt

„Zurück zum Hotel, an vielen Häusern mit Malereien vorbei, Flugzeuge und die Kaaba – wohl stolz von einer Pilgerfahrt nach Mekka kündend. Wir aßen schnell noch ein Fellaffel in Brot gewickelt, wurden ziemlich über’s Ohr gehauen, und sind dann zum Busbahnhof.“

Ich war ziemlich skeptisch, ob es klappt, 30 km weiter am Abzweig nach Resafa nicht nur einen Lift hin, sondern auch zurück zu bekommen und es dann heute noch bis Aleppo zu schaffen.“ Letzteres klappte nicht, aber wir hatten einen wunderbaren Tag in der vom Frühling ergrünten wüste und abends ein Riesen-Glück, es überhaupt zurück an die Hauptstraße zu schaffen und dann sogar schon um 18 Uhr wieder in Ar-Raqqa zu sein.

Gerds Quälgeist sucht uns heim

„Dort erwartete uns leider gleich  der Quälgeist, den Gerd seit gestern nicht los wird. ‘Aus der angesehensten Familie Raqqas‘, ein Schnösel und trampeliger Hopplahierkommeich, wie er im Buche steht. Verehrt Hitler und Bismarck, schreit dauernd herum, will wohl lustig sein und glaubt, er wäre allein auf der Welt. ‚Schokoladensyrer‘ würden die beiden Deutschen aus Urfa sagen, die ich 1985 kennen gelernt hatte. Wie zu erwarten war, wollten sie mich gleich zum Abendessen einladen, wozu ich aber keinen kleinen Nerv übrig hatte. Ich wollte heute  einen ruhigen Tagebuchabend machen, nachdem ich mich vorhin im Regen doch noch dazu entschlossen hatte, statt weiter nach Aleppo (noch 3 Stunden Bus), doch wieder nach Raqqa zurück zu fahren. Wir sind dann beide in Gerd’s altes Hotel in ein Doppelzimmer (40 syrische Pfund pro Nase) und hatten noch bis 20 Uhr „frei“ bekommen, dann würden wir abgeholt werden. Wir klauten uns jeder ein Assad-Bild von der Wand, das Hotel war tapeziert damit. Ich bin dann vor 20 Uhr nach einer eiskalten Dusche los, Fellaffelsandwich essen und Tee trinken. Im Teehaus von gestern gut mit einem der Kellner, einem Kurden aus Quamishliye (!) geredet, bis mich dort um 22 Uhr der Quälgeist fand, quer durchs Teehaus rief und – obwohl von uns ziemlich ignoriert – begeistert irgenetwas erzählte. Ich hab ihn ziemlich stehen gelassen, bin ins Hotel, wo wir noch schwätzten, ich mir noch ’nen Tee machte und bis halb 1 Tagebuch schrieb, während Gerd seine Anlage aufgebaut hatte – ein Walkman mit 5 x 5 cm großer Box, die er über Kabel und Klammern angeschlossen hatte.“

Tagebuch vom Sonntag, 20. März 1988:

„Schon um 8 auf, kurz in’s Teehaus und dann alleine ins Museum gegenüber, in dem schöne Fundstücke aus den Tells der Umgebung, vor allem aber von da, wo jetzt der fette Assad-Staudamm steht, sowie aus Raqqa ausgestellt waren. Am besten gefielen mir wieder diese witzigen kleinen Figürchen, 10 cm hoch, ähnlich wie in Mari (an der irakischen Grenze eine  Woche zuvor) – vielleicht Idole oder so. Die Augen mit Löchern für bunte Steine.“

Nach dem Besuch des „Mathaf ar-Raqqa“, das natürlich neben den mich nachhaltig – später ebenso in den Museen von Aleppo und Damaskus – faszinierenden Figurinen auch Töpferware, Keramik und Stuckornamente aufweist,  ging es zum Busbahnhof und weiter nach Aleppo, mit einem Abstecher in ein Dorf mit Bienenkorbhäusern.

Verwendete Quellen: Fokus Online: Syrische Stadt Rakka geflutet. Sie setzen ganze Städte unter Wasser: IS schockiert mit neuem Kampfmittel (24.05.2017); Letzebuerger Journal: „Hauptstadt“ des IS. Syrisch-kurdische Kämpfer wollen Al-Rakka im Sommer erobern (13.05.2017); Polyglott: Reiseführer Syrien Jordanien Irak, München, 7. Auflage 1984/85, S. 56; Rotter, Gernot: Syrien. Edition Erde Reiseführer, Nürnberg 1995, S. 220ff.; Kurt Schroeders Reiseführer: Syrien, Bonn 1961, S. 203; Souleiman, Delil (für AFP): Les jihadistes traqués dans un ex-fief, Tageblatt, 12. Mai 2017; SPIEGEL-ONLINE: Provinzstadt Rakka geflutet Wasser – die neue Waffe des IS (24.05.2017); Wikipedia-Artikel „Ar-Raqqa„.

Ar-Raqqa: Vom Kalifen und einem Quälgeist  © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen

Gestern bin ich hier zum dritten Mal per Rad in fünf Jahren vorbeigekommen, erstmals im exklusiven Kreis angemeldeter Gäste – denn sonst kommt man nicht in Lellingens gute Stube. Das typische Dorflokal, in dem die Bewohner des Ortes mit heute exakt 113 Einwohnern fast immer unter sich blieben, hatte früher wohl nur am Sonntag offen. Vielleicht für die Tradition des Frühschoppens nach dem Kirchgang. In späteren, zunehmend locker werdenden Zeiten, konnte man auch werktags abends ein Bier trinken, falls ich das gestern richtig verstanden habe. Für die Inhaberfamilie ist das Lokal wohl eher eine Nebenerwerbsangelegenheit gewesen, wenngleich man online noch Spuren eines Angebots einer Auberge und einer Campingmöglichkeit findet. Lellingen liegt tatsächlich sehr idyllisch in einem grünen Tal der luxemburgischen Ardennen, am Zusammenfluss des Lellgerbaach und des Pëscherbaach, die sich im Ortskern an einer gepflasterten Furt vereinen, nur um rund 100 m weiter gemeinsam in die Klierf zu münden. Die älteste Brücke stammt hier von 1777.

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

In der nicht zufällig als „weißes Dorf“ relativ bekannten Ortschaft – so gut wie alle Gebäude sind tatsächlich weiß gestrichen und bilden im Kern ein sehr authentisch wirkendes Ensemble – gibt es heute nur noch einen Hof und eine Wirtschaft. Der Scharll-Haff, ein Hof mit Milchkühen, wird seit 2010 von Roland Scharll, einem sehr sympathischen und – ja tatsächlich- coolen Jungbauern in Biolandwirtschaft betrieben. Ihn zu besuchen war das Ziel einer von etika und Velosophie organisierten Radtour, die uns gestern von Kautenbach hierher und weiter nach Wilwerwiltz führte. Vor dem Besuch kehrten wir in der Lellger Stuff ein. Mit Blick auf den Hof. Dieses simple Schild auf der Rückseite des in einen Felsen gesetzten Lokals, das man von Wilwerwiltz kommend sieht, hatte mich schon vor einigen Jahren so fasziniert, dass ich mich gestern ganz besonders auf diesen Besuch freute.

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

So war ich überrascht, als das Lokal, von der demDorf zugewandten Seite kommend, ganz anders wirkte.

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Die Inhaberin, eine stämmige, pragmatische Frau vom Typ „mit Haaren auf den Zähnen“, zugleich herzlich und offen, führt das Lokal seit dem Tod ihres Mannes vor wenigen Jahren alleine. Sie habe damals investieren wollen, aber die Bank machte für einen Kredit derartige eingreifende Auflagen, die sie nicht erfüllen wollte. Vor allem sollte sie eine neue Küche einbauen, obwohl sie in der alten immer wunderbar gekocht habe. Sie machte das dann wohl auf eigene Faust.

Im Eingang gibt es zwei Türen – wahrscheinlich ging es früher links ins Lokal, rechts in ein Lebensmittelgeschäfte. Jedenfalls stelle ich mir das seit dem Besuch des Cafe de la poste in Vianden so vor, wo es auch diesen doppelten Eingang gibt.

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Der Nebenraum, in dem wir saßen, wurde durch eine Faltziehtür immer wieder geschlossen, obwohl nebenan niemand saß.

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Aufgetischt wurde uns erst eine Suppe, dann eine Schinkenplatte mit Salat und Kartoffeln: Gar nicht so deftig, wie es sich anhört. „Alles aus dem eigenen Garten“, betonte die Inhaberin: Kartoffeln, Möhren, Salat und Petersilie sowie die Eier. Und der Schinken sei keineswegs aus dem discounter, erklärte sie fast entrüstet auf meine Frage, sondern natürlich selbst produziert aus der Region. Dies wissend, schmeckte es mir besonders gut.

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

A propos Garten: Neben zwei Salatbars, einem kleinen Teich und einer Volière für Kanarienvögel findet sich auch ein kleiner Hühnerstall. Der Versuch, dies alles etwas künstlerisch zu gestalten verweist darauf, dass Lellingen für sein Kunstfestival bekannt ist, das hier seit 1991 am Nationalfeiertag im Juni stattfindet und bei dem die Stuff ein wichtiger Ausstellungsort ist. Ferner gibt es ein so genanntes Loufest und ein internationales Quiltfestival, bei denen der Ort von BEsuchern überschwemmt wird. Mal sehen, ob ich es dann mal dahin schaffe. Das sind dann wohl die wenigen Gelegenheiten, in denen die Stuff auch ohne Gruppenanmeldungen geöffnet hat.

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Adresse: 3 Ierwescht DuerfL, 9760 Wëlwerwolz-Lellingen (Lellgen), Tel.: ++352 920564

Verwendete Quelle: Wikipedia-Artikel „Lellgen
Café Lellger Stuff_Lellingen © Ekkehart Schmidt

Die Hofkneipe vom Nußweilerhof

Die Hofkneipe vom Nußweilerhof © Ekkehart Schmidt

Herbert hat das hier seit zehn Jahren gepachtet. Er stammt aus dem Badischen und ist damals wegen seiner zwei Hunde ins Mandelbachtal gezogen: Es sei sonst zu schwierig, mit zwei Hunden eine Wohnung zu finden, erzählte er mir gestern, als wir nach einer durch Regenschauer unterbrochenen Wanderung glücklich auf dem Nußweilerhof mit seinen zwei Dutzend Pferden angekommen waren. Glücklich nicht nur wegen des Erlebnisses bis an den Horizont reichender weißgelb blühender Blumenwiesen, sondern weil es hier tatsächlich eine Art Hofwirtschaft mit etwas zu Essen gab und für die Kinder zudem ein großer Plastiktraktor bereit stand. „Rund um Dalem“ heißt ein im Juli 2016 eingeweihter, sehr naturnaher Wanderweg durch Auenlandschaften und über die Höhen rund um Heckendalheim, den wir bei unserem Spontanausflug entdeckt hatten.

Die Hofkneipe vom Nußweilerhof © Ekkehart Schmidt

Die Hofkneipe vom Nußweilerhof © Ekkehart Schmidt

Die Hofkneipe vom Nußweilerhof © Ekkehart Schmidt

Die Hofkneipe vom Nußweilerhof © Ekkehart Schmidt

Herberts ursprüngliche zwei Hunde leben nicht mehr, dafür ist er heute stolzer Besitzer eines sehr verspielten 20 Monate alten weißen Schäferhundes. Die Hofwirtschaft betreibt er als Hobby. Ursprünglich öffnete er vom 1. Mai bis in den Herbst nur am Wochenende, jetzt ganztags, außer montags und donnerstags. Dann sitzt er auf seiner, mit bunten Gießkannen witzig dekorierten Terrasse mit Blick auf die Stallungen und wirft Stöckchen, wenn gerade kein Gast da ist. Es scheinen selten Gäste da zu sein. Sonntags öffnet er für einen Frühschoppen von 11 – 14 Uhr. Wenn es sich aber – wie gestern mit uns – ergibt, macht er nicht zu.

Der Innenraum wirkt in dieser weiten Landschaft wie eine selbst gebaute Höhle. Und tatsächlich ist er an die Reithalle angedockt, in die man durch ein breites Fenster schauen kann. Die Kneipe scheint auch so etwas wie der Sitz des 1975 gegründeten Reit- und Fahrvereins Ommersheim zu sein. Ein Pferdehof ist das hier mindestens seit Anfang der 1990er-Jahre. Ausschließlich Pferde gibt es aber erst seit wenigen Jahren. Die heute 82jährige, nebenan wohnende, ehemalige Inhaberin eines Hühnerhofs mit Pferdekoppeln, verkaufte diesen wenige Jahre nach dem Tod ihres Mannes 2014 an die junge Familie Sander. Diese wandelten mit viel Einsatz auch die verbliebenen von drei langgezogenen Hühnerställen in Stallungen und eine Reithalle um (Fotodoku auf ihrer Webseite). Früher hielt man auf dem Hof wohl auch einmal Kühe.

Die Hofkneipe vom Nußweilerhof © Ekkehart Schmidt

Die Hofkneipe vom Nußweilerhof © Ekkehart Schmidt

Die Hofkneipe vom Nußweilerhof © Ekkehart Schmidt

Die Hofkneipe vom Nußweilerhof © Ekkehart Schmidt

Die Hofkneipe vom Nußweilerhof © Ekkehart Schmidt

Während ein Gewitterschauer niederging bekamen einen heißen Kaffee. Zu essen gab es nur vorfabrizierte Currywurst, die Herbert in der Mikrowelle warm machte. Dazu immerhin frische Brötchen. Mehr brauchten wir nicht, weil wir auch ein wenig Proviant dabei hatten, das wir selbstverständlich auf diesem riesigen, selbst gezimmerten hölzernen Terrassentisch ausbreiteten. Eigentlich möchte man nach einer halb verregneten Wanderung vor allem einen Einkehrort haben, einen Sitzplatz als kleine Belohnung.

Die Hofkneipe vom Nußweilerhof © Ekkehart Schmidt

Die Hofkneipe vom Nußweilerhof © Ekkehart Schmidt

Es war sehr nett hier, unser ältester spielte lange mit dem Sohn der Inhaber in der Scheune, unser jüngster hatte seinen Spaß mit dem Hund. Und Herbert erzählte ein wenig von seiner Art, als Pensionär sein kleines, bescheidenes Glück zu leben. Ruckzug waren zwei Stunden vergangen. Bergauf liefen wir durch die Koppeln in Richtung Gewitterfront zurück nach Heckendalheim, mit schönem Blick zurück auf den Hof und extremen Kontrasten zwischen gelben Butterblumen- Löwenzahnwiesen und grauem Himmel. Nicht ohne uns zu verlaufen, natürlich…

Die Hofkneipe vom Nußweilerhof © Ekkehart Schmidt

Die Hofkneipe vom Nußweilerhof © Ekkehart Schmidt

Die Hofkneipe vom Nußweilerhof © Ekkehart Schmidt

Die Hofkneipe vom Nußweilerhof © Ekkehart Schmidt

Adresse: 66339 Mandelbachtal, Tel. 0177-6227181, mail: info@nussweilerhof.de, Homepage des Hofes

Die Hofkneipe vom Nußweilerhof © Ekkehart Schmidt

Ebla und die Bienenkorbhäuser

ERINNERUNGEN AN SYRIEN, 20. und 23. März 1988

Von Aleppo aus bin ich 1988 wie 1986 schon per Bus südwärts in Richtung Hama, Homs und Damaskus – auf der wichtigsten Nord-Süd-Route durch das Land. 1986 hatten wir hier, 50 km südlich von Aleppo, einen Ausgrabungsort besucht, der damals eine archäologische Sensation darstellte: Ebla. Durch den hier 1975 gemachten Fund eines Archivs an Keilschrifttafeln fand man Hinweise zur Auffüllung vieler historischer Lücken, konnte die Geschichte der Region vor gut 6000 Jahren neu schreiben.

Mein Tagebuch begann damals mit einem Erstaunen: „Um 16 Uhr war ich am Abzweig nach Ebla: Sah ganz anders aus, als vor 2 Jahren im Sommer. Damals war das alles hier wie ein Sinnbild für unwirtliche Gegend, alles grau und trocken, die Häuser längs der Autobahn Aleppo-Hama-Damaskus , die bis fast hierher führt, wirklich hässlich. Jetzt war alles grün und fruchtbar, auch der Hügel von Ebla hinter dem Dorf davor.“

Diese künstliche Erhebung (archäologisch „Tell“ genannt) war erst 1964 untersucht, dann schrittweise ausgegraben, bis 1974 erste Hinweise  auf ein hier lebendes eigenes Volk und einen Königspalast entdeckt wurden, der 1977/78 ausgegraben wurde und sich als eine uralte Siedlung mit einem Archiv von 20.000 Keilschrifttafeln entpuppte, deren Spuren durch Sonne, Wind und Regen seit seiner Blütezeit von 2500 bis 1650 v.Chr. so weit eingeebnet worden waren, dass nur noch eine 15 m hohe rundliche Erhebung übrig geblieben war, die von den Bewohnern des gleichnamigen Dorfes “Tell Mardikh“ genannt wurde und ursprünglich die Akropolis einer riesigen Anlage war.

Ehe ich zur Ausgrabungsstelle lief, erkundete ich ein wenig dieses Dorf mit 300-400 Einwohnern, von denen es in der Region zwischen Ebla , dem nördlich gelegenen Ort Chalkis und weiter in der Region südwestlich von Aleppo bei Mahdun am Salzsee von Djabul noch einige mit der Besonderheit gibt, eine Reihe an „Bienenkorbhäusern“ aufzuweisen, die ich erstmals 1984 im türkischen Harran, dem südlich von Urfa nahe der syrischen Grenze gelegenen mythischen Geburtsort von Abraham, dem Stammvater nicht nur des Christentums, sondern auch des Judentums und des Islams, besucht habe. Die Existenz dieses eigenartigen Bautyps lässt sich tatsächlich bis ins 3. Jahrtausend vor Christi zurückverfolgen. Gut 3 bis 4 m hoch werden die Spitzkuppeln aus Lehmziegeln innerhalb einer Woche mit geringen Baukosten aufgeschichtet und je nach Heftigkeit der Winterregen alle ein bis zwei Jahre mit einer frischen Lehmschicht bestrichen. So können sie 50 – 100 Jahre überdauern. Im italienischen Apulien gibt es Überbleibsel einer ähnlichen Bauform, den so genannten „Trullies“, welche die gleiche Form aufweisen, aber aus flachen Steinen aufgeschichtet werden. Ein Gehöft, das meist von einer Lehmmauer umgeben ist, besteht meist aus mehreren Bienenkorbhäusern, die auf Arabisch Kubab /von qubba = Kuppel) genannt werden. Man lebt innen in einem der Häuser fast beduinisch karg, mit Matratzen, die erst abends ausgelegt werden, während andere als Küche, Speicher oder Hühnerstall dienen.

Mahdun

Auf dem Weg von Raqqa nach Aleppo, etwa eine Woche früher, hatte ich schon ein solches Dorf besucht, mit deutlich mehr Zeit wie beim Besuch in Ebla. In Mahdun waren diese Häuser – im Nachhinein gesehen – deutlich häufiger, wirkten besser erhalten und waren noch völlig selbstverständlich in Nutzung:

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Tagebuch vom Sonntag, 20. März 1988:

„Am Busbahnhof in Raqqa haben wir bald einen Bus in Richtung Aleppo gekriegt, wir wollten aber vorher noch in einem Benenkorb-Dorf aussteigen, nach ¾ der Strecke. Von der Gegend sahen wir nicht viel, ziemlich langweilig. Einmal rechts weit weg der Stausee, dann die ersten Bienenkorbhäuschen bei Meskene. 30 km dahinter stiegen wir in Mahdun aus. Gerade hatte der Regen aufgehört, der uns vorher dauernd noch begleitet hatte. Wir liefen etwas herum, hatten unser  Gepäck im einzigen Laden gelassen. Ein Teehaus gab’s leider nicht. Nach den Häuschen sah’s hier nicht so recht aus, obwohl im ‚Bardorf‘ (unserem Reiseführer) beschrieben.

Auf eins liefen wir zu, leider lag es neben einer Schule, aus der uns natürlich sofort 20 Kinder und ein Offizier hinterher rannten. Das Bienenkorbhaus war unbewohnt, beim reingehen durch die niedrige Tür rutschte ich natürlich zur allgemeinen Gaudi aus und ab auf’s Steißbein. Hähä, so’n dummer Tourist… Göttlich dann der Blick von innen auf die Tür, durch die 15 Gesichter reinschauten. Wir liefen weiter durch Matsch, es nieselte wieder und wir wurden bei einer Familie zu einer heißen Schafsmilch mit Zucker eingeladen.

Ein fettes, aber irgendwie süßes Baby mit geschminkten Augen war neben uns der Star. Wir hatten viel Spass mit einem alten Radio und Gerds Walkman, den sich nacheinander alle aufsetzten, sogar die Oma. Göttlich. Unsere Musik war aber wohl nicht OK, es wurden ein Moschee-Mitschnitt und eine irakische Gruppe auf Kassetten herbeigebracht. Wir haben alle nur gelacht: drei jüngere und zwei ältere Männer, zwei junge Frauen mit Baby und Oma in diesem alten Lehmhaus mit Blick auf grüne Wiesen und schwarze Wolken, ab und zu aber ganz hell die Sonne.“

Ebla

Vielleicht hat der vergleichsweise bescheidene Wohlstand, der durch die Ausgrabungen nach Ebla kam, aber wohl auch durch die Nähe der Hauptstraße Aleppo-Damaskus entstand, hier in Tell Mardikh dazu geführt, dass die Bewohner sie hier zunächst oft mit einem „modernen“ Flachbau kombiniert haben, ehe sie dann häufig ihren Zweck verloren und verfielen.

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Die Menschen leben hier seit Jahrtausenden hauptsächlich von ihren Herden aus Ziegen und Schafen, die in der Umgebung frei umherziehen und überall knabbern, wo etwas grün ist, sowie von Hühnern, während die Menschen karge Felder bestellen, auf denen wohl vor allem Hülsenfrüchte und Melonen gedeihen. Durch die Ausgrabungen und den beginnenden Tourismus war das Dorf fast schon wohlhabend geworden. „Ich machte ein paar Photos der Häuser und Späßchen mit ein paar Kindern – ich freute mich riesig, wieder hier zu sei. Mein Gepäck ließ ich bei einer Familie und lief zum Grabungshügel.“ Kaum vorstellbar, dass hier damals über 250.000 Menschen gelebt haben.

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

„Innerhalb und selbst die Stadtmauer hoch spross das frische Getreide. Das ergab einen tollen Kontrast zu den viereckigen Grabungslöchern. Der Palastbezirk mit der Bibliothek war jetzt „restauriert“, das heißt man hatte die alten Wände mit weißlichem Schlamm verstärkt und wohl wetterfest gemacht. Hinein durfte man immer noch nicht. Ein tolles Erlebnis, das alles im Frühjahr und das zweite Mal zu sehen. Ich sammelte noch Scherben, unsere alten hat ja jetzt ein syrischer Busfahrer aus Homs oder Tartus  (…) Ob er die irgendwo auf den Müll geschmissen hat? Macht mir irgendwie ein blödes Gefühl. Man sollte auch echt eigentlich keine Scherben mitnehmen, aber Ebla ist halt übersäht davon – und zwar von archäologisch uninteressanten.“

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Die Umgebung von Ebla, aber auch das weite Gelände innerhalb der Wälle (den ehemaligen Stadtmauern) wird landwirtschaftlich genutzt.

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Während die obigen zwei Fotos das Gelände innerhalb der Mauern in Blickrichtung des ehemaligen Palastbezirks zeigen, sind die folgenden beiden oben vom Palast aus zurück aufgenommen worden.

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Die jahrhundertelange landwirtschaftliche Nutzung hat in Blickrichtung auf das Dorf zur allmählichen Abtragung der Stadtmauer geführt.

Im Bericht der Ausgrabung heißt es: Der Sandboden an den Außenseiten des Tells ist mit Tonscherben gespickt, auf die man sich außerhalb des Nahen Ostens förmlich stürzen würde … Sie sind zumeist byzantinisch, römisch oder griechisch, aber auf jeden Fall weniger als zweitausend Jahre alt, und vor allem gibt es so viele dass man die Straße nach Damaskus damit pflastern könnte.“ Mich erinnerte das hier an ein Kindheitserlebnis von einem Tell nahe des Garten Fin bei Kashan im Iran Ende der 1960er-Jahre. Das eigenartige Gefühl, das einen angesichts dieser Fundstücke überkommt, wurde im Bericht ebenfalls gut beschrieben: „In dem Maße, wie man vorankommt, wächst da Empfinden, man stiege durch die Jahrhunderte hinab. Eine Deckschicht von etwa einem Meter Stärke entspricht vielleicht nur der Ablagerung von hundert Jahren. Aber wenn man dann immer tiefer vordringt, wird dieses Gefühl des Hinabsteigens wie ein rausch, denn um einen herum ist Ton, Schlamm, Basalt, alles poröse Substanzen, denen der Hauch der Vergangenheit zu entströmen scheint. Allein schon mit den eigenen Füßen auf der obersten Abtragungsschicht zu stehen, kann ein überwältigender Eindruck sein.“

Der Besuch der Bienenkorbhäuser hatte für mich den Effekt einer merkwürdigen, die Jahrtausende übergreifenden Verschmelzung der Eindrücke. Die Wohnbauten in Ebla schienen dadurch gar nicht mehr so historisch entrückt, es wurde eine Verbindung spürbar, eine die Zeiten übergreifende Konstante im Leben dieser genügsamen, an die Bedingungen der Natur angepassten Bevölkerung.

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Im Museum in Aleppo hatte ich wenige Tage zuvor einige dieser berühmten Keilschrifttafeln gesehen. Die wohl aus dem 4. Jahrtausend vor Christi stammenden Tafeln beziehen sich auf einen Zeitraum etwa tausend Jahre vor Abraham. Daher gab es viele Spekulationen darüber, ob sie uns etwas darüber sagen können, ob die biblische Geschichte wahr ist oder nicht. Sicher erscheint nur, dass die dort geschilderten Legenden lange vor der Bibel existierten.

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ich blieb diesmal nur wenige Stunden, weil ich in Maaret en-Noman, weiter im Süden,  mit dem Besuch einer damals sehr gastfreundlichen Familie in anderer Weise an die erste Reise anknüpfen wollte.

Die Region ist heute unter Kontrolle der Nusra Front bzw. säkularer und islamistischer Rebellen. Offenbar gibt es wenig Zerstörungen.

Verwendete Quellen: Bermant, Chaim/ Weitzmann, Michael: Ebla. Neu entdeckte Zivilisation im Alten Orient, Umschau, Frankfurt a.M. 1979, S. 11f, 79ff, 84, 91;  Rotter, Gernot: Syrien. Edition Erde Reiseführer, Nürnberg 1995, S. 258ff., 277ff.; Scheck, Frank Rainer/ Odenthal, Johannes: Syrien, Dumont-Reiseführer, 5. Aktualisierte Aufl., 2011, S. 209

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Syrische Teehäuser 1986/88

ERINNERUNGEN AN SYRIEN. Damaskus, 28. – 31. August 1986, Deir-ez-Zor am 16./17. März und Aleppo ab dem 22. März 1988

Das Kaffeehaus hat schon im gesellschaftlichen Leben der osmanisch beherrschten Länder Vorderasiens eine große Rolle gespielt. Um 1537, also nur ein Vierteljahrhundert nach den ersten Quellen, die einen Konsum außerhalb von Äthiopien bezeugen – in Kairo -, wurde der Kaffee in Aleppo und Damaskus bekannt. Ende des 16. Jahrhunderts gab es in allen größeren Städten Vorderasiens Kaffeehäuser und es entwickelte sich eine Kultur, die erst ein Jahrhundert später über Venedig, Trieste und Wien nach Europa kam.

Heute dienen fast alle noch erhaltenen Kaffeehäuser von Aleppo und Damaskus anderen Zwecken und nur die imposante osmanische Architektur erinnert noch an die ursprüngliche Funktion, so das als solches 1663 erbaute osmanische Kaffeehaus im Komplex von Ipsir Pascha in Aleppo. Die heute dominanten Teehäuser sind weiterhin Orte der Entspannung und Begegnung, des Gesprächs, der Ruhe und der Muße – aber es gibt dort keine Aufführungen von Schattenspielen oder Puppentheater mehr und auch keine Auftritte von Märchenerzählern. Gespielt wird aber immer noch, wenngleich schon bei meinen Besuchen Mitte bis Ende der 1980er-Jahre der Fernseher begann, diese Freizeitvergnügungen zu verdrängen.

Ich habe mir in allen bei meinen Reisen 1986 und 1988 besuchten syrischen Städten ein Teehaus gesucht, um mittags oder abends die Erlebnisse des Tages aufzuschreiben: In Deir ez-Zor, Aleppo, Hama, Palmyra oder Damaskus. Fotos zu machen habe ich mich leider kaum getraut. Aber es gab ein Erlebnis mit einem amerikanischen Fotografen am Euphrat in Deir ez-Zor, das mir diesbezüglich Mut machte. Bislang hatte ich fast nur Monumente und Straßenszenen fotografiert. Hier aber ergab es sich durch die Situation eines Jungen, der über die Fensterbank zu uns hineinschaute und den Kontakt suchte, dass ich spontan fotografierte: Er spiegelte sich in Bud Richardsons Brille. Der Fotograf aus Seattle hatte mich dazu ermutigt, mich erstmals zu trauen, fotografisch in öffentliche Situationen mit Menschen hinein zu gehen, statt mich auf Landschaften und Monumente zu beschränken.

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Aus der Türkei im Norden kommend hatte ich ihn in dieser wichtigsten syrischen Stadt am Euphrat in einem Teehaus kennen gelernt, dessen Fenster zur Straße hin offen waren. Plötzlich tauchte dort hinter unserer Fensterbank ein Junge auf und es entwickelte sich ein Kontakt, eine beidseitige Neugierde aufeinander, die ohne Worte Befriedigung fand. Als ich fragte, ob ich ein Foto machen dürfe, war er einverstanden, ließ sich photographieren und zog dann an seiner Zigarette. Ob er ein Straßenjunge war?

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Von dem Teehaus existiert kein Photo. Abends bin ich aber noch einmal von meinem Billighotel runter auf die zur später im Krieg zerstörten Eurphrat-Brücke führende Straße und besuchte ein Teehaus, von dem ich nicht mehr weiß, ob es dasselbe war:

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Am nächsten Tag gab es eine weitere, mich nachhaltig beeindruckende persönliche Begegnung, diesmal mit einem Mann, der behauptete, über den größten, längsten oder ausschweifendsten Bart des Landes zu verfügen. Für mich neu war, ihn zu fragen, ob ich ihn photographieren dürfe. Natürlich…, vor einem Plakat mit NAsser und Hafiz al-Assad aus den Zeiten der panarabischen Vereinigung Syriens mit Ägypten.

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Von Deir ez-Zor ging es erst zu den antiken Stätten Dura Europos und Mari an der irakischen Grenze, dann den Euphrat aufwärts über Raqqa und Resafa nach Aleppo, wo ich ein echtes Stamm-Teehaus nahe des Uhrenturms am Rand des christlichen Viertels Al-Gudeida fand. Im Tagebuch notierte ich am 22. März 1988:

„Die Armenier, die uns gestern ’nen Kaffee spendiert hatten, haben uns für heute abend zum Essen und Quatschen eingeladen. Die Leute hier rauchen Wasserpfeife und spielen Karten. An den Wänden hängen abwechselnd bayrisch-amerikanische Landschaften und Fußballmannschaften, bloß die Deutschen fehlen. Der Boden voller feiner Sägespäne. In der Mitte einer dieser Petroleumöfen mit einer Apparatur, durch die immer tröpfchenweise ‚Sprit‘ ins Feuer kommt. Das Teehaus liegt so richtig schön ab von allem, obwohl 50 m von hier der Clocktower ist (…) 17 Neonröhren hängen hier, gefällt mir aber gut. Es ist schön, ein Stammteehaus zu haben, wo man auch die eute kennt und öfters nicht zahlen muß. 

Ein Tee kostete damals 2 syrische Pfund, also 40 Pfennig. Ich habe täglich ein halbes Dutzend getrunken, meist abends nach einem langen Tag mit Besichtigungen oder Ausflügen, um das Erlebte per Tagebuch zu reflektieren. Einige Tage später machte ich dieses Photo per Blitz, „mußte einfach ausnutzen, daß ich hier jetzt so bekannt bin„.

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Von Aleppo ging es südwärts über Hama und Palmyra nach Damaskus. Mein erster Besuch in der Hauptstadt, zwei Jahre zuvor, war noch stark davon geprägt, dass wir nach einem Überfall an der libanesischen Grenze zwischen dem Krak des Chevaliers und Tartus, bei dem wir unsere Pässe verloren, tagelang zwischen Deutscher Botschaft, der Polizei und einer für Ein- und Auseise zuständigen Behörde hin und her wechselten, um neue Papiere zu bekommen. Vom Busbahnhof kommend „haben wir uns gleich ein Taxi zum Mardje-Platz genommen, dort sind die ganzen Hotels“, schrieb ich ins Tagebuch.

In der Mitte des Platzes eine Metallstatue zur Erinnerung an die Fertigstellung der Telegraphenlinie nach Mekka, oben drauf eine nachgebildete Moschee.“ Vom ersten vormittäglichen Botschaftsbesuch kommend und nachdem dem wir endlich am Bahnhof ein Hotel gefunden hatten, das uns auch ohne Pässe aufnahm, erkundeten wir diesen Stadtteil genauer: „Wir gingen erstmal etwas durch die Gegend am Mardje-Platz, da, wo die Altstadt in die Neustadt übergeht, setzten uns in ein Teehaus im Freien, überdacht von Bäumen mit weit ausladenden Ästen. Viele Leute hier, Backgammon (Tavla) spielend, oder einfach nur Wasserpfeife rauchend. Hier gibt‘s keine normalen, schlichten Teehäuser, überhaupt sehr wenige – und wenn, dann gleich größere Gebäude mit Wasserpfeife.

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Nach einem weiteren Botschaftsbesuch sind wir dann nachmittags, ausgestattet mit einem „Reiseausweis als Passersatz“ wieder in die Innenstadt und entdeckten ein weiteres „Teehaus mit toller Atmosphäre abends, lauter Leute hier“, wie ich schrieb. „Mir gefielen vor allem die tollen alten Stühle. Sauber gearbeitet, ursprünglich und handgemacht.“ Nach dem Vorbild meines Bruders, der von einer Griechenland-Reise einen echten Tavernen-Hocker mitgebracht hatte, nahm ich mir vor, das hier auch zu versuchen.

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Am nächsten Tag versuchten wir einen Ausflug zum aramäischen Dorf Maaloula, gelegen in den Felsen nördlich von Damaskus.

Am Busbahnhof gingen wir erstmal in ein Teehaus. Ein netter Araber zeigte es uns, nachdem wir es erst nicht finden konnten – und brachte uns auch geich auf seine Rechnung Tee. Komisch, als ob die wissen würden, was uns passiert ist. Wir aßen Kebab-Sandwichs, die wir auch nicht bezahlen sollten. Der Besitzer legte uns wortlos als nette Geste eine fast leere Packung Zigarillos auf den Tisch. Ich probierte: Schmeckten toll – ‚Wine dipped and rum flavoured‘. Mir lief’s so richtig warm den Rücken runter, fühlte mich endlich wieder gut, die Leute wahnsinnig lieb, eine Erlösung von den vielen Arschlöchern, denen wir so in den letzten Tagen ausgeliefert gewesen sind.

Mit diesem Kraftausdruck meinte ich nicht nur den Busfahrer, der – bewaffnet mit einem mit Klebeband umwundenen Starkstromkabel – versucht hatte, an meine Freundin heran zu kommen und uns dann nach erfolgreicher Gegenwehr die Rucksäcke geklaut hatte, sondern auch die Polizisten, mit denen wir ihn danach bei stundenlangen Fahrten von Busbahnhof zu Busbahnhof zu finden versuchten, sowie all die uns – mangels Pässen – eiskalt abweisenden Hotelbesitzer in Damaskus und nicht zuletzt die vielen Typen, die meine Freundin im Basar und sonstwo anzugrapschen versuchten. Ich bedauere es heute sehr, meinen Vater insofern als schlechtem Vorbild gefolgt zu sein, als ich fast ausschließlich „tote“ Gebäude, nicht aber die Menschen als Fotomotiv wahrnahm.

Am Abend dieses missglückten Trips, der uns nicht nach Maaloula, dafür nahebei in einen idyllischen Garten geführt hatte, zu dem uns – als wir mangels Taxis oder Busse andere Transportwege suchen mußten – kuwaitische Touristen mitnahmen und uns Bier und Whiskey kredenzten, sind wir „wieder in eines der beiden großen, nebeneinander gelegenen Teehäuser an der Jamhurriyah Avenue (Straße der Republik). Hier haben wir gestern wunderschöne, handgemachte Teehausstühle entdeckt, mal sehen, vielleicht schaffe ich es, denen einen abzukaufen. Jedenfalls werden wir deshalb jetzt jeden abend da hingehen, lange bleiben und auch ein bisschen Trinkgeld dalassen, vielleicht klappt’s dann. Wenn wir vor’m Teehaus vorbei laufen, winkt uns einer der älteren Kellner immer schon begeistert zu, freut sich jedes Mal, wenn wir dann da Tee trinken. Ist auch für uns ein schönes Gefühl, langsam kennen wir uns gut aus hier, bewegen uns schon richtig selbstverständlich, wissen, wo es den besten Karotten-Bananen-Shake gibt und wo der Tee nicht ganz so bitter wie sonstwo ist.

Am nächsten Tag fanden wir an der Hauptstraße jenseits des Mardje-Platzes „ein zweistöckiges Restaurant, die obere Etage mit Blick auf den normalen Gastraum, wohl für Familien und Frauen gedacht. Wir waren so müde, dass wir einfach nur irgendwo etwas trinken wollten.“ Aus heutiger Sicht war das natürlich kein Restaurant, sondern ein Teehaus. Diese zwei Etagen wurden später ein üblicher Anblick, egal ob in der Türkei, in Ägypten oder im Iran: Unten sitzen die Männer, spielen Backgammon oder rauchen eine Shisha, während es oben einen gesonderten „Familienbereich“ für Paare gibt, von dem aus wir hinunter schauten.

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Danach sind wir in eine etwas abseits gelegene Teestube, in der wir unsere Reiseführer studierten, ehe wir die Omajjaden-Moschee besuchen wollten.

Wir lasen etwas rum, bis dann plötzlich ein etwa 30-jähriger Mann von ’nem hinteren Tisch kam und mir mitteilte, sehr höflich, aber doch bestimmt, dass das hier ein Teehaus sei und also nur für Männer – ob wir uns nicht woanders hinsetzen könnten? Ich sagte ‚OK‘, wir würden nur gerade noch den Tee trinken und kurz noch was schreiben. Mich hatte das irgendwie beeindruckt, dass es uns das so sagte, vor allem in dieser ruhigen Art. Aber meine Freundin fand das nicht OK, wollte sich in dem Punkt nicht anpassen, zumal uns der Kellner ja vorher noch mit großer Geste extra diesen Platz in der Mitte des Raumes angewiesen hatte. Sie fragte also bei ihm nach, aber ohne zu sagen, dass sich hier einer beschwert hatte – und kriegte natürlich gesagt, dass wir selbstverständlich sitzen bleiben können. Nach ‚ner halben Stunde ist der Mann dann gegangen, weiß nicht, ob demonstrativ, jedenfalls war mir das doch unangenehm. Ich hatte auch dauernd Blickkontakt mit ihm, konnte aber aus seiner Miene nix ablesen. Vielleicht dachte er ja, wir wären dumme Touristen, von Europa gleich nach Damaskus und ohne Ahnung von allem. Naja.“ Dabei waren wir wochenlang per Anhalter und Bus durch Jugoslawien, die Türkei und Aleppo hierher gereist.

Am gleichen Nachmittag entdeckten wir – nach dem Besuch der Omajjaden-Moschee – hinter dieser „endlich noch einmal ein normales Teehaus, wie in der Türkei, nicht wie sonst an irgendeiner besonders belebten Ecke. Hier, an der Rückseite der Omajjaden-Moschee, fühlte man sich komischerweise ganz abseits, einfach weil alles auf der anderen Seite der Moschee herumläuft. Wir saßen schön draußen, halb auf der Gasse, neben uns grüne Pflanzen – eine Seltenheit. Bloß der Tee war arg bitter. Hier rauchten wieder alle Wasserpfeife. Lauter urige alte Männer, Handwerker und Händler wohl, mit zerschrumpelten Gesichtern, abgearbeitet und stumm an der Pfeife saugend. Wir nannten es später das E.T.-Teehaus, hier sitzen echt die Extra Terrestrials…

Am nächsten Tag war ich wieder abends spät im Teehaus mit den Stühlen – „zum Tagebuch schreiben und vertraut machen mit den Kellnern, damit das morgen auch klappt mit dem Kauf eines Stuhls“. Diese Aktion scheiterte dann letztlich doch, vielleicht, weil wir am abend vor unserem Abflug in einer größeren Gruppe an Ausländern auftauchten – einem Australier, drei DDR-Tänzerinnen, die hier ein diplomatisch unterstütztes Ausbildungs-Engagement hatten und Rolf, unserem Reisebegleiter aus Münster, mit dem wir seit dem gemeinsam erlebten Raubüberfall zusammen waren. Er wollte sich eine Wasserpfeife kaufen, diese waren aber unverkäuflich, weil sie erst richtig eingeraucht werden müssen. Für einen von mir begehrten Stuhl bekam ich – statt einer direkten Ablehnung – aus Höflichkeit einen völlig überhöhten Preis genannt, womit sich das Thema erledigt hatte.

Vom – wie ich später lernte – berühmten Teehaus hinter der Omajjaden-Moschee habe ich leider auch beim zweiten Besuch 1988 kein Photo gemacht. Ich war noch viel zu fixiert auf Monumente und Straßenszenen, traute mich nicht, Details des Alltagslebens abzulichten. Außer in besonderen Situationen, wenn ich wirklich lange in einem Teehaus saß und im vorrangigen Impuls meine Freundin photographieren wollte und dann einfach noch ein zweites Photo der Umgebung machte.

Verwendete Literatur: Becker, H. et al 1979, S. 8; Wirth, Eugen: Die orientalische Stadt im islamischen Vorderasien und Nordafrika, Mainz 2000, S. 301f

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988

ERINNERUNGEN AN SYRIEN. Dienstag, 22. März 1988

Im Tagebuch schreibe ich von einem entspannten Tag, den ich zunächst in meinem Stamm-Teehaus, nur 50 Meter vom Clocktower im alten Hotelviertel westlich der Altstadt entfernt und dennoch richtig schön abseits vom Trubel verbracht habe. „Das Wetter ist nicht besonders schön, dunstig und wolkig“, schrieb ich. „Heute ist mein ruhiger Tag, der erste echte bisher, sonst bin ich jeden Tag mit Bussen unterwegs gewesen.“

Dieser Orienttrip durch sechs Länder hatte per Anhalter am 4. März in Marburg begonnen und endete anderthalb Monate später mit dem Rückflug aus Kairo. Ziel war, neben dem Besuch bislang unbekannter Orte, einen Praktikumsplatz für ein Auslandsjahr nach dem Vordiplom bei einem Auslandskorrespondenten einer Zeitung zu finden. In Syrien gab es niemanden, erst in Amman und Kairo. Nach vier Tagen erreichte ich Istanbul. Fünf Tage später war ich per Bus und Zug in Diyarbakir und den noch schneebedeckten kurdischen Bergen, erkundete dort mehrere Dörfer und Klöster, ehe es am 16. März am Fuß der Berge über die Grenzstation Nusaiybin/ Quamishliye in der Tiefebene zum zweiten Mal nach 1986 nach Syrien ging. Es war eine überraschende Reise in den Frühling hinein, mit Besichtigungen der antiken Stätten Dura Europos und Mari an der syrisch-irakischen Grenze am Euphrat, ehe ich dem Heidelberger Studenten Gerd Kochendoerfer begegnete, mit dem es nach fünf Tagen flussaufwärts über Resafa und Raqqa nach Aleppo ging, nur um tags drauf gleich weiter in die toten Städte der altrömischen Olivenanbauregion bei Qualaat Samaan zu fahren.

Erinnerungen an Syrien 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Auf Aleppo hatte ich zunächst keine richtige  Lust, glaubte die Stadt schon ausreichend zu kennen, entdeckte für mich aber rund um mein Billighotel Al Qazar (oder Khazar?) das Leben im christlichen Viertel „El-Djdeide“, das 1909/11 entstandene, aber herunter gekommene  Hotel Baron (in dem schon Lawrence von Arabien, Agatha Christie, Kemal Atatürk, König Gustav Adolf, Charles de Gaulle  und Ted Roosevelt übernachtet haben). Im Viertel rund um das Bab el-Faradsch mit seinem osmanisch-kolonialen Uhrenturm und Dutzenden Billighotels, Teehäusern und Garküchen, entdeckte ich eine Straße mit einer intakten Rehe  uralter Holzhäuser. Solche Häuser aus osmanischer Zeit gab es nur noch wenige in der Altstadt und wie hier im Übergang zur Neustadt jenseits der Nordwestecke der Altstadt, sowie im Viertel Al-Bustan. Anders als die typischen Aleppiner Adelshäuser, die ihren prachtvollen Innenhof wie kleine Festungen hinter abweisenden und unscheinbaren Außenmauern aus Kalkstein verbergen, öffnen sich diese Mittelschichtgebäude mit ihren Erkern nach außen ins pralle Leben.

Erinnerungen an Syrien 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Rund um den Verkehrsknotenpunkt des Bab el-Faradsch mit dem Uhrturm traf man, wie ich bei Jörg Wagner heute nachlas, „auf eine einzigartige orientalische Stadtkultur, auf ein lebhaftes Miteinander verschiedener Kulturen, Religionen und Völker, die in beachtlicher Liberalität und Toleranz die syrische Gesellschaft aufgebaut haben“. Ich lernte auch, dass das für mich rein armenische Viertel tatsächlich ein Viertel arabischer, armenischer und europäischer Christen war.

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Nahe meines Stammteehauses führten ein paar Ladenpassagen in Hinterhöfe. Eine von ihnen war mir, der ich gerade auf der Suche nach den hier sehr seltenen Diafilmen war und generell sehr sparsam fotografierte, erstaunlicherweise gleich mehrere Fotos wert. Damals in analogen Zeiten mit Filmen à 24 oder 36 Aufnahmen machte man pro Highlight nur sehr ausgewählt und überlegt zwei bis drei Fotos (statt 20 heute).

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Im Tagebuch notierte ich: „Ich machte dann ein paar Fotos von Kinoplakaten und fragte mich durch 10 Fotoläden nach Diafilmen durch. So etwas scheint es hier nicht zu geben, oder zumindest nur in 2-3 Läden. Einen davon kriegte ich gezeigt und kaufte zwei Konica-Filme für je 150 syrische Pfund (nach dem Zwangsgrenzkurs von 11,2 SP pro Dollar bei einem Bankkurs von 26 total teuer)“. Mehr schrieb ich zu den Kinoplakaten nicht. Vielleicht sprechen sie für sich in ihrer Kombination aus Phantasien waffenstarrender Männlichkeit und unerreichbar fröhlicher Beziehungen. Was für mich zählte: Ich war total happy über die Aufstockung meines Diafilmbestands. Wenn ich jetzt auch nur noch 150 SP hatte und bald auf dem Schwarzmarkt neu tauschen musste: Da bekam man 45 – 55 SP pro Dollar, riskierte aber im Extremfall eine Gefängnisstrafe, wie es hieß.

Ich habe keine Vorstellung davon, was aus diesem Viertel geworden ist. Und möchte es eigentlich auch nicht wissen. Schaut man heute auf Google-Earth hinein, scheinen die Zerstörungen nicht so schlimm zu sein. Aber egal wie: Es wird auferstehen. Das scheint mir sicher, bei dieser Stadt, die mit Damaskus um den Titel der ältesten kontinuierlichen Großstadt der Welt konkurriert. Was aber am Ende dieses Trips gelang, war, einen Praktikumsplatz beim Auslandskorrespondenten der Süddeutschen Zeitung in Kairo, Heiko Flottau, zu bekommen – im September dieses Jahres begann dann eine mehrjährige, noch nicht wirklich abgeschlossene Lebensphase, in der Kairo die Hauptrolle spielte, weshalb Syrien für mich schnell in Vergessenheit geriet.

Ein weiteres Foto eines Kinos kann ich leider nicht mehr sicher lokalisieren: Aber egal, ob Aleppo, Hama oder Damaskus, 1986 oder 1988 – da ist wieder dieses Mann-Frau-Thema, an das heran zu zoomen sich lohnt …

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Verwendete Quellen: Rotter, Gernot: Syrien. Edition Erde Reiseführer, Nürnberg 1995, S. 254f; Wagner, Jörg: Syrien. Erbe einer antiken Kulturlandschaft, Harenberg Edition, Dortmund 1996, S. 140.

Vier weitere Fotos Aleppiner Kinos unbekanten Datums finden sich bei Wikimedia und Pinterest (1) und (2)

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt