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Zum Brünnchen_Saarbrücken

Die klassisch urdeutsche Eckkneipe gibt es in Saarbrücken nicht, dafür ist die Stadt mit ihren kleinteilig gewachsenen Vorstädten nicht großstädtisch genug. Die hiesigen Kneipen haben trotzdem die gleiche Funktion. Sie sind mit ihrer in bestimmter Weise gepflegten nachbarschaftlichen Kommunikation ein echtes immaterielles Kulturgut. Wie das Kaffeehaus. Während letzteres in Bildbänden und Artikeln gerne als hochkultureller Ort gefeiert wird, ist das Wirtshaus eher ein Lokal geblieben, auf dessen gelebte Kultur gern herabgesehen wird. Weil dort Alkohol statt Kaffee gesoffen wird und dazu nicht Kuchen, sondern Nüsse genossen werden? Oder vielleicht, weil der gebildete Bürger das dort gepflegte Gesprächsniveau als minderwertig betrachtet? Oder, weil er als Teil einer stark individualisierten Gesellschaft das dort erlebte Zugehörigkeitsgefühl nicht braucht?

Beiden Orten geselliger Kommunikation gemein ist, dass Mann und (seltener) Frau sich in diesem öffentlichen Raum wegen der Lust auf ein Getränk einfinden, das sie gemeinschaftlich zu sich nehmen. Im Café meist alleine oder zu zweit für sich bleibend, in der Gastwirtschaft manchmal auch einsam, meist aber als Teil einer Gemeinschaft. Hier wie da will man zur Ruhe kommen, sich entspannen, in die Zeitung schauen und Leute beobachten. Im Café oder einer Bar geht es vielleicht, in der Kneipe unbedingt darum, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Weil zuhause keiner da ist für einen Austausch. Oder nicht die richtige Person für manche Themen und Probleme.

Das zweitälteste Gewerbe der Menschheit, das Bieten eines Ortes zur Kommunikation bei gleichzeitigem Alkoholgenuss, scheint jedoch in der Krise zu sein. Das Betreiben einer Gastwirtschaft ist ökonomisch schwierig geworden und wirkt wie ein Geschäft mit der Einsamkeit. Das war jedenfalls der Ausgangspunkt einer Recherche zur hiesigen Kneipenlandschaft, an der ich jetzt einen Monat sitze bzw. für die ich seit einem Monat kreuz und quer, aber systematisch durch die Innenstadt und die Ränder von Saarbrücken radele. Publiziert wird sie in drei Teilen in den Saarbrücker Heften.

Letzten Dienstag musste ich mal wieder in den vom Strukturwandel stark getroffenen Vorort Burbach, um offen gebliebene Fragen zu checken. Von Malstatt kommend ging es vorbei an der sieben Jahre alten, edel gestalteten Bistro-Bar „Krasniqi’s“ mit kosovo-albanischen Inhabern, sowie einer sich selbstironisch „Betreutes Trinken“ nennenden alten Kneipe nebenan, zum Burbacher Markt. Das kneipengeschichtlich interessanteste Lokal hier ist bzw. war sicherlich „Rolands Eck„, aber das ist seit 2015 geschlossen. Mir gefällt hier besonders die „Bierstube“, aber die war noch im Halloween-Fieber „geschmückt“ und ich wollte sie ungeschminkt fotografieren.

Gut, ich hatte ja noch ein anderes Unikum entdeckt: „Zum Brünnchen“ ist vorne ein Imbiss, hinten eine Kneipe. Sie wirkt von außen sehr abgewrackt, aber der Eindruck täuscht komplett. Die Tür nach innen wirkt eher abweisend, so lichtete ich – etwas unschlüssig und da niemand in Sicht war – erstmal die Speisekarte ab. „Darf ich fragen, was sie da machen?“ kam dann eine überraschende, durchaus strenge Frage von innen. Ich erklärte meine Hintergründe und hoffte, dass die resolut und zugleich mütterlich-freundlich wirkende Frau nicht befürchtet, dass ich „hässliches“ oder „unästhetisches“ der etwaig mangelnden Sauberkeit fotografiere.

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Sie verstand sehr gut und also war klar, dass ich das Hinterstübchen betrat. Drinnen äußerte ich mein Erstaunen über die zwei Seiten des Lokals und lobte sogleich das angenehme Flair. Erbaut wurde das einstöckige Gebäude 1963 von ihren Schwiegereltern und ist seitdem in der Familie geblieben, erzählte Frau Cremers (ich hatte draußen das Schild gesehen, das Heinz Cremers als Inhaber nennt). Die Hochzeit wurde übrigens in „Rolands Eck“ gefeiert. Ein Jahr älter als ich also, der sich äußerlich hoffentlich besser gehalten hat.

Bis etwa 1997 hieß es „Schlossbräu Brünnchen“, aber das habe ja keinen Sinn mehr gemacht, nachdem die Schlossbrauerei  aus Neunkirchen zu gemacht hat (jetzt liefert Karlsberg). Und hatte eine sehr dunkle Theke. „Das haben wir dann neu gemacht, irgendwann sieht man sich ja dran leid“.

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Einmal drinnen entdeckt man eine der saubersten Kneipen der Stadt. Der winzige, fensterlose Raum ist angenehm hellbraun gehalten. Ich bestelle eine Roaschwurschd, nach der ich – als stark auf Fleisch verzichtender „Flexitarier“ plötzlich regelrecht giere. „Es Mathild’sche“ kommt rein und es wird kurz über den Cholesterinspiegel gesprochen, ehe das Telefon klingelt. Es ist Heinz, der mit seiner Frau, aber auch mit Mathilde spricht.

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Als das sich mit einer anderen Besucherin wiederholt, merke ich das als interessant an: „Ja, das ist hier eine Wirtschaft mit Familienanschluss“ sagte die Pächterin, deren Vornamen Rita ich mittlerweile aus den Gesprächen mit den Besucherinnen herausgehört hatte, die in der Ecke über der Treppe hinunter zu den Toiletten saßen, während ich am Eingang saß.

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Mathilde geht und ich kann weiter meine Fragen stellen. Alle Viertelstunde muss Rita Cremers durch den Durchgang nach vorne: Ein Kunde möchte „das, was grad fertig ist“: Ein Fleischklops im Doppelweck für 2 Euro 70. „Und wie geht’s so, familymäßig?“ fragt sie ihn. Sie kennt ihre Stammkunden, „manche seit ihrer Geburt“.

Die andere Frau kommt für ein erneutes kurzes „Hallo“ zurück, wieder ohne zu konsumieren, dann wirft sie einen Euro in das rote „Sparkässje“ an der Wand. Es wird alle Woche geleert und einmal im Jahr wird abgerechnet – wie bei Frau Schwarz im „Storch„. Scheinbar scchauen hier viele immer wieder einmal hinein. Ob das hier tendenziell eher eine Frauenkneipe sei, frage ich? Nein, das liege grad eher an der Uhrzeit.

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Ich spreche Rita Cremers auch auf das Kneipensterben an, schon mit einigen Deutungsmustern wie Arbeitslosigkeit ehemaliger Stahlarbeiter und Rauchverbot. Aber sie nennt – nach einem kurzen, andeutungsreichen Ansprechen des Wandels der Bewohnerschaft (immer mehr Migranten meint sie wohl) – vor allem die Schließung bzw. Verlagerung der beiden Disccounter Lidl und Aldi nahebei, durch das die Bewohner*innen des „Dorfes“ nicht mehr so regelmäßig an den Markt kämen. „Es ist alles nicht mehr so, wie es einmal war“.

Aber das „Brünnchen“ scheint halbwegs zu überleben – vielleicht gerade weil es mit seinem Dreifach-Angebot von deftigen Grillwaren, Bier oder Kaffee und familiärem Gespräch ein echtes Unikum ist. Nicht zufällig findet sich virtuell nichts zu dem Lokal. Hier ist alles noch analog. Was sich mit diesem Blog ändert. Er ist als Empfehlung zum Eintauchen in eine andere Welt gedacht, die man in der Innenstadt viel zu wenig kennt, leider zuweilen auch naserümpfend, außer wenn am Brünnnchen der fast schon hippe „Orientalische Markt“ stattfindet.

Adresse: Burbacher Markt, 66115 Saarbrücken

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Alte Dorfschänke_Assmannshausen

Am 20. Oktober habe ich einen ersten Schritt gemacht, meinen jüngsten Kindern die Faszination Mittelrheintal nahe zu bringen, welche für meine eigene Verheimatung Anfang der 1970er-Jahre – damals von Köln, statt heute von Saarbrücken aus kommend – so wichtig war, dass ich sie weitergeben wollte. Ich war damals beim ersten Besuch 7 oder 8, Johann und Paul sind jetzt 6 und 4 Jahre alt. Und natürlich ging und geht es damals wie heute um Ritter, Burgen und Weinberge an diesem großartigen Rheinabschnitt. Aber nicht um diese etwas spießig wirkende nostalgische Romantik der Pensionäre aus dem Ruhrgebiet und ostasiatischen Touristen, sondern um Abenteuer-Erlebnisse für Jungs.

Ich hatte die „Pension Schuster“ gewählt, eingangs des sehr touristischen Dorfes mit über 800 Jahre Geschichte und entdeckte als Café- und Kneipenfreak natürlich sofort diesen alten Schriftzug 50 Meter weiter die Gasse hoch:

Alte Dorfschänke_Asssmannshausen © Ekkehart Schmidt

Durch den Ort läuft der Aulhausener Bach, auch Eichbach oder Höllenbach genannt, aus einem engen Tal im Rheinischen Schiefergebirge kurz unterhalb (oder aus unserer Sicht, per Schaufelradschiff von Bingen kommend) oberhalb des Binger Lochs von rechts dem Rhein zu. Am nächsten Morgen sind wir die Gasse hoch, um per Sessellift auf die Höhe zu fahren. Zurück blickend lag da die „Dorfschänke“ genau gegenüber der „Alten Bauernschänke“ an einer platzähnlichen Verbreiterung der Straße, beides Fachwerkbauten.

Alte Dorfschänke_Asssmannshausen © Ekkehart Schmidt

Schon am ersten Abend bin ich bei einer Zigarettenpause (die Kinder noch beim Abendessen bzw. später im Zimmer tobend) rüber und schaute mir das Lokal mit seinen viele Jahrhunderte alten bemalten Glasfenstern an:

Alte Dorfschänke_Asssmannshausen © Ekkehart Schmidt

Alte Dorfschänke_Asssmannshausen © Ekkehart Schmidt

Alte Dorfschänke_Asssmannshausen © Ekkehart Schmidt

Alte Dorfschänke_Asssmannshausen © Ekkehart Schmidt

Alte Dorfschänke_Asssmannshausen © Ekkehart Schmidt

Der Wirt hatte mich bemerkt und kam heraus. Er zeigte sich nicht mißtrauisch, sondern ungewöhnlich positiv, mich sehr offensiv willkommen heißend: „Kommen sie gerne rein, um drinnen zu fotografieren!“. Vielleicht lag es daran, dass da kein einziger Gast anwesend war und er – eine etwas ungewöhnliche Figur mit langen Haaren und auch sonst eher freakig wirkend – sich langweilte. Wir rauchten gemeinsam.

Alte Dorfschänke_Asssmannshausen © Ekkehart Schmidt

Alte Dorfschänke_Asssmannshausen © Ekkehart Schmidt

Ich musste aber erstmal zurück in die Pension: Schauen, ob die Kinder schlafen. Dann bin ich bei der nächsten Zigarette gegen 22 Uhr erstmal durch den Vorraum hin zur Theke und bekam dann vom Inhaber die alten Fresken gezeigt.

Alte Dorfschänke_Asssmannshausen © Ekkehart Schmidt

Alte Dorfschänke_Asssmannshausen © Ekkehart Schmidt

Alte Dorfschänke_Asssmannshausen © Ekkehart Schmidt

Alte Dorfschänke_Asssmannshausen © Ekkehart Schmidt

Anders als üblich betritt der Gast die Schänke durch den Konzert- und Tanzsaal mit Musikerpodest rechterhand, ehe sich der Raum verengt zum intimeren Thekenbereich. So herum machte sich die Leere des Lokals noch viel deutlicher sichtbar: Hier kehrt wohl kaum noch ein Dorfbewohner ein, um mehrere schöne Stunden in der Gemeinschaft zu verbringen und sich auszutauschen. Die „Alte Dorfschänke“ wirkte auf mich diesbezüglich wie ein Zombie.

Vielleicht war ich einfach nur zur falschen Zeit dort. In der Hochsaison ist es sicher  durchaus einmal voll – voller Touristen. Geworben wird jedenfalls mit Texten wie: „Gute Laune und Livemusik bietet die alte Dorfschänke, Livemusik und Tanz , Essen und trinken..“. Aber die Einheimischen haben sich generell wohl eher zurückgezogen. Was der Name suggeriert existiert heute nicht mehr: Ein kommunikatives Dorfleben mit einem solchen Mittelpunkt.

Die Schänke ist online unsichtbar, auch auf der Webseite des Ortes finden sich viele historische Fotos, aber kein einziges dieses Lokals. Insofern ist mir dessen Bedeutung nicht ganz klar geworden. Es ist sicherlich einige Jahrhunderte alt und war ein Mittelpunkt des Dorflebens. Aber auch unter diesem Namen? Oder ist dieser ein Fake, um Touristen anzuziehen? Nein. Wahrscheinlicher ist ein Namenswechsel.

Meine Kinder interessierte jedenfalls der heftige Güterzugverkehr hinter dem Haus deutlich stärker als Lokale ohne Eis oder andere für sie relevante Attraktion. So sind wir weiter zur Burg Rheinstein, nach Kaub zur Burg Pfalzgrafenstein und nach St. Goar zur Burg Rheinfels.

Adresse: Niederwaldstraße 7, 65385 Rüdesheim-Assmannshausen, Tel.: 06722-2383

Verwendete Quelle:  Wikipedia-Artikel „Assmannshausen

Alte Dorfschänke_Asssmannshausen © Ekkehart Schmidt

Dunkle Wolken – ein Gedicht

Schottland_Wolken (c) Ekkehart Schmidt

Dunkle Wolken

Dunkle Wolken, grünes Gras.
Stille, Summen der Fliegen,
das Lauschen entspannt.
Das Herz schlägt langsamer,
die Atmung wird flach.
Ein Glücksgefühl in der Tiefe erwacht.
Nichts halten, nichts erwarten,
so natürlich wie ein Garten.

In sich ruhen, sich Zeit lassen,
nichts besitzen, nichts hassen.
Dunkle Wolken können ziehen.
Sich nicht ducken, es kann regnen.
Kein Schauer, kein Zuschauer.
Im Regen stehen, dem Leben vertrauen.
Sich selbst anschauen,
etwas Neues in sich bauen.

Eine Vision, eine Transformation.
Die Wolken gehen, die Sonne kommt.

Eva-Maria Steinert

Ohne Vertrauen nicht – ein Gedicht

Heute bekam ich Besuch von Eva-Maria Steinert, die ihre Texte und Gedichte mitgebracht hatte. Sie las mir zum Abendbrot einige vor. Dieses gefiel mir sehr gut:

Strandhafer auf Borkum © Ekkehart Schmidt

Ohne Vertrauen nicht

Ich schreibe ein Gedicht.
Worüber?
Ich weiß es nicht.

Über nichts tun oder faulenzen,
über rumsitzen und Fernseh gucken,
über Bier trinken und sich ducken.

Über das Anpassen,
ständig aufpassen,
brav sein, keinen hassen,
Sehnsüchte unterdrücken,
Fließbandarbeit, Rückenschmerzen
vom Tragen und Bücken.

Ich  schreib ein Gedicht,
wenn nichts mehr bleibt,
als Worte und Licht.
Wenn die Suche vergeblich
und die Erfüllung nicht möglich.
Wenn einzig das Versagen
erzeugt ständiges klagen.
Wenn nach innen rufen
weckt den Hunger nach süßem Kuchen,
nach Geselligkeit, nach Zeit,
statt herum zu kämpfen,
schuften im dreckigen Kleid.

Es ist ein Gedicht über Dich und mich,
über all die, die alles losgelassen haben,
um einen Berg zu erklimmen,
um zu finden die freie Sicht.

Gott verspricht: Das Leben kann werden wie ein Gedicht,
jedoch ohne Vertrauen nicht.

Eva-Maria Steinert

Café Mamer_Altrier

Ohne beruflichen Termin wäre ich vorgestern wohl nie in Altrier (auf luxemburgisch „op der Schanz“) aus dem Bus gestiegen. Gut, dass ich einen früher nahm, um mir das 164-Seelen-Dorf an der Hauptstraße zwischen Luxemburg und Echternach, ein paar Kilometer östlich von Junglinster, noch kurz angucken zu können. Anlass war die Eröffnung eines Naturata-Bio-Supermarktes, dessen Bau von meinem Arbeitgeber etika finanziert worden ist. Ob er neben der Kirche und dem „Café Mamer“ zu einem neuen Kommunikationstreff dieses ein wenig nach edlem Schlafdorf wirkenden Ortes wird? Das nächste Mal werde ich mein Rad mitnehmen: von hier oben auf der Höhe („Schanz“) gibt es schöne Fernblicke in eine unverbaute Wald- und Felderlandschaft.

Ein Wanderweg ins Müllerthal kreuzt die Hauptstraße, die seit 1959 am Dorf vorbei führt. Damals hatte das „Café Mamer“ wohl noch auswärtige Gäste, die einen Zwischenstopp machen. Falls es da schon existierte. Die Wirtin konnte mir das am Donnerstag nicht sagen. Jetzt ist es jedenfalls ein reines Dorfcafé. Offiziell gibt es noch einen auf die Inhaberfamilie verweisenden Zusatz: „Café Mamer-Weyerich“.

Café Mamer_Altrier © Ekkehart Schmidt

Café Mamer_Altrier © Ekkehart Schmidt

Café Mamer_Altrier © Ekkehart Schmidt

Zuerst dachte ich, das Café sei „tot“, spitzte durch ein Fenster und entdeckte eine Kegelbahn. Aber kein Licht an. Dann fragte ich ein auf der Straße gegenüber spielendes Mädchen, ob schon geöffnet sei. Sie lief dann gleich zur Tür, um für mich zu fragen. Die Tür war offen und schon stand da die Wirtin, eine echte gutbürgerliche „Dame“, die mich gar nicht so fragend anschaute, wie ich befürchtet hatte. Ja, es ist offen, herzlich Willkommen. Sie hatte an einem Tisch gesessen und Papierkram erledigt. Ich fragte angesichts eines Tresens ohne Kaffeemaschine nach einem Kaffee: Es gab nur Espresso. Perfekt. Noch besser: Sie ging dafür ins Hinterzimmer (eine Küche scheint es nicht zu geben) und ich konnte schnell und halbwegs in Ruhe das Lokal fotografieren.

Café Mamer_Altrier © Ekkehart Schmidt

Café Mamer_Altrier © Ekkehart Schmidt

Neben dem Hauptschankraum führte eine Tür zu einem Raum mit perfekt erhaltener Kegelbahn.

Café Mamer_Altrier © Ekkehart Schmidt

Café Mamer_Altrier © Ekkehart Schmidt

Café Mamer_Altrier © Ekkehart Schmidt

An der Kegelbahn gab es einen eigenen Schankraum, eingerichtet wie eine Schankstube, nur mit anderen Tischen und Stühlen als vorne.

Café Mamer_Altrier © Ekkehart Schmidt

Café Mamer_Altrier © Ekkehart Schmidt

Café Mamer_Altrier © Ekkehart Schmidt

Café Mamer_Altrier © Ekkehart Schmidt

Café Mamer_Altrier © Ekkehart Schmidt

Ich bekam meinen Espresso und als ich fragte, wie alt das Lokal ist, bat sie mich zu ihr an den Tisch – wir unterhielten uns. Sie sei ja seit zwei Jahren in Pension und das Café habe es eigentlich so lange schon gegeben, wie sie denken kann. Sie sei immer ab 15 Uhr da, aber eigentlich ist erst ab 17 Uhr geöffnet. Meine Vermutung, dass hier wenig Gäste kommen, trog. Am meisten los sei Montag, Mittwoch, Freitag und Sonntag. Es gebe einen „Stamminet“, wie der Stammtisch auf Luxemburgisch genannt wird.

Ich musste dann bald los, mich natürlich fragend, welche Art Gesellschaft sich hier bald einfinden würde, eintretend durch diese klassische Windschutz-Tür. Das war halt wieder einmal nur so eine kurze Stippvisite…

Café Mamer_Altrier © Ekkehart Schmidt

In Altrier ist durchaus etwas los, wie eine eigene Seite „Altrier“ bei mywort.lu beweist: Zumindest gibt es die „Schanzer Fëscherfrënn“, einen Anglerverein, der auf dieser Lokalseite zum Mitmachen regelmäßig Texte postet. Und neben der Kirche und dem Café mit dem Biomarkt einen neuen Dorftreffpunkt. Im Gespräch mit der Wirtin wurde aber auch klar, dass die Leute weiter nach Echternach fahren werden. Mit dem Auto, weil der Busbahnhof zu weit von der Innenstadt entfernt ist, um Einkäufe zu schleppen. Naja: Der hiesige Supermarkt-Standort wurde wohl auch eher für Auswärtige auf der Heimfahrt vom Büro ausgewählt. Vielleicht wird er also eher ein Fremdkörper neben der Kirche sein, während das Café Mamer das Dorfzentrum bleibt.

Adresse: 45, Op der Schanz, L-6225 Altrier

Café Mamer_Altrier © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis

Waow, die Organisatoren von Fridays for Future laden mich ein, eine Rede auf ihrer Demo in Saarlouis zu halten. Eine echte Ehre für einen 55jährigen. Man beginne um 10 und gegen 12.30 erwarte man mich und andere Redner*innen. Ich schreibe also – ziemlich nervös – direkt nach dem Frühstück meinen Redetext, drucke ihn im Copyshop aus und nehme den Zug gegen 11. Kaum eingestiegen, ruft mein Ansprechpartner Nico an, etwas aufgeregt: Wo ich denn sei, man habe den Rundgang schon beendet. In 20 Minuten sei ich da. OK. Als mein Zug in Saarlouis ankommt, klingelt es wieder: Nico. Es täte ihm ja furchtbar leid, aber man habe die Demo schon beendet.

Tja. So läuft das manchmal. Ich bin trotzdem am 30. August per mitgebrachtem Rad zum „Kleinen Markt“, traf noch ein halbes Dutzend Leute an. Man sei immerhin 300 gewesen, habe das aber nicht in die Länge ziehen können. OK, dann rede ich halt beim nächsten Mal. Aber wo ich schonmal da bin, fragte ich, ob sie mir ein authentisch altmodisches Café empfehlen können? Ja, sie nannten mir eine krachledern holzvertäfelte Kneipe, deren Thekerin mir aber beim Rausräumen von Stühlen sagte, sie mache erst um 12 Uhr auf. So landete ich um die Ecke bei einem klassischen Konditorei-Café namens „Königin Louise“.

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Ich schlich erstmal ein wenig um die Tische beidseits der Hausecke unter der Markise – alles in Weiß-Grau gehalten, um mich zu entscheiden, ob das „etwas für mich“ ist, also ein echtes, authentisches Lokal mit Geschichte und also auch altmodischem Intérieur. Ein Schaufenster zeigte mir schon, dass hier mit Nostalgie gelockt wird.

 

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Der Verschnitt zwischen Gina Lollobrigida und den Assoziationen an eine Königin französisch klingenden Namens gab den Ausschlag: Ich trat ein und schaute frontal auf eine unwiderstehlich ins Blickfeld gestellte Kuchentheke mit weiteren Kitschfiguren. Ja!

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Innen ist die „Königin Louise“ ein klassisches Konditorei-Café mit einem Einrichtungsstil, der junge Leute sofort abschreckt. Wer das gewesen sei, frage ich die Kellnerin (ich mache da einen feinen Unterschied zur „Thekerin“, was mit deren Selbstverständnis zu tun hat). Aber mehr, als dass Louise eine Königin war, konnte sie mir nicht sagen. Und ich wunderte mich mal wieder über Leute, die sich für ihren Arbeitsplatz offenbar so gar nicht interessieren. Ist der Name nicht das erste? Er gibt doch eine Richtung vor, will etwas andeuten, versucht Kunden anzuziehen…

Naja. Ich schaute mich erstmal in Ruhe um, auf meinen Espresso wartend. Eine cremefarbige, sehr weiblich-bürgerliche Inneneinrichtung mit manchen interessanten – Details, von denen man wie so oft auf die Gesamtkonzeption schließen konnte.

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Dann entdeckte ich einen Treppenaufgang und bin natürlich hoch in die Räume, zu denen mir eine Kellnerin sagte, dass sie am Wochenende voll seien. Dort gibt es neben einer Ecke mit männlicher Club-Atmosphäre wohl vor allem Raum für Veranstaltungen von bis zu 60 Personen. Ob das wirklich nachgefragt wird, kann ich nicht beurteilen.

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Zurück zu Louise: Im Treppenhaus hing eine alte Glasmalerei. Ob sie die Königin oder nur eine Phantasie zeigt?

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Saarlouis, eine Stadt, die 1680 auf Geheiß von Ludwig XIV. als französische Grenzfestung gegen die deutschen Kleinstaaten errichtet worden ist, blickt auf eine lange Tradition als Militär- und Garnisonsstadt zurück. Eine Bastion der vauban’schen Anlage ist nach einer „Louise“ benannt. Alles andere blieb mir erstmal unklar. Aber eine Königin im nie monarchisch geprägten Saarland: Das wär schon was!

Wie es scheint, hatte die Königin jedoch keinerlei echten Bezug zu Saarlouis und Ludwig XIV. Sie lebte als Gemahlin von König Friedrich Wilhelm III viel später und war berühmt geworden, da ihr Leben eng verknüpft war mit den dramatischen Ereignissen im Kampf Preußens gegen Napoleon. So wurde sie zum Symbol für den Wiederaufstieg Preußens und für die Entwicklung hin zum Deutschen Kaiserreich. Sie galt als Hoffnungsträgerin Preußens, nahm sie doch eine Schlüsselstellung im Kampf gegen Napoleons Besatzung ein – etwas, was ihrem Mann nicht gelang.

Da sie früh starb, blieb sie auch in der Vorstellung der nachfolgenden Generationen jung und schön – sie wurde mystisch verehrt. Da werden also beim Namen dieses Cafés  – aus heutiger Sicht – völlig unvereinbare Historien miteinander verknüpft. Die Namensgeber wollten wohl – trotz des Stolzes auf die französische Wurzel der Stadt – die Rückeroberung des Gebietes durch Preußen betonen. Und nutzte merkwürdigerweise nicht die deutsche Schreibweise „Luise“.

Das Café fällt in dieser Ecke mit vielen Cafés und Kneipen auf. Dominiert sie aber optisch nicht. Erst wenn man es betritt, spürt man den Anspruch und die Tradition. Das Lokal zählt mit seinen zwei Etagen zu dem großzügigsten Café der Stadt und auch des Saarlandes. Es gibt – zu Kuchen und Torte – die traditionellen Café-Getränke und eine große Auswahl an biologischem Tee. Ferner scheinen hier viele gerne zu frühstücken und zu Mittag zu essen.

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Als ich da war, saßen hier aber nur vier ältere Damen drinnen und ein Dutzend junge Frauen draußen. Da ist ein klarer Unterschied. Erstere fühlen sich in einem Refugium wohl, letztere wollen nicht in eine Vergangenheit des Sonnenkönigs oder der Kaisergattin geschickt werden, mit „imposanten Kronleuchtern“ und einer „opulenten Einrichtung“, wie das Café online wirbt. Das scheint ein kleiner Spagat zwischen unterschiedlichen Kund*innen zu sein. Aber es funktioniert wohl, denn das gemeinsame Bedürfnis ist wohl, unter Freundinnen in Ruhe „zu babbele un zu schwätze“.

Meine Reise war also nicht umsonst. Nico freilich hat mich ein paar Wochen später nicht angerufen, ob ich nun am 20. September bei der gr0ßen Demo in Saarbrücken reden mag. Ich war ihm dankbar. Das wäre mir zu groß gewesen. Dafür fragte er Anfang November, ob ich am 3. Januar wieder nach Saarlouis kommen mag: Ja, gerne! Dann werde ich gleich zum Demostart da sein…

Adresse: Sonnenstraße 17, 66740 Saarlouis , Tel.: 06831 / 127 28 65, Homepage

Verwendete Quelle: Königin Luise von Preußen (www.kaiserin.de); Wikipedia-Artikel „Luise von Mecklenburg-Strelitz

Café Königin Louise_Saarlouis © Ekkehart Schmidt

Café Am Trëmel_Useldingen

Dreimal bin ich in den letzten sechs Jahren hier um die Kurve geradelt. Das Café „Am Trëmel“ kam für uns aber als Stopp nicht in Frage. Zwei Mal, zuletzt vor drei Wochen, machte unsere Velotour-Gruppe Rast im Café Um Wier. Hier fehlte halt eine Außenterrasse und das Lokal an dieser relativ stark befahrenen Kreuzung im Dorfkern von Useldingen/ Useldange schien auch sonst nicht einladend. Wenn auch daneben ein historischer Brunnen mit Blumen stand. Attraktiver ist aber die Terrasse am Stauwehr der Attert.

Café Am Trëmel_Useldingen © Ekkehart Schmidt

Café Am Trëmel_Useldingen © Ekkehart Schmidt

Café Am Trëmel_Useldingen © Ekkehart Schmidt

Es muss aber eine spannende Geschichte als unkonventionelles Dorfcafé mit gelegentlichen Lifekonzerten gehabt haben. Vielleicht sehr alt, jedenfalls wirkt das Schild an der Rückwand so.

Café Am Trëmel_Useldingen © Ekkehart Schmidt

Café Am Trëmel_Useldingen © Ekkehart Schmidt

Café Am Trëmel_Useldingen © Ekkehart Schmidt

Das letzte Lebenszeichen gab es mit einem Konzert im August 2018 von sich: Das Video „Sweet Home Alabama – Performed by Ed King & Artimus Pyle“ von 2005. Ein paar Monate zuvor gab es hier am 6. Mai ein Live-Konzert mit der Paul Benjaman Band aus Oklahoma. Vielleicht war das hier also ein Refugium für Menschen, die in den 1970er-Jahren musikalisch sozialisiert wurden. Also heute 60-jährigen.

Ende August gab es nur noch mit Zeitungen von 2018 zugeklebte Fenster, aber keinerlei Zeichen einer im Gange befindlichen Sanierung. Das Café – das wohl eher ein Pub sein wollte – ist also definitiv in die ewigen Jagdgründe gegangen. Oder in den Himmel. Wie es in dem Song so schön heißt: „Lord, I’m coming back to you“. Oh je, da kriegt man echt den Blues…

Café Am Trëmel_Useldingen © Ekkehart Schmidt

Café Am Trëmel_Useldingen © Ekkehart Schmidt

Seit November 2018 ist das Haus jedenfalls zu vermieten. Aber ich sehe da eher schwarz. Hier, an der Hauptkreuzung von Useldange finden sich vier Lokale, von denen zwei geschlossen haben. Dazu etwas weiter weg das Um Wier, das ich 2016 und jetzt wieder besucht habe. Ziemlich viel für ein Dorf von kaum 1900 Einwohnern, trotz ein wenig – wegen der überdimensioniert großen Burg – Durchgangstourismus im Tal der Attert.

Was aber bedeutet das Wort „Trëmel“? Kann mir da jemand helfen? Ich habe es noch nicht sicher herausfinden können. Es scheint ein alter Begriff zu sein, der eventuell Bezug nimmt auf das „Treideln“, also das Ziehen von Booten von einem Uferweg aus. Vielleicht war hier am Wehr das Ende der Route an der Attert? Gegenüber hat man jedenfalls ein Schild befestigt, in dem das Wort mit dem Begriff Dorfzentrum verknüpft wurde. Das war dieses Café sicherlich. Jetzt gibt es an der zentralen Kreuzung nur noch ein chinesisches Restaurant und ein eher edel und auf Ausflügler ausgerichtetes Lokal.

Café Am Trëmel_Useldingen © Ekkehart Schmidt

Neben diesem toten Lokal gibt es auf der anderen Seite der Kreuzung noch ein zweites: Das „Café G. Loesch“.

Café Am Trëmel_Useldingen © Ekkehart Schmidt

Café Am Trëmel_Useldingen © Ekkehart Schmidt

Café Am Trëmel_Useldingen © Ekkehart Schmidt

Die alte Rolle von Trëmel und Loesch hat wohl das eingangs erwähnte, ausgebaute Lokal „Um Wier“ übernommen. Jedenfalls dessen vorderer Bereich mit Theke und vielleicht die Terrasse, nicht aber der Restaurantrakt.

Als Relikt: Die noch bestehende Facebook-Seite des Lokals.

Café Am Trëmel_Useldingen © Ekkehart Schmidt