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Darband und der „dicke Stein“_Teheran

Im Norden Teherans, wo die Metropole seit 40 Jahren die Hänge des Elbursgebirges hochwächst, gibt es drei enge Felstäler, in die man hineinwandern kann. Zwischen den Darakeh- und Lashgarak-Tälern  ist vor allem das Darband-Tal berühmt und viel besucht. Wir Kinder sind dort während unseres Aufenthalts 1966-71 häufig und gerne mit den Eltern auf einem zunächst breiten, später schmalen Pfad Wandern gegangen, angelockt von der Aussicht, wieder auf den „dicken Stein“ zu klettern. Im Februar 1992 und im August 2016 bin ich noch einmal dort gewesen.

Drei Kilometer weiter westlich des Darband-Bachs fließt der Darakeh die Berge hinab. Auch hier gibt es einen Wanderpfad, der sicherlich schon seit einem Jahrhundert besteht. Nach ihm ist heute ein ganzer Stadtteil mit mehreren Hunderttausend Einwohnern benannt. Das 1700 m hoch gelegene Darband dagegen gehört zu Shemiran, einer ehemaligen Gebirgsfußoase rund um den Marktort Tajrish, der in den 1960er-Jahren noch einen Villencharakter hatte und viele Tausend Ausländern wie uns ein angenehmes Wohnviertel bot, heute aber ein Luxusquartier mit Hochhäusern ist. Damals lagen an diesen Bächen nur kleine Bergdörfer mit Felskuppen, unterhalb derer einige Teehäuser mit „Takht“ genannten niedrigen Sitztischen Erholung suchenden Großstädtern einen paradiesischen Erholungsort boten. Nur wenige Lokale hatten damals die Takht mit Teppichen belegt, einfache Sitzkissen mussten genügen.

Fährt man heute mit der U-Bahn von der viele hundert Meter tiefer gelegenen City von Teheran hinauf zum Tajrish und nimmt von dort ein Taxi zum Talausgang am ehemaligen Grand Hotel Darband (ehedem zur Pahlavi Foundation gehörend), passiert man rechterhand der hohen Mauern der ehemaligen Kaiserlichen Sommerresidenz Saadabad, die 1937 weltbekannt wurde durch den hier unterzeichneten Nichtangriffspakt zwischen Iran, Irak, Afghanistan und der Türkei, ein Viertel, in dem fast nur Wohlhabende leben. Die Straße endet an einem Bergsteigerdenkmal, hinter dem es nur zu Fuß weiter geht. Der Kontrast zur Zeit vor der islamischen Revolution 1978/79 ist krass: Aus einem ruhigen Wanderweg für Erholung suchende Ausländer wurde – freilich erst einige Jahre nach der Revolution – der berühmteste Ort des Landes, an dem sich Männer und Frauen einigermaßen frei begegnen können.

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Nach gut 200 m öffnen sich beidseits des Weges prachtvoll präsentierte Restaurants, die in mehreren Etagen die Hänge hoch wachsen. Viel Grün, Blumen und bunte Lichter locken. Zwischendurch Läden, die denjenigen Sweeties, Maulbeeren, Getränke und sonstiges Proviant bieten, die weiter hoch laufen wollen

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Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Diese Restaurantempel hat Mathias Kopetzki 2011 in „Teheran im Bauch“ schön beschrieben:

„Sie wirkten mit Stapelbalkonen und Dachverzierungen wie Kunstschlösser in Disneyland. Touristengruppen schleckten dort Eiscreme, während ihre Sonnenbrillen im Mittagslicht glitzerten. Freiluftcafés, eines nah über dem anderen, mit Wellblech überdeckt und bunten Glühbirnen gechmückt, luden anden Hängen zum Verweilen ein. Ihre Terrassen, mit Zierpflanzen in Szene gesetzt, öffneten den Blick auf eine rauschende Wasserpracht, welche Gäste auf Sitzliegen an sich vorüberstürzen liessen. Vorwiegend Jugendliche hockten darauf, führten ihren Tee mit Feigen oder kleinen Kuchen zum Mund und ignorierten das öffentliche Berührverbot des anderen GEschlechts: Aus dem Augenwinkel beobachtete ich Küsschen und Händchenhalten. Männer mit Speisekarten warteten an den Eingängen und warben um uns.“

Wer sich das nicht leisten kann oder hoch in die freie Bergwildnis strebt, hat erst einmal einen guten Kilometer zu laufen. Und besorgt sich höchstens etwas Proviant in den kleinen Läden zwischen den großartig inszenierten Restaurantportalen.

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Wir wollten uns schlicht von der lauten und hektischen Stadt erholen. Aber wo einkehren? Gar nicht so einfach! Wir wollten es nicht zu pompös und auch in keiner orangefarbenen Cremetorte sitzen.

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Nachdem die Strasse am Fuss eines Felsens endet und es nur noch über Treppen und einen schmaler werdenden Weg weiterging, fanden wir das passende, auch für Kinder geeignete „Milad Restaurant“, in welchem es über ein halbes Dutzend Treppen zu immer neuen Terrassen ging. Wir strebten nach ganz oben und wurden nicht enttäuscht:

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Ein Bach wurde so umgeleitet, dass er in mehreren Wasserfall-Kaskaden von den Felsen hoch oben durch das Lokal sprudelt und mit frischer Luft den trocknen Staub vertreibt. Denn das ist genau, was man hier sucht: Eine kühle Frische. Und noch etwas anderes, für das man in Mitteleuropa zwar auch im Dorf genauso wie in der Stadt in ein Lokal geht, das es im Iran aber fast nur hier gibt: Die Möglichkeit für Unverheiratete, unbeaufsichtigt und im Wesentlichen unkontrolliert zum anderen Geschlecht Kontakt aufzunehmen.

Darband (c) Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Wir blieben viele Stunden auf unserem Hochsitz, aßen Chello Kebab und Melonen, tranken Tee, holten uns später unten noch auf Holzkohle gegrillten Mais und genossen die Ruhe.

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Wunderbar dann die Dämmerung und der Anblick des Lichtermeers unter uns. Wir haten einige Wanderer beobachtet, die es oberhalb von hier hinter die Felsen zog, hinter denen es weiter zur kleinen Ortschaft Pas-e Qaleh geht. Dort oben lag vor fast 50 Jahren auch das Ziel unserer Wanderungen als Familie, die hier Ende der 1960er-Jahre fünf Jahre verbracht hat: Der dicke Stein. Wir Kinder liebten es, auf diesen etwa drei Meter hohen kugeligen Brocken zu klettern, der da am Wegesrand lag. Beim nächsten Besuch in Teheran werde ich weiter hoch steigen, um ihn zu suchen.

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Auf dem Rückweg sahen wir viele geschlechtlich getrennte Gruppen, die glücklich oder frustriert heimwärts strebten. Und erlebten eine signifikante kurze Szene mit dem Wärter bzw. Kundenanlocker unseres Lokals, der kurz mit einer Frau flirtete, die hier mit einer Freundin von oben herab lief,  um danach feixend zu einem Kumpel zu blicken.

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Jüngere Leute laufen in kleinen Gruppen so hoch und unbeaufsichtigt, wie es geht, um gleiche Gruppen des anderen Geschlechts scheinbar unauffällig und absichtslos anzusprechen und vielleicht (vielleicht) einen vielversprechenden Blick oder gar eine Handynummer zu ergattern. Also eigentlich genau wie in mitteleuropäischen Lokalen, in denen man auch eine Gelegenheit oder einen Vorwand braucht, will man mit Unbekannten in Kontakt kommen. Und dann ergibt sich etwas oder auch nicht.

Verwendete Quellen: Mathias Kopetzki: Teheran im Bauch. Wie meines Vaters Land mich fand, Gütersloher Verlagsanstalt, Gütersloh 2011, S. 120; Schroeder-Reiseführer Iran, etwa 1966 , S. 164.

Darband und der „dicke Stein“_Teheran © Ekkehart Schmidt

Bauerestuff_Ettelbrück

Seit ich etwa 2008 das erste Mal diesen Bau mit der „Bauerestuff“ (wahlweise auch „Baurestuff“) im Erdgeschoss sah, wollte ich da immer mal hineinschauen. 1880 wurde das Gebäude mit den markanten, aus Erkern hochstrebenden Spitztürmchen durch den Architekten Henri Betz-Pütz als „Hôtel de la Fédération agricole“ errichtet. Irgendwann entstand dann dieses landesweit bekannte, ja offenbar fast berüchtigte Lokal. Aber erst durch die Veröffentlichung des Stadtentwicklungsprojekts der Umgestaltung des gegenüber liegenden Ettelbrücker Bahnhofs wurde mir klar, dass hier etwas Authentisches verloren zu gehen droht. So bin ich gestern in der Mittagspause hoch gefahren. Eingebettet in die weitere Entwicklung der Nordstad soll der zweitwichtigste Bahnhof des Landes zu einer „multimodalen urbanen Plattform“ umgebaut werden. Konkret sollen der Bahnhof und seine Umgebung völlig umgestaltet werden: Abrisse, Tief- und Neubauten… (mehr dazu hier). Wird die Bauerestuff auch betroffen sein?

Bauerestuff_Ettelbrück © Ekkehart Schmidt

Bauerestuff_Ettelbrück © Ekkehart Schmidt

Bauerestuff_Ettelbrück © Ekkehart Schmidt

Bauerestuff_Ettelbrück © Ekkehart Schmidt

Bauerestuff_Ettelbrück © Ekkehart Schmidt

Bauerestuff_Ettelbrück © Ekkehart Schmidt

Die Überlegung ist nachvollziehbar, dass diesem – hinter der Bauerestuff und dem Hotel Lanners unattraktiven – Ortseingang eine Umgestaltung gut tun würde. Wenn der Bahnhof schon für das Ziel einer ökologisch sinnvollen Verbesserung der Park&Ride- und anderen attraktiven „modalen“ Umsteigemöglichkeiten abgerissen werden muss, will man den individuellen Auto-Pendelverkehr in die Hauptstadt reduzieren, dann kann man auch die Umgebung modernen Bedürfnissen anpassen. Als ich gestern das Lokal betrat, sah ich das ein und war doch dankbar, dass dieses Gebäude offenbar doch erhalten bleibt. Zwar sind gerahmte Bilder von Formel 1-Boliden, Emaille-Tafeln von Jägermeister und Coca Cola, Poster vom Abendmahl mit Marilyn Monroe überhaupt nicht mein Ding, aber da war mehr zu entdecken. Ganz abgesehen von der eicherustikalen Einrichtung.

Bauerestuff_Ettelbrück © Ekkehart Schmidt

Bauerestuff_Ettelbrück © Ekkehart Schmidt

Bauerestuff_Ettelbrück © Ekkehart Schmidt

Das gut besuchte Lokal schien mir mit Blick auf einige Details wie die Zuckertüten zunächst einen portugiesischen Inhaber zu haben, aber neben dem TV-Flachbildschirm mit den aktuellen Lottozahlen lief auf einem zweiten eine Kochshow des italienischen Senders Rai I und neben der Theke hing ein Poster eines AC Milan Fanclubs, der eine Reise zum nächsten Heimspiel gegen Fiorentina anbot. Wenngleich die schwarze Kellnerin in enger Jeans und prachtvollen Rastalocken ebenfalls ein Indiz für ein portugiesisches Lokal zu bieten schien, hörte ich den griesgrämig schauenden jungen Mann, der offensichtlich der Inhaber zu sein schien, dann doch mit einem Bekannten italienisch reden. OK. Im schönen Einbauschrank lagen der italienische „Corriere de la Sierra“, die portugiesische Sportzeitung „Record“ und das Luxemburger Wort aus. Bauern sah ich keine, eher eine Arbeiter-Handwerker-Kundschaft, die den großen Rubbellos-Automaten bediente. Das war früher sicher anders, als hier wohl ein Gutteil der Kunden vom Dorf beim benachbarten Großbetrieb mit einem siloähnlichen Turm zu tun hatte. aber der steht schon lange leer und wird wohl abgerissen.

Als Ergebnis eines 2010/11 ausgelobten städtebaulichen Wettbewerbs sollen alle hier bestehenden Gebäude – mit Ausnahme der „Bauerestuff“ und des Hotels (rosa auf der Skizze unten) – „komplett abgerissen werden, um Platz für eine neue Bebauung zu schaffen“, wie es auf der Stadtentwicklungsseite der Nordstad heißt. Bei genauer Betrachtung der Planskizze soll auch die alte Platane entfernt werden. „Für das gleich neben dem neuen Bahnhof gelegene Areal wurde ein urbanistisches Konzept ausgearbeitet, „mit dem Ziel, die Entwicklung des Bahnhofsviertels weiter voranzutreiben. Zusammen mit den Planungen für den neuen Bahnhof in Ettelbrück entsteht somit ein lebendiges Stadtviertel mit hoher Aufenthaltsqualität und Anziehungskraft“, heißt es. Ich habe den Eindruck, dass hier einer Kleinstadt von außen – mit 160 Millionen Euro Investment der Regierung – etwas großmannssüchtiges aufgepropft werden soll.

Zwar wurden schon Arbeiten am Busbahnhof begonnen, am Bahnhofsvorplatz ist aber noch alles beim alten. Nicht mehr lange. Ich hoffe, dass nicht auch die Bauernstube einem ihre Geschichte und ihren Charme zerstörenden Lifting unterzogen wird.

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Adresse: 2 rue de la Gare, L-9044 Ettelbrück, Tel.: 816318

Verwendete Quellen: Kugener, Serge: Sentier Urbain Touristique, in: de Reider Nr. 65, November 2015, S. 58-59; Stadtentwicklung Nordstad: Verband. Umnutzung des freiwerdenden Areals  und Gare Ettelbrück: Bahnhofsviertel Ettelbrück als urbane Drehscheibe

Bauerestuff_Ettelbrück © Ekkehart Schmidt

Street Ghosts in Luxemburg

Wer weiß schon, ob sie/er ungefragt vom Google Street View Auto abgelichtet worden ist? Wenn auch im nachhinein anonymisiert, weil grundrechtlich durchaus fragwürdig. Die meisten Passanten auf dem Weg zur Geliebten, im Urlaub auf Mallorca oder beim Einkauf in der Nachbarschaft sind sich ihrer zweiten Existenz bei Google nicht bewusst. Manche von ihnen haben jetzt gar eine dritte Existenz: Der amerikanisch-italienische Konzeptkünstler Paolo Cirio begann 2012 damit, ausgewählte Silhouetten dieser Menschen aus dem virtuellen Raum zurück in die Realität zu holen, indem er ihre Google-Abbilder als Aufkleber genau dort wieder sichtbar machte, wo sie das Google-Auto zufällig abgelichtet hatte. Nach Stuttgart, Berlin, Namur, Amsterdam, Rotterdam, Budapest, Zagreb, Ljubljana, Lyon, Paris und Marseille war er jetzt auch in Luxemburg aktiv. Vom 15. Oktober 2016 bis zum 15. Januar 2017 waren 35 dieser „street ghosts“ in der Innenstadt zu sehen. Nicht zufällig hat der „International Kunstverein Luxembourg“ den New Yorker für dieses erste Projekt beauftragt. Dem neu gegründeten Verein geht es unter anderem um das eine Debatte um Recht am eigenen Bild und das Ende der Privatsphäre.

Die lebensgroßen Abbildungen der Passanten erscheinen für den uninformierten Passanten überraschend, an unscheinbaren Ecken, ohne Erklärung. Nach welchen Kriterien wählte Cirio seine Personen aus? Abhängig vom Ort, von den Farben, ihrer Stellung und der Umgebung im Raum, erläuterte er gegenüber dem Luxemburger Wort. Es war mir diesen Winter ein schönes Vergnügen, berufliche Gänge in die Innenstadt mit der Suche nach diesen Straßengeistern zu verbinden, zuletzt in der vergangenen Woche, als die Ausstellung schon beendet war und ein gutes Dutzend Silhouetten schon wieder entfernt worden waren. Ein Faltblatt zeigte Interessierten, wo sie zu suchen hatten.

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Neben diesem, wie ein Türsteher wirkenden Herrn neben dem Eingang des edlen Hotels Cravat gefiel mir vor allem der Herr am Schaufenster eines ähnlich edlen Antiquitätengeschäftes nahe der Place du théâtre, das jetzt allerdings durch die „Soldess“ etwas billig wirkte: Er schaut hinein, als wäre das aktuell, dabei wurde er hier vielleicht schon vor mehreren Jahren vom Google-Auto erwischt, als hier nur teure Ware zu sehen war.

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Paolo Cirio hat die Poster in Farbe auf dünnem Papier ausgedruckt, dann entlang der Silhouette ausgeschnitten und mit „wheatpaste“ (was immer das ist) aufgeklebt. Die Verpixelung der Gesichter stammt noch original von Google. Mir gefiel das besonders gut an einem meiner beliebtesten Cafés der Stadt, dem Interview: Die Frau habe ich mir beidseitig angeschaut.

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Die schönsten Interaktionen gab es freilich an der Post am Hamilius, wo ich von den bestehenden sechs Straßengeistern nur noch drei gefunden habe. einer Bettlerin dort war wohl gar nicht bewusst, was da hinter ihr auf der Wand klebte.

Street Ghosts in Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Street Ghosts in Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Street Ghosts in Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Street Ghosts in Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Einige Menschen haben sich in dieser Arbeit wieder erkannt. Manche seien auch wütend auf den Künstler, dass er sie durch Aufkleber reproduziere, erzählte Paolo Cirio dem Tageblatt: „Sich auf dem Bildschirm zu sehen, ist ganz anders als auf einer Wand“. Der Bildschirm sei eine andere Art von Realität und für die Leute nicht so greifbar. Sie seien sich nicht bewusst, dass sie auf Google Street View weltweit und auf einem Schaufenster in Luxemburg halt nur von den Menschen vor Ort zu sehen sind. Eine Wand sei in seinen Augen nicht so öffentlich wie das Internet.

Eine interessante, die Sehgewohnheiten verdrehende Sichtweise – wohlgemerkt in die de facto richtige Richtung, da muss ich ihm zustimmen. Cirio versteht seine Arbeit als „Impact Art“: Er möchte Diskussionen auslösen, die etwas bewirken. Ich bin mal sehr gespannt, ob und wie lange manche dieser Google-Geister bestehen bleiben. Sie wurden offenbar nicht vom Künstler in einer konzertierten Aktion abgelöst und entfernt, sondern nach dem 15. Januar von den Inhabern der Häuser (die zu fragen und zu überzeugen natürlich Teil des nicht einfachen Projekts war).

Mit dem Online-Giganten wurde das Projekt nicht abgesprochen: „Google hat die Menschen ja auch nicht vor dem Fotografieren um Erlaubnis gefragt“, so Cirio gegenüber dem Wort.

Verwendete Quellen: Bönner, Vera: Ende der Privatsphäre, Tageblatt, 18.10.2016; lb/mij: Geister auf Luxemburgs Straßen, Luxemburger Wort, 07.10.2016; Molitor, Simone: Straßengeister, Journal, 08.10.2016; Rolland, Marie-Laure: Lorsque la fiction rattrape le réel, Luxemburger Wort, 19.10.2016.

Mehr zum Projekt:

http://streetghosts.net

http://paolocirio.net/work/street-ghosts/

http://www.kunstverein.lu

Street Ghosts in Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken

Es wirkt wie in Aleppo. Jedenfalls von hinten. Dabei bin ich heute nur in die alte Becolin-Fabrik am Römerkastell in Saarbrücken eingestiegen. Nicht von vorne, da ist gründlich abgesperrt und nur an den Baggern merkt man, das jetzt eine Veränderung passiert. Sondern von hinten. Seit Jahren fahre ich hier auf dem Weg zum Zoo vorbei, hab so manche Andeutungen von coolen Techno-Parties, freakigen Künstlertreffs oder Ähnlichem gehört, war aber nie drinnen. Neben diesen illegalen Nutzungen gab es wohl in den leer stehenden Gebäuden von Becker und Sohn sowie der Becolin-Fabrik eine Zeitlang eine legale Nutzung als Paintball-Halle – was wunderbar passte, hat Becolin doch Automobilfarben hergestellt. Beim 1934 erbauten Gebäudekomplex hat es bis 1961 unterschiedliche bauliche Veränderungen gegeben, bis  die Fabrik nur wenige Jahre später ganz geschlossen wurde. Wann genau ist mir nicht klar. Jedenfalls stand das riesige Areal mindestens zwei Jahrzehnte weitestgehend leer.

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Ich hatte freie Zeit und suchte spontan danach, wie ich hier reinkommen kann. Irgendwie musste es ja gehen.

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Es ging von hinten durch den Bauzaun. Im Nachhinein lernte ich, dass es sich bei dem, was sich mir da präsentierte, um die Vorbereitung der Projektentwicklung „BECOLIN-BECKER-AREAL“ handelt: „14.000m² Büro-und Gewerbefläche an der Saarbrücker Ostspange“. Also um das Vernichten und Plattmachen und Entfernen.

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Es hat hier wohl einige legendäre Partys gegeben, bei denen sich die Saarbrigger wie in Berlin fühlen durften. Von 2010 bis 2015 wurden die Gebäude auch offiziell für Kulturveranstaltungen genutzt – unter anderem als Club des deutsch-französischen Theaterfestivals „Perspectives“. Schon vorher waren einige Graffiti-Künstler aktiv. Manche ihrer Werke ist schon zu Bruchstücken zerstört, ohne seinen Charme zu verlieren.

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Die Firma Schmeer-Bau hat das Gelände gekauft und reißt seit Mitte Januar alles ab, um es zu vermarkten: „Das Grundstück befindet sich am Rande der Mainzer Straße, in geringer Entfernung zum Saarbrücker Stadtzentrum. Die Fläche am sogenannten Römerkastell ist überwiegend von Gewerbe umgeben. Dazu gehören Unternehmen des Lebensmittelbereichs am Lyonerring, Speditionen, Fitnessstudios, Autohäuser, Fast-Food-Gastronomie, sonstige Handels- und Dienstleistungsunternehmen. Aufgrund seiner Lage und der hervorragenden Anbindung an die Autobahn A620, öffentliche Verkehrsmittel wie die Saarbahn, deren Haltestelle Römerkastell unmittelbar an das Grundstück grenzt, und sogar die fußläufige Anbindung an die Saarauen und den Saarbrücker Osthafen, bieten sich viele Nutzungs- und Entwicklungsmöglichkeiten für diese Fläche an. “

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

„Im Rahmen der Projektneuentwicklung stehen hier nun insgesamt ca. 14.000 m² zur Entwicklung von Gewerbe, Handel oder Dienstleistung zur Verfügung. Das Grundstück eignet sich beispielsweise auch hervorragend als Standort für eine Hotelnutzung. Die städtebaulich markante und repräsentative Lage kann auch baulich zur Prägung eines positiven Stadteingangs beitragen. Notwendige Stellplätze können im weniger nutzbaren, von der Hauptstraße abgewandten Teil des Areals untergebracht werden. Selbstverständlich sind auch Konzepte umsetzbar, die lediglich Teilflächen des Gesamtgrundstücks betreffen.“

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Und dann kam ich in den Kern, ins Herz der Anlage:

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

„Rubin“ hat sich hier mit einigen Pieces ausleben können. Und noch jemand anderes.

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Gerade letzten Donnerstag besuchte die SPD-Stadtratsfraktion das Gelände, hörte ich im Nachhinein. Es gibt – bei allem Verlust, der hier für die freie Szene zu beklagen ist – tatsächlich interessante Entwicklungsmöglichkeiten, wie es scheint. Und wie immer wird sich die Raver- und Grafittiszene andere Locations suchen.

Nachtrag vom 23. Februar: Das Hauptgebäude ist abgerissen. Der Trakt mit den Frauenköpfen steht noch. Ebenso das Nebengebäude Becker & Sohn (erste Fotos und letztes Foto links). Es soll erhalten bleiben.

Verwendete Quellen: Buss, Silvia: Wohnen in der einstigen Farbenfabrik, Saarbrücker Zeitung, 04.02.2017: http://www.saarbruecker-zeitung.de/saarland/saarbruecken/saarbruecken/saarbruecken/Saarbruecken-Architekten-und-Baumeister-Finanzinvestoren-und-Anleger-Wohnbereiche;art446398,6371292; http://www.schmeer-bau.de/aktuelle-projekte/detail/?doc=18

Abriss der Becolin-Fabrik_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Martin Schulz in Luxemburg

Vor vier Jahren hatte ich den Job, eine Veranstaltung fotografisch zu dokumentieren, bei der auch Martin Schulz als Präsident des Europäischen Parlaments sprach. Es war beeindruckend, ihn von Nahem zu erleben, weil er im Gegensatz zu manch anderen Akteuren an diesem Tag sehr authentisch wirkte und unbeeindruckt vom Wirbel um ihn – auch was mich als Fotografen anging – kurz vor seiner Rede seinen Espresso trank, während ein Telefonat zu erledigen war. Auf einem Nicht-Smartphone. „Interlycees“ findet einmal im Jahr statt: Gut 600 Schüler luxemburgischer gymnasialer Abschlussklassen begegnen Ministern, das heißt sie hören sich deren Reden unter dem eher elitären Motto „Entscheider von morgen treffen Entscheider von heute“ an. Es war morgens um 9 Uhr am 14. Januar 2013, er war wohl schon früh mit seinem Fahrer (drittes Foto) aus Brüssel angereist. Seitdem er als Kanzlerkandidat der SPD „gehandelt“ wurde, habe ich öfters an diese Begegnung gedacht. Da er nun tatsächlich als „Hoffnungsträger“ installiert wurde, habe ich mir die damaligen Fotos noch einmal angeschaut, zumal ich bei „Interlycées 2017“ letzten Montag wieder diesen Job hatte.

Martin Schulz in Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Martin Schulz in Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Martin Schulz in Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Martin Schulz in Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Martin Schulz in Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Homepage von Interlycées mit der Fotogallerie meiner Dokumentation

Martin Schulz in Luxemburg © Ekkehart Schmidt

 

Hotel Columbus_Frankfurt/Main

Die aktuellen Umwälzungen der mitteleuropäischen Welt der Hotels und Pensionen durch Sanierungen von Häusern mit langer Geschichte, werden völlig unterschiedlich wahrgenommen, je nachdem, ob sie durch eine pragmatisch-rationale oder eine nostalgisch-emotionale Brille betrachtet werden. Was für die einen eine überfällige Modernisierung unwürdig veralteter Strukturen ist, stellt für andere – zu denen ich mich zähle – eine tragische Kaputtsanierung authentisch individueller Übernachtungsangebote zugunsten eines gesichtslosen internationalen Stils dar. In diesen Häusern hängen, egal ob in Prag, Paris, Lissabon oder Neapel die immer gleichen Billigdrucke von van Gogh bis Macke über Betten aus dem Ikea-Katalog.

Bevor ich ein Hotel buche, checke ich immer die Auswahl und versuche, etwas zu finden, dessen Lage und Preis stimmen, das mir aber durch die Außen- und Innenachitektur auch das Gefühl vermittelt, wirklich an diesem speziellen Ort zu sein. Manchmal mache ich einen Fehlgriff, wie am vorletzten Wochenende in Frankfurt, als ich mich vom Äußeren des Hotel Columbus im Gallus-Viertel blenden ließ. Dabei hätte mich schon das unpassende, stillose Hotelschild aus Plastik warnen müssen.

Hotel Columbus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Columbus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Columbus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

„Kaputtsaniert“ klingt sehr hart. Ich will damit sagen, dass die Verantwortlichen des Hauses in Anpassung an internationale Standards, im Wettbewerb um Kunden am Messestandort, leider entschieden haben, jede ortsspezifische Individualität zu entfernen. Das in den 1970er-Jahren entstandene (oder jedenfalls unter diesem Namen eingerichtete) Hotel mit 25 Zimmern hat jetzt 3 Sterne und wirbt mit schallisolierten Zimmern und der immer gleichen Ausstattung aus Heizung, Schreibtisch, Telefon, kabellosem Internet und privaten Badezimmern mit Dusche und Fön. Nur diese Ausstattungsmerkmale scheinen zu zählen. Der heutige Inhaber hat es von seinem Schwiegervater übernommen, wurde mir gesagt. Ob hier vorher schon ein Hotel war, konnte ich nicht herausfinden.

Hotel Columbus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Columbus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Columbus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Columbus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Mehr ist auch nicht zu sagen oder zu zeigen. Hätte nicht das alte Treppenhaus überlebt. Es versöhnte mich in seinem grauen, komplett einheitlichen Anstrich, der abends leicht bläulich wirkte,  für meinen Fehlgriff. Man hätte aber auch andernorts Originalität zu erhalten versuchen können. Immerhin: Wir hatten drei Betten gebucht und bekamen für 82 Euro (ohne Frühstück) zwei Räume nebeneinander, durch eine Tür zugänglich und miteinander verbunden. Für Eltern mit Kindern ein Glücksgriff, weil man nicht zeitgleich mit den Kleinen schlafen muss.

Hotel Columbus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Columbus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Columbus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Columbus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Columbus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Abgesehen vom Treppenhaus konnte ich natürlich ein wenig Stuckdeckenfotografie betreiben und tat das auch, was mich tatsächlich etwas versöhnte.

Hotel Columbus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Columbus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Columbus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Columbus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Eine weitere Entschädigung war die Bar Mereb gegenüber, die ich sonst nie entdeckt hätte. Zwar sagte mir der pakistanischstämmige Nachtportier, es sei mit Kindern nicht geeignet, für mich alleine war deren Besuch aber ein schönes kleines Abenteuer. Ich will also wirklich nichts negatives zum Hotel sagen. Die Übernachtung hier bestätigte mir nur, dass es unterschiedliche Sichtweisen zum Thema „gutes Hotel“ gibt.

Adresse: Ottostraße 13, 60329 Frankfurt/ Main, Tel.: 069-2710880, info@columbus-ffm.de, http://www.columbus-ffm.de

Hotel Columbus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Café im Liebieghaus_Frankfurt/Main

Zu den wirklich verwunderlichen Erkenntnissen, die man in Deutschland gelegentlich macht, gehört die, dass es in Frankfurt kein Café am Main gibt. Jedenfalls nicht mit Blick auf den Fluss. Letzten Sonntag ahnte ich das ja schon, aber es wurde Gewissheit, als wir am Main zwischen Gutleutviertel und Altstadt einen Jogger fragten. Aber er gab uns einen super Tipp, rettete unseren Vormittag mit zwei kleinen Kindern: Am Museumsufer gegenüber gebe es im Liebighaus ein Café. Liebighaus? Wohlgemerkt Liebig, nicht Liebig. Eine Gründerzeit-Prachtvilla von 1896, erbaut für einen Baron und Fabrikbesitzer, ein Herrenhaus, das in einem architektonischen Mix aus süddeutscher Spätgotik und alpiner Renaissance errichtet und 1908 durch einen Galerietrakt in „barockisierendem Jugendstil“ (Aha!) ergänzt wurde, wie uns eine knallrote Gedenktafel am Eingang belehrte, nachdem wir den tatsächlich halb vereisten Fluss über den Holbeinsteg überquert hatten, um im fahlen Licht der Morgensonne am Schaumainkai zum Eingang des Hauses rechts des Städels zu laufen. Hier befindet sich schon seit einem Jahrhundert ein Skulpturenmuseum.

Café im Liebieghaus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Café im Liebieghaus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Café im Liebieghaus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Café im Liebieghaus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Café im Liebieghaus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Café im Liebieghaus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

„Das ist hier draußen wunderbar im Sommer. Da drinnen ist es jetzt eher das übliche“, sagte eine Dame zu ihrer Begleitung, während sie an mir und den auf einer Mauer balancierenden Kindern vorbei zum Eingang gingen. Aha? Diese 120 Jahre alten Gewölbesäle als konventionell-öde zu bezeichnen, empfand ich schon als zumindest überraschend. Aber wer weiß, wo die Damen sonst verkehren. Immerhin ist das hier ein edles Herrenhaus. Wir waren gegen 10 Uhr die ersten Gäste in diesem Lokal mit drei getrennten Räumen gewesen, sieht man einmal von zwei in ihre Zeitungslektüre vertieften Intellektuellen ab. Doch dann füllte es sich schnell, vor allem mit älteren Herrschaften. Es gab eine ungewöhnlich gute Auswahl an Frühstücksplatten. Perfekt für uns. Glücksgefühle – die Entbehrung hatte sich gelohnt, nüchtern vom Hotel Columbus im Gallusviertel den weiten Weg gelaufen zu sein, mit Spielplatzstopp und langer Beobachtung von Enten in einer eisfreien Zone am Main. Jetzt in aller Ruhe brunchen!

Wir blieben nicht im Hauptfoyer, sondern gingen einen Raum weiter. Neben einem großen Vortragssaal gibt es ein historisches Kaminzimmer und die so genante Harald-Keller-Bibliothek zur Auswahl. Insgesamt sicher 200 m2 und Platz für gut 100 Gäste.

Café im Liebieghaus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Café im Liebieghaus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Café im Liebieghaus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Die einzelnen Frühstücksplatten waren sehr großzügig gedeckt, es hatte aber auch seinen Preis: Wir zahlten gut 30 Euro für zwei solcher Platten plus Getränke.

Café im Liebieghaus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Café im Liebieghaus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

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Café im Liebieghaus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Café im Liebieghaus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Café im Liebieghaus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Zitrone und Lachs kannte unser Jüngster noch nicht… Unser so schön beginnender Aufenthalt endete dann sehr ärgerlich, weil unser Essen von einem übereifrigen jungen Kellner abgeräumt wurde, während wir mit den Kindern im Park waren – obwohl drinnen frisch geschmierte Brote, Handtasche und Mäntel lagen. Unsere Reaktion darauf ist eine andere, eigene Geschichte. Da sie sich aber am Tag nach Donald Trumps Amtsübernahme („Machtergreifung“ sollte man ja vielleicht doch noch nicht schreiben) ereignete, lohnt sie der Erwähnung. Während ich den jungen Kellner zurecht stauchte, kam Unmut von Seiten jenes Typus arrogant-bildungsbürgerlicher Rentner, die sich inhaltlich nicht interessierten, sondern ihre Ruhe haben wollten (ich bin sehr laut und präzise in meinen Aussagen geworden). Draußen zur Ruhe kommend, dachten wir: Ja, das sind diese Art von Leute, die sich von Kindern und Leuten mit bunten Klamotten und Migrationshintergrund so gestört fühlen, dass sie auch Trump wählen würden.

Café im Liebieghaus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Café im Liebieghaus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Café im Liebieghaus_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Mit einer halben Stunde Abstand haben sich der junge Kellner und ich gegenseitig um Entschuldigung gebeten und in die Augen geguckt, ich bekam vom Chefkellner noch einen Espresso und es wurden uns doggybagmäßig Käsebrote und Aufschnitt verpackt und mitgegeben, so dass wir letztlich erhobenen Hauptes und wieder im Gleichgewicht das Herrenhaus verließen.

Aber warum gibt es in Frankfurt am Main keine Cafés? Gibt es keine Nachfrage? Sind die Mieten zu hoch? Ist die Stadtverwaltung so unflexibel, auch mobile oder saisonale Strukturen zu erlauben, wie beispielsweise in Mainz? Oder Cafés auf Booten, wie in Saarbrücken?

Adresse: Schaumainkai 71, 60596 Frankfurt am Main, Tel.: 069-605098-292, cafe@liebieghaus.de, Öffnungszeiten: Di.-So. 10-18 Uhr, Homepage

Café im Liebieghaus_Frankfurt/Main  © Ekkehart Schmidt