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Resafa – eine syrische Wüstenstadt

ERINNERUNGEN AN SYRIEN, Samstag, 19. März 1988

Unterwegs zwischen Deir-ez-Zor und Aleppo hatte ich den etwa gleichaltrigen Studenten Gerd kennen gelernt. Wir fuhren zusammen nach ar-Raqqa (Rakka). Ich habe vergessen, woher er kam und wohin er wollte. Ich war per Anhalter durch Jugoslawien in die Türkei und per Bus in Quamishliye in Syrien eingereist, auf dem Weg nach Kairo. Nach dem Besuch der Ruinen von ar-Raqqa haben wir mittags erst einmal schnell noch „ein Felaffel in Brot gewickelt“ gegessen. Im Tagebuch beschrieb ich dann unsere Tour nach Resafa, einer unbewohnten Ruinenstadt:

„Wir wurden dabei ziemlich über’s Ohr gehauen und sind dann zum Busbahnhof. Ich mit allem Gepäck, weil’s nach Aleppo weiter gehen soll, Gerd ohne viel Kram, er bleibt noch eine Nacht hier. Wir kriegten gleich einen Bus für die erste Etappe bis zum Dorf Al Mansura, 30 km von hier, der aber eine Stunde brauchte (2 Militärkontrollen). Das gibt ’ne ganz schöne Expedition heute: 25 km geht’s in die Steppe, wer weiß, ob wir, wenn wir da jemals hinkommen, heute auch wieder ’nen Lift zurück kriegen? Da liegen nur ein paar Winzdörfer, ein paar noch dahinter in Richtung Palmyra. Ein Bus fährt natürlich nicht. Wir kriegten aber mit viel Glück gleich einen Lift hinten auf ’nem Pick-up-Truck, auf dem schon fünf Beduinen saßen. Wir gurkten aber noch was rum, nahmen noch drei Passagiere mit und saßen nun absolut gequetscht zu zehnt auf 3 x 3 Metern. Ich auf der Kante, immer in Angst, bei ’nem Schlagloch ’ne Rolle rückwärts zu machen. Machte aber total Spaß: ‚Ne richtig gute Aktion. Gerd mir gegenüber. Eine echte Knochentour raus in eine ewig weite grüne Ebene, nur zwei Mal unterwegs ein Dörflein. 

 

Resafa - eine syrische Wüstenstadt © Ekkehart Schmidt

Resafa - eine syrische Wüstenstadt © Ekkehart Schmidt

„3 km vor Resafa dann ein Polizeiposten, der uns erstmal zu ’nem Maté einlud, diesem argentinischen Zeugs, das man aus einem eisernen Strohhalm trinkt. Was haben die Leute für eine Ruhe! Unser ‚Taxi‘ mußte natürlich warten, bis wir den Tee fertig hatten. Dann kamen die riesigen Mauern der Ruinenstadt auf uns zu, mitten in der absolut saftig grünen Ebene, die ich im Sommer sicher als Wüste gesehen hätte. Ein riesiges Viereck von so 500 x 400 Metern, mit fast vollständig erhaltener Stadtmauer.“ (Leider habe ich nur Fotos von innen gemacht)

Resafa - eine syrische Wüstenstadt © Ekkehart Schmidt

„Zuerst war die Stadt im 5. Jahrhundert Pilgerziel (der Märtyrer Sergios starb hier), dann wurde daraus ein Bistum, das ummauert wurde (unter Kaiser Justinian). Nach den Mongolenstürmen im 13. Jahrhundert wurde die Stadt aufgegeben und liegt seitdem wie Palmyra als Geisterstadt in der ‚Wüste‘. Wirkte super. Gerd machte noch Witze: Jetzt müssten da zwei Touristenbusse stehen… – was man sich absolut nicht hätte vorstellen können, so einsam lag das hier und so schön war die Anfahrt auf die Mauern zu. Doch was sah ich? Genau zwei Touristenbusse, eindeutig! Wir wurden rausgelassen, hatten übrigens reichliche 30 syrische Pfund (zu zweit) gezahlt und latschten auf die Busse zu: Studiosus Reisen München, modern und deutsch, aber mit syrischem Kennzeichen. Irgendwie hatte ich total Bock, die zu treffen und mir das anzuschauen. Am Bus warteten nur die beiden Fahrer. Wir sind quer durch’s Ruinenfeld und trafen ’ne 20er-Gruppe Deutscher zwischen 40 und 60, nur der Führer war ein jüngerer, sicher ehemaliger oder noch Student der Kunstgeschichte. Die Leute sahen aus, wie erwartet, in T-Shirts (weiß) und mit Kamera vor’m Bauch, aber doch nicht so Vadder und Mudder aus Wanne-Eickel, eher wie Lehrer und schon interessierte Leute, sonst wären sie sicher auch nicht in Syrien. Machte Spaß, locker und versifft vorbei zu schlendern, mit Schlafsack und Ziegenledersack, ‚Grüß Gott‘ zu wünschen und uns dann, ohne dass man groß aufeinander einging (schade) auf’s Südtor zu setzen und erstmal über die Anlage zu schauen.“

Es gab übrigens nur ein Schild mit dem Namen des Ortes, aber keinerlei sonstige Infrastruktur, etwa ein Kassenhäuschen oder Ähnliches.

Resafa - eine syrische Wüstenstadt © Ekkehart Schmidt

Resafa - eine syrische Wüstenstadt © Ekkehart Schmidt

„Ich wusste gleich, dass sich dieser Ausflug echt absolut gelohnt hatte. Das ganze Gelände ist grün, überall wachsen gelbe und blaue Blumen in einer Hubbellandschaft mit 1000 ‚Kratern‘, wie in Van in der Ost-Türkei. Das meiste innen ist zerstört, nur noch zwei Basiliken, ein ‚Zentralbau‘ und die Eingänge zu einer riesigen Zisterne stehen ziemlich gut erhalten in der Landschaft – alles aus einem sehr schön zum Grün und all dem Weiß des Himmels kontrastierenden Silbergrau. Das passendste wäre jetzt ein schwarzer Himmel, aber nach Regen sieht es auch so schon aus.

Gerd erklärte mir, wieso aus den alten Gipssteinen jetzt Kristallbrocken, die wie Quartz aussahen, geworden sind, die langsam zerbröseln: Wenn der Gips fest wird, ist er völlig faserig, weil er schneller erstarrt, als sich die Teile regelmäßig ordnen können. Die energetisch günstigste Struktur ist aber die regelmäßige. Der Stein versucht sich so umzulegen, er verliert die Faserung und wird zu einem regelmäßigen Kristall, das dann zerbröselt – in 1000 Jahren natürlich erst. Das gleiche hatte ich in Dura Europos schon gesehen.

Wir legten uns erstmal in die Wiese auf dem Stadttor und schauten eine halbe Stunde lang herum. Bald war die Tourigruppe weg, mit denen ich dann irgendwie doch Mitleid hatte, oder besser gesagt: mich schämte, weil ich doch auf sie ‚runtergeschaut hatte und glaubte, ich wäre was besseres. Trotz Klischeebestätigung fand ich’s doch OK, dass und wie (nämlich sicher recht anspruchsvoll) die hier herumreisen, auch wenn sie heute von Aleppo gekommen sind, dann noch Hallabiye sehen werden und vielleicht noch ganz schön was weiter fahren, vielleicht sogar noch bis Palmyra. Jetzt, wo wir ganz alleine hier waren (der Beduinenpapa, der vorhin mit ‚echt antiken Münzen‘ angerannt kam, ist auch schon wieder weg, hat uns nicht gesehen – Touristen ohne Autos kann’s ja nicht geben), genossen wir das richtig. Stöberten zwei Stunden herum, hatten viel Spass dabei und verstanden uns viel besser als anfangs, wo ich ihn etwas komisch fand. Nicht gerade ein ‚Yuppie‘, aber schon einer von den 20jährigen, die ich schon kaum mehr verstehe und ziemlich langweilig finde.

Ich fand das hier ähnlich schön wie mit (Freundin) Edith (1981) in Meteora, zumal es bald auch leicht zu nieseln und dann kräftig zu regnen begann, was aber absolut nicht störte. Das ist hier so richtig das erste Frühlingserlebnis – und wie komisch: eine ‚Wüstenstadt‘ im Frühling zu erleben. Mir kam das hier fast wie in Schottland vor, gerade weil bald auch echt schwarze Wolken kamen, es aber hell blieb und überall plötzlich Schafe herum rannten.“

Resafa - eine syrische Wüstenstadt © Ekkehart Schmidt

Resafa - eine syrische Wüstenstadt © Ekkehart Schmidt

Resafa - eine syrische Wüstenstadt © Ekkehart Schmidt

„Die Zisterne wirklich riesig, eine dreifach mit Säulenreihen unterteilte unterirdische Halle von je ca 50 x 15 Metern, in die wir von oben reinschauten. Von der so genanten ‚Basilika B‘ standen nur noch Reste vom Chor und des Fussbodens, durch die man sich das Gebäude aber gut vorstellen konnte. Toll dann die Basilika A, die Kathedrale, die bis auf’s Dach noch fast vollständig erhalten ist (Fotos oben). Wir mussten da regelrecht hinflüchten, weil’s wirklich stark zu regnen begann. Ganz komisch die Lichtverhältnisse, ziemlich helles Licht, trotz Wolken und Regen. Die Säulenreihen glänzten richtig , nass wirkt alles noch schöner. Die Kirche war wirklich das schönste hier, gerade die Säulen mit den Kapitellen vor der braunen Außenwand. Ich bin dann noch auf der Seite halb die Außenwand hoch geklettert und kriegte ’nen schönen Blick in’s Innere.

Wir sind dann noch zum Zentralbau, wo im einzigen großen stehen gebliebenen Bauteil noch eine Treppe neben dem Altar (?) hoch führte, dann aber einfach aufhörte. Ich hatte jetzt richtig Lust gekriegt, da mal außen hoch zu klettern. Zuerst in einer Ecke schwierig zwei bis drei Meter hoch, dann über einen Mauergrat und zum Treppenturm. Dort dann reichlich riskant außen so 10 Meter hoch, an 1 Meter dicken Mauerbrocken entlang und auf’s Dach. Schöner Blick, aber doch mit zittrigen Knien. Gerd erzählte unten auch schon dauernd von seinem Erste-Hilfe-Kurs und vom „Roten Halbmond“. Ich hatte zwar Spaß am Hochklettern, kriegte jetzt aber doch Schiss, hier oben die Nacht zu verbringen.

Ich bin dann die völlig unbenutzte (vielleicht seit Jahrhunderten nur ab und zu von Narren wie mir) Treppe runter in den 1. Stock und hangelte mich von der offenen Tür in’s Nichts um die Ecke hoch auf die fetten Mauersteine. Von da ging’s dann gut runter. Was war ich froh!

Im strömenden Regen sind wir dann noch durch das sehr schöne Nordtor, das von innerhalb der Stadt unscheinbar wirkte, innen aber einen großen Hof und sehr schöne Säulenbögen hatte. Insgesamt sind es drei Tordurchgänge, der mittlere am größten. Ein äußerer Torvorbau ist in der Mitte eingestürzt. Draußen vor der Stadt sind wir noch an ’nem isolierten Bau vorbei und dann quer über ein Feld zur Asphaltstraße. Jetzt kommt Teil 3 der Aktion. Ein Trecker fuhr die Straße entlang, wir waren noch zu weit weg und winkten nicht. Hätten wir’s doch getan! Wir latschten jetzt fast ’ne Stunde durch den Regen, ich mit allem Gepäck, und nur Gegenverkehr kam. In Al Mansoura hatten wir einen Markt gesehen, von dem die Bauern jetzt wohl zurück kehrten. Aber wer sollte jetzt noch von ‚draußen‘ in der Steppe zur Hauptstraße am Euphrat fahren, wo ja auch nur Dörfer liegen? Niemand anscheinend. Wir latschten und latschten, war aber ganz lustig irgendwie, obwohl wir bald absolut durchtränkt waren. Unsere einzige Hoffnung war der Militärposten, bei dem zwei Soldatenkutschen standen, die uns zur Not vielleicht hätten zur Straße fahren können. Hätte mich nicht gewundert, wenn wir hätten in dem Winzdorf daneben würden pennen müssen.

Dann kam aber nach ’ner Ewigkeit ein Punkt aus der Richtung Resafa – ein Dreirad mit leerer Ladefläche, vorne ein Mann mit seinem Sohn, total eingemummelt. Was waren wir happy – 100 m von der Bullerei. Die winkten uns fröhlich, wir erst recht. Ziemlich langsam gings die letzten 20 km, die Leute aber echt in Ordnung. Ich schenkte dem Jungen eines meiner Feuerzeuge, der Mann stoppte dann und bot uns Arak aus ’nem 2-Liter-Benzinkanister an. Super. Ein toller Tag, den ich sicher nie vergessen werde, gerade auchweil wir zu zweit waren. Die Regenaktion alleine? (…)

Wir machten nochmal Zigarettenpause und versägten einen Trecker, unsere Kiste brummte und schnurrte wie ein Wasweißichmirfälltgeradenixein. Ziemlich verfroren warteten wir dann an der Hauptstraße auf ’nen Bus, mussten stehen und waren gegen 18 Uhr in Rakka. Dort erwartete uns leider gleich der Quälgeist, den Gerd nicht los wird.“

Zum Weiterlesen: Wikipedia-Artikel „Resafa

Resafa – eine syrische Wüstenstadt © Ekkehart Schmidt

Røde Roses Kaffebar_Kopenhagen

Ein Besuch in Nørrebro war mir ein „must“ bei meinen 4 Tagen Kopenhagen Mitte Oktober: Ein alter Arbeiterstadtteil, heute bekannt für einen hohen Anteil an Studenten, Einwanderern und ein vorwiegend muslimisches multikulturelles Gepräge mit großer Moschee und allem, was dazu gehört. Und Hausbesetzer! So bin ich auf meinem Leihrad von den Seen der Stadtmitte gut 3 km die Hauptstraße namens Nørrebrogade in den Kern des Stadtteils am „Superkilen“ geradelt. Ehe ich da eintauchen wollte, hab ich mir aber ein Café gesucht, dass ich über Google Earth gefunden hatte. Es war dessen großes Namensschild, dass mich anzog.

Røde Roses Kaffebar_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Røde Roses Kaffebar_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Knallrot quer durch eine Art Park-Parkplatz fiel es ins Auge: Kaffebar!

Røde Roses Kaffebar_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Røde Roses Kaffebar_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Røde Roses Kaffebar_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Røde Roses Kaffebar_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Røde Roses Kaffebar_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Die Kaffebar trägt den Zusatznamen „Røde Roses“, der allerdings nur auf einem Flyer sichtbar wird. Es ist ein echter Nachbarschaftstreff von Leuten unterschiedlichster sozialer Herkunft.

Røde Roses Kaffebar_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Røde Roses Kaffebar_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Røde Roses Kaffebar_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Røde Roses Kaffebar_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Røde Roses Kaffebar_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Røde Roses Kaffebar_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Es gibt Regale mit viel Literatur, vor allem zum Thema Jazzmusik. Dazu gerade eine Fotoausstellung mit Schwarz-Weiß-Porträts und Szenen aus der Jazzszene.

Die Kundschaft wirkte ziemlich typisch gentrifiziert: Jüngere Leute mit Kindern oder Laptops, die wohl eher woanders aufgewachsen und hierher gezogen sind. Mit der früheren Geschichte des Stadtteils scheinen sie nicht mehr verbunden zu sein. Als hier gegen 1970 umfangreiche Stadterneuerungsprojekte mit drohenden Abrissen begannen, hat es massive Unruhen gegeben. Seit Anfang der 1980er Jahre war Nørrebro für wiederholte Krawalle bekannt, zuletzt vor einem Jahrzehnt, als das alternative Jugendzentrum Ungdomshuset abgerissen wurde. Hier ist eher das Szeneviertel mit ökologisch nachhaltigen Cafés, weiter nördlich ist das Nørrebro, das in den vergangenen Jahren in den Medien vor allem als sozialer Brennpunkt thematisiert worden ist. Einerseits wurde über zunehmende Gewaltdelikte von Migranten berichtet, während Jugendliche aus Einwandererfamilien eine rassistische Behandlung durch die Polizei beklagten. Zwei Wochen nach meiner Herumradelei gab es hier eine Schießerei befeindeter Banden. Das alles war hier heute aber weit weg, wenn auch nur etwa einen halben Kilometer.

Die Kaffebar hat vier Ebenen: Terrasse, Hauptraum, Empore und einen hinteren Thekenbereich. Ich habe mich auf die Empore gesetzt, einen Espresso getrunken und ein bisschen beobachtet. Zu essen gab es nur sehr teure Sachen, so habe ich mich mit einem Sauerteigbrot mit Käse begnügt. Der Begriff „hygge“ fiel mir ein, dieses kaum übersetzbare Wort, über das die Medien zur Zeit reflektieren bei der Frage, warum die Dänen als besonders glücklich gelten. Es umschreibt so etwas wie das Gefühl von „Geborgenheit“. Auffällig viele junge Mütter mit Kindern kamen hierher, setzten sich im Nieselregen unter die Pergola. In einer Grundhaltung aus gelassenem Optimismus ihre Kinder frei lassend in deren Spiel und Bedürfnissen. Nicht reglementierend.

Røde Roses Kaffebar_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Røde Roses Kaffebar_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Røde Roses Kaffebar_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Ja: Hygge in Kopenhagen, das war für mich vor allem diese Kaffebar. Nach einer schön ruhigen Stunde bin ich dann ins Zentrum des multikulurellen Geschehens am Projekt „Superkilen“ (oberstes Foto) und stöberte dort herum, ehe es zurück ins Stadtzentrum ging.

Adresse: 2200 n, Baldersgade 65, 2200 København N, Dänemark, Tel.: +45 20 28 70 19

Verwendete Quelle: Schipp, Anke: Hygge für die Kleinen, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 5.11.2017, S. 17

Røde Roses Kaffebar_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Coffeeshop Månefiskeren_Freetown Christiania

Das war wieder so eine Situation, in der ich meine seit sechs Jahren betriebenen Kaffeehausstudien grundlegend in Frage stellen musste: 36 Jahre nach meinem ersten Besuch war ich Mitte Oktober ein zweites Mal im legendären Freistaat Christiania. Grundsätzlich interessiert, wie sich dieses gesellschaftliche Experiment in Kopenhagen entwickelt hat, aber eben auch mit der Kamera in der Tasche, um Fotos zu machen – wie immer am besten in einem Café. Ich hatte Berichte gelesen von Journalisten, denen die Kamera abgenommen wurde, weil sie in oder zu nahe der Pusherstreet fotografiert haben, in der unbehelligt Cannabis und Haschisch verkauft werden. Eingangs dieser Passage, auf die einen die Wegführung vom Haupteingang der ehemaligen Bådmandsstræde Kaserne nach kaum einmal 100 Metern her führt, prangte bis vor kurzem ein großes Graffiti mit durchgestrichener Kamera, das allerdings durch ein großes Herz übermalt worden ist. Aber es war klar: Man hat keinen Nerv mehr auf blöde Touristen, die hier im Rausch des Abenteuers das Unfassbare dokumentieren wollen und dabei Dealer ablichten, die außerhalb des Freistaats keine Duldung für ihr Tun erleben würden.

Coffeeshop Månefiskeren_Freetown Christiania © Ekkehart Schmidt

Coffeeshop Månefiskeren_Freetown Christiania © Ekkehart Schmidt

Coffeeshop Månefiskeren_Freetown Christiania © Ekkehart Schmidt

Coffeeshop Månefiskeren_Freetown Christiania © Ekkehart Schmidt

Coffeeshop Månefiskeren_Freetown Christiania © Ekkehart Schmidt

Man kommt bei einem solchen Gang durch die Pusherstreet – oder, wie ich, drumherum laufend – unweigerlich an ein ehemaliges Fabrikgebäude mit 30 Meter hohem hohem Schornstein und bunten Graffitis vorbei, selbst wenn man nicht in Richtung des bekannten Fahrradladens läuft. Hier schlägt mit dem Coffeeshop Manefiskeren seit 1972 ein Herz dieser sehr speziellen Kommune (ein anderes ist das Badhuset), das allerdings stark von Fremden frequentiert wird. Man wirbt sarkastisch damit, dass es sich hier um das sicherste Café der Welt handelt – bei über 6000 bewaffneten Polizeikontrollen seit März 2004. Ich war hier, am ersten Morgen meines viertägigen Aufenthalts in der dänischen Hauptstadt, mit meinem Leihrad vom Bedwood Hostel unterwegs und fühlte mich dadurch ein wenig so, als könnte man mich für einen Einheimischen halten. Dennoch war ich sehr zurückhaltend beim fotografieren.

Coffeeshop Månefiskeren_Freetown Christiania © Ekkehart Schmidt

Das Manefiskeren ist von 10 bis 23 Uhr geöffnet, am meisten los ist hier wohl abends von 19 – 20 Uhr, dann nimmt die Zahl der Besucher rapide ab. Vielleicht, weil es hier keinen Alkohol gibt? Jetzt im Oktober war es relativ ruhig. Im Sommer ist hier oft deutlich mehr los, es gibt dann Konzerte auf dem weiten Vorplatz, der im Herbst 2015 umfangreich saniert wurde. Draußen und drinnen sah ich fast nur Leute, die dabei waren, sich einen Joint zu drehen und ihn dann aus einem mir unbekannten Grund mit schnellen Bewegungen durch das Feuer ihres Feuerzeugs zogen. Und rauchen. Auch drinnen.

Coffeeshop Manefiskeren_Freitstaat Christiania (c) Ekkehart Schmidt

Die Theke dort wirkte überraschend konventionell. Das Café besteht aus zwei großen und sehr hohen Räumen. Der zweite wird von einem Billardtisch dominiert. Ich setzte mich mit meinem Espresso dort hin und beobachtete ein wenig die Szenerie unterhalb des stilisierten träumenden Mannes, der auf einem der drei gelben Punkte angelt, die so etwas wie das Wappen von Christiania sind.

Coffeeshop Månefiskeren_Freetown Christiania © Ekkehart Schmidt

Coffeeshop Månefiskeren_Freetown Christiania © Ekkehart Schmidt

Coffeeshop Månefiskeren_Freetown Christiania © Ekkehart Schmidt

Coffeeshop Månefiskeren_Freetown Christiania © Ekkehart Schmidt

Coffeeshop Månefiskeren_Freetown Christiania © Ekkehart Schmidt

Das Lokal ist relativ preiswert. Man kann hier auch essen: Neben Donuts und Ähnlichem auch warme, eher mediterrane Gerichte mit dänischem Einschlag, also zum Beispiel  Jakobsmuscheln mit Pesto an Couscous. Aber es dauert eine Weile, weil die Speisen individuell zubereitet werden. Jetzt mittags schien diesbezüglich kein Bedarf zu sein.

Wer Dänisch versteht, kann hier die Geschichte des Cafés nachlesen, kopiert von dessen Facebookseite:

„Café Månefiskeren er en forening der drives kollektivt af en flok frivillige ildsjæle der har hjerte og sjæl i Christiania. Caféen er en arkitektonisk perle, beliggende på grænsen mellem Downtown og Uptown i Christiania, som før var en varmecentral der forsynede hele Bådmandsstræde Kaserne. Dette bevidnes også af den 30m høje skorsten, som rager op bag Månefiskeren som et af stedets unikke kendetegn.

Caféens historie går helt tilbage til sommeren 1972 og har altid været kørt kollektivt af forskellige Christianitter igennem tiden. Stedet har rummet alt lige fra værtshus til teatercafé´og musikcafé. Og bandet Moonjam har deres navn efter Café Månefiskeren, fordi det var her de jammede i deres spæde tid.

I 1992 mister stedet sin alkoholbevilling efter utallige besøg af narkotika- og bevillingspolitiet, der konstaterer hashrygning gentagenede gange. Caféen ender med at være lukket i omkring et år og kollektivet vælger at udnytte tiden med en gennemgribende renovation. I foråret 1993 genåbner Månefiskeren som alkoholfri coffeeshop og bliver i den periode Danmarks største café af sin slags, besøgt af mennesker fra hele verden.

Ved regeringsskiftet i 2001 skete der store ændringer i den mangeårige eksistens som coffeeshop, og det ender med at blive den café i danmarkshistorien med flest politibesøg. Efter omkring 5 års belejring med 4-6 politibesøg dagligt, stopper tiden som coffeeshop for Månefiskeren. I dag er Månefiskeren en café blandet med musik, kultur og ren råhygge, hvor nationaliteter på kryds og tværs mødes.

Kollektivet tæller i dag ca. 35 medlemmer og er en blanding af Christianitter og mennesker udefra, som har det tilfælles, at vi alle arbejder under Chrisitanias grundlov og har hjerte for stedet. Alle arbejdsopgaver bliver udført frivilligt af medlemmerne selv.

Caféen er meget lys og består af to rumlige lækre lokaler med højt til loftet der bliver oplyst af store flotte støbejernsvinduer. Man fornemmer straks sjælen af en gammel smuk bygning, blandet med alternativt selvbyggeri der summer af 40 års Christiania-håndværk. Blandt andet de to meget unikke og smukke gulve af henholdsvis træklodser og marmormosaik.Månefiskeren råder også over et superlækkert udendørsareal med tæt på byens fleste soltimer. I sommerhalvåret vil man også ofte opleve live-musik som spænder både fra store til små bands og andre musikaliske indslag. Der er siddepladser med borde lige foran caféen og langs facaden, mens der også en skøn aflukket have som besøges af både cafégæster og forbipasserende som alle nyder den lille grønne oase.

Månefiskerens cafékort er ikke stor men godt. Vi sælger varme og kolde drikke, som alle er alkoholfri. Om morgen serveres der morgenbuffet og lækkert brunch og senere på dagen hjemmebagte kager og andet godt. Vi bestræber os på at være mest muligt bæredygtigt, foretrækker økologiske produkter og har altid friske råvarer.“

Ich habe mich hier nicht wirklich wohl gefühlt, aber das lag eben auch daran, dass ich hier vor allem darauf ausgerichtet war, irgendwie doch heimlich zu fotografieren, statt für mich zur Ruhe zu kommen.

Adresse: Fabriksområdet 97S, 1440 København/ Dänemark, Tel.: +45 32 57 14 56

Coffeeshop Månefiskeren_Freetown Christiania © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau

Die Idee war ja schön, aber ich habe mich dann doch nur besch… gefühlt. Sorry für die Ausdrucksweise. Aber so empfand ich meinen Aufenthalt von viereinhalb Stunden in Warschau, der eine Zwischenlandung auf dem Rückweg von Kopenhagen war: Statt den preiswerten Flug mit zwei Stunden Aufenthalt (was im Transitbereich sehr öde gewesen wäre) zu nehmen, fand ich die Idee faszinierend, ein halbes Jahr nach meinem ersten längeren Aufenthalt in der polnischen Hauptstadt, die Variante eines vierstündigen Transitaufenthalts zum gleichen Preis zu wählen und dann aber vom Flughafen schnell per S-Bahn in den stark vom sozialistischen Wohnungsbau geprägten Stadtteil „MDM“ südlich des Kulturpalasts zu fahren, dort zu Mittag zu essen und etwas herum zu laufen. Das hatte ich schon einmal bei einem Flug nach Manila mit einem verlängerten Transit in Doha/Qatar gemacht.

Ich kam zwar sehr schnell aus dem Flughafen raus, erwischte auch direkt eine S-Bahn und war nach kaum einmal 20 Minuten an der Station „Ochota“, aber dann fand ich eben doch erst nach einigem Herumlaufen das im Reiseführer empfohlene Lokal, das doch an der extrem unwirtlich-lärmigen Hauptstraße Av. Jerozolimskie und nicht im hinteren Bereich zwischen den Wohnblocks nördlich der großen Trinkwasserfilteranlage lag, wie auf der Karte verzeichnet. Mitten in einem Viertel sozialistischen Wohnungsbaus eine faszinierend grün umrankte Oase.

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Irgendwie tickte aber gleich unangenehm die Uhr, nachdem ich bestellt hatte. Und sofort glaubte ich deshalb, herum laufen zu müssen, um die unterschiedlich gestalteten Teilbereiche dieses arg zwischen Kitsch und Echtheit polnischer Restaurantkultur schwankenden Lokals zu fotografieren. Genießen geht anders. Dieses unangenehme Gefühl entstand vor allem, weil ich mir eingestehen musste, das Lokal vor allem deshalb aufgesucht zu haben, um einen Blogtext zu schreiben. Aber auch weil ich – völlig gegen meine Überzeugungen – ein extrem unökologisch-fleischlastiges Gericht bestellte, weil das am schnellsten ging. Dazu eine ungewöhnlich leckere handgemachte Zitronenlimo.

Aber tatsächlich war schon das Äußere – ein dornröschenhaft zugewachsenes Lokal in grauer Hochhaus-Umgebung an der Hauptstraße – sehr ungewöhnlich und fotografisch keine große Herausforderung. Man kommt dann durch einen holzvertäfelten Garderoben-Vorraum in eine weite Gaststube, von der aus der Blick in ein halbes Dutzend weiterer Räume und Ecken geht. Auf den ersten Blick wirkt der Hauptraum wie ein Restaurant bei IKEA oder einer Hotelkette. Aber dann geht man auf Entdeckungstour in diesem Lokal, dessen Namen übersetzt „Großer Speiseschrank“ bedeutet…

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Betritt man die Schwelle zu einem Nebenraum, wechselt die Szenerie unmerklich, oder auch abrupt: Man findet sich plötzlich in einer Bar oder einem Wohnzimmer wieder. Die Inneneinrichtung mag für manchen Westler generell viel zu kitschig sein, „aber die meisten Besucher scheinen sich in diesem von ungewöhnlichen Einfällen nur so überquellenden Restaurant wohl zu fühlen“, heißt es im Warschau-Reiseführer des Michael Müller Verlags, wobei wohl Einheimische gemeint waren. Es war der folgende Satz, der mich dazu brachte, bei einer großen Auswahl interessanter Lokale in diesem Stadtteil genau dieses zu wählen: „Es gibt wohl kaum ein Plätzchen, in dem das Warschau der Vorkriegszeit so zu spüren ist“. Die Betreiber wollten allerdings nicht nur die Atmosphäre von Wohnzimmern längst vergangener gutbürgerlicher Warschauer Häuser nachbilden, sondern haben das gemischt mit den Reminiszenzen an die Straßen von Paris, irischen Tavernen und sogar saarländischen Spelunken mit Maggi-Schildern. Auch die Toilette scheint sehr besuchenswert zu sein, aber diesen Tipp hab ich dann blöderweise vergessen.

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Mir kam eine Begriffskopplung in den Sinn, die widersprüchlich wirkt, aber hier passt: eklektizistische Authentizität. Ich meine damit, dass hier viele Ecken in einer Weise passend stilistisch jeweils für sich so authentisch polnisch eingerichtet sind, dass man sich in ihnen fast echt in einem solchen Lokal oder einer guten Stube fühlen kann, würde man nicht direkt nebenan eine ganz anders eingerichtete Ecke sehen oder wenigstens von ihr wissen. Es ist also kein purer Eklektizismus, weil jede stilistisch andere Ecke in sich einheitlich und nicht durchmischt ist. Was ich in jedem anderen Ort als zu disneyworldlike empfunden hätte, ist in Warschau angemessen: schließlich ist die Stadt von den Nazis fast dem Erdboden gleich gemacht worden, inklusive der typischen Interieurs. Dies in einer modernen Umgebung (in der Altstadt hat man alles originalgetreu wieder aufgebaut) derart wieder auferstehen zu lassen, ist also legitim. Zumal man durch die modern gestaltete Decke und die Beleuchtung klar signalisiert bekommt, dass diese Ecken eingebaut sind. In der Altstadt gibt es mit dem Restaurant „Galeria Fletu“ übrigens ein Pendant, das aber mit seinen Original-Interieurs eher das Polen der Nachkriegszeit aufleben lässt. Beide sind so etwas wie Heimatmuseen, in denen man gut speisen kann.

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Im Nachhinein, einen Monat nach meinem Besuch und nach Reflektieren über das Lokal, fühle ich mich besser: Das Fotografieren an sich war OK, in dieser Umgebung machen das sicher viele, auch Einheimische. Unangenehm in Erinnerung bleibt eher diese Hast. Aber das erlebe ich bei meinen Kaffeehausstudien auch öfters, weil eben meistens doch nur eine Stunde Zeit ist und ich die Lokale selten mehr als ein bis drei Mal besuche. Wirklich übel war es diesbezüglich allerdings beim Besuch des Café Filtry, in dem ich anschließend einen Espresso trank…

Adresse: Al. Jerozolimskie 111, Tel. 22-6298008, http://www.kredens.com.pl

Verwendete Quelle: Szurrmant, Jan/ Niedzielska-Szurmant, Magdalena: Warschau, Michael Müller Verlag, 3. kompl. überarb. und aktual. Auflage, Erlangen 2015, S. 202

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Café Wilder_Kopenhagen

Edel, aber ohne Dünkel. Authentisch, aber voll im Zeitgeist. Cool, aber zum Wohlfühlen. Teuer, aber nicht überzogen. Ein Café in einem gentrifizierten Viertel, aber um’s Eck von einem der berühmtesten Anarcho-Projekte  Europas. Drei Mal kam ich hier letzte Woche an der Kreuzung der Wildersgade mit der Sankt Annae Gade im Kopenhagener Stadtteil Christianshavn per Rad vorbei: Beim ersten Mal auf dem Rückweg vom nahen Gelände der 45 Jahre alten Gesellschaftsutopie  „Christiania“, beim zweiten Mal auf dem Rückweg von einem Trip noch weiter raus über die Kanäle im Westen der Stadt nach O/restad – jedes Mal, ohne hier einzukehren. Stattdessen aß ich erst mittags gegenüber im „Café Sankt Annae 8“ das leckerste Sandwich seit Jahren, dann trank ich abends im süßen Café „Sweet Treat“ meinen abendlichen Espresso.

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Dieser Schriftzug faszinierte abends.

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Also war Samstag-Morgen klar, als ich mich fragte, welches letzte Highlight ich mir nach frühem Aufstehen im „Urban Hostel“ auf dem Weg zur Abgabe meines Leihrades im „Bedwood Hostel“ – in einem sehr engen Zeitfenster auf dem Weg zum Flughafen – gönnen würde: Einen kleinen Umweg zu einem bestimmt teuren und nur kurzem Frühstück im „Wilders“. Wenngleich mein guter MM-Reiseführer aus nicht nachvollziehbaren Gründen das Lokal nicht nennt, so war doch klar, dass sich ein Besuch lohnen musste, wird das Wilder doch bei tripadvisor immerhin an Nr. 147 der über 2000 Cafés und Restaurants der Stadt genannt.

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Ida hieß die Kellnerin mit wasserstoffblondem  Kurzhaarschnitt, jedenfalls laut Quittungszettel, die mir um 8.30 Uhr trotz offener Türen erst den Zutritt verwehrte (sie müssten noch vorbereiten, ehe es um 9 Uhr losgehe) und dann ein Morgenbro/t servierte. So saß ich erst einmal draußen in der Morgenstille, beobachtete dann einen jungen Lieferanten, der per Privat-Pkw mehrere Kürbisse für die Halloween-Deko und zwei Tüten vorgeschnittenen Brots anlieferte, von denen ich später ein halbes Dutzend ofenfrisch warm wirkende  Scheiben bekam.

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Ida komplimentierte mich halbwegs charmant vom frei gewählten Vierertisch zu einem Zweiertisch, wohl weil es bald sehr voll werden würde. Ich hatte mir vorab wohlüberlegt Zeit bis 9.25 ausgerechnet, ehe es zur Radabgabe gehen musste. Bis dahin kamen nur zwei Freundinnen einer jungen Mutter mit Baby, die sich ins Blickfeld auf den das Café dominierenden Akt mit Alkoholflaschen setzten, der mich faszinierte: Der Blick, die Brüste, die Flaschen.

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Das Morgenbrøt kostete 69 Kronen, der doppelte Espresso 25 (also 9-10 EUR und 3,5-4 EUR je nachdem, ob ich den Kurs mit oder ohne Wechselstubenabzüge berechne). Das geht eigentlich im Vergleich zu ähnlichen Bio-Restaurants, in denen man für ein Felaffel auf Salat schnell 25 EUR zahlt – einem Erlebnis, das mich zwei Tage zuvor etwas traumatisiert hatte. Es gab großzügig je zwei dicke Scheiben Käse und Schinken sowie selbstgemachte Marmelade zu ausreichend Brot und einem Ei. Alles in Bio-Qualität. Dazu viel Schnittlauch und ein Schälchen grobkörnigen Salzes mit wiederum – aus unerfindlichen Gründen – viel Schnittlauch. Kein Saft, aber ich hatte Ida ja von meinem Missgeschick erzählt, am Vortag versehentlich Waldbeerensirup statt Saft gekauft zu haben und den nun mit Wasser verdünnt mit mir zu tragen (um ihn bis zum Check-In runter zu kippen).

Es war alles stimmig, ich konnte das Morgenbrøt wirklich genießen, ehe es weiter zum Bedwood-Hostel zur Rad-Abgabe ging. Und dann ab zum Airport – für einen Flug nach Frankfurt mit zwei Stunden Transitaufenthalt in Warschau, wo ich dann leider im Restaurant Grand Kredens und im Café Filtry deutlich weniger Ruhe hatte als hier.

Adresse: Wildersgade 56, DK-1408 København, Tel.: 0045-32 54 71 83, wilder@cafewilder.dk

Café Wilder_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Café Filtry_Warschau

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Wohin bei zwei Stunden in Warschau? Mehr hatte ich nicht. Das ist für eine Transitsituation viel und wenig Zeit zugleich. Eigentlich vier Stunden am 15. Oktober ab Landung von Kopenhagen kommend bis zum Weiterflug nach Frankfurt, wie ich mir das absichtlich gebucht hatte, statt die Variante eines kurzen Zwischenstopps zu nehmen, nachdem ich im Mai schon einmal in der polnischen Hauptstadt war. Rechtfertigen konnte ich das bei meiner beruflichen Reise durchaus, weil das die preisgünstigste Lösung war. Ein besonderes Café natürlich. Aber auch zu Mittag essen. Ich bin also vom Chopin-Flughafen erst zum Restaurant Grand Kredens an der Station Warszawa Ochota, 800 m westlich vom Kulturpalast. Von dort wollte ich in das authentisch erhaltene Viertel sozialistischen Wohnungsbaus MDM. Nach ein paar hundert Metern Fußweg durch ein unspektakuläres Krankenhaus-Viertel parallel zu den berühmten Lindley-Wasseraufbereitungsanlagen wurde mir klar: Nee, vergiss es. Du kannst jetzt nur noch hier in der Umgebung etwas suchen, dann musst du zurück zur S-Bahn in Richtung Flughafen, willst du nicht einen verpassten Flug riskieren.

Kehrtwende also, nach Check meiner vorher gefertigten Skizze möglicherweise interessanter Cafés und Gebäude: ab zum Café Filtry. Unterwegs verstand ich, worauf der Name Bezug nimmt: Die „Filtry Lindleya“, die sich hinter den roten Ziegelsteinmauern versteckten, an denen ich endlos entlang lief, bilden das historische Wasserwerk der Stadt, das bald in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen werden soll. Erbaut wurde es vom Engländer William Lindley, einem Pionier der Stadtinfrastrukturplanung. Nachdem er schon in Hamburg, Leipzig, Düsseldorf und Frankfurt moderne Wasserversorgungssysteme installiert hatte, führte sein Sohn ab 1863 die Arbeiten in Warschau aus – das Ergebnis war  schon ab 1836 schmeckbar. Klingt banal, aber ohne gute Wasserwerke gibt es auch keine guten Espresso.

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Nach vielen hundert Metern ohne jegliches Geschäft oder Lokal, kam ich endlich an die Einmündung der Ulica Niemcewicza in die Ulica Raszynska, entdeckte hinter einem Werbeplakat endlich das Café, verfluchte aber mit Blick auf die Uhr zugleich meine illusionäre Reiseplanung: Mir bleiben 10, vielleicht 15 Minuten. Dann musst du zurück zur S-Bahn, jedenfalls wenn Du etwas über eine Stunde vor dem Boarding wieder einchecken willst. Schade. Dieser Ort ist wirklich perfekt zum Entspannen. „Jugendlich süß eingerichtetes Lokal mit persönlicher Note und sehr guten Kaffeemischungen. Man kann in Bildbänden und Büchern blättern, mit den sympathischen Besitzern klönen oder am Grünstreifen vorm Eingang auf einem der Hocker (im Hernst) oder Liegestühle (im Sommer) entspannen. Lecker die selbst gemachten Kuchen und das Frühstück“, hieß es in meinem Reiseführer.

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Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Ich fühlte mich zwar gleich wohl, aber – angesichts meiner Zeitnot – nicht schnell genug beachtet von den zwei coolen Mädels und einem Typen hinter der Theke, die ihre zu bearbeitenden Bestellungen sehr gründlich bearbeiteten, ohne meine Ankunft wahr zu nehmen. Links neben der dominanten Theke bot ein schmaler Schlauch mit Spiegeln noch ein paar Tische an einer langen Bank. Zwei eher aufgebretzelte Paare saßen da, während vorne studentisches Publikum ins Gespräch vertieft war. Das Zentrum war für mich aber mein Sitzplatz am Fenster mit all dem im Rücken und einem Blick hinaus in einen beginnenden Herbst.

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Café Filtry_Warschau (c) Ekkehart schmidt

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Mein Espresso kam, ich haute ihn runter, nur darauf konzentriert, heimlich wenigstens ein paar gute Fotos zu machen. Letztlich habe ich mich selbst gedemütigt in dieser fast zwanghaften Aktion, ein Café nur deswegen aufzusuchen, um es zu fotografieren. Aber es hat sich doch gelohnt: Ich habe hier ein anderes Warschau als das in Praga erlebt, eins, das frappierend westlich wirkte in einem gutbürgerlich-studentischen Wohnviertel fernab von touristischem Einfluss.

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Adresse: Ul. Niemcewicza 3, Tel. 507-815204, http://www.filtrcafe.pl

Verwendete Quelle: Szurmant, Jan/ Niedzielska-Szurmant, Magdalena: Warschau, Reiseführer, Michael Müller Verlag, Erlangen, 3. Aufl. 2015, S. 197

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Versuch über das Lächeln der Daphne Galizia

Mir kam heute plötzlich die Frage hoch, welche Fotograf/in bei Fotos wie jenem auf dem Grab der in Malta ermordeten und gestern beerdigten Journalistin Daphne Galizia eigentlich in welcher Intention angelächelt worden sind, bzw. ob man sich als Betrachter eigentlich bewusst macht, dass die fotografierte Person ja nicht einen selbst anschaut oder anlächelt, sondern eine Person mit Kamera in einer bestimmten Situation. Aber nicht nur das: Wie ein Blitz traf mich die Frage, ob das denn eigentlich legitim ist, dieses Lächeln und dieses Foto zu benutzen und – wie in diesem Fall – weltweit in den Medien zu verbreiten?

Ein Lächeln kann ja aufgesetzt sein, weil da jemand einen aus welchen Gründen auch immer fotografiert, obwohl einem vielleicht gar nicht zum Lächeln zumute ist. Oder es kann authentisch sein, dann blitzen auch die Augen und man vermag tief in die Seele der fotografierten Person zu schauen. Das kennen wir alle. In letzterem Fall ist da aber eben eine Intimität gegeben, deren Nutzung – und sei es auch, wohlwollend gemeint, um eine ermordete Person in liebenswürdigem Licht erscheinen zu lassen – ethisch zumindest fragwürdig ist.

Daphne Galizia_Quelle: scradar.com

Das Originalfoto habe ich auf ihrem Blog gefunden:

Daphne Galizia_Quelle: https://daphnecaruanagalizia.com/wp-content/uploads/2011/02/DSC_8970bw3.jpg

Ich musste an die Mona Lisa denken. Hier ein ähnliches Bild von 2015, ebenfalls von ihrer Homepage, bei dem ihr Lächeln etwas verhaltener ist, sie andere Ohrringe trägt und Ausschnitt zeigt.

Daphne Galizia_800_Quelle: https://daphnecaruanagalizia.com/wp-content/uploads/2015/06/dcg.jpg

In ihrem Blog hat die (auch das noch… ) 5 Tage vor mir am 26. August 1964 geborene Journalistin als maltesische Partnerin des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) 2016 ihre Schlüsse aus der Auswertung der Panama Papers veröffentlicht. Sie war die Erste, die die Verwicklung des maltesischen Ministers Konrad Mizzi und Keith Schembri, einem Intimus des maltesischen Ministerpräsidenten Joseph Muscat, in den Skandal aufdeckte. Es wird vermutet, dass deswegen im Oktober der tödliche Bombenanschlag auf sie verübt worden ist.

Eine heroische (bzw. she-roische) Figur also, ein Opfer der guten Sache, dem Kampf gegen das Verhalten vieler Mächtiger und Reicher, ihr Vermögen unversteuert in Steueroasen zu verstecken. Dennoch frage ich mich, ob es nicht übergriffig ist, ihr in einem völlig anderen – vielleicht intimem – Kontext festgehaltenes Lächeln einer ganz konkreten, bestimmten Person gegenüber stehend, wahrscheinlich einem Mann, nun nicht nur als souveränes Lächeln gegenüber den Attentätern und Hintermännern, sondern auch wie eine Quintessenz eines 53jährigen Lebens um die Welt gehen zu lassen, ohne sie dabei auch als Mensch außerhalb dieses hochpolitischen Kontextes zu beschreiben und zu würdigen. Weil: Wenn man sich andere Fotos anschaut, konnte sie auch ganz anders, vor allem angestrengt und gestresst gucken. Wurde durch diese subjektive Bildauswahl ihr Recht am eigenen Bild verletzt, obwohl sie beide auf ihrem Blog öffentlich gemacht hat?

Vielleicht sind meine Gedanken zu diesem Thema zu moralisierend, zu intellektuell oder anderweitig neben der Spur? Mir kamen heute morgen aber einfach diese Fragen hoch und ich musste mich damit beschäftigen.