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BOB Bio Mio_Kopenhagen

Man kann sich einem Thema immer auf sehr unterschiedliche Weise nähern. Naiv oder kritisch, ästhetisch oder kulinarisch. Besonders bei einem so krassen Kontrast, wie er sich hier zeigte. Wenn man das denn sehen und thematisieren mag. Ich hatte ja zunächst nicht viel erwartet, angesichts einer Ankündigung während eines Seminars in Kopenhagen Mitte Oktober, dass wir hier abends essen würden. Obwohl es um Innovationen in der Sozialfinanz ging und man dann natürlich nicht irgendein Lokal vorschlägt. Was es dann natürlich auch nicht war.

Aber ich fange mal andersherum an: Wie in jeder Großstadt gibt bzw. gab es auch in der dänischen Hauptstadt ein riesiges Schlachthofviertel in Bahnhofsnähe. Hunderttausende, wenn nicht Millionen Rinder, Schweine und anderes so genanntes Schlachtvieh ist hier seit den 1880er-Jahren durch das Slagtehus namens Kødbyen (Kød = Fleisch) geschleust worden, in stetig perfektionierter Effizienz zwecks Kostensenkung. Auf diesem Gelände der „Fleischstadt“ mit mehreren parallel laufenden Gassen mit jeweils einem Dutzend Verladeeingängen für Viehtransporter, deren geschwärzte Patina gruselig wirkt, wenn man sich die massenhafte Tötungs- und Fleischverarbeitungsprozedur bewusst macht, wurde der zunehmend maßlos werdende Fleischhunger der modernen Gesellschaft befriedigt. Der älteste Teil, mit braunen Ziegeln (daher Den brune Kødby genanntstammt aus dem Jahr 1883, die zwei anderen Bereiche sind weiß und grau geziegelt.

BOB Bio Mio_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

BOB Bio Mio_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

BOB Bio Mio_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

BOB Bio Mio_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

BOB Bio Mio_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Das verdrängen die meisten wohl eher, sind hier doch nach Schliessung der alten Anlagen ab dem Jahr 2000 Kreativbetriebe und Gründer in dieses neue „creative cluster“ eingezogen, unter anderem Architekturbüros, aber auch Restaurants und Nachtclubs. Die Fleischverarbeitung ist aber nicht ganz verschwunden, was durchaus unübersehbar ist. Außer man nähert sich, wie ich zunächst, dem Lokal „BOB“ aus dem Zentrum des Stadteils Vesterbrø. Dann wirkt es sehr witzig, auf ein Restaurant zu treffen, das noch von Bosch-Werbeschriftzügen der früheren Nutzung dominiert wird.

BOB Bio Mio_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

BOB Bio Mio_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

BOB Bio Mio_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

BOB Bio Mio_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Das BOB gab’s schon länger, aber erst seit viereinhalb Jahren bietet es, mit neuem Inhaber, dominant Speisen in Bio-Qualität. Der alte Name wurde umgedeutet und bekam die Vorsilben „Bio Mio“. Das einstöckige Gebäude, das Platz für 250 Gäste bietet, ist sehr alt, eventuell von 1910, innen aber komplett neu durchgestylt worden.

BOB Bio Mio_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

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BOB Bio Mio_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

BOB Bio Mio_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

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Das Lokal ist sehr teuer: Das Hauptgericht kostet ab 160-210 dänische Kronen (meine Wahl bei einem Wechselkurs von 1 Euro = 7,5 dkk war ein Fellaffelteller als billigste Möglichkeit für unfassbare 23 Euro). Es war gut, aber satt wurde ich nur durch’s Brot. Kopenhagen halt. Aber die wuselig-fröhliche Atmosphäre entschädigt einen durchaus. Bei einer Zigarettenpause ging ich westwärts aus dem Lokal zur Einmündung der nächsten Straße  und war überrascht, eine Mischung aus alten fleischlastigen Lokalen und Kreativbetrieben zu finden (ostwärts fand ich tags drauf die alten Schlachthäuser).

BOB Bio Mio_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

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Adresse: Halmtorvet 19, The BOSCH building, 1700 København V,  Tel.: +45 3331 2000, Info@bobbistro.dk, Homepage

Verwendete Quellen: Schulze, Cordula: Kødbyen – Schlachthof Kopenhagen; tripadvisor: BOB Biomio Organic Bistro (Überblicksfoto innen und viele foodporn-Bilder); Wikipedia-Artikel „Meatpacking district, Copenhagen

BOB Bio Mio_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Iranische Beauty-Salons und Bodybuilding-Studios

Der Iran ist zweigeteilt in ein Innen und ein Außen. Innen leben viele ein erstaunlich  freies modernes Leben. Außen gelten die rigiden Regeln des theokratischen Regimes in Bezug auf Kleidung, Geschlechterkontakte und Meinungsäußerung.

Die junge Generation der „digital natives“ ist – ganz ähnlich wie in den USA und Europa – mittlerweile stark von einer Art Körperkult geprägt, bei dem es mehr um Schein, als Sein geht. Gerade weil Frauen gezwungen sind, ein Kopftuch und einen ihre Formen verbergenden Mantel zu tragen, fokussieren viele der Ober- und Mittelschicht auf ein Styling des Gesichts: da gilt es als schick, sich die Nase so operieren zu lassen,  dass sie formschöner (ich würde sagen: langweiliger) wird, sich in Beauty Salons aufwändig die Wimpern und vor allem die Augenbrauen bearbeiten zu lassen, sich auch aufwändig zu schminken, auf dass aus der Verhüllung oben ein knallbunt künstlich gestaltetes Gesicht herausscheint. Mit dem Nasen-OP-Pflaster als Statussymbol.

Authentizität ist etwas ganz anderes. Aber dafür fehlt vielen das Selbstvertrauen.

Iranische Beauty-Salons und Bodybuilding-Studios © Ekkehart Schmidt

Iranische Beauty-Salons und Bodybuilding-Studios © Ekkehart Schmidt

Iranische Beauty-Salons und Bodybuilding-Studios © Ekkehart Schmidt

Iranische Beauty-Salons und Bodybuilding-Studios © Ekkehart Schmidt

Iranische Beauty-Salons und Bodybuilding-Studios © Ekkehart Schmidt

Ähnliches gilt auch für die Männer. Da zählen aber offenbar eher die Frisur, der Bart und der Körperbau. Jedenfalls wenn ich meine Beobachtungen der letzten Jahre richtig interpretiere, bei denen mir sehr viele Friseursalons, Bodybuilding-Studios und Geschäfte zum Verkauf von Präparaten zum Aufbau von Muskeln ins Auge fielen. Sie finden sich eher im Zentrum der Städte, während man die Beautysalons eher in abseitigen Gassen der Wohnviertel entdeckt.

Iranische Beauty-Salons und Bodybuilding-Studios © Ekkehart Schmidt

Iranische Beauty-Salons und Bodybuilding-Studios © Ekkehart Schmidt

Iranische Beauty-Salons und Bodybuilding-Studios © Ekkehart Schmidt

Iranische Beauty-Salons und Bodybuilding-Studios © Ekkehart Schmidt

Während ich nur äußere Anzeichen dieser Entwicklung wahrgenommen habe, weil die Menschen, denen ich privat begegnet bin, frei genug waren, sich davon nicht anstecken zu lassen, hat der iranische Fotograf Hossein Fatemi Extreme dieser Entwicklung fotografiert, zu denen natürlich auch Tattoos gehören. Tattoostecher allerdings sind öffentlich tabu. Sie agieren im Privaten.

Hier ein Foto von mir mit paar Teheraner Jungs, die diesbezüglich etwas souveräner waren und Körperarbeit nicht nötig hatten. Dafür vielleicht zu intellektuell?

Iranische Beauty-Salons und Bodybuilding-Studios © Ekkehart Schmidt

Iranische Beauty-Salons und Bodybuilding-Studios © Ekkehart Schmidt

Café_Nidderkäerjeng

Wieder ein totes Café mit wahrscheinlich langer Geschichte… , wie das Café de l’Arche in Gonderange, das Café Heffenisch-Schiltges in Colmar-Bierg, das Café Mindelo in Schieren, das Brasserie Alfa in Luxemburg oder das Café de la gare in Bettembourg…

Ende September war ich bei einer Radtour in Bascharage (luxemburgisch Käerjeng) im Osten Luxemburgs und kam bei der Weiterfahrt durch die Ortsteile Ober- und Niederkerschen (so heißt das hier auf Deutsch, während man auf französisch Bascharage von Hautcharage unterscheidet).

Es ist nicht so, dass es hier keine Cafés mehr gibt, aber die frühere Struktur ist durch veränderte Lebensgewohnheiten dieser Ortschaft mit Industrie doch ausgedünnt worden (wenn auch durchaus noch Gaststätten im Ortskern existieren).

Ich kam hier nur kurz vorbei, stoppte für ein Foto, dann musste ich weiter. Das Lokal scheint schon seit längerer Zeit geschlossen zu sein. Der Schriftzug „Café“ auf einem Fenster wirkt deshalb sonderbar frisch, während das Schild über dem Eingang abmontiert worden ist. Den ursprünglichen Namen habe ich auch online nicht herausfinden können, geschweige denn Infos zur Geschichte des Lokals.

Café_Nidderkäerjeng © Ekkehart Schmidt

Café_Nidderkäerjeng © Ekkehart Schmidt

Verwendete Quellen: Wikipedia-Artikel Oberkerschen und Niederkerschen

Café_Nidderkäerjeng © Ekkehart Schmidt

Anteilnahme und Solidarität mit den Opfern der Unruhen im Iran

Iran-Unruhen 2018_Anadolu Agency_Getty_A_800

Iran-Unruhen_A__AP-Foto_dpa_800

Zwei schon ikonische Fotos zu den Unruhen: Das erste suggeriert, dass Intellektuelle und die Mittelschicht demonstriert, das zweite zeigt Arbeiter und einfache Leute. Es ist wohl realistischer.

Ich weiß jetzt gar nicht, warum ich ausgerechnet heute keine Fotos gemacht habe. Vielleicht war ich überfordert, bei der ersten von mir verantwortlich organisierten Demo, während derer ich auch meine zwei kleinen Kinder betreuen musste. Aber wenn iranischstämmige Regimegegner demonstrieren, ist die Frage von filmischen und fotografischen Dokumentationen natürlich immer sehr heikel. Auch in Deutschland. Das Regime hat seine Späher und registriert Gegnerschaft.

Ich wurde zum Veranstalter und Leiter dieser Demo, weil eine Freundin und ein Freund iranischer Herkunft meinten, es wäre schwierig für sie oder andere, diese Rolle auszufüllen, auch weil man in der hiesigen Community schnell in Schubladen gesteckt werde (Monarchisten, Linke, Feministinnen etc.), was dann zur Konsequenz haben könnte, dass die jeweilig anderen dann nicht kämen. Diese Erfahrung hatte man bei der letzten Demo von iranischen Migrant/innen 2009 am gleichen Ort in Saarbrücken gemacht. Wir wollten aber, dass alle am Iran interessierten Menschen in Saarbrücken und Umgebung gemeinsam den Toten der aktuellen Unruhen gedenken und miteinander ins Gespräch kommen. Ein Deutscher mit Iran-Erfahrung ist dann eine gute Lösung.

Die Idee war letzten Samstag entstanden, am Dienstag beantragte ich die Demo beim Ordnungsamt, die Genehmigung kam dann am Donnerstag und ab da konnten wir versuchen, mit einer Pressemitteilung (siehe am Textende) und per Telefon und Soziale Medien Werbung zu machen. Die Saarbrücker Zeitung interessierte sich – anders als der SR – und kündigte unsere Demo in zwei Artikeln an (hier die Kurzfassung: Vorankündigung in der Saarbrücker Zeitung). Insofern waren wir froh, dass heute mittag zwischen 12 und 13 Uhr immerhin gut 65 bis 80 Leute kamen.

Ich hielt eine kurze Ansprache, an deren Ende dieses Video einsetzt:

 

Redetext mit manchen Unterlassungen:

„Wir versammeln uns hier, um den mind. 21 Menschen zu gedenken, die bei dem Aufstand im Iran, der vor 10 Tagen so richtig begann, zu gedenken. Ich sage „so richtig“, weil es schon seit dem Sommer Unruhe und Proteste gegeben hat, die man hier in Deutschland nur nicht so richtig mitbekam. Wie so vieles andere auch nicht.

Viele von uns kennen den Iran: Sie oder ihre Eltern sind dort geboren und aufgewachsen. Oder sie haben das Land bei einer Reise erlebt und lieben gelernt. Oder sie haben Filme und Fotos gesehen und sich ihr Bild gemacht. Wir stehen hier gemeinsam, obwohl wir vielleicht unterschiedliche Gedanken und Gefühle haben.

Manche, die wir eingeladen haben, wollten nicht kommen, weil sie das zu sehr aufregt oder weil sie mit den Problemen ihres Herkunftslandes nichts mehr zu tun haben wollen. Einige die hier stehen sind schon zur Schahzeit geflohen, andere später, nach der Revolution 1979 oder während des vom Irak ausgelösten Kriegs 1980-88. Einige die hier unter uns sind stehen politisch eher links, andere eher rechst und wiederum andere sind Feministinnen, Humanisten oder Menschenrechtler. Was uns eint, ist, dass wir uns Freiheit für den Iran wünschen.

Es geht uns darum, zum Ausdruck zu bringen, dass wir Anteil nehmen an den Forderungen der Demonstranten nach mehr Freiheit, einer besseren Wirtschaftspolitik und einer Reduzierung außenpolitischer Eskalationen. Und wir verurteilen die beiderseitige Gewalt.

Wir haben das hier organisiert, weil wir versuchen wollen, miteinander ins Gespräch zu kommen, uns auszutauschen. Was uns Deutsche und Iraner eint, ist die Erfahrung jeweils zweier Diktaturen. Also: In jedem Land gab es zwei Diktaturen.

Wieso steht hier ein Deutscher und spricht zu euch? Ja, ich bin in Deutschland geboren, aber ich habe 5 Jahre meiner Kindheit im Iran verbracht und meine 2 jüngsten Kinder haben eine Mutter, die vor 30 Jahren nach Deutschland geflohen ist. Ich bin in den letzten Jahren oft und lange im Iran gewesen. Zu dem, was jetzt gerade passiert, kann ich euch nicht viel sagen. Aber ich kann versuchen, euch zu schildern, wie ich das Land und die Menschen in den vergangenen Jahren erlebt habe.

Ich versuche das im Hinblick auf ein paar typische Themen, die einem in den Kopf kommen, wenn man an den Iran denkt. Bei manchen dieser Themen haben uns die Medien ein falsches Bild vermittelt.

  • Einstellung zum Regime: Die allermeisten Menschen im Iran sind Gegner der Regimes.
  • Bedeutung der Religion: Die allermeisten Menschen wollen mit der vom Regime aufgezwungenen Religion nichts mehr zu tun haben, sie interessieren sich nur noch für den islamischen Sufismus oder den Zarathustrismus. Der Islam im Iran ist tot.
  • Umgang mit den Regeln und Verboten: Man hat gelernt, zu Hause Bier zu brauen und im Garten Wein anzubauen, um Wein zu keltern. Kaum jemand beachtet die Regierungsmedien, man schaut TV-Sendungen aus Kalifornien.
  • Es ist wichtig zu verstehen, dass es eine Zweiteilung des Lebens gibt: Da ist ein öffentliches und da ist ein privates Leben, in dem man alle Freiheiten zu leben versucht.

Wir fordern die Führung in Teheran auf, die Versammlungs- und Meinungsfreiheit zu respektieren und den legitimen Protest gegen Missstände nicht zu kriminalisieren.

Ihr seid nicht mit allem einverstanden, was ich gesagt habe? Dann lasst uns uns bei leckerem Gebäck darüber sprechen! Tee zu organisieren ist leider an logistischen Gründen gescheitert. Schön, dass ihr alle da seid!“

Wir hatten einen Tisch aufgestellt, auf dem neben Kerzen auch Datteln und persisches Gebäck offeriert wurden. Tee zu organisieren, klappte aus logistischen Gründen nicht. Die Fotos darunter stammen von Teilnehmer/innen.

Anteilnahme und Solidarität mit den Opfern der aktuellen Unruhen im Iran

Demo in Saarbrücken 06.01.18

Danach gab es zwei weitere Personen, die kurz etwas gesagt haben: Dass sie keine AfD-Leute oder Mudschaheddin-Gruppen akzeptieren würden. Und dass wir auch an die vielen Tausend politischen Gefangenen im Iran denken sollten.

Nach einer Phase des Gesprächs untereinander begannen zunächst etwa 20 – 25 Personen, die mit Iran-Fahnen aus Schah-Zeiten gekommen waren (mit einem Löwen, statt eines muslimischen Symbols in der Mitte), persische Slogans zu rufen: „Tod der islamischen Republik“ und ähnliches. Wir ließen sie im Sinne der Meinungsfreiheit gewähren. Dann gelang es, sie zu unterbrechen und auch andere Parolen zu rufen: „Freiheit, Demokratie und Frieden im Iran“ oder „Deutschland und Europa: Solidarität“. In einer kurzen Intervention baten wir vor allem darum, die Slogans auf Deutsch zu rufen, auch um die Passanten und Besucher des Wochenmarktes nicht zu irritieren. Das gelang leidlich. Ferner hielt eine Gruppe junger Antifa-Leute eine Fahne mit der Forderung „No Jihad – Keine Toleranz für Islamismus“ hoch.

Mit Paul_540

Wir waren letztlich froh, dass unsere Aktion ohne Zwischenfälle verlief, wenngleich die Dominanz der Monarchisten nicht in unserem Sinne war. Den Wunsch, eine solche Veranstaltung künftig jeden Samstag abzuhalten, konnten wir verstehen, aber wir fanden, dass es an den jungen Leuten liegt, dies – nach diesem Auftakt – selbst zu organisieren.

Bis jetzt gelang es mir nicht, andere fotografische oder filmische Dokumente zu finden, als diese Fotos und zwei auf Youtube gepostete Filme, bei denen die Monarchisten im Mittelpunkt stehen, ehe dann ein eher links orientierter Iraner auf Deutsch andere Slogans rief. Hier der vollständigere von beiden.

PRESSEMITTEILUNG vom 4. Januar 2018

Anteilnahme und Solidarität mit den Opfern der aktuellen Unruhen im Iran

Am kommenden Samstag finden bundesweit Solidaritätsveranstaltungen mit den Demonstranten im Iran statt, so auch in Saarbrücken ab 12 Uhr am Marktbrunnen in St. Johann. Organisiert wird diese Veranstaltung von Bürgerinnen und Bürgern aus Saarbrücken, mit und ohne iranischer Herkunft.
Es geht den Veranstaltern darum, friedlich und im weiteren Sinne unpolitisch zum Ausdruck zu bringen, dass sie Anteil nehmen an den Forderungen der Demonstranten nach mehr Freiheit, einer besseren Wirtschaftspolitik und einer Reduzierung außenpolitischer Eskalationen. Und wir verurteilen die beiderseitige Gewalt.

In Form einer stillen Mahnwache mit kurzen Reden soll auch den bislang 21 Toten der seit Donnerstag vergangener Woche andauernden Unruhen und ihrer Repression gedacht werden. Vor allem wollen wir Möglichkeiten zum Austausch bieten.

Nach unserer Einschätzung handelt es sich bei den Demonstrationen in vielen iranischen Städten um keine aus dem Ausland „ferngesteuerte“ Bewegung, wie es seitens des geistlichen Führers des Landes, Ajatollah Ali Khamenei, behauptet wird.

Die Äußerungen Khameneis stehen im Gegensatz zu denen von Präsident Hassan Rouhani. Er hatte gesagt, es sei ein Fehler, die Proteste nur als ausländische Verschwörung einzustufen. „Auch sind die Probleme der Menschen nicht nur wirtschaftlicher Natur, sondern sie fordern auch mehr Freiheiten.“

Er kritisierte damit indirekt die Hardliner, die die Umsetzung seiner politischen und kulturellen Reformen blockieren. „Aber die Regierung hat nicht alles unter ihrer Kontrolle“, sagte Rouhani, der sich als Präsident bei vielen strategischen Belangen oft dem erzkonservativen Klerus beugen muss. Seiner Meinung nach sollten die Proteste daher nicht als Gefahr, sondern als Chance angesehen werden.

Das sehen wir ähnlich. Die Proteste haben allerdings tiefgreifende Ursachen. An Repressalien und Menschenrechtsverletzungen hatte man sich quasi gewöhnt. Schon seit dem Sommer hatten dann allerdings Frauen protestiert, später Betroffene der Zahlungsunfähigkeit von Banken und erst dann junge Leute. Ausgelöst wurden die Proteste durch Wut und Verzweiflung über ökonomisch-existentielle Probleme wie dem Verlust von Ersparnissen, unbezahlten Löhnen, der grassierenden Korruption und fehlenden Perspektiven insbesondere in Bezug auf die Arbeitslosigkeit junger Menschen. Dazu kam Enttäuschung über nicht eingetretene Hoffnungen auf eine wirtschaftliche Öffnung nach Abschluss des Atomabkommens 2015.
Nach unserer Einschätzung ist ein Großteil der Iranerinnen und Iraner heute zudem säkular eingestellt und vertritt im Stillen eher humanitäre, denn die ihnen von den Machthabern aufgezwungenen so genannt muslimischen Werte und außenpolitischen Auffassungen. Die meisten Menschen sind Opfer dieses Regimes einer Machtelite. Sie sollten ein Recht haben, frei und friedlich ihre Stimme zu erheben.

Wir fordern die Führung in Teheran auf, die Versammlungs- und Meinungsfreiheit zu respektieren und den legitimen Protest gegen Missstände nicht zu kriminalisieren.

Nachträge mit Reaktionen in Saarbrücken:

Ein Exiliraner postete einen Tag später auf der Facebook-Seite „Cinema Azadi“ (Freies Kino) einen persischsprachigen Text

Nachträge zur weiteren Entwicklung im Iran:

Schon am 5. Januar wurde im Iran Journal Präsident Ruhani als enttäuschender Hofnungsträger geschildert; dieser sagte am 8. Januar, man könne nicht mehreren künftigen Generationen einen bestimmten Lebensstil diktatorisch aufzwingen (so die New York Times und Reuters), das Parlament trat zu einer Sondersitzung zusammen. Am 9. Januar gab es nach dem Tod eines Inhaftierten Debatten über die Bedingungen in Gefängnissen (The Guardian).

Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen

Die am vergangenen Donnerstag begonnenen Proteste im Iran haben tiefgreifende Ursachen. An Repressalien und Menschenrechtsverletzungen hatte man sich quasi gewöhnt. Schon seit dem Sommer hatten dann allerdings Frauen protestiert, später Arbeiter und Betroffene der Zahlungsunfähigkeit von Banken und erst dann junge Leute. Ausgelöst wurden die Proteste durch Wut und Verzweiflung über ökonomisch-existentielle Probleme wie dem Verlust von Ersparnissen, unbezahlten Löhnen, gestiegenen Lebenshaltungskosten, der grassierenden Korruption und fehlenden Perspektiven insbesondere in Bezug auf die Arbeitslosigkeit junger Menschen. Dazu kam Enttäuschung über nicht eingetretene Hoffnungen einer wirtschaftlichen Öffnung und Stärkung der Wirtschaft nach dem Atomabkommen 2015.  Doch viele spüren davon nichts – und gehen auf die Straße, auch weil sie sehen, wie gut es der Oberschicht geht, wie die Londoner Daily Mail schreibt.

Nach meiner Einschätzung ist ein Großteil der Iranerinnen und Iraner heute zudem säkular eingestellt und vertritt im Stillen eher humanitäre, denn die ihnen von den Machthabern aufgezwungenen so genannt muslimischen Werte und außenpolitischen Auffassungen. Die meisten Menschen sind Opfer dieses Regimes einer Machtelite und wünschen sich jetzt (erneut) deren Sturz, obwohl man seit Jahren in einem labilen Gleichgewicht mit ihm zu leben gelernt hatte: Die so genannten Reformer an der Macht haben den Menschen in ihrer Privatsphäre bislang ungeahnte Freiheiten ermöglicht – unter der Bedingung ihres Machterhalts. Während die Mittelschicht negative ökonmische Entwicklungen gerade noch wegstecken konnte und deshalb bei den Demonstrationen eher abwesend ist, geht es bei ökonomisch schlechter gestellten sozialen Gruppen jetzt ums Überleben.

Mitte Dezember hatte ich einen Text fertig gestellt, dessen Blickwinkel nun von den Ereignissen überrollt worden ist. Oder aber: Er ist so in den Printmedien nicht mehr publizierbar, weil er die ökonomischen Aspekte (WZ vom 4.1. und BBC vom 4.1.) außen vorgelassen hatte, die nun zum Auslöser einer Revolte wurden, deren Ergebnis nicht absehbar ist. Ich möchte ihn hier dennoch veröffentlichen.

Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

Stolz erklärt mir ein Unidozent für Informatik, wie er Colaflaschen durch ein winziges Loch entleert, dann mit selbstgemachtem Rotwein füllt und so viel Kohlensäure hinzufügt, bis die Flasche wieder derart prall ist, dass es bei keiner Kontrolle auf dem Weg zu einer Party auffallen würde. Den Wein angebaut hat sein Vater, ein pensionierter Bankdirektor. Ein paar Tage später hat seine Schwester einen Auftritt in einem Konzert klassischer Musik, das halb öffentlich in einem Kindergarten stattfindet. Unter ihrem lockeren Mantel trägt sie Jeans und Turnschuhe. Ist das nicht alles streng verboten? Oder sind das völlig veraltete Vorstellungen aus einprägsam schockierenden Presseberichten der 1980er- und 1990er-Jahre? Überraschungen wie diese erlebt ein westlicher Besucher des Iran in kurzen Abständen – falls er Familienanschluss hat.

Ich bin im Iran der Schahzeit aufgewachsen, habe das Land dann 1992 zwei Monate lang bereist und ab 2012 als Partner einer iranischstämmigen Frau noch vier Mal besucht. Mit zwei Kindern und einem halben Dutzend Tanten und Onkel auf der Besuchsliste. Meine Wahrnehmung unterscheidet sich durch intensive Erlebnisse stark von derjenigen des Medien-Mainstreams, der sich fast nur aus politischen Agenturmeldungen speist, die von Journalisten verfasst werden, die von Kairo, Istanbul oder London aus die Meldungen anderer verarbeiten. Reporter bereisen das Land mit wenigen Ausnahmen nur, wenn eine Revolution stattfindet oder ein Reiseartikel ansteht. Konkret: Es ist etwas anderes, wenn man mit seiner Freundin zum Mittagessen bei ihrer Großfamilie eingeladen ist und die Widersprüche zu den mitgebrachten Klischees hinterfragen kann. Da entsteht ein anderes Bild vom authentischen Innenleben des Landes, als wenn man zu Hause kluge Analysen liest.

Oder Sätze wie diesen, den ich zu Beginn des Reflektierens geschrieben habe: Aktuell wird das Land erneut – nachdem dies durch die Auflösung des Atomkonfliktes 2015 überwunden zu sein schien – durch Protagonisten der neu belebten amerikanisch-israelisch-saudischen Allianz als Hauptverursacher destabilisierender Konflikte vom Irak über Syrien und Libanon bis zum Jemen angeprangert. In einer jahrzehntelangen Kontinuität der Darstellung als „Land der Achse des Bösen“ zwischen Sudan und Nord-Korea. Gemeint ist die politische Führung des heutigen Regimes, dessen revolutionärer Gründungsgedanke war, dass man sich vom Einfluss des „Satans USA“ und seinem – als Handlanger deren Interessen empfundenen – Herrscher befreien müsse.

Erst 2015 ist durch Publikationen wie „Wer den Wind sät: Was westliche Politik im Orient anrichtet“ von Michael Lüders dargestellt worden, dass es sich bei den anti-amerikanischen Ausfällen Teherans nicht um die irrationale Jagd auf Chimären handelte, sondern dass man sich da tatsächlich zu Recht gegen eine neokolonialistische Politik wendete. Der noch heute oft skandierte Slogan „Marg bar Amrika!“ (Tod Amerika!) ist eben nicht als Angriff gegen das westliche Wertesystem gemeint, sondern gegen Auswüchse des globalisierten Kapitalismus und einen heuchlerischen Interventionismus aus Eigeninteresse. So führt eine direkte Linie vom Sykes-Picot-Abkommen über die 1953 durchgeführten „Operation Ajax“, einer durch den CIA inszenierten Ablösung des demokratisch gewählten Premierministers Mossadegh, der es gewagt hatte, die durch Briten und Amerikaner ausgebeuteten Erdölquellen zu nationalisieren, über die westliche Unterstützung des irakischen Diktators Saddam Hussein in seinem Angriffskrieg gegen den Iran 1980-88 letztlich bis zur Hölle von Aleppo.

Westliche Medien machen seit Jahren den Fehler, zur Bebilderung politischer Nachrichten nur entweder massenhaft auftretende Frauen im Tschador zu zeigen, die wütend demonstrieren. Obwohl ihnen klar sein müsste, dass sie da einer Inszenierung des Regimes aufsitzen, das behauptet, das Volk stünde hinter ihm. Diese völlig schwarzen Gestalten prägen keineswegs das normale Straßenbild. Oder eben Fotos von – durch Kleidung und Frisur – westlich wirkenden Aktivisten, die sich 2009 im gefährlichen Einsatz gegen Wahlmanipulationen und die Normen auflehnten. Sicherlich 60 bis 80 Prozent der Bevölkerung lebt jedoch ein manchmal schizophren wirkendes Leben zwischen diesen beiden Extremen. Von ihnen, die in den Darstellungen unsichtbar bleiben und sich zutiefst missverstanden fühlen, möchte ich berichten.

In den Anfangsjahren der Theokratie, als alles verboten wurde, was mit Lebensfreude zu tun hat („Leide bis Du erlöst wirst…“), hat die Zahl der Tee- und Kaffeehäuser und anderer Orte der Begegnung und des Austauschs stark abgenommen, wenngleich es im Iran im Vergleich zur Türkei und der arabischen Welt schon vorher wenig Orte des spontanen geselligen Zusammenseins gab. Ausflugsorte wie die vielen Wasserpfeifen-Lokale an Bergbächen nördlich von Teheran, bilden eine Ausnahme. Es ist nicht erst heute fast verpönt „draußen“ etwas zu trinken. Für die Mutter meiner damaligen Lebensgefährtin war es fast eine Pein, sich mit uns in eins der neuen, modernen Cafés zu setzen. Ich verstand, wie sehr man auf die Familie fixiert ist und gar kein Interesse an Kontakten zu Fremden hat. Die Revolution 1979 hat diesen Rückzug ins Privatleben nur verstärkt.

Cafés, Musik und Tanz: Der Alltag hinter der Politik

Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

Seit etwa einem Jahrzehnt gibt es eine Reihe interessanter Neugründungen von Cafés, die aber eher Refugien der oberen Mittelschicht sind. Seitdem sind die Millionenstädte des Landes in Sachen Cafés keine Wüste der Restriktionen mehr. Es entstehen immer mehr nette Orte des ungezwungenen und halbwegs freien Austauschs bei einem Tee oder Espresso, zwischen Freunden, Mann und Frau, oder auch unter Fremden im Alter zwischen 20 und 40. Cafés nach europäischem Vorbild, in denen die junge Generation, Intellektuelle und Künstler verkehren. Aber man muss wissen, wo man sie sucht.

Das Café Tamandouni neben dem Theaterplatz in Teheran fand ich per Zufall. Der Schriftzug „Café“ war nur erkennbar, wenn man die Hauptstraße verließ und direkt davor stand. Zwei Frauen gingen gerade, riefen mir trotzdem fröhlich freundlich und fast zu einladend „Hello!“ zu. Drinnen traf ich auf drei Theker, bekam meinen Espresso mit Schokostückchen und merkte, dass ich der einzige Gast war. Schnell wollten wir alles – oder jedenfalls alles Wesentliche – voneinander wissen. „Tamandouni“ heißt „Zivilisation“, bekam ich erklärt. Das klingt frech in Zeiten der islamischen Republik, zudem hier verpönte westliche Musik lief.

„Man“ (also „sie“) hätten den Laden deshalb schon öfters zu gemacht, erzählt einer der Theker, der durch riesige Koteletten auffiel. Aber dann habe man einfach ein paar Wochen gewartet und wieder aufgemacht. Er kennt die erstaunlichsten Bands. Als Deutscher werde ich nach „Eloy“ gefragt, offenbar Krautrock der frühen 1970er-Jahre. Er spielt mir etwas vom Laptop vor. Ich empfehle meine Lieblingsband dieser Stilrichtung: „Can“ aus Köln. 1979, als alle Kunstorganisationen aufgelöstwurden, auch Orchester und Musikschulen, war er noch nicht geboren. Viele Musiker emigrierten, ihre Musik kann man sich heute überall downloaden. Pop- und leichte Rockmusik ist seit einer gewissen Liberalisierung in den 1990er-Jahren wieder erlaubt. Hard Rock und Heavy Metal bleiben aber tabu. Die Texte dürfen auch keine anstößigen Inhalte haben. Konzerte werden unter bestimmten Bedingungen zugelassen, wenn auch oft kurzfristig abgesagt. So ist eine beachtlich große Untergrund-Rockszene entstanden. Mehr als 500 verbotene Bands soll es allein Teheran geben.

Anderswo erzählte mir ein junger Musikinstrumentenhändler seine Alternativen: Fatalistisches Erdulden oder Gehen? Fast alle gebildeten jungen Leute sagen, dass sie am liebsten in den Westen auswandern würden. Zumindest haben sie einmal darüber nachgedacht. Seine Brüder sind nach China und Rumänien gegangen. Er wollte das auch, aber sein Englisch war nicht gut genug. Vor allem aber wollte seine Frau die Familie nicht verlassen. So blieb er notgedrungen und führte den seit 20 Jahren bestehenden Laden weiter: Man hat hart zu arbeiten, bekommt aber vergleichsweise wenig dafür. Das Geschäft läuft nicht so gut: Er darf nur Tombak, Sitar oder Violinen verkaufen. Für die gibt es zwar eine Nachfrage, aber kein Vergleich zu der nach E-Gitarren oder Synthesizern, die er nicht bedienen darf. Ihm zufolge gibt es etwa seit 10-15 Jahren eine schrittweise Liberalisierung: erst durfte man wieder zuhause musizieren, dann auch öffentlich, aber erst nur Männer. Seit etwa fünf Jahren sind auch öffentlich musizierende Frauen erlaubt. Texte singen dürfen aber weiterhin nur Männer, Frauen dürfen zur Begleitung höchstens summen. Ähnliches gilt für das Tanzverbot: Öffentlich dürfen nur Männer tanzen, etwa auf Hochzeiten, aber man kann Tango- oder auch Zumba-Fitness-Kurse in Privatwohnungen besuchen.

Die Hardliner unter den religiösen Führern befürchten eine „samtene Unterwanderung durch Kultur“, wie ein iranischer Autor schrieb. Musik sehen sie als ein Mittel des Westens, einen Regimewechsel herbeizuführen. Der derzeitige Präsident Hassan Ruhani, Vertreter einer moderaten Haltung, verkündete Anfang des Jahres dagegen an ihre Adresse: „Mischt euch nicht in das Leben der Leute ein, man kann sie nicht mit Gewalt und Peitschenhieben zum Paradies führen“. Der Grad der Strenge der Zensur von Musik, Literatur und Kino ist ein Indikator für den aktuellen Stand des jahrzehntealten Machkampfes zwischen Konservativen und Reformern. Erstere dreschen oft nur hohle Phrasen und letztere wollen mit vielen Zugeständnissen aber auch nur die Jugend besänftigen, die seit der gescheiterten Grünen Revolution von 2009 wütend ist.

Konsumverhalten im privaten Raum

Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

Bei meinen Versuchen, das vor Ort erlebte zu verstehen, war ich zwischen den Reisen sehr dankbar für drei Publikationen, die sich dem Land endlich einmal fundiert von innen heraus nähern. „Es ist falsch zu glauben, dass Säkulare oder Areligiöse automatisch gegen und Gläubige automatisch für das Regime sind. Es ist viel normaler, als man von außen denkt, dass die Leute nicht religiös sind. Aber sie leben konform zu den Vorgaben des Regimes“, sagt die österreichische Anthropologin Ariane Sadjed, die in ihrer Publikation „Shopping for Freedom“ das Konsumverhalten der Ober- und Mittelschicht untersucht hat. „Ich wollte zeigen, dass es tatsächlich so etwas wie eine ausgeprägte Konsumkultur im Iran gibt und die Menschen einen Alltag haben, der nicht nur von Religiösität und Schreckensherrschaft geprägt ist“, sagte sie mir kürzlich in einem Telefoninterview. Festgemacht am Konsumverhalten seien von westlichen Medien ein neues Stereotypen aufgebaut worden: „ Eine Widerständigkeit mit heimlichen Partys oder dem Kauf bestimmter Waren werde automatisch als säkularer, hedonistischer und westlicher Lebensstil interpretiert“. Das sei viel zu simpel gedacht.

„Das Spezielle im Iran ist, dass das äußere Auftreten und das Prestige unheimlich wichtig sind“, erklärt sie weiter. Man kaufe bestimmte Artikel wegen des Prestiges, das man dadurch erlangt. Die anderen sollen sehen, dass man sich das leisten kann. Teure deutsche Wagen, riesige Flachbildschirme, Davidoff- oder Dunhill-Zigaretten und Pflaster von Nasen-OPs sind Statussymbole, die mir auffielen. Der Iran sei nach wie vor eine sehr hierarchische Gesellschaft, erklärt sie. Zugleich seine religiösen Pflichten zu erfüllen, sei kein Widerspruch: „Das liegt zum Teil daran, dass im Iran der 1960er-Jahre die Konsumkultur nach westlichem Vorbild quasi von oben verordnet wurde.“

Während die Ausweitung der Konsummöglichkeiten in den westlichen Ländern die sozialen Grenzen verwischt haben, sei diese im Iran nicht der breiten Masse zugute gekommen, sondern habe die Kluft zwischen den sozialen Schichten vergrößert. Diese Elitenbildung sollte durch die Islamische Revolution aufgehoben werden, was aber nicht gelungen sei. Heute gebe es neue Eliten, die vermögend seien, politischen Einfluss hätten und die Ideale der Islamischen Republik zumindest nach außen hin repräsentierten. Sie kaufen nicht in modernen Shopping-Zentren ein, bevorzugen nationale Güter und verbringen ihre Zeit an Orten, wo nicht konsumiert werden muss – besonders gerne beim Picknick. Im Gegensatz dazu gibt es ein etwas weniger wohlhabendes Segment der Mittelschicht, das ziemlich hedonistisch orientiert sei. Konsum, Vergnügen und materielle Werte nehmen also einen großen Raum ein ohne das man in Gegnerschaft zum Regime steht, wie es von vielen westlichen Medien missverstanden wird.

Neben dem Atomkonflikt berichten westliche Medien in sehr einseitiger Fixierung vor allem über Menschenrechtsverletzungen. Es geht fast nur um die Unterdrückung von Frauen und der religiösen Gruppe der Bahai oder Einschränkungen der Freiheits-, Gleichheits-, Teilhabe-, Meinungs-, Versammlungs- und Persönlichkeitsgrundrechte nach westlichem Maßstab. Wie es sich für Frau und Mann tatsächlich damit lebt, wird kaum angesprochen. Es ist aber im Iran sehr wichtig, das Kulturelle vom Politischen zu unterscheiden. Und die reale Praxis hinter der formalen Norm.

Bei gelebter Homosexualität oder Drogenhandel droht sehr real der Strang. Ebenfalls verboten, heute aber fast schon toleriert, sind Alkohol, Glücksspiel, Popmusik und öffentlicher Tanz. Im öffentlichen Raum herrscht die Geschlechtertrennung mit einem Berührungsverbot von Mann und Frau sowie die islamische Kleiderordnung, welche auch für Angehörige anderer Religionen und Touristinnen gilt. Nicht mehr wirklich geahndet wird es, wenn unverheiratete Männer und Frauen sich miteinander zeigen. Auf Ehebruch steht formal die Steinigung und auf Geschlechtsverkehr zwischen Unverheirateten Peitschenhiebe und auch die Zwangsheirat. Wenn einer der beiden nicht Muslim ist, droht sogar der Tod für beide Beteiligten. Uns hat man als unverheiratetes Paar mit zwei Kindern allerdings selbst in Hotels nie behelligt. Während Verstöße gegen all diese Regeln bis vor einem Jahrzehnt tatsächlich schlimme Folgen haben konnten, interessiert das die Staatsgewalt nur noch, wenn ein Exempel statuiert werden soll.

Subversive Lebenskunst

Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

Im privaten Raum wird heute das Gegenteil eines solch restriktiven Lebens gelebt. Weite Teile der Ober- und Mittelschicht des Landes vergöttern den „american way of life“ und hassen ihr eigenes Regime abgrundtief. In subversiver Lebenskunst werden Partys gefeiert oder man bucht Busreisen, die gar nicht die plakatierten touristischen Bedürfnisse, sondern solche der Begegnung zwischen den Geschlechtern bedienen. Frauen kleiden sich zuhause fast wie Luxemburgerinnen. Überall in den Seitenstraßen gibt es Beauty-Salons. Und auch die Schönheitschirurgie boomt im Land der großen Nasen. Sexualität ist intern keineswegs so tabuisiert, wie es kulturell sein sollte. Zugleich studieren an den Universitäten mehr Frauen als Männer. Sie dominieren Branchen wie die der Rechtsanwälte, stellen 50 bis 65 % der Studierenden und in den meisten Familien haben sie „die Hosen an“. Natürlich wird die eingeschränkte Reisefreiheit als erniedrigend empfunden, aber viele machen gerne einmal einen Trip für eine Woche nach Armenien oder in die Türkei und genießen die dortigen Freiheiten.

Selbst in Provinzstädten sieht man Schaufensterauslagen mit T-Shirts für Mädchen und Frauen, die nicht dem persischen Dresscode entsprechen. Jedenfalls nicht dem für den Aufenthalt in der Öffentlichkeit. Zuhause zieht sich jeder an, wie er will – durchaus ganz ähnlich wie im „Westen“. Aber es gibt Ausnahmen. Nicht nur aufgedonnert geschminkte Frauen im reichen Norden von Teheran. Eine junge Frau in Kerman trug 2016 auf ihrem Rücken ein mutiges, berührendes Statement, während sie vorne „korrekt“ gekleidet war: „Add me to your heart“. Dieses Kleid war durchaus für draußen gedacht. Sittenwächter, die es in diesen Jahren kaum noch gibt, jedenfalls nicht mehr Angst machend, würden durch so etwas Unvorhergesehenes jedoch sicherlich „entwaffnet“, hätten keine Gegenargumente. Falls sie denn Englisch verstehen würden. Ich war fasziniert, lief ihr einige Meter hinterher, aber überholte sie dann doch nicht, um sie anzuschauen. Trotz Neugierde.

Ich vermutete einen gewissen Anteil Ernst hinter der Aufforderung. Auch die Tochter des Weinbauers, eine Uni-Absolventin von Ende 20 geht kaum aus und wenn, dann so gut wie nie alleine und nie abends. Sie ist sehr kreativ tätig und musiziert viel, hat auch Auftritte, findet aber wie ein Viertel aller jungen Leute keine Arbeit und auch die Partnersuche ist sehr schwierig. Es gibt keinen zentral organisierten Arbeitsmarkt, keine Agentur. So bleiben ihr einerseits nur Kontakte und Initiativbewerbungen, andererseits die Hoffnung auf eine glückliche Zufallsbegegnung, die sie allerdings nicht forcieren kann – etwa durch Besuche von Cafés. Bei diesen zwei so wichtigen Themen ist seit den fünf Jahren, die ich sie jetzt kenne, erfolglos geblieben.

Von der Bedeutungslosigkeit der Religion

Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

Die vom Regime aufoktroyierte Religion mit seinen heuchlerisch auf puren Machterhalt einer Herrscherclique orientierten Interpretationen hat im Alltag keinerlei Bedeutung, wird höchstens im Gespräch sarkastisch erwähnt. So gut wie niemand geht in die Moschee. Das obige Foto entstand während der Nowruz-Feiertage in Isfahan: Während der berühmte Hauptplatz voller Menschen war, verirrte man sich höchstens aus touristischem Interesse in eine der beiden Moscheen am Platz.

Diese Islam-Ablehnung hat eine uralte Tradition: Es seien damals vor einem Jahrtausend die barbarischen Araber gekommen und hätten mit dem Islam die persische Hochkultur zerstört. Deren Religion, der Zarathustrismus, erlebt daher seit vielen Jahren eine Renaissance. Im Privaten. Kurz: Der Iran ist eine Gesellschaft, in der nichts so ist wie es scheint und die vor allem überhaupt nicht so strukturiert ist, wie es von außen scheint. Verstanden habe ich dies bei meinen Aufenthalten in Teheran und einer Millionenstadt im Süden des Landes, bei denen ich mich mit einigen Männern und Frauen der Mittelschicht längere Zeit unterhalten habe.

Da war der eingangs genannte Informatikdozent, der mehrmals unmissverständlich zu den Protagonisten des Regimes sagte „Ich hasse sie!“. Er war stolz auf seine Alkoholproduktion: Das überall erhältliche alkoholfreie Bier bringt er zum Gären und mein Urteil war ihm wichtig. Sein Vater pflanzt in einem ummauerten Garten Weintrauben an und hat sich zu einem passionierten Winzer entwickelt. Der Sohn wirkt schon etwas fixiert auf seine Tricks, verschiedenste Arten von Alkohol getarnt zu Partys zu transportieren, ist aber weit vom häufigen Konsum harter Drogen entfernt. Dennoch sagt er in aller Klarheit: „Drogen sind hier billiger als Alkohol. Das ist ein Mittel, um die Leute dumm zu halten. Religion ist Opium für das Volk? Dieses Volk braucht Opium, um vor der Religion zu flüchten!“

Beim Stichwort „Islam“ assoziieren wir neben dem Alkohol- und Schweinefleischverbot das tägliche Beten, Verhüllung und Unterwerfung. Ein Mittelschichtsiraner assoziiert dagegen: Regierung, korrupte Heuchler, von den Arabern importierte Beduinen-Religion. Wenn etwas im Alltag falsch läuft, sind im Zweifel immer die Regierung und also der Islam schuld. In Wohnungen fand ich höchstens zwei Mal Symbole des Islam an der Wand, während diese in Restaurants und Hotels zwecks Absicherung vor Vorwürfen mangelnder Regimetreue omnipräsent sind. Stattdessen fast immer – und gar nicht einmal versteckt – Sardoschti-Symbole, also Nachbildungen von Ahura Mazda aus zarathustrischer Zeit. Die Theokratie scheint mit ihrer Strenge den letzten Rest Glauben zerstört zu haben.

Zwar trauern viele der Schah-Zeit hinterher, aber eigentlich geht es nicht um die Regierungsform, sondern um das Gefühl der fremdkulturellen Dominanz durch die Araber, die man im Bewusstsein der eigenen, glorreichen Hochkultur in einem sehr ausgeprägt arroganten Nationalismus als minderwertig betrachtet (wie im Übrigen auch die Türken. Im Iran sind die Silhouetten von Minaretten ein seltener Anblick geblieben. Es werden – anders als in der Türkei, Marokko oder Ägypten – ausgerechnet in der einzigen islamischen Theokratie der Region auch kaum neue Moscheen gebaut.

Auffällig ist die Hinwendung vieler Muslime zum mystischen Sufismus, weil sie mit der staatlich verordneten Form der Religion nichts anfangen können. Auch dies ist eine Form der inneren Emigration. Ariane Sadjed zufolge wird in der Wissenschaft sogar die These diskutiert, dass das Land durch die Revolution säkularer geworden sei: „Weil der Staat aufdrückt, wie es zu sein hat, gab es eine Reaktion der Abkehr und man hat eigene Formen der Religiosität entwickelt“.

Die Psychoanalytikerin Gohar Homayounpour sagt, dass viele ein Leben wie Gefangene führen, die ihre Bedürfnisse nicht authentisch leben können. Die Zukunft sei zerstört, man habe sein Leben nicht wirklich in der Hand und sei als Regimegegner quasi eingesperrt in einer glorifizierten Vergangenheit. Den bei Festen wie Aschura ausgeprägt intensiv gelebten Schiismus wertet sie in ihrer Publikation „Doing Psychoanalysis in Teheran“, die für mich einen völlig neuen Zugang zum Iran öffnete, als eine melancholische Antwort darauf.

Die Besuchsquote von Moscheen ähnelt der von Kirchen in Mitteleuropa. Es werden auch kaum neue Moscheen gebaut. Vorherrschend ist der totale Rückzug aus dem öffentlichen Leben, was vor allem bei Frauen schon fast sozialphobische Züge annehmen kann: in die Wohnung, die Großfamilie, das Kochen, die Gartenarbeit auf dem Lande, die Beschäftigung mit klassisch-persischer Musik oder dem Konsum moderner Medien. Mangels unabhängiger Medien im Land schauen die meisten quasi ausschließlich Exiliraner-Sendungen aus Kalifornien – möglichst viele, wenn etwas passiert ist. Um alle Ansichten darüber zu hören. Parabol-Antennen zum Satellitenempfang sind verboten, stehen aber auf jedem Dach. Früher wurden neben Alkohol und anderen verbotenen Dingen auch Videos – vor allem aus Dubai – ins Land geschmuggelt. Letzteres ist im Internetzeitalter nicht mehr nötig. Die Nutzung von Smartphones und dem Internet war hier schon vor Jahren deutlich stärker als in Mitteleuropa. Es gibt viele Tricks, um auf inkriminierte Seiten zu kommen.

Die neue öffentliche Unsichtbarkeit des Regimes

Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

Das Regime hat sich zurückgezogen, ist fast unsichtbar: Die Sittenpolizei patrouilliert sehr selten und es gibt kaum noch revolutionäre oder religiöse Wandgemälde im öffentlichen Raum. Im Wissen um die eigene Macht lässt man die Leute gewähren, sich ihre geheimen kleinen Freiheiten zu nehmen. „Reformiert“ werden nur Details innerhalb des Systems. Die meisten Regeln bleiben unberechenbar und können sich schnell ändern. Die Zügel werden periodisch oft so locker gelassen, dass all diese juristischen Einschränkungen im Alltag gar keine Relevanz mehr haben. Das erscheint paradox, ist aber wohl kalkuliert, nimmt man so doch dem Widerstand den Wind aus den Segeln. So haben sich die Menschen ihr Leben völlig im Kreis der Familie eingerichtet, sind zivilgesellschaftlich passiv und ohne Hoffnung auf Veränderung. Stattdessen wird sehr materialistisch alle Energie ins Geldverdienen investiert. Keine Seite konnte sich wirklich durchsetzen: man lebte in einem stabilen Gleichgewicht. Oder in einem „modernen Hybridstaat„, wie es der Fotograf Hossein Fatemi ausdrückt.

Bis jetzt.  Ob das Regime gestürzt wird oder man sich nach viel Blutvergießen wie nach 2009 in einer neuer Balance des Schreckens und der Ohnmacht wiederfinden wird, kann heute keiner sagen.

Zitierte Literatur:
Ariane Sadjed: „Shopping for Freedom“ in der Islamischen Republik. Widerstand und Konformismus im Konsumverhalten der iranischen Mittelschicht, transcript Verlag Bielefeld, 2012
Gohar Homayounpour: Doing Psychoanalysis in Tehran, The MIT Press, Cambridge, Massachusetts/ London, England, 2012
Wiedemann, Charlotte: Der neue Iran. Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten, dtv, München 2017

Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

„Entartet“, „Neger- und Kanakenkunst“

Einmal hat(te) er (oder sie) es ja schon getan: Auf die im Sommer frisch neu besprühte legale Graffitiwand am Staden in Saarbrücken das Wort „Entartet“ zu sprayen. Wer auch immer. In den letzten Tagen hat sich die Person – oder jemand anderes – noch einmal ausgetobt. „Entartete Kunst“ war während der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland der offiziell propagierte Begriff für eine Moderne Kunst, die mit rassentheoretischen Begründungen diffamiert wurde. Ich empfinde es als sehr erschreckend, dass da heute wieder jemand eine solche Wortwahl benutzt, um eine – prinzipiell durchaus legitime – Kritik an Kunst im öffentlichen Raum auszudrücken, die natürlich nicht jedem gefallen muss.

Eine kleine Doku vom 31. Dezember 2017:

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

Bei der Saarbrücker Zeitung gab es am 15. Januar eine Reaktion auf diesen Post, in dem das Thema einmal ganz grundlegend angesprochen wurde: Schmierereien in Saarbrücken. Stadt: Illegale Graffiti sind eine Straftat. Übrigens ist es auch eine Straftat, einen rassistischen Spruch eigenständig zu entfernen, wenn es sich um eine private Wand handelt.

„Entartet“, „Neger- und Kanakenkunst“ © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Grosbliederstroff

Ich hatte hier schon einmal im Herbst hinein geschaut und bin erschrocken zurück gewichen: Ich suchte ein Café und kein Nobelrestaurant. Gut, dass ich mich am Silvester-Nachmittag doch hinein getraut habe, weil die Boulangerie Rohr nebenan ihren Sitzbereich geschlossen hatte. Als Ziel einer dieser kleinen Radtouren über die Grenze, die ich gerne mache, wenn ich mal frische Luft brauche. Wie es scheint, ist dies das einzige wirklich gute Restaurant zwischen den regional berühmten (jedenfalls mit Michelin-Sternen ausgezeichneten) Küchen der „Bonne Auberge“ in Stiring-Wendel und der „Auberge Saint-Walfrid“, die am Ortsausgang von Saargemünd an der Straße nach Grosbliederstroff liegt, also den beiden Saarbrücken am nächsten gelegenen größeren Orten jenseits der Grenze.

Café de la Paix_Grosbliederstroff © Ekkehart Schmidt

Wenn ich denn einmal nach Frankreich ziehen würde, dann hierher: Groß- und Kleinblittersdorf liegen, durch die Saar und die Grenze getrennt, aber durch eine nach der neuen Freundschaft (und also dem derzeitigen Frieden) benannte Fußgängerbrücke verbunden, die 1993 eingeweiht wurde und an Stelle einer 1939 im 2. Weltkrieg zerstörten Brücke steht. Auf der deutschen Seite fährt die Saarbahn in wenigen Minuten nach Saarbrücken. Vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit gehörten beide Orte zur lothringischen Gemeinde Bliederstorff. Die Präfixe Groß- bzw. Klein- tauchten erstmals Ende des 16. Jahrhunderts auf und bezogen sich auf die unterschiedliche Einwohnerzahl. Wohlgemerkt: Der Ort hieß Bliederstorff, während der ehedem größere und auch höher über der Saar gelegene Ort links der Saar 1945 in Grosbliederstroff  umbenannt wurde.

„Troff“ statt“ „Dorf“ bzw. „Torff“: Diese Französisierung fand ich bis heute sehr witzig, das heißt etwas albern, glaubte ich doch, man habe das dem damaligen Erbfeind zugeordnete Wort „Dorf“ unbedingt verändern wollen. Aber das war ein Fehlschluss: Der Ortsname hatte viel länger, Jahrhunderte lang, die Endung „Torff“, wie ich bei Wikipedia lernte. Jedenfalls offiziell. Im Lothringer Platt heißt er „Groschbliderschtroff“. Im Alemannisch-Wikipedia wird das so zusammengefasst: „Groschbliderschtroff und Kleinblittersdorf sìn ìm Mìttelàlter zwei Deil vun dr gliche Gmein uf beide Sitte vun dr Sààr gsin.“

Ich bin hier deswegen historisch etwas ausführlich, weil diese „wechselhafte Geschichte“ natürlich elementar die Identität des Restaurants geprägt hat. „Depuis 1899“ steht draußen auf dem Fenster, aber der junge Inhaber Vincent Jespère sagte mir, dass das nur für den Namen gelte. Das Lokal habe mindestens schon zehn Jahre zuvor bestanden, also entstand es in deutscher Besatzungszeit. Historische Fotografien anderer Lokale anfangs des 20. Jahrhunderts finden sich auf der Webseite der Kommune. Leider habe ich das Foto, das mir der rotbärtige Vincent neben der Küchentür zeigte, online nur als Hintergrundbild der Homepage des Lokals gefunden: Da steht in Großbuchstaben noch das Wort „Gasthaus“ auf der Wand jenseits der folgenden Fotos.

Café de la Paix_Grosbliederstroff © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Grosbliederstroff © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Grosbliederstroff © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Grosbliederstroff © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Grosbliederstroff © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Grosbliederstroff © Ekkehart Schmidt

Diesmal bin ich also rein, späte Mittagsstunde, zwei Tische belegt von Deutsch sprechenden 50 bis 60-jährigen, die nach wohlhabenden „Machern“ aussahen, darunter eine Frau, die mir sehr wie die neue saarländische SPD-Vorsitzende aussah. Ich fühlte mich angesichts von Tischen, die allesamt zum Essen oder besser gesagt Speisen gedeckt waren, seitens eines jungen Kellners nicht unbedingt willkommen in meinem Wunsch, einfach nur einen Espresso zu trinken, wählte mir dann aber selbst einen schon benutzt wirkenden Tisch neben der Theke – was er nicht ablehnen konnte. Nach einer halben Stunde war ich aber „drinnen“, fühlte mich wohl in meiner Aktivität des Aufarbeitens alter To-Do-Listen aus 2017 und beobachtete die Nachbarn. Sie hatten groß und sicher gut gespeist.

Der Name an der Fassade ist halt irreführend: Das ist kein Café, sondern ein Restaurant mit hohem Anspruch, ohne die damit zu oft verbundene Arroganz. Außerdem ist es vor Ort seit langem vor allem als “Jespère” bekannt – dem Namen der Inhaberfamilie, nach der sogar die Bushaltestelle vor der Tür benannt ist.

Die Qualität der Küche kann ich nicht beurteilen (vielleicht nach dem nächsten Besuch), aber sie wird online durchwegs nur gelobt:

  • Ein geniales Gemisch aus Bahnhofsgaststätte und Haute Cuisine. Auch die Speisekarte bewegt sich zwischen deftiger saarländisch-lothringischer Hausmannskost und gehobener französischer Küche.
  • Eigentlich ein Muss wenn man in der Nähe ist. Die Gerichte sind sehr gut und die Bedienung ist vorbildlich. Man findet hier leckere Hausmannskost und sehr gutes französisches Essen.
  • Französische Bistro-Küche mit saarländisch/lothringischen Touch. Die Atmosphäre ist locker und unkompliziert, das Essen phantastisch und der Service freundlich und kompetent.
  • Regional geschätztes Gasthaus mit Bistro Charakter.Die Woche über Mittagstisch,
    am Wochenende auch Abendservice. Lothringische Küche im besten Sinn: regionale Produkte, gekonnt zubereitet. Wunderbare Tartes und andere leckere Desserts. Saisonbedingt kann man auch sehr gut Spargel essen. Spezialität ist unter anderem Kalbskopf aber alle Speisen sind zu empfehlen.
  • Der Papa steht in der Küche, der Sohn bedient kompetent und fliessend zweisprachig und die Grossmutter geht von Tisch zu Tisch und begrüsst die Gaeste mit Handschlag. Die Atmosphere ist typisch lothringisch, die Hauptgerichte reichen von sehr ambitioniert bis zu Hausmacherkost (2011).
  • Die gute alte Küche „à la Grandmère“ ist das Erfolgsrezept des jungen Chefs Vincent Jespère,welches Ihm permanent hohe Besucherzahlen beschert.
    Man kann Ihn nur ermutigen,dabei zu bleiben !
  • Beim Jespere braucht man immer etwas Zeit, was ja nicht schlecht sein muss. Das Essen ist bodenständig, frisch zubereitet und vor allem regional. Die Weinempfehlungen vom Chef sind gut, die Weinauswahl gut und den Preis wert. 
  • Essen wie bei meiner Oma, ohne viel Chichi – Bis auf die Weinkarte.

Café de la Paix_Grosbliederstroff © Ekkehart Schmidt

Vincent Jespère, ein cooler, rotbärtiger junger Mann, sagte mir, dass das Lokal seit 1966 von seiner Großmutter, dann von seinem Vater Charles und seit Kurzem von ihm geführt werde. Er serviert regionale Hausmannskost, wie Gulasch mit Schneebällchen, Kartoffelpüree mit Rotkraut, aber auch Gänseleberpastete, Austern, Lachs oder Froschschenkel à la Provençale, was ja eigentlich gar nicht (mehr) akzeptabel ist.

Das Lokal mit seiner Inneneinrichtung aus den 1950er-Jahren ist in den letzten Jahren wohl behutsam renoviert worden. Es gibt hinten heraus auch eine im Sommer genutzte Terrasse, ich entdeckte jetzt hinter meinem Tisch aber nur einen Nebeneingang mit einem Windschutz bietenden Zwischenraum (wie beim Haupteingang) und einer kleinen Raucherecke vor der Tür.

Café de la Paix_Grosbliederstroff © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Grosbliederstroff © Ekkehart Schmidt

Das Detail, dass das Café des Friedens an der Straße der Freiheit liegt, finde ich bemerkenswert, ist da doch beides drin: Die Freude über die Befreiung und der Wunsch nach Frieden. Durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses seit 1815 getrennt, gehörten Klein- und Großblittersdorf nach dem Deutsch-Französischen Krieg ab 1871 zum Deutschen Reich. Ab 1919 war Großblittersdorf dann wieder eine Gemeinde in Frankreich, während Kleinblittersdorf infolge des Versailler Vertrags im französisch kontrollierten, vom Völkerbund verwalteten Saargebiet und ab 1935 im Dritten Reich lag. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden die Bewohner von Großblittersdorf in den Norden Frankreichs evakuiert, ihren Besitz nach der Rückkehr zerstört (1944 gab es ein Bombardement) oder geplündert vorfindend. Der Platz mit dem Kreisel am Restaurant blieb aber wohl unversehrt.

Café de la Paix_Grosbliederstroff © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Grosbliederstroff © Ekkehart Schmidt

Von 1940 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs lagen beide Orte wieder gemeinsam im deutschen Herrschaftsbereich, gefolgt von elf Jahren bis 1956, als beide unter französischem Einfluss standen: Großblittersdorf – nun in Grosbliederstroff umbenannt –, als Gemeinde im Département Moselle, Kleinblittersdorf im teilautonomen Saarland, das erst 1957 zum deutschen Bundesland wurde. Während die Einwohnerzahl von Grosbliederstroff seit Jahrzehnten bei 3300 liegt, leben auf der anderen Saarseite im nunmehr gar nicht kleinen Blittersdorf vier Mal so viele Einwohner.

Die Einwohner des Ortes nennen sich übrigens Blithariens oder Blithériens – Namen, die sich auf „Blittharia villa“ zurückführen lassen, wie der Ort 777 erstmals urkundlich erwähnt worden war. Der Name lässt sich auf einen fränkischen „Chef“ namens Blitharis zurück führen. Die Einwohner von „Gros-Bli“, wie sie ihren Ort nennen, haben zudem interessante Spitznamen: „Blidderschdorfer Kärelecker“ und „Die Grumbere-Gerschel“. Bei beiden Begriffen des Lothringer Platt verstehe ich das zweite Wort nicht. „Grumbere“ versteht man freilich auch in Saarbrücken: So werden Kartoffeln genannt. Die deutsche Sprache ist hier sehr verbreitet, nicht nur, weil 20 % der Einwohner Deutsche sind, auch die meisten Franzosen hier in der unmittelbaren Grenzregion sind zweisprachig und arbeiten zum Teil im Saarland.

Die Kundschaft scheint zu einem guten Teil aus Deutschland zu stammen. Für sie sei ein Durchschnittspreis von 15 – 17 Euro für ein Menü durchaus stattlich, während er für Franzosen bei dieser Qualität sehr preiswert wirke, heißt es auf der französischen Restaurant-Seite „Restoranking“. Für mich wirkt das Lokal – ganz ähnlich wie das „Woll“ in Spicheren – wie ein für die Stärkung der deutsch-französischen Freundschaft prädestinierter Ort, der aber – jedenfalls in Saarbrücken – viel zu wenig bekannt ist.

Auf meinem Tisch liegt „Le Républicain lorrain“, die Hintergrundmusik wechselt von Country zu Jazz, wie die Gespräche von Deutsch über Platt zu Französisch. Es wird nicht versucht, irgendwie zielgruppenspezifisch ein Konzept umzusetzen, wie ich das schon anderswo erlebt habe (Chansons für das Frankreich-Feeling oder so). Das gefällt mir. Ich möchte hier einmal essen und den Blogtext hier vervollsändigen.

Adresse: 19 Rue de la liberté, 57520 Grosbliederstroff, Tel.: 0033-3-87092307, Homepage (wörtlich: Nur eine Seite); Öffnungszeiten: So-Do 12-14 Uhr, Fr-Sa 12-14 und 19-22 Uhr

Verwendete Quellen: Conseil Général du Département Moselle: Moselle – Auf Entdeckungsreise, Metz 2012, S. 80f; Google-Earth: KommentareWebseite der Gemeinde; Restoranking.fr: Cafe de la Paix Restaurant sur Grosbliederstroff; tripadvisor: Cafe Restaurant de la Paix; Wikipedia-Artikel Großblittersdorf und Groschbliderschtroff

Café de la Paix_Grosbliederstroff © Ekkehart Schmidt