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Café_Altlinster

März 20, 2021

Was das gut tat! Gestern früh ging es entlang der halb überfluteten Aue der weissen Ernz per Rad von Larochette zurück in Richtung Luxemburg, es war eisig, dann kam Schneeregen, aber ich sah in einer faszinierenden, lang gestreckten Sumpflandschaft Enten und Reiher, hörte Frösche und hatte im uralten Ort Altlinster eine Erscheinung, wie ich sie noch nie in all den Jahren meiner Fokussierung auf alte Cafés und Kneipen erlebt hatte. Das entschädigte dafür, hier kein Heissgetränk zu bekommen. Und auch danach in Bourglinster nicht. Egal. Es läuft beim Radfahren nicht immer so, wie man sich das so vorstellt und erhofft. Dafür wird man halt meist anders entschädigt, weil und wenn es gelingt, den Weg wirklich wahrzunehmen.

Altlinster ist ein kleines, landwirtschaftlich geprägtes Dorf in einer weiten Ebene ausgangs (flussaufwärts) eines durch die Region Müllerthal zur Sauer führenden Tals. In 12 Jahren Beschäftigung in Luxemburg war ich trotz vieler Fahrten noch nie hier. Mitte des 20. Jahrhunderts war das noch anders, da führte hier die Schmalspurbahn Luxemburg- Echternach durch, auf deren ehemaliger Trasse ein schöner Radweg angelegt worden ist. Ich kam nach der Umstellung auf den Autoverkehr nur sehr oft nach oder durch Junglinster, einem deutlich grösseren Ort oberhalb der Ebene an der Hauptstrasse. Ob „Alt“ und „Jung“ auf eine Abfolge verweisen? Am Ortsrand steht jedenfalls ein beeindruckender alter Hof, aber im Ortskern findet sich neben der Hubertuskapelle nichts von historischem Interesse – bis auf dieses Café. Fast hätte ich es übersehen. Aber dann: Waow!

Eine Vignette zeigt, dass eine Frau Antoinette Greis für dieses namenlose Café 2020 eine Betriebserlaubnis hatte. Für 2021 noch nicht, aber das heisst in Lockdown-Zeiten nicht, dass es endgültig geschlossen ist. Leider kam niemand vorbei, den ich hätte fragen können. Es hielt nur ein Paketbote und der Mann, der die Strasse an der Hubertuskapelle in meine Richtung lief, aber in dieser verschwand und die Mittagsglocken läutete.

Was mich in den sumpfigen Auen beeindruckt hatte – dass alles Lebendige, wie die grossen Bäume, irgendwann zu Totholz werden und Platz für Neues schaffen, das sich aus ihnen ernährt – so wird es auch diesem Gemeinschaftstreffpunkt eines Dorfes mit 137 Einwohnern ergehen. Nach der Pandemie wird es gestorben sein. Dann kommt nach einigen Jahren des Leerstands entweder ein Investor mit „modernem“ Konzept, oder die Schilder werden endgültig abmontiert, die Aufschrift übertüncht und die Räume zu einer teuren Wohnung umgewandelt. Vielleicht aber, hoffentlich, setzt der Gemeinschaftsgeist dem eine Solidarität und widerstandskraft entgegen, der das Lokal überleben lässt.

Ich bin optimistisch. Denn: Wandel hat es wohl schon öfters gegeben, wenn auch nur im Bier-Lieferanten, wie die Streetview vom Oktober 2009 zeigt, als oben noch eine Leuchtreklame von „Mousel“ hing. Damals konnte man sich schon fragen, ob das „Art Brut“ ist, oder ob da einfach nur ein Installateur „seinen Job“ machte: Das Schild mitten drauf auf die historische Inschrift „Cafe“ montierend, als wäre nicht auch drunter Platz gewesen.

Adresse: 2 Rue des Prés, L-6150 Altlinster, Luxemburg

One Comment
  1. Sehr interessanter Bericht und sehr schöne Bilder. Werde dem mal nachgehen…

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