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Café Müller_Bamberg

Oktober 8, 2021

Wien ist weit. Aber hier findet sich ein 111 Jahre laufender Versuch, dessen Kaffeehauskultur anderswo zu implantieren. So jedenfalls mein Eindruck gestern, als mir nach einer halben Stunde draussen beim Betreten des Inneren klar wurde, dass das „Café Müller“ nicht nur ein x-beliebiges weiteres Café Bambergs ist, sondern das älteste noch bestehende echte Kaffeehaus der Stadt. So hatte es mir eine Freundin präsentiert, die ich besuchte und die mich hier platzierte (oder soll ich sagen „abstellte“), während sie Bankgeschäfte zu erledigen hatte.

Ich bekam einen sehr guten Espresso, war aber trotz der schönen Lage am Rand der Altstadt zuerst etwas enttäuscht, als das Gespräch mit der Kellnerin (vorerst) ergab, dass das Café seit 1989 existiere. Ich fragte nach: Seit 1989 besteht es wieder unter diesem Namen – vorher hatte es eine unbekannte Zeit lang „Seven Up“ gehiessen. Erst als ich die Speisekarte betrachtete, die ein Foto von 1910 präsentierte, auf dem das Haus mit Café und Kiosk fast genau so wie heute wirkte, wurde mir klar, dass da tatsächlich eine viel längere historische Kontinuität besteht.

Draussen war an diesem frühen Herbsttag mit Sonne deutlich mehr los, als drinnen. Auch der Altersschnitt stieg nach dem Betreten der Innenräume deutlich an, aber ob hier eine echte Kaffeehaus-Multiplikation gelungen ist, kann ich nicht beurteilen. Die optischen Voraussetzungen, dies zu glauben, waren jedenfalls mit wunderschönen Holzvertäfelungen gegeben. Ich verliess das Lokal aber diesbezüglich eher skeptisch. Ob hier auch Schriftsteller ihre „Melange“ aus Dekadenz und Fortschrittsglauben kultiviert haben, wie zur vorletzten Jahrhundertwende an der Donau? Ziemlich viel nostalgische Magie strahlt es immerhin aus.

1936 gründeten hier in der Stadt acht Schriftsteller den „Bamberger Dichterkreis“, der sich der „wahrhaft deutschen Literatur“ verschriebt. Er bestand aus Schriftstellern überwiegend nationalsozialistischer Gesinnung. Zur Ehrenrettung der Stadt sei vermerkt, dass in Bamberg auch der Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg gelebt hat. Nicht zu vergessen die Schriftsteller Hans Wollschläger und Paul Maar. Es ist stark anzunehmen, dass sie alle auch einmal im „Müller“ gesessen haben.

Die heutige Inhaberin stammt aus der ehemaligen Sowjetunion und kann als gutes Beispiel einer erfolgreichen Integration beschrieben werden, wenn man denn will. Ob hier aber wirklich – jenseits der Optik – eine Kaffeehauskultur à la Vienna besteht, vermag ich nach 45 Minuten nicht zu beurteilen. Ich habe vergessen, nach dem Angebot an Tageszeitungen zu schauen und einen Blick auf die Kaffeemaschine zu werfen. Es gibt hier ein gutes Angebot für ein Frühstück und Mittagessen, aber ob die klügsten Köpfe der hiesigen Universität gelegentlich hierherkommen, um sich auszutauschen? So jedenfalls würde ich Wien nach Bamberg projezieren…

Adresse: Austrasse 23, 96047 Bamberg, Tel.: 0951 20 29 43, Homepage

Cafe Müller_Bamberg © Ekkehart Schmidt

From → Cafés

One Comment
  1. Wirklich schönes Café!!

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