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Mein Veganuary

WORK IN PROGRESS

Ich schaffe es nicht, vegan zu leben. Das muss aber ja auch nicht sein. Und ich bin da auch nicht dogmatisch-radikal, hab eher immer als „Flexitarier“ gelebt. Aber ich versuche seit Neujahr, den January zum „Veganuary“ zu machen: Weiter Milch vermeiden, sowie vegane Alternativen zu Joghurt, Butter, Frischrahm, Käse, Hackfleisch, Wurst und Eier suchen und ausprobieren. In den letzten Schritten weiter gehen, nach der ersten Erkenntnis vor 30 Jahren, dass da in der „normalen“ und allgemein akzeptierten Nahrungsmittelproduktion der Umgang mit „Nutztieren“ eine Grenze überschritten hat, die ethisch nicht akzeptabel ist.

Der Veganuary ist ein Projekt einer Initiative und ich habe mich da heute auch angemeldet, aber der Impuls kam nur von diesem anregenden Wort: Ich habe den Januar bisher völlig nach meinem Gusto gestaltet.

Damals öffnete ich bei einem Suchgang eines langweiligen Urlaubstags im provencalischen Dörfchen Quinson einem zufälligen Impuls folgend die Tür zu einem Hühnerbetrieb. Und da war die Idylle vorbei. Auf diese erste Desillusionierung, dass Bauernhöfe nicht mehr so aussehen wie in den Kinderbüchern, folgten in vielen Etappen weitere solche Erkenntnisse.

Aber erst als ich vor anderthalb Jahren verstand, dass Bio auch nur eine Scheinlösung ist, setzte ein Prozess ein, der weit über den Verzicht auf Hühnerfleisch und die Reduktion von Fleisch generell hinausging.

Ich bin da Sarah Maurer sehr dankbar, die mir ab Oktober mit mehreren Videos auf Youtube den letzten Kick gab. Ebenso wichtig war die Erkenntnis, dass tierische Produkte gar nicht besser schmecken. Eine Illusion, von der ich mich zu heilen versuche.

Die Versuchsreihe

Mittagessen auf der Arbeit: Vor-Corona habe ich in meinem damaligen luxemburgischen Stammlokal „Le Relax“ viele viele Dutzend Male eine vegane Suppe mit einem konventionellen Käse-Sandwich gegessen. Dann fast nur noch von Zuhause mitgebrachtes eigenes Essen zum Aufwärmen, bis ich um die Ecke das arabische Lokal „Green Olive“ und mit ihm diese grösstenteils vegane Küche auf der Basis von Gemüse und Hülsenfrüchten entdeckte. Seitdem gibt es deren Essen bei jeder Veranstaltung unseres Vereins etika.

Aber natürlich geht es hier vor allem um die Alltagsküche zuhause. Ich sortiere die rellevanten tierischen Produkte mal in der Reihenfolge, wie schwer mir früher ein Verzicht zu sein schien, beginnend mit „kaum vorstellbar“:

Butter: Es war wohl mein erster Schritt zum Veganismus, letztes Jahr einen „veganen Block“ der dänischen Firma Naturli‘ Foods als Butterersatz auszuprobieren. Die Erkenntnis: Es fehlt nichts, das aus Kokos- und Rapsfett erzeugte Produkt schmeckt auf dem Brot genauso gut wie die Butter auf der Basis von Nutztierhaltung, bei der Kälbchen von ihren Müttern getrennt werden, auf dass diese in Höchstleistung ununterbrochen Milch produzieren. Kürzlich bin ich dann auf den veganen Block von Landkrone Naturkost in St. Ingbert umgestiegen, der auf der Basis von Kokosfett, Sheabutter und Sonnenblumen produziert wird. Er ist genauso streichfähig, aber regional. Erkenntnis: Kein Problem!

Joghurt: ich habe mit dem Bioprodukt aus Sojabohnen Provamel mit Vanillegeschmack und Skyr zwei Alternativen gefunden, die als Beigabe zum morgendlichen Fruchtsalat aus Containerware nach etwas Gewöhnung geschmacklich fast nichts vermissen lassen. Erkenntnis: Kein Problem!

Crème fraîche und Sahne: Es gibt mehrere pflanzliche Alternativen, v.a. Kokosmilch, Hafersahne, pürierter Tofu oder Sojajoghurt mit einem Spritzer Zitrone für den säuerlichen Geschmack. Erkenntnis: Noch keinen geschmacklich guten Ersatz gefunden

Käse: Man muss ein wenig suchen und ausprobieren, bis sich befriedigend-leckere Alternativen für Frischkäse, Feta, Gouda-Ersatz oder Pizzastreu finden. Das ist nicht einfach. Ich kann zumindest für letztere beiden die Produkte von Veggi Filata empfehlen (in Bio-Qualität auf der Basis von Kokosfett). Als Feta-Ersatz habe ich „Goudi“ der slowenischen Firma sayve entdeckt, ein Produkt auf der Basis von Weizenstärke mit Kichererbsen, das mehr als ein Ersatz ist, sondern ein ganz neues Geschmackserlebnis bietet. Erkenntnis: Kein Problem!

Weiter verarbeitete Eier: Ich habe vor etwa zwei Monaten aufgehört, Eier zu kaufen, seitdem ich gelernt habe, dass sich hier die Mechanismen der Bio-Produktion kaum von denen der konventionellen, ethisch absolut inakzeptablen Herstellung unterscheiden. Ich bin aber noch irritiert von der Erkenntnis, dass fast die Hälfte aller produzierten Eier „unsichtbar“ und oft ungenannt in konventionell erzeugten Lebensmitteln wie Eiernudeln, Keksen, Kuchen oder Mayonnaise verarbeitet werden. Also auch in Produkten, in denen man sie nicht unbedingt vermutet. Bei Bio-Produkten werden sie jedoch immer erwähnt. Erkenntnis: Kein Problem!

Eier in Backwaren: Es braucht sie nicht. Feuchter Rührteig für Kuchen gelingt mit Apfelmus statt Eiern genauso gut und Pfannkuchen wird fluffig mit Sprudel … (weitere Tipps bei Chrismon). Erkenntnis: Kein Problem!

Hackfleisch: Veggie Hack von emidori (ehemals amidori) auf der Basis von Erbsen. Andere Ersatzprodukte für Hackfleisch – ob auf der Basis von Soja, Sonnenblumenkernen oder Lupinen haben mir nicht wirklich geschmeckt – und ich brauche sie im Alltag auch nur als Zutat für meine seit den Studententagen so geliebten „Spaghetti Bolognese“ mit viel Gemüse, die einen gewissen kräftigen Geschmack hineinbringt. Was ähnlich gut funktioniert ist die Beigabe scharf angebratener Auberginenscheiben. Erkenntnis: Kein Problem! Nachdem ich noch ein bis zwei Mal rückfällig geworden bin, der Geschmacksunterschied aber erstaunlicherweise nicht dolle war, bin ich geheilt.

Würstchen: Ich liebe sie. Nicht als Curry- oder Weisswurst. Aber den im Saarland weit verbreiteten „Käsegrillern“ und „Merguez“ konnte ich bis Mai 2021 kaum widerstehen. Dann containerte ich 50 tiefgefrorene Würstchenpakete und erlebte deren Verzehr als letztes Aufbäumen. Dieses Wochenende habe ich die letzte Packung gegessen. Seit 2020 habe ich diverse Würstchen aus Pilzen oder Seitan ausprobiert, ohne den perfekten match mit meinem Gaumen zu erleben (so kam ich zu dem Schluss, dass ich das gar nicht brauche). Erkenntnis: Im Prinzip kein Problem, aber nicht geheilt

Grillfleisch: Hier im Saarland wird (fast) ganzjährig geschwenkt. Wird man* eingeladen, ist es seit Kurzem nicht mehr nötig, vegane Würstchen oder Grillkäse mitzubringen: Die lokal produzierenden „Vegabunden“ haben kürzlich mit ihrer Erfindung eines veganen „Batzens“ Furore gemacht. Probiert habe ich sie noch nicht. Erkenntnis: Kein Problem!

Fleischkäsweck: Auch dies ist eine saarländische Besonderheit neben Schwenkbraten und „Lyoner-Wurst“, auf die ich allerdings schon wenige Jahre nach meiner Zuwanderung 1994 verzichte – zu sehr war mir offensichtlich, dass sie aus Fleischresten bestehen. Und eine Biovariante gab es bislang nicht. Die Vegabunden haben sich aber auch daran gewagt: Mittlerweile produzieren sie einen veganen Vleischkees (und das Bätzchen und das Gebätzelte – was immer das ist). Erkenntnis: Kein Problem!

Wurst: Die Vegabunden produzieren auch „Schwarzwälder Vegabunden“, einen geräucherten Brotbelag auf Seitanbasis, verfeinert mit Misopaste, den ich mal probieren mag. Ich war schon Mitte 2021 mit einem Wurstersatz von „denree“ in drei Geschmacksrichtungen fündig geworden, die mein Biomarkt anbietet: Ich kaufe seitdem regelmässig die „orientalische“ Variante auf Weizenbasis, die ich mir auf ein veganes Frischkäsebrot lege. Einmal fand ich von Topas Wheaty einen veganen Aufschnitt „Sucuk“ auf Weizen- und Seitanbasis, dessen leicht scharfen Knoblauchgeschmack ich vor dem Hintergrund vieler Türkeireisen als ganz besonders köstliche Erinnerung empfand. Aber leider nahm mein Markt ihn aus dem Sortiment. A propos: Ich muss hier gestehen, dass ich a) ab und an noch mit konventioneller „Pizza Sucuk“ sündige und auch bei Chorizo schwer in Versuchung geführt werde und b) sich die Kinder oft Wurst wünchen und ich ihnen das zugestehe. Erkenntnis: Insgesamt kein Problem!

Fisch und Meeresfrüchte: Von beidem habe ich selten gegessen, bis auf Bio-FSC-Thunfisch und Pulpo für Spaghettisossen. Meine ehemalige Lieblingspizza „Frutti di Mare“ bestelle ich aber seit etwa drei Jahren nicht mehr, weil es sie nur konventionell gibt – also mit der Überfischungsproblematik. Ich habe seit einem Jahr auch kaum noch diese Spaghettivariante gekocht, werde damit aber wieder anfangen. Wieso? Wegen des Mangels von Omega3-Fettsäuren durch vegane Ernährung. Die besten Nahrungsquellen dafür sind fettreiche Seefische wie Hering, Lachs, Makrele, Thunfisch und Sardine, aber auch Lein-, Nuss- und Rapsöle. Erkenntnis: Es ist kompliziert …

Honig: Wegen der Biodiversitätskrise rund um Bestäuber ist mir das kein Thema und ich finde einen Verzicht auch als zu dogmatisch. Erkenntnis: Nicht mein Thema!

Erste Erkenntnis

Mein vorläufiges Ergebnis dieses Testmonats: Ich vermisse nicht viel. Nur beim Käse ist noch ein dickes geschmackliches Brett zu bohren… Aber es wäre ja nicht schlimm, wenn ich als „Flexiganer“ zwei Bio-Camemberts und einen Harzer Käse pro Monat esse. Und da die Kinder morgends Milch zu den Schokokissen und abends Frischkäse und Emmentaler lieben, auch dies alle zwei Wochen.

Und: Ich sollte mich davon lösen, immer im gleichen Bio-Markt einzukaufen, um mehr Auswahl zu haben. Leider ist „Tante Emmas Veganeria“ just letzten Monat aus der Stadt raus aufs Land gezogen. Ich war nie da, jetzt muss ich nach anderen Läden suchen, die weitere Alternativen bieten. Ausserdem ist jetzt auch darauf zu achten, Mängelerscheinungen nicht nur bei bei Omega 3 Fettsäuren, sondern auch bei Calcium, Eisen, Jod, Zink, Selen und den Vitaminen B2, B12 und D vorzubeugen.

Ich wäre sehr froh und euch sehr dankbar, wenn wir hierzu einen kleinen Erfahrungsaustausch initiieren könnten! Keine Angst: Ich missioniere nicht…

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Mein Veganuary © Ekkehart Schmidt

Raßweiler Hof_Hüttigweiler

Am Dienstag entdeckte ich auf dem Weg per Bus von Illingen nach Ottweiler in Hüttigweiler ein totes Lokal, das ich bei einer erneuten Fahrt gestern en passant zu fotografieren versuchte. Zunächst fiel mir eine Leuchtreklame von Bitburger Pils ins Auge, die völlig zusammenhanglos an einem Haus zu hängen schien, bis im zweiten Blick gut 20 m weiter rechts noch ein ähnlich verblichenes, ja abgeblättertes Schild auftauchte: Das Lokal war aber gar nicht so gross, das Schild sollte in der Kurve der Strasse nur rechtzeitig in den Blick fallen.

Die Lichtreflektion über dem Schild stammt vom Bus 350, verhinderte aber nicht – wenn auch knapp – den Blick auf eine wohl wirklich jahrzehntealte Leuchtreklame, die ich nicht eindeutig entziffern konnte: Rossweiler oder Nassweiler Hof? Egal: Zu beiden etwaigen Ortsnamen fand ich online nichts in der Umgebung. Die Geschichte dieses Lokals werde ich also nur erkunden können, wenn ich da einmal aussteige und die Nachbarschaft befrage. Dummerweise fährt der Bus nur einmal in der Stunde. Das müsste ich also schon wirklich wollen.

Warum das wollen? Ich empfinde das schon lange vor der Pandemie beginnende Sterben der Dorfkneipen als echt kulturhistorischen Verlust, den aufzuhalten wohl kaum gelingen wird, deren Kommunikationsfunktion aber eben auch nicht durch Whattsapp etc. ersetzt werden kann.

Bis dahin belasse ich es bei diesem schnellen Post. Hier nur der Hinweis, dass ich genau ein solches Bitburger-Schild kurz zuvor schon in Illingen beim – ebenfalls, aber wohl noch nicht so lange toten – Café Schirra entdeckt hatte. Beide wurden also irgendwann (in den 1960ern) von einem Vertreter der damals regionalen, heute internationalen Brauerei ausgestattet. Nur ist der untere Teil der Neon-Leuchtreklame von G.H. Heimig, genannt „Der Genießer“, völlig verblichen, wie ich bei ebay lernte, wo man sie im Original noch kaufen kann: für 350 Euro:

Nachtrag vom 20. Januar: Ich bekam ein feedback von Sophia, die den Namen korrigierte: Nicht Roßweiler Hof, wie in meiner ersten, mittlerweile korrigierten Version, sondern Raßweiler Hof. Weiter schrieb sie: Raßweiler ist ein wenig bekannter Ortsteil von Hüttigweiler und war bis in die frühen 2000er Jahre geöffnet, soweit ich weiß. Das Haus stand zwischenzeitlich einige Jahre leer und wird seit etwa 10 Jahren wieder bewohnt.

Toll, bin begeistert über die Schwarmintelligenz…

Raßweiler Hof_Hüttigweiler © Ekkehart Schmidt

Café Schirra_Illingen

Gestern Nachmittag kam ich zum zweiten Mal nach letztem Februar durch diese etwas abseitige Ecke von Illingen und musste feststellen, dass dieses wohl wirklich alte Lokal geschlossen zu sein scheint. Linkerhand scheint ein Konditorei-Café gleichen Namens noch offen zu sein, wie ich aus dem Bus registrierte (Foto von 2016 auf Wikipedia), aber beim Haupthaus waren alle Rolläden runter. Was dieses historische Gebäude von 1879 an der Ecke Hauptstr./ Poststr./ Judengasse wohl für eine Geschichte hat?!

Abgesehen von einer Fotogalerie auf restaurantguru.de und der Angabe des Baujahrs auf Wikipedia fand ich vorerst keine Infos. Aber ich mag da – wie immer – gerne in die Tiefe bohren. Im Februar jedenfalls fuhr ich hier mit meinem ältesten Sohn vorbei und liess ihn drei Minuten anhalten, um schnell einige Eindrücke zu sammeln. Er kennt das schon von Kaugummiautomaten oder ähnlichen Funden, bei denen ich sofort elektrisiert bin…

Ich bin kein Architektur-Experte: Aber das scheint mir der Stil des „Historismus“ zu sein, ein im späteren 19. und frühen 20. Jahrhundert verbreitetes Phänomen, bei dem Architekten gerne auf Stilrichtungen vergangener Jahrhunderte zurückgriffen. Das Haus ist 142 Jahre alt. Das Café auch? Ob es da auffindbare analoge Spuren oder Quellen gibt? Das Bitburger-Schild stammt jedenfalls aus den 1960er-Jahren, nur ist der untere Teil verblichen, wie ich bei ebay lernte, wo man Originale für 350 Euro erwerben kann.

Im Februar 2021 war geschlossen, aber unklar, ob definitiv. Beim Blick durch die Fenster wirkte es noch vergleichsweise lebendig – für diese Zeiten der Pandemie… Ich entdeckte ein inneres Glasfenster mit einem Abbild des Turms der Illinger Burg. Später am Abend hörte ich, dass es kürzlich noch geöffnet gewesen sei und ein wichtiger Treffpunkt war.

Eindruck von der Seite restaurantguru.de:

Wie auch immer andere das wahrnehmen mögen (antiquiertes Oma-Kaffeehaus oder bewahrenswerter historischer Schatz): Ich war in diesem – pardon – eher dörflichen Kontext doch ziemlich überrascht über ein derart städtisch wirkendes Lokal.

Nach einem Besuch in Welschbach kam ich abends zum Wahlkampfauftakt der neuen Wählerliste bunt.saar zur Landtagswahl zurück nach Illingen und sprach den hiesigen Bürgermeister Dr. Armin König auf das Lokal an: Ja, es sei tatsächlich seit einigen Wochen geschlossen. Man sei aber schon initiativ geworden und es gebe eine erste Interessentin, die das „Schirra“ weiterführen könnte. Da wir beide für die Wählerliste kandidieren, werde ich ihn bis zum 27. März noch ein paar Mal fragen können, welche Geschichte das Lokal hat und wie es weitergeht.

Adresse: Hauptstraße 19-21, 66567 Illingen

Café Schirra_Illingen © Ekkehart Schmidt

Kaffeegarten am Ammersee

In der Winterausgabe der Kunstzeitschrift „Artmapp“ begegnete mir ein expressionistisches Gemälde, das mich stark berührt hat: „Kaffeegarten am Ammersee“, 1911 gemalt von einem wohl nicht nur mir völlig unbekannten Künstler namens Hermann Stenner. In einem Brief schrieb er, wie ich später las: „Letzte Woche habe ich ein sehr gutes Bild gemalt. Einen Biergarten am See mit einigen Gästen.“ Mich beeindruckte die damals noch ungewöhnliche sonnig-luftige Farbgebung in wunderbaren lichten Blautönen – und die Anmutung der dort im Halbschatten eines Idylls sitzenden Frau. Wohl am gleichen Tag porträtierte er sie auch, genauer gesagt: Er hielt in „Junger Frau in weisser Bluse“ vor allem ihren Blick fest.

Das erste Gemälde ist in seinem Werk wohl ein Bild des Übergangs. „Einerseits stammen Motiv und Lichtführung von den Impressionisten. Mit den Helligkeitsinseln, weißen Flecken im verschatteten Bereich holt der Künstler die spezielle Atmosphäre eines Sommertags in sein Gemälde. Andererseits arbeitet er mit härteren Konturen, mit kräftigeren Farben. So malten die Fauves in Frankreich, und ähnlich arbeiteten auch die Expressionisten“, heisst es in einem Text von Ralf Stiftel zu einer aktuellen Ausstellung in Unna.

Vielleicht noch berührender ist die Geschichte dieses Malers: Hermann Stenner (1891-1914) war, ähnlich dem von mir verehrten Zeitgenossen August Macke, ein nur kurzes Leben gegönnt: Beide starben 1914 im ersten Weltkrieg. Anders als letzterer war Stenner aber vergessen worden. Sein Bruder entschloss sich 1932, Deutschland zu verlassen und in Kanada ein neues Leben zu beginnen – das ererbte Werk des Bruders mitnehmend. Bis dann ein Sammler, Hermann-Josef Bunte, 1974 die Spur fand und 34 Bilder zurück nach Deutschland brachte, wo er sie restaurieren liess und der Öffentlichkeit zugänglich machte. Auch anderswo fand er Werke: „Ich habe einmal zwei Bilder von Stenner gekauft, die jahrzehntelang in einem Kohlenkeller lagerten. Es war auf ihnen überhaupt nichts mehr zu erkennen, keine Farbe. Sie waren vollkommen mit Kohlenstaub bedeckt…“ – wodurch die Farben freilich wunderbar erhalten geblieben waren.

Ebenfalls 1911 entstand „Skizze zu Mädchenakt“, ein in kräftigen Gelb-Orange-Tönen gehaltenes Gemälde, das ich ebenfalls als sehr berührend empfinde, weil hier in ähnlicher Weise spürbar ist, dass Stenner seine Modelle zwar in gewisser Weise passiv darstellt (man könnte auch sagen: dem Auge des männlichen Betrachters darbietet), sie aber ein für die Zeit vielleicht ungewöhnliches Selbstvertrauen ausstrahlen, eben kein Objekt dieses Blickes zu sein gewillt sind:

„Seine Kunst war das kurze Aufblühen ohne Hemmungen und Unterbrechung“, so sein Zeitgenosse Willi Baumeister. „Stenner wäre einer der besten Maler Deutschlands geworden, wenn nicht der (…) Krieg seine Opfer geholt hätte.“

Bis zum 23. Januar lässt sich Stenner im Kontext einer Ausstellung zum Rheinischen Expressionismus in Arnsberg erleben, bis zum 27. Februar ist ihm eine Einzelausstellung in Unna gewidmet.

Natürlich stellt sich die Frage, ob dieser Biergarten heute noch existiert: Ist es heute das „Seehaus Schreyegg“ oder der „Biergarten Seehof“ oder der „Biergarten Zur Post“, alle beide ebenfalls in Schreyegg? Ach… Vielleicht müsste man bei einem so grossen Angebot den Biergarten-Führer der Region konsultieren…

Quelle der Abbildungen

Kaffeegarten am Ammersee © Ekkehart Schmidt

Buffet de la Gare_Bitche

Der Bahnhof des wirklich sehenswerten lothringischen Festungsstädtchens Bitche ist seit 5 oder 15 Jahren stillgelegt. Das Buffet scheint schon länger geschlossen zu sein. Irgendwann sei es nur noch für Streckenbauarbeiter geöffnet gewesen, erzählte uns vor einem Monat ein Mann, der sich auszukennen schien. Oben habe es für sie auch Wohnungen gegeben.

Wir waren hier bei einem Kurztrip auf dem Weg von Saarbrücken nach Oberbronn im Elsass umgestiegen, aber eben nicht am Bahnhof, sondern vor der Gare: entlang der alten Bahnstrecke von Saarbrücken nach Strasbourg per Bus gekommen und per Bus weiter fahrend. Ich hatte bei der Hinfahrt beim einstündigen Warten auf den Anschluss Spuren dieses Bahnhofslokals entdeckt und ging denen nach, ehe wir zur „Brasserie de la poste“ liefen.

Der Fahrkartenschalter scheint merkwürdigerweise noch offen zu sein.

Auf der Rückfahrt sind wir in dieser Wartestunde auf die Burg, von der wir hinüberschauen konnten:

Der Bahnhof stamme aus deutscher (Besatzungs-) Zeit, erzählte der Mann, dessen Funktion (SNCF-Angestellter?) unklar blieb. Es würde 30 Mio Euro kosten, die Strecke neu einzurichten, meinte er, etwas verbittert klingend: Es hiess damals, die Strecke sei nicht rentabel, dabei habe die SNCF durch eine Fahrplanausdünnung selbst dazu beigetragen, erklärt er mir, der das alles nicht beurteilen kann. Aber der elektrisiert war, in der Viertelstunde, ehe unser Bus kommen würde, auch hinten (also vorne an den Gleisen) Spuren zu finden. Zumal ich hier in den 1990er-Jahren und frühen 20er-Jahren noch aus einem Zug ausgestiegen bin, die Nachbarschaft meines neuen Lebensraums Saarbrücken erkundigend und Kurzurlaube am Etang de Hanau machend. Die folgenden zwei Male hin und zwei Male zurück waren durch die Streckenstilllegung komplizierter und deutlich zeitaufwändiger geworden. Jedenfalls als Nicht-Autofahrer.

Während das Lokal vorne „Buffet“ hiess, war hinten am Bahnsteig eine arg verblichene Spur der Bezeichnung „Cafe“ zu finden:

Ich war auch deshalb fasziniert, weil ich nun auch schon seit vielen Jahren fast schon akribisch tote und überlebende Bahnhofsgaststätten der Grossregion dokumentiere. Treffpunkte aus der Zeit, als noch nicht jede*r alleine mit dem Auto zur Arbeit fuhr, sondern sich Menschen gleichen Wohnorts noch auf dem Weg zur Arbeit trafen, miteinander schwätzten und vielleicht nach der Rückkehr auch ein Glas zusammen tranken. Whattsapp kann das nicht ersetzen.

Buffet de la Gare_Bitche © Ekkehart Schmidt

Pizza Taglio Creole_Luxembourg

Die Erinnerung ist diffus und neblig, bis auf das Wort „Creole“: Es muss Mitte der 1990er-Jahre gewesen sein, dass ich erstmals in Luxemburg-Stadt war, aus Saarbrücken eingeladen von einer Studentin, die ich vage aus der Uni-Zeit in Köln kannte. Ich übernachtete bei ihr im Studentenwohnheim in Walferdange und sie zeigte mir die Stadt. Ich erinnere mich aber nur – wohl, weil das wirklich ganz etwas Neues war – an ein Abendessen in einer Art Imbiss mit afrikanischem Kontext.

Ich arbeitete zum Thema Migration und Integration und war überrascht, wie viele Menschen mit afrikanischen Wurzeln einem in Luxemburg über den Weg liefen, gerade am Bahnhof. Fast wie in Paris. Die meisten kamen über die portugiesische Einwanderung hierher, mit Migrationsgeschichte aus ehemals portugiesischen Kolonien, wie vor allem den Kapverdischen Inseln.

Meine Erinnerung lokalisierte den Imbiss etwas weiter abseits vom Bahnhofsvorplatz, eher in der rue Hollerich, nahe der Konzerthalle „Atelier“, also nicht weit von meinem heutigen Arbeitsplatz. Aber vielleicht war das eine Täuschung – und die „Pizza Taglio Creole“ liegt tatsächlich schon etwas vom Bahnhof entfernt, wenn man von der Avenue de la Liberté kommt. Seit 2008 komme ich aber fast exakt gegenüber per Bus an, wenn ich zur Arbeit fahre. Hunderte Male lief ich hier vorbei, dachte immer wieder an damals, bin aber nie hinein, obwohl es ausserhalb des Bahnhofs nur zwei Bäckereien und eben dieses Lokal gibt und ich öfters noch etwas zu essen suche.

Die letzte Nacht habe ich nach einer Abendveranstaltung im Hotel Empire übernachtet, hatte mein Gepäck in der Dämmerung abgegeben, kam gegen 23 Uhr im Regen zurück und experimentierte etwas mit dem verwässerten Licht:

Heute früh konnte ich in einem wunderbaren Gefühl erstmals meinem Bus bei der Ankunft zuschauen. Aus dem Frühstückssaal über der Pizzeria… Ich habe schon mehrere Dutzende Male nahebei übernachtet, meist in der Auberge de Reims, aber noch nie direkt am Platz. Ferner lernte ich von mehreren alten Photos im Treppenhaus des Hotels, dass das Lokal wohl schon seit einem Jahrhundert nicht nur räumlich eng mit dem Hotel in den (nach Umbauten) darüberliegenden Stockwerken verbunden ist (aber ob die berühmte Brasserie Ems bzw. Café de la Station tatsächlich ein Vorgängerlokal ist oder doch nebenan lag? Jedenfalls gab es genügend gute Gründe, dort heute zur Mittagspause endlich einmal eine Pizza essen zu gehen.

Eingangs lockt heute ein roter, weiter innen ein türkisener Schriftzug. Die Mitarbeiter*innen wirkten aber eher italienisch, denn kreolisch…, wie auch der coole Typ auf einem Photo, der in rohe Spaghetti zu beissen schien. Meine Erinnerung wurde also diesbezüglich nicht bestätigt oder aufgefrischt. Es gibt hier neben Spaghetti verschiedene Pizzen und ich wählte vegetarische Varianten à 3,90 Euro, nicht „creole“ (= mit Schinken und Ananas).

Mir gegenüber sass eine Frau afrikanischer Herkunft, alle anderen Gäste waren Leute aus Mitteleuropa. Der Name des Lokals, das zumindest seit 40 Jahren so heisst, hat also weder kulinarisch noch sprachlich mehr etwas mit diesem Kontext zu tun. Vielleicht war das in den 1980ern noch anders. „Kreolisch“ ist „eine in den ehemaligen überseeischen Kolonien europäischer Staaten gesprochene Mischsprache aus einer nicht europäischen und der jeweiligen (stets deutlich dominierenden) europäischen Sprache (Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Niederländisch)“, wie ich bei „Oxford Languages“ lerne.

Neben meinem Sitzplatz ging es um`s Eck in einen etwas abgetrennten Bereich, der mich irgendwie schon eher an afrikanische Lokale erinnerte.

Ich bekam eine alte Reiseweisheit meines Vaters bestätigt: So richtig versteht man einen Ort erst, wenn man ihn ein zweites Mal besucht.

Adresse: 34, place de la Gare, L-1616 Luxembourg, Tel.: 48 52 52

Pizza Taglio Creole_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

Georg, Jean und Jack’s Hôtel_Paris

Zwei Tage vor Silvester besuchte ich in Krefeld die Eltern meines 2021 verstorbenen Freundes Georg, um aus seinem Nachlass die mir zugedachten Bücher zu sichten und – für einen ersten Schritt – die Hälfte in einem grossen Rollkoffer mitzunehmen, um sie mir zuhause in Saarbrücken in Ruhe anzuschauen. Ich nahm heute ein erstes Dutzend in die Hand, blätterte, durchstöberte und entdeckte eine Weile – um Stapel zum späteren Einfügen in meine Bibliothek (Libyen und Architektur des arabischen Hauses, Beirut, Osmanisches Reich und Türkei, …) zu türmen.

Bei dieser besonderen Art der Trauerarbeit fiel mir ein Buch in die Hand, das nicht so leicht zuzuordnen war: „Ein verliebter Gefangener. Palästinensische Erinnerungen“ des französischen Schriftstellers und Bürgerschrecks Jean Genet, dem wohl „berühmtesten Kriminellen der europäischen Literatur“, wie er 1988 im SPIEGEL charakterisiert wurde. Aus dem Fürsorgezögling wurde ein Fremdenlegionär, der straffällig, zu lebenslänglicher Haft verurteilt und sich im Gefängnis zum Schriftsteller entwickelte.

1947 erreichten Sartre, Cocteau, Mauriac und Gide seine Begnadigung und Freilassung. Seitdem lebte er ohne festen Wohnsitz auf Reisen. Er starb, über der Korrekturarbeit zu diesem Buch in einem Pariser Hotel, wie ich dem Klappentext entnahm.

Oh! Vielleicht kannte ich es? Schnell hatte ich es gegoogelt: 1986 hiess es Hotel Buchsen, heute Jack’s Hotel. Es liegt etwas südwestlich der Gare d’Austerlitz. Im SPIEGEL hiess es: „Laut amtlicher Sterbeurkunde, ausgestellt von der Bürgermeisterei des 13. Pariser Arrondissements, starb Jean Genet in der Nacht vom 13. auf den 14. April 1986 in einem mittelmäßigen Hotel in der Avenue Stephen-Pichon. Bei der Übertragung ins Stammbuch wurde daraus der 16. April. Tatsächlich erlag er in den Morgenstunden des 15. April einem langen und zuletzt äußerst schmerzhaften Krebs der Halsorgane.“

Es kommt wohl selten vor, dass ein Schriftsteller in einem Hotel stirbt. Es sei denn auf Reisen. Ich erinnere mich nur an das Brüsseler Hotel „A la Grande Clôche„, in dem Paul Verlaine auf Arthur Rimbaud schoss, diesen aber nur an der Hand verletzte – wie ich 2012 recherchierte. Rimbaud starb 1891, nachdem er während eines Aufenthalts in Somalia starke Knieschmerzen bekam, unter großen Strapazen nach Marseille reiste, in einer dortigen Klinik Knochenkrebs diagnostiziert bekam und das Bein amputiert werden musste. Er verbrachte noch einige Sommerwochen in Roche, fuhr dann aber unter Schmerzen erneut in die Klinik und starb dort (Quelle: Wikipedia).

Natürlich war Georg nicht wie Genet ein „ewig Vagabundierender, der außerhalb des Gefängnisses nie einen festen Wohnsitz hatte“, sondern kam immer nach Bonn zurück. Und er hat auch nie mehrere Jahre im „Orient“ gelebt, aber ein Tod auf einer seiner vielen Reisen hätte ihm vielleicht auch gefallen. Vielleicht in Baku, Odessa oder Istanbul? Falls ihm das Leid erspart hätte.

Adresse: 19 rue Stephen Pichon, 75013 Paris, Homepage

Georg, Jean und Jack’s Hôtel_Paris © Ekkehart Schmidt

Le Boeuf Noir_Oberbronn

Ich muss hier schon einmal gewesen sein. Jedenfalls führten die von mir in einer Michelinkarte aus den 1990er-Jahren eingezeichneten Wege durch die nördlichen Vogesen auch durch Niederbronn und Oberbronn. Konkret: Sie endeten hier. Wahrscheinlich waren das Ausflüge vom weiter nördlich gelegenen Ort La Petite Pierre aus, also im Jahr 2000. Ich konnte mich vor einem Monat nicht daran erinnern, als ich mit Tom wieder hierher kam – für ein Papa-Sohn-Weekend, 21 Jahre später.

Oberbronn liegt – von Niederbronn aus gesehen – an den ersten Hängen des bewaldeten Sandsteingebirges, durch das viele Wanderwege führen. Wir hatten uns in einem Kloster eingemietet, in dem wir uns nach längerem Fussmarsch durch abwegige Matschwiesen sofort wohl fühlten und von dem aus wir gleich einen nächtlichen Erkundigungsgang ins Dorf machten: Da waren zwei Lokale, die uns ähnlich attraktiv schienen, wie das „Belle Vue“ am Ortseingang, und auch in meinem (ebenfalls) uralten Wanderführer genannt waren:

„Im Schwarzen Ochsen (Au Boeuf Noir) oder im Hirschen (Au Cerf) können wir uns stärken und im Anschluss daran vielleicht noch einen Rundgang durch das gut restaurierte Dorf machen. Es gibt schöne alte Fachwerkhäuser und die in der Gegend typischen Kellerfenster mit Schiebeladen aus Sandsteinplatten“ – heisst es in einem Wanderführer aus dem Jahr 2000. Beide Lokale liegen nahe beieinander in der Rue Principale.

In der „blauen Stunde“ fanden wir zunächst „Au Cerf“, das aber geschlossen war und zum Verkauf stand – es sei schon seit Jahren zu, wie mir später eine Kellnerin des Restaurants „Belle Vue“ sagte. Die Gemeinde habe wegen eines grossen, für Veranstaltungen nutzbaren Saals überlegt, es zu übernehmen, habe dann aber davon Abstand genommen: der Sanierungsbedarf sei viel zu hoch.

Das Haus des „Schwarzen Ochsen“ wurde 1609 errichtet (so die Inschrift an der Vorderfront). Ob damals schon als Wirtschaft? Dann wäre diese sehr ungewöhnlich alt. Es hat keinen schönen Erker, wie es von vielen Häusern hier in Reiseführern heisst – es wirkt als Ganzes wie ein Erker, der auf den Hauptplatz ragt. Später erklärte uns aber die Inhaberin, dass das quer stehende Hinterhaus älter sei: Es stamme von 1547. Dazu gebe es noch einen dritten Bauteil aus dem 20. Jahrhundert. In dem Moment verstand ich die ungewöhnliche Struktur des Hauses aber noch nicht.

Am ersten Abend hatten wir Pech: Ich hatte meinen Impfpass vergessen und Madame Meyer war konsequent („pardon, pas possible“), war aber sofort elektrisiert von diesem Fund einer wirklich bestmöglich authentischen Lokalität: mit wunderbar handgemalten Werbetafeln draussen, die einen Sauerkraut- und Karaoke-Abend sowie den Verkauf von „Chataignes“ (die offenbar berühmten Esskastanien der Gegend) bewarben – und, einem Innenraum, der so intim wie ein familiärer Küchentrakt wirkte. Gleich am nächsten Tag liefen wir hier noch einmal vorbei…

… und kamen abends zurück. Wieder rechterhand durch eine angeranzte Tür hinein in diese unaufgeräumte Intimität… Madame checkte Covid: Merci bien. Tom nahm eine Orangina, ich einen Espresso. Und oh: wie fühlte sich das schön an, als einzige Gäste diese Atmosphäre zu geniessen! Rechterhand der Schankraum an einer Theke, die kaum benutzt schien, linkerhand eine weitere thekenähnliche Konstellation und eine offene Tür zur Küche, in der ein Koch arbeitete. Davor sass ein etwa neunjähriger Junge über seinen Hausaufgaben oder einer anderen Beschäftigung. Ich fragte: Er hiess Martino – und war natürlich der Junge, der uns auf zwei eindrucksvollen Fotos schon ins Auge gefallen war.

Die alten Tuberkulose-Schilder: Krass, wie das zur heutigen Situation passte…

Die Familie Meyer hat das Lokal wohl 2014 übernommen. Als ich für eine Zigarette hinausging, war gerade ein Wagen vorgefahren. Martino begrüsste einen Mann, der Gerätschaften in einen hinteren Bereich trug, den ich zwar wahrgenommen, aber als Lagerräume oder ähnliches missinterpretiert hatte. Ich folgte dem Licht und entdeckte das eigentliche Restaurant mit offensichtlicher Spezialisierung auf elsässische Küche.

Erst in dem Moment verstand ich, dass der „Schwarze Ochse“ ein Doppelleben führt: Für Touristengruppen und Hochzeiten besteht er aus dem hinteren, für die Dorfbewohner aus dem vorderen Trakt – jeweils exklusiv. Hinten 120 Plätze, vorne 15. Eine räumliche Trennung, den unterschiedlichen Bedürfnissen derart perfekt gerecht werdend, wie ich es noch nie erlebt habe.

Adresse: 28 rue Principale, 67110 Oberbronn/ France, Tel.: 03 88 06 62 25, Homepage

Verwendete Quelle: Mariotte, Ruth: Wandern. Elsass und Vogesen, DuMont, Köln 2000, S. 39; Wittner, Heinz R.: Wanderführer Vogesen Nord. KOMPASS Wanderführer, Stuttgart, 4. Aufl. 1996, S. 78ff

Le Boeuf Noir_Oberbronn © Ekkehart Schmidt

Ehem. Metzgerei in Bitche

Ich mag den lothringischen Festungsort Bitche von vielen Besuchen in den letzten gut 25 Jahren. Unterhalb der wirklich imposanten Festung windet sich eine Strasse um den Hügel, in der sich noch einige Überbleibsel und Reminiszenzen einer anderen ökonomischen Realität finden. Damals boten handwerkliche Familienbetriebe Güter des täglichen Bedarfs in eigenen Geschäften: Jeder Ort hatte zumindest einen Bäcker, einen Metzger, eine Kneipe, einen Tabak- und Zeitschriftenladen, einen Schuster, einen Elektrik- und einen Lebensmittelladen.

Mit dem Aufkommen der Discounter und Baumärkte wurde dies zerstört. Nur die Kneipen und Bäcker überlebten. In Bitche wurde mir das bei dieser ehemaligen Metzgerei oder Schlachterei deutlich. Vor allem, weil da ein Schaf und eine Kuh in Stein gemeisselt über dem Laden angebracht war, als wäre es undenkbar, dass sich an dieser Struktur einmal etwas ändern könnte.

Mir fiel diese ehemalige Boucherie ins Auge, durch die orangefarbene Jalousie unter einem Kuh- und einem Schafskopf vor allem ästhetisch ansprechend:

Jetzt ist dort ein Institut für Massage und Kinsesitherapie, das sonntags geschlossen hat. Daher wirkte das am 4. Dezember so tot, als wir hier vorbei kamen. A propos tot: Das Fleisch von wie selbstverständlich als „Nutztiere“ definierter Tiere zu essen, die überwiegend kaum noch artgerecht, sondern in agroindustriellen Strukturen gehalten werden, weil die Konsument*innen nicht wirklich bereit sind, einen fairen Preis zu zahlen, wird zur Zeit völlig zu Recht stark in Frage gestellt.

Damit möchte ich natürlich nicht alle Metzgereien „über einen Kamm“ scheren, vor allem nicht diejenigen, die ich hier schon als aufgegebene (wie Runkel in Bonn oder Weber in Flensburg) oder noch bestehende Betriebe (Niebes in Völklingen) vorgestellt habe. Letzterer weist übrigens auch Tierköpfe an der Fassade auf, allerdings aus Gips.

Ehemalige Metzgerei_Bitche © Ekkehart Schmidt

Hotel Restaurant Belle Vue_Oberbronn

„Belle Vue“ ist als Name eines Lokals ein grosses Versprechen. Letztlich war uns dieses aber am 4. und 5. Dezember, als wir hier zwei Mal gut gegessen haben, gar nicht der Grund für unsere Restaurantwahl. Einen nicht nur schönen, sondern grandiosen Blicke hatten wir auf unserem diesjährigen Papa-Sohn-Trip vor allem vom Kloster aus, in dem wir uns in Oberbronn einquartiert hatten: Er ging über Fachwerkhäuser in die Ferne der Nordvogesen. Dieses Lokal dagegen warb – seit vielleicht 80 Jahren – mit dem Blick südostwärts zu den Höhen des Schwarzwalds, der allerdings durch Neubauten auf der anderen Strassenseite nicht mehr ganz so breitflächig ist, wie früher.

Früher lag dieses Haus wohl sehr solitär 100 m vor der Ortseinfahrt des kleinen Dörfchens Oberbronn. Das verstanden wir, als wir mangels Bus vom Bahnhof Niederbronn-les-Bains querfeldein durch Wiesen hoch liefen, froh waren, irgendwann mit vermatschten nassen Schuhen die Hauptstrasse zu erreichen und dann die Leuchtreklame des „Belle Vue“ sahen. „Da auf der Terrasse werden wir die nächsten Tage sicher ein paar Mal sitzen“, sagte ich zu Tom. Dann aber wanderten wir viel und kamen nur zum Abendessen hierher. Als Alternative zum Klosterrestaurant und der anderen Möglichkeit vor Ort, dem Restaurant „Au Boeuf Noir„.

Zwar war ich auf den ersten Blick enttäuscht angesichts eines kürzlich sanierten Lokals mit einer doch stark übertriebenen Weihnachtsdeko, aber einmal sitzend nahm ich den Charme dieses Lokals wahr: Hier tranken und speisten nur Ortsansässige – Handwerker, Freunde und Familien. Eine echte authentische Dorfkneipe!

Anstelle der sich hier aufdrängenden Flammkuchen nahmen wir beim ersten Mal das Tagesgericht Fleischknepfle zu je 12,50 Euro mit zwei Orangina zu je 2,80 Euro. Beim zweiten Mal bestellten wir drei Meteor Pils vom Fass für je 2,20 sowie eine klassische Salami- und eine Pizza mit verschiedenen Käsesorten (unter anderem Munster – in Erinnerung an einen unserer früheren Trips), dazu zwei Eiskugeln zu 5,60 und ein Supplement Chantilly für 1 Euro. Jede Mahlzeit für rund 30 Euro: das war wirklich OK.

Die Pizzen schmeckten besonders gut: Wir hatten uns einen Wellness-Nachmittag im Hotel du Parc in Niederbronn gegönnt: zwei Stunden für je 20 Euro, mit anderthalb Stunden Wanderung durch den Wald hin und einer Stunde Wanderung auf der Landstrasse durch den Nebel zurück (aucun autre choix possible…). Und also war nicht nur klar, dass wir etwas Fettiges brauchten, sondern uns auch noch ein Eis gönnten:

Ich sass dann – anders als gedacht – nur dieses eine Mal für eine Zigarette draussen. Ich entdeckte ein Emaille-Schild von „Tigre Bock“ (heute Kronenbourg), das ich am Vortag schon in der „Brasserie de la Poste“ in Bitche entdeckt hatte. Und guckte, etwas vor Kälte zitternd, hinein ins Warme, wo diese eine nette Kellnerin hinter der Theke stand und zapfte.

Sie war nicht die Besitzerin, wie ich zunächst dachte. Aber dennoch sehr ungezwungen herzlich zu uns – etwas sehr wertvolles.

Am Nikolaustag machten wir uns auf den Weg heim. Etwas unwillig, zum sechsten Mal diese drei Kilometer runter nach Niederbronn laufen zu müssen, das zweite Mal mit Gepäck. Aber wir waren noch keine 100 m gelaufen, als ein Merzedes neben uns hielt und hupte: Drinnen sass sie, im Nikolauskostüm. Ob wir hinunter wollen? Sie nähme uns gerne mit, habe da ein paar Auftritte zu absolvieren. Yeah! Ich fragte nach dem Hotel: Ja, etwa 50 Euro die Nacht. Hmm. Ob ich das empfehlen würde? Vielleicht – im Vergleich zum Kloster – wegen des Familienanschlusses. Das Kloster war doch recht anonym.

Adresse: 3, Route de Niederbronn, 67110 Oberbronn, Tel.: 06 17 29 88 17, Internet-Verweis

Hotel Restaurant Belle Vue_Oberbronn © Ekkehart Schmidt