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Begegnung mit einem Eremiten

Mai 5, 2018

„Waldschrat“ kam mir als Begriff unmittelbar in den Sinn, als Friedmunt Sonnemann heute früh bei Karine Paris vom „Center for Ecological Learning Luxemburg“ (CELL) aus dem Auto stieg. Ein Mann von Ende 40, mit ungebändigter Haarpracht, abgewetzten Kleidern, barfuß sowie mit Rucksack, Isomatte, Schlafsack und anderem Gepäck unterm Arm, das er neben meinem Stand beim „Marché des producteurs“ in Bartringen ablegte, um zügig seine liebevoll sortierten Kartons mit hunderten von Samentütchen auf dem Biertisch aufzustellen.

Ich war gerade im Begriff gewesen, meinen Stand mit Materialien zu etika um Stellwände zu ergänzen, auf denen ich Poster mit Fotoserien zu den von uns finanzierten sozialen und ökologischen Projekten aufhängen wollte. Es war schon 10 Uhr und die ersten Besucher kamen. Es gelang mir, ihn darum zu bitten, sein Gepäck etwas zur Seite zu legen, damit meine Stellwände nicht zu schmuddelig wirken. Aber da saß er jetzt mitten in meinem Arrangement. Und störte. Nicht dass die Besucher jetzt denken, er gehöre zu unserem Stand und also unserem Verein? Ich hatte mich gestern Abend immerhin extra rasiert…

Das besondere dieser zweiten Auflage des Marktes auf dem neu errichteten Gelände des sozial-ökologischen Wiedereingliederungsprojektes Co-Labor war, dass diesmal gut ein Dutzend Stände aus der Szene der luxemburgischen Transition-Bewegung dabei waren, also Gemeinschaftsgärten und andere, die Saatgut und vorgezogene Gemüsepflanzen anboten – das meiste davon alte Sorten aus biologischer Kultur.

Begegnung mit einem Eremiten © Ekkehart Schmidt

Begegnung mit einem Eremiten © Ekkehart Schmidt

Als ich fertig war, trat ich an seinen Stand und war sofort fasziniert: Unter dem Label „Dreschflegel“ verkaufte er Blumen-, Getreide-, Kräuter- und Bohnensamen aus eigener Züchtung, darunter viele mir ganz unbekannte Arten, gedacht für den Hausgarten und die Selbstversorgung. Vor allem aber handelte es sich um nachbaufähige Kulturpflanzen, was in Zeiten von Hybridpflanzen schon fast eine Seltenheit geworden ist.

Begegnung mit einem Eremiten © Ekkehart Schmidt

Die Tüten waren knapp, aber perfekt beschriftet: Wann auszusähen, wie tief, ein- oder mehrjährig sowie Angaben zur Verwendung in der Küche oder als Heilkraut. Alles bio-zertifiziert, meist in Demeterqualität. Zu Preisen zwischen 1,90 und 2,30 Euro. Während unserer gemeinsamen sechs Stunden nebeneinander, bin ich öfters zu ihm hinüber und stellte Fragen zu einzelnen Pflanzen. Seine Antworten klangen so, als würde er über Familienmitglieder sprechen, als lebte er mit und in den Pflanzen. Ich stellte mir vor, dass er der Pflanzenfreak einer Community von Städtern ist, die wohl eher akademischen Hintergrund haben und sich aus der Sorge um den Verlust der Biodiversität zusammen gefunden haben, um sortenreines Saatgut zu produzieren.

Für meine bescheidene Balkonpflanzungen erstand ich bei ihm Knoblauchsrauke, Kapuzinerkresse und Liebstöckel sowie bei Co-Labor vorgezogene Tomaten – um mit meinen Kindern den ganzen Wachstumsprozess nachvollziehen zu können.

Erst zuhause, als ich seinen Namen googelte, stieß ich auf Reportagen über ihn und lernte, dass er ein echter Eremit ist, der seit 1990 mit seiner Familie in einem Seitental der Mosel fernab der Zivilisation in drei Bauwagen ohne Strom und Leitungswasser (usprünglich wohl in einem Haus des schon vorher dort bestehenden Hofes) lebt und dort die „Königsfarm“ betreibt. Der Verkauf der Samen über die bundesweite Gruppe „Dreschflegel“, aber auch per individuellem Postversand, ist der Lebensunterhalt dieses Aussteigers. Seine Geschichte beschreibt er in einem Betriebsporträt selbst.

Eremiten haben mich von kleinauf fasziniert. Nicht erst, seit ich 1988 in den Felsen oberhalb von Jericho am „Berg der Versuchung“ frühchristlich entstandene und noch heute bewohnte Eremitenhöhlen am Kloster St. Georg besucht habe, sondern schon durch eine Jugendbuchreihe namens „Die Höhlenkinder„. Ich empfand es als sehr spannend, mir vorzustellen, sich in der Wildnis alles nötige (…) selbst zu erstellen. Warum auch immer. Wahrscheinlich, weil mich der schulische Leistungsdruck so stark belastet hat, dass mich diese Ausstiegsmöglichkeiten faszinierten. Ich erinnere mich daran, mir kurz vor dem Abi gesagt zu haben: „Wenn ich scheitere, dann gehe ich nach Afrika und züchte Bananen“. Aber natürlich bin ich doch folgsam geworden und habe mich in diese Gesellschaft eingegliedert. Und dennoch ist ein Glück, eine Arbeit gefunden zu haben, durch die ich Menschen wie Friedmunt Sonnemann begegne.

So war ich abends plötzlich doch froh, dass er sich in meinem vorgeplanten Arrangement seinen Platz gesucht hatte. Wer in solch radikaler Weise konsequent nach seinen Überzeugungen handelt und dabei auch wirklich produktiv ist, darf optisch auch von uns (vergleichsweise doch sehr angepasst wirkenden Leuten) abweichen. Oder sind wir es vielleicht sogar, die wir allesamt viel zu stark von einem natürlichen, nachhaltigen Leben abweichen?

Etwa 80 Eremiten soll es in Deutschland geben, so der STERN. Meist mit religiöser Motivation wohl, anders als mein Standnachbar heute. Respekt! Wenn ich auch heute nicht mehr tauschen möchte.

Verwendete Quellen: Lauerer, Matthias: Der Mann aus dem Wald, Neue Westfälische, 21.02.2015; ViualStorytellers: Lebensoase im Westerwald, ohne Datum;

Begegnung mit einem Eremiten © Ekkehart Schmidt

2 Kommentare
  1. eine schöne Geschichte darüber, dass manchmal eben doch der zweite Eindruck gewinnt. Danke.

    • Das hast Du schön erfasst, mir war das als Oberthema nicht so ganz klar. Ich werde versuchen, das noch besser auszuformulieren. Danke!

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