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Happy Birthday „Soldat“

Die nach dem 4560 Graffiti-Meeting vor einem Jahr doch arg verwahrloste Staden-Wand hat gestern ein Revival erlebt, wie ich heute zufällig mitbekam. Ich traf dort auf einen Sprayer, der sein gestriges Werk fotografierte, nachdem mir vorher viele neue Pieces aufgefallen waren, die offenbar einem Geburtstagskind gewidmet worden waren. Wer das aber war, bekam ich erst jetzt erklärt: „Soldat“, offenbar ein bekannter Sprayer, dessen Pseudonym ich aber noch nie gesehen hatte. Da aber sogar Cone the Weird ihm mit der Ehrung „ol pal“ ein Stück widmete, dessen kryptische Schriftzüge ich erst mit diesem Wissen als „Soldat“ erkannte, scheint er sich einiges an „Fame“ und Respekt erarbeitet zu haben.

Happy Birthday "Soldat" ⓒ Ekkehart Schmidt

Happy Birthday "Soldat" ⓒ Ekkehart Schmidt

Happy Birthday "Soldat" ⓒ Ekkehart Schmidt

Happy Birthday "Soldat" ⓒ Ekkehart Schmidt

Happy Birthday "Soldat" ⓒ Ekkehart Schmidt

Offenbar hat gestern ein Dutzend Sprayer gearbeitet und weit über 50 Meter der ikonischen Betonwand unter der Stadtautobahn auf auberginefarbener Grundierung völlig neu gestaltet. Als Trend erkenne ich, dass Schrift-Pieces durch eine menschliche Figur ergänzt werden. Das gefällt mir.

Happy Birthday "Soldat" ⓒ Ekkehart Schmidt

Happy Birthday "Soldat" ⓒ Ekkehart Schmidt

Happy Birthday "Soldat" ⓒ Ekkehart Schmidt

Happy Birthday "Soldat" ⓒ Ekkehart Schmidt

Happy Birthday "Soldat" ⓒ Ekkehart Schmidt

Zwei eher malerische Arbeiten fielen auch qualitativ aus diesem Piece-Bildnis-Schema heraus. Dennoch: Die beiden Comic-Mädels erfrischen und ich bin froh, dass der Singvogel von 2017, mit einem anderen Cone-Werk das einzige seit einem Jahr überlebende Werk, nach wie vor sakrosankt zu sein scheint. Sonst wäre mir die Wand weiterhin zu schriftlastig.

Happy Birthday "Soldat" ⓒ Ekkehart Schmidt

Happy Birthday "Soldat" ⓒ Ekkehart Schmidt

Happy Birthday „Soldat“ ⓒ Ekkehart Schmidt

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg

Auf der Suche nach der Demo „Rise for Climate„, deren Start ich verpasst hatte, radelte ich gestern von der Place Clairefontaine zum Glacis-Feld: Niente. Mist. Man hat die Demo also nicht nur einen Monat später als am globalen Aktionstag angesetzt, sondern dann auch schon nach etwa zwei Stunden beendet. Ach, aber da ist ja diese Brasserie, in die ich schon immer einen Blick werfen wollte! Nur war ich hier am Platz neben dem Grand Théâtre de la Ville de Luxembourg und der Auffahrt auf die rote Brücke selten außerhalb eines Busses unterwegs. Auf einen Kaffee also, für ein Viertelstündchen.

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Das Lokal ist authentisch mit Mobiliar aus den 1980er-Jahren (Tische und Stühle) und einem deutlich älteren Tresen eingerichtet. leider haben die Inhaber aber einen Hang zu kitschigen Schildern – insbesondere Bildnissen von Stan Laurel, Oliver Hardy  und Charlie Chaplin – was ich nicht nachvollziehen kann, wenn sich eine Gaststätte „Theaterstube“ nennt. Ob das noch ein Erbe aus Zeiten des legedären, ehemaligen Hausherrn Fernand Fox ist? Wohl kaum.

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Theaterstuff

Das Lokal besteht aus zwei Räumen: neben der Schankstube gibt es noch ein gleich großes Nebenzimmer, in dem sich wohl die besondere Geschichte abspielte, von der ich bei meinem Besuch noch nichts wusste (wieder ein Beispiel für den Gedanken, dass man oft nur sieht, was man weiß).

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Fernand Fox (heute 84) hatte nach zwei Jahren bei einer Bank eine Stelle bei der Arbed angetreten, wo er bis zum Alter von 48 Jahren in der Direktion arbeitete, aber parallel auch schauspielerte. Dann machte er sich 1981 selbstständig. Für viele war das nicht nachvollziehbar, wie das Tageblatt 2011 berichtete:

„Der ist verrückt geworden“, hätten die Kollegen und Freunde damals gesagt. „Gibt eine gut bezahlte, feste Stelle auf und eröffnet eine Gaststätte.“ Doch der Erfolg seiner Theaterstuff eingangs des Viertels Limpertsbierg sollte ihm recht geben. Und natürlich gab es eine Vorgeschichte: Hier bestand mit der „Dikrecher Stuff“ bereits ein Lokal, das von seinem Freund Jempy Sontag geführt wurde, aber seit einem Jahr leer stand. Hier hatte Fox bereits seit 1972 an Kabarettabenden mitgewirkt. „Sie wurde zur Theaterstuff und rasch zu einer neuen Heimat für die in den
1980er Jahren lebendige und vielfältige Kleinkunst. Während neun Jahren war die
Theaterstuff der Ort schlechthin, wo Kabarett und Literaturprogramme, Café Théâtre und Café Littéraire zu Hause waren, bis ihre Initiatoren über eigene Säle verfügen
konnten“ (das heißt: eigene kleine Theater gründeten), schrieb Simone Beck 2004 in einem Text zum 70. Geburtstag von „Fern“.

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Laut Tageblatt entwickelte sich die Stuff  „sozusagen über Nacht zum Szenetreff: Künstler, Journalisten, Politiker … alle gaben sich hier ein Stelldichein. Und der frisch gebackene Wirt konnte endlich in eigenen Räumlichkeiten spielen. Regelmäßig, bis er das Lokal 1989 aufgab, um sich nur noch der Schauspielerei und dem Reisen zu widmen…“

Simone Beck beschreibt die Karriere dieses vielleicht bekanntesten Schauspielers der Stadt noch genauer: Fern Fox bekam jetzt auch Rollen am Theater, wurde immer bekannter, auch weil seine Stücke im Fernsehen übertragen wurden. „Aber eine Gastwirtschaft führen und gleichzeitig ernsthaft Theater spielen zu wollen ist nur schwer möglich und wurde auch Foxe Fern rasch zuviel. Und so kam es zu dem paradoxen Ergebnis, dass er, der eine Gastwirtschaft übernommen hatte, um bessere Bedingungen für das Theaterspielen zu haben, den Wirtsberuf aus eben dem gleichen Grunde aufgab. An einem Freitag, den 13. hatte er die Theaterstuff eröffnet, an einem Freitag, den 13. (1989) senkte sich der (virtuelle) Vorhang zum letzten Mal. In der Tat wollte Fernand Fox wieder mehr Zeit für das Theater haben…“

Eine Insiderin, die dort oft war, erzählte mir später, dass es dort gar nicht so viele Auftritte gegeben habe. Es sei vor allem viel gesoffen worden und Fox habe nach Mitternacht stets das Problem gehabt, wie er seine Gäste zu den gegebenen Zeiten wieder aus dem Lokal bekommt…

Nach seiner Pensionierung übernahmen neue Pächter das Lokal im markanten Eckhaus, zu dessen Fortentwicklung ich nichts sagen kann. Außer, dass dort nicht mehr gespielt wurde und man offenbar vor allem auf Gäste setzte, die vor oder nach Theaterabenden im Groussen Theater hier etwas zu trinken wünschten. Doch dann eröffnete direkt am Theaterplatz mit der Brasserie Schumann ein neues Café-Restaurant. Seitdem kommen wohl nur noch treue, alte Stammkunden in die von 10 bis 01 Uhr geöffnete Stuff – jedenfalls nach dem Theater. Das jedenfalls entnahm ich gestern der Aussage der Wirtin, die mit ihrem Mann oder Angestellten im Vorderraum saß und auf Gäste wartete.

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Aber es kommen jetzt wohl auch wieder bessere Zeiten: Vor wenigen Wochen wurde direkt vor der Tür eine Haltestelle der neuen Tram eröffnet, durch die sicherlich eine neue Klientel die breite Terrasse wert schätzen wird.

Dann ist es auch höchste Zeit, die Deko auszutauschen. Bitte nur die Deko. Und bloß nicht den Fußboden rausreißen, dessen Mosaiksteine mich stark an Pixel von QR-Codes erinnern und der also ausreichend modern sein sollte. Man könnte Fotos der Abende mit Fox aufhängen. Eigentlich naheliegend, oder? Modernisiert zu werden, was in Luxemburg meist „kaputtsanieren“ heißt, hätte dieses Lokal mit seiner originellen Geschichte nicht verdient. Josée Hansen von der Wochenzeitung „Land“ steht sicherlich nicht alleine, wenn sie die Theaterstuff als Teil des hiesigen kulturellen Erbes bezeichnet.

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Adresse: 49, allée Scheffer (Ecke Glacis), L-2520 Luxembourg/Limpertsberg, Tel.: 26 20 35 56, Homepage (bietet nur die tägliche Speisekarte)

Verwendete Quellen: Beck, Simone: Ein Leben für die Bühne. Zum 70. Geburtstag von Fernand Fox, in: Ons Stad, Nr. 75, 2004, S. 38-39; Besch, François :  Kettenraucher mit jungfräulicher Lunge, Tageblatt, 26.01.2011; Hansen, José: Discovery Zone : Films made in Luxembourg. Notre héritage, Letzebuerger Land, 07.03.2014

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Per Moto um die Barrages_Ouagadougou

Als überzeugter Radfahrer war es schon eine starke Umstellung, mich plötzlich eine Woche lang nur noch per Motorrad zu bewegen. Aber in der riesig in die Fläche wachsenden Hauptstadt von Burkina Faso gilt es von A nach B ständig, viele Kilometer zu überwinden. Busse und Taxis existieren so gut wie nicht. Mein Ausflug vom Vorort Tampouy in die Innenstadt bedeutete Mitte August also, mich von David, dem Bruder meiner Gastgeberin, erst gute 10 km hinbringen und dann abends für weitere 15 km abholen zu lassen. Zurück länger, weil er mir die Barrages zeigen wollte, jene 1963 errichtete Trinkwasser-Stausee-Anlage im Norden der Stadt, die den Fluss zu drei Seen werden lässt, welche unseren Vorort derart von der Stadt abtrennten, dass es nur zwei Zugangswege gab.

Entsprechend dicht war in diesen Nadelöhren der Moto- und Radverkehr. Sehr beeindruckend, zumal wir genau zum Sonnenuntergang die Barrages überquerten. Ich riskierte, in voller Fahrt die Kamera aus der Seitentasche zu friemeln um zu fotografieren.

Per Moto um die Barrages_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Per Moto um die Barrages_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Per Moto um die Barrages_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Per Moto um die Barrages_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Statt des Sonnenuntergangs ergab sich zufällig das viel interessantere Motiv der Motofahrer*innen im Gegenlicht. Mais voilà:

Per Moto um die Barrages_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

In mal stockender, mal brausender Fahrt ging es weiter über den Damm zwischen der zweiten und dritten Barrage, dann westwärts auf der rue 23.02 am Ufer entlang.

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Per Moto um die Barrages_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Per Moto um die Barrages_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Per Moto um die Barrages_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Per Moto um die Barrages_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Am Nordrand der Barrages rauschten auf der – erst seit wenigen Jahren durch ein Sumpfgebiet führenden – Straße verschiedenste Eindrücke an mir vorbei: Skurrile Bäume vor verdrecktem Ufer, ein Fischer, ein Flickschuster, Obstverkäufer und fliegende Händler am Straßenrand, rechts Landwirtschaft – und dabei immer diese Frau vor uns, die mit der rechten Hand lenkte, während sie mit der linken Hand freihändig ihren Einkauf balancierte…

Per Moto um die Barrages_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Per Moto um die Barrages_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Per Moto um die Barrages_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Per Moto um die Barrages_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Per Moto um die Barrages_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Per Moto um die Barrages_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Eine denkwürdige Mischung archaischer Eindrücke, die im Strom hunderter rasender chinesischer und japanischer Mopeds an mir vorbei rauschten. In einem traurigen Gefühl, wahrzunehmen, wie dieses Idyll mit Plastikmüll und einer starken Zufuhr von Stickstoff und Phosphor verschmutzt wird. Letzteres führt zu einem unmäßigen Wachstum von Wasserhyazinthen – worüber auch Medien wie Burkina24 und lefasonet berichten.

Per Moto um die Barrages_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Motos am Café Express_Ouagadougou

Frauen orientieren sich anders als Männer, stärker an „Landmarks“ orientiert, als an Strukturen – zum Beispiel einer Stadt. Mangels Stadtplan und Aufsicht von oben war ich im August dennoch sehr dankbar für ein sehr markantes Gebäude im Vorort Tampouy. Optisch und zugleich funktionell auffällig: Ein Eckhaus an einer wichtigen Abzweigung der Hauptstraße „Avenue Yatenga“, auf dem Schilder ein Café und eine Metzgerei bewarben: Das „Café Express“ und die „Boucherie de la place“, die zugleich mit einem großen Schild auf ihr Hackfleisch („Viande haché“) aufmerksam machte. Rechterhand ein Fischverkäufer („Poissonnerie“). Davor noch ein Grillstand, der abends „Poulet roti“ anbot: Grillhähnchen.

Nadège, meine Gastgeberin, auf deren Motorrad-Rücksitz ich täglich durch Tampouy gefahren wurde, bog hier öfters ab, selbst wenn es nicht unbedingt der schnellste Weg zu ihr, ihrer Mutter, meinem Hotel oder dem Restaurant Savane Plus war, wo wir oft zu Mittag aßen. Ich wusste jedenfalls: Hier muss ich einmal einen Espresso trinken. Dazu kam es dann aber doch nie. Denn nur einmal war ich hier in Ruhe, aber da hatte ich auf sie zu warten, auf dass sie mich abholt und wollte nicht riskieren, dass sie mich übersieht. Es war erst mein zweiter Tag in Burkina Faso und ich wollte vom „Café Pyramide“ einmal die Straße hochgehen (die einzige asphaltierte in weiterer Umgebung), während sie ihre Cousine nach Hause brachte, mit der ich dort den Nachmittag verbracht hatte. Erst sie, dann mich.

Ouagadougou (c) Ekkehart Schmidt

Motos am Café Express_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Motos am Café Express_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Motos am Café Express_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Motos am Café Express_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Motos am Café Express_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Express

Motos am Café Express_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Motos am Café Express_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Avenue Yatenga, an der Einmündung der rue Yaon rechterhand (die Straße linkerhand hat keinen Namen, evtl. Kilwin) blieb ich eine Weile, um die Szenerie im doppelten Sinne aufzunehmen: optisch-sinnlich und fotografisch. Unaufhörlich brausten hier die Motos vorbei, mit und ohne Anhänger, mit einem, zwei oder drei Passagieren (auch Mütter mit Baby auf dem Rücken), gelegentlich ein Fahrrad, selten ein Auto, eher LKW. Manche hielten am Stand eines Straßenverkäufers, um sich etwas zu essen zu kaufen, zum Beispiel gegrillte Maiskolben. Ununterbrochen kamen auch fliegende Händler vorbei : Ein kleiner Mikrokosmos, den in Gänze wahrzunehmen kaum möglich war. Aber ich kann nur empfehlen, an solchen Plätzen einfach einmal eine halbe Stunde stehen zu bleiben (falls grad kein Café da ist).

Motos am Café Express_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Motos am Café Express_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Motos am Café Express_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Motos am Café Express_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Zwei Stunden nach meinem ersten Spaziergang kam ich in der Dämmerung zum Treffpunkt zurück. Es ist viele Jahre her, dass ich mich so abhängig von einer Person fühlte, die mich zurück in den sicheren Kontext eines Hotels bringt. Nicht, dass ich hier Angst verspürt hätte, ganz im Gegenteil. Nur diese Unsicherheit, was wäre, wenn ich nicht abgeholt würde und in einem Ort ohne Straßennamen und kaum Taxis nicht hätte sagen können, wo ich hin will. Eine wichtige, existenzielle Erfahrung. Aber Nadège kam mit ihrem Moto und alles war gut. Nur habe ich hier keinen Espresso getrunken – einer von mehreren Gründen, warum ich zurückkehren muss.

Motos am Café Express_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Motos am Café Express_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Motos am Café Express_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Anstelle einer Adresse: GPS-Punkt: 12.389667, -1.575992

Motos am Café Express_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Die Griechin vom toten Kiosk_Helse

Ich sah sie erst auf den zweiten Blick. Eigentlich radelte ich im August 2017 gerade müde durch dieses Dorf im Kreis Dithmarschen in Schleswig-Holstein, ein Lokal für das Mittagessen suchend. Dabei eine seit vielen Jahren leer stehende Gaststätte entdeckend – oder einen Kiosk und eine Gaststätte? Assoziationen an ein griechisches Lokal, wegen der Säulen davor. Und wegen ihres himmelblauen Kleids. Oder nannte man das eine Toga? – Nee, das war römisch. Peplos hieß das hellenische Gewand der Frauen. Aber was war das für eine Frisur?

Jedenfalls musste ich anhalten und mir das genauer betrachten. Von außen und kurz auch von innen, durch ein Fenster steigend (aber das war es nicht wirklich  wert zu dokumentieren).

Die Griechin vom toten Kiosk_Helse ⓒ Ekkehart Schmidt

Die Griechin vom toten Kiosk_Helse ⓒ Ekkehart Schmidt

Die Griechin vom toten Kiosk_Helse ⓒ Ekkehart Schmidt

Die Griechin vom toten Kiosk_Helse ⓒ Ekkehart Schmidt

Die Griechin vom toten Kiosk_Helse ⓒ Ekkehart Schmidt

Die Griechin vom toten Kiosk_Helse ⓒ Ekkehart Schmidt

Die Griechin vom toten Kiosk_Helse ⓒ Ekkehart Schmidt

Die Griechin vom toten Kiosk_Helse ⓒ Ekkehart Schmidt

Die Griechin vom toten Kiosk_Helse ⓒ Ekkehart Schmidt

Die Griechin vom toten Kiosk_Helse ⓒ Ekkehart Schmidt

Ich konnte den Namen des Lokals um die Ecke nicht entziffern. Auch „Kiosk…“? Eher nicht. Aber beide gehörten wohl zusammen, irgendwann vor einem Jahrzehnt oder mehr. Nach einer Viertelstunde bin ich jedenfalls weiter und aß ein paar Kilometer später lecker im Schillergrill in Marne.

Die Griechin vom toten Kiosk_Helse ⓒ Ekkehart Schmidt

Kaffee Kett_Crailsheim

Manchmal verschlägt es einen in Orte, die man nicht anvisiert hat. Aber dann ist man nunmal da und schaut, was man draus machen kann. Die ZEIT hat daraus eine ganze Serie kurzer Stadtbeschreibungen gemacht: von Pirmasens bis Buxtehude. Bei mir war das am 3. August Crailsheim. Das liegt in Franken, etwa auf halbem Weg zwischen Stuttgart und Nürnberg, also in einer weiten Region jenseits der Schwäbischen Alb, deren Existenz mir kaum bewusst war. So ähnlich wie der Raum zwischen Bielefeld und Gütersloh. Oder zwischen Istanbul und Ankara. Spannend also. Eigentlich. Möglicherweise. Mal sehen halt.

Ich hatte etwa 45 Minuten Umsteigezeit auf dem Weg von Tempelhof nach Saarbrücken. Gut, dass ich durch diesen Blog immer weiß, was ich suchen mag: authentische, möglichst alte Cafés. Ich fragte meinen Taxifahrer, der mir den Weg wies: Los vom Bahnhof durch einen Park entlang des idyllischen Flüßchens Jagst in Richtung der im 2. Weltkrieg wegen wichtiger Industrieanlagen (Bosch?) stark zerstörten, aber – als wär nix gewesen – wieder aufgebauten Altstadt rund um die Liebfrauenkirche. Wenn ich mich beeile, könnte ich 20 Minuten in einem Altstadtcafé schaffen.

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Ich entdeckte die Cafebar Hoffmanns, schön gelegen vor einer Kirche, mit attraktiven Sonnenschirmen, aber viel zu coolem Intérieur. So was finde ich auch in Köln, Kopenhagen oder Kiew. Also weiter hoch zum Schweinemarktplatz. Dort fand ich hinter hässlich weißen Sonnenschirmen dann doch mein Ding: Das Café, pardon „Kaffee“ Kett, als Familienbetrieb bestehend seit 1906.

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Ich bin erst in die Schankstube, die vor einem Jahr sanierte Konditorei ignorierend. Zwar ist die Gaststube auch saniert worden, aber schon 1974, insofern ein altes Flair bewahrend. Mir gefielen vor allem die hölzernen Wandpaneelen, die Stuckdecke und was da so runterhing.

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Werktags wird hier mittags gegessen. Es scheint viele Stammgäste unterschiedlichster sozialer Zuordnungen zu geben. Es war jedoch Samstag und so dominierten Auswärtige mit Bedarf an Kaffee und Kuchen.

Das Lokal wird heute etwa in vierter Generation von Verena und Marianne Kett geführt. Ein Aushang zeigt die damalige Annonce von Eugen und Barbara Kett zur Eröffnung vor 112 Jahren. Es heißt, sie hätten das Haus von Peter Weiler übernommen, der hier eine „Konditorei und Spezerei“ betrieben hatte. Unklar ist aber, seit wann. Vielleicht seit dem Mittelalter? Wie es weiterging hat Sebastian Unbehauen von der Südwestpresse 2016 recherchiert: „Nach der Zerstörung im Krieg und dem Wiederaufbau prägten Hugo und Dorothea ‚Doris‘ Kett das Café, Ende der 1970er-Jahre folgten Reinhard und Marianne Kett, heute ist deren Tochter Verena am Ruder.“ In seiner Reportage schimmert durch, dass das Café kein Selbstläufer ist.

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Mir gefiel auch die vielleicht weitgehend unveränderte Eingangsecke mit Ecktisch und Hut- und Schirmablage.

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Ich hatte ein ganz nettes Gespräch mit einer Kellnerin, die immer wieder von der Küche auf die Terrasse lief. Ich war der einzige Gast drinnen, weil ich natürlich das Interieur fotografieren wollte – den Umständen entsprechend ging das an diesem warmen Sonnenschirmtag ohne große Heimlichtuerei.

Bei den Konditorei-Auslagen entdeckte ich eine schöne Schachtel und fragte nach, was denn „Crailsheimerle“ sind. Die Angestellte zeigte auf die Schokoteile darüber, aber anmerkend, dass sie in der Hitze etwas zusammen gefallen seien. Dann erzählte sie von der Horaffensage.

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts kam es zum Süddeutschen Städtekrieg gegen Fürsten und Adel. Das Ziel aller Städte war, »Freie und Reichsstadt« zu werden. Da eine Stadt alleine gegen die Macht des Fürsten nichts ausrichten konnte, schlossen sich benachbarte Städte zu Bünden zusammen, um sich gegenseitig zu helfen. In Franken kam es 1380 zum Kampf der verbündeten Städte Hall, Rothenburg und Dinkelsbühl gegen den Grafen von Hohenlohe, dem die Stadt Crailsheim Untertan war. Crailsheim wurde belagert und sollte ausgehungert werden. Aus dieser Zeit ist eine hübsche Historie überliefert, aus der die hiesigen Konditoreien mit ihren „Horaffen“ gewissermaßen Kapital schlugen, wie es auf der Homepage der Stadt heisst:

„Als nach dreimonatiger Belagerung der Sturm auf die Mauer begann, sammelten die Frauen in höchster Not das letzte Mehl, buken davon Horaffen – das sind Hörnchen von besonderer althergebrachter Form („Hornoffen“) – und warfen sie den Feinden zu. Die Frau des Bürgermeisters bestieg mutig die Mauer und ließ ihren üppigen »Blanken« dem unten stehenden Kriegsvolk ins Gesicht scheinen. Durch den Anblick von soviel Fülle an Brot und Speck erkannten die Belagerer die Aussichtslosigkeit der Aushungerung. Die Reichsstädte gaben daher den Kampf auf und zogen entmutigt ab. Zur Erinnerung an diesen unblutigen Sieg wird alljährlich am Mittwoch vor Fastnacht ein Stadtfeiertag gehalten, an dem die traditionellen Horaffen an die Kinder verteilt werden.“

Eine sehr schöne Geschichte, für die allein sich der Besuch schon gelohnt hat. Horaffen, ein Gebäck in Form einer „3“ gab es freilich grad nicht. Aber ich war sehr froh, nicht auf die Cafébar hereingefallen zu sein, sondern – trotz Zeitnot – noch 100 Meter weiter gelaufen zu sein und so etwas wie das Herz und die Seele des Städtchens  entdeckt zu haben. einen Ort, in dem zwei Frauen versuchen, eine alte heimatliche Kontinuität zu bewahren.

Ich fand zwei alte Fotos, die das vorstellbar machen. Ersteres entstand wohl vor der Zerstörung, letzteres nach dem Wiederaufbau 1949:

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Adresse: Schweinemarktplatz 8, 74564 Crailsheim, Tel.: 07951 5417, Homepage

Verwendete Quellen: Horaffensage, und PDF mit Bildern in: crailsheim.de; Unbehauen, Sebastian: Verena und Marianne Ketts Café am Schweinemarktplatz ist eine Institution, in: Südwestpresse, 07.05.2016

Kaffee Kett_Crailsheim ⓒ Ekkehart Schmidt

Totes Café Klein_Tandel

Tandel ist ein Dorf mit einem Dutzend Wohnhäusern und ähnlich vielen zentralen Gebäuden wie einer Schule und ähnlichem, was so nötig ist. Gelegen zwischen Diekirch und Vianden ist das – pardon – Kaff doch namensgebend für eine aus neun solchen Dörflein bestehende Kommune von zusammen 2050 Einwohnern. Der eigentliche Ortskern an der Durchgangsstraße wird von  zwei großen Bauernhöfen dominiert. Durch Erlangen des Status als zentrale Kommune kamen die administrativen Gebäude dazu, änderten aber wenig am Charakter der Ortschaft, die keinerlei Geschäft oder einen sonstigen Treffpunkt bietet (Luftbilder). Immerhin fahren hier durchaus einige Touristen durch, Belgier und Holländer vor allem, die es – vom hügeligen Ösling kommend – durch eine schöne Wald- und Wiesenlandschaft ins Tal der Sauer und weiter nach Luxemburg zieht.

Irgendwann einmal, haben sie hier auch angehalten und sind in einem längst aufgegebenen Café eingekehrt. Am 8. März 2017 kam ich hier per Rad das erste Mal vorbei, gestern erneut per Bus: Alles war unverändert. Vor allem ist das Café gegenüber dem dominanten Hof weiterhin „tot“. Ein Anlass, die damaligen Fotos jetzt in meiner Serie toter Cafés zu bloggen.

Totes Café_Tandel ⓒ Ekkehart Schmidt

Totes Café_Tandel ⓒ Ekkehart Schmidt

Totes Café_Tandel ⓒ Ekkehart Schmidt

Totes Café_Tandel ⓒ Ekkehart Schmidt

Totes Café_Tandel ⓒ Ekkehart Schmidt

Wie lange dieses namenlose Café wohl schon geschlossen hat? 5 oder 10 Jahre?Und ob es ein Dorfcafé mit sozialer Kommunikationsfunktion oder ein Lokal für durchreisende Touristen war? Das verliert sich mangels digitaler Spuren im Dunkel der Geschichte eines für mich traurigen Desinteresses an solchen Lokalitäten. Ich fand nur Hinweise darauf, dass es wohl „Café Klein“ hieß. Der letzte Inhaber könnte ein Ady Klein gewesen sein. Irgendwann.

Adresse: 10, Veianerstrooss 9395 Tandel

Totes Café_Tandel ⓒ Ekkehart Schmidt