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Was sind eigentlich „tax rulings“?

Diesen eher trockenen Text habe ich für das Collectif Tax Justice Lëtzebuerg recherchiert. Ich blogge zwar lieber zu Cafés, aber in diesem Fall war es tatsächlich so, dass ich von der Terrasse meines Stammlokals „Le Relax“ aus auf die Behörde gucke, um die es bei diesem Thema geht und was mich auch beruflich beschäftigt. So habe ich mich nur unwesentlich von meinen üblichen Themen entfernt  ;-)

Bei Gesetzen als abstrakt-generellen Regelungen kann im Einzelfall unklar bleiben, wie eine Norm zu verstehen ist. Um Planungssicherheit im Einzelfall zu erhalten, können daher insbesondere Finanzbehörden auf Anfrage eine verbindliche Auskunft (englisch: “tax rulings”) erteilen. Davon war im vergangenen Jahr viel die Rede. Worum handelt es sich?

Tax rulings sind Zusageregelungen im allg. Steuerverfahrensrecht, insbes. der Steuerbehörde gegenüber dem Steuerpflichtigen. Sie sind dem eigentlichen Besteuerungsverfahren vorgelagert. Mit solchen Steuer-Vorbescheiden erläutern Steuerbehörden einem Unternehmen, wie die Körperschaftssteuer berechnet wird oder wie sich eine Transaktion steuerlich auswirken würde. (Quelle: NZZ und Wikipedia)

Präziser wäre es, würde man den Begriff “Zusicherung” verwenden. Dieser beschreibt nämlich besser, dass die entscheidende Funktion der Bindungswille der Behörde (Willenserklärung) und nicht eine bloße Auskunft (Wissenserklärung) ist. Sinn der Regelung ist es, staatliches Handeln bei einem bestimmten künftig eintretenden Sachverhalt (z.B. die Höhe der Steuerpflicht) vorhersehbar zu machen und dadurch für Steuerpflichtige – Einzelpersonen wie Unternehmen – eine gewisse Planbarkeit herzustellen, welchen die Finanzbehörde durch verbindliche Auskünfte erfüllt.
Das besondere daran ist, dass diese Auskunft ein Verwaltungsakt ist, der eine einseitige Bindung der Finanzbehörde bewirkt: Wenn der Antragsteller den Sachverhalt wie beschrieben verwirklicht, dann muss die Finanzbehörde die zugesagte Rechtsauffassung im Steuerbescheid umsetzen. Demnach ergibt sich folgender Zeitablauf: 1. Planungsüberlegungen des steuerpflichtigen Unternehmens 2. Zusageantrag und Zusageerteilung der Behörde 3. Sachverhaltsverwirklichung 4. Besteuerungsverfahren (Festsetzung bzw. Feststellung durch Steuerbescheid).

Problematisch daran erscheint im Falle von Luxemburg, dass die Behörde „Société 6, Administration des Contributions“ im Bahnhofsviertel (siehe Fotos unten) keine personellen Kapazitäten hat, die Angaben zu überprüfen, die im Falle von multinationalen Unternehmen nicht von diesen, sondern von Auditingfirmen wie pwc eingereicht werden, sondern letztlich nur das Papier abstempelt (wie durch Luxleaks im November 2015 aufgezeigt). Es kann insbesondere nicht überprüft werden, ob eine Unternehmung lediglich eine Briefkastenfirma ist, die im Extremfall einen Umsatz bzw. Gewinn in Milliardenhöhe nur auf dem Papier (z.B. mit 2 Mitarbeiter/innen) im Lande erwirtschaftet hat. (Quelle Wikipedia)

Société 6, Administration des Contributions (c) Ekkehart Schmidt

Société 6, Administration des Contributions (c) Ekkehart Schmidt

Société 6, Administration des Contributions (c) Ekkehart Schmidt

Neben Luxemburg treffen auch Deutschland und 20 weitere EU-Staaten steuerliche Absprachen mit Einzelunternehmen, darunter Österreich, Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Griechenland, Ungarn, Irland, Lettland, die Niederlande, Polen, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien, Schweden sowie das Vereinigte Königreich (Quelle: Rheinische Post). Luxemburg unterscheidet sich jedoch von diesen Ländern dadurch, dass hier besonders günstige Steuersätze gelten, weshalb sehr viele multinationale Unternehmen ihren Firmensitz oder den Sitz einzelner Abteilungen (z.B. Marketing) nach Luxemburg verlegen, um hier in den Genuss einer für sie günstiger, per tax ruling zugesicherter Steuerlast zu kommen.

Unter den an sich bisher legalen „Tax Rulings“ verstehen die EU-Länder völlig unterschiedliche Dinge: Deutschland etwa hält sich an die OECD-Definition, die schon jede „Auskunft, Information und Zusage“ einer Steuerbehörde gegenüber einem Unternehmen zu seiner Steuerschuld als „Tax Ruling“ einstuft. Aus Sicht anderer Länder wie Luxemburg dürfen Steuerbehörden aber auch Absprachen mit den Unternehmen treffen. Im Ergebnis wurde in Luxemburg die Steuerschuld von Konzernen wie Apple, McDonalds, GDF Suez (heute Engie) oder Disney massiv gedrückt, was vornehm “Steueroptimierung” genannt wird. (Quelle: Rheinische Post).

Die EU-Kommission prüft nun, ob die umstrittene Steuergestaltung Luxemburgs und anderer Staaten gegen das EU-Beihilferecht verstößt. Den Ländern, in denen de facto der Gewinn erwirtschaftet wurde, werden Steuern entzogen, die u.a. zum Aufbau der Infrastruktur benötigt werden.

Steuerwettbewerb zwischen Staaten gilt als volkswirtschaftlich sinnvoll, weil er sie zum Masshalten zwingt. Ordnungspolitisch wünschbar ist, dass er möglichst in transparenter Weise über die Steuersätze statt über zahllose undurchsichtige Ausnahmeregeln zur Schmälerung der Bemessungsgrundlage erfolgt. Ökonomisch und gesellschaftlich problematisch wird der Steuerwettbewerb aber, wenn als Resultat nicht Produktionsstätten und Arbeitsplätze in Länder mit tiefen Steuern verschoben werden, sondern bloss Gewinne. Wenn ein Konzern, überspitzt ausgedrückt, im Land A produziert und dort die öffentliche Infrastruktur benutzt, den Gewinn aber über eine Briefkastenfirma im Tiefsteuerland B versteuert, so widerspricht dies dem Grundsatz der Steuergerechtigkeit. (Quelle: NZZ)

Vatergefühle

Ja, Männer haben auch Gefühle. Doch wirklich: Hunger und Durst zum Beispiel. Haha. Ich erlebe am intensivsten Gefühle, wenn man mich entweder herabwürdigt und sofort ohnmächtige Wut über eine Erniedrigung hochkommt, oder wenn es um emotionale Nähe als Sohn zum Vater oder als Vater zu den eigenen Söhnen geht. Meist geht es dabei um den Wunsch nach intensiverer Nähe und auch darum, sich im Gegenüber zu erkennen. Stolz und Anerkennung sind hierbei wichtige Gefühle, wie ich in manchem Kinofilm erlebt habe, bei denen mich plötzlich Tränen der Rührung überwältigt haben. Zum Beispiel bei „Billy Elliot“, „Das Leben ist schön“ oder dem „Club der toten Dichter“.

Heute hatte ich ein Erlebnis, bei dem mir klar wurde, dass ich als Mann in den 50ern gleichzeitig Sohn meines Vaters bin und bleibe und als solcher emotional reagiere, wie ich auch selbst Vater von drei Söhnen bin und in der Aufgabe lebe, ihnen zu geben, was sie jetzt von mir brauchen: Genau das, was ich von meinem Vater immer noch nicht so richtig bekommen habe. Es ist eben keine Abfolge: Erst Sohn, dann Vater sein. Sondern es ist die Gleichzeitigkeit, Sohn und Vater zu sein, die mich so überrascht hat. Eltern wirken ja immer wie ein Spiegelbild, Kinder, gerade des gleichen Geschlechts, aber ebenso. Und eigentlich ist diese so banal wirkende Erkenntnis ja sehr aufbauend, weil ich ja also – als unbefriedigter, mich noch sehnender Sohn – genau nachvollziehen kann, was sich meine Söhne von mir (meist unbewußt) wünschen. Ich sehe mich in zwei Richtungen gespiegelt.

Die Erkenntnis kam bei der Lektüre des autobiographischen Romans von Mathias Kopetzki: „Teheran im Bauch“, der dies so in Worte fasste. Vor allem aber, als er, der nach der Geburt sofort zur Adoption freigegebene Sohn eines deutsch-persischen Techtelmechtels, 30 Jahre später dem zehnjährigen Drängen des im Iran lebenden Vaters endlich – und jetzt es wirklich wollend –  nachgibt und ihm sagt, ihn besuchen, sehen und erleben zu wollen. Der Vater ist davon völlig überwältigt. Der Sohn auch. Und mir schießen die Tränen in die Augen, weil ich auch gerade zwei Söhne im Iran habe, die nicht verstehen, warum der Papa nicht da ist.

Boroumand Kolompeh_Kerman

Nachdem ich vor vier Jahren das Glück erlebte, die Produktion von Dattelkeksen in der südiranischen Stadt Kerman dokumentieren zu dürfen (Mahbubes Kolompeh), war es vor drei Wochen umso schöner, Mahbube in ihrer neuen Bäckerei erneut besuchen zu können und zu schauen, wie gut sich dieses private „business“ in schwierigen Umständen entwickelt hat. Aus den privaten vier Wänden heraus hat sich die 50jährige vor 1,5 Jahren insofern verbessert, als sie die Räumlichkeiten eines früheren Fortbildungszentrums für Lehrer aus den revolutionären Zeiten der frühen 1980er-Jahre angemietet hat, ohne die damalige Leuchtreklame zu verändern und dort nun mit sechs statt nur drei Mitarbeiterinnen deutlich mehr produzieren kann, als vorher: Gut 50 kg, also etwa 1000 Kolompeh am Tag, jeweils und nur auf Vorab-Bestellung. Sie produziert nicht auf Vorrat, es gibt kein Lager, alles wird am gleichen Tag verkauft, weil die Qualität des Produkts schnell sinkt, wenn man es lagern muss. Nur zu Feiertagen produziert sie vorab.

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Nicht nur die Handarbeit ist sehr aufwändig. Auch die Unsicherheit, von Tag zu Tag, über die Höhe der individuellen Bestellungen, ist schwierig zu managen. Oft gibt es Stress für die sechs Mitarbeiterinnen, von denen ich drei noch von 2013 kenne. Aber es gebe auch gute Gespräche, erzählt sie. Meist über familiäre Fragen, Probleme mit den Kindern oder den Schwiegereltern… Die Behörden kommen gelegentlich vorbei, um die Sauberkeit zu überprüfen – aber auch, um zu checken, ob hier Frauen arbeiten, ohne Männeraugen ausgesetzt zu sein.

Produziert werden heute neben Kolompeh, deren Produktion ich damals ausführlichst beschrieben habe, auch Kuchen namens „Komak“ und Pistazienkekse namens „Ghotab“, die für mich das Leckerste überhaupt sind, was ich in Kerman gegessen habe:

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Nach aufwändiger Produktion in Handarbeit werden die Ghotab in Öl frittiert und dann in kleine Kisten verpackt. Mahbube überlegt weiterhin – wie damals -, ob sie in weitere Maschinen investieren soll. Mit einer Maschine zum Kneten und Walzen des Teigs könnte sie statt 50 kg bis zu 200 kg am Tag produzieren. Die ihr so wichtige Qualität wäre aber nicht so gut. Das ist eine schwierige Entscheidung für Mahbube, die ihren seit 8 Jahren bestehenden Betrieb kontinuierlich weiter entwickeln möchte, ohne den Ruf ihrer Produkte zu gefährden.

Boroumand Kolompeh_Kerman © Ekkehart Schmidt

Zufrieden Bohnen ernten

Klingt so banal: Hab heute den Rest unserer Balkonbohnen geerntet… Und diejenigen, die noch so frisch waren, dass ich sie zu einem weiteren Eintopf verkochen kann, von denjenigen getrennt, die schon zu trocken waren und bei denen also mit gut 20 Minuten Aufwand die Spreu von den Bohnen zu trennen waren.

Zufrieden Bohnen ernten © Ekkehart Schmidt

Zufrieden Bohnen ernten © Ekkehart Schmidt

Ja. Aber das Ergebnis von fast einem halben Jahr täglichen abendlichen Gießens mit Frisch- und möglichst viel Brauchwasser der vier gut 2 m hohen Bohnenpflanzen war unter’m Strich doch so bescheiden, dass ich ein starkes Gefühl von Demut erlebe. Da habe ich also als Ergebnis von sehr viel Arbeit drei Eintöpfe kochen können, dazu bleibt ein Gläschen Bohnenkerne für ein Chilli ohne Carne, habe zwar das wunderbare Gefühl des Selbstanbauens von Lebensmitteln mitten in der Stadt zur Reduzierung von Transportkosten im Sinne der Selbstversorgungs-Visionen von Permakultur und der Transition Town Bewegung erlebt, aber ich hätte das gleiche Ergebnis von vielen Stunden Aufwand auch für etwa 1-2 Euro im Bioladen kaufen können.

Natürlich schmeckt Selbstproduziertes besonders gut, das befriedigt auch ungemein. Aber kann das eine Lösung unserer Nahrungsmittelproblematik sein, wenn ich mit viel Aufwand inmitten einer Großstadt gerade einmal einen Teil des Inputs für 3 bis 4 Mittagessen produzieren kann? Ich brauche dazu ja zumindest noch eine Zwiebel, eine Dose gestückelter Tomaten, zwei Möhren und zwei Kartoffeln. Und wäre ich ein Bauer, der vom Bohnenanbau leben soll: wie kann das ökonomisch aufgehen? Wohl nur als Bauer im armen Süden, der den reichen Norden beliefert. Und schon haben wir das Problem des enormen Verbrauchs fossiler Ressourcen für den Transport.

Ist, was die Bewegung als Strategie propagiert, nur Augenwischerei, andere Wege zu suchen? Hier im Norden müsste ich meine Ernte für 30-50 Euro das Kilo verkaufen, um einen nennenswerten Beitrag zu meinen Miet- und sonstigen Kosten zu erwirtschaften. Ähnlich klingt die Quintessenz für unseren Tomatenanbau: Drei Pflanzen mit 36 Früchten. Nur bei den Kräutern sieht das anders aus, da braucht man keine große Quantität, um ein großes qualitatives Plus beim Salat zu erreichen.

Oder müsste man sich besser vernetzen und austauschen?

Zufrieden Bohnen ernten © Ekkehart Schmidt

Ratshof_ Bad Sobernheim

Manchmal braucht man als sich modern fühlender Großstädter Provinz. Gerade weil diese hart erarbeitete Identität es erfordert, alles Provinzielle weit von sich zu weisen, ist es erhellend, sich in einem solchen Kontext zu spiegeln. Entweder um sich erneut die Sicherheit zu bestätigen, dass man tatsächlich kosmopolitisch und weltgewandt ist bzw. sei. Oder – weil das Leben eben nicht entweder Schwarz oder Weiß, sondern oft Grau ist – um die verborgenen Seiten des ostentativ Abgelehnten in sich zu entdecken. Leider ist es nicht immer einfach, spontan in die Provinz zu gelangen, wenn man in einem Zentrum lebt. Als ich heute aber zum etwa hundertsten Mal in den vergangenen 22 Jahren per Zug die Strecke zwischen Saarbrücken und Mainz (bzw. Bonn, Köln und Frankfurt/ Flughafen) fuhr, kam mir die Idee, zwischendurch auszusteigen und dann mit dem nächsten Zug eine Stunde später weiter zu fahren. In Idar-Oberstein, Bad Kreuznach, Kirn und Bad Münster am Stein war ich schon einmal ausgestiegen. Warum jetzt also nicht Bad Sobernheim?

Den Zusatz „Bad“ trägt dieser alte Ort zwischen Hunsrück und Nordpfälzer Bergland erst seit 1995. Das von großem Selbstvertrauen und Wunsch nach Modernität zeugende Bahnhofsschild aus den 1970ern trägt dem daher noch nicht Rechnung. Keine 200 m weiter nördlich taucht man in eine durchaus reizvolle Kleinstadt v 6000 Einwohnern ein, vor Augen die Vision alter Kursäle mit altmodischen Cafés. Aber die auf Skoliose und andere Wirbelsäulen-Erkrankungen spezialisierten Therapie-Einrichtungen liegen alle abseits des Ortskerns. Das halbe Dutzend Cafés und Kneipen rund um den Markplatz versucht optisch den Spagat zwischen den Bedürfnissen der Einheimischen und denen möglicher fremder Gäste, die beide Gemütlichkeit suchen.

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Ich entscheide mich – nicht ohne zu überprüfen, ob es eine Espressomaschine gibt – für den Ratshof, der als Hotel-Restaurant-Café firmiert, was man durch tief hängende Geranien kaum entziffern kann. Der Kontrast zwischen den plastikstuhlmodernen Sitzplätzen in Lilarosamalvenfarben draußen unter den Geranien und hinter prachtvoll mediterran sprießendem Oleander sowie der höhlenartig dunkelbraungelben Gaststube könnte kaum größer sein. Das zieht mich an. Das Namen gebende Rathaus kann ich freilich nicht sehen, weil die drei Wagen des heutigen Donnerstags-Marktes die Sicht versperren.

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Seit 1955 betreibt die Familie Kassel hier ihr Lokal, das sicherlich ein Sommer- und ein Winterleben hat, ein Leben draußen und eins drinnen. Da ich natürlich das eicherustikale Interieur dokumentieren möchte, bin ich an diesem heißen Nachmittag der einzige Gast drinnen.

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Das auffälligste und authentischste in diesem Lokal sind die blumenförmigen Lampen, mit aufwändiger, kunstvoller Halterung des Lampenschirms in Metall sowie einem weiteren Schirm, der verhindert, dass das Licht zu stark die Decke beleuchtet. Diese an Weinranken erinnernde Metallverzierungen finden sich auch an den Abtrennungen der einzelnen Sitzecken. Vielleicht war das Lokal mitten im Weinanbaugebiet der mittleren Nahe ursprünglich vor allem eine Weinschänke? Frau Kassel, den ihr gleichfalls heute kellnernder Sohn (oder ist es ihr Mann?) „Chefin“ nennt, sagte mir, dass sie zu den Lampen nichts sagen könne. Das habe der Architekt damals entschieden, als aus einem Wohnhaus ein Lokal gemacht wurde.

Heute lebt man wohl vor allem von Busgesellschaften, für die es mehrere Nebenräume von 10 bis 70 Plätzen gibt.

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Ein in blau-wei8-braunen Tönen gehaltener Nebenraum:

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Nach einer halben Stunde Aufenthalt bin ich zurück zum Bahnhof, nicht ohne nach den „Fremdenzimmern“ zu fragen: Für das Einzelzimmer mit Dusche im Zimmer zahlt man 46 Euro, inklusive Frühstück. Ausgerichtet ist das Haus neben Wanderern aber eher auf Busgesellschaften, die hier mittags essen.

Im Speisenangebot finden sich neben einer schwäbischen Maultaschensuppe und einer ungarischen Gulaschsuppe Opas Rinderroulade und Omas Schweineschnitzel, ein Radfahrerteller, aber auch ein Salatteller „Hildegard von Bingen“, die nicht weit von hier gewirkt hat. Einen Pfälzer Saumagen suche ich vergebens, finde dafür Ochsenfleisch mit Frankfurter Grüner Sauce sowie Schinderhannes Wildbratwürste für Preise zwischen 7,50 und 19,90 Euro. Klingt nicht nach meinem mir selbst aufgezwungenem Ernährungsstil. Aber ich muss zugeben, dass ich hier gerne, unbeobachtet von meinem grossstädtischen Über-Ich, zugeschlagen hätte. Wäre es nicht mit 16.15 Uhr die völlig falsche Zeit gewesen.

Adresse: Marktplatz 10, 55566 Bad Sobernheim, Tel.: 06751-2310, Homepage

Ratshof_ Bad Sobernheim © Ekkehart Schmidt

 

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main

Vor einem Monat ist es mir wieder einmal ins Auge gefallen. Nicht zum ersten Mal. Diesmal habe ich in die Lobby geschaut, während ich gerade nebenan Gast in der Pension Alpha war. Aber: Nee, nicht meine Preisklasse. Oder? Das Haus  ist optisch schon auf den ersten Blick ein echtes Relikt, ein Überbleibsel aus einer Zeit, als man fast ausschließlich per Bahn gereist ist und an den Hauptbahnhöfen der Großstädte edle Hotels entstanden. Wenn man denn hier am Südausgang des Bahnhofs vorbei läuft…, was kaum noch jemand macht, es sei denn, das Ziel sind die Fernbusse der Mannheimer Straße. Heute gehen die meisten Reisenden durch den Hauptausgang zur U-Bahn und fahren in Hotels an attraktiveren Standorten. Oder kommen per Auto. So wurde mir jedenfalls klar, als ich einen Blick in diese Lobby warf: Wenn ich das nächste Mal in Frankfurt bin, übernachte ich hier. Es hat dann tatsächlich nur vier Tage bis zum 9. August gedauert, ehe wir hier in diesem zwischen Neubauten fast eingequetscht wirkenden Hotel mit Geschichte und Charme der Jahrhundertwende zu viert auf dem Weg in den Iran ein Zimmer belegt haben. Und es war für uns mit 122 EUR statt 170 EUR für’s Dreibettzimmer gar nicht so teuer. Oder sagen wir: Es ist zweifellos seinen Preis wert.

 

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Läuft man hier abends vorbei, sind die Rolläden oft hinunter gelassen, so dass einem im Trubel der Straße nicht bewusst wird, welch angenehme und ruhige Atmosphäre innen herrscht. Das historische Gebäude bietet viel mehr Zimmer, als es zunächst den Anschein hat: 100 Zimmer und Suiten verteilen sich über das Vorderhaus, aber auch das später angebaute Hinterhaus. In der Lobby und dem Treppenhaus merkt man dem Hotel die 110 Jahre seines Bestehens an. Gerade das Treppenhaus war kaum so zu sanieren, dass der alte Glanz zu neuer Wirkung kam. So wirkt es hier im Vergleich zu Neubauten für viele wahrscheinlich fast ein wenig schmuddelig. Dabei ist das pure Authentizität eines Hauses mit langer Hoteltradition: Das 1906 von der Schweizer Familie Franz Herrlein erbaute Haus, das damals „Hotel Monopol-Metropole“ hieß, überstand den Zweiten Weltkrieg nahezu unbeschadet, obwohl es direkt neben dem Hauptbahnhof steht. So konnte es im weiträumig zerstörten Frankfurt nach Kriegsende als erstes Hotel wieder eröffnen. Daher beherbergte es beispielsweise im Zuge der Konferenzen zur Währungsreform viele prominente Tagungsteilnehmer aus Politik und Wirtschaft. Auf der Homepage des Hotels finden sich eine Werbeanzeige und zwei Fotos der damaligen Zeit:

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Während man sich in der Lobby, im Frühstückssaal und im Treppenhaus noch sehr gut in diese Situation eines Luxushotels der 1940er-Jahre hineinfühlen kann, wenngleich hier heute vor allem chinesische und japanische Touristen sitzen, sind die Zimmer den Bedürfnissen des frühen 21. Jahrhunderts entsprechend saniert worden. Oder des späten 20. Jahrhunderts, jedenfalls ist der Stilbruch akzeptabel.

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

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Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Wir hatten Zimmer 358, sehr ruhig, weil mit Fenster zum Hinterhof. Edel mit einbauschrankbestückten Vorraum zum Bad.

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

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Den Charme der Jahrhundertwende hat sich das Hotel tatsächlich nicht nur im historisch wertvollen Baustil von Lobby und Frühstücksraum erhalten können. Die Ausstattung der Zimmer mit moderner Technik und halbwegs gehobener Ausstattung ist eine gute Mischung. Alles solide und in Ordnung.  Alles ist sehr sauber. Die Badezimmer sind renoviert, wenn auch nicht mit den teuersten Materialien ausgestattet. Natürlich sind auch die Zimmerausstattung und die Möbel schon älter, aber man spürt noch, dass dies einmal ein wirkliches Luxushotel gewesen sein muss, wenn es auch heute etwas aus der Zeit gefallen wirkt. Es machte Spaß, abends spät noch einmal vor die Tür zu treten und sich da als Teil von etwas besonderem zu fühlen.

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Auch der Frühstücksraum mit seinen alten Ölgemälden und gutem Büffet ist eine gute Mischung aus Historie und modernen Ansprüchen. Das Angebot sehr lecker, von Müsli bis Brötchen und Kaffee bis Orangensaft ein gehobener Standard.

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Fazit: Nicht nur die zentrale Lage am Bahnhof ist immer noch unschlagbar, gerade für frühe Abflüge vom Airport, den man vom Hotelportal aus in gut 20 Minuten erreicht. Man bekommt auch einen authentischen Eindruck von der Bedeutung Frankfurts aus der Zeit ehe der Flughafen und die Banken die Stadt verwandelt haben.

Adresse:  Mannheimer Str. 11-13, 60329 Frankfurt am Main, Tel.: 069 22737-0, Homepage

Hotel Monopol_Frankfurt/ Main  © Ekkehart Schmidt

Bistro & Café Teme_Frankfurt/ Main

Manchmal muss man an einem von täglich hunderttausend Menschen besuchten Ort wie dem Frankfurter Hauptbahnhof einfach nur einen kleinen Schlenker weg von den Passantenströmen machen, um in deren toten Winkel eine andere Welt zu entdecken und überraschend Neues kennen zu lernen: Also am Südausgang nicht links, sondern rechts in die Mannheimer Straße zum Fernbusbahnhof gehen, an dem nicht nur Flixbusse, sondern um’s Eck in der Karlsruher Straße auch polnische und rumänische Busse warten. Mich haben hier seit vielen Jahren die osteuropäischen Reiseagenturen, Elektro- und Reisebedarfsläden sowie die persisch geführten Restaurants und Hotels wie das „Paris“ oder die Pension Alpha fasziniert, vor allem aber das Mitte der 1990er-Jahre entstandene „Sarajevo Café“. Anfang August wollte ich es wieder finden, aber es ist aus dem kleinen, engen Lokal 100 m weiter in größere und edlere Räume umgezogen und war urlaubsbedingt geschlossen. The times they are a changing und mit ihnen die Flüchtlingsgruppen: Wenngleich hier keine Busse nach Asmara abfahren, habe ich jetzt etwa am Standort des bosnischen Lokals ein eritreisches Café entdeckt. Warum auch immer sich der Inhaber Abraham Temesgen diesen gewählt hat. Vielleicht hat er schlicht das von Yohannes Bereket – dem Namen nach ebenfalls ein Eritreer oder Äthiopier – geführte Internetcafe übernommen. Die Gäste sind jedenfalls ortsspezifisch und zeitabhängig durchmischt: Eritreer und andere Afrikaner, aber auch auf ihren Bus wartende Bulgaren, Polen und Rumänen.

Bistro & Café Teme_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bistro & Café Teme_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bistro & Café Teme_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bistro & Café Teme_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bistro & Café Teme_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Dieses dem Hauptbahnhof am nächsten gelegene Café zieht – offenbar sehr häufig, wie ich bei meinen zwei Besuchen innerhalb einer Woche festgestellt habe – auch Reisende an, die einfach nur eine Toilette suchen. Die anderen kommen wegen des göttlich guten Kaffees, um sich zu unterhalten oder zur Ruhe zu kommen. Das Interieur ist ihnen nicht wichtig: es ist sehr pragmatisch und einfach, wohl aber mit Stühlen, wie ich sie aus Äthiopien kenne, die etwas unstabil sind. Und auch den – für 1,50 EUR sehr preiswerten – Espresso bekommt man in einem typischen To-go-Pappbecher.

Bistro & Café Teme_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bistro & Café Teme_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bistro & Café Teme_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bistro & Café Teme_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bistro & Café Teme_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bistro & Café Teme_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Im hintersten Eck neben dem WC findet sich ein Spielautomat. Im Fernseher laufen Videos mit eritreischer und/ oder äthiopischer Musik. An der Theke bekommt man neben Bier auch härtere Alkoholika. Das Lokal wird also später am Abend auch andere Gäste haben. Ich frage mich, wie diese rückwärtige Ecke des Bahnhofs die derzeitige Umwandlung überleben wird, bei der neben einem neuen japanischen Billighotel auch ein Riesenparkhaus entsteht (siehe dazu einen Text der Frankfurter Rundschau). Ich fürchte, dass mit der damit verbundenen Aufwertung des Platzes in Kürze ein Mikrokosmos verdrängt wird, der selbst im Frankfurter Bahnhofsviertel ziemlich einmalig ist.

Adresse: Karlsruher Str. 14, 60329 Frankfurt

Bistro & Café Teme_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt