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Auberge Gaglioti_Luxemburg

Mai 23, 2022

Irgendwie befinden sich die preisgünstigen Hotels, in denen ich seit 14 Jahren in Luxemburg übernachte, immer in einem zwielichtigen Kontext. Aber das fühlte sich selten schlecht an. Die Nachtclubs und das Drogenmilieu rund um den Bahnhof sind eben nur ein Teil der Szenerie dieses lebendigen, authentischen Viertels. Anfangs war da natürlich eine gewisse Faszination des Verbotenen und Gefährlichen. Dann wurde mir die Hotelwahl hier zu einem Statement: Hier ist das echte Leben. Alle anderen Hotels sind unecht oder sogar Fakes.

Als Grenzgänger, der in Saarbrücken wohnt und hier arbeitet, stellte sich mir seit 2008 immer wieder die Frage, wo ich bei Abendterminen übernachten kann, statt mich noch auf den langen Heimweg zu machen. Ein gutes Jahrzehnt war das einfach: Ich konnte preiswert für 35 bis 40 Euro in der „Auberge de Reims„, dem „Bella Napoli“ oder im Einzelzimmer in der Jugendherberge unterkommen.

Erstere Möglichkeit schloss vor ein paar Jahren, die zweite machte während der Pandemie zu und auf die dritte hatte ich irgendwann keine Lust mehr, zumal nicht sehr oft Einzelzimmer verfügbar waren. So kam ich auf diese Auberge, die ebenfalls sehr nah von unserem Büro im Bahnhofsviertel liegt, mir aber wegen der Lage in einer kaum frequentierten Nebenstrasse (ausser abends wegen gewisser Etablissements) nicht immer präsent war und die auch einen Tick teurer ist.

Zum 7. Februar kam der Moment, an dem ich eine Herberge brauchte und es in diesem Haus versuchte, das ich bislang nur wegen der „Trattoria dei Quattro“ kannte, einem italienischen Restaurant im Erdgeschoss. Es klappte: Ich bekam ein Zimmer für 60 Euro (normalerweise über 100 Euro).

Der Eingang fühlte sich warm an. Als die Tür hinter mir zufiel, war ich in einer anderen Welt: Linkerhand ging es in das Restaurant, in dem ich vor Jahren in sehr urtümlicher Atmosphäre an einem beeindruckenden Kaminofen einmal eine Pizza gegessen habe. Geradeaus ging es unter einer schönen Stuckdecke zur Rezeption des Hotels. Es besteht seit 1988, las ich in einem altbackenen Prospekt. Ich hatte zu warten, bis endlich jemand kam und irgendetwas fühlte sich dabei komisch an. Ich verstand später, warum. Aber es gab dadurch Zeit genug, die Details der Stuckdecke zu betrachten: Das Haus scheint schon eine lange Geschichte zu haben, vielleicht seit 80 Jahren ein Hotel?

Ein junger Mann checkte mich dann ein und ich ging hoch zu meinem Zimmer. Das Haus ist schmal. Die Etagen 1 bis 3 haben jeweils gerade einmal vier Zimmer. Es gibt nur 12, aber sie sind durchnummeriert von 21 bis 44. Das Treppenhaus und die Flure verströmten eine – für Luxemburg – längst vergangene Atmosphäre familiärer, etwas altmodischer Hotels. Kitschige Italienbilder, 50er-Jahre-Phantasien, vielleicht aber auch familiäre Erinnerungen…

Aber das Zimmer gefiel mir in seiner pragmatischen Schlichtheit, dem Blick in den Hinterhof und dem vergleichsweise aufgemotzten Bad:

Als ich zum Rauchen runter vor die Tür ging, erzählte mir der junge Mann an der Rezeption, dass er 1988 noch nicht geboren war, als das Restaurant (tatsächlich) von vier Gründern aufgebaut worden war. Neben seinen Eltern, die aus Kalabrien gekommen waren, noch zwei andere Italiener. Die Eltern hätten sich aber vor einiger Zeit getrennt. Jetzt führe die Mutter das Hotel (und wohl auch das Restaurant), der Vater habe 10 min per Auto entfernt ein anderes Lokal aufgemacht, das gut laufe. So läuft das eben manchmal. Er erzählte das ganz nüchtern. Die Auberge ist zwischenzeitlich einmal renoviert worden, dabei wurden unter anderem die Zimmer mit Satelliten-TV ausgestattet. Und einer faszinierenden Lampe…

Im Alltagsleben des Viertels ist das Restaurant (Fotos bei TripAdvisor)viel präsenter, als das Hotel. Hier wird die Pizza in einem Ofen mit Holzfeuer gebacken: von Margharita (10,90 EUR) bis Scamoi (18,80 EUR). Für die Mittagspause der Angestellten der Büros rundum ist das wohl die bevorzugte Kategorie. Es gibt aber auch Fleischgerichte („Carni“) von 17,90 EUR bis 31,90 EUR, Pesco von 27,10 bis 32, 50 EUR, Pasta von 12,50 bis 17,50 EUR (interessanterweise in zwei Sorten aufgeteilt: Pasta Secca und Pasta Fresca). Es gibt hier Platz für 100 Gäste – die ganz gut angenommen werden, wenn ich mich richtig erinnere.

Im Gespräch lernte ich, dass normalerweise montags geschlossen sei, aber es habe für diesen Abend eine Reservierungsanfrage des Restaurants einer Gruppe von 20 Deutschen gegeben. Nur deshalb sei auch das Hotel geöffnet gewesen. Mein Glück. Aber auch mein Pech am nächsten Morgen: Es gab kein Frühstück. Ich konnte nur eine Kaffeemaschine an der Rezeption nutzen und mir danach am Bahnhofsplatz ein Croissant holen. Auch OK.

Viele Kunden kommen wegen der Bahnhofsnähe oder vom Flughafen und seien schnell und unkompliziert hier, erzählte mir der junge Italiener noch. Das passt zu den Infos im Hotel, die es nur in Französisch und Englisch gab. Die internationalen Gäste landen hier in einer der schon angedeuteten spezifisch lokalen Situation einer Nachtclub-Gasse. Früher habe es mehr solcher Lokale gegeben, erzählte mir der Rezeptionist. Heute gebe es nur noch einen, bald entstehe aber ein neuer zweiter (früher gab es hier ein halbes Dutzend).

Problematisch seien hier aber die Junkies. Einmal habe sich einer gegenüber in einen Eingang und eine Spritze gesetzt. Er habe die Polizei rufen müssen, weil sich die Gäste irritiert gezeigt hätten. Wir debattierten ein wenig die altbekannt schwierige Situation des Viertels… Dann musste ich ins Büro.

Adresse: 64, rue du Fort Neipperg, L-2230 Luxembourg, info@trattoria.lu, Tel.: 00352-49 00 30, Homepage

Auberge Gaglioti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

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