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Pö a Pö_Saarbrücken

März 11, 2021

Gestern habe ich ein Lokal im Mühlenviertel fotografiert, das seit einiger Zeit zu einer Wohnung umgebaut worden ist. Es war das einzige Lokal des Quartiers im Stadtteil St. Johann, das wohl den wenigsten Saarbrücker*innen unter diesem Namen bekannt ist. Dort standen vor sehr langer Zeit einmal Mühlen, die zum Namensgeber für den Bereich zwischen Fernbusbahnhof und Beethoven-Platz, zwischen Dudweiler Landstraße und Richard-Wagner-Straße wurden.

Auf dem Platz des einstigen Stadtbades St. Johann, dem wohl wichtigsten Gebäude, befindet sich jetzt ein Mehrgenerationenhaus. Dorthin sind auch Saarbrücker gezogen, die einst am Stadtrand in einem ruhigen Viertel im eigenen Haus wohnten. In diesem Zusammenhang gab es vor über zwei Jahren eine Debatte darüber, wie das Viertel weiter aufgewertet und an City und Nauwieser Viertel angeschlossen werden könnte. Bislang ist es ein reines Wohngebiet mit einigen öffentlichen Einrichtungen und Geschäften am Rand. Ich habe das nicht weiter verfolgt, aber die coole Neugestaltung der beiden Figuren über den Zugangstüren dieses Lokals im Zentrum des Viertels zeigte mir, dass hier zumindest soziologisch einiges passiert ist.

Die kürzlich blau eingefärbten blauen Zwerge (?) oder böse Geister abwehrende Figuren (?) erinnern mich an den blauen Hirsch in St. Arnual. Aber es gibt wohl keinen Zusammenhang.

Manche Vorschläge zur Revitalisierung des Viertels stammen schon aus den 1980er-Jahren. Etwa der Wunsch, der Beethovenplatz möge wieder ein Park werden – ein Vorschlag des Saarbrücker Bürgerforums, den dieses bis heute immer wieder auf die Tagesordnung bringt: Deren Vorsitzende Ulrike Donie erinnerte bei einer Veranstaltung 2018 mit schwarz-weißen Bildern an die Aktionen von damals. „Mehr als dreißig Jahre später stehen hier immer noch Autos. Genauso wie in den Straßen des Viertels. Deshalb gleicht der Befund im Mühlenviertel dem Befund für fast alle anderen Stadtviertel Saarbrückens auch: Sie sind zugeparkt. Für das Mühlenviertel schätzt der Städtebaubeirat, dass ein Drittel der Fläche mit Autos belegt ist“, schrieb die Saarbrücker Zeitung: „Ungewisse Zukunft für das Mühlenviertel„.

Aber zurück zu dieser Gaststätte, die ein Entwicklungspol hätte werden können: Sie befindet sich im imposanten Eckhaus der Mozartstr. 11 und ich kann mich daran erinnern, da vor einem Jahrzehnt ein Lokal namens „Mozartstube“ oder „Mozart-Eck“ wahrgenommen zu haben – also durch meine Brille betrachtet eine eher kleinbürgerlich-konventionelle Eckkneipe. Dann überraschte mich vor einigen Jahren die Neueröffnung eines Restaurants namens „Nomadische Jurte“. Leider habe ich auch diese nie von innen gesehen. So fragte ich gestern den Medienkünstler Volker Schütz, der ein paar Häuser weiter wohnt. Er hat sich gleich intensiv in die Frage hineingeschafft:

„Die Lokalität hat lange, sehr lange, mit immer neuen Konzepten versucht, ins Geschäft zu kommen. Leider stets vergebens. Die letzten Jahre ist es jetzt als Wohnraum vermietet. Davor stand es einige Jahre leer. Vorher wechselten die Pächter wirklich im Jahrestakt. Und es war wirklich schon alles drin… Frühstück für Studierende hat nicht geklappt, Lesbenbar auch nicht, Gutbürgerliche Küche auch nicht, ein *** angehauchter Betrieb ging auch schnell unter. Es hatte da niemand Glück. Schade. Das Haus gehört zur Zeit einem netten, jungen Mann in unserem Alter, der ab und zu mit einem Mono-Wheel in der Stadt unterwegs ist und im Sommer gerne im Terminus gesessen hat. Ich glaube er heißt Konrad oder Conrad (weiß nicht ob mit Vor- oder Familienname).“

Volker schickte mir auch ein paar Fotos, aufgenommen von seinem Fenster und von der Strasse, von dem aus aber nur Teile diverser Schilder erkennbar sind. Es sind Ausschnitte von Fotos, deren eigentlicher Inhalt ein anderer war. Zunächst „Suzana`s … Restaurant“ 2003, dann die „Club-Bar Avenue“ 2005, dann 2009 ein Lokal namens „Coro…“ und schliesslich „S… Bistro“ 2011:

Online finden sich – ohne Daten – neben der „Nomadischen Jurte/ Nomadic Jurte“ nur „Pö -das Restaurant“ bzw. „Pö a Pö“ (in Anlehnung an das Französische „peu à peu“, zu deutsch: allmählich), letzteres habe deutsche Küche serviert. Auf Yelp gibt es in einigen Photos zumindest einen Eindruck der Nomadic Jurte/ Nomadische Jurte. Von aussen besehen war das Lokal ziemlich gross. Und war wohl schon beim Bau vor gut 100 Jahren eingeplant worden:

Und der Ursprungsname? „Der hat mit jedem Pächter immer nochmal gewechselt“, schreibt Volker. Ob er sich erinnern kann: Mein Hirn hatte ja Erinnerungen wie „Mozartstube“ oder „Mozarteck“ ausgespuckt? – „Früher war ich ja noch jung und da hätten meine visuellen Sensoren etwas, das wie „Mozartstube“ klingt, gleich aussortiert und gar nicht bis ins Hauptgehirn vorgelassen, weil Mozartstube so nach Alte-Männer-Bier-Lokal klingt.“ Schön ausgedrückt. Anfang Mai erzählte er mir noch von einer Beobachtung, dass die Figuren mehrfach, im Abstand von Tagen immer neu bemalt wurden – als wolle mit viel Aufwand ein spezieller Effekt erzielt werden. Aber wozu?

Also: Ich würde mich freuen, wenn sich die Geschichte durch diesen Blog, also euer feedback, aufarbeiten liesse. Schreibt mir gerne an akihart@gmx.de!

Pö a Pö_Saarbrücken ⓒ Ekkehart Schmidt

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