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Zum Dorfkrug_Krughütte

September 8, 2021

Der Name „Zum Dorfkrug“ ist in Westdeutschland sehr häufig: ob in Bonn-Lengsdorf, Elkenroth im Westerwald, Marienburg an der Mosel, Schaafheim bei Aschaffenburg, Morbach und Lettweiler in der Pfalz und eben auch im Saarland, wo es allein vier Lokale diesen Namens gibt (in Berchweiler, Düppenweiler, Heckendalheim und eben Krughütte). „Dorf“ ist klar, aber „Krug“? Hat man früher Bier auch in Krügen ausgeschenkt oder ist das ein Hinweis auf Wein? Mir fällt noch der Name „Krug zum grünen Kranze“ ein. Woher wohl? Hier in Krughütte ist der Kontext jedenfalls klar: Hier wurden vom 18. – 19. Jahrhundert in einer Hütte aus den lokalen Tonvorkommen Gebrauchsgeschirre wie Krüge und Steinzeug nach Westerwälder Art hergestellt. Ich hatte früher schon das ehemalige Lokal „Zur Krughütte“ entdeckt, das etwas weiter oberhalb im Ortsteil „Neu-Aschbach“ liegt.

Dort befindet sich eine Straße namens „Zum Krugbäcker“, die auf die frühere – erhebliche – Bedeutung des Ortes verweist: Hier wurden um 1721 Krug- bzw. Kannenbäcker angesiedelt, „um die fette Erde bei der Aspacher Ziegelhütte zu verwerten“, wie der Heimatforscher Christian Kneip schrieb. Sie brannten die Handelsware in gemeinschaftlich betriebenen Brennöfen (daher der Begriff „Hütte“) – bis etwa 75 Jahre später auf das Brennen von Ziegeln umgestellt wurde. Es entstand eine Ziegelhütte, die vor einigen Jahren abgerissen wurde: dort findet sich heute ein REWE-Markt.

Das Gebiet gehört heute zum zusammengewachsenen Ballungsraum Gersweiler-Klarenthal im Westen von Saarbrücken nahe der französischen Grenze. Es scheint einigen weh zu tun, dass Krughütte seine Eigenständigkeit verloren hat. Der Dorfkrug liegt jedenfalls direkt am Ortsschild von Klarenthal, kommt man von Saarbrücken über Gersweiler. Ein etwas verwunschener Eingang führt zum Biergarten, hinter dem das eigentliche Lokal liegt.

Ich setzte mich letzten Sonntag in den kleinen Biergarten (ein Parkplatz dominiert etwas), ging hinein und sagte zum Wirt Ewald Raubuch: „Ich nehm `nen Espresso“ – kurze Pause, die mir sagte, dass man hier nicht so sophisticated ist: „Kaffee also?“. Genau. „Mit Milch und Zucker?“ – „Nein, ganz schwarz“. Alles gut, aber das war schon `mal `ne subtile Ansage: Komm hier nicht mit so städtischen Ansprüchen (dies ist kein Kaffeehaus, sondern eine Kneipe). Ich war dann auch froh, zurück an meinem Biertisch unter sonnenschirmen und liess die Szenerie auf mich wirken.

Das Gespräch der drei, später vier und fünf Männer vor mir drehte sich erst um Brandschutzmelder (daher der Griff des einen Mannes in die Luft), dann um Kebablokale der Umgebung. Ich war froh, endlich hier sitzen zu können. Irgendwie war immer zu gewesen, wenn ich in den vergangenen Jahren an Wochenenden hier vorbei kam. Zwar ist werktags und samstags ab 17 Uhr geöffnet, am Sonntag aber von 11 – 14 und dann erst wieder ab 17 Uhr („bis Ende“). Ich war wohl immer an Sonntagen zwischen 14 und 17 Uhr hier – zur Fussballzeit, wie ich später lernte. Denn der Dorfkrug ist zwar keine Fussballkneipe im engeren Sinne, wenn man hier auch einerseits deutlich die Sympathien für den BVB heraushängen lässt und das Hinterzimmer von einem Riesenflachbildschirm von 1,50 x 1 m dominiert wird, andererseits gleich drei Mal grosse Wappen des FC Klarenthal Krughütte hängen: Neben der Theke, im Nebenzimmer und im Hinterzimmer. Zwischen drei (ausgeschalteten) Spielautomaten.

Meine Fotos vom letzten Besuch am 29. August 2020, als ich das geschlossene Lokal von aussen unter die Lupe nahm, sind mir vorerst verloren gegangen. Das ist nachzutragen. Jetzt war ich aber froh, mich mit dem Vorwand, eine Kartoffelsuppe mit Wiener essen zu wollen und Frau Raubuch nicht zu einem Balanceakt in den Biergarten nötigen zu müssen, ins Hinterzimmer setzen zu können. Um mich fotografisch-dokumentarisch „umzusehen“.

Hinten finden sich zwei der drei Spielautomaten, die aber alle ausgeschaltet waren. Da ist insgesamt Platz für gut 45 Personen plus Thekenplätze und etwa 20 draussen. Das ist schon recht viel.

Der Wirt war wie seine Frau sehr gesprächig-zuvorkommend, ohne dass ich das Gefühl hatte, das sei nur, weil ich Kunde bin. Ich fragte nach etwas zu essen: Ja, es gibt Frikadellen und Kartoffelsuppe mit Wiener. Ich bestellte letzteres und hörte dann: „Ich bin ja zur Kneipe gekommen, wie die Jungfrau zum Kind“ (vor 5 Jahren wegen dem Fussballverein offenbar), „und hab mir dann gesagt: Das ist zwar keine Speisenwirtschaft, aber wenn ich `mal ne Kneipe aufmachen, dann muss es da Frikadellen und Rohesser geben. Mindestens“. Die Kartoffelsuppe war also etwas ausser der Reihe. Etwas salzig, aber nach dem ersten Teller aus der Mikrowelle (er entschuldigte sich dafür) wurde ich gefragt, ob ich einen Nachschlag möchte – gerne. Eine solche Frage ist ziemlich ungewöhnlich geworden. Wie auch die Preise: Der Rohesser zu 1,50 Euro, die Frikadelle zu 2,50 und die doppelte Suppe mit zwei Kaffee für 9 Euro – korrekt.

Man spürt hier wirklich die 112jährige Nutzung. Nicht weil alles etwa abgegriffen oder verstaubt wirken würde – ganz im Gegenteil. Es ist sehr sauber und gepflegt. Es sind die langen Tische und Stühle in den Hinterzimmern, vielleicht auch die altrosafarbenen Tischtücher, die so zeitlos wirken, als hätte es auch in den 1950er-Jahren genau so ausgesehen. Gestern war ich hinten der einzige Gast. Ich betrachtete die alten Fotos an den Wänden und konnte fast das Stimmengewirr hören, wenn hier vor oder nach dem Krieg eine Hochzeit gefeiert, anlässlich eines Geburtstags eine Freirunde gegeben wurde oder Fussballer einen Auswärtssieg feierten. Genauso auch die drückende Stille rund um einen einsamen Gast. Jeden Morgen wurde sauber gemacht und egal wie der Abend vorher verlaufen war, präsentieren sich die Räume wieder wie neu.

Was den Fussballverein FC Klarenthal-Krughütte angeht, bin ich unsicher, ob ich das richtig verstanden habe: Da gab es einen anderen Verein seit 1911, von dem man sich abgespalten hat. Letzterer ging in Insolvenz, wurde aber dann neu gegründet und durfte den Sportplatz vor Ort kostenfrei nutzen, während dem FC das von der Kommune versagt wurde, weshalb man dann eine längere Zeit im nahen französischen Schoeneck spielte. „Aber ich habe das jetzt zurück gezogen, wir sind ja keine Melkkühe für alle“, deutete der Wirt Konflikte an.

In die andere Richtung, zur Theke hin schauend, frage ich mich, was hier beim Mobiliar noch original ist. Ewald Raubuch, der sein Berufsleben als Heizungsinstallateur in Püttlingen verbrachte, aber auch ab 1985 privat als Schiedsrichter aktiv war (zuletzt wegen Knieproblemen nicht mehr), hat im Dorfkrug nicht allzuviel verändert: „Nur die runden Tische hier vorne habe ich nach hinten gestellt und durch viereckige ersetzt. Die haben zu sehr gewackelt, weil der Boden etwas krumm ist. Und ich habe sie dann auch an der Wand festgedübelt, damit nichts kippt“.

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Ein rund 100 Jahre altes Foto und eine Bleistiftzeichnung aus den 1960er-Jahren zeigen Aussenansichten des früheren Lokals, andere einen früheren Kolonialwarenladen. Ein beschriftetes Foto zeigt einen Inhaber des Lokals als stolzer Besitzer der Sau „Emma No 1“, die 720 Pfund auf die Waage gebracht haben soll. Die Wirte waren damals sicherlich nicht nur Inhaber einer Gaststätte, sondern auch anderweitig ökonomisch aktiv. Auch eine historische Ansichtskarte vom unteren Teil der Friedrichstraße in Krughütte zeigt das Gasthaus Daniel Stötzer – später Isidor Schilz -, das wiederum anschliessend als ‚Dorfkrug‘ von Ursel Renno, der Enkelin von Isidor Schilz, bewirtschaftet wurde. Es folgten weitere Pächter, wie ich diversen Ausgaben der Stadtteilzeitung entnehme: so ab 2005 Andrea Stoll und Angelika Wendel, etwa ab 2008 Detlef und Marie-Luise und dann seit 2015 Ewald Raubuch. Er zeigte mir eine Kopie der ersten Ausschankgenehmigung vom 25. Mai 1909.

Alldieweil lief eine irgendwie bayrisch wirkende Schlagermusik, aber auch mit „Bella Ciao“ und Reinhard May. So ganz wurde ich nicht schlau über den „Geist“ des Lokals, zumal Ewald Raubuch einen bemerkenswerten „Hindenburgbart“ trägt, im Fenster aber auch ein Poster hängt, das gegen den Ausbau der Windenergie Front macht. Es fühlt sich jedenfalls „weltoffen“ an.

Ich bin dann wieder nach draussen und Frau Raubuch blieb beim Bringen des zweiten Kaffees gesprächig, erzählte von ihren zwei Boxerhunden, deren letzter 2014 eingeschläfert wurde. Hier bleibt kein Gast einsam.

Jemand hat 2014 eine lange Fotoserie von einem Klassentreffen, dem Oktoberfest und sonstigen Anlässen unter quamid.de gepostet. In verschiedenen Ausgaben der Stadtteilzeitung finden sich ferner per Anzeige Ankündigungen etwa eines Weihnachtsmenüs, eines Primeurfests 2007 oder von Sommerfesten des Schalmeien- und Kulturvereinis Dudweiler 2017-19. Typische Versuche also, das Lokal voll zu kriegen und zugleich zu einem Treffpunkt der Dorfgemeinschaft zu machen. Das ist jetzt alles nicht mehr so einfach. Ewald Raubuch sagte mir, dass sie das Datum der ersten Ausschankgenehmigung feiern wollten, doch war das wegen den Pandemiebestimmungen ebenso wenig umsetzbar wie eine Feier zu 300 Jahren Entstehung des Ortes 1721, an die ein Gedenkstein direkt neben dem Biergarten erinnert. „Das müssen wir halt nachholen“, sagt er.

Wie so oft: Ich muss wiederkommen. Freitags gebe es Hackschnittchen, da sei es dann richtig voll. Man trinke dann auch den einen oder anderen BVB-Rum dazu. OK…?

Adresse: Friedrichstraße 17, 66127 Saarbrücken, Tel.: 06898-7950011

Verwendete Quelle: Kneip, Christian: Heimatbilder von Dörfern und Höfen zwischen Saar und Warndt, hg. vom Heimatkundlichen Verein Gersweiler-Ottenhausen, Nachdruck der Erstauflage 1934, Saarbrücken 2004, S.53f

Zum Dorfkrug_Krughütte © Ekkehart Schmidt

From → Gaststätten

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