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Containern: Ein Selbstversuch

August 23, 2019

Aus Mitleid mit nicht mehr ganz perfektem Obst und Gemüse, das in meinem Bioladen reduziert angeboten wird, habe ich schon seit langem etwas angetrocknete Champignons, Fenchel mit einem braunen Fleck oder eine Tüte Äpfel mit einer kleinen faulen Stelle preisreduziert gekauft.

In einem Kontext von Berichten über Lebensmittelverschwendung in erschreckendem Ausmaß: Zuletzt nannte der Weltklimarat IPCC am 6. August in seinem Bericht zu Landnutzung und Klimawandel einen Anteil von 25 – 30 Prozent aller weltweit produzierter Lebensmittel, die verschwendet oder weggeworfen werden. Menscen in reichen Ländern würden jährlich 222 Millionen Tonnen Lebensmittel in den Müll (oder wenigstens die Biotonne) werfen. Das sind pro Kopf gut 100 kg im Jahr. Diese Menge kann man sich kaum vorstellen.

Nachdem ich dann die lokale Foodsharing-Gruppe kennen gelernt hatte (die brachten zu diversen meetings unserer Saarbrücker Transition-Initiative immer wieder Kisten angebräunter Bananen mit, von denen man sich dann so viele mitnahm, wie man ernsthaft in anderthalb Tagen noch essen konnte)  und lernte, dass es neben der Saarbrücker Tafel noch mehr Leute gibt, die unverkäuflich gewordene Lebensmittel von Supermärkten vor der Biotonne retteten, war es wohl vor allem ein Gespräch mit einem der Transition-Akteure, das mich plötzlich dazu brachte, das „containern“ auszuprobieren.

Er erzählte, dass er seit langem so gut wie kein Geld mehr für Lebensmittel ausgibt, weil er in den Containern einer Discounterkette alles findet, was er zum Essen braucht. Obst und Gemüse, gelegentlich 20 Tafeln Schokolade oder sechs Tetrapacks naturtrüben Apfelsafts, dessen Mindesthaltbarkeit noch zwei Monate beträgt.

Am 2. Juli bin ich also erstmals hinter meinen Bioladen, entdeckte dort zwei Komposttonnen und schaute hinein. Die Ecke ist fast nicht von außen einsehbar, ich mußte mich also nicht wie jemand fühlen, der aus Armut in Mülltonnen wühlt. Ich fand Obst und Gemüse mit kleinen Macken, noch völlig unbedenklich geniessbar. Und kam drei Wochen lang – bis zum Urlaub – fast jeden Tag nach Ladenschluss wieder hin, jedes Mal mit einer anderen Ausbeute.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

In den ersten Tagen war ich überwältigt von der Fülle, dann füllte sich der Kühlschrank und die ersten Fruchtfliegen zeigten mir, dass ich im Begriff war, zu überziehen, also mehr einzusammeln, als ich essen oder verarbeiten konnte. Also habe ich gelernt, dass ich faule Stellen an Äpfeln sofort abschneiden muss, um den unerwartet schnellen Faulungsprozess zu stoppen. Bei leicht schimmeligen Orangen und Zitronen lernte ich später, dass sie sofort zu verwerten sind.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Am 10. Juli änderte sich meine bisherige Einschätzung: Der Biomarkt entsorgt manchmal nicht nur Einzelstücke, die keiner mehr kauft – wegen kleiner Unregelmäßigkeiten oder fauler Stellen -, sondern gibt an manchen Tagen zehn oder mehr Kilo Lebensmittel in die Tonne, bei denen der Zeitaufwand des Aussortierens schlecht gewordener Ware offenbar zu groß geworden ist.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Aus Gründen der Verpackung werden dann Erdbeeren oder Kartoffeln weggeworfen, obwohl nur ein geringer Anteil schlecht geworden ist. Nachvollziehbar. Aber auch ich hatte zu agieren: Aus den viel zu vielen Äpfeln kochte ich Kompott und die Kinder bekamen – nach dem Abgreifen einer Melone – eine riesige Schüssel Fruchtsalat vorgesetzt. Ich lernte: Wir haben verlernt, bei der Verwertung von Obst und Gemüse die Arbeit zu akzeptieren, schlechte Teile abzuschneiden. Wir sind nicht nur zu Geiz, sondern auch zu Faulheit und Bequemlichkeit erzogen worden. Nicht perfekte Ware wird uns gar nicht mehr angeboten.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Ich lernte ferner, mir bei großen Mengen des gleichen Gemüses sofort den Kochtopf zu holen, in mein Kochbuch zu schauen und irgendwie zu versuchen, alles in ein leckeres Gericht zu verwandeln, von dem ich dann zwei bis drei Tage essen konnte. Zucchinisuppe zum Beispiel.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Und es gab wieder Möhrenmarmelade. Das Foto muss ich noch raussuchen.

Da scheine ich gerade im Trend zu sein: „Food-Prepping“ ist der neueste Schrei, also schlicht das Haltbarmachen durch Einkochen und im Weck- oder Marmeladenglas für später aufbewahren. Wie Oma „einwecken“ ist offenbar zu einem „Statussymbol einer jungen, urbanen Generation geworden“, schreibt die Frankfurter Allgemeine Woche. „Einwecken“ bezieht sich auf die 1900 erfundenen Weckgläser und die Idee, Verderbliches durch Sterilisieren haltbar zu machen, um große Mengen an Saisonfrüchten, die man nicht in ein paar Tagen essen konnte, für später aufzubewahren. Für den Winter vor allem. Was fü Oma damals normal war, nennt sich heute hip „Zero Waste Küche“. Ich habe da vor allem aber eine tiefe Befriedigung empfunden, etwas mit den eigenen Händen zu machen.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Weil es Mitte Juli fast täglich Paprika und Pfirsische gab, begann ich, morgens Fruchtsalat mit Joghurt und abends große Salatschalen zu essen.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Nach der Urlaubspause habe ich Anfang August gleich weiter gemacht und den Kühlschrank neu bestückt (vor dem Urlaub musste ich ausmisten: ja, auch beim Containern muss man lernen, Früchte wegzuwerfen, manche faulen einem schnell weg).

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Dann kam die Kürbiszeit: Ich „erntete“ zwei Prachtexemplare, eins mit schwarzen Flecken, eins mit einem Schimmelansatz. Letzteres war nach ein paar Tagen wegzuwerfen, aus ersterem galt es, eine gute Suppe zu kochen. Das gelang auch mit einem Kürbis sehr gut, weil ich ein Rezept fand, in dem auch all die roten Paprika Verwendung fanden, die zuletzt angelaufen waren.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Am 7. August gab es neben Melone eine Tüte persischen Naan-Brots mit erster Schimmelspur. Ich wartete zu lange und hatte dann fast alles weg zu schmeißen. Das passiert manchmal, aber es gelingt mir, 90 Prozent der „geretteten“ Lebensmittel tatsächlich zu essen, wenn auch manchmal ein Viertel einer Melone wegzuschneiden ist. Die heutigen Früchte waren aber – wie immer – gut für den Imbiss im Bus von der Arbeit nach Hause.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Am 8. August fad ich erstmals eine Süsskartoffel neben dem üblichen Saisongemüse.

Versuch über das Containern (c) Ekkehart Schmidt

Und dann gab es plötzlich Spitzkohl. Ich nahm zwei der drei Exemplare und es galt dann, daraus etwas zu kochen: Das gelang und war sogar sehr lecker. So esse und koche ich plötzlich Gemüse, das ich weder aus der Küche meiner Mutter, noch sonstwoher kenne. Sehr gut das!

Versuch über das containern (c) Ekkehart Shmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Am 12. und 4. August wusste ich, dass es wieder Fruchtsalat en masse geben würde. Gut, dass die Kinder da waren, um tatsächlich eine Riesenschüssel Melone mit Pfirsisch zu tilgen….

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Versuch über das Containern (c) Ekkehart Schmidt

Am 18. August gab es die schlechteste Ausbeute in sechs Wochen: Ein Apfel.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Am 20. August war mal wieder Bratkartoffeltag, weil die Süsskartoffel, die Möhren und die Zucchini aufzubrauchen waren (ferner preisreduziert gekaufte Brokkoli und Champignons). Danach bin ich das erste Mal seit fast einer Woche wieder containern gegangen. Das mich selbst kontrollierende Ziel (auf dass mein Kühlschrank nicht völlig überquellt): noch ein Apfel oder eine andere Frucht für die Heimfahrt morgen. Die fand ich in der ersten Biotonne und nahm dazu zwei Gurken, obwohl ich noch genug hatte (aber sie sahen so frisch aus). In der zweiten Tonne dann eine Premiere: Lauch. Im Dutzend. Ich beschränkte mich auf ein halbes.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Ich habe am 21. August also ein Gratin mit Béchamelsauce gekocht. Eine Stange vergass ich. Das wird dann in den nächsten Tagen mit dem Sud des Ankochens der Lauchstangen für das Gratin noch für eine Lauchcremesuppe reichen.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Und dann gab es am 21. August völlig frische Möhren – satt, also in erstaunlich großer Menge. Ich beschränkte mich auf ein Kilo und schnippelte ein bisschen Möhrensalat um diesen mit dem Gratin-Rest am nächsen Tag im Büro zu essen.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Am 23. August habe ich endlich verstanden oder in einen Begriff fassen können, was mich am Containern so fasziniert und warum ich – fast suchtartig – so gut wie jeden Tag an die Biotonnen gehe: Es ist der Kick, unter einem Haufen abgezupfter Salat- und Kohlblätter einen Pfirsisch zu entdecken, hochzuholen und festzustellen, dass er noch fast völlig frisch ist. Und erstmals Limetten, eine große Ingwerknolle und eine halb vertrocknete Basilikum-Pflanze, die ich gleich auf dem Balkon umtopfte.

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Am 27. August konnte ich endlich wieder die Kartoffelkiste auffüllen, am 28. August gab es ein halbes Dutzend Tomaten, so dass es zwei Tage lang Tomatensalat satt gab. 29- August gab es wieder Früchte in Hülle und Fülle, dazu zwei grosse Knoblauchzehen. Am 31. August gab es neben einer Süsskartoffel zur Abwechslung auch einmal Brokkoli und erneut Weintrauben:

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

Am 2. September habe ich etwas übertrieben bzw. konnte nicht widerstehen: Die Tomaten waren frei von schlechten Stellen, die kann ich schnell wegessen, aber nicht die Paprika und Bananen… Das merkte ich schon am nächsten Morgen anhand der Zahl der Fruchtfliegen…

Versuch über das Containern (c) Ekkehart Schmidt

Ein Kollege bei etika brachte mir dazu allerdings auch einen Gedanken näher, über den ich erst noch nachdenken muss: Da all diese Initiativen dieses ethisch unverantwortliche Wegwerfverhalten letztlich halbwegs bereinigen, stützen sie das System: Lebensmittel retten ist schön und gut, aber wir dürfen die Ursachen der Verschwendung nicht aus den Augen verlieren und auch an Lösungen mitarbeiten. Dazu gehört, sich auch an die eigene Nase zu fassen.

Es muß das ganze System umgebaut werden. Das Drehen und Korrigieren an kleinen Zahnrädern reicht nicht mehr. Statt sich für eine Legalisierung des Containerns einzusetzen, muss Druck ausgeübt werden, dass nicht jeder Discounter das ganze Jahr hindurch jedes Obst und Gemüse im Angebot hat, egal von wie weit her es herangeschifft werden muß. Der Konsument muß wieder lernen, dass es Erdbeeren nur im Frühling gibt. Die schmecken auch besser als die aus Übersee im November herbei gekarrten.

Verwendete Quellen: Biringer, Eva: Echte Handarbeit, Frankfurter Allgemeine Woche, 34/2019, S. 34-35; Galay, Patrick: Der unterschätzte Faktor bei der Erderwärmung, Tageblatt, 7. August 2019

Containern: Ein Selbstversuch © Ekkehart Schmidt

One Comment
  1. Sehr guter und löblicher Versuch.
    Aber wie Du sagst, dürfen wir natürlich nicht die Ursachen aus dem Augen verlieren und müssen versuchen, diese Ursachen abzubauen.

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