Zum Inhalt springen

Marburger Haus_Hirschegg

September 4, 2021

Ein halbes Jahr hat es emotional in mir gearbeitet: Auf den Vorschlag meiner 83jährigen Mutter hin würden wir noch einmal einen Urlaub in einem Haus in den Alpen verbringen, in dem wir vor fast 50 Jahren zuletzt waren. Drei Mal: Im „Heimaturlaub“ aus dem Iran kommend, im August 1969, August 1970 und auch nach der Rückkehr nach Deutschland 1972 und 1976. Die Vorstellung war jetzt emotional, oder besser gesagt psychologisch, natürlich sehr aufgeladen: Welche Erinnerungen würden da hoch kommen?

Das „Marburger Haus“ liegt in 1140 m Höhe in einem Seitental des Kleinwalsertals unterhalb des für mich mystisch gewordenen Felsplateaus des „Hohen Ifen“ im Schwarzwassertal, als Teil einer Ansammlung von Häusern namens „Wäldele“, die weit genug von den touristisch stark überprägten Ortschaften Hirschegg und Riezlern liegt. Damals wie heute fühlt man sich dort etwas exklusiv – und tatsächlich sieht man von dort aus fast keine anderen Häuser und kann sich noch immer vom „üblichen“ Tourismus abgehoben fühlen.

Ein Bus der Linie 3 bringt einen vom Haupttal an der Breitach schnell hinüber.

Das Haus wieder zu sehen, war ein besonderes Erlebnis. Wir wurden im 2017 errichteten Neubau rechterhand untergebracht. Im 1961 erbauten Altbau hing aber auch ein Foto der damaligen Situation dieses ursprünglichen Studierenden-Wohnheims der Universität Marburg (die ich 1984-88 auch besucht hatte). Damals in den 1960ern war das aber natürlich die Wahl meines in dieser Universitätsstadt geborenen Vaters, eine solche Möglichkeit einer relativ preiswerten Unterkunft buchen zu können und sich doch exklusiv zu fühlen. Auch die Universitäten Stuttgart und Frankfurt unterhalten hier im Tal ähnliche Häuser, aber dieses ist das grösste.

Das im Stil der traditionellen Vorarlberger Holzbauweise erbaute Haus hat immer noch den Charakter einer Unterkunft für Gruppen jüngerer Erwachsener, aber im Neubau fühlte man sich wie in einem Viersternehaus. Beide wurden durch ein Foyer verbunden, in dem ich auf der grossen Karte jeden Tag unsere Touren plante.

Im Altbau sieht es dagegen eher noch wie in einer Jugendherberge aus. Als ich da einmal kurz in ein Zimmer schauen konnte, kamen ein wenig Erinnerungen hoch. Aber nicht wirklich konkret, eher in Bezug auf die Dunkelheit des Holzes. Es gibt auch keine Fotos der damaligen Inneneinrichtung: Alltag war für meinen Vater nie ein Thema der (kostbaren) Fotografien auf 24er- oder 36er-Filmen. Auch der heutige Speisesaal weckte keinerlei Erinnerungen. Die „Philippsstube“ war schon damals holzvertäfelt, aber das wurde alles neu gemacht – sehr angenehm. Keine „Kaputtsanierung“. Leider auch keine Veränderung der Einkaufspolitik der Küche: Nachhaltigkeit sei nicht machbar, weil die Gäste auf jeden Euro schauen würden, sagte mir Herr Oelkers, der mit seiner Frau das Haus durch ihre letzte Saison führt. Es geht in Rente.

Aussen hat sich dagegen viel mehr getan: Es gibt jetzt einen Beachvolleyball- und einen Fussballplatz, dafür weder die Schaukel und Rutsche, noch das kleine Häuschen mit dem Fenster, in dem wir damals ein Kasperle-Theaterstück improvisiert haben. Es kommen wohl kaum noch Familien mit kleinen Kindern. Zeitgleich mit uns war da nur noch eine andere, Freunde der Inhaberfamilie.

Ich konnte meinen Kindern nicht das bieten, was mich damals so fasziniert hatte: Der Geruch von bemoosten Steinen unter Fichten hinter dem Haus war für mich damals – aus dem trockenen Iran kommend – natürlich ganz anders faszinierend, als für meine Söhne heute. So spielten wir viel Fussball. Abends blieb ich eher alleine, weil die 6- und 8jährigen genauso wie die 83- und 85jährigen eher früh ins Bett gingen. Die christliche Jugendgruppe aus Heilbronn führte dagegen – auch nach Kräfte zehrenden Volleyballturnieren – noch spät abends Seminare durch, übte Klavierstücke und Songs, studierte die Bibel, während ich Tagebuch schreibend zur Ruhe kommen wollte – jeder einzelne Tag hier war voll mit Wanderungen, Seilbahnfahrten und Schwimmbadbesuchen.

In Bezug auf Gespräche über all das, was wir als Familie seit dem letzten Besuch hier erlebt haben und welche Bedeutung das Kleinwalsertal für unser Familien-Narrativ hatte, war der Aufenthalt eine Enttäuschung. Da gab es seitens meiner Eltern kein Bedürfnis. Schade.

Nur eine Erkenntnis war neu: Meine Eltern waren damals ja, aufregend erfolgreich im Iran lebend und arbeitend, auf „Heimaturlaub“ hier. Es kamen dann auch Freunde aus Studienzeiten zu Besuch. Man habe regelrecht „Hof gehalten“ sagte meine Mutter an einem der wenigen Abenden mit gutem Gespräch (ansonsten waren diese von „Schwarzer Peter“ und „Uno“ dominiert). Für uns Kiddies waren Tante Ute und Onkel Joachim mit Eva und ihren Kindern zu Besuch und ich erinnerte mich jetzt auch daran, bei einer Wanderung auf dem Heuberg zur „Sonna-Alp“. Ansonsten war für uns die Welt der Erwachsenen damals ziemlich irrelevant. Ob meine Kinder das in 50 Jahren auch so erinnern?

Adresse: Wäldelestraße 16, A-6992 Hirschegg/ Kleinwalsertal, Tel.: +43 5517 57680, info@sportundstudienhaus.de, Homepage

MArburger Haus_Hirschegg © Ekkehart Schmidt

From → Hotels

Kommentar verfassen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: