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Kennedy`s_Bonn

Februar 28, 2021

Es war meine Fixierung auf tote Gaststätten, die mich letztes Wochenende an der Berliner Freiheit in Bonn syrische Kräuterstecher, BTHVN und zurück kehrende Wildgänse über der Aufschrift „Bald zurück“ am Dachfirst der Oper entdecken liess (Syrisches Hiwash in Bonn). Ich war von der Uni her gekommen und streifte wunderbar gelassen und so reduziert ziellos wie möglich durch die Gassen. Hier auf der Freifläche an der Oper ankommend, mit dem Lärm der zur Kennedybrücke führenden Strasse war wohl der Wendepunkt, dachte ich. Es zog mich zurück in die „Altstadt“, die in Bonn streng genommen ja die Neustadt ist (aber das ist ein anderes Thema). Doch dann entdeckte ich dieses wohl laut Twitter im Oktober 2018 als Nachfolgebetrieb der „Dreiraumwohnung“ hoffnungsfroh eröffnete, aber schnell – warum auch immer – gescheiterte Lokal.

Ich kann zur Konzeption und Namensgebung nur mutmassen: die nahe Kennedybrücke, die anlässlich des viel beachteten Staatsbesuchs von John F. Kennedy 1963 zu Ehren dieses Idols einer ganzen Generation umbenannt wurde, Nostalgie, vielleicht bestimmte Getränke und ein Lebensgefühl? Aber für welche Klientel? Heute 80-jährige? Opernbesucher, die nach der Vorstellung statt im Haus zu teuren Preisen unter „feinen Leuten“ in der Hausbar des Theaters lieber im echten Leben einen Absacker trinken wollten? Beim Blick durch die Fenster fiel auch sofort ein Porträt des amerikanischen Präsidenten ins Auge, mit ihm auch andere Ikonen der 1960er-Jahre, wie Marilyn Monroe oder James Dean. Unten links aber auch Bob Marley. Den haben die heute 80-jährigen in den 1980er-Jahren sicher kaum gehört. Meine spontane Theorie kann nicht stimmen.

Nein. Offenbar war das eine Shisha-Bar, die Cocktails und Snacks servierte. Und zum Hilton Hotel gehörte. Aber das liegt auf der anderen Seite des Platzes. Hmm? Meine Online-Funde sind unklar. Ich nehme an, es gab im Hotel eine „Kennedy Bar“ mit Riesen-Angebot an Cocktails, nur ist es nicht üblich, so nahe beieinander zwei fast namensgleiche Lokale zu eröffnen. Ich komme auch hier nicht weiter. Der Raum bei den Porträts ist wie der linkerhand mit ungewöhnlich langen Sofas ausgestattet, daneben nur kleine Tische beziehungsweise Leere. Oder wurden nur die Tische weggeräumt? Könnte eine Shisha-Bar gewesen sein. Wo aber war die Theke? Ich sah nur eine Treppe nach unten, markiert mit einem „E“.

Dann habe ich aber über alte Google-Earth-Aufnahmen und einen Tweet endlich zumindest etwas zum Vorgängerlokal gefunden: „Dreiraumwohnung“ (Foto von 2009). Was an der Treppe wie ein seitenverkehrtes „E“ wirkte, ist defacto eine „3“!

„Dreiraumwohnung“ ist der Name einer erfolgreichen ZDF-Komödie, eine Fortsetzung der Serie „Zweibettzimmer“. In beiden treffen zwei grundverschiedene Frauen aufeinander und müssen versuchen, miteinander klar zu kommen. Und dies hier war ein Tanz- und Nachtclub. Merkwürdigerweise gibt es eine Facebookseite diesen Namens mit der gleichen Adresse, auf der noch im Sommer 2020 etwas gepostet wurde, obwohl da doch eigentlich längst das „Kennedy`s“ …? Und auf der 2018 die Rede von „House and Technomusic since 1996“ ist. Irgendetwas stimmt da nicht.

„Pächter wechseln im Gastgewerbe häufiger als die Namen der Lokale“, sagte mir einmal ein Wirt. Aber hier schien es umgekehrt zu sein. Führte das Lokal ein Doppelleben? Gab es Parrallelwelten? Hat da jemand zu viel oder das falsche geraucht? Ich wusste eben nicht, wie ich den Blog abschliessen soll. Dann fand ich die Lösung, als ich mich noch einmal fragte, wo die Theke gewesen sein könnte und mir noch einmal das „E“ bzw. die „3“ neben der Treppe ins Auge fiel. Ich verstand: Der Tanzclub war natürlich im Keller und nur der obere Bereich ist ab 2018 umgewandelt und mit einem eigenen Namen versehen worden, um auch Tageskundschaft anzuziehen. Ob das jetzt richtig kombiniert ist?

Meinem Freund Georg fiel abends dazu jedenfalls ein Bonmot ähnlich kryptischer Interpretationsspielräume von Bundeskanzler Konrad Adenauer ein: „Ich kenne die!“ – habe er auf die an ihn gestellte Frage, wer zur Zeit die beiden bedeutendsten Politiker auf der Welt sind, geantwortet. So schön unklar in der Darstellung und daher schwer zu deuten, wie die Geschichte dieses Doppellokals. Absichtlich dem Verständnis Schwierigkeiten bereitend, denn: Der Ausspruch des rheinischen Fuchses lässt sich auch als „Ich, Kennedy“ verstehen. Zwei in einem.

Adresse: Am Boeselagerhof 15, 53111 Bonn

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