Zum Inhalt springen

Cuisine_Gersweiler

Januar 19, 2021

Eine öde, tote Hülle, in der einmal der Bär tobte – oder so ähnlich kann ich diesen Fund zusammen fassen. 2019 kam ich erstmals an diesem seit vielen Jahren geschlossenen Lokal vorbei, ohne zu ahnen, welche Geschichte und Bedeutung es hatte. Ich nahm an, dass es sich um ein Restaurant mit französischer Küche wie das „Schnabels“ nebenan handelte, das hier im unteren Gersweiler mit seiner dominanten Arbeiterbevölkerung irgendwann nicht mehr überlebt hat. Auch wenn – über die von Saarbrücken-Burbach kommende Hauptstrasse vielleicht auch ortsfremde, zahlungskräftige Geniesser-Kundschaft kam. Gestern schaute ich noch einmal nach und stellte fest: Nie wieder wird es hier Konzerte oder einfach nette Abende an der Theke geben. Hier, gegenüber dem 2020 in kürzester Zeit aus dem Boden gestampften Aldi-Markt, werden bald nur noch Wohnungen und Büros zuhause sein.

Gegenüber stand eine ältere Dame an der Bushaltestelle. Ich fragte sie, ob sie wisse, wie lange die „Cuisine“ (frz.: Küche) schon geschlossen sei, „ein Jahrzehnt?“ – „Oh, ja, mindestens!“. Kurz darauf kam ein älterer Herr vom Spaziergang mit seinem Hund zurück und ging aufs Nachbargrundstück, auf dem ein Wagen eines Tollwut-Bekämpfungsbetriebs stand. Ich fing ihn ab und fragte das Gleiche: „Hmm, mindestens drei bis vier Jahre“. Er präzisierte, dass sich nach Schliessung des Ursprungsbetriebs ein Grieche oder Italiener hier versucht habe, aber erfolglos.

Ich habe dann abends noch einmal in die Tiefe gebohrt, soweit ich Quellen fand: Ein Restaurant mit tatsächlich guter oder nur prätentiöser französischer Küche, sonst nichts von Bedeutung? Weit gefehlt! Es hat da wohl einen Engländer namens James Egerton gegeben, der das Lokal aufgebaut hat. Oder ein früheres namens „Bei de Dutzert“ übernahm. „Er war bei Schmidt als Tassenmacher beschäftigt“, einem Fabrikanten, der „früher ausländische Steingutfachleute von Villeroy & Boch abgeworben“ habe, heisst es im 1989 erschienenen „Stadtführer Saarbrücken zu Fuß“. Dort werden auch die Glashütten und Steingutfabriken Gersweilers im 19. Jahrhundert erwähnt, die Konzession, die James Egerton für dieses Lokal erhielt, ist jedoch nicht datiert.

1989 war die Gaststätte jedenfall noch ein Lokal, das „über die Stadt hinaus bekannt ist für Kleinkunst- und Jazzveranstaltungen“. Aha?! Und ich fand spannende Photos aus alten Zeiten (erstere beiden ohne Zeitangabe von Hans-Jürgen Herrmann, die anderen ohne Urheber wohl aus den 1990ern):

Die „Cuisine“ war wohl schon in den 1980er-Jahren oder sogar schon früher „eine kulturelle alternative Keimzelle“, nur halt eben ganz unvermutet in dörflicher Umgebung. Es habe hier Konzerte mit schönem Jazz und Dixieland-Frühschoppen gegeben, zumindest dominant so etwa von 1986 bis 1989, las ich später in Online-Kommentaren. Aber auch danach, unter anderem in den 1990er-Jahren, spielte hier die im März 2020 verstorbene Neunkircher Jazz-Gitarristin Susan Weinert, die überregionale Bedeutung erlangt hat. Oder Franz Kah, von dem ich nicht weiss, welche Verbindung zum bekannten Deutschrocker Franz K. besteht.

Dazu gab es viele Photos, die ich mir erlaube, hier erneut zu posten:

In ihren besten Zeiten sei sie fast schon eine Alternative zur renommierten „Gießkanne“ in der Saarbrigger City gewesen. „Ohne Christl ging’s aber bergab“, hiess es freilich. Wer immer Christl war – wohl die Inhaberin. Und es hiess: „Davor war es die Kniep und (das) war auch eine tolle Kneipe“. Ich fand auch einige Photos des Inneren:

Bei Betrachtung der Inneneinrichtung mit diesen Elementen alter Zeiten berührt mich die Erinnerung an mein eigenes Erleben dieser Zeit des Übergangs: Revoltieren und zugleich bewahren wollen in merkwürdiger Mischung von alt und neu… Aber da lebte ich noch nicht hier, sondern in Köln/ Bonn.

An der Hausecke zur Einmündung der Gasse „Zum Hirschenberg“ ist noch der Schatten eines früheren Schilds zu erkennen. Der Herr mit Hund wohnt zwar „noch nicht so lange hier“, also erst seit etwa zwei Jahrzehnten, hat die alte „Cuisine“ aber noch erlebt: „Die Wirtin war ein echtes Original“, sagte er. Ich nehme an, er meint die Christl. Und es sei sehr gemütlich gewesen. Die Nachfolgebetriebe jedoch eher nicht. „Ja, es hängt oft am Wirt, oder der Wirtin“, erwiderte ich. Nicht nur an der Innenausstattung.

Die ehemaligen Kneipenräume im Erdgeschoss sind – anders als die oberen Räume – noch nicht bewohnt. Ob sie mit den angepriesenen „Büroräumen“ gemeint sind, erschloss sich mir nicht. Rainer Schwertz, der Anbieter, sei ein recht umtriebiger Autovermietungsbetrieb in der Metzer Strasse, sagte der Herr mit Hund noch. Mehr kann ich für den Moment nicht sagen. Aber immerhin bin ich froh mit dem ersten vorläufigen Ergebnis dieser Tiefenbohrung, die weit mehr als nur einen Schatten auf einer Mauer ergeben hat.

Adresse: Hauptstr. 7, 66128 Saarbrücken-Gersweiler

Verwendete Quelle: Hilgers, Richard: Kirwebuwe, frische Baguettes und ein verschwundener Zuckerhut, in: Albers, Jürgen/ Blaß, Ursula/ Bubel, Dirk/ Glaser, Harald (Hg.): Saarbrücken zu Fuß, Hamburg 1989, S.198-210, 200f;

Cuisine _Gersweiler © Ekkehart Schmidt

Kommentar verfassen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: