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Erinnerungswerke IV – Historische Artefakte

Meine Mutter sagte mir heute, dass mein Vater wegen des Verbots, archäologisch möglicherweise wertvolle Scherben an sich zu nehmen, Ende der 1960er-Jahre während unserer fünfjährigen Zeit im Iran selbst am von Scherben übersähten Tepe Sialk bei Kashan nichts aufgesammelt hat. Als ich 1992 wieder auf diesem Hügel stand, der von einer Stadt aus dem 6. – 4. Jahrtausend vor Christi stammt, habe ich dagegen fasziniert eine Handvoll Keramiken und Tonscherben aufgesammelt. Und seitdem immer wieder, ob in der Türkei, in Syrien oder im Iran. In ähnlicher Weise auch Schneckengehäuse, Ziegenhörner oder Zedernzapfen. Irgendwann habe ich – nach einem Sperrmüllfund einer Kiste voller Weckgläser – diese Reisefundstücke in Gläser gefüllt.

Später kamen andere Objekte dazu, die Zeugnisse der Geschichte des 20. Jahrhunderts sind. Zum Beispiel im in Bezug auf den Orient Express legendären, 1892 gegründeten Hotel „Pera Palas“ in Istanbul 2002 und 2008 mitgenommene Shampoofläschchen, Puschen und Notfallnähetuis (vergleichbares habe ich auch in anderen, mir bedeutsam erscheinenden Hotels gesammelt). Oder einen gewebten Stoff, den ich 1993 in dem leerstehenden Haus in Ez-Zahra bei Tunis fand, in dem sich die Maler Macke, Klee und Moillet während ihrer kunsthistorisch bedeutenden „Tunisreise“ 1914 aufhielten.

Ferner Zeitungstitelseiten zu historischen Ereignissen (Tod des Schah, Tod von Breschnew, Deutsche Einheit, Einführung des Euro…). Oder Fundsachen und bewusst Erstandenes aus der ehemaligen DDR, wie verschiedene Ausgaben der legendären Zeitschrift „Weltbühne“, die auch nach der Wende weiter publiziert wurde, ein Zugschild aus der Zeit, als die Bahn noch über den Grenzübergang Helmstedt fuhr, oder ein handbemaltes Holzschild aus einer Kaserne der roten Armee bei Halle an der Saale 1991.

Erinnerungswerke IV - Historische Artefakte © Ekkehart Schmidt

Erinnerunggswerke IV - Historische Artefakte © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke IV - Historische Artefakte © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke IV - Historische Artefakte © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke IV - Historische Artefakte © Ekkehart Schmidt

Erinnerunggswerke IV - Historische Artefakte © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke IV – Historische Artefakte © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke III – Persönliches

Manche Objekte aus der Vergangenheit können sehr gute Erinnerungsstützen sein, ja sogar Emotionen hervorrufen. Genau deshalb habe ich sie aufgehoben. Andere habe ich erst zu diesem Zweck produziert. Was ich damit verbinde, ist zum teil sehr intim. Bei der diesjährigen Nacht der schönen Künste am Freitag, 21. Juli, werde ich Dutzende davon mitbringen. Aber auch Authentisches aus der Fremde und Konzentrate. Ich hoffe, der eine oder andere Gast wird sich zu mir auf meinen Teppich setzen. Dann erzähle ich gerne und öffne auch die braune Box.

Erinnerungswerke III - Persönliches © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke III - Persönliches © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke III - Persönliches © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke III - Persönliches © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke III - Persönliches © Ekkehart Schmidt

Manche Objekte sind für mich Trophäen aus Abenteuerreisen, so zum Beispiel die Colaflasche, die ich 1983 am Ende meiner Radtour durch Marokko bei Erfoud mit Saharasand füllte. Das Handtuch von einer Nachtzugreise im Schlafwagen der türkischen Eisenbahn vor anderthalb Jahrzehnten. Oder auch meine Reisepässe, die komplett mit Stempeln zu füllen mir nie wirklich gelungen ist, weil ich eben doch „nur“ zwei bis drei Mal im Jahr in ein Nicht-EU-Land eingereist bin.

Erinnerungswerke III – Persönliches © Ekkehart Schmidt

Zu den Objekten:

  • Wandererhinweisschild aus dem Königsforst, meinem Heimatwald in Bergisch Gladbach bei Köln bis zum Fortzug 1984 (gefunden deutlich später)
  • Marmelade aus Brombeeren am Ellenfeldstadion in Neunkirchen, die ich während eines Fußballspiels meines Sohnes Tom 2008 gesammelt habe, um mich irgendwie zu beschäftigen
  • Verdrecktes Zeugnis der mutmachenden Integration in ein Team beim Voyeur-Cup Saarbrücken 2007 nach einem trennungsbedingten Umzug
  • Box mit Symbolen für saarländische Freundinnen und Affären (2007-12)
  • Espresso nach Rauswurf aus der Ferienwohnung in Corniglia/ Cinque Terre (2014), getrunken in einem Gefühl der Fassungslosigkeit
  • Saharasand in Colaflasche, Marokko 1983 neben dem soeben abgelaufenen Reisepass, einem türkischem Nachtzughandtuch und einem 1985 erstandenen und bis heute benutzten Rasierpinsel aus der Türkei

Was ich hier betreibe ist in gewisser Weise eine „Musealisierung“ intimer Erinnerungen, die für Außenstehende vielleicht merkwürdig wirkt, mir aber bei der Verarbeitung meiner Lebenserfahrungen hilfreich war.

Erinnerungswerke III – Persönliches © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke II – Authentisches aus der Fremde

Ich sammele seit meinen ersten Reisen Anfang der 1980er-Jahre, Dinge auf, die ich unterwegs finde, oder entwende Objekte, ohne mir Gedanken zu machen, was eigentlich die dahinter stehende Motivation ist. Ich wusste bislang nur, dass mir diese Gegenstände sehr wichtig sind. Das geht von verrosteten Kronkorken und Dosen – und was man beim Trampen sonst so an der Straße findet – über ertauchte Muscheln oder aufgesammelte Schneckenhäuser, Korallenstücke und anderes Strandgut bis hin zu Zigarettenschachteln, Zuckertüten und Espressotassen. Manchmal kommt etwas Größeres dazu: Schilder aus Zügen und Bussen, hölzerne Hamam-Schuhe aus Istanbul oder ein russischsprachiges Schild aus einer verlassenen Kaserne der Roten Armee bei Halle an der Saale.

Die Objekte erzeugen bei mir bis heute eine Vorstellung nicht nur des damaligen Augenblicks, in dem ich sie mir als Mitbringsel angeeignet habe, sondern generell von dieser Art Situation als Reisender. Zum Beispiel wenn man stundenlang am damals jugoslawisch-bulgarischen Grenzübergang auf den nächsten Hike warten muss. Oder an irgendeiner Autobahnauffahrt steht. Oder glücklich das Ziel erreicht hat und in einem kleinen türkischen oder arabischen Ort eine billige Absteige gefunden hat und abends noch einen Spaziergang macht. Oder über ein antikes Ruinenfeld läuft und plötzlich alte (wie alt?) Scherben findet. Manche sind einfach eine Gedächtnishilfe, etwas, zu dem nur ich exklusiv Zugang habe. Andere bilden für mich eine organische Verbindung zur Vergangenheit, sind ein umfassenderer Erinnerungsrohstoff, den auch andere unmittelbar begreifen können.

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Etwas Spezielles sind hierbei die mit bunten Motiven bedruckten Sardinendosen, die ich nach meinem Portugal-Aufenthalt 1983 zu sammeln begann, nachdem ich mitbekam, dass die Dosen zunehmend nur noch eine Papierhülle bekamen oder aber mit ästhetisch weniger ansprechenden Motiven bedruckt wurden. Ebenfalls zu sammeln begann ich ab Ende 1980er-Jahren mit den Namen von Cafées oder den Logos von Kaffeemarken bedruckte Espressotassen. Der Anspruch war hier – wie bei den meisten anderen Objekten – mich durch es an eine bestimmte Aktivität oder ein Gefühl an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Datum zu erinnern (was langfristig gesehen nur bei wenigen, wie dieser Tasse, funktioniert hat).

Eher meinem Sammeltrieb zuzuordnen sind die gut 30 ehemaligen Marmeladengläser, die ich mit Sand von Stränden zwischen Schottland, dem Libanon und dem Iran gefüllt habe. Zu manchen gibt es aber konkrete Geschichten: In Mahmoud Abad las ich 2016 Sand auf vom ersten seit 1970 am Kaspischen Meer besuchten Strand, an dem ich diesmal nicht baden durfte;  2005 sammelte ich am Strand in Beirut Sand ein, während Männer in einem Boot gerade eine aufgedunsene, tote Kuh anlandeten.

Erinnerungswerke II – Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Am eindringlichsten ist die organische Verbindung eines Objektes zur Vergangenheit sicherlich bei nachgelassenen bzw. übrig gebliebene Fotos und Dokumenten. Den ersten solchen Fund machte ich im März 1993 in einem leer stehenden Obdachlosenasyl oder Seemannsheim in der Canary Wharf in London, kurz vor deren Umwandlung in einen Finanzdistrikt:  Mitgliedsausweise, Papiere, sowie Lebensmittel- und Zigarettengutscheine eines britischen Seemanns.

Aber auch in unmittelbarer Nachbarschaft kann man Fremdes finden bzw. intime Einblicke in fremde Welten bekommen, beispielsweise in Ottweiler, wo ich 2001 oder 2002 auf dem Sperrmüll einen Original-Küchenschrank aus der Nachkriegszeit fand und uns in die Wohnung holte, in dem sich noch ein Fotoalbum der Vorbesitzerin befand, deren Haus offenbar nach ihrem Tod entrümpelt worden war. Oder vor etwa zwei bis drei Jahren, als ich einen dieser „Henkelmänner“ fand, in denen die treusorgenden Ehegattinnen von Bergbau- oder Stahlwerksarbeitern mittags ein Essen brachten: Ich deponierte dort einen wiederum einige Jahre zuvor gefundene Sammlung an Fotos und zerrissener Knappschafts- und sonstiger Ausweise eines solchen Arbeiters.

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Etwas ähnliches hatte ich schon am 7. Februar 1995 beim Sperrmüll in der Arndtstraße in Saarbrücken gefunden: eine Fotosammlung einer Frau, hier noch in der Originalverpackung, einem Plastik-Kulturbeutel. Wirklich angeguckt habe ich mir diese Fotos nie, das war mir zu voyeuristisch. Aber ich empfand auch eine gewisse Verantwortung, dies aufzubewahren, sie gewissermassen in ehrendem Gedenken zu behalten. Auch als memento mori: Was wird denn einmal von mir bleiben?

Auch andere Objekte stammen nicht aus Reisen, sondern wurden mir geschenkt. So zu meinem letztjährigen Geburtstag ein Bund Salbei und kleine Knoblauchzehen, den mir Sadije aus ihrer Heimat im serbischen Teil von Bosnien-Herzegowina mitgebracht hat, den ich 1987 bereist hatte. Jedesmal, wenn ich mir bei einer Erkältung einen Salbeitee kochte oder ein Essen mit Knoblauch gewürzt habe, machte ich mir die Herkunft klar und war dankbar dafür. Ähnliches gilt, seitdem ich 1983 einmal Rindenstücke auf einem portugiesischen Korkhain aufgesammelt hatte, für Korken von Weinflaschen, egal ob von einem algerischen Rotwein aus dem Saarbrücker Dritte-Welt-Laden oder (wie hier im Falle der Türkei) von Reisen stammend.

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Für mich sind diese Dinge, egal ob sie unscheinbar oder spektakulär sind, mehr als nur Souvenirs, die Erinnerungen wecken. Sie repräsentieren dadurch, dass ich sie für mich persönlich mit Bedeutung auflade ganz bestimmte intensive Erfahrungen oder auch Erkenntnisse. Zugleich will ich diese repräsentativen Gegenstände festhalten und mit ihnen manchmal auch eine vergangene oder bald verdrängte Lebensweise. Meistens ist das aber vergeblich. Das merke ich vor allem ab dem Moment, an dem ich den Fundort vergessen habe – so erging es mir vor allem bei antiken Scherben. Aber solche gehören für mich zu einer anderen Kategorie: jener der an Historisches erinnernden Fundstücke.

Erinnerungswerke II – Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke I – Kondensate und Konzentrate

Die diesjährige Nacht der schönen Künste am Freitag, 21. Juli nähert sich in großen Schritten und ich muß jetzt zu Potte kommen, um meine Installation „Aufgelesenes und Angeeignetes – Erinnerungswerke“ vorzubereiten, die ich im Garelly-Haus in Alt-Saarbrücken zeigen möchte. Es geht mir dabei um historische Artefakte, Authentisches aus fremden Welten sowie Objekte, die ich aufbewahrt habe, weil ich sie mit Bedeutung aufgeladen habe. Sie sind für mich Kondensate oder Konzentrate von Erlebnissen und Einsichten, die ich mitteilen (oder auch preisgeben) möchte und anhand derer ich in Austausch mit Besucher/innen treten möchte. Ich fange mal mit letzterem an.

Streng physikalisch gesehen ist ein  Kondensat das Ergebnis des Übergangs von gasförmiger zu fester Materie, wie wir es vom Morgentau oder auch vom Regenwaasser kennen. Ein einheitlicher, voluminöser Stoff wird zusammengepresst und reduziert. Dabei wird nichts hinzugefügt, das Ergebnis ist etwas naturreines. Im übertragenen Sinne kann man aber auch das Ergebnis eines (geistigen) Verdichtungsprozesses als Kondensat bezeichnen.

Ein Konzentrat ist dagegen ein Stoff bzw. eine Flüssigkeit, bei dem ein vorher vorhandener Füllstoff jetzt kaum noch vorhanden ist. Also zum Beispiel bei Tomatenmark die Wasseranteile der Tomaten, ähnlich wie beim löslichen Kaffee, der ja nicht aus Kaffeebohnen, sondern flüssigem Kaffee gewonnnen wird. Auch hier wird nichts hinzugefügt. Synonyme sind die Begriffe Absud, Aufguss, Destillat oder auch Essenz.

Letzterer Ausdruck gefällt mir am besten für das, als was ich im Moment einige Produkte zuverstehen beginne, die ich in den vergangenen 30 Jahren aufgelesenen oder gekauft und aufbewahrt habe. In der klassischen Philosophie verstand man unter dem Begriff „Essenz“ das Wesen eines Dings.

Ich habe mich jetzt mit dem Wesen von so unterschiedlichen Materialien und Objekten wie Honig, Kohlebriketts, Brühwürfeln, Seife, eingelegten Oliven, getrockneten Salbeiblättern, Tomatenmark, Blütenblättern, Knoblauch und Kaffeebohnen beschäftigt. Sie alle sind das Ergebnis eines langen biologischen Prozesses der Umwandlung von Sonnenenergie, Wasser und anderen Nährstoffen in etwas Lebendiges, das anschliessend durch Trocknung oder andere Formen der Konzentration weiterverarbeitet wurde.

Erinnerungswerke I - Kondensate und Konzentrate © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke I - Kondensate und Konzentrate © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke I - Kondensate und Konzentrate © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke I - Kondensate und Konzentrate © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke I - Kondensate und Konzentrate © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke I - Kondensate und Konzentrate © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke I - Kondensate und Konzentrate © Ekkehart Schmidt

Von oben nach unten:

  • Griechischer Honig, Chalkidike 1986 / Marokkanische Oliven, gekauft nach der Radtour von 1984
  • Kohlebrikett aus Halle an der Saale, 1991 / Aleppiner Seife, Syrien 1988
  • Sammlung von Brühwürfeln aus dem Nahen Osten (Maggi, Knorr auch im kulturell angepassten Branding), 1995-2017
  • Ungewohnte Kräuter mit Öl zum Frühstück am Morgen, nachdem Sabine abends fast vergewaltigt worden ist, Syrien 1986 / Ehrfürchtig geernteter wilder Thymian, Provence ca. 1985 / Geröstete Kaffeebohnen, Äthiopien 2011
  • Blütenblätter einer Sonnenblume, Geburtstagsgeschenk ca. 2012 / Revolutionäre Kopfbänder in den ägyptischen Nationalfahnen, Midan Tahrir 2011
  • Regenwasser, Talstraße in Saarbrücken, Mittwoch, 13. Juli 2017, ca. 20.30 Uhr
  • Salbei und Knoblauch, von Sadiye aus Bosnisch-Serbien mitgebracht, 2016

Wirkt banal. Ich freue mich aber darauf, Besucher/innen nächsten Freitag zu erzählen, was ich damit verbinde. Ferner habe ich sehr spezielle Fundstücke und Geklautes aufbewahrt, die erst dadurch „wertvoll“ werden, dass ich sie mit Erinnerungswerten aufgeladen habe. Damit beschäftige ich mich morgen. Ich habe noch fünf Tage Vorbereitungszeit, um die Essenz dessen, was mir diese Objekte sagen und warum sie für mich so wertvoll sind, herauszudestillieren. Weia.

Ort: Garelly-Haus, Eisenbahnstraße 14, Alt-Saarbrücken (gegenüber der Ludwigskirche)

Zeit:  Freitag, 21. Juli 2017, 19 – 24  Uhr

Erinnerungswerke I – Kondensate und Konzentrate © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel de France_Tunis

Es existiert noch! Nach über 100 Jahren. Als ich letzte Woche die Dias einer Reise nach Tunesien und Libyen im Dezember 1993 durchschaute, elektrisierte mich die Erinnerung so, daß ich gleich nachschauen musste, ob es bei Google Maps zum Grand Hotel de France nicht auch Fotos der Hotelzimmer gibt. 1993 alleine und 2010 mit einigen interessierten Studierenden einer Exkursionsgruppe der RUB Bochum, bin ich – ohne Gast zu sein – durch die Flure dieses vierstöckigen Gebäudes gegangen, das für mich schon fast mythischen Charakter angenommen hat, seitdem ich mich vor 25 Jahren wochenlang intensiv mit der „Tunisreise“ von August Macke, Louis Moillet und Paul Klee beschäftigt hatte, die für die Kunstgeschichte nicht nur wegen des durch die dortige Architektur entscheidend angeregten Übergangs ihrer Malerei zum Kubismus, sondern vor allem weil die in ihren Aquarellen nach Europa gebrachte gleißende tunesische Sonne endlich Licht und Helligkeit in die stark verdüsterte abendländische Malerei brachte.

Während Klee und Moillet in diesen zwei Wochen vom 7. bis 19. April 1914 in der Stadtwohnung (rue de Sparte 7) und später im Landhaus des ihnen bekannten Arztes Dr. Jaeggi in St. German/ Ez-Zahra südlich von Tunis blieben, hatte sich Macke als einziger hier, im Zentrum, am Übergang von französischer Neustadt  zur arabischen Altstadt in einem Hotel einquartiert, in dem zehn Jahre vorher schon seine Frau mit Mutter und Bruder sowie einem Onkel, dem Maler Heinrich Brüne, gewohnt hatten. „Er verfügte durch einen Freund, den Sammler Köhler, über mehr Mittel und logierte im Hôtel de France“, heißt es in einer Nachbetrachtung von Walter Holzhausen nach einem Gespräch mit Frau Jaeggi 1958. „Logieren“ wäre heute der völlig falsche Begriff, würde man hier absteigen. Auch wenn dieses und andere Gebäude der rue M Mbarek 2010 durchaus ordentlich saniert wirkten, ist der Standard heute nur noch derjenige eines 1 – 2* Hotels:

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

1993 habe ich mich drinnen nicht getraut, Fotos zu machen, nachdem ich an der Rezeption mein Anliegen geschildert hatte, wegen Recherchen zu August Macke mir gerne das Haus ansehen zu wollen, weshalb ich tatsächlich etwas herumgeführt wurde. Man hatte von diesem Maler schon gehört, weil zumindest einmal ein Filmteam dagewesen war, erzählte man mir. Zu übernachten kam mir in diesen Tagen in Tunis nicht in den Sinn, wohnte ich doch gerade im Hotel Salammbo, etwa 100 m weiter nordöstlich, in dem meine Freundin Petra während eines mehrwöchigen Praktikums lebte.

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Die rot-weißen Schilder sind mittlerweile durch edlere, blaue Schilder ersetzt worden. Sie ähneln dem damaligen Schild linkerhand, das Zimmer mit Bad anpries („Chambres avec Salle de Bain“). Aber nach wie vor tritt man durch den vom Jugendstil beeinflußten Torbogen einen großen Innenhof mit Schatten spendenden Bäumen, der trotz offensichtlicher Sanierung noch den Charme der Gründerzeit des Hauses und der Neustadt an sich ausstrahlt, ohne touristisch verkitscht worden zu sein. Vergleichbares kann man nicht zu allen Teilen des Hauses sagen, betrachtet man die aktuellen Fotos auf Google Maps von 2017, von denen ich zwei der Innenbereiche entnommen habe.

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Ich durfte damals auch auf das Dach und blickte auf die Dächer des Hauptmarktes, der vor etwa einem Jahrzenht derart saniert wurde, dass eine neue Dachkonstruktion die damals sichtbaren Ziegeldächer verdecken. Einen Seiteneingang des Hauptmarktes sieht man in der Flucht der rue M Mbarek hinter dem Hotel, sowie vom Dach aus.

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Keine Frage, dass ich das nächste Mal in Tunis hier wohnen und photographieren möchte. Zumal ich es immer wieder erstaunlich finde, dass Reiseführer die Neustadt kaum erwähnen, vor allem aber interessante Cafés und Hotels mit Geschichte und Flair übersehen zugunsten von Tipps in Bezug auf Preis und Komfort.

Adresse: rue M Mbarek (auch:

Verwendete Quellen:  Güse, Ernst-Gerhard: Die Tunisreise. Klee, Macke, Moillet, Stuttgart 1982; S. 31; Holzhausen, Walter: Die Tunisreise. Erinnerung und Geschichte, in: dumont: August Macke. Die Tunisreise. Aquarelle und Zeichnungen, Köln 1958 (Nachdruck 1988), S. 32-48, S. 38. Die zwei verwendeten aktuellen Fotos stammen aus der Hotelseite auf Google Maps

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Beachfood_Monastir

Sehr sympathisch: Ein selbstgebauter Food-Truck, den ich im März 2010 in Monastir entdeckte. Der Inhaber und/ oder Erbauer scherte sich auch nicht um Copyright-Fragen bezüglich Coca Cola. Vielleicht war ihm auch gar nicht bewusst, dass die globalen Unternehmen des Nordens sich das Recht rausgenommen haben, die unauthorisierte Nutzung ihrer Logos zu verbieten, zugleich aber im Süden oft auf die Einhaltung sozialer und ökologischer Standards zu verzichten. Ich finde, dieser Tunesier hat in dieser halbwegs authentisch gebliebenen Touristenhochburg alles richtig gemacht, jedenfalls bezüglich des durch den Charme des Selbstgebauten rührend anziehenden Designs. Ob sein Essen schmeckte, konnte ich nicht beurteilen.

Beachfood_Monastir © Ekkehart Schmidt

Und da gab es noch einen ähnlichen Fund in Monastir, ebenfalls eins der Symbole des globalen Kapitalismus (oder neutraler: der amerikanischen Globalisierung) betreffend:

Beachfood_Monastir © Ekkehart Schmidt

Dass ich hier die unerlaubte Logo-Nutzung thematisiere hat einen Hintergrund: 2014 verklagte die Coffeeshop-Kette Starbucks einen thailändischen Strassenhändler wegen genau diesen Vergehens und gewann den Prozess (mehr dazu hier). Er hatte seinen Laden „Starbung“ genannt und ein Logo genutzt, das dem von Starbucks ähnlich sah. Das Weltunternehmen sah darin eine unerlaubte Konkurrenz. Das Logo des Verkaufswagens in Bangkok verletze dessen Patentrechte.

Beachfood_Monastir © Ekkehart Schmidt

Pod Pstrągiem_Warschau

Ende Mai bin ich von Süden her, also vom Ufer der Weichsel am Nationalstadion, durch die größte und teilweise wunderbar verwunschene Grünanlage Warschaus, den Park Skaryszewski gelaufen, trank in der Misianka, einem ehemaligen Toilettenhäuschen, einen Espresso und entdeckte am anderen Ende des Parks eines dieser unprätentiösen Lokale direkt am Wasser, die ich in Saarbrücken, Bonn, Köln, Frankfurt oder Luxemburg so vermisse.

Pod Pstragiem_Warschau © Ekkehart Schmidt

Pod Pstragiem_Warschau © Ekkehart Schmidt

Pod Pstragiem_Warschau © Ekkehart Schmidt

Pod Pstragiem_Warschau © Ekkehart Schmidt

Pod Pstragiem_Warschau © Ekkehart Schmidt

Pod Pstragiem_Warschau © Ekkehart Schmidt

Pod Pstragiem_Warschau © Ekkehart Schmidt

Nicht zufällig findet sich im Inneren des Häuschens das Bild eines Stegs: Offenbar handelt es sich bei dem Gebäude um ein umgenutztes ehemaliges Bootshaus, an dem man sich Tretboote ausleihen, aber auch etwas trinken konnte, wie das Foto von 2011 unten zeigt, das ich bei Yelp gefunden habe. Der Steg wurde durch eine schwimmende Terrasse ersetzt.

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Pod Pstragiem_Warschau © Ekkehart Schmidt

Pod Pstragiem_Warschau © Ekkehart Schmidt

Das Lokal bietet Szaszlyk (Schaschlik), Forelle (pstrąg) und andere Grillspezialitäten, Salate, aber auch Focaccia. Man ordert sein Getränk und/ oder Gericht und sucht sich am Pavillon oder weiter weg am Wasser eine Sitzgelegenheit, um anschliessend die Seele baumeln zu lassen. Ich habe noch nicht herausfinden können, was der Name des Lokal bedeutet, vielleicht so etwas wie „Beim Forellengrill“ oder „Forellengrillbar“. Es ist jedenfalls von April bis September geöffnet, außer an Regentagen, meist von 12 bis 22 Uhr.

Pod Pstragiem_Warschau © Ekkehart Schmidt

Pod Pstragiem_Warschau © Ekkehart Schmidt

Pod Pstragiem_Warschau © Ekkehart Schmidt

Ich hatte grade erst meinen Espresso und bin daher ohne aufenthalt weiter ins Zentrum von Praga, wo ich den mythischen uralten Basar Różyckiego besuchen wollte. Was der Name des Lokal bedeutet, ist mir unklar geblieben – vielleicht so etwas wie Forellengrillbar? Es ist jedenfalls von April bis September geöffnet, außer an Regentagen, meist von 12 bis 22 Uhr.

Pod Pstragiem_Warschau © Ekkehart Schmidt

Adresse: aleja Zieleniecka 2, 03-727 Warszawa, Polen, Tel.: +48 604 271 941, Facebook-Seite
Pod Pstrągiem_Warschau © Ekkehart Schmidt