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Bar al Stazione_Domodossola

Juni 23, 2022

Ich weiss ja nicht, wie ihr euch an fremden Bahnhöfen verhaltet? Das richtige Gleis erkunden und dann auf geradem Wege dorthin, oder – wenn noch Zeit ist – irgendwo einen interessanten Warteort suchen? Noch einen Kaffee oder ein Sandwich? Wenn ich ein bisschen Zeit habe, drehe ich immer eine Runde, bei der ich schnell zu erfassen suche, was es gibt, ob sich was für diesen Blog findet. Eine Bahnhofsgaststätte zum Beispiel. Also eine echte mit Geschichte, keine Niederlassung einer Kette.

Anfang Juni stiegen wir zwei Mal im norditalienischen Domodossola um, fanden beim ersten Mal mit dem „Istriano“ eine alte Cafébar und mit dem „Amareno“ ein gutes Eiscafé am Hauptplatz – und erst in der letzten Viertelstunde vor der Weiterfahrt entdeckte ich, was es früher so selbstverständlich an jeder grösseren italienischen Bahnstation gab, wie einen Fahrkartenschalter und ein WC: eine Bar/ Cafeteria, in Kleinstädten wie Cecina, Gossensaß oder Monterossa und Metropolen wie Mailand.

Ich schlich erstmal etwas herum, ob sich das lohnt, zehn Minuten vor Abfahrt schnell noch einen Espresso zu trinken, während die Kinder, ihre Mama mit all dem Gepäck schon im Zug sassen… Da war äusserlich dem Anschein nach nicht viel zu erwarten. Ausser man setzte sich kurz auf einen Plastikstuhl und entdeckte die Tiefe des Innenraums.

Oh wie gut, dass ich hinein bin: Waow, da tat sich mit zwei überraschend grossen historischen Räumen – linkerhand ein Tabakladen, rechterhand ein Caffè, dazwischen der Barista – ein ganzes Universum auf.

Die Bar ist also nicht nur eine Bahnhofsgaststätte wie tausend andere, sondern gibt sich als Staion auf dem Weg nach Mailand eine eigene Identität: „La Milanesa“. Aber wer ist diese Frau? Wie auch immer das frühere Selbstgefühl in diesem Kleinstadtbahnhof war: der Saal rechterhand wird noch immer gekrönt von einem sicher hundertjährigen Deckengemälde:

Welch überaschende Entdeckung eines versteckten Kleinods der Bahnreisekultur! Ich ging dann raus für eine Zigarette, steckte diese wunderschöne Tasse ein – ein erster solcher Diebstahl für meine Sammlung seit sicher drei Jahren, das Versiffen meiner Hosentasche riskierend, aber ohne Zweifel, dass das sein musste, diesen Moment mit nehmen zum Ortasee und heim nach Saarbrücken. Weiter aus dieser Tasse trinkend und mich erinnernd.

Aber oh, da kam schon Paul gerannt: „Papa!“ – „Jaja, es ist 17.44, wir haben ja noch 3 Minuten…“

Adresse: Piazza G. Matteotti, 27, 28845 Domodossola/ Italien

Bar al Stazione_Domodossola ⓒ Ekkehart Schmidt

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