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Awa macht ihr „Zing“

August 9, 2015

Welch schöne Überraschung, letzten Dienstag an der Fassade einer seit 20 Jahren als düster erlebten Kneipe am Rande des Nauwieser Viertels, die ich nie freiwillig betreten hätte, ein frisch und fröhlich wirkendes neues Schild zu entdecken. Vor dem Eingang zog ein bunt verkleckster Tisch meinen Blick an. Also schaute ich spontan durch’s offene Fenster ins Innere und wurde überrascht: Zwar gab es hier die erwartete schwarzbraun vertäfelte Decke, Stühle in Eiche rustikal und andere Elemente eines kleinbürgerlich-spießigen Ambientes, aber das hatte jemand mit viel Weiß und bunter Farbe so aufgemischt und durchgelüftet, dass ich gerne eintrat. Ist das jetzt ein Jugendclub oder ein Retro-Café im Berliner shabby Chic? Keins von beidem: Awa, eine junge Frau, die jahrelang in der „Tante Anna“ hinter der Theke stand, macht hier jetzt ihr ganz eigenes Ding. Den Juni über hat sie viel Herzblut in die Umwandlung dieser fast schon „historisch“ zu nennender Kneipe gesteckt, hat etwas Neues geschaffen, ohne das Alte ganz zu eliminieren und betreibt hier seit dem 3. Juli ihr „Zing“. Es ist tatsächlich „amazing“, welch neues Ambiente sie hier geschaffen und nach ihrem Spitznamen benannt hat: Eine Fortführung der vier Vorgängerkneipen, von denen zwei fast schon legendär sind, jedenfalls wenn man sich für die Geschichte des Viertels interessiert.

Ava macht ihr

Ava macht ihr

So, wie Städte insgesamt sich auf den Trümmern der Vorgängergründungen immer neu erfanden und entwickelten – man denke an Köln und seine römischen Wurzeln oder Istanbul auf den Gemäuern von Konstantinopel und Byzanz -, erging und ergeht es auch einzelnen Lokalitäten, wie diesem Haus aus den Gründerjahren, das in das eher sumpfige Gelände eines früheren Saararmes gebaut wurde, den Bruch- und Nauwiesen am Rande Saarbrückens, der hier nur in seltenen Überschwemmungszeiten Wasser führte. Es entstand eine Neustadt, die jahrzehntelang von Arbeitern bewohnt wurde, die hier in einer Vielzahl von Kneipen ihr Feierabendbier tranken. Konkret: Sie hockten an der Theke oder auf einem der Polsterstühle, die Awa hier vorfand, um sie weiter zu nutzen.

Ava macht ihr

Ava macht ihr

Dazu war bei allen Stühlen das Polster neu zu beziehen. Awa war zwar bereit, hier viel Authentisches zu bewahren, aber diese vergilbten Polster mussten ersetzt werden. Bei dieser Arbeit gab es eine Überraschung, wie Archäologen sie sich wünschen: Schicht für Schicht verbarg sich unter jedem Polsterbezug ein anderer, älterer. Insgesamt fünf. So, wie man anhand der Muster auf urzeitlicher Keramik Epochen beispielsweise als „Bandkeramik-Kultur“ benennt, konnte sie hier von oben nach unten ein Polster mit roter Grundfarbe und einem blauen Muster entfernen, wie bei der Saarbahn (nur umgekehrt), um auf mehrere Schichten grüner Bezüge zu stoßen, auf die eine sehr durchgesessene weiß-orange-karierte Polsterung folgte, bis sich die unterste braune Schicht zeigte, unter der sich nur noch Schaumstoffstaub zeigte. Awa entschied sich, alle Polster ab- und nicht neu zu beziehen, sondern Kissen aufzulegen. Die gepolsterten Stühle am Eingang unter den leeren Rahmen bekam sie geschenkt, sie haben nichts mit dem Lokal zu tun. Gleiches gilt für den Kicker, der aus dem legendären „Kater Karlos“ an der Dudweiler Straße stammt.

Ava macht ihr

Ava macht ihr

Ava macht ihr

Awa hatte sich während der Sanierung notgedrungen mit der Geschichte des Lokals zu beschäftigen: Unter dem PVC-Boden hinter der Theke befand sich eine zentimeterdicke Schicht Überbleibsel von Wasserpfeifentabakasche, die hier immer einfach drunter gekehrt worden sind. Unter der zweiten PVC-Schicht sah es ähnlich aus, ganz zu schweigen von der übel stinkenden Schicht Nikotinreste an Decke n und Wänden – sie hatte es mit Gebrauchsspuren und porentiefem Siff zu tun, der zum Teil bis in die 1970er-Jahre zurück zu datieren war. Und entschied, das nötigste zu entfernen, wie die Decke der Theke, aber auch einige Relikte wie die Theke selber zu bewahren, an der ich einen Espresso in einer nett-kitschig-bunten Tasse serviert bekam: Aus einer echten Gaggia-Maschine. Bei ihrem Upcycling dieser schmodderigen Spelunke verwendete sie vor allem Regenbogenfarben, unter anderem bei der Schaffung einer Hundertschaft bunter Papierschiffchen.

Ava macht ihr

Ava macht ihr

Awa macht ihr "Zing" © Ekkehart Schmidt

Ava macht ihr

Ava macht ihr

Awa hofft, dass ihre Gäste diese Mischung mögen. Einige werden sich an die tiefe Geschichte des Lokals erinnern, andere nicht. Ehe das Nauwieser Viertel zum Szenequartier wurde, gab es hier auch eine Reihe von Rotlichtbars, von denen nur das legendäre und weiter existierende „City Love“ in Hausnummer „8“ überlebt hat. Bis vor kurzem gab es nebenan in Nr. 10 noch ein namenloses Etablissement, das von einer Prostituierten namens Tina betrieben wurde. Andere bekannte, bis in die 1980er-Jahre existierende Bars waren das heutige „Zum Bleistift“, als es noch „Die Insel“ hieß und man drüber oder im Séparée Zimmer stundenweise mieten konnte, die „Pfeffermühle“ (heute „Mono“), eine Kaschemme mit Alkis und Huren, der „Anker“ (im heutigen „Fleur de bière“), in dem auch prollige Zuhälter in Erscheinung traten, den ähnlichen „Seemann“ (später „Ziehwäänsche“) sowie das damalige „Försters Eck“, in dem manche anschafften (oder sich auch nur mal zurück zogen). Nach Schließung des Anker empfingen zwei Frauen im Nebeneingang links vom heutigen „Mono“ privat weiterhin Freier. Wahrscheinlich war das ganze Haus „vermietet“, wie wohl auch Hausnummer 23 in der Nauwieserstraße.

Das „Zing“ führt den Betrieb des „Seemanns“ bzw. späteren „Ziehwäänsche“ fort (braune und mutmaßlich erste grüne Polsterkultur), nach dessen Schließung hier die „Al Salam Shisha Bar mit seinen Wasserpfeifen einzog. Nach sieben Jahren stellten diese im Oktober 2012 etwas abrupt das Blubbern ein. Die  oben erwähnte Tina machte dann 2013 aus dem Laden ein rustikales Lokal namens „Die Hex“. Die ehemalige Bordellbetreiberin hatte jedoch Krebs und starb daran. Ihr Mann machte eine Weile weiter, Anfang 2015 war dann auch für ihn Schluss mit dem Kneipengeschäft.

Awa, deren Eltern aus dem Iran zugewandert sind und auch als Sängerin der Pop-Band „Savoy Truffle“ bekannt ist, hat ihrem „Zing“ auch ein besonders originelles Exemplar eines Schachspiels platziert, dessen Figuren in Marmeladengläsern unter dem Spielbrett montiert wurden. Viele Produkte, wie ihre hausgemachten Kuchen und Limonaden sowie das Abendbrot mit veganem Brotaufstrich sind in Bioqualität. Das originellste aber, was sie zu bieten hat, ist ein wunderbarer Kräuter-Eistee, den man sich aus vier Elementen selbst zusammenstellen kann:

Ava macht ihr

Ava macht ihr

Ava macht ihr

Ava macht ihr

Ava macht ihr

Awa macht ihr "Zing" © Ekkehart Schmidt

Die Lage, hier auf der Ecke Rotenbergstraße/ Richard-Wagner-Straße ist in Bezug auf die Nauwieser Szene nicht ideal, aber Awa hofft, dass hier ein Nachbarschaftslokal entsteht. Oder, wie es ein Biertrinker an der Theke ausdrückt, dass sich hier ein nettes Zusammenspiel zwischen „Kaltschale- und Eisteetrinker“ ergeben wird. Awa wird jedenfalls weiter kreativ am Umbau arbeiten, ihr „Zing“ ist ein Work-in-Progress-Objekt, mit dem Damenklo als letztem Werk, in das sie viel Arbeit gesteckt hat:

Ava macht ihr

Falls sich jemand über die Außenwerbung des „Riegelsberger Pils“ wundert (von dem ich noch nie etwas gehört habe): Das Haus gehörte jahrelang der 1882 gegründeten Privatbrauerei Gross, wie Awa erzählte. Wahrlich eine lange Tradition, die sie hier fortführt! In den letzten Sommertagen hat Awa ihre putzigen neu gestrichenen Stühle draußen aufgestellt, als klares Signal, dass hier etwas neues entstanden ist und man sich nicht mehr drinnen versteckt.

Awa macht ihr “Zing” © Ekkehart Schmidt

Awa macht ihr “Zing” © Ekkehart Schmidt

Eine erste Bilanz nach zwei Monaten: Awa kann ihre Miete bezahlen und das Zing ist im Laufe des August nicht nur zu einem Ort für interessante Auftritte, wie dem des humorigen Musikers Ivo Max Müller oder des bulgarischen Gitarristen Dimitar Ivanov, geworden, sondern bietet mittlerweile zwei Stammtischen eine Heimat: Neben der „Initiative Nauwieser Viertel“ traf sich hier auch der „1. Weltveränderer-Stammtisch“ des Netzwerks Entwicklungspolitik im Saarland an jedem letzten Mittwoch im Monat (ehe man 2017 nach Malstatt umzog). Das passt, wie ich finde.

Im Sommer 2017 hiess es im Büchlein Nauwieser Tag und Nacht Viertel: „Was man gerne macht, das macht man gut. Und das Zing ist verdammt gerne Zing“. Besser hätte man den Geist dieses Lokals voller Liebe und Leidenschaft nicht auf den Punkt bringen können.

Adresse: Rotenbergstr. 37, 66111 Saarbrücken; geöffnet ab 15 Uhr

Fotos von Zippo Zimmermann aus dem Zing auf Facebook

Mehr zur Kneipengeschichte des Viertels hier

Awa macht ihr „Zing“ © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, SaarLorLux

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