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Tchaikhane Bahar_Kerman

Am frühen Nachmittag brütete der Meidan-e Arg, jener arkadengesäumte Platz an der Stelle der ehemalige Lehmburganlage von Kerman, vergangenen Samstag in der Sommerhitze, als plötzlich dieser Kharigi auftauchte und einen Tee bestellte. Zwar gibt es in Kerman durchaus Touristen und andere Ausländer, aber sie nehmen hier eher nur ein Nachtquartier, bevor und nachdem es in einem Parforceritt gut 450 km nach Mahan, Rayen, Bam und zurück geht. Mehr als eine Stunde Zeit für die sehr authentisch erhaltene Altstadt der Provinzhauptstadt bleibt dabei selten. Meiner Ansicht nach ist dies ein großes Missverständnis. Aber so ist Kerman die einzige wichtige Touristendestination geblieben, in der kein einziges Geschäft weder im Basar, noch außerhalb, auch nur einen kleinen Stapel Postkarten, geschweige denn andere Waren ausdrücklich sichtbar für Touristen anbietet. Entsprechend wunderte man sich hier über meinen Besuch. Ausländer pflegen sich sonst offenbar nur im Tchaikhane Sonnati für eine Pause niederzulassen.

Tchaikhane Bahar_Kerman (c) Ekkehart Schmidt

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Ich bekam meinen Tee und noch einen zweiten und dritten, Tagebuch schreibend und mir Notizen machend, ehe ich mich dann nach einer guten Stunde auch aus Höflichkeit – angesichts der zwei, zumindest dösenden Kellner – entfernte.

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Ich bin hier wohl 2013 schon einmal gewesen und habe etwas gegessen. Das Lokal bietet mittags ein halbes Dutzend Gerichte an und ist insofern auch Restaurant. Es ist aber auch gut möglich, dass dieses Tchaikhane damals noch nicht existierte: Seitdem in den vergangenen Jahren eine riesige Fläche Altbaustruktur hinter den Arkaden abgerissen worden ist, um Platz für eine monströs große Shopping Mall zu machen, gab es hier viel Wandel. Zwei andere Tchaikhanes, die ich damals fotografiert habe, existieren nicht mehr.

Tchaikhane Bahar_Kerman © Ekkehart Schmidt

Tchaikhane Yascha_Teheran

Gestern Abend habe ich mich in Teheran erstmals – bei vier Besuchen seit 1992 – wie in Kairo gefühlt. An der Khiabane Djumhuri-ye Eslami-ye, der Straße der islamischen Republik, 50 m westlich der Kreuzung mit der Khiabane Saadi, entdeckte ich eines dieser im Iran an fast allen Eingängen zu Teehäusern hängenden Poster mit dem immer gleichen, verschmitzt lächelnden, bärtigen Mann und gelangte in eine von brauner Patina starrende Passage in einem Gebäudekomplex aus den 1950er-Jahren, die von Mopeds und Basar-Lastenkarren halb zugestellt war. Beidseits schmauchte ein Dutzend Männer zwischen 40 und 70 in aller Ruhe ihre Wasserpfeife, inmitten von Herrenmodeboutiquen, für welche die Straße bekannt ist, aber eben auch am Nordrand eines Viertels mit Lampen- und Elektrogeschäften, in denen sie wohl beschäftigt sind, wo sich jedoch kein anderes Teehaus findet, die Stunde nach Ladenschluss genießend, ehe es heimwärts geht.

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Neben der ruhigen Atmosphäre war es wohl die Tatsache, dass man hier irgendwann einfach begonnen hat, die zu Hintereingängen von Läden führende, wenig frequentierte Passage zu okkupieren bzw. sinnvoll ökonomisch zu nutzen – bis hin zur Feuerstelle mit ihrem weit hoch führenden Ofenrohr, die irgendwann außen eingebaut worden war, die mich an die ägyptische Hauptstadt erinnerte. Einen roten Teppich zu einem der drei Eingänge würde man dort freilich niemals finden.

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Das seit einigen Jahren in Deutschland gebräuchliche, aus dem Arabischen übernommene Wort „Schischa“ stammt etymologisch zwar aus dem Iran – schische bedeutet Glas – und wurde von den Türken übernommen, doch hat es heute eine eher anrüchige Bedeutung. Man nennt die Wasserpfeife Ghalyun (zu deutsch Kalian oder Kaliun, einem Wort, das hierzulande nur in Kreuzworträtseln von Bedeutung ist).

Leider konnten mir die beiden Kellner, die mich – nachdem ich ein erstes Foto gemacht hatte – von sich aus aufforderten, sie zu fotografieren, nicht sagen, seit wann das Lokal existiert, geschweige denn, was „Yascha“ bedeutet. Dazu ist mein Farsi-Wortschatz leider immer noch zu bescheiden. Ich bin mir aber sicher, dass das Lokal nicht erst in dieser, sondern schon in der vorherigen Diktatur existierte und in mindestens 50 Jahren kaum seine Funktion verändert hat, eine Oase der Ruhe im Zentrum der Metropole zu sein.

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Tchaikhane Yascha_Teheran © Ekkehart Schmidt

„Immergrün“ übersprüht: Ein Frevel?

Das monumentale Graffiti „Das Immergrün (Periwinkle)“ von Dome ist Mitte Juli übersprüht worden. Es handelte sich neben dem „Abendmahl“ um eines der letzten beiden von der Urban Art Show 2012 verbliebenen grossflächigen Graffiti an der legalen Sprayerwand „4560“ am Staden in Saarbrücken. Ich hatte zuletzt im September 2015 über diese beiden, mir unantastbar erscheinenden „Heiligen“ gebloggt. So sah das damals aus:

Die zwei Heiligen von 4560 © Ekkehart Schmidt

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Die zwei Heiligen von 4560 © Ekkehart Schmidt

Jetzt ist der untere Teil übersprüht worden. Verantwortlich zeichnet eine Crew, bestehend aus Rubin, Bianco, Edbais, Mojo und anderen, die ein in sich schlüssiges und durchaus zu den verbliebenen, an Pusteblumen erinnernden Schirmen passendes Triptychon geschaffen haben.

"Immergrün" übersprüht: Ein Frevel? © Ekkehart Schmidt

"Immergrün" übersprüht: Ein Frevel? © Ekkehart Schmidt

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"Immergrün" übersprüht: Ein Frevel? © Ekkehart Schmidt

"Immergrün" übersprüht: Ein Frevel? © Ekkehart Schmidt

Schade. Aber irgendwann musste das passieren. Die Vorstellung eines „Bestandsschutzes“ widerspricht ja  der Idee, hier eine legale Übungsfläche auch für den Nachwuchs geschaffen zu haben. Ich bin fimmerhin froh, dass die Qualität des neuen Werkes gut genug ist, um einen – trotz dieses Gefühls eines begangenen Frevels – zu erfreuen. Zumal der obere Teil von „Immergrün“ noch da ist und sogar ganz gut passt.

Nostalgikern bleibt ein Film von Ronald Henss auf YouTube.

„Immergrün“ übersprüht: Ein Frevel? © Ekkehart Schmidt

Angela Miracle, der kleine Taha und die Angst vor dem Kontrollverlust

Diesen Text habe ich Anfang Mai 2016 in den Saarbrücker Heften veröffentlicht. Allerdings ohne meine Zeichnungen nach aktuellen Pressebildern.

Die Flüchtlingskrise überragt seit Monaten alle anderen politischen Themen. Anfang und Ende des deutschen Sommerwunders waren vor allem von Gefühlen bestimmt. Mitleid und Großzügigkeit der Bevölkerung haben trotz manchen Missmuts die Politik mitgerissen. Endlich sind wir die Guten! Doch dann lassen Terror und sexuelle Gewalt die Stimmung umschlagen. Zeit zum Nachdenken, auch über den humanitären Zeitgeist, der ein empfindlich-flüchtiges Wesen zu sein scheint und über sozialpsychologische Spannungen, die das Land polarisieren und zerreißen. Ein Versuch, sich einer Antwort auf die vor allem moral-psychologisch interessante Frage zu nähern, was im letzten halben Jahr eigentlich genau passiert ist.

Yesidische Flüchtlinge 2015 © Ekkehart Schmidt

Flüchtlingslager in Jordanien 2015 © Ekkehart Schmidt

„Es ist ein seltsames Wunder und grenzt ans Unglaubliche, was mit diesem Land geschah“, sagte der Theater-Intendant Claus Peymann zum Jahresende. Als rührend empfand er „das offene Herz Angela Merkels in dieser kalten Zeit“ und ergänzt[i]: „Womöglich hat sie ihren eigenen Untergang inszeniert.“ Es sei mit Blick auf die EU-Partner eine Ironie der Geschichte, „dass die Deutschen nun gehasst werden, weil sie etwas Gutes tun, während sie früher gehasst wurden, weil sie Fürchterliches taten.“

Das Ausmaß an solidarischem Miteinander, das offenherzige Menschen hierzulande seit September mit den ankommenden Flüchtlingen verbunden hat, wäre tatsächlich noch wenige Monate zuvor überhaupt nicht denkbar, geschweige denn für möglich gehalten worden. Jedenfalls für Menschen, die sich wie der Autor seit dem Asylkompromiss von 1993 mit Migrationsfragen beschäftigen. Damals war das deutsche Asylrecht in Kombination mit EU- Drittstaatenregelung und Dublin-Abkommen de facto abgeschafft worden. Nur einer winzigen Minderheit der weltweiten Migranten gelang es seitdem überhaupt, nach Europa zu kommen – vor allem über Lampedusa. Das war in einem stillen, gemeinsamen Einverständnis auch im Sinne der Deutschen.

Insofern waren die Ereignisse im September 2015 gerade für Kenner der Thematik höchst irritierend. Diese völlig überraschende Welle guten Willens entwickelte eine entwaffnende Macht, die in einem wahrhaft historischen Augenblick eine Eigendynamik entwickelte, die wochenlang anhielt. Angesichts der heutigen ungarischen Politik ist zu betonen, dass diese Welle durch ehrenamtliche Helfer in Budapest begonnen hatte. Sie setzte sich in München und Wien fort und zog nach dem Sommer wie ein Lauffeuer der Euphorie nicht nur durch deutsche Kommunen, sondern auch durch zahlreiche andere Länder Europas. In Deutschland wurde die Hilfsbereitschaft und Verbrüderung der Helfer mit den Geflüchteten in München zur Urszene der „Willkommenskultur“. Hunderttausende Menschen helfen seitdem mit Geld, Zeit, Wohnraum und Knowhow.

„Getragen von Mitgefühl und Hilfsbereitschaft ist es gelungen, ein authentisches Zeichen gegen Gewalt und Rassismus zu setzen und zugleich deutlich zu machen, dass Globalisierung keine Einbahnstraße sein darf“, so Thomas Gebauer von Medico International. Er fordert weiter, was vielen Helfern vielleicht nur unbewusst ein Anliegen war: „Anerkennung und weltweite Bewegungsfreiheit, wie wir sie für uns in Anspruch nehmen, müssen auch für die Menschen im globalen Süden gelten.“[ii] Auch für Warner und Skeptiker war dies eine erfreuliche Entwicklung, hatte die EU doch, was den Umgang mit Flüchtlingen angeht, ein wahrlich hässliches Bild abgegeben.

Frontex-Festung Europa

Von einer gescheiterten oder verfehlten Einwanderungspolitik der EU zu sprechen, übersieht, dass es eine solche gar nicht gab, sondern nur eine Abschreckungs- und Abschottungspolitik. Man verteufelte die Schleuser und half nur den Menschen, die unter Lebensgefahr die Einreise geschafft hatten. Die seit einem Jahrzehnt aktive Frontex-Agentur, die eigentlich EU-Armada heißen müsste, „fängt Boote weit vor den eigenen Hoheitsgewässern ab, ohne zu prüfen, ob sich an Bord Menschen befinden, die ein Anrecht auf Asyl haben, und zwingt sie zur Rückkehr“, schrieb Navid Kermani nach einem Besuch auf Lampedusa 2008.[iii]

Amnesty International kritisierte im November, dass sich die EU vor allem auf Grenzschutz konzentriert habe. Dadurch sei allerdings nur erreicht worden, dass Kriegsflüchtlinge gefährlichere Routen wählten, um in Sicherheit zu gelangen. Solange sie keine Alternative zum Meer hätten, würden sie weiter vor Europas Küsten sterben. Die komplizierten und anstrengenden Reisen erhöhten obendrein die Abhängigkeit von Menschenschmugglern. Staaten hätten natürlich das Recht, ihre Grenzen zu kontrollieren, aber es müsse im Einklang mit internationalen Verpflichtungen in Sachen Menschenrechte passieren. Eine reguläre Grenzüberschreitung sei aber für viele nicht mehr möglich. Manche Länder seien einfach zufrieden, solange bestimmte Staaten an den Außengrenzen Flüchtlinge und andere Migranten abhielten, ohne die dabei eingesetzten Methoden in Frage zu stellen.

Amnesty forderte, stattdessen für sichere Routen zu sorgen und die Möglichkeiten legaler Einreise zu erhöhen. Vielen Deutschen ist bis heute nicht bewusst, dass man nur als Spätaussiedler oder jüdischer Kontingentflüchtling aus Russland, zwecks Familienzusammenführung mit dem Ehepartner, als Geschäftsreisender, Tourist oder als Student mit Stipendium aus einem Land außerhalb der EU (sog. „Drittstaat“) legal einreisen konnte. Es gibt keine Möglichkeit für „Drittstaatenangehörige“ zur Arbeitssuche einzureisen. Eine solche ist nur Managern globaler Unternehmen der Nordhalbkugel möglich. Ein Flüchtling oder Asylbewerber konnte überhaupt nicht nach Deutschland gelangen, weil er nur mit einem Visum ein Flugzeug hätte besteigen können und durch die Dublin-Verordnung gezwungen war, im ersten EU-Land zu bleiben, das er betreten hatte. Deutschland besitzt keine Grenze zu einem Drittstaat mehr. Wer es doch schaffte, musste in das Ersteinreiseland zurückkehren oder wurde dorthin abgeschoben. Abschottung und Abschreckung waren die wichtigsten Ziele politischen Handelns.

Schon Ende 2014 sah sich Roland Röder vom Saarländischen Flüchtlingsrat jedoch in seiner Überzeugung bestätigt, dass die Aufnahmebereitschaft der Saarländer (und anderer Deutscher) „viel, viel großer ist, als es die Parteipolitik bisher bereit war, zuzugeben“. Das zeigten ihm zufolge nicht nur die Fälle von Kirchenasyl, sondern auch andere zivilgesellschaftliche Aktivitäten gegen das scheinbar akzeptierte Dogma, dass „wir“ keine Flucht in unsere Sozialen Sicherungssysteme wollen.[iv] Also keine Leute, die eine politische Verfolgung erfinden, um hier Asyl zu erhalten. Die Einschätzung kann ich bestätigen: Als wir 2011/12 privat die ersten Fälle eines Kirchenasyls im Saarland seit einem Jahrzehnt betreut haben, umfasste der Unterstützerkreis fast ein Dutzend Personen. Es war ein ganz anderes Gefühl des zivilen Ungehorsams. Die beiden jungen Afghanen sind heute gut integriert.

Im Oktober 2014 gingen in Köln und Dresden jedoch erstmals auch Leute auf die Straße, die sich „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa) und „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEgidA) nannten. Am 26. Oktober 2014 randalieren am Kölner Hauptbahnhof knapp 5000 Hooligans und Rechtsextremisten. Ableger beider Gruppierungen begannen im November 2014 auch im Saarland unter dem Namen Saargida und Sagesa mit anfangs mehreren hundert Personen zu demonstrieren.

Paradigmenwechsel oder Revolution?

Was bleibt zum Ende dieses epochal-historischen deutsch-syrischen Sommers, der sicher niemanden kalt gelassen hat? Vor allem ein großes Staunen über einen Paradigmenwechsel zwischen eiskalter Abschottung und warmherziger Aufnahme, der nicht von der Politik und den Institutionen ausging, sondern von der Zivilgesellschaft. Und also fast revolutionären Charakter hat.

Nur Asylbewerber, die eine konkrete Verfolgung nachweisen konnten, bekamen bis zu diesem Zeitpunkt eine Chance. Doch plötzlich interessierten diese bürokratischen Unterscheidungen nicht mehr. Von einem Tag auf den anderen war „in“, was jahrzehntelang „out“ gewesen war: „die offene Tür für Hunderttausende Menschen, die eben nicht in das Schema der ,Bio-Deutschen’ passten”, wunderte sich ZEIT-Herausgeber Josef Joffe.[v] Er betont: Nicht die Politiker, sondern die „vielen guten Bürger (Merkel)“ gingen voran. Die Kanzlerin blieb wochenlang vage, um in geübter Manier die Stimmungen und Strömungen auszuloten; erst dann gab sie die Parole aus: „Wir schaffen das.”

Dieser Satz diente in einer Situation aufkommender Panik zunächst nur der Beruhigung. Er war eine Reaktion darauf, dass Tausende Helfer schon Fakten schufen. Es war zu einem Umbruch, einem Wechsel der Lebenseinstellung gekommen, der grundlegende Werte betrifft: Es wurde als moralisch nicht mehr hinnehmbar erachtet, in der Flüchtlingskrise weiter nur zuzuschauen. Man wollte selber aktiv werden, wo die Politik und die zuständigen Institutionen gemäß des bisherigen Dogmas handelten und sich damit humanitär versündigten – jedenfalls bis zur Entscheidung, Dublin auszusetzen.

Man macht zu vielen Themen so seine Erfahrungen, bis sich die individuelle diesbezügliche Sicht der Dinge geformt hat. Äußerst selten wird diese derart auf den Kopf gestellt, dass man sie ernsthaft infrage stellen muss. Mir ist das jetzt mit der Frage der echten, wirklichen und tatsächlich gelebten Haltung der deutschen Mehrheitsgesellschaft zum Umgang mit Flüchtlingen passiert. Also nicht der politisch korrekten Gesinnung, wie sie in Meinungsumfragen theoretisch erfragt wird, sondern der praktischen Haltung im Sinne der existenzialistischen Philosophie: Es zählt nur, ob und was Du wirklich getan hast. „Du“, also auch ich. Der Moment, in dem das passierte, war bei mir ein früher Sonntagmorgen am Saarbrücker Hauptbahnhof, als mir ein Busfahrer klar machte, dass ich mich gerade als Schleuser betätige. „Oh!“ – in diesem Moment ist mir der gesamtgesellschaftliche Sinneswandel erst richtig bewusst geworden. Was zu tun für mich selbstverständlich war, war es für einen Luxemburger keineswegs. Zwar war dieser Sinneswandel tatsächlich verblüffend plötzlich gekommen, aber man hatte sich ebenso überraschend schnell daran gewöhnt.

Ende Oktober hatten wir einer irakischen Flüchtlingsfamilie auf dem Weg nach Luxemburg spontan ein Übernachtungsasyl zum Wäschewaschen und Duschen geboten, haben zwei große Pizzen bestellt, die richtige Anlaufstelle in Luxemburg herausgesucht und das Paar mit ihren drei Kleinkindern am nächsten Morgen zum Expressbus gebracht. Dort angekommen, sprach ich den Fahrer, den ich als Grenzgänger seit Jahren kenne, in vertraulicher Weise an: „Moien, ich fahre heute nicht, aber ich habe hier eine irakische Flüchtlingsfamilie, die bei uns übernachtet hat, und die in Luxemburg Asyl beantragen will. Zwei Erwachsene. Die Kinder bezahlen ja nicht, oder?“ – „Ähh, eigentlich darf ich das ja nicht. Das wird bei uns gerade diskutiert, dass wir Busfahrer uns eigentlich in solchen Fällen wegen Schleuserkriminalität strafbar machen!“ – „Oh“ reagierte ich in meiner Blauäugigkeit ertappt und mich ärgernd, ihm das auch noch auf die Nase gebunden zu haben… „Aber wenn Du das nicht weißt, kann Dir doch keiner was, so lange sie Tickets haben?“ – „Naja, im Prinzip nicht. Haben sie denn ihre Ausweispapiere dabei?“ – „Ja“, log ich. Und so fuhren sie, mich konsterniert und mit plötzlichen Sorgen zurück lassend. Durch meinem Mitteilungs- und Geltungsdrang habe ich ihr Ziel ernsthaft gefährdet: Wenn der Fahrer die Mitnahme verweigert hätte. Erst am 22. Dezember rief die Mutter an und beruhigte uns, dass alles gut gelaufen sei.

Wir hatten die Familie im Zug kennen gelernt. Zu dem Zeitpunkt waren sie seit zwei Monaten unterwegs, blieben lange in der Türkei und sind von dort los, nachdem sie im Fernsehen „Angela Miracle“ gesehen hätten, sagte die Mutter auf Englisch. Jetzt waren sie schon seit acht Tagen unterwegs. Erst per Boot zur griechischen Insel Lesbos, wobei sie ihr gesamtes Gepäck verloren, weiter auf der Balkanroute, unterwegs im Wald schlafend. 8.000 Dollar kostete das.

Nirgends auf dem Weg wurde geltendem Recht Geltung verschafft, wenn man das einmal so ausdrücken möchte. Die Familie wurde durchgewunken, auch in Deggendorf. Das gemeinsame europäische Grenzsicherungs- und Einwanderungssystem war außer Kraft gesetzt worden. Ein ziemlich einmaliger Vorgang. Was die Familie mitgemacht haben muss, wurde uns klar, als sich der kleine Taha, der jüngste der Kinder, in den ersten Minuten nach dem Einkehren von Ruhe im Gästezimmer unserer Mietwohnung unvermittelt übergeben musste.

So eine Flucht zerstört das bisherige Leben, ohne dass man wüsste, wie das künftige aussehen wird. Viele sind dreifach traumatisiert: durch die Geschehnisse in der Heimat und auf der Flucht, den Verlust der Heimat sowie das völlige Herausfallen aus der sozialen Rolle, dem Beruf und den Lebensgewohnheiten. Jetzt stehen sie wie Obdachlose da. Außer den Kleidern auf der Haut hatten sie nur noch einen Kinderrucksack mit Windeln und ein paar Utensilien dabei. Am Busbahnhof bedankte sich die Familie und kündigte an, uns einzuladen, wenn sie nicht mehr in einem Lager leben müssten, sondern ein eigenes Haus hätten…

Emotionaler Dammbruch

Im September konnte man je nach Sichtweise ein „Hilfshysterie im Endstadium“, gespeist aus ansteckenden, glücksverheißenden „Gutmenschen-Emotionen“ oder anderen eigennützigen Motiven wie der Demonstration der eigenen Selbstgerechtigkeit gegenüber dem Staat bzw. Staatenbündnis beobachten, die den moralischen Ansprüchen nicht mehr genügten. Oder schlicht die „Synchronisierung der Gefühle eines ganzen Landes“[vi] und das Erwachen einer anderen Werteordnung – Menschlichkeit, Großzügigkeit, Toleranz und Einsatz gegen Tyrannei und Opportunismus, „um zu zeigen, wie Deutschlands große Stärke genutzt werden könnte, um zu retten, anstatt zu zerstören“, so Regierungssprecher Steffen Seibert.

Um das Verhalten der Akteure zu verstehen, aber auch um den fast absurd wirkenden, aber sogar bei Bildungsbürgern kolportierten Vorwurf einer politischen Inszenierung zu widerlegen, ist eine sorgfältige Chronologie der Vorgeschichte ein erster Schritt.

In Deutschland begann das Aufwachen der Menschen mit Nachrichten über das Kentern eines Flüchtlingsbootes, bei dem im September 2014 etwa 490 Menschen ertranken, dann folgten die ersten Pegida-Demos, am 7. Januar zeigte der IS bei und mit Charlie Hebdo, dass er auch in Europa Angst und Schrecken verbreiten kann, und im April starben in wenigen Tagen 1400 Bootsflüchtlinge. Allmählich wurde das Mittelmeer – mit mindestens 3.771 Toten in 2015 und geschätzten 40.000 Toten seit 1988[vii] – zum Massengrab. Zugleich wurde klar, dass der Flüchtlingsstrom ansteigen wird. Im Mai schockierte die Eroberung von Palmyra durch den IS, und im August/September überschlugen sich die Ereignisse regelrecht: In diesen Zeitraum fällt etwa die Flucht Zehntausender Jesiden vor dem IS in die irakischen Berge, der Fund des bei Wien von Schleppern abgestellten Lkws mit über 70 erstickten Flüchtlingen, die virale Verbreitung des Fotos des an der türkischen Küste angeschwemmten syrischen Jungen Aylan Kurdi – und schließlich die deutsche Grenzöffnung für 150.000 in Ungarn festsitzende Flüchtlinge.

Im Kontext einer ungeheuren Dynamik von Krisen, die ineinander verfließen und Wechselwirkungen haben, handelt es sich um eine Abfolge vieler, die Öffentlichkeit schockierender Ereignisse, für deren Verarbeitung die wohlmeinenden Bürger monatelang kein Ventil fanden, bis es schließlich zu einer Art bürgergesellschaftlichem Dammbruch kam. Ab dem 31. August bildete sich in München ein Empfangskomitee von überwiegend jungen Nothelfern, wartete auf die Flüchtlinge und half dann ab dem 5. September – als die ungarische Regierung entschied, die Flüchtlinge, die sich zu Fuß auf den Weg nach Westen gemacht hatten, ausreisen zu lassen – der überforderten Polizei, die vorher wegen ihrer Kontrollen noch beschimpft worden war. Am 4. September hatten Berlin und Wien entschieden, die Grenzen zu öffnen.

Von Bundespräsident Joachim Gauck wurde das anerkannt: „Eine Graswurzelbewegung der Menschlichkeit ist eingesprungen, wo der Staat anfangs so schnell nicht reagieren konnte.“ Man hat also nicht „Deutschland geflutet“ oder „entschieden, ein Vielvölkerstaat zu werden“, sondern einen klassischen Akt der Nothilfe unternommen. Der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann machte am 14. September klar: Man half Menschen, „die Angst bekommen hatten, auf ihrem Weg überhaupt keine Freiheit und keinen Schutz mehr zu finden“. Er und Angela Merkel wollten eine solche Wanderung festsitzender, erschöpfter Menschen ins Nichts mit eventuell tödlichen Folgen verhindern.[viii]

Die Ausschreitungen in Heidenau am 22./23. August hatten insofern einen gegenteiligen Effekt. Insgesamt wurden 2015 über 1700 Straftaten gegen Flüchtlinge registriert, darunter fast 900 Straftaten gegen Heime (gegenüber 199 in 2014), von denen 93 Brandanschläge waren (2014: 6). Auch der Aufnahme von Flüchtlingen ablehnend gegenüberstehende Menschen brauchten offenbar ein Ventil für die Wut, mit ihren Ängsten übergangen zu werden. In Sachsen, wie im Saarland.

Die Macht der Bilder

Ein zweiter Schritt zum Verständnis der Ereignisse ist ein Nachdenken über die Motivlage der Helfer. Schockierende und berührende Filme und Bilder in den öffentlichen und sozialen Medien scheinen einen entscheidenden Einfluss auf die veränderte Einschätzung der Situation gehabt zu haben. Sie wirken als Auslöser für einfühlendes Verhalten tatsächlich stärker als die unmittelbare Wahrnehmung, erkannte der Mitleidsforscher Henning Ritter schon 2004.[ix] Photos und Filme von Gewaltexzessen des IS, von Hunderttausenden Flüchtlingen auf überfüllten Booten im Mittelmeer und auf Eisenbahnlinien der Balkanroute, Bilder des Kampfs von Vätern mit kleinen Kindern auf den Schultern gegen Stacheldrähte in Südosteuropa, vom „Jungle“ in Calais, Menschen in der Kälte bei offenen Feuern unter freiem Himmel, der kleine Aylan und verhungernde Menschen in Madaya – dies sind nur einige von vielen frischen Erinnerungsbildern, die noch immer schwer zu verarbeiten sind. Melissa Fleming, Sprecherin des UN-Flüchtlingswerks bestätigte Anfang 2016, dass nur durch solche – albtraumartigen – Bilder, die nicht aus dem Kopf gehen, die Welt aufwache und Politik sich in Gang setzt.

Dann gab es Bilder von freiwilligen Helfern am Münchner Hauptbahnhof und erleichtert strahlenden Menschen. Sie überraschten die Welt, vor allem als – endlich – gute Nachricht. Auf den Handy-Bildschirmen der Armen und Verfolgten sah es aus, als sei Hilfe dort nicht begrenzt. Sie sahen ein freundliches Land, in dem die Menschen ihre Schränke räumten und ihre Freizeit opferten.

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Erkennen, was zu tun ist

In Deutschland titelte selbst die BILD, das „Zentralorgan des gesunden Volksempfindens“ (Josef Joffe) im August: „Warum wir den Syrien-Flüchtlingen helfen müssen“. Man las rührende Geschichten von abenteuerlichen Fluchten, herzzerreißenden Abschieden und Irrwegen. Der einzelne Flüchtling, so lernten wir aus den Medien, ist ein guter Mensch. Ihm wollen wir helfen.[x] Dieser plötzliche Sinneswandel erstaunte doch sehr. Noch ein Jahr zuvor klang die BILD ganz anders, da warnte sie vor „Attacken im Asyl-Hotel“ und schürte eher den Hass, indem bewusst Fakten verschwiegen oder verdreht wurden, um aufregende Schlagzeilen präsentieren zu können – die dann wiederum in Sozialen Netzwerken und den Köpfen vieler Leser die Stimmung gegen Flüchtlinge anheizen. Woher kam dieser plötzliche Meinungswandel?

Flucht und Vertreibung sind Urgeschichten so mancher deutschen Familie. Wie kaum ein anderes Volk wissen wir, was es heißt, alles zu verlieren. Für meine 1944 ausgebombte Mutter und meine 1988 aus dem Iran geflohene Lebensgefährtin waren die Schrecken des Totalverlusts und die Mühen des Neuanfangs allerdings Themen, die eher tabuisiert wurden, jetzt aber hochkamen. Zwar musste man schon seit einem Jahrzehnt Nachrichten von kenternden Flüchtlingsbooten lesen. Aber erst jetzt konnte man das eigene Schicksal in den fliehenden Syrern und Irakern wiedererkennen. Meine Mutter, die als Sechsjährige mit ihrem vierjährigen Bruder von der Kinderfrau durch Kellergänge gerettet wurde, erinnerte sich angesichts der Fernsehbilder aus Aleppo, Homs und Damaskus an ihr Schicksal. Sie wurden auf dem Dorf bei Bauern einquartiert. Einquartierungen erlebte auch mein Vater, allerdings als Gastgeber: Seine Familie nahm 1944/45 alle paar Tage Flüchtende aus dem Osten auf, die zwar meist nur kurz blieben, sich aber auf eine Zahl von über 200 aufsummierten.

Nicht nur viele heute 80jährige hatten das Gefühl, sich in den heutigen Dramen wiederzuerkennen und etwas zurückgeben zu wollen, was man selber damals an Hilfe erfahren hat. Ähnlich ging es meiner Lebensgefährtin und anderen Migranten, die in den Ankommenden ihr eigenes Schicksal gespiegelt sahen. Sie spüren auf der Straße jetzt aber auch, dass man sie anders betrachtet als früher – was sehr irritierend ist für langjährig Eingebürgerte. Manche Migranten spürten da auch eine Bedrohung auf sie zu kommen und reagierten eher ablehnend.

Mitschuld begleichen

Viele Jüngere verspürten wohl auch ein Bedürfnis, endlich die Schmach des allgemeinen Mitläufertums in der Nazizeit tilgen zu können, gerade auch einer Weltöffentlichkeit gegenüber, die in den Deutschen vor allem die strengen Zuchtmeister Griechenlands sehen. Der Wunsch, „endlich zu den Guten zu gehören“, hatte vielleicht auch etwas mit dem latent schlechten Gewissen zu tun, als Wirtschaftsmacht den eigenen Wohlstand auf Kosten des Südens erwirtschaftet zu haben. Als Nutznießer eines weltweiten ausbeuterischen Wirtschaftssystems müsse jeder seine Mitschuld begleichen, empfanden viele.[xi]

Vor allem aber hatte der Aufstieg der Rechtspopulisten viele verstört. Dieses Sammelbecken für Systemkritiker aller Art, geeint durch eine diffuse, aber tiefsitzende Angst vor dem Fremden und den Hass auf die „Lügenpresse“ erinnerte viele auch an die Spätjahre der Weimarer Republik. Einer meiner Brüder sagte: „Diese Torfköpfe der AfD – dem muss man doch was entgegensetzen.“ Und ergänzte mit einer eher auf die Außenwirkung gerichteten Empörung: „So sind wir Deutschen doch nicht!“ Eine Saarbrücker Freundin empfand dies nach den ersten Saargida-Demos ähnlich, die im Januar 2015 mit einer Gegendemo von gut 9.000 Menschen beantwortet wurde, und engagiert sich seitdem in einem Flüchtlingsheim.

Syrien ist zwar weit weg und war immer ein sehr abgeschlossenes Land, für viele Kultur- und Bildungsreisende aber als „Wiege der Menschheit“ ein durchaus bekanntes Ziel. Ohnmächtig musste man dann zuschauen, wie das Land in den Abgrund glitt. Und dann waren die freundlichen Menschen, welche Wohlstandstouristen wie ich immer nur auf Reisen erlebt hatten, plötzlich auf dem Weg zu uns. „Muss das denn sein, übers Meer?“, fragte nicht nur mein Bruder, als sich abzeichnete, dass 2015 eine Million Flüchtlinge nur per Boot das rettende Ufer erreichen konnten. „Kann man das nicht anders machen?“

Flüchtlinge konnten auch als Kollateralschaden einer verfehlten Außenpolitik gesehen werden, für die auch wir verantwortlich sind. Vom Kolonialismus bis zum mittlerweile 14jährigen, so genannten Krieg gegen den Terror: „Die ,Realpolitik’ des Westens ist gescheitert. Wir müssen unser Verhältnis zu den Muslimen selbstkritisch prüfen und grundlegend ändern“, schreibt Bernd Ulrich und fordert, „sich die tief beunruhigende Frage [zu] stellen, warum sich so viele Muslime vom Westen verletzt und gedemütigt fühlen und warum es für den Terrorismus infolgedessen ein offenbar unerschöpfliches Reservoir an Menschen gibt.“[xii] Seit 1953 im Iran, über Afghanistan, den Irak, Somalia, Libyen und Mali habe der Westen in einer für ihn „typischen Mischung aus Interventionismus und Gleichgültigkeit“ agiert, wobei von Krieg zu Krieg ein immer größerer Mitteleinsatz nötig wurde, um die Fehler der früheren Interventionen zu beseitigen.[xiii]

All dies hat die Aufnahmebereitschaft deutlich erhöht. Das Klima in der Gesellschaft war in Untersuchungen schon 2014 deutlich positiver als Anfang der 1990er-Jahre. „Die wirtschaftlich starke Situation erhöht die Akzeptanz“, hieß es.[xiv] Von hoher Relevanz ist auch ein Kulturumbruch, der seit der Rot-Grünen Koalition stattgefunden hat. Bis dahin habe vor allem die CDU die Auseinandersetzung „ganz aggressiv betrieben”, so der Migrationsforscher Dietrich Thränhardt. Man mobilisierte schon seit Mitte der 1980er-Jahre gegen den Missbrauch des Asylrechts durch „Wirtschaftsflüchtlinge“. In den Schröder-Jahren der Opposition hat die CDU jedoch „verstanden, dass die Probleme nicht zu dramatisieren, sondern endlich zu bewältigen sind“, so auch Navid Kermani. Rot-Grün habe „einen Mentalitätswandel in der Gesellschaft bewirkt, der nicht geringer zu bewerten ist als das gewachsene Bewusstsein für den Erhalt der Umwelt.“[xv] Nachdem Deutschsein jahrhundertelang an Herkunft gekettet war – also Abstammung, Glauben und Sprache – hatte sich ein modernes Verständnis von Nationalität entwickelt. „Deutsch ist nicht ,sein’, sondern ,werden’, nicht ,bio’, sondern Willensakt – so wie Abermillionen Amerikaner, Australier, Kanadier geworden sind“, analysiert Josef Joffe.

Das demographische Argument kam erst später dazu: Flüchtlinge könnten den Fachkräftemangel mindern und zu Einzahlern in die Rentenkasse werden. Zu dem Zeitpunkt ging man aber noch überwiegend von syrischen Flüchtlingen aus, deren gute Ausbildung bekannt war. Das scheint eine Illusion zu sein, aber die Frage der „Nützlichkeit“ ist im Asylrecht kein relevantes Argument.

Ankunft von Flüchtlingen am Mümncner Hauptbahnhof 2015 (c) Ekkehart Schmidt

Mutbürger gegen Wutbürger

So waren viele gedanklich gut vorbereitet, um den Ankommenden in ein neues Leben zu helfen. Es gab bei den meisten Helfern wohl diesen kurzen Moment des Erkennens, jetzt das rationale Eigeninteresse zurückzustellen „und plötzlich zu verstehen, was ich zu tun habe im Hier und Jetzt“, wie es Lydia Fechner für sich beschreibt.[xvi] In diesem Erkennen stellte sich ein Glücksgefühl ein, „weil mir meine Freiheit bewusst wurde, so zu handeln – ohne mich mit diesem Handeln von irgendeiner Schuld loszusprechen oder eine Einlage auf mein ,Gutmenschenkonto‘ zu tätigen“.

Belohnt wird man zudem mit der Offenheit und Freundlichkeit der Menschen, die ihre Dankbarkeit auch zeigen. Das ist anders als das mulmige Gefühl, das man vorher bei der Betrachtung der Berichte in den Medien bekam. Die beängstigenden Bilder aus der Distanz lösen sich vor Ort in Luft auf, wenn man an der Unterstützung beteiligt ist. „Die Wirklichkeit ist ganz anders“, sagt eine Helferin gegenüber der Presse. „Aber wenn man nicht da war, spürt man es nicht.“[xvii]

Im Saarland haben sich bislang über 100 Initiativen und Netzwerke zur Flüchtlingshilfe gebildet. Zum Beispiel können Kunden des Buchladens Bücher für Flüchtlingszwecke spenden, unter anderem ein sehr nützliches Bildwörterbuch Arabisch-Deutsch. Der ADFC war mit dem Projekt „Fahrräder für Flüchtlinge“ erfolgreich und hat 550 Alträder repariert und gespendet. Darüber hinaus haben sich 70 Personen im Rahmen der Aktion „Freiwilligendienste für die Flüchtlingshilfe“ für ein Freiwilliges Soziales Jahr oder einen Bundesfreiwilligendienst gemeldet und wurden an die Kommunen vermittelt. Seit September gibt es eine neue Stabsstelle für Angebote der Flüchtlingshilfe. Das im Sozialministerium angesiedelte Büro ist für alle Fragen zur Hilfe zuständig, soll Verbände, Initiativen und Ehrenamtliche sowie Dolmetscher und Deutschlehrer koordinieren, außerdem Tätigkeitsangebote und Spenden koordinieren. Es wurde eine Online-Plattform (www.das-saarland-hilft.de) aufgebaut und ein Flüchtlingsatlas des Saarlandes mit exakten Daten erstellt.

Richtige und Falsche

Es war einfach, sich mit dem uralten und gebildeten Kulturvolk der Syrer zu identifizieren, weil klar war, dass da Unschuldige zwischen Assad und den IS geraten waren. Da kamen keine „Armutsflüchtlinge“ vom Dorf oder Leute, die durch ihr oppositionelles Engagement sozusagen „selbst Schuld“ waren, fliehen zu müssen, sondern Mittelschichtfamilien aus urbanem Umfeld. Bei Eritreern, Somaliern, Algeriern, Albanern oder Weißrussen ist das mangels medialer Begleitung nicht so einfach. Die Welt hinter Lampedusa ist eben deutlich verschwommener und weniger ausgeleuchtet als die hinter Lesbos.

Mit den Syrern kamen allerdings Hunderttausende Menschen vom Balkan, aus Afghanistan und aus Afrika, die Sicherheit und eine bessere Zukunft suchen, aber kaum einen Asylgrund vorzuweisen haben. Die schiere Zahl überraschte die Behörden. Die Politik agierte zunehmend hilflos. Ängste vor einem Kontrollverlust machten sich breit. Und die Bevölkerung fing an, „richtige“ Verfolgte von „Trittbrettfahrern“, also „falschen“ zu unterscheiden. Menschlichkeit ist freilich nicht teilbar, ebenso wenig wie sich das Elend unterteilen und in eine Hierarchie bringen lässt.[xviii]

Die Genfer Flüchtlingskonvention sieht weder die Kategorie Wirtschafts- noch die der Kriegsflüchtlinge vor. Und auch keinen arbeitsmarktpolitische Nutzungsaspekt. In Deutschland wird zwischen Bürgerkriegsflüchtlingen und Asylbewerbern differenziert – Kategorien, die in den Medien überhaupt nicht mehr unterschieden werden. Ein Geflüchteter zu sein, heißt heute jedoch, nicht in solcherlei veraltet erscheinenden Kategorien wie Verfolgung wegen Rasse, Religion oder politischem Engagement zu passen, sondern zuhause keine Lebenschance für sich und seine Kinder mehr zu sehen, nicht nur wegen eines Krieges, sondern auch aufgrund einer unzulänglichen oder korrupten Politik bzw. der Zerstörung der Lebensgrundlagen durch die Globalisierung und den Klimawandel.

Dann kam die Silvesternacht, in der das deutsche Sommermärchen nach vier Monaten abrupt endete. Der 7. Januar, als arabische Männer nach langem Zögern als Täter benannt wurden, ist gewissermaßen das Gegendatum zum 31. August geworden. Die Art des Umgangs mit den schleppend zu Tage tretenden Hintergründen der massenhaften Übergriffe auf Frauen zeigte eine veränderte Wahrnehmung. Während Markus Söder (CSU) nach den November-Anschlägen von Paris mit seinem Ausspruch „Das ändert alles“ noch daneben lag, haben die Kölner Übergriffe in der Flüchtlingsdebatte eine deutliche Veränderung bewirkt: Schon sind die, die wir doch annehmen wollen, zu Bösen geworden. Die Bild titelt seit Januar wieder mit Storys rund um kriminelle Ausländer.

Polarisierung der Debatte

Eine Reaktion auf die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung war auch schon lange vor Köln Abwehr oder gar Häme: Da habe sich jetzt aber wirklich das Gutmenschentum gefeiert, während man den Flüchtlingen doch lediglich seine Altkleider, uralte Teddybären und sonstigen Wohlstandsmüll aufdrängen würde. Nicht nur die Echtheit der Solidarität, auch das Spontane der Selbstlosigkeit wurde in Abrede gestellt: Das sei doch alles nur eine Medieninszenierung oder jedenfalls eine Selbstinszenierung zum Zweck moralischer Selbsterhöhung. Von Anfang an wurde die „Selbstgefälligkeit“ an den schon vor München entwickelten politischen Formeln der Willkommenskultur auch Privatleuten zum Vorwurf gemacht, unter anderem von dem Historiker Heinrich August Winkler. Er warnte in der FAZ: „Es ist ein Irrglaube zu meinen, wir seien bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise dazu berufen, weltweit das Gute zu verwirklichen – gegebenenfalls auch im Alleingang. Er darf nicht zu unserer Lebenslüge werden.“[xix]

Bei mittlerweile fast allen Bürgern herrschte freilich von Anfang an eine Unsicherheit darüber, ob unsere Gesellschaft mit den Herausforderungen der Flüchtlingsintegration umgehen kann. Es haben sich sozialpsychologische Dynamiken entwickelt, die das Land zu zerreißen drohen. Was für die einen Wirtschaftsflüchtlinge sind, sind für die anderen die lang ersehnte Antwort auf die demographische Frage. Dazu kommt eine Debatte über eine angebliche Bedrohung unserer Werte und Kultur (oder gar unserer Identität). Sieht man einmal von einigen wenigen Stadtteilen ab, wie etwa der Völklinger Innenstadt, sind das unangebrachte Ängste. Die wirkliche Bedrohung unserer Werte geht von uns selbst aus. Nämlich dann, wenn wir es nicht schaffen, die Fremden in unseren Alltag einzubinden und ihnen unsere Werte vorzuleben.

Die Spannungen haben auch – Stichwort „Lügenpresse“ – mit einer Kultur zwanghafter politischer Korrektheit zu tun, bei der eine Einheitsmeinung quasi verordnet wird. Die britische Kolumnistin Melanie Phillips diagnostizierte Deutschland eine „lemminghafte“ politische Korrektheit.[xx] Nach den Ereignissen in Köln setzen sich mit den problematischen, häufig Gewalt legitimierenden Männlichkeitsnormen von Muslimen nun immerhin auch politische Kreise auseinander, in denen das Thema bislang tabuisiert war. Man hat gelernt: Unbequeme Wahrheiten sollten diskutiert und nicht unter der Decke gehalten werden, sonst ist das Wasser auf die Mühlen derjenigen, die ohnehin glauben, Politik und Medien würden beständig lügen.

Zur Polarisierung der Debatte tragen zudem bereits vorhandene soziale Spannungen bei, die sich durch die Flüchtlingskrise verschärfen. In Flüchtlingsheimen helfen Menschen mit hohem und niedrigem Einkommen. In der eigenen Nachbarschaft begegnen aber meist nur diejenigen den Flüchtlingen, deren Arbeitsmarktsituation prekär ist. In wohlhabenden Vierteln weiß man sie eleganter als mit Brandanschlägen fernzuhalten: mit Rechtsanwälten. Es besteht also eine Kluft zwischen denjenigen, die diese Politik der Öffnung befürworten, ohne wirklich – auch wenn es ans Eingemachte geht – ernsthaft teilen und abgeben zu müssen, sowie denjenigen, die zu Recht Ängste entwickeln, dass sie „das ganze ausbaden müssen“. Oder wie Harald Martenstein schrieb: „Es ist einfacher, ein guter Mensch zu sein, wenn man dabei nichts zu verlieren hat.“[xxi]

Die Befürworter der Öffnung sowie diejenigen, die sich ehrenamtlich engagierten oder sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen, wurden entsprechend als „Gutmenschen“ beschimpft. Toleranz und Hilfsbereitschaft wurden pauschal „als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert“, erklärte die Jury der sog. Sprachkritischen Aktion Mitte Januar, warum der Begriff für sie das „Unwort des Jahres“ ist. Der Ausdruck werde auch von Journalisten in Leitmedien als Pauschalkritik an einem „Konformismus des Guten“ benutzt. Die Verwendung dieses „Kampfbegriffs“ verhindert nach Auffassung der Jury somit einen demokratischen Austausch von Sachargumenten. Anders gesagt: Wir haben es mit Menschen unterschiedlicher Geistes- und Gefühlshaltungen zu tun, die kaum miteinander kommunizieren können.

Was Migration angeht, sind die moralisch-ethischen Vorlieben seit Jahren polarisiert, wie der Moralpsychologe Jonathan Haidt gezeigt hat. Jedes Lager neigt dazu, nur jene Argumente und Fakten anzuerkennen, die sein wertorientiertes Vorurteil untermauern. Der Soziologe Armin Nassehi bemängelt, dass wir den Diskurs über Einwanderung nicht angemessen geführt haben: „Die eine Seite wollte nicht wahrhaben, dass wir seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland sind und hat sich der Diskussion verweigert. Die andere Seite wollte lieber nicht darüber sprechen, dass Einwanderung auch Probleme produziert.“[xxii] Ich muss zugeben, mich in letzterer Kategorie zu erkennen.

Jede Gruppe lebt in ihrer weltanschaulichen Informations- und Bewertungsblase[xxiii]. Hinter all dem medialen Geschrei verberge sich Sprachlosigkeit und ein „Desinteresse, sich in die Position des anderen zu versetzen, seine Positionen wenigstens versuchsweise nachvollziehen zu wollen“[xxiv], so Arno Frank von der taz. Im Kontext einer stark vergifteten Debatte und einer ziemlich fragilen Situation fragen sich seit vielen Jahren auf Ausgleich und Inklusion ausgerichtete Politiker wie der ehemalige Saarbrücker Bürgermeister Kajo Breuer, wie da noch ein Verständigungsprozess machbar ist, um gesellschaftspolitisch Frieden zu erreichen. „Überall wird debattiert, innerfamiliär und auch sonst im Alltag. Wir brauchen einen Kit, der uns noch zusammenhält.“ Er fragt sich, ob man das als Kommune befördern könne, zum Beispiel durch eine Streitkultur auf einer Ebene, bei der auch etwas herauskommt. „Da darf dann auch mal provoziert werden, solange man sich sicher fühlen kann, dass das akzeptiert wird und man am Ende sagen kann: Das hat etwas gebracht!“ Dazu müsse aber auch langfristig eine entsprechende Atmosphäre geschaffen werden mit einer weltoffenen, internationalen Stadt als Leitbild.

Vorbild Saarland?

Saarbrücken ist wie Rosenheim, Deggendorf und drei weitere bayrische Kommunen einer der zentralen Fluchtpunkte an deutschen Grenzen. Hier kommen schon seit Jahren Flüchtlinge an, die die Route über Italien und Frankreich nehmen, vor allem auch viele unbegleitete Minderjährige (UMF) aus Afghanistan. Zurzeit leben im Saarland rund 1.300 UMF, die jeweils zur Hälfte vom Stadtverband über ein Clearinghaus in Völklingen-Heidstock sowie den Jugendämtern anderer Kreise betreut werden. Seit September werden jedoch zusätzlich Flüchtlinge aus München hierher verteilt.

Heute zählt der Großraum Saarbrücken bundesweit zu den Regionen mit dem höchsten Flüchtlingsanteil pro Einwohner. Mittlerweile sind in der Stadt rund 730 Flüchtlinge in dezentral verteilten Erstunterkünften untergebracht, dazu kommen 1.400 Flüchtlinge, die aus anderen Gemeinden zugezogen sind, sowie 1.700 schon länger hier lebende anerkannte Asylbewerber und 700, die sich noch im Verfahren befinden. Insgesamt also etwa 3.500. Während 2014 im gesamten Saarland erst 3.000 Flüchtlinge untergebracht waren, stieg ihre Zahl 2015 auf 10.089. Bislang lebten sie fast ausnahmslos in der zentralen Aufnahmestelle Lebach (LAST), die schon 2014 weit über ihre Kapazitätsgrenze ausgelastet war. Man war daher gezwungen, sich neu zu orientieren. „Das stimmt uns optimistisch“, sagte Peter Nobert vom Flüchtlingsrat Ende 2014. Dabei hatte er vor allem die von Innenminister Klaus Bouillon forcierte dezentrale Unterbringung in Kommunen im Blick. 2004 waren alle dezentralen Einrichtungen zugunsten von Lebach geschlossen worden. Aus Kostengründen. Für 2016 wird mit weiteren 10.000 Flüchtlingen gerechnet. Entsprechend hat das Land den Haushalt deutlich nachgebessert.

Der Geschäftsführer der IHK des Saarlandes, Heino Klingen, hält die saarländische Vorgehensweise gar für bundesweit beispielhaft. An der Saar wisse jeder Flüchtling nach drei Monaten, ob er bleiben darf. Er appellierte zudem noch am 19. Januar an Merkel, ihren Kurs beizubehalten. Für das Saarland seien Flüchtlinge eine Chance. In der Region fehlten bis 2030 rund 100.000 Erwerbstätige. Als vorbildlich sieht auch das BAMF die in der LAST schon seit Anfang Februar 2016 praktizierte Schnellabwicklung von Asylgesuchen, die ab Mai noch forciert werden soll: Innerhalb von 24 Stunden sollen Registrierung, Anhörung und Entscheidung erfolgen[xxv]. Dies wird freilich sehr kritisch gesehen, da ein Großteil der Schutzsuchenden dadurch von einem fairen und sorgfältigen Verfahren ausgeschlossen werden.

„Alles hat sich für uns geändert“, sagt Martin Becker vom Saarbrücker Zuwanderungs- und Integrationsbüro (ZIB). Plötzlich werde auch mit und zwischen den Ämtern kooperiert. „Wir sind stark gefordert zu koordinieren und Unterstützung zu bieten.“ Die Stadt mietet leer stehende Bürogebäude sowie von Privaten angebotene Wohnungen an. Dabei wird auf eine möglichst breite Streuung über alle Stadtteile geachtet. Vom ZIB und der Landesarbeitsgemeinschaft Pro Ehrenamt initiiert, hat sich bereits im Winter 2013/14 das Netzwerk „Ankommen“ gebildet. Ziel ist es, „den in Saarbrücken ankommenden Flüchtlingen bei der Bewältigung ihrer Alltagsprobleme zu helfen und ihre Eingliederung menschlich zu gestalten“, sagt Martin Zwick, einer der Ehrenamtlichen der Bürgerinitiative, die organisatorisch beim ZIB verankert ist und Räume beim Deutsch-Ausländischen Jugendclub (DAJC) nutzen kann.

Ernüchterung: Jetzt geht es um Europa

„Deutschland hat das einzig Richtige getan, es ist ein Vorbild. Es hat die Moral in Europa wiederhergestellt und gezeigt, dass man sich um Menschen kümmern muss, die schwach sind und verfolgt werden“, sagt der österreichische Krisenhelfer Kilian Kleinschmidt.[xxvi] Auch der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi, setzte im Januar große Hoffnungen darauf, dass Deutschland seine Flüchtlingspolitik aufrechterhält. Das sei wichtig für Asylsuchende, für die Führungsrolle in Europa und als Beispiel für den Rest der Welt. Deutschland habe ein „unglaubliches Beispiel für Führungsverantwortung“ bei der Hilfe gegeben.

Die Nachbarländer reagierten anfangs – mit Ausnahme von Österreich, Schweden und Luxemburg – auf die deutsche Öffnung mit Abschottung, eine EU-weite Verteilung scheiterte. „Erst lädt Merkel alle nach Europa ein, setzt Schengen außer Kraft und dann sollen die Flüchtlinge auch noch allen anderen aufgebürdet werden“, sagten die einen – Ungarn, Polen, Balten, Briten und Franzosen – und verweigerten die Solidarität. Andere sagen aber auch, dass sie sich für diese Haltung ihrer Regierungen schämen, dass Merkel richtig gehandelt habe. „Person of the year“ eben.

Und dennoch: Wenn es ihr beim EU-Sondergipfel Anfang März durch eine sehr fragwürdige Einbeziehung der Türkei nicht gelingt, den Zustrom der „Falschen“ zu stoppen bzw. den der „Richtigen“ besser zu kanalisieren, gefährdet das nicht nur ihre bisher fast sichere Wiederwahl als Kanzlerin 2017 ernsthaft, sondern auch das europäische Projekt an sich. „Fuck Merkel“ hat jemand im Herbst auf 15 Meter Länge auf den Radweg gegenüber des Staden in Saarbrücken gesprayt. Diversen Meinungsumfragen zufolge bezweifelt inzwischen eine klare Mehrheit, dass Deutschland die Aufgabe bewältigen kann. Auch Wohlmeinende haben den Eindruck, dass man die Kontrolle verloren hat oder zumindest überfordert ist, nach einer Million Flüchtlingen und Asylbewerbern im Jahr 2015 in diesem Jahr eine ähnlich hohe Zahl aufnehmen und integrieren zu können. Spannend bleibt die Frage, ob künftige Historiker Merkels Losung „Wir schaffen das“ eher als wegweisende Weichenstellung zum Wohle des Landes oder in dem Sinne als historische Fehlprognose bewerten werden[xxvii], dass sie wie bei Goethes Zauberlehrling die Geister nicht mehr los wird, die sie gerufen hat.

Eines ist jedenfalls klar geworden: Die bisherige Einwanderungspolitik ist ungünstig für alle Beteiligten. „Die Migrationskrise hat das Schönwettersystem von Schengen und Dublin zusammenbrechen lassen. Die Entgrenzung der Staatsgrenzen und das gemeinsame Asylrecht: Sie haben unter Druck nicht funktioniert“, sagt der Staatsrechtler Udo di Fabio[xxviii]. Und Gerhard Schröder sagt: Die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen, war richtig. Ein Fehler jedoch war, diesen Ausnahmezustand zur Normalität zu erklären“[xxix]. Der amerikanische Forscher Paul Collier forderte schon früher: „Wir müssen Regeln finden, von denen die aufnehmenden Länder ebenso profitieren wie die Migranten selbst, wie auch jene Menschen, die sie in ihren Heimatländern zurücklassen“.[xxx]. Anders als für die Gesellschaft insgesamt ist der Effekt der Migration ihm zufolge für die bedürftigste Schicht der einheimischen Bevölkerung häufig negativ. Sie könnten unter anderem durch Lohnsenkungen und erhöhten Wettbewerb zu Verlierern werden. Was also tun? „Die Regierungen der Aufnahmeländer müssen versuchen, die Interessen der einheimischen Armen mit denen der Migranten und der in den armen Ländern zurückgebliebenen Menschen in Einklang zu bringen.“

Konkret ausgedrückt: Teillösungen funktionieren nicht. Nötig ist eine gemeinsame Strategie, zum Beispiel mit einem ganzheitlichen Stabilitätspakt für den Nahen Osten, dazu sichere und legale Wege für Flüchtlinge, aber auch für Arbeits- und Ausbildungsmigranten. Fluchtursachen sind zu bekämpfen, den direkt von Flucht betroffenen Ländern ist stärker zu helfen, rückkehrende Migranten sind zu unterstützen. Wie viel Migranten wir aufnehmen können oder sollten, ist eine andere Frage. Interessant ist hier die Perspektive des Ökonomen Michael Clemens, der fragt: „Wer ist mit ,wir‘ gemeint?“ Aus Sicht künftiger Jahrhunderte umfasse dieses „Wir“ die Nachkommen sowohl der heutigen Einheimischen als auch der heutigen Einwanderer. In seinen Augen ist dies die relevante Frage: „Bringt die Migration einen langfristigen Nutzen für diese Nachkommen hervor?“ Also konkret: Nach dem zweiten Weltkrieg gab es in Europa weit größere Flüchtlingsströme als heute: Allein die Bundesrepublik musste zwischen 1945 und 1950 rund 20 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aufnehmen, davon 12 Millionen Deutsche aus Osteuropa. War das für unsere heutige Gesellschaft, in der jeder Fünfte einen Migrationshintergrund hat, von Nutzen?

Oder um die Frankfurter Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg zu zitieren: Es gelte nun, Szenarien zu entwerfen, wie das Miteinander übermorgen aussehen könnte – damit man es schon heute vorbereiten könne.[xxxi]

Fußnoten:

[i]   Kümmel, Peter : „Mir fehlen die Worte“, DIE ZEIT, 30.12.2015; [ii]   Gebauer, Thomas : Die große Herausforderung, Medico-Rundbrief 04/15, S. 4-7;  [iii]   Kermani, Navid: Ausnahmezustand. Reisen in eine beunruhigte Welt, München 2013, S. 242; [iv]  dpa: „Mutbürger“ helfen Flüchtlingen im Saarland, Luxemburger Journal, 30.12.2014; [v]  Joffe, Josef: “Das deutsche Wunder”, DIE ZEIT, 10.09.2015; [vi]  Schnabel, Ulrich: Große Koalition des Mitgefühls, DIE ZEIT, 10.09.2015; [vii]  Vergessene-kriege.blogspot : Opferzahlen: Bis zu 40.000 Flüchtlinge seit 2008 im Mittelmeer ertrunken, 12.10.2013; [viii]  Bahners, Patrick: Der Affekt gegen den Affekt, FAZ vom 30.09.2015; [ix]   Ritter, Henning: Nahes und fernes Unglück. Versuch über das Mitleid, München 2004; [x]  Vgl. Precht, a.a.O.; [xi]  Vgl. Molinaro, Claude : Zwischen zwei Welten, Luxemburger Tageblatt, 23.12.2015; [xii]  Ulrich, Bernd: Muslime – Das Ende der Arroganz, DIE ZEIT, 19.11.2015; [xiii]  Mehr dazu : Lüders, Michael: Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet, München, 15. Aufl. 2015; [xiv]  Järkel, Stefanie: Mitleid und Furcht, Kontext: Wochenzeitung, 27.09.2014; [xv]   Kermani, Navid: Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime, München 2009, Neuausgabe 2015, S. 148f; [xvi]  Fechner, Lydia: Freiheit ist das große Los, à tempo, 12/2015; [xvii]  Hillengaß, Christian : Willkommen in der Fremde“, à tempo 1/16; [xviii]  Vgl. Shumana Sinha : Erschlagt die Armen!, Hamburg 2014; [xix]  Winkler, Heinrich August: Deutschlands moralische Selbstüberschätzung, FAZ, 30.09.2015; [xx]  Smolka, Klaus Max: Liberal denken, FAZ, 13.01.2016; [xxi]  Martenstein, Harald : Über einen neuen Friseur und ein moralisches Dilemma, ZEIT-Magazin, 29.09.2015; [xxii]  Am Orde, Sabine: „Die CSU hat die Lügenpresse entdeckt, taz, 09./10.01.2016; [xxiii]  Herrmann, Sebastian: In der Echokammer, Süddeutsche Zeitung, 06.02.2016; [xxiv]  Frank, Arno : Weil… fuck you, taz, 20.02.2016; [xxv]  So ein Vertreter des BAMF bei einer Info-Veranstaltung für Sprachkurslehrer am 17. Februar 2016 beim Diakonischen Werk Saarbrücken; [xxvi]  Hildebrandt, Tina/ Pinzler, Petra: „Warum fliegen wir sie nicht zu uns aus?“, DIE ZEIT, 19.11.2015; [xxvii]  Rentsch, Florian/ Zastrow, Holger: Kanzlerin zwischen Anspruch und Wirklichkeit, FAZ, 06.01.16; [xxviii]  Di Fabio, Udo : Wozu Grenzen gut sind, DIE ZEIT, 18.02.2016; [xxix]   Roth, Johanna : Ich wär so gern wieder Staatsmann, taz, 20.02.2016; [xxx]  Collier, Paul: Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen, München 2013; [xxxi]  Adeoso, Marie-Sophie: Das kleine Amt für das große Ganze, Frankfurter Rundschau, 13.09.2015

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Es ist schlicht und einfach so schlicht und einfach, dabei auch sauber und ruhig, wie man es sich nicht besser wünschen kann, wenn man in Bahnhofsnähe so preiswert es geht übernachten möchte. 39 Euro außerhalb von Messezeiten mit eigener Dusche und TV plus 6 Euro für ein gutes Frühstück. 120 m vom Südausgang des Hauptbahnhofs direkt am Busbahnhof für Fernbusse nach Ost- und Südosteuropa. Also nicht in dem Teil des Bahnhofsviertels, in dem man Junkies, Freiern und Prostituierten über den Weg läuft, sondern im Übergang zum Gutleutviertel mit den Bürohäusern von IG Metall und dpa sowie guten persischen Lokalen wie „Hafez“ und „Hani„. Wenn es auch von außen nicht so wirkt: Einen besseren Tipp für ein preiswertes Hotel (nicht zu verwechseln mit einem Billighotel) wüsste ich nicht. Höchstens das „Paris“ gegenüber.

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Äußerlich weckt das altmodische Design der Leuchtreklame Vorstellungen von einem hostelähnlichen Haus für Monteure oder Klienten des Pfandhauses nebenan. In der Lobby begegnen einem dann jedoch Ostasiaten und Osteuropäer der Mittelschicht. Man sieht auch sofort, dass hier kürzlich saniert worden ist, offenbar sogar unter Beteiligung eines Innenarchitekten mit Geschmack. Geht man dann die Treppe hoch, stört einen die Schlichtheit schon nicht mehr. Man hat hier den Komfort und die Optik auf das Wesentliche beschränkt, um dann beim wesentlich wichtigeren Thema Sauberkeit und Atmosphäre im Frühstücksraum nicht sparen zu müssen.

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Die Zimmer sind schmucklos – bis auf einen Schwarzwaldaquarelldruck in meinem Zimmer Nr. 302, was halbwegs zu dem auf Kirschholz gemachten Fake-Parkett-Boden aus Laminat passt.

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Die Neonlampe produziert zwar ein fahles Licht, aber ich freue mich aufs Frühstück und werde nicht enttäuscht. Die Nacht war ruhig, bis auf gelegentlich von der Straße schallendes Klackern von Rollkoffern störten keine Geräusche.

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Das Haus war früher in Besitz eines iranischen Unternehmers, der hier im Viertel mehrere Hotels aufgekauft hatte. Jetzt erfuhr ich vom freundlichen iranischen Rezeptionisten nur, dass die Pension heute nicht mehr dazu gehört. Einer zweiten iranischen Unternehmerfamilie gehört das Hotel Paris gegenüber, das über einen Durchgang mit dem Hotel Villa Oriental in der Baseler Straße verbunden ist, sowie das schon erwähnte Restaurant „Hafez“.

Adresse: Karsruher Str. 7, 60329 Frankfurt/ Main, Tel.: 069-24182184, info@pension-alpha.de, Homepage

Pension Alpha_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

 

Vatan Café_Frankfurt/Main

Wenngleich das verruchte, für Kenner aber auch in weiten Teilen soziologisch einfach nur zutiefst normal menschelnde Frankfurter Bahnhofsviertel seit einiger Zeit starken, auch gentrifizierenden Wandlungsprozessen unterliegt, gibt es unveränderte Konstanten. Geschäfte und Lokale, die ich heute fast unverändert angetroffen habe wie 1984, als ich in Frankfurt nach dem Abi sechs Wochen ein Zeitungspraktikum machte, wie auch in den Jahren 1994-2008, in denen ich hier beruflich immer wieder vorbei kam und zum Beispiel im Billig-Hotel „Apollo“ in der Münchner Straße übernachtete. Meine Aufmerksamkeit galt nie tiefergehend der Drogen- oder Prostitutionsszene des Hauptbahnhofs oder der Kaiserstraße, sondern immer den Migrantenbetrieben dieser Parallelstraße. Sicher zwei, vielleicht drei Mal habe ich schon vor 20 Jahren in diesem äußerlich denkbar schmucklosen Lokal mit dem riesigen Namenszug – der damals freilich noch nicht das Logo der Warsteiner-Brauerei neben sich trug – einen Tee getrunken.

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Heute früh gegen 10 Uhr habe ich im „Vatan“ einen eigentlich unverzeihlichen Stilbruch begangen, indem ich statt eines „Cay“ einen Espresso bestellte. Den bekommt man in diesem urtypisch türkischen Teehaus mittlerweile tatsächlich, wenn auch in Mokkatassen.

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Vatan Frankfurt (c) Ekkehart Schmidt

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Das Lokal ist rund um die Theke L-förmig aufgebaut und verfügt auch über eine obere Galerie, vielleicht der in Restaurants im Orient übliche Familienbereich?

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

„Vatan“ läßt sich mit den deutschen Begriffen „Vaterland“, „Zuhause“, „Heim“ und „Heimat“ übersetzen, ist aber natürlich vor allem ein Gefühl, besser gesagt erzeugt ein Gefühl. Der türkischstämmige Migrant tritt hier vom Frankfurter Bürgersteig über eine winzige Schwelle, hinter der er sich emotional sofort völlig anders fühlt, wohlig aufgenommen in seinen Erinnerungen an das heimatliche Dorf, die Kleinstadt, ja selbst an Metropolen wie Ankara, Istanbul oder Izmir, in denen das Cay Ev – also das Teehaus – eine unumstösslich feste Institution der Männerwelt war. Hier wird vor allem „Okey“ gespielt, eine Art Domino. Und es darf erstaunlicherweise noch geraucht werden. Wenn gespielt wird, werden die Aschenbecher auf den kleinen Beitisch gestellt, erklärt mir ein Pensionär, der hier vormittags arbeitet. Man beachte den blauen Kehrbesen auf über 20 Aschenbechern…

Er hat hier in seiner Pensionärzeit einen 400 EUR-Job, erzählt er. Das Lokal ist 24 Stunden geöffnet, er betreut die Frühschicht in der es hier sehr ruhig ist. Erst ab halb 2 oder halb 3 werde es hier voller, wenn die Leute von der Arbeit kommen. Heue früh kamen nur spielsüchtige (seine Worte) junge Männer, die hinten daddelten. Er selber hat 25 Jahre an der Gepäck-Abfertigung des Flughafens gearbeitet, nachdem er 1970 aus Nevsehir bei Kappadokien nach Deutschland gekommen war. Das bedeutete, täglich viele Tonnen zu heben und hoch zu hieven. Sie seien meist zu viert gewesen: ein Fahrer und drei Arbeiter, die unter Zeitdruck pro Flieger bis zu 400 Koffer vom Gepäckwagen über ein Rollband hoch zu wuchten hatten. Heute sei das viel einfacher: die Koffer würden in Container gepackt und per Hydraulikheber hoch geschafft.

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Die Grande Allée führt aus der sehr touristischen Altstadt über das Regierungsviertel von Québec, das ohne echtem Leben ist – worüber auch die kitschig bunt angestrahlten Gebäude nicht hinwegtäuschen können – westwärts in ein historisches Villenviertel, in dem die Bäume zum Herbstbeginn wunderbar bunt zu leuchten begannen, als ich dort im Oktober 2014 entlang lief. „Plaine d’Abraham“ heißt das Viertel, in dem anfangs des 20. Jahrhunderts eine Hundertschaft so genannter Herrenhäuser errichtet wurden, „Manoir“ genannt. In Deutschland würde man „Stadtvilla“ oder auch „Gutshof“ sagen. Das Gelände westlich der von Franzosen in der „Nouvelle Frane“ genannten, heute kanadischen Region, gegründeten ältesten Stadt Nordamerikas war in Erwartung eines möglichen britischen Angriffs lange unbebaut geblieben – bis auf zwei mächtige, runde Wachtürme („tour“) oberhalb des Lorenzstroms. 1759 und später noch einmal in 1908 kam es hier tatsächlich zu einer für die Briten siegreichen Schlacht.

Hotel Manoir la tour_Québec © Ekkehart Schmidt

Das Hotel Manoir de la tour liegt oberhalb des in der Karte eingezeichneten und mit einem Kreis markierten damaligen Wachturms.

Hotel Manoir la tour_Québec © Ekkehart Schmidt

Hotel Manoir la tour_Québec © Ekkehart Schmidt

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Hotel Manoir la tour_Québec © Ekkehart Schmidt

Hier habe ich vom 5. – 9. Oktober 2014 eine sehr angenehme Zeit verbracht, wenngleich die Allée hier gerade eine große Baustelle war, man auf dem Bürgersteig nicht leicht zum Haus kam und manche Wasserleitung provisorisch quer durch die Vorgärten gelegt wurde.

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Das Haus ist ein gemütliches, gut geführtes Stadthotel mit Charme aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende. „Boutique Hotel“ nennt man so etwas heute. Ein wenig erinnert es im positiven Sinne aber auch an gute B&B-Häuser in Good Old England. Natürlich ist das Dekor etwas veraltet, aber bei Preisen ab 80 EUR für das Einzelzimmer gibt es wirklich nur für verwöhnte Leute etwas zu meckern. Das Manoir bietet 13 individuelle und sehr saubere Zimmer verschiedenen Stils, manche fast wie Suiten, alle mit eigenem Bad, TV, Internetverbindung und Minibar (weitere Fotos hier). Nur für Autofahrer gibt es ein Parkplatz-Problem. Die Zimmer im Erdgeschoss scheinen auch etwas hellhörig zu sein. Dafür wird man von Lisa und Sharon an der Rezeption mit sehr freundlichem Service bedient. Die Inhaberfamilie besitzt noch ein anderes Hotel auf einer Insel im Lorenzstrom: „La Goeliche„.

Hotel Manoir la tour_Québec © Ekkehart Schmidt

Hotel Manoir la tour_Québec © Ekkehart Schmidt

Das Frühstück ist relativ einfach, aber völlig ausreichend reichlich und vor allem frisch zubereitet. Wenn man Zeit hat, kann man auch die Innenarchitektur betrachten und sich fragen, wie man hier in diesem ehemaligen Wohnzimmer wohl vor einem Jahrhundert gelebt hat.

Hotel Manoir la tour_Québec © Ekkehart Schmidt

Hotel Manoir la tour_Québec © Ekkehart Schmidt

Hotel Manoir la tour_Québec © Ekkehart Schmidt

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Am dritten Tag der internationalen Konferenz von Kooperativen, wegen der wir hier waren, ereilt mich die furchtbar peinliche Erkenntnis, dass ich für meinen Chef, der schon vor mir abreist, versehentlich eine Nacht zu wenig gebucht habe. Als einziger Weg im ausgebuchten Haus blieb, dass wir die Zimmer tauschen, in seinem Zimmer für mich ein Beistellbett aufgebaut wird und ich nach seiner Abreise für die letzte Nacht das Zimmer übernehme. Da er früh morgens einen ganztägigen Flug- und Bustrip südwärts nach Nicaragua oder El Salvador antrat, schlief er früh und ich hatte, da noch lange nicht müde, in die Internetecke an der Rezeption auszuweichen. Dort öffnete ich mir heimlich die frisch erstandene Flasche portugiesischen Rotweins namens „Fogo“ aufmachte und zu trinken begann, während ich die mails checkte. Ein ziemlich demütigendes Gefühl. Ist ja kein Hostel hier. Aber ich setzte mich dann nach getaner Arbeit in später Sonnenuntergangsstimmung draußen auf die kleine Veranda am Eingang, schrieb in ähnlichem Gefühl Tagebuch, wie vor einigen Jahren so oft abends in der Jugendherberge Luxemburg: Entspannung nach schwierigem Arbeitstag. Und fotografierte das Abendlicht auf den Gauben oben auf dem Dach, wo ich später dann still und leise in mein Bett neben den Chef zu schlüpfen hatte…

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Hotel Manoir la tour_Québec © Ekkehart Schmidt

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Zum Glück weckte ich ihn gegen Mitternacht nicht durch versehentliches Rumpeln an Sessel und hatte noch einen schönen Tag alleine hier.

Adresse: Grande-Allée Est, Québec, P.Q., Canada GIR 2H8, Tel.: 1-418-525 6276,  info@hotelmanoirdelatour.com, Homepage

Hotel Manoir la tour_Québec  © Ekkehart Schmidt

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