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Die hängenden Schuhe von Flensburg

Die hängenden Gärten von Babylon waren eines der sieben Weltwunder. Die hängenden Schuhe von Flensburg sind eher eine spassige Absonderlichkeit, eine nette Abstrusität. Dazu gibt es viele Geschichten und Legenden. Eine besagt, dass jemand damit angefangen hat, dadurch seinen Abschied zu feiern, seine Schuhe über Drähte zu werfen, die quer über die Strassen der Hauptachse der Stadt hängen. Vielleicht haben andere das später auch zu anderen Anlässen gemacht, wenn weggezogen, wenn jemand gestorben war… Offenbar schon seit den 1990ern. Ende Juli habe ich dies zuerst nicht richtig wahrgenommen, war in der neustädtischen Norderstrasse eher auf der Suche nach besonderen Lokalen wie dem „Admirals Pub“ und stolperte über eine lange geschlossene Metzgerei.

Dann fiel mir plötzlich etwas auf…

An Seilen oder Kabeln, die aus irgendeinem Grund quer über die Strasse gespannt waren, hingen Schuhe. Hunderte von Schuhen… Jetzt hatte ich einen ganz anderen Blick und lief die Norderstrasse mit Blick nach oben ab…

Ich fragte dann in einem Café nach und bekam eine Erklärung, die mir später noch einmal bestätigt wurde: Irgendwann hätten Student*innen begonnen, nach ihrem Studienabschluss zum Abschied aus Flensburg ihre Schuhe über diese Seile zu werfen. Eine schöne Geschichte, aber es gab auch jemanden, der meinte, dass das vielleicht auch nur eine Mär sei. Sei`s drum…

Die Stadt habe die Schuhe anfangs immer entfernt, als Studierende ihren Abschied so zu symbolisieren anfingen, es dann aber zu Vermarktungszwecken der Stadt benutzt. Heute werfen jedenfalls auch Leute ihre Schuhe hoch, die nichts dergleichen zu feiern haben, erzählte mir ein Mann beim netten Bioladen Momo. OK… einmal angefixt dokumentierte ich weiter was ich fand:

Die Norderstrasse war der einzige Ort, wo ich Schuhe fand.

Im Oktober entdeckte ich auch in Bamberg solche hängenden Schuhe, wenn auch nicht in so massiver Weise, wie hier. Meine Begleiterin fand es nicht ganz in Ordnung, dass viele dieser Schuhe noch recht neu zu sein schienen.

Könnt Ihr mir helfen? Kennt Ihr noch andere Städte, in der es eine solche Tradition gibt?

Die hängenden Schuhe von Flensburg © Ekkehart Schmidt

Hotel Cafe Lieb_Bamberg

Ich hatte letzten Mittwoch ein date in Bamberg. Hätte bei ihr schlafen können, wollte das aber erstmal nicht. Also ein preiswertes Hotel suchen. Ich erhoffte mir da nur eine pragmatische Lösung, fand aber ein sehr schön und authentisch erhaltenes/ saniertes gut 200 Jahre altes ehemaliges Jagdschloss an der Regnitz, ganz im Süden der Stadt, das seit Anfang des 19. Jahrhunderts ein Ausflugslokal und seit 1933 ein Hotel ist. Jagdschloss ist ein grosses Wort, weckt viele Phantasien. Und dann war es auch noch ein „fürstbischöfliches“ Anwesen…

Die Nacht kostete 48 Euro (mit Frühstück) in einem Zimmer ohne Toilette und Bad, mit letzterem wären 58 Euro fällig gewesen. Ich war aber sparsam nach der teuren Zugfahrt. So etwas findet sich nur noch sehr selten. Ich buchte sofort. Witzigerweise kannte die Frau, die ich besuchte, die Inhaber und wohnte nicht weit entfernt.

Ich kam abends an, empfand die Lage als wirklich ungewöhnlich und ging nach nettem Eincheck-Gespräch durch ein faszinierendes Treppenhaus zu meinem Zimmer (Nr. 5 von gut 14) im 2. Stock und genoss erst einmal die Stille.

Diese ersten Impressionen wirken düster und verwunschen. So war es aber nicht. Das Haus ist hell und einladend, wie Ihr später sehen werdet. Wirklich ungewöhnlich faszinierend und gut gestaltet waren die tapezierten Wände des Treppenhauses:

Die Bildstrecke hier ist ungewöhnlich lang, aber abwechslungsreich und ich hoffe, damit wirklich den vielfältigen Aspekten dieses sehr besonderen Ortes gerecht zu werden: Dem alten Setting an der Regnitz, der Historie, dem Äusseren und Inneren des Hauses, dem Treppenhaus mit der ungewöhnlichen Tapete, den Zimmern, der Küche – all das in Vergangenheit und Gegenwart – und meinem Gefühl hier.

Als erstes mein Zimmer in einigen Details:

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Sehr besonders die Gaststube mit Jagdtrophäen aus alten Zeiten, kombiniert mit buddhistischen Symbolen:

Dann zählen vor allem die Inhaber/innen: „Eine Familie und dennoch zwei Küchenkulturen stehen im Restaurant Lieb am Herd“, heisst es auf der Homepage. „Während Klaus Lieb als Koch und Konditor bereits in 3. Generation die fränkische Küche hochhält, hat Kathy Lieb als Thailänderin die asiatische Küche nach Bug gebracht“. Zubereitet werden die klassisch gutbürgerlich deutschen Gerichte, die fränkischen Spezialitäten mit Klössen, wie auch das Thai- Essen aus dem Wok ausschliesslich von ihm. Beide sind sehr nett und gesprächig. Sie erzählten von ihren Reisen nach Thailand, aber auch von Trekkingtouren nach Nepal und Tibet.

Ich fühlte mich wohl aufgehoben und nahm den Kaffee zum Frühstück halb drinnen, halb im schon leicht herbstlichen Biergarten ein.

Und ging dann etwas herum, zur Regnitz, wo ich eine alte Treppe entdeckte, die von der neuen Strasse abgeschnitten und unnutzbar gemacht wurde…

Fürstbischöfliches Jagdschloss! Was das wohl einmal war? Ich lief ein wenig durch die hinteren Wirtschaftsgebäude und versuchte mich ins 18. und 19. Jahrhundert zurück zu versetzen.

Abends kamen wir zurück und assen hier:

Zurück in Saarbrücken habe ich etwas recherchiert: Gartenwirtschaften mit Terrassen zum Fluss gab es in Bamberg mindestens seit 1824. So das ªMilchhäuschen“ und das Lokal „Zum Wolfsgrund“. Die wichtigste flussbezogene Ausflugsgaststätte lag aber nicht in Bamberg, sondern hier in Bug.

In diesem Vorort, aber auch im auf der anderen Flussseite liegenden Bughof bestanden Ausflugsziele oder ªBelustigungsorte“und „nach Recherchen von Thomas Gunzelmann Vergnügungs-Plätze“ schon seit dem 18. Jahrhundert und erhielten zu Beginn des 19. Jahrhunderts über den Uferweg im Hain eine direkte erholungsorientierte Anbindung an die Stadt. In Bug war es besonders das „Untere Wild’sche“ Wirtshaus (heute Hotel Lieb), das sogar über einen eigenen Bootsanleger verfügte. Von dort aus konnte man „zur Nachtzeit in Gesellschaften, auf mehreren Nachen nach Bamberg zurückfahren.“Den Ausflugsverkehr nach Bug bedienten noch bis zum Bau des Buger Wehrs um 1960 die beliebten „Haindampferla“.

Spuren dieser Treppe mit Anlegestelle waren noch sichtbar, als ich mit der Kaffeetasse und einer Zigarette in der Hand ein wenig herumlief und den herbstlichen Blick genoss:

Eine 1821 entstandene kolorierte Lithographie von Sebastian Scharnagel zeigt die Szenerie unter dem Titel „Bamberg-Ansicht von Westen“:

Ein Foto auf der Homepage des Hotels zeigt die Situation Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts:

Heute sieht das vom anderen Ufer der Regnitz so aus:

Adresse: Am Regnitzufer 23, 96049 Bamberg, Tel.: 0951-56078, info@hotel-lieb.de, Homepage

Verwendete Quellen: Breuer, Tilmann/ Gutbier, Reinhard/ Kippes-Brösche, Christine: Die Kunstdenkmäler von Oberfranken. Stadt Bamberg, Immunität der Bergstadt. 1. Stephansberg, Bamberg 2003, S. 510-513; Gunzelmann, Thomas: Bamberg als Stadt am Fluss im mittelalterlichen Kontext. Im Fluss der Geschichte. Lebensader Regnitz, Begleitbuch … zur gleichnamigen Ausstellung … vom 25. April bis 1. November 2009 im Historischen Museum Bamberg, Bamberg 2009, S. 40

Hotel Cafe Lieb_Bamberg © Ekkehart Schmidt

Café Müller_Bamberg

Wien ist weit. Aber hier findet sich ein 111 Jahre laufender Versuch, dessen Kaffeehauskultur anderswo zu implantieren. So jedenfalls mein Eindruck gestern, als mir nach einer halben Stunde draussen beim Betreten des Inneren klar wurde, dass das „Café Müller“ nicht nur ein x-beliebiges weiteres Café Bambergs ist, sondern das älteste noch bestehende echte Kaffeehaus der Stadt. So hatte es mir eine Freundin präsentiert, die ich besuchte und die mich hier platzierte (oder soll ich sagen „abstellte“), während sie Bankgeschäfte zu erledigen hatte.

Ich bekam einen sehr guten Espresso, war aber trotz der schönen Lage am Rand der Altstadt zuerst etwas enttäuscht, als das Gespräch mit der Kellnerin (vorerst) ergab, dass das Café seit 1989 existiere. Ich fragte nach: Seit 1989 besteht es wieder unter diesem Namen – vorher hatte es eine unbekannte Zeit lang „Seven Up“ gehiessen. Erst als ich die Speisekarte betrachtete, die ein Foto von 1910 präsentierte, auf dem das Haus mit Café und Kiosk fast genau so wie heute wirkte, wurde mir klar, dass da tatsächlich eine viel längere historische Kontinuität besteht.

Draussen war an diesem frühen Herbsttag mit Sonne deutlich mehr los, als drinnen. Auch der Altersschnitt stieg nach dem Betreten der Innenräume deutlich an, aber ob hier eine echte Kaffeehaus-Multiplikation gelungen ist, kann ich nicht beurteilen. Die optischen Voraussetzungen, dies zu glauben, waren jedenfalls mit wunderschönen Holzvertäfelungen gegeben. Ich verliess das Lokal aber diesbezüglich eher skeptich.

Die heutige Inhaberin stammt aus der ehemaligen Sowjetunion und kann als gutes Beispiel einer erfolgreichen Integration beschrieben werden, wenn man denn will. Ob hier aber wirklich – jenseits der Optik – eine Kaffeehauskultur à la Vienna besteht, vermag ich nach 45 Minuten nicht zu beurteilen. Ich habe vergessen, nach dem Angebot an Tageszeitungen zu schauen. Es gibt hier ein gutes Angebot für ein Frühstück und Mittagessen, aber ob die klügsten Köpfe der hiesigen Universität gelegentlich hierherkommen, um sich auszutauschen? So jedenfalls würde ich Wien nach Bamberg projizieren…

Adresse: Austrasse 23, 96047 Bamberg, Tel.: 0951 20 29 43, Homepage

Cafe Müller_Bamberg © Ekkehart Schmidt

Verschenkhütte_Saarbrücken

Ende Juni kamen Nora und Susanne mit der Idee. Dann haben wir uns zu fünft 11 Wochen lang in vielen kleinen Trippelschriten an die Umsetzung gemacht. Gemäss dem Transition-Motto: Einfach. Jetzt. Machen.

Heute konnten wir die erste Verschenkhütte des Saarlandes an der eli.ja-Kirche in Saarbrücken einweihen.

An der Kirche war vor einigen Jahren eine Hütte errichtet worden, die an den überraschend verstorbenen, sehr beliebten Sozialarbeiter Martin Bauer (u.a am Cafe Exodus aktiv) erinnerte und als Treffpunkt, Grillplatz und auch Ort für Freiluft-Gottesdienste genutzt wurde, in Coronazeiten aber vor sich hin dämmerte. Genauso, wie wir unsere Verschenkbörsen in der Kirche nicht mehr durchführen konnten. Das wär doch eine Lösung! Der scheidende Pfarrer Christian Heinz fand die Idee auch super. Also…

Wir vom Verein Transition Town Saarbrücken machten uns dann daran, Paletten als Regen- und Windschutz zu besorgen und als Wände einzubauen, uns vom Grünamt Holzschnipsel für den Boden liefern zu lassen, auf dem Sperrmüll und bei Einrichtungen wie einer Kita in Bürbach Regale und Schränke zu besorgen – eine abstrakte Vorstellung also pragmatisch langsam wachsen zu lassen. Mal trafen wir uns nur wöchentlich, mal mehrmals die Woche…

Es gab immer zu tun. Zum Beispiel das löchrige Dach abdichten (im Oktober wird uns die Kirche ein neues Dach draufsetzen, aber vorerst war zu improvisieren), die alten Holzplanken neu zu bemalen…

Im September ging es dann um die konkrete Ausgestaltung, also um Regeln, Schilder für die Schränke:

Wichtig waren vor allem die Regeln (siehe unten).

Heute kamen dann ab 17 Uhr einige Freundinnen und Freunde vorbei, brachten die ersten Sachen, die einzuräumen waren, bis wir dann mit Rebekka Benahmed und dem neuen Pfarrer Thomas Hufschmidt mit Limo und Bier ein bisschen feiern konnten. Wir haben das bewusst nicht in den sozialen Medien beworben, um einen „Massenandrang“ zu vermeiden.

Am kommenden Sonntag wird Jugendpfarrer Thomas Hufschmidt vor dem Gottesdienst unsere Verschenkhütte segnen. Wer dazu kommen mag, sei willkommen. Ansonsten ist die Hütte ab jetzt 24/ 24, 7/ 7, 365/ 365 geöffnet zum Abgeben und Mitnehmen von allem ausser Erwachsenenbücher und Elektronik.

Hier also die Regeln:

  • Diese Hütte ist für alle da. Jede/r darf etwas reinstellen und etwas rausnehmen.
  • Wir möchten eine schöne Hütte. Bitte stellt nur Gegenstände ein, die ganz, sauber und nützlich sind. Achtet gerne bei eurem Besuch mit auf Ordnung und nehmt auch mal etwas Müll mit, der sich hierhin verirrt hat. Bitte stellt keine Gegenstände neben der Hütte ab.
  • Handel und Weiterverkauf sind nicht erwünscht – bitte respektiert die Verschenkidee.
  • Bitte schaut nach ca. 2 Wochen nach, ob eure Ware verschenkt wurde. Falls nicht, versucht es noch einmal woanders (siehe Liste).
  • Die Schränke sind voll? Auf dem unserer Liste findet ihr Alternativen.
  • Bitte kein offenes Feuer in der Hütte (Zigaretten, Kerzen, etc.).
  • Zum Anbieten von Möbeln oder großen Gegenständen nutzt gerne unsere Pinnwand.
  • Bitte legt keine Bücher in den Schränken ab. Bücher können z.B. in die Bücherschränke in der Heinrich-Böcking-Str, am Schloss etc. eingestellt werden.
  • Bitte legt keine Flyer oder Prospekte mit politischen Inhalten oder Inhalten, die nicht mit den Werten einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft vereinbar sind, aus.
  • Bitte legt keine Lebensmittel in die Schränke. Diese könnt ihr entweder in den Fairteiler (Hinterhof Nauwieserstr. 19) oder in den Brotschrank (hier gleich nebenan am Haupteingang der Kirche) legen.
  • Transition Town Saarbrücken e.V. und die eli.ja Kirche haften nicht für die Qualität, den Inhalt und die Beschaffenheit der verschenkten Ware.
  • Die Nutzung und das Betreten der Hütte geschehen auf eigene Gefahr. Eltern haften für ihre Kinder.

Wir freuen uns über Helfer*innen, da wir jeden Tag kurz checken wollen, ob alles OK ist, damit die Hütte nicht vermüllt…, sondern eine Anregung zu einem veränderten Konsumverhalten wird. So, wie es bundesweit schon viele Offene Bücherschränke und Verschenkboxen tun.

Nachtrag vom 3. Oktober 2021: Im Anschluss an einen Gottesdienst hat Jugendpfarrer Thomas Hufschmidt mit immerhin 30 von 50 Gottesdienstbesucher*innen unsere Hütte mit einigen schönen und passenden Worten offiziell dem Publikum übergeben und (sogar) mit Weihwasser eingesegnet. In seiner Predigt hat er vorher auch Bezug genommen auf „Macht euch die Erde untertan“, einem Satz, der heute stärker denn je so verstanden wird, dass wir alle gemeinsam Verantwortung für die „Schöpfung“ tragen.

Wir konnten zum Ende des Gottesdienstes unsere Grundgedanken vortragen und – bei einem Radler oder einer Limo – anschliessend den Besucher*innen vorschlagen, sich doch künftig vor jedem Gottesdienst 5 Minuten Zeit zu nehmen und etwas nicht mehr benötigtes auszuwählen, das für die Hütte geeignet ist. Das war wahrscheinlich vorerst eine bessere, nachhaltigere Bewerbung als ein schneller Post in den Sozialen Medien.

Nachtrag vom 5. Oktober 2021: In der Saarbrücker Zeitung wurde heute bei der Beschreibung der Ausstellung „Amazing Burbach“ das Projekt eines „Tauschhauses“ in Burbach genannt, das sich die Hbk-Studentinnen Maria Kipper und Josephine Symonds ausgedacht hatten, welches aber wohl kaum realisiert werden wird. „Tauschhaus“ ist ein schöner Name – der schon in Berlin, Hamburg und anderswo für unsere Idee genutzt wird – nur aber eben in einem echten Haus oder Laden.

Adresse: Hellwigstr. 15, 66121 Saarbrücken, 0681/96810938, mail: eli.ja@bistum-trier.de

Verschenkhütte_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Hotel Les Blés d’Or_Hondelange

Der Bus 218 aus Luxemburg nach Messancy braucht eine gute Stunde bis Hondelange, einem Dorf mit 1000 Einwohner*innen im extremen Süden Belgiens, auf halbem Weg zwischen Arlon und Messancy. Hinter Kleinbettingen verengte sich die Strasse plötzlich: Nicht zufällig genau an der Grenze. Der Unterschied zwischen einem durch den Finanzplatz reich gewordenen Land und dem „strukturschwachen“ Süden der Wallonie wird schon deutlich spürbar.

Der dünn besetzte Bus querte Dörfer mit uraltem Baubestand, in dem sich aber plötzlich Neubauten fanden, vor denen Autos mit luxemburgischem Nummernschild standen. Ich habe hier Montag letzte Woche vor einer Veranstaltung auf dem Campus Arlon der Uni Lüttich übernachtet, weil es in Arlon – abgesehen von einer Pension der Pizzeria Trulli, die aber genau montags Ruhetag hat – kein einziges Familienhotel mehr gibt. Nur noch elend effiziente 08-15-Hotels, in denen ich mich nie wohl fühlen würde. Also hatte ich etwas Aufwand zu betreiben…

Hondelange liegt etwa 7 km südlich von Arlon. Inmitten von Bauernhäusern und sehr alten Wohnbauten gibt es immerhin noch ein einfaches Café. Für Restaurants muss man freilich mindestens 5 km fahren. Die Infrastruktur in Sachen Lebensmitteln besteht in diesen Dörfern vor allem aus riesigen Discountern, ebenfalls weit entfernt an der Route National 5 zwischen Arlon und dem französischen Longwy. Ein Schlafdorf also, das ich mit einem recht unsicheren Gefühl erreichte, weil mir die telefonische Buchung des Hotels nicht ganz sicher wirkte.

Zwar weisen zwei gelbe Hinweise den Weg zum Hotel, das vor Ort aber ohne eigenes Schild auskommt, was etwas merkwürdig wirkt. Auf einem Foto auf der Homepage entdeckte ich aber einen Schriftzug aus Metall an der Mauer der Einfahrt – der mittlerweile verschwunden ist. In Kombination mit den Verkleidungen des Schreibtischs in meinem Zimmer, die mir bei der einfachstem Berührung entgegenfielen, denke ich mir, dass die Inhaberin einfach überfordert ist, solche Reparaturen selbst zu machen.

Ehe ich klingelte, bin ich erstmal hinter das Haus, das wie ein ehemaliger Gutshof mit Stallungen wirkte.

Mathilde Endré führt das 1990 gegründete Hotel heute – nach dem Tod ihres Mannes – alleine. Ich war sehr erleichtert, als die etwa 80jährige Dame mir abends gegen 17 Uhr öffnete und mich tatsächlich notiert hatte. Zunächst hatte sie mir auf meine Anmeldung per Mail nicht geantwortet, weil ich schwierige Fragen nach den Busverbindungen weiter nach Arlon gestellt hatte, die sie wohl überforderten. Ich hatte befürchtet, dass meine Buchung trotz Telefonat nicht funktioniert hat. Wo wäre ich dann untergekommen?

Madame erklärte mir auch den Namen ihres Hotels: Der Weg führe hinaus in die Felder, wo der „goldene“ Weizen wächst. Das imposante Haus sei vor gut 200 Jahren von einem Arzt erbaut worden, der hier auch eine Apotheke eingerichtet habe. Also kein Gutshof. Er habe aber Pferdestallungen gehabt. Ob die Bäume auch so alt sind?

Im Empfangszimmer war viel los, da waren mehrere Frauen unterschiedlichster Generationen, tief im Gespräch, für die dies wohl ein Wohnzimmer war. Keine ruhige sachliche Lobby, fast fühlte ich mich als Gast wie ein Eindringling in einer Szenerie aus Oma, Tochter und Enkelin. Aber Frau Endré sorgte dann doch gleich dafür, dass ich meinen Schlüssel und die nötigen Eklärungen bekam, um das Treppenhaus hoch zu gehen und mich gleich sehr wohlig aufgehoben zu fühlen.

Die Zimmernummern gehen bis 12, aber es gibt offiziell nur neun oder zehn Zimmer. Ich nehme an, dass die Inhaberin im ersten Stock in den Zimmern 1 und 2 wohnt. Insgesamt ist Platz für 15 – 20 Personen. Die Zimmer sind alle mit Dusche ausgestattet. Der Schlüssel würde stecken, sagte sie mir. Da dies nicht nur bei meinem Zimmer Nr. 10 der Fall war, schaute ich noch in eine paar andere hinein: Jedes ist anders.ausgestattet.

Mein Zimmer unterm Dach war sehr geräumig, sauber und mit allem ausgestattet, was man so braucht. Altbacken 1990er-Jahre, aber das wollte ich ja…

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Ich legte meinen Rucksack ab und bin runter zu Madame. sie hatte angedeutet, dass ich noch etwas Kleines zu Essen bekommen könnte. Sie bereitete mir dann Brot vom Mittagessen mit einer Käse-Wurst-Platte und ich wurde wunderbar satt, so ganz meine vegetarischen Prinzipien ignorierend. Sie berechnete mir das dann am nächten Morgen mit 5 Euro.

In diesem Raum fühlte man sich intim-familiär.

Der eigentliche Speisesaal lag nebenan, abends verwaist:

Ìch machte abends noch eine Tour rundum, vorm Schlafen. Dann Aufwachen mit Blick auf die Kirche. Und Frühstück. Ich zahlte meine 60 Euro plus 5 Euro Abendbrot, lief zur Bushaltestelle und kam tatsächlich schnell und unerwartet unproblematisch zu meinem Workshop vom Dorf in die Stadt.

Adresse: 15, rue des Blés d’Or, B-6780 Hondelange, Belgien, Tel.: 0032 (0) 63 22 52 34, hotellesblesdor@tvcablenet.be, Homepage

Hotel Les Blés d’Or_Hondelange © Ekkehart Schmidt

Zwiegespräch der Schleck-Brüder

Wer selbst einmal Leistungssport betrieben hat, kennt die grossen Gefühle des Sieges und der knappen Niederlage. Und ist in den Jahren danach sehr affin für Sportereignisse im Team- oder Einzelsport. Ehe das dann irgendwann nachlässt. Ich habe diese Gefühle jahrzehntelang – nach der deutschen Meisterschaft des 1. FC Köln, Boris Becker, Jan Ulrich und Carl Lewis – nicht mehr erlebt. Bis ich 2008 in Luxemburg zum Fan eines Brüderpaars wurde: Andy und Fränk Schleck.

Zu den größten Erfolgen von Andy zählt der nach der Disqualifikation von Alberto Contador zuerkannte Gewinn der Tour de France 2010, Platz 2 bei der Tour 2009 und 2011und der Klassikersieg bei Lüttich–Bastogne–Lüttich 2009. Fränk gewann unter anderem das Amstel Gold Race 2006 sowie die Tour de Suisse 2010 und erreichte bei der Tour de France 2011 Rang drei.

Mit den beiden sympathischen Sportlern habe ich immer mitgefiebert. Aber erst heute bekam ich sie erstmals zu Gesicht. Ich hatte Zutritt zum VIP-Bereich eines Radrennens, der Skoda Tour de Luxembourg. Nach dem Sprintsieg von Joao Almeida bei der ersten Etappe und der Siegerehrung, erlebte ich die zwei Stars im Ruhestand beim Zwiegespräch. Andy betreibt heute einen Radsportladen im Dörfchen Itzig und ist Präsident des Organisationskomitees der Tour de Luxembourg.

Und ich schaffte es, einfach nur zu beobachten, Fotos zu machen – ohne dem Impuls nachzugehen, um Autogramme zu bitten. Das war wichtig. Schliesslich habe ich eine Vergangenheit als Autogrammsammler Ende der 1970er- bis Anfang der 1980er-Jahre. Das war eine andere Fortsetzung meines Wunschs nach Anerkennung und Nähe zu meinen Idolen. Fotografieren und geniessen, sie in Ruhe lassen, worüber auch immer sie sich austauschten.

Almeida gewann übrigens nach diesem Tagessieg vier Tage später auch die Tour-Gesamtwertung.

Zwiegespräch der Schleck-Brüder © Ekkehart Schmidt

Zum Dorfkrug_Krughütte

Der Name „Zum Dorfkrug“ ist in Westdeutschland sehr häufig: ob in Bonn-Lengsdorf, Elkenroth im Westerwald, Marienburg an der Mosel, Schaafheim bei Aschaffenburg, Morbach und Lettweiler in der Pfalz und eben auch im Saarland, wo es allein vier Lokale diesen Namens gibt (in Berchweiler, Düppenweiler, Heckendalheim und eben Krughütte). „Dorf“ ist klar, aber „Krug“? Hat man früher Bier auch in Krügen ausgeschenkt oder ist das ein Hinweis auf Wein? Mir fällt noch der Name „Krug zum grünen Kranze“ ein. Woher wohl? Hier in Krughütte ist der Kontext jedenfalls klar: Hier wurden vom 18. – 19. Jahrhundert in einer Hütte aus den lokalen Tonvorkommen Gebrauchsgeschirre wie Krüge und Steinzeug nach Westerwälder Art hergestellt. Ich hatte früher schon das ehemalige Lokal „Zur Krughütte“ entdeckt, das etwas weiter oberhalb im Ortsteil „Neu-Aschbach“ liegt.

Dort befindet sich eine Straße namens „Zum Krugbäcker“, die auf die frühere – erhebliche – Bedeutung des Ortes verweist: Hier wurden um 1721 Krug- bzw. Kannenbäcker angesiedelt, „um die fette Erde bei der Aspacher Ziegelhütte zu verwerten“, wie der Heimatforscher Christian Kneip schrieb. Sie brannten die Handelsware in gemeinschaftlich betriebenen Brennöfen (daher der Begriff „Hütte“) – bis etwa 75 Jahre später auf das Brennen von Ziegeln umgestellt wurde. Es entstand eine Ziegelhütte, die vor einigen Jahren abgerissen wurde: dort findet sich heute ein REWE-Markt.

Das Gebiet gehört heute zum zusammengewachsenen Ballungsraum Gersweiler-Klarenthal im Westen von Saarbrücken nahe der französischen Grenze. Es scheint einigen weh zu tun, dass Krughütte seine Eigenständigkeit verloren hat. Der Dorfkrug liegt jedenfalls direkt am Ortsschild von Klarenthal, kommt man von Saarbrücken über Gersweiler. Ein etwas verwunschener Eingang führt zum Biergarten, hinter dem das eigentliche Lokal liegt.

Ich setzte mich letzten Sonntag in den kleinen Biergarten (ein Parkplatz dominiert etwas), ging hinein und sagte zum Wirt Ewald Raubuch: „Ich nehm `nen Espresso“ – kurze Pause, die mir sagte, dass man hier nicht so sophisticated ist: „Kaffee also?“. Genau. „Mit Milch und Zucker?“ – „Nein, ganz schwarz“. Alles gut, aber das war schon `mal `ne subtile Ansage: Komm hier nicht mit so städtischen Ansprüchen (dies ist kein Kaffeehaus, sondern eine Kneipe). Ich war dann auch froh, zurück an meinem Biertisch unter sonnenschirmen und liess die Szenerie auf mich wirken.

Das Gespräch der drei, später vier und fünf Männer vor mir drehte sich erst um Brandschutzmelder (daher der Griff des einen Mannes in die Luft), dann um Kebablokale der Umgebung. Ich war froh, endlich hier sitzen zu können. Irgendwie war immer zu gewesen, wenn ich in den vergangenen Jahren an Wochenenden hier vorbei kam. Zwar ist werktags und samstags ab 17 Uhr geöffnet, am Sonntag aber von 11 – 14 und dann erst wieder ab 17 Uhr („bis Ende“). Ich war wohl immer an Sonntagen zwischen 14 und 17 Uhr hier – zur Fussballzeit, wie ich später lernte. Denn der Dorfkrug ist zwar keine Fussballkneipe im engeren Sinne, wenn man hier auch einerseits deutlich die Sympathien für den BVB heraushängen lässt und das Hinterzimmer von einem Riesenflachbildschirm von 1,50 x 1 m dominiert wird, andererseits gleich drei Mal grosse Wappen des FC Klarenthal Krughütte hängen: Neben der Theke, im Nebenzimmer und im Hinterzimmer. Zwischen drei (ausgeschalteten) Spielautomaten.

Meine Fotos vom letzten Besuch am 29. August 2020, als ich das geschlossene Lokal von aussen unter die Lupe nahm, sind mir vorerst verloren gegangen. Das ist nachzutragen. Jetzt war ich aber froh, mich mit dem Vorwand, eine Kartoffelsuppe mit Wiener essen zu wollen und Frau Raubuch nicht zu einem Balanceakt in den Biergarten nötigen zu müssen, ins Hinterzimmer setzen zu können. Um mich fotografisch-dokumentarisch „umzusehen“.

Hinten finden sich zwei der drei Spielautomaten, die aber alle ausgeschaltet waren. Da ist insgesamt Platz für gut 45 Personen plus Thekenplätze und etwa 20 draussen. Das ist schon recht viel.

Der Wirt war wie seine Frau sehr gesprächig-zuvorkommend, ohne dass ich das Gefühl hatte, das sei nur, weil ich Kunde bin. Ich fragte nach etwas zu essen: Ja, es gibt Frikadellen und Kartoffelsuppe mit Wiener. Ich bestellte letzteres und hörte dann: „Ich bin ja zur Kneipe gekommen, wie die Jungfrau zum Kind“ (vor 5 Jahren wegen dem Fussballverein offenbar), „und hab mir dann gesagt: Das ist zwar keine Speisenwirtschaft, aber wenn ich `mal ne Kneipe aufmachen, dann muss es da Frikadellen und Rohesser geben. Mindestens“. Die Kartoffelsuppe war also etwas ausser der Reihe. Etwas salzig, aber nach dem ersten Teller aus der Mikrowelle (er entschuldigte sich dafür) wurde ich gefragt, ob ich einen Nachschlag möchte – gerne. Eine solche Frage ist ziemlich ungewöhnlich geworden. Wie auch die Preise: Der Rohesser zu 1,50 Euro, die Frikadelle zu 2,50 und die doppelte Suppe mit zwei Kaffee für 9 Euro – korrekt.

Man spürt hier wirklich die 112jährige Nutzung. Nicht weil alles etwa abgegriffen oder verstaubt wirken würde – ganz im Gegenteil. Es ist sehr sauber und gepflegt. Es sind die langen Tische und Stühle in den Hinterzimmern, vielleicht auch die altrosafarbenen Tischtücher, die so zeitlos wirken, als hätte es auch in den 1950er-Jahren genau so ausgesehen. Gestern war ich hinten der einzige Gast. Ich betrachtete die alten Fotos an den Wänden und konnte fast das Stimmengewirr hören, wenn hier vor oder nach dem Krieg eine Hochzeit gefeiert, anlässlich eines Geburtstags eine Freirunde gegeben wurde oder Fussballer einen Auswärtssieg feierten. Genauso auch die drückende Stille rund um einen einsamen Gast. Jeden Morgen wurde sauber gemacht und egal wie der Abend vorher verlaufen war, präsentieren sich die Räume wieder wie neu.

Was den Fussballverein FC Klarenthal-Krughütte angeht, bin ich unsicher, ob ich das richtig verstanden habe: Da gab es einen anderen Verein seit 1911, von dem man sich abgespalten hat. Letzterer ging in Insolvenz, wurde aber dann neu gegründet und durfte den Sportplatz vor Ort kostenfrei nutzen, während dem FC das von der Kommune versagt wurde, weshalb man dann eine längere Zeit im nahen französischen Schoeneck spielte. „Aber ich habe das jetzt zurück gezogen, wir sind ja keine Melkkühe für alle“, deutete der Wirt Konflikte an.

In die andere Richtung, zur Theke hin schauend, frage ich mich, was hier beim Mobiliar noch original ist. Ewald Raubuch, der sein Berufsleben als Heizungsinstallateur in Püttlingen verbrachte, aber auch ab 1985 privat als Schiedsrichter aktiv war (zuletzt wegen Knieproblemen nicht mehr), hat im Dorfkrug nicht allzuviel verändert: „Nur die runden Tische hier vorne habe ich nach hinten gestellt und durch viereckige ersetzt. Die haben zu sehr gewackelt, weil der Boden etwas krumm ist. Und ich habe sie dann auch an der Wand festgedübelt, damit nichts kippt“.

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Ein rund 100 Jahre altes Foto und eine Bleistiftzeichnung aus den 1960er-Jahren zeigen Aussenansichten des früheren Lokals, andere einen früheren Kolonialwarenladen. Ein beschriftetes Foto zeigt einen Inhaber des Lokals als stolzer Besitzer der Sau „Emma No 1“, die 720 Pfund auf die Waage gebracht haben soll. Die Wirte waren damals sicherlich nicht nur Inhaber einer Gaststätte, sondern auch anderweitig ökonomisch aktiv. Auch eine historische Ansichtskarte vom unteren Teil der Friedrichstraße in Krughütte zeigt das Gasthaus Daniel Stötzer – später Isidor Schilz -, das wiederum anschliessend als ‚Dorfkrug‘ von Ursel Renno, der Enkelin von Isidor Schilz, bewirtschaftet wurde. Es folgten weitere Pächter, wie ich diversen Ausgaben der Stadtteilzeitung entnehme: so ab 2005 Andrea Stoll und Angelika Wendel, etwa ab 2008 Detlef und Marie-Luise und dann seit 2015 Ewald Raubuch. Er zeigte mir eine Kopie der ersten Ausschankgenehmigung vom 25. Mai 1909.

Alldieweil lief eine irgendwie bayrisch wirkende Schlagermusik, aber auch mit „Bella Ciao“ und Reinhard May. So ganz wurde ich nicht schlau über den „Geist“ des Lokals, zumal Ewald Raubuch einen bemerkenswerten „Hindenburgbart“ trägt, im Fenster aber auch ein Poster hängt, das gegen den Ausbau der Windenergie Front macht. Es fühlt sich jedenfalls „weltoffen“ an.

Ich bin dann wieder nach draussen und Frau Raubuch blieb beim Bringen des zweiten Kaffees gesprächig, erzählte von ihren zwei Boxerhunden, deren letzter 2014 eingeschläfert wurde. Hier bleibt kein Gast einsam.

Jemand hat 2014 eine lange Fotoserie von einem Klassentreffen, dem Oktoberfest und sonstigen Anlässen unter quamid.de gepostet. In verschiedenen Ausgaben der Stadtteilzeitung finden sich ferner per Anzeige Ankündigungen etwa eines Weihnachtsmenüs, eines Primeurfests 2007 oder von Sommerfesten des Schalmeien- und Kulturvereinis Dudweiler 2017-19. Typische Versuche also, das Lokal voll zu kriegen und zugleich zu einem Treffpunkt der Dorfgemeinschaft zu machen. Das ist jetzt alles nicht mehr so einfach. Ewald Raubuch sagte mir, dass sie das Datum der ersten Ausschankgenehmigung feiern wollten, doch war das wegen den Pandemiebestimmungen ebenso wenig umsetzbar wie eine Feier zu 300 Jahren Entstehung des Ortes 1721, an die ein Gedenkstein direkt neben dem Biergarten erinnert. „Das müssen wir halt nachholen“, sagt er.

Wie so oft: Ich muss wiederkommen. Freitags gebe es Hackschnittchen, da sei es dann richtig voll. Man trinke dann auch den einen oder anderen BVB-Rum dazu. OK…?

Adresse: Friedrichstraße 17, 66127 Saarbrücken, Tel.: 06898-7950011

Verwendete Quelle: Kneip, Christian: Heimatbilder von Dörfern und Höfen zwischen Saar und Warndt, hg. vom Heimatkundlichen Verein Gersweiler-Ottenhausen, Nachdruck der Erstauflage 1934, Saarbrücken 2004, S.53f

Zum Dorfkrug_Krughütte © Ekkehart Schmidt

Marburger Haus_Hirschegg

Ein halbes Jahr hat es emotional in mir gearbeitet: Auf den Vorschlag meiner 83jährigen Mutter hin würden wir noch einmal einen Urlaub in einem Haus in den Alpen verbringen, in dem wir vor fast 50 Jahren zuletzt waren. Drei Mal: Im „Heimaturlaub“ aus dem Iran kommend, im August 1969, August 1970 und auch nach der Rückkehr nach Deutschland 1972 und 1976. Die Vorstellung war jetzt emotional, oder besser gesagt psychologisch, natürlich sehr aufgeladen: Welche Erinnerungen würden da hoch kommen?

Das „Marburger Haus“ liegt in 1140 m Höhe in einem Seitental des Kleinwalsertals unterhalb des für mich mystisch gewordenen Felsplateaus des „Hohen Ifen“ im Schwarzwassertal, als Teil einer Ansammlung von Häusern namens „Wäldele“, die weit genug von den touristisch stark überprägten Ortschaften Hirschegg und Riezlern liegt. Damals wie heute fühlt man sich dort etwas exklusiv – und tatsächlich sieht man von dort aus fast keine anderen Häuser und kann sich noch immer vom „üblichen“ Tourismus abgehoben fühlen.

Ein Bus der Linie 3 bringt einen vom Haupttal an der Breitach schnell hinüber.

Das Haus wieder zu sehen, war ein besonderes Erlebnis. Wir wurden im 2017 errichteten Neubau rechterhand untergebracht. Im 1961 erbauten Altbau hing aber auch ein Foto der damaligen Situation dieses ursprünglichen Studierenden-Wohnheims der Universität Marburg (die ich 1984-88 auch besucht hatte). Damals in den 1960ern war das aber natürlich die Wahl meines in dieser Universitätsstadt geborenen Vaters, eine solche Möglichkeit einer relativ preiswerten Unterkunft buchen zu können und sich doch exklusiv zu fühlen. Auch die Universitäten Stuttgart und Frankfurt unterhalten hier im Tal ähnliche Häuser, aber dieses ist das grösste.

Das im Stil der traditionellen Vorarlberger Holzbauweise erbaute Haus hat immer noch den Charakter einer Unterkunft für Gruppen jüngerer Erwachsener, aber im Neubau fühlte man sich wie in einem Viersternehaus. Beide wurden durch ein Foyer verbunden, in dem ich auf der grossen Karte jeden Tag unsere Touren plante.

Im Altbau sieht es dagegen eher noch wie in einer Jugendherberge aus. Als ich da einmal kurz in ein Zimmer schauen konnte, kamen ein wenig Erinnerungen hoch. Aber nicht wirklich konkret, eher in Bezug auf die Dunkelheit des Holzes. Es gibt auch keine Fotos der damaligen Inneneinrichtung: Alltag war für meinen Vater nie ein Thema der (kostbaren) Fotografien auf 24er- oder 36er-Filmen. Auch der heutige Speisesaal weckte keinerlei Erinnerungen. Die „Philippsstube“ war schon damals holzvertäfelt, aber das wurde alles neu gemacht – sehr angenehm. Keine „Kaputtsanierung“. Leider auch keine Veränderung der Einkaufspolitik der Küche: Nachhaltigkeit sei nicht machbar, weil die Gäste auf jeden Euro schauen würden, sagte mir Herr Oelkers, der mit seiner Frau das Haus durch ihre letzte Saison führt. Es geht in Rente.

Aussen hat sich dagegen viel mehr getan: Es gibt jetzt einen Beachvolleyball- und einen Fussballplatz, dafür weder die Schaukel und Rutsche, noch das kleine Häuschen mit dem Fenster, in dem wir damals ein Kasperle-Theaterstück improvisiert haben. Es kommen wohl kaum noch Familien mit kleinen Kindern. Zeitgleich mit uns war da nur noch eine andere, Freunde der Inhaberfamilie.

Ich konnte meinen Kindern nicht das bieten, was mich damals so fasziniert hatte: Der Geruch von bemoosten Steinen unter Fichten hinter dem Haus war für mich damals – aus dem trockenen Iran kommend – natürlich ganz anders faszinierend, als für meine Söhne heute. So spielten wir viel Fussball. Abends blieb ich eher alleine, weil die 6- und 8jährigen genauso wie die 83- und 85jährigen eher früh ins Bett gingen. Die christliche Jugendgruppe aus Heilbronn führte dagegen – auch nach Kräfte zehrenden Volleyballturnieren – noch spät abends Seminare durch, übte Klavierstücke und Songs, studierte die Bibel, während ich Tagebuch schreibend zur Ruhe kommen wollte – jeder einzelne Tag hier war voll mit Wanderungen, Seilbahnfahrten und Schwimmbadbesuchen.

In Bezug auf Gespräche über all das, was wir als Familie seit dem letzten Besuch hier erlebt haben und welche Bedeutung das Kleinwalsertal für unser Familien-Narrativ hatte, war der Aufenthalt eine Enttäuschung. Da gab es seitens meiner Eltern kein Bedürfnis. Schade.

Nur eine Erkenntnis war neu: Meine Eltern waren damals ja, aufregend erfolgreich im Iran lebend und arbeitend, auf „Heimaturlaub“ hier. Es kamen dann auch Freunde aus Studienzeiten zu Besuch. Man habe regelrecht „Hof gehalten“ sagte meine Mutter an einem der wenigen Abenden mit gutem Gespräch (ansonsten waren diese von „Schwarzer Peter“ und „Uno“ dominiert). Für uns Kiddies waren Tante Ute und Onkel Joachim mit Eva und ihren Kindern zu Besuch und ich erinnerte mich jetzt auch daran, bei einer Wanderung auf dem Heuberg zur „Sonna-Alp“. Ansonsten war für uns die Welt der Erwachsenen damals ziemlich irrelevant. Ob meine Kinder das in 50 Jahren auch so erinnern?

Adresse: Wäldelestraße 16, A-6992 Hirschegg/ Kleinwalsertal, Tel.: +43 5517 57680, info@sportundstudienhaus.de, Homepage

MArburger Haus_Hirschegg © Ekkehart Schmidt

Grenzgasthof Walserschanz_Riezlern

Funktionsverluste sind ein spannendes Thema, wenn auch oft traurig und ökonomisch schwierige Folgen bedeutend. Mit allerlei Auswirkungen, die kaum sichtbar werden. Seit dem Fortfall der Grenzkontrollen im Schengen-Raum vor 26 Jahren, seitdem ein Grenzübertritt also nicht mehr einen langen Aufenthalt bedeutete, bei dem man gerne gastronomische Angebote in Anspruch nahm, oder zum Pippimachen ausstieg, haben Lokale vor Ort ein Problem: Die potentielle Kundschaft fährt einfach durch. Die Geschäftsgrundlage ist entfallen, das Business-Modell funktioniert nicht mehr.

An der „Goldenen Bremm“, an der deutsch-französischen Grenze bei Saarbrücken beispielsweise, existiert keine Gastronomie mehr. Ganz ähnlich bei Aachen, Kehl oder Flensburg. Nur Grenzstationen wie der Brenner, an denen parallel zum Autoverkehr auch Eisenbahnverbindungen verlaufen, konnten die jahrhundertealte Bedeutung bewahren. Vor allem am fast mystischen Brenner finden sich noch viele Lokale, wie die Pizzeria da Andrea oder die Imbiss Bar Rosticceria Brennero, in denen wir vor einem Jahr zu Mittag gegessen haben.

Anders ist das bei der Querung administrativer Grenzen vom deutschen Oberstdorf ins österreichische Kleinwalsertal. Denn da befindet sich direkt hinter der kleinen Grenzbrücke zugleich der Einstieg in das Naturwunder der Breitachklamm, die jedes Jahr Hunderttausend Urlauber anzieht und dem dortigen Lokal das Überleben sicherte.

Ich bin hier schon ein Dutzend Mal vorbei gefahren, aber wohl nur zwei Mal ausgestiegen: einmal Ende der 1960er-Jahre und ein weiteres Mal vor zwei Wochen.

Damals habe ich diesen Gasthof wohl gar nicht wahr genommen, dessen Namen auf den Übertritt auf eine andere Höhenstufe in bergigem Terrain Bezug nimmt. Ein Wandgemälde von 1938 erinnert an Grenzkämpfe gegen französische und schwedische Truppen im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert, deren Erfolg wohl die Identität der Bevölkerung des Tals gebildet und bestärkt hat. Das erste Schanzhaus aus dem Jahr 1689 hat den Walsern als Wach-, Schutz- und Versorgungshaus gegen die Franzosen gedient. Es wurde 1937 abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt, in dem bis vor Kurzem überwiegend Touristen bewirtet werden.

Bei unserem Besuch war der Gasthof geschlossen. Ich hörte, dass der Inhaber vor etwa ein bis zwei Jahren gestorben sei und seine Frau mit der Fortführung des grossen Betriebs überfordert gewesen sei.

Hinter dem Haus waren Plakate aufgestellt worden, die auf einen Ideenwettbewerb verwiesen, mit dem man das Lokal retten oder mit neuer Bedeutung erfüllen will.

Was sich hier wohl entwickeln wird? Ich habe da ein gutes Gefühl. Für uns hiess es jetzt aber, umzudisponieren. Keine Einkehr… Erst später hörte ich, dass an der Hangseite des Hauses ein kleiner Imbiss aufgemacht habe, das „Klamm-Stüble“, das übergangsweise sozusagen in die Bresche der Bedürfnisse sprang.

Grenzgasthof Walserschanz_Riezlern © Ekkehart Schmidt

s’Älpele_Mittelberg

„Au weia, was ist das denn?“, dachte ich vor zwei Wochen beim Besuch der Café Konditorei Behringer im Kleinwalsertal. Eine Art Fake-Almhütte im Erdgeschoss eines grossen Hauses an der Hauptstrasse von Mittelberg? Mit Bitburger-und Warsteiner-Werbung überdeutlich auf deutsche Urlauber massgeschneidert (die regionalen vorarlberger Bier heissen „Egger“, „Stiegl“ oder „Mohren“). Aber wie vermittele ich euch diesen Eindruck? Erst aus der Totalen, oder erst im Detail? Vielleicht letzteres, zunächst per Spiegelphoto aus dem Cafe gegenüber.

Eine Bildergalerie auf der Homepage dieses wie künstlich auf eine Wand applizierten Lokals zeigt: Drinnen dominiert überall helles Holz, fast wie in einer Sauna. Aber es soll natürlich nach einer Almhütte aussehen. Echt und authentisch… Genauer gesagt: eine Alpe, eine kleine Alpe, eben ein „Älpele“. Also eine bewirtschaftete Sennerhütte im Tal (nicht oben auf der Alm), wie die Alpe Widderstein, die ich am ende dieses Zehntageurlaubs entdeckte.

Und so wird es dann von der Betreiberfamilie Gerhard Mitterer auch beworben: „Grüß Gott und hereinspaziert im Älpele! … dem nicht so ganz gewöhnlichen Treffpunkt im Dorfzentrum von Mittelberg. Hier kehrt Jung & Alt gerne ein und Einheimischer trifft auf Urlauber. Im Älpele herrscht durchwegs gute Laune und in netter Gesellschaft, bei gepflegten Getränken vergeht die Zeit wie im Fluge.“ Das ist natürlich an Urlauber adressiert.

Aber ob es stimmt, dass sich hierher auch einige der 5000 Einheimischen vor – nicht hinter – der Theke treffen? Ich kann das nicht beurteilen. Das Lokal macht erst um 18 Uhr auf – da war ich dann immer schon im Hotel. Das Angebot ist während der Saison eher auf Wanderer und Skifahrer*innen ausgerichtet: „Nahe Walmendingerhornbahn ist unsere Sportsbar mit LIVE-Übertragungen und DART auch ideal zum Après Ski und auch sonst gibt es gute Gründe für einen Abstecher, der dann regelmäßig deutlich länger dauert als geplant. Urig, typisch und einmalig wie die Stimmung ist die Ausstattung, wo sich im Mobiliar auch so manche Rarität findet“, heisst es.

Als Authentizitätspurist bin ich vielleicht etwas zu humorlos, dies gut zu finden. Aber ich trinke ja auch weder Bitburger noch Warsteiner. Erst am letzten Abend habe ich ein „Stiegl“ aus Salzburg probiert – nach einigen erfolgreichen Proben österreichischen Rotweins, nachdem mein spanischer Tinto ausgegangen war… Jaja, ich darf mir ruhig an die eigene Urlaubernase fassen.

Adresse: Walserstraße 360, A-6993 Mittelberg, Tel.: +43 5517 6803, Homepage

s’Älpele_Mittelberg © Ekkehart Schmidt