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30 Tage Klimacamp Saarbrücken

März 25, 2021

Logbuch vom 12. April 2021: Das Klimacamp wird aufgelöst. Claudia berichtete mir heute vom gestrigen Plenum: „Das digitale Klimacamp hat gegen das Camp vor Ort entschieden“. So genau habe sie das nicht verfolgen können, weil sie vor Ort in Gesprächen mit Leuten war, die man sonst eigentlich kaum mit diesem Thema erreicht, während sich zu dem knappen Dutzend Leuten auf dem Gustav-Regler-Platz deutlich mehr online dazugeschaltet hatten. Und entschieden, dass es morgen vorbei sein soll. Vielleicht schon heute Nacht, falls sich nicht mehr die drei Leute finden, die es braucht, damit die seit dem 19. März durchgeführte „Versammlung“ noch als fortlaufend gilt. Ordnungsamtsjuristisch.

Logbuch vom 13. April: Am Camp ist richtig viel los und nichts deutet auf einen Abbau hin. Verwundert frage ich Claudia: Sie erzählt, dass es doch noch eine Art letztes Aufbäumen gab und der Schichtplan tatsächlich bis Ende der Woche Stunde für Stunde mit je mindestens drei Freiwilligen gefüllt werden konnte. Der beantragte Monat vom 19. März bis 19. April wird also tatsächlich „voll“ ausgenutzt, oder fast: Denn das Camp endet um Mitternacht abends am 18. April. Das ist mal eine Duftmarke an Politik und Gesellschaft, die sich gerade bis zur Bewusstlosigkeit von einem Symptom unseres Themas dominieren lässt!

Die 26 Tage vorher habe ich kontinuierlich zu dokumentieren versucht:

Naja, so spektakulär aufregend obercool wirkte das anfangs nicht, wenn man von der Stadtbibliothek auf den Gustav-Regler-Platz guckte. Statt einer Demo von Fridays for Future ein Klimacamp seit dem 19. März, mit Plakaten und Postern und so… Wenn man aber versucht, nachzuvollziehen, was es heisst, 24/24 und 7/7 konstant mit mindestens drei Personen eine erstmal eine, dann sogar zwei Wochen anwesend zu sein, kommt hoffentlich Respekt auf. Das sind immerhin 168 Stunden pro Woche, bei denen jede einzelne bei Minusgraden Ausdauer, Commitment, Organisation, Kreativität und Flexibilität erfordern. Mittlerweile steht das Camp 27 Tage, also 648 Stunden. Eine kleine, täglich fortgesetzte Doku von jemandem, der gerade einmal 1/20 der Zeit da war.

Es begann am Freitag, 19. März mit einer Pressemitteilung und wenig später der bösen Erkenntnis, dass das Ordnungsamt aus hygienetechnischen Gründen kein Camp mit Pavillons und Zelten erlaubte. Gestattet wurde – für die erste der beantragten vier Wochen -, dass hier Leute stehen und über Nacht bleiben (aber ohne auf Stühlen zu sitzen und zu schlafen). Dagegen wurde juristisch vorgegangen – und gleichzeitig war plötzlich zu improvisieren, wollte man nicht klein beigeben. Was zunächst unvorstellbar schien, wurde dann doch erstaunlich schnell umgesetzt: Es entstand ein Camp, das ich als eine Art Schiff empfand, mit klar umrissenen Konturen, markiert durch Banner und einer Art Kapitänskajüte unter dem Dach des Bürgeramtes.

Dort ruhten bislang während der ersten Woche immer mindestens drei Personen, darunter ein offizieller Versammlungsleiter, ohne schlafen zu dürfen – was zum Beispiel in der Nacht auf Donnerstag während mehrerer Besuche von Polizisten angemessen zu interpretieren war, dummerweise wurde in der Nacht zum Freitag eine Person schlafend angetroffen (nicht absichtlich, nur aus Erschöpfung).

Die „Kapitänskajüte“ bestand aus Isomatten, Decken sowie Kartons und Regalen mit Material und Lebensmitteln. Letztere wurden immer neu bestückt mit Kuchen, Quiches, Salaten, Brot und Kuchenstückchen, die von Unterstützerinnen gespendet wurden, neben Bananen und Birnen von foodsharing. Dazu schenkten unterschiedlichste Leute jeden Tag neu Kannen mit Kaffee oder Ingwertee. Andere brachten Geschirr und spülten dies anschliessend.

Respekt, dass es viele Leute wirklich derart Ernst meinen! „Fight every crisis“ war für mich der gemeinsame Nenner aller beteiligter Organisationen und Personen: BUND Saar, DIE PARTEI, Foodsharing, Fridays for Future, Fuss e.V., Greenpeace Saarbrücken, Omas gegen rechts, Parents for Future, Seebrücke Saar, Transition Town Saarbrücken, Veganer for Future, Feministinnen und Leute der Friedensbewegung.

Aber nochmal zurück zum Beginn: Ich war mit meinen Kleinen am 20. März erstmals da und wir trugen per Sprühkreide und Fahnenschwenken unseren kleinen Teil dazu bei, das „Event“ zu gestalten:

Wir erlebten eine Filmvorführung zum Thema Fleischkonsum – was für die Kinder gerade ein Thema war. Wir lernten dabei Sarah Maurer von „Vegans for Future“ kennen, die einige Monate später ein sehr überzeugendes Video zum Thema drehte: „Vegan essen gegen den Welthunger?

Und nahmen an einer ersten Plenumssitzung teil. Lara Wörner von Fridays for Future leitete sie gemeinsam mit Versammlungsleiter Rune Becker von Parents for Future. Das läuft schön basisdemokratisch. Beide sind, mit Alisia, Almut und ihrer Tochter, Christian, Claudia, Denis, Fredi, Joel, Jonathan, Lena, Marvin, Reiner oder Simon fast konstant da. Rune war schon mehrfach 28 Stunden am Stück nicht mehr zuhause. Er beschäftigt sich viel mit juristischen Fragen, hat OB Uwe Conradt dieser Tage schon zweimal verklagt, um das Fortbestehen des Camps zu sichern (Grundrecht auf Versammlungsfreiheit versus Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit). Schade, dass das nötig ist, denn eigentlich geht es ja um Inhalte: Die 30 Forderungen für ein klimaneutrales Saarbrücken.

Danach war ich – abgesehen von Ostersamstag und -sonntag – jeden Tag für ein paar Stunden da, wie so viele andere auch, vor und nach der Arbeit oder zwischendurch im Home-Office, den Platz „bespielend“, auf Leute eingehend, die etwas loswerden wollten oder anderweitig das Gespräch suchten, ein Logbuch für Anregungen kaufend und beschriftend, Pappschilder beschwerend, dass sie nicht dauernd umfallen, Räder an Banner lehnen, dass diese nicht wegfliegen … Schön improvisieren. Aber nicht nur: ein Schichtkalender auf der App „teamup“ hilft beim organisieren: Hier tragen sich die Unterstützer*innen in Zeit-slots ein, geben an, von wann bis wann sie können (fest oder nur bei Bedarf), nachts in einem nahen „Gästezimmer“ verschwinden, um ein paar Stunden zu schlafen oder auch die Versammlungsleitung übernehmen können.

Fast jeden Tag gibt es einzelne Aktivitäten zur Sensibilisierung zu verschiedenen Themen im gemeinsamen Kontext. Das lief erst schleppend an, nach einer Woche traten die Veganer stärker in Erscheinung, dann machten Aktivisten der „Seebrücke“ in einer Aktion darauf aufmerksam, dass die Klimakrise zu Fluchtbewegungen führt und die EU heuchlerisch-menschenfeindlich darauf reagiert. Die Trommler von Samba O‘Leck traten auf und Leute vom Friedensnetz Saar informierten in einem Workshop darüber, dass das Militär und Kriege die grössten Klimasünder sind:

Es entwickelt sich, generationenübergreifend, ein schönes Gemeinschaftsgefühl, sich für ein übergeordnetes Ziel so einzusetzen, dass trotz oder wegen aller Widrigkeiten Optimismus und das Erleben von „Selbstwirksamkeit“ entsteht. Keine schlechte Bilanz dafür, dass sich die meisten Akteure vorher kaum kannten! Es waren immer Leute verschiedenster Engagements dabei: Ein Klimacamp ist ein Ort für Vernetzung!

Logbuch vom Donnerstag, 25. März: Soweit die erste Woche. Wie es weitergeht, werden wir morgen sehen. „Wir streiken, bis Ihr handelt“ ist ein Motto. Bislang kamen in der Stadt, die 2019 den Klimanotstand ausgerufen hat, nur 3-4 Mitglieder des Stadtrats und der frühere Bürgermeister Kajo Breuer ins Geviert. OB Uwe Conradt lief nach dem Parken seines Audis jeden Tag vorbei, ohne das Gespräch zu suchen. Daraufhin wurde er Donnerstag von Akteuren angesprochen, aber er blockte ab. Das Thema scheint ihm nicht relevant zu sein. Das ist sehr ernüchternd.

Andere Klimacamps, die zum Teil schon seit gut 200 Tagen bestehen, gibt es in Augsburg, Bielefeld, Bremen, Dresden, Hamburg, Nürnberg und Trier. Das Saarbrücker Camp ist für einen Monat angemeldet. Es wirklich am Laufen zu halten, bedeutet aber, kontinuierlich unterstützt zu werden: Nur mit DIR können wir so lange protestieren, bis es die Umstände zulassen, unsere Versammlung zu beenden!

Auch die Medien haben das Camp durchweg ignoriert, abgesehen von Meldungen über das Gerichtsurteil vor einer Woche, einem Artikel über Jonathan und einem SR-Besuch Ende der Woche, aus dem aber vorerst nichts entstand. Schade. Man könnte schöne Reportagen machen und endlich von dem Thema wegkommen, dass alles seit einem Jahr dominiert, obwohl es nur ein Symptom für unser Thema ist. Erst am 30. März erschien ein längeres Porträt von Simon in der Saarbrücker Zeitung.

Logbuch vom Freitag, 26. März: Das Oberverwaltungsgericht Saarlouis hat heute in einem Urteil bestärkt, dass im Camp nicht geschlafen werden darf und auch keine Zelte aufgebaut werden dürfen – was im Umkehrschluss bedeutete, dass Pavillons und Stühle doch erlaubt sind (da sie ja niemand zum schlafen nutzt). Es stehen nun also einige Nächte vor der Gruppe, in denen tatsächlich niemand auch nur kurz schlafen darf. Ein neues Modell, wurde nachmittags im Plenum besprochen: Es gibt „Gästezimmer“ nahebei, in denen müde Leute schlafen können. Aber drei wache Leute brauchen wir jede Nacht.

Logbuch vom Samstag, 27. März: In der (achten) Nacht hat es gestürmt und (erstmaliger) vormittäglicher Regen zwang die Leute dazu, kurzfristig alle Fahnen, Plakate und Banner unter das schützende Dach des Bürgeramtes zu bringen, um gegen 11 den Platz wieder neu zu bestücken… Nachmittags sah alles wieder aus, als wäre nichts gewesen. Aber im Detail passiert viel: eine Frau brachte eine Brokkoli-Suppe und einen kleinen mobilen Herd, was eigentlich nicht gestattet ist (weil „campen“), es wurde debattiert, ob Europaletten ausgelegt werden sollen, damit die Kälte des Bodens beim nächtlichen Ruhen nicht durchdringt und ich beschäftigte mich damit, ein paar Dutzend der 250 vom Umweltministerium bei einem Besuch vor einer Woche gespendeten „Samenbomben“ an Familien mit Kindern zu verteilen – wobei mir auffiel, dass wir uns zu passiv nur im Inneren unseres Gevierts aufhalten. Und morgen könnte man einen Pavillon aufbauen …

Logbuch vom Dienstag, 30. März: Endlich wird es warm, so kommen auch mehr Leute für längere Zeit ans Camp. Gestern abend war es ein Dutzend, heute mittag auch wieder. Aber es kommt Skepsis auf, ob man die Nachtwache zu dritt weiter durchhalten kann. Die Hauptakteure sind doch langsam etwas ausgelaugt. Sie haben ja auch noch ein anderes Leben: als Abiturprüfling, Student*in kurz vor Prüfungen, Leute im Homeoffice… Am Sonntag wurde aber der erste, gestern ein zweiter und heute ein dritter Pavillon aufgebaut. Das Camp wirkt so schon viel etablierter. Es wurde zudem an einer Pressemitteilung gearbeitet und ein Gespräch mit Ministerpräsident Tobias Hans und dem neuen Leiter des Saarforsts, Thomas Steinbach Mitte April vorbereitet.

Logbuch von Karfreitag: Das Ordnungsamt, welches täglich Mitarbeiter*innen vorbeischickt, hat erneut Veränderungen des Camps bewirkt: Unter dem schützenden Dach des Bürgeramtes darf nichts mehr stehen. So war die Fläche erneut zu verkleinern, aber damit einher ging eine Verdichtung, die das Camp heimeliger macht. Manche dieser Verfügungen wirken schikanös, aber oft sind Ordnungsamtsbesuche auch nur kurz, à la „nach dem Rechten sehen“, was ja legitim ist. Weiterhin ist es hier im Schatten morgends sehr kalt. Heute früh blies auch ein heftiger Wind, der vieles umriss. So mussten die Pavillons per Bindfaden an Bodengittern befestigt werden.

Es kamen wieder einige Leute vorbei, die im Leben etwas verloren wirken. Sie suchten das Gespräch, manche blieben ein paar Stunden, andere riefen uns eher wirres Zeug zu. Generell gibt es aber enorm viel Zuspruch von Menschen, die schon vor Jahren resigniert haben, weil sich die Politik nicht zu bewegen scheint. Sie kommen ein erstes Mal und schauen. Dann ein zweites Mal. Und beim dritten Mal trauen sie sich hinein. Schön!

Nachmittags kam ich mit den Kindern ein zweites Mal vorbei. Sie hatten erst Spass mit Skateboards und Rollern und amüsierten sich dann mit einem Möbelrollgerät, an das sie drei Expander hängten… So blieben wir drei Stunden.

Im Plenum waren parallel ein paar schwierige Fragen zu klären. Vor allem die, ob wir nicht einen Wärmeraum finden, in dem sich die Leute der Nachtschicht während der immer noch eisigen Temperaturen in dieser Betonwüste einzeln kurz aufwärmen könnten: Die Toilette am Rathaus ist genauso warm wie der Vorraum der kleinen Volksbank-Filiale am St. Johanner Markt, aber das sind eher unwürdige Orte. Johanniskirche? Jugendclubs nahebei? Wir fanden dann eine Lösung mit dem DAJC, für die Kinder gab es (nach dem Eis vorher) eine Gotti-Pizza to go. Mit anderen Versprechungen hätte ich sie kaum aus der sich langsam über den Platz senkenden Kälte weglocken können. Vorher haben sie noch mit Sprühkreide ihr statement hinterlassen: „Auto Nein“.

Logbuch vom Ostermontag: Die Pressemitteilung ging als Offener Brief gestern an die Stadt und die Medien. Im Wesentlichen beschwert sich das Klimacamp-Team über das Vorgehen des Ordnungsamtes. Heute gab es Schneeregen und es war empfindlich kalt. Aber es kommen weiterhin genug Leute für die Nacht zusammen. Auch weil Jonas Ostersamstag einen Aufruf startete: „Wir bräuchten noch dringend Unterstützung beim Übernehmen von Schichten. Wenn ihr hier und da mal ein paar Stunden im Klimacamp sein könntet, tretet am besten über den Link der (neuen) telegram-Gruppe bei, in der wir die Schichten organisieren.“ Rune erklärt mir, dass sie sich auf das „Hamburger Modell“ geeinigt haben: je zwei Leute ruhen und wachen, je zwei mummeln sich in Schlafsäcke und schlafen eine Weile. Die kommende Nacht wird unangenehm, weil es nicht gelingt, den Regen vom Inneren des Pavillons abzuhalten. Ich fror schon nach einer Stunde an der frischen Luft und könnte mir hier keine Nacht vorstellen.

Logbuch vom 6. April: Der DAJC bot heute an, sich tagsüber im Club nahebei bei einem kostenlosen Kaffee oder Tee aufzuwärmen. Es stehen auch zwei Sofas zur Verfügung, die beim Nächtigen im Camp sicherlich einen Teil der Bodenkälte auffangen würden. Es schneite heute mehrmals und ich traf am frühen Nachmittag neben zwei Veteran*innen auf vier neue junge Leute, die Jonas Aufruf gefolgt waren, neben dem Fotografen Gerhard, der das Camp seit Beginn alle paar Tage dokumentiert. Der Offene Brief hat scheinbar keine Resonanz hervorgerufen. Fröstelnd entferne ich mich nach einer halben Stunde: Chapeau!

Logbuch vom 8. April: Ich bekam vorgestern nicht mit, wie einschneidend weitere Restriktionen des Ordnungsamtes (bzw. der dieses instruierenden Politik) zwischenzeitlich das Camp beeinflusst haben: Drei von vier Pavillons mussten abgebaut werden und auch die Tische und Bänke waren zu entfernen. Es ist jetzt verboten, dort zu essen und zu trinken. Das sind ziemlich peinliche, kaum begründbare Schikanen, aber viel unverständlicher: Weiterhin gibt es keinen Versuch des Gesprächs seitens der regierenden Koalition. Auch seitens der GRÜNEN nicht, abgesehen von einigen Besuchen zu Beginn des Camps. Immerhin setzten sich heute wohl Vertreter von SPD und DIE LINKE ein. Das ist schon sehr enttäuschend und ernüchternd. Keine gute Stimmung heute abend, als ich für anderthalb Stunden da war. Der SR berichtete immerhin, nannte dies eine „teilweise Räumung„. Und Rune hat wohl die dritte Klage eingereicht.

Logbuch vom 10. April 2021: Jonas hat gestern aus dem Abstellraum am Stadenbeet Kohle gebracht, die noch von der Demo am Schloss vor einem Jahr stammt. Daraus wurde das Wort „Stopp“ geschrieben. Von foodsharing kamen wieder Bananen (auf einer stand: „Uwe ist doof“), andere kochten eine Suppe und ein pensionierter Schulleiter eines Fridays-Aktivisten brachte heute Kirschstreuselkuchen vorbei, dazu eine nette Karte. Toll!

Am 11. April wurde entschieden, das Camp nicht bis zum beantragten 19. April fortzuführen, sondern es abzubrechen. Dafür sprach (ohne, dass ich die Argumente beim Plenum gestern gehört hätte), dass wir schon ausreichend unsere Ausdauer gezeigt haben, die Klimakrise endlich zurück auf Platz 1 der Tagesordnung zu bringen. Das wurde von vielen anerkannt (nur nicht von den Medien und der Politik). Dutzende Leute haben viele Opfer auf sich genommen, in Eiseskälte nachts ausgeharrt, die Vorbereitungen auf die Abiprüfungen schleifen lassen… Das wurde gesehen. Mangels Resonanz, macht eine Fortführung aber keinen Sinn mehr, wenn wir unsere Kräfte verschleissen, statt andere Aktivitäten anzugehen. Zumal die Bürger*innen wahrgenommen haben, dass OB Uwe Conradt nicht die Grösse besass, zumindest einmal hier – in unmittelbarer Nähe seines Dienstsitzes – für fünf Minuten vorbei zu schauen, noch nicht einmal für ein noch so kurzes Gespräch. Er schaute vor und nach der Arbeit am Camp vorbei. Also woanders hin.

Unsere Kraft ist zwar auch durch die Schikanen des Ordnungsamtes verschlissen worden, aber wir haben es auch versäumt, ausreichend für das Camp zu mobilisieren und für interessante Aktivitäten zu sorgen. Claudia bedauerte, dass wir zuletzt noch nicht einmal mehr imstande waren, Angebote wie das von Bob Ziegenbalg vom Theater Überzwerg anzunehmen, eine Rezitation oder ein kleines Stück aufzuführen. Das virtuelle Gespräch mit Ministerpräsident Tobias Hans am 15. April stand zu sehr im Vordergrund. Das Aufrechterhalten des Camps durch das Organisieren einer ständigen Anwesenheit von mindestens drei Leuten 24/24 und 7/7 reduzierte generell unsere Ressourcen.

Bei dem Gespräch ging es um die Zusammenhänge zwischen der Umweltzerstörung, der Biodiversitätskrise, der Klimakrise und der Corona-Pandemie. In einer anschliessenden Pressemitteilung unsererseits hiess es:

„Für die Klimaengagierten im Saarland ist klar, dass der Wiederaufbau nach der Corona-Krise mit einem sozial gerechten Kampf gegen die Klimakrise und die weiteren Umweltkrisen verbunden werden muss, da die Ursachen sehr eng zusammenhängen. Die Wechselwirkungen der Umweltkrisen mit den entsprechenden Risiken für die Gesundheit und Sicherheit der Menschen hat Ministerpräsident Hans erkannt. „Jetzt sollten die Regierungen die Biodiversitätskrise und die Klimakrise auch in der Öffentlichkeit und vor allem zügig in einem adäquaten und sozial gerechten politischen Handeln miteinander verbinden!“, betont Lara Wörner von Students for Future. Die Diskussion der Probleme könne nur der erste Schritt sein. Um die Zerstörung der Lebensgrundlagen heutiger und künftiger Generationen endlich effektiv einzudämmen, müsse der Ministerpräsident den Klimaschutz und den Artenschutz jetzt zur Chefsache und damit zur Priorität in allen Politikbereichen erklären, fügt Wörner hinzu.

Bei der Umsetzung einiger konkreter vorgeschlagener Maßnahmen zur Erreichung der Klimaneutralität bis 2035 gemäß dem Pariser Klimaabkommen wie einen kostenlosen, flächendeckenden ÖPNV, eine landesweit gut
ausbaute Radverkehrsinfrastruktur oder eine Photovoltaik-Pflicht für Neubauten war der Ministerpräsident noch wenig entschlossen. Umso kooperativer zeigte er sich hinsichtlich der Einrichtung eines „Bürgerinnenforums“ für Nachhaltigkeitsfragen nach dem Vorbild des französischen Klimabürgerinnenrates „Convention citoyenne pour le climat“. Hans „will die Debatte“ zu den relevanten Themen unter Einbezug verschiedenster Bevölkerungsgruppen. Ein solches „Bürger*innenforum“ soll nun zusammen mit dem Landtagspräsidenten Stephan Toscani auf den Weg gebracht werden. Weitere Zugeständnisse gab Hans auch, um Klimaneutralität und die Nachhaltigkeit im Allgemeinen am Uni-Campus Saarbrücken weiter voranzubringen.“

Logbuch vom 16. April: Das war`s dann jetzt? Nein. Es kam doch anders (siehe eingangs). Claudia hatte mir vor drei Tagen schon angekündigt, dass man das Angebot des Regisseurs Bob Ziegenbalg doch annehmen konnte, weil wir doch nicht aufgeben: Heute um 16 Uhr legte er diesen Auftritt hin, bei dem er – ohne es explizit zu sagen – eine Parallele zwischen der untergehenden Titanic und der heutigen Situation zog: Er las von Hans Martin Enzensberger einige ausgewählte Gesänge aus der 1978 erschienenen Publikation „Der Untergang der Titanic“ (Rezension im SPIEGEL damals):

Zwischenzeitlich immerhin 17 Personen nahmen sich Zeit und hörten zu, darunter als einzige Stadträtin auch Yvonne Brück (SPD). Das Bewerben des Camps war tatsächlich keine unserer Stärken…

„Eine Komödie“ hat Enzensberger diese Texte genannt. Heute würde man eher von einer „Tragödie“ sprechen, nähme man die Metapher vom – ungeachtet der Schieflage – weiter spielenden Orchester in der Luxusklasse ernst. Aber eine Parrallele passt: Es war damals, vor 99 Jahren, im Fortschrittsglauben einfach nicht vorstellbar, dass …

Im Sommer, schlug Ziegenbalg vor, könnten wir am Theater Überzwerg das Stück ganz lesen, also einüben und aufführen – ich hoffe, das werden genug Leute annehmen. Auch von den Schüler*innen, die ich hier selten gesehen habe. Am Samstag gab es ein Abschluss-Statement und ein schönes Foto, das ich von FFF übernehme:

Logbuch vom 21. April: Ich war dabei und danach nicht mehr da, schaute nur heute einmal vorbei und sah von weitem, dass da drei Polizeiwagen an der Stelle unseres Camps standen. Da auch die Polizei nicht unempathisch ist, kann das kein Zufall sein. Dort stand nie die Polizei und das Derby gegen den FCK war erst Tage später.

Klimacamp Saarbrücken (c) Ekkehart Schmidt

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