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Tschüss und Danke an Awa

Januar 20, 2023

Awa Taban-Shomal ist zu einer Symbolfigur geworden. Und sie weiss das durchaus, als sie vor einer Woche im „Theater im Viertel“ auf die Bühne tritt, um ihren Abschied aus Saarbrücken zu begehen. Diesen öffentlich in aller Konsequenz zwar keineswegs zu feiern, aber doch mit dem Wunsch auszuleben, noch einmal alles zu geben, für das die Frontsängerin von „Savoy Truffle“ bewundert und geliebt wird. Sie wird wegziehen, letztlich weil die hiesige Region ihr nicht bieten kann, für was sie leben möchte. Das ist aber nicht in ihrer Rolle für diese saarländische Kultband und deren Möglichkeiten begründet, sondern in ihrer eigentlichen ökonomischen Existenz als Wirtin eines sehr besonderen Lokals, das die 33jährige vor sieben Jahren aus dem Nichts aufgebaut hat, jetzt aber schließen musste: dem „Zing“.

Mit viel Herzblut und Energie hatte die Tochter iranischer Eltern ab 2015 aus einem düster wirkenden, heruntergekommenen Lokal am Rande des Nauwieser Viertels, das kaum ein Viertelbewohner freiwillig betreten hätte, eine frisch und fröhlich wirkende Cafébar gemacht, in dem es zwar noch die erwartete schwarzbraun vertäfelte Decke, Stühle in Eiche rustikal und andere Elemente des bis in die 1970er-Jahre in diesem Quartier am Rand der Innenstadt vorherrschenden kleinbürgerlich-spießigen Ambientes gab, das sie aber mit viel Weiß und bunter Farbe so aufgemischt und durchgelüftet hatte, dass es eine Freude war. Ich habe sie damals besucht und darüber gebloggt: Awa macht ihr „Zing“

Durch die Umwandlung dieser fast schon „historisch“ zu nennender Kneipe hatte sie etwas Neues geschaffen, ohne das Alte zu eliminieren. Das ganz andere Flair der Vorgängerlokale „Ziehwäänche“ oder „Zum alten Seemann“ an der Ecke Richard-Wagner-Str./ Rotenbergstr. war noch spürbar. Es gelang ihr, das Zing zu einer Jazzkneipe zu machen, etwas, das in Saarbrücken seit der Schliessung des Jazzkellers „Giesskanne“ 2001 (heute „Blau“) fehlte. Zwar gibt es im und um dieses bekannteste saarländische Szeneviertel einige Musikkneipen, auch mit Lifemusik, aber – bis Awa ihr Ding machte – keinen Ort, an dem die Jazzszene regelmässig jammen konnte.

Die Kündigung  im Februar 2022 traf sie unvorbereitet. Ihr entsprechend frustrierter Aufschrei in den sozialen Medien, nachdem sie die Hiobsbotschaft erhalten hatte („Das Viertel geht vor die Hunde“ ) schlug wie eine Bombe eine. Eine Welle der Empörung erreichte erst das Ludwigsparkstadion und dann die Politik. „Mit dem Zing fängt es an. Ist bald das ganze Viertel dran? Gentrifizierung im Nauwieser Viertel stoppen“ hatten Fans beim nächsten Heimspiel des 1. FC Saarbrücken auf ein gut 35 m langes Spruchband geschrieben. Die Stadt bot Hilfe an, doch fand sich keine Lösung, weil der Bebauungsplan (aus guten Gründen) keine neue Gastronomie erlaubte, aber kein freies Lokal übernommen werden konnte und auch eine Umnutzung der ehemaligen Einsegnungshalle im Echelmeierpark so kurzfristig nicht machbar war.

Das Zing musste Ende September schließen. Der Mietvertrag war gekündigt worden, der Inhaber will das gut 100-jährige Gebäude abreißen und dort, sowie auf dem benachbarten Ruinengrundstück einen Neubau errichten, durch den wohl langfristig deutlich höhere Mieteinnahmen zu erwarten sind. Awa hat gehört, es sei auch ein Investor aus Luxemburg beteiligt. Überprüfbar war das jedoch nicht. Ursprünglich sollte der Vertrag Ende Juni auslaufen, während monatelang mit vereinten Kräften nach einem Ausweichquartier gesucht wurde. Awa lief die Zeit davon – am Ende gab die gebürtige Saarbrückerin auf. Sie wird die Stadt in Richtung Hannover verlassen.

An diesem Abschiedsabend vermischt sich Awas doppelte Identität als Sängerin und Wirtin. In der für Bands eher ungewöhnlichen Atmosphäre des kleinen Theaters präsentiert die im positive Sinne stilistisch undefinierbare achtköpfige Combo (vier Frauen vorne, vier Männer hinten) dem heimischen Publikum seit 1998 in einer Konzertserie an drei Januartagen hintereinander ihr jeweils aktuelles Programm. In Englisch und Deutsch. Letzten Donnerstag zum 55. Mal, wie Bandleader Zippo Zimmermann schätzte – bei fast genau so vielen Gästen und einem auch nicht weit von dieser Zahl entfernten Durchschnittsalter.

Auch nach 32 Jahren Bandgeschichte und dem ein oder anderen Besetzungwechsel bleiben die Markenzeichen der Band das „stoische Ignorieren aller Stil-Schubladen und ein treffsicheres Gespür für catchy Popsongs zwischen großer Emotion und feiner Ironie“, heisst es in einer Kritik. Oder: „Wir sind ineffizient, langsam, detailverliebt und interessieren uns nicht die Bohne für Karriere oder Trends oder was andere über uns denken – und genau so klingt auch unsere Musik“ – so ein statement, das die Saarbrücker Zeitung 2018 notierte.

Damit ist die Band zum personifizierten Sound des Nauwieser Viertels geworden und gilt als einzigartiges, unnachahmliches Urgestein der saarbrigger Szene. Der Saarländische Rundfunk charakterisierte sie einmal als „unkonventionelle Perfektionisten, die dem Mainstream seit Jahrzehnten die Stirn bieten“. In diesem musikalischen Gegenentwurf zur Perfektion könnte die Band auch als viertelstypische Weigerung, mehr als nötig am eigenen beruflichen Fortkommen zu arbeiten, gesehen werden. Und, was Awa angeht, auch zu den Möglichkeiten, die sich hier bieten. Nach dem Abitur verkaufte sie bei Konzerten der Band CDs und bewarb sich dann spontan, als diese eine neue Backgroundsängerin suchten.

Zu ihrem Abschied konnte Awa die Songs des Abends bestimmen: Mit „Set me free“, „Afterglow“ und anderen Songs wählte sie viele Lieder, die von Abschied und Verlusten erzählen. Textzeilen wie „Geh ich laut, geh ich leise? Wie lange dauert meine Reise? Ich vermisse dich so sehr!“ singt sie zwar traurig, aber entschlossen („I cry – but not for you“), in einer faszinierend starken Bühnenpräsenz. Ihre Ausstrahlung speist sich aus der zum Ausdruck gebrachten Ambivalenz aus Selbstvertrauen und Zweifeln. Von Hoffnungen singt sie zart und leise. Aber wenn es gilt, Enttäuschungen zum Ausdruck zu bringen, kann sie sich ihre Seele auch extrem kraftvoll und intensiv aus dem Leibe röhren. Mit entsprechenden Zwischenansagen, die auch ein Stück Identität des Viertels ansprachen: „Das erste Mal, seit ich hier spiele, bin ich mit einem einigermaßen stabilen Mann in einer halbwegs stabilen Beziehung“.

Sie ist authentisch, herzlich, offen und unverstellt – wie das Viertel selbst. Nach der Pause scherzt sie, ihr sei  eine Beschwerde zu Ohren gekommen: Es gebe zu wenig depressive Ansagen. Aufzuhören breche ihr wirklich das Herz, ergänzt sie, und kokettiert mit Blick auf ihre weniger extrovertierte Nachfolgerin Sarah Dahlem, die an diesem Abend erstmals dabei ist: „Vielleicht hat Sarah weniger Lust, psychische Probleme auf der Bühne zum Ausdruck zu bringen?“ Fast könnte man denken, Awa sei in ihrer Rolle als Sängerin die Seele des Viertels. Sicher ist jedoch, dass das Schicksal ihres Kindes „Zing“ als Symbol für die Gentrifizierungsbedrohung gesehen wurde.

Der Begriff bezeichnet zumeist die Verdrängung einkommensschwächerer Haushalte durch Wohlhabendere in innerstädtischen Quartieren. Das klingt erst einmal neutral, wird aber als wichtiger Aspekt der Auswirkung sozialer Ungleichheit auf den Wohnungsmärkten gesehen. Den Eigentümern der Häuser dieser Viertel fehlten die Mittel, die Häuser zu sanieren. So blieben die Mieten günstig, was Menschen anzog, deren Budget eher gering ist: Studierende, Kunstschaffende  oder auch Migrant*innen.

„Wem gehört Saarbrücken?“ fragten die „Saarbrücker Hefte“ letzten Sommer und illustrierten ihr Titelthema mit einem Monopoly-Spielbrett, auf dem sie anstelle der Schlossallee die Nauwieser Straße platzierten. Damit wurde ein Erschrecken darüber ausgedrückt, dass die Entwicklung dieses exemplarisch von sozial-ökologischen Initiativen und Kneipen geprägtes Viertel den Weg des Prenzlauer Bergs in Berlin gehen könnte. Also den einer von privaten Interessen rein über den Markt gesteuerten Stadtentwicklung, die genau die Szene zerstört, von welcher ausgehend der Wert der dortigen Immobilien gestiegen war und weshalb es dort plötzlich „interessant“ wurde, zu investieren.

Die Aktivitäten und Lokale von sozialen und künstlerischen Initiativen sind Vorboten oder auch Auslöser von Gentrifizierungserscheinungen. Als Pioniere verwandeln sie nach und nach ehemalige Arbeiterviertel in subkulturelle Hotspots und tragen so zum kulturellen Mehrwert eines Viertels bei, so der Sozialwissenschaftler Andrej Holm. Soziologisch und ökonomisch gesehen handele es sich um „eine immobilienwirtschaftlich vermittelte Enteignung des kulturellen Kapitals von (ökonomisch mittellosen) Künstlerinnen durch später zuziehende Reiche“. Das Zing kann so nicht nur als Opfer, sondern auch Wegbereiter steigender Mieten und Bodenpreise gesehen werden. Die Pioniere werden Opfer ihres Erfolgs.

Eine neue Heimat könnte die Jazzszene in einer anderen Kultkneipe finden: Der seit über 50 Jahren bestehenden „Brasserie“ am Markt. Nach dem Tod des legendären Wirtes Micha Weber vor zwei Jahren wird es dort ab dem 2. Februar Jazzsessions geben, kündigten die neuen Pächter letzte Woche an. Auch der „Blaue Hirsch“ oder das „Terminus“ stünden zur Verfügung.

So frustrierend die Situation auch für Awa und das Zing sind: für die Jazzszene gibt es Alternativen. Und die jungen Menschen auf der Suche nach anderen Lebensentwürfen in den Zwanzigerjahren, Studierende und Künstler*innen mit begrenztem Budget? Noch treffen sie sich im Viertel, haben zum Wohnen aber seit längerem auch den Arbeiterstadtteil Malstatt entdeckt. Auch da fehlt den Eigentümern das Kapital, die Gebäude an heutige Ansprüche anzupassen. So bleibt das Mietniveau niedrig. Wie damals „Uff de Nauwies“. Noch hat dort kein cooles Lokal eröffnet. Aber das ist nur eine Frage der Zeit.

Dieser Text ist ein Nebenprodukt der Recherchen für einen Artikel für die Luxemburger Wochenzeitung Woxx: „Gentrifizierung: Gefährdete Heimaten“, der am 19. Januar 2023 erschienen ist.

Tschüss und Danke an Awa © Ekkehart Schmidt

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