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Verschenkbörse_Saarbrücken

Das letzte Mal sei es schon stark aus dem Ruder gelaufen, hieß es bei der Vorbesprechung vor zwei Wochen. So war ich durchaus etwas aufgeregt oder in gespannter Erwartung, als ich heute früh um 9 Uhr mit zwei Kartons zuvor ausgemisteter Sachen durch die Halbergstraße zur eli.ja Kirche radelte. Nach den Erzählungen der anderen von Transition Saarbrücken und der Jugendkirche sei bei der letzten Verschenkbörse manches abhanden gekommen, was gar nicht zum Verteilen gedacht war. Vor allem sei den ganzen Tag lang weiter angeliefert worden, was man nicht mehr in den Griff bekam. So hatte man nach Abschluss der Veranstaltung gute vier Stunden aufzuräumen.

Das sollte uns nicht mehr passieren. Jetzt hatten wir einen Dienstplan mit über einem Dutzend Freiwilligen und klaren Aufgaben. Angeliefert werden konnte – nachdem wir aufgebaut hatten – von 10 bis 12 Uhr, und zwar nur an einer Abgabestelle. Danach hatten die Leute bis zur Öffnung der Tore um 11 Uhr zu warten, während wir den Inhalt von gut 50 Kartons und Tüten ordentlich auf Tische verteilten: Herrenkleidung, Damenkleidung (2 überladene Doppeltische), Kinderkleidung, Schuhe, Spielzeug, Deko-Artikel, Küchenbedarf und ein Tisch mit CDs, Schallplatten, DVDs und kleinen Abspielgeräten.

Die zu verschenkenden Artikel standen im Hauptschiff, während in einem Nebenschiff die Anlieferung war und sich die leeren Kartons stapelten. Im anderen Nebenschiff entstand eine gemütliche Sitzecke neben einer Kaffeetheke sowie ein Kiosk, den mittags die Leute von Foodsharing mit geretteten Lebensmitteln bestückten: Es gab Bretzeln und belegte Brötchen, Bananen, hunderte winzige Tomaten, Champignons, Möhren, Kohlrabi und einen Spitzkohl, den ich mir mitnahm (neben einer Luftpumpe, einem Brotmesser, zwei Bettbezügen, gestrickten Kinderpuschen und einem coolen Skateboard-Sweatshirt für Sechsjährige).

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Es war faszinierend, wie viel innerhalb einer Stunde zusammen kam. Es gab viele Gespräche, so mit einer Frau, die gerade eine Wohnungsauflösung hinter sich gebracht hatte und uns Kartons voller Geschirr und Krimskramskrempel anvertraute, die sie unmöglich hätte in den Müll werfen können.

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Um 11 öffneten wir 80 Leuten, die geduldig gewartet hatten und keineswegs den Saal stürmten, wenn auch spürbar war, dass viele, die selber oft sehr viel angeliefert hatten, gerne schon mal geguckt hätten. Aber wir waren diesmal streng mit den Regeln. Und das disziplinierte: Ich hatte ja selbst dauernd überall interessante Sachen gesehen, von denen ich nicht wollte, dass sie mir jemand wegschnappt.

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

In den vier Stunden bis 15 Uhr waren immer rund 100 Personen im Saal, stetig neue, aber auch viele Leute, die gut zwei Stunden blieben.

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Es gab Leute, die gute zwei Kubikmeter mitnahmen, manches Gerangel unter Kindern – aber insgesamt war die Atmosphäre ruhig, nett, unchaotisch und viele Menschen erhobenen Hauptes demütig-dankbar. Überwiegend Frauen.

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Am Ende waren gut 80 Prozent der Sachen weg. Den Rest bringen wir zur Diakonie und einer Kleidertauschbörse am 21. September im Café Schniss in der Gersweilerstraße. 80 zu 20 war auch etwa das Verhältnis zwischen Menschen geringen Einkommens und konsumkritisch engagierten jungen Leuten, die kamen, obwohl sie sich ihren Bedarf auch hätten kaufen könnten. Die einen geben weg, was sie nicht mehr brauchen, die anderen holen, was sie brauchen? Gebende und Nehmende. So dachte ich vorher. Nein: Trotz mancher, die nur anlieferten und wieder gingen, waren es die „Bedürftigen“, die am meisten gaben und sich anderes, aktuell benötigtes – deutlich weniger – nahmen.

Nun war aufzuräumen, auf dass hier bald wieder Gottesdeienste stattfinden können: Alles einpacken, Müll aussortieren, die Kartons zerkleinern und zum Container bringen…

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Danke an Bazhaq, David, Didi, Ekkehart, Eric, Mira, Nora und Uschi von Transition, den mir namentlich nicht bekannten Frauen von foodsharing, sowie Anika, Daniel, Helene, Isabell und Stephanie von eli.ja. Und natürlich Pfarrer Christian Heinz, mit dem wir nach erfolgreich geschlagener Schlacht 16.30 Uhr in der Kirche (!) glücklich und zufrieden noch ein oder zwei Radler bzw. Nauwieser Drittel tranken. Auch das ein Erlebnis für sich, Klischees aufbrechend und ein wohliges Gemeinschaftsgefühl erzeugend, wie die ganze Veranstaltung.

Nach dieser neunten (oder schon zehnten?) Verschenkbörse haben wir das jetzt organisatorisch im Griff und wollen diese schöne Erfahrung  künftig jeden März und September wiederholen. Bücher ließen wir diesmal nicht zu: Wir führen auch unsere Bücherverschenkbörsen fort.

Verschenkbörse_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Es wird warm

Es wird warm. So warm, dass es bald, in nicht mehr so ferner Zukunft, so sehr warm, ja heiß wird, das wir überhitzen. Auch hier in meiner Stadt. Und dann?

Ja, das macht Angst. Verdrängen wollen wir das nicht, aber lieber nicht genau hingucken. Und 2030, wenn alles kippen könnte, ist ja noch weit, denken einige. Oder bricht alles schon 2020 zusammen?

So pupsen die Kühe weiter Methan in die Luft und wir pusten ebenso ungebremst alle möglichen Abgase in die Atmosphäre. Direkt und indirekt, zum Beispiel, indem wir weiter billiges Gemüse aus Italien oder Spanien per Lkw zu unserem Discounter fahren lassen. Es kostet einen Bruchteil der wahren Herstellungskosten, weil die externen Kosten (Lohnsklaven und Umweltverschmutzung) nicht eingepreist sind. Anders als bei Bio-Gemüse, das vergleichsweise teuer erscheint. Jaja. Wir können aber doch nicht plötzlich alles anders machen. Außerdem ist das ja alles nicht wirklich bewiesen. Die Politik und die Konzerne sollen endlich hingucken. Und was tun!

Oder könnten wir das auch? Mehr als brav den gelben Sack füllen, ein bisschen weniger Fleisch essen und ab und zu den Bus nehmen? Ja, wir können mehr machen! Vor allem sollten wir weniger Angst haben und mehr tun, um aus der Angststarre heraus zu kommen, finden einige Menschen, die sich in der „Transition-Bewegung“ zusammen gefunden haben. Zum Beispiel in Saarbrücken. Der englische Begriff „Transition“ lässt sich mit „Wandel“ oder „Übergang“ übersetzen. Es geht darum, vor allem in Städten und Gemeinden eine Zeit ohne fossile Energien wie Erdöl und Erdgas vorzubereiten. Unsere Kommune nachhaltiger machen.

Menschen von Transition Town probieren aus, auf einen Konsum zu Lasten des
Klimas zu verzichten. Und nachhaltige Alternativen aufzuzeigen, zum Beispiel durch
Landwirtschaft in der Stadt. An der Saar engagieren sich die unterschiedlichsten Menschen: Abiturienten mit Spaß am Gärtnern, ein Student, der sich ausschließlich von Lebensmitteln ernährt, die er aus Containern von Supermärkten „rettet“, ein Mann, der vor 36 Jahren entschieden hat, kein Auto zu fahren, ein überzeugter Barfußgänger und andere eigentlich ganz normale Leute. Sie organisieren Verschenkbörsen für Bücher und Gebrauchsgegenstände, pflegen einen Gemeinschaftsgarten und zeigen Filme.

Die meisten sind froh, ihren Frust und die Wut über die fehlende Änderungsbereitschaft anderer kanalisieren zu können. Sie befreien sich aus der Lähmung, indem sie konkret etwas tun. Etwas Kleines, aber gemeinsam. Im Wissen, dass es ähnliche Gruppen auch in Trier, Stuttgart oder Luxemburg gibt. Es macht Spaß, mit anderen Menschen etwas auszuprobieren. Da wird ihnen ganz anders warm. So wohlig, dass sich auch die Ängste auflösen. Im aktiven Tun. Zusammen.

Der Text entstand für die SDG-Kampagne von RENN „Ziele brauchen Taten“ und wurde für eine Zeitung, die im Herbst breit verteilt werden soll  – deren Bedürfnissen entsprechend – verändert. Die „SDG“ sind die 17 Nachhaltigkeitsziele der UN.

Hier mehr zur Kampagne

Café Beim Zapert_Beckerich

„Zapert“ ist vor allem ein Nachname, vielleicht polnischen Ursprungs. Eher selten findet man das Wort auch als Vorname. Wenn ein Lokal in Luxemburg „Beim …“ heißt, müsste es in diesem Fall ein Vorname sein. Nachfragen konnte ich bei diesem jüngsten Fund eines „toten“ Cafés nicht.

Aber es gibt noch eine andere mögliche Erklärung dieses etwas ungewöhnlichen Wortes: Der ähnliche Begriff „Zapper“ wurde – ehe mit der Privatisierung der Fernsehsender in den 1990er-Jahren das eher ungeduldig suchende „zappen“ von TV-Kanal zu TV-Kanal als neues Wort geschöpft wurde – als Synonym für einen Kellner, genauer gesagt Schankwirt, genutzt: vom Bier „zapfen“ bzw. den Zapfen aus einem Fass stoßen, so jedenfalls die Seite forebears. In Bayern heißt es ja auch beim Oktoberfest „O’zapft is!„. Hiess „Beim Zapert“ also einfach „Beim Schankwirt“?

Wie dieses sicherlich sehr alte Lokal im Öko-Vorzeigedorf Beckerich zuletzt hieß, konnte ich letzten Samstag nicht erkennen. Und konnte auch nur kurz stoppen während unserer Radtour zum Thema Gartenbau, mit Besuch der Kooperative vum Attert (solidarische Landwirtschaft) und des Biekerecher Geméisgaart. Am ältesten an diesem Haus in der Durchgangsstraße erschien mir das Schild „Café Snack“, etwas jünger die Fenster-Aufschrift des Café „Chez Gloria et Toni“ und am aktuellsten das blaue Schild der Diekirch-Brauerei „Café Beim Zapert“.

Nach einer Online-Recherche bestand hier jedoch erst das Café Snack, dann mindestens schon 2009 das Beim Zapert, bis es am 22. Mai 2018 durch ein Feuer zerstört wurde. Danach machte hier, zumindest bis Juni 2018 (letzte Spur auf Facebook), also sehr kurz, das portugiesische Lokal von Gloria und Toni auf, während die alten Schilder einfach hängen blieben.

Café Beim Zapert_Beckerich © Ekkehart Schmidt

Café Beim Zapert_Beckerich © Ekkehart Schmidt

Café Beim Zapert_Beckerich © Ekkehart Schmidt

Café Beim Zapert_Beckerich © Ekkehart Schmidt

Vielleicht hat die Gastronomie des Restaurants „An der Millen„, das schön am Dorfrand in der ehemaligen Biekerecher Millen entstand, anderen Lokalen die Kundschaft abgezogen. Und so hatte man hier irgendwann „ausgezapft“. Es scheint hier nur noch die „Bäckerei Jos“ nebenan und das bekannte Café Beim Schluppert in der Dikrecher Strooss den Strukturwandel im Freizeitverhalten überlebt zu haben. Sapperlot und Sakra!

Adresse: 25 Huewelerstrooss, 8521 Biekerech/ Beckerich, Luxemburg, Tel.: 00352-26 62 03 55

Café Beim Zapert_Beckerich © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch

Aus Mitleid mit nicht mehr ganz perfektem Obst und Gemüse, das in meinem Bioladen reduziert angeboten wird, habe ich schon seit langem etwas angetrocknete Champignons, Fenchel mit einem braunen Fleck oder eine Tüte Äpfel mit einer kleinen faulen Stelle preisreduziert gekauft.

In einem Kontext von Berichten über Lebensmittelverschwendung in erschreckendem Ausmaß: Zuletzt nannte der Weltklimarat IPCC am 6. August in seinem Bericht zu Landnutzung und Klimawandel einen Anteil von 25 – 30 Prozent aller weltweit produzierter Lebensmittel, die verschwendet oder weggeworfen werden. Menscen in reichen Ländern würden jährlich 222 Millionen Tonnen Lebensmittel in den Müll (oder wenigstens die Biotonne) werfen. Das sind pro Kopf gut 100 kg im Jahr. Diese Menge kann man sich kaum vorstellen.

Nachdem ich dann die lokale Foodsharing-Gruppe kennen gelernt hatte (die brachten zu diversen meetings unserer Saarbrücker Transition-Initiative immer wieder Kisten angebräunter Bananen mit, von denen man sich dann so viele mitnahm, wie man ernsthaft in anderthalb Tagen noch essen konnte)  und lernte, dass es neben der Saarbrücker Tafel noch mehr Leute gibt, die unverkäuflich gewordene Lebensmittel von Supermärkten vor der Biotonne retteten, war es wohl vor allem ein Gespräch mit einem der Transition-Akteure, das mich plötzlich dazu brachte, das „containern“ auszuprobieren.

Er erzählte, dass er seit langem so gut wie kein Geld mehr für Lebensmittel ausgibt, weil er in den Containern einer Discounterkette alles findet, was er zum Essen braucht. Obst und Gemüse, gelegentlich 20 Tafeln Schokolade oder sechs Tetrapacks naturtrüben Apfelsafts, dessen Mindesthaltbarkeit noch zwei Monate beträgt.

Am 2. Juli bin ich also erstmals hinter meinen Bioladen, entdeckte dort zwei Komposttonnen und schaute hinein. Die Ecke ist fast nicht von außen einsehbar, ich mußte mich also nicht wie jemand fühlen, der aus Armut in Mülltonnen wühlt. Ich fand Obst und Gemüse mit kleinen Macken, noch völlig unbedenklich geniessbar. Und kam drei Wochen lang – bis zum Urlaub – fast jeden Tag nach Ladenschluss wieder hin, jedes Mal mit einer anderen Ausbeute.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

In den ersten Tagen war ich überwältigt von der Fülle, dann füllte sich der Kühlschrank und die ersten Fruchtfliegen zeigten mir, dass ich im Begriff war, zu überziehen, also mehr einzusammeln, als ich essen oder verarbeiten konnte. Also habe ich gelernt, dass ich faule Stellen an Äpfeln sofort abschneiden muss, um den unerwartet schnellen Faulungsprozess zu stoppen. Bei leicht schimmeligen Orangen und Zitronen lernte ich später, dass sie sofort zu verwerten sind.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Am 10. Juli änderte sich meine bisherige Einschätzung: Der Biomarkt entsorgt manchmal nicht nur Einzelstücke, die keiner mehr kauft – wegen kleiner Unregelmäßigkeiten oder fauler Stellen -, sondern gibt an manchen Tagen zehn oder mehr Kilo Lebensmittel in die Tonne, bei denen der Zeitaufwand des Aussortierens schlecht gewordener Ware offenbar zu groß geworden ist.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Aus Gründen der Verpackung werden dann Erdbeeren oder Kartoffeln weggeworfen, obwohl nur ein geringer Anteil schlecht geworden ist. Nachvollziehbar. Aber auch ich hatte zu agieren: Aus den viel zu vielen Äpfeln kochte ich Kompott und die Kinder bekamen – nach dem Abgreifen einer Melone – eine riesige Schüssel Fruchtsalat vorgesetzt. Ich lernte: Wir haben verlernt, bei der Verwertung von Obst und Gemüse die Arbeit zu akzeptieren, schlechte Teile abzuschneiden. Wir sind nicht nur zu Geiz, sondern auch zu Faulheit und Bequemlichkeit erzogen worden. Nicht perfekte Ware wird uns gar nicht mehr angeboten.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Ich lernte ferner, mir bei großen Mengen des gleichen Gemüses sofort den Kochtopf zu holen, in mein Kochbuch zu schauen und irgendwie zu versuchen, alles in ein leckeres Gericht zu verwandeln, von dem ich dann zwei bis drei Tage essen konnte. Zucchinisuppe zum Beispiel.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Und es gab wieder Möhrenmarmelade. Das Foto muss ich noch raussuchen.

Da scheine ich gerade im Trend zu sein: „Food-Prepping“ ist der neueste Schrei, also schlicht das Haltbarmachen durch Einkochen und im Weck- oder Marmeladenglas für später aufbewahren. Wie Oma „einwecken“ ist offenbar zu einem „Statussymbol einer jungen, urbanen Generation geworden“, schreibt die Frankfurter Allgemeine Woche. „Einwecken“ bezieht sich auf die 1900 erfundenen Weckgläser und die Idee, Verderbliches durch Sterilisieren haltbar zu machen, um große Mengen an Saisonfrüchten, die man nicht in ein paar Tagen essen konnte, für später aufzubewahren. Für den Winter vor allem. Was fü Oma damals normal war, nennt sich heute hip „Zero Waste Küche“. Ich habe da vor allem aber eine tiefe Befriedigung empfunden, etwas mit den eigenen Händen zu machen.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Weil es Mitte Juli fast täglich Paprika und Pfirsische gab, begann ich, morgens Fruchtsalat mit Joghurt und abends große Salatschalen zu essen.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Nach der Urlaubspause habe ich Anfang August gleich weiter gemacht und den Kühlschrank neu bestückt (vor dem Urlaub musste ich ausmisten: ja, auch beim Containern muss man lernen, Früchte wegzuwerfen, manche faulen einem schnell weg).

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Dann kam die Kürbiszeit: Ich „erntete“ zwei Prachtexemplare, eins mit schwarzen Flecken, eins mit einem Schimmelansatz. Letzteres war nach ein paar Tagen wegzuwerfen, aus ersterem galt es, eine gute Suppe zu kochen. Das gelang auch mit einem Kürbis sehr gut, weil ich ein Rezept fand, in dem auch all die roten Paprika Verwendung fanden, die zuletzt angelaufen waren.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Am 7. August gab es neben Melone eine Tüte persischen Naan-Brots mit erster Schimmelspur. Ich wartete zu lange und hatte dann fast alles weg zu schmeißen. Das passiert manchmal, aber es gelingt mir, 90 Prozent der „geretteten“ Lebensmittel tatsächlich zu essen, wenn auch manchmal ein Viertel einer Melone wegzuschneiden ist. Die heutigen Früchte waren aber – wie immer – gut für den Imbiss im Bus von der Arbeit nach Hause.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Am 8. August fad ich erstmals eine Süsskartoffel neben dem üblichen Saisongemüse.

Versuch über das Containern (c) Ekkehart Schmidt

Und dann gab es plötzlich Spitzkohl. Ich nahm zwei der drei Exemplare und es galt dann, daraus etwas zu kochen: Das gelang und war sogar sehr lecker. So esse und koche ich plötzlich Gemüse, das ich weder aus der Küche meiner Mutter, noch sonstwoher kenne. Sehr gut das!

Versuch über das containern (c) Ekkehart Shmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Am 12. und 4. August wusste ich, dass es wieder Fruchtsalat en masse geben würde. Gut, dass die Kinder da waren, um tatsächlich eine Riesenschüssel Melone mit Pfirsisch zu tilgen….

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Versuch über das Containern (c) Ekkehart Schmidt

Am 18. August gab es die schlechteste Ausbeute in sechs Wochen: Ein Apfel.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Am 20. August war mal wieder Bratkartoffeltag, weil die Süsskartoffel, die Möhren und die Zucchini aufzubrauchen waren (ferner preisreduziert gekaufte Brokkoli und Champignons). Danach bin ich das erste Mal seit fast einer Woche wieder containern gegangen. Das mich selbst kontrollierende Ziel (auf dass mein Kühlschrank nicht völlig überquellt): noch ein Apfel oder eine andere Frucht für die Heimfahrt morgen. Die fand ich in der ersten Biotonne und nahm dazu zwei Gurken, obwohl ich noch genug hatte (aber sie sahen so frisch aus). In der zweiten Tonne dann eine Premiere: Lauch. Im Dutzend. Ich beschränkte mich auf ein halbes.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Ich habe am 21. August also ein Gratin mit Béchamelsauce gekocht. Eine Stange vergass ich. Das wird dann in den nächsten Tagen mit dem Sud des Ankochens der Lauchstangen für das Gratin noch für eine Lauchcremesuppe reichen.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Und dann gab es am 21. August völlig frische Möhren – satt, also in erstaunlich großer Menge. Ich beschränkte mich auf ein Kilo und schnippelte ein bisschen Möhrensalat um diesen mit dem Gratin-Rest am nächsen Tag im Büro zu essen.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Am 23. August habe ich endlich verstanden oder in einen Begriff fassen können, was mich am Containern so fasziniert und warum ich – fast suchtartig – so gut wie jeden Tag an die Biotonnen gehe: Es ist der Kick, unter einem Haufen abgezupfter Salat- und Kohlblätter einen Pfirsisch zu entdecken, hochzuholen und festzustellen, dass er noch fast völlig frisch ist. Und erstmals Limetten, eine große Ingwerknolle und eine halb vertrocknete Basilikum-Pflanze, die ich gleich auf dem Balkon umtopfte.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Am 27. August konnte ich endlich wieder die Kartoffelkiste auffüllen, am 28. August gab es ein halbes Dutzend Tomaten, so dass es zwei Tage lang Tomatensalat satt gab. 29- August gab es wieder Früchte in Hülle und Fülle, dazu zwei grosse Knoblauchzehen. Am 31. August gab es neben einer Süsskartoffel zur Abwechslung auch einmal Brokkoli und erneut Weintrauben:

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Am 2. September habe ich etwas übertrieben bzw. konnte nicht widerstehen: Die Tomaten waren frei von schlechten Stellen, die kann ich schnell wegessen, aber nicht die Paprika und Bananen… Das merkte ich schon am nächsten Morgen anhand der Zahl der Fruchtfliegen…

Versuch über das Containern (c) Ekkehart Schmidt

Ein Kollege bei etika brachte mir dazu allerdings auch einen Gedanken näher, über den ich erst noch nachdenken muss: Da all diese Initiativen dieses ethisch unverantwortliche Wegwerfverhalten letztlich halbwegs bereinigen, stützen sie das System: Lebensmittel retten ist schön und gut, aber wir dürfen die Ursachen der Verschwendung nicht aus den Augen verlieren und auch an Lösungen mitarbeiten. Dazu gehört, sich auch an die eigene Nase zu fassen.

Es muß das ganze System umgebaut werden. Das Drehen und Korrigieren an kleinen Zahnrädern reicht nicht mehr. Statt sich für eine Legalisierung des Containerns einzusetzen, muss Druck ausgeübt werden, dass nicht jeder Discounter das ganze Jahr hindurch jedes Obst und Gemüse im Angebot hat, egal von wie weit her es herangeschifft werden muß. Der Konsument muß wieder lernen, dass es Erdbeeren nur im Frühling gibt. Die schmecken auch besser als die aus Übersee im November herbei gekarrten.

Verwendete Quellen: Biringer, Eva: Echte Handarbeit, Frankfurter Allgemeine Woche, 34/2019, S. 34-35; Galay, Patrick: Der unterschätzte Faktor bei der Erderwärmung, Tageblatt, 7. August 2019

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Versuch über versandete Möwenfedern

Möwen kreischen und klauen einem frech von hinten die Pommes vom Teller. Fliegen aber auch erhaben über unseren Köpfen die Meeresküste ab oder folgen Fischkuttern – ausdauernd und ewig hungrig. Soll ich hier mal poetisch werden? Das Thema lädt dazu ein, scheint aber auch etwas abgegriffen zu sein: Möwen = Sehnsucht = Freiheit.

Man findet einige schöne Gedichte, klassische wie von  Eduard Wissmann oder Christian Morgenstern, und zeitgenössische: von eher klarer, konventionell-romantischer Art (gefährlich nah am Kitsch entlang schrammend), wie „Wenn ich eine Möwe wäre„, oder auch andeutungsreich schwermütig, wie „Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen„. Offenbar scheinen sich die Menschen gerne vorzustellen, eine Möwe zu sein.

Versuch über versandete Möwenfedern © Ekkehart Schmidt

Nein, ich kann nicht dichten. Aber vielleicht können euch die folgenden, durchaus poetisch wirkenden Fotos, aufgenommen auf Borkum Ende  Juli,  eine Anregung sein, in das lebendige Sein und dessen unerbittliche Endlichkeit hinein zu fühlen. Auch wenn ihr nicht 55 werdet, wie ich nächste Woche.

Mir fielen einfach plötzlich die manchmal bizarren Sandverwehungen an Federn auf, die sich am weiten und menschenleeren Nordstrand der Insel fanden. Oder besser gesagt: Die Federn wurden im Sand festgehalten, bewegten sich aber oft noch tagelang – vom unerbittlich pfeifenden Wind zerzaust, wodurch sich manchmal auch Keilspuren abzeichneten, schöne Muster bildend. Und warfen fein ziselierte Schatten.

Die einzigen Zeichen und Spuren von Leben auf der Weite des Strandes, sieht man einmal ab von Muscheln und Tang am Brandungssaum, Einsiedlerkrebsen in kleinen Lagunen und natürlich dem Strandhafer am anderen Ende der weiten Fläche, da, wo sich durch ihn die Dünen auftürmen und halten.

Strandhafer auf Borkum © Ekkehart Schmidt

Manche liegen schlapp herum, andere wirken wie Masten von Segelbooten und wieder andere erinnern an Fische. Einige sind noch luftig, andere schon schwer.

Versuch über versandete Möwenfedern © Ekkehart Schmidt

Versuch über versandete Möwenfedern © Ekkehart Schmidt

Versuch über versandete Möwenfedern © Ekkehart Schmidt

Versuch über versandete Möwenfedern © Ekkehart Schmidt

Versuch über versandete Möwenfedern © Ekkehart Schmidt

Versuch über versandete Möwenfedern © Ekkehart Schmidt

Versuch über versandete Möwenfedern © Ekkehart Schmidt

Versuch über versandete Möwenfedern © Ekkehart Schmidt

Versuch über versandete Möwenfedern © Ekkehart Schmidt

Versuch über versandete Möwenfedern © Ekkehart Schmidt

Versuch über versandete Möwenfedern © Ekkehart Schmidt

Federn symbolisieren mir das majestätische Hochsteigen wie auch das luftig-wippende Niedersinken. Der Sommer ist fast vorbei, der Herbst kündigt sich an. Was leicht war, wird schwer.

Versuch über versandete Möwenfedern © Ekkehart Schmidt

Elefantenmural in Dudweiler

Überraschungen begegnen einem – natürlich – immer dann, wenn man sie nicht erwartet. Zum Beispiel ein surrealistisches Mural in der von Bergarbeiterhäusern geprägten Sulzbachtalstraße am Rad von Dudweiler. Manchmal kommen sie ungelegen: Letzten Donnerstag fing es – während meiner kleinen Radtour eben jene Straße hoch bis Altenwald und zurück, auf der Suche nach „toten“ Gaststätten – gerade an zu regnen und ich sputete mich, um ein lebendiges Lokal zu finden. Doch dann musste ich scharf bremsen. Das war im doppelten Sinne surreal: ein Mural in einem stark an Salvador Dalis langbeinige  Elefanten und Picassos Guernica-Pferd (allerdings nach rechts brüllend) erinnernden Stil. Und zugleich eine dazu passende, schwer beschreibbare blaugraue Stimmung.

Elefantenmural in Dudweiler © Ekkehart Schmidt

Elefantenmural in Dudweiler © Ekkehart Schmidt

Elefantenmural in Dudweiler © Ekkehart Schmidt

Elefantenmural in Dudweiler © Ekkehart Schmidt

Elefantenmural in Dudweiler  © Ekkehart Schmidt

Das eigentlich faszinierende an diesem Graffiti ist aber nicht das Motiv, sondern dass es dem Künstler gelang, den in die Einfahrt hinein ragenden Vorbau mit Balkon einzuebnen. Hervorragend!

Ich erinnere mich, einmal darüber gelesen zu haben. Finde aber keinen Link dazu. Hilft mir jemand? Ich bin jedenfalls schleunigst weiter durch den Regen und fand in der Reiterklause einen Unterschlupf.

Elefantenmural in Dudweiler © Ekkehart Schmidt

Café Vauban_Luxemburg

Heute war wieder, wie alle halbe Jahre, so ein Termin beim Meco, unten im Pfaffental, nach dem ich dann an der Bushaltestelle auf die 23 zum Bahnhof wartete. Jedesmal die zwei Lokale gegenüber betrachtend: ein Thai-Restaurant und ein Café, das immer geschlossen zu sein scheint. Oder aber bei dem es in den letzten 11 Jahren meiner Bushaltestellenwartezeiten immer neue Wiederbelebungsversuche gab, die immer neu gescheitert sind.

Es gibt hier unterhalb der roten Brücke durchaus Potenzial, aber vielleicht hat der neue Aufzug 200 m entfernt dann doch den Schwerpunkt der Bewegungen von Anwohnern und Touristen so verlagert, dass hier keine Gastronomie mehr eine Chance hat. Auf den Versuch des Café Viva folgte jedenfalls der Versuch des Café Vauban, benannt nach dem historischen Baumeister dieser grandiosen Befestigungsanlage rundum die heutige Stadt Luxemburg.

Café Vauban_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Café Vauban_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Café Vauban_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Café Vauban_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

„À louer“ steht da. Zu vermieten. Erneut und immer weiter. Ich habe das nie lebendig erlebt, immer tot. Schade für dieses sanierte lachsfarbene Haus in einer grauen Reihe von Spekulationsobjekten.

Café Vauban_Luxemburg © Ekkehart Schmidt