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Verschenkschränke

Januar 17, 2021

Dass ich als zwanghafter Sammler gebrauchter Gegenstände mit ästhetischem Wert, Meeressand oder auch von Büchern dringend werde Ballast abwerfen müssen, falls ich noch einmal umziehen möchte und vor allem, wenn ich im Falle meines Todes meine Nachkommen nicht unmässig beim Entrümpeln belasten möchte, weiss ich im Prinzip seit gut 25 Jahren. Aber wohin mit dem Kram, vor allem den Büchern? Ich gebe gerne viele ab – falls ich weiss, dass sie in Bücher wertschätzende Hände kommen. Seit zehn Jahren habe ich eine Lösung: 2011 war ich als Gast dabei, als im „Theater im Viertel“ und drei anderen Orten in Saarbrücken die ersten Büchertauschregale aufgestellt wurden.

Heute gehören solche öffentlich zugänglichen Bücherschränke oder -regale, in die gebrauchte, nicht mehr genutzte Bücher eingestellt und kostenlos mitgenommen werden können, fast überall zum Ortsbild dazu. Sie stehen meist an öffentlich zugänglichen Stellen, sind rund um die Uhr frei zugänglich und signalisieren einen Kulturwandel. Entstanden sind diese Gib- und Nimm-Regale oder Tauschregale zum einen durch den Wertverfall alltäglicher Bücher auf Flohmärkten und in Antiquariaten, zum anderen durch eine Bewusstseinsveränderung: Was ich nicht mehr brauche, kann ich auch verschenken – ich muss es nicht verkaufen, sondern kann mich von dieser wirtschaftlichen Logik befreien. „Verantwortlicher Konsum“ ist das Stichwort für diese moderne Form des direkten Tauschhandels ohne Geld (welches entstanden ist, um den Tausch zu vereinfachen) und Zwischenhändler.

Grundsätzlich funktionieren Bücherschränke nach einem Tauschprinzip: Wer sich ein Buch mitnimmt, soll ein anderes zurücklassen. Aber es besteht dazu weder ein Zwang, noch wird dies kontrolliert. Auch in manchen Gemeindehäusern oder Bibliotheken gibt es Bücherkisten mit ausrangierten Büchern (ohne Tauschprinzip). Installiert werden sie von privaten Initiativen oder auch öffentlichen Einrichtungen.

Wikipedia nennt bundesweit über 3000 solcher offener Bücherschränke, darunter 22 im Saarland. Die ersten saarländischen Schränke und Regale wurden 2011 von der „Bücherbande“ aufgestellt, unter anderem im Theater im Viertel – ich war damals als Gast bei der Einweihung dabei und verfolge das Thema seitdem. Heute gibt es neun Schränke oder schrankähnliche Regale mit Tür/ Klappe, neun Regale, fünf ungewandelte Telefonzellen (die bekannteste ist wohl die am Saarbrücker Schloss), einen umgewandelten Stromkasten und einen „Bücherbaum“: Viele von ihnen sind schöne Beispiele von Upcycling. Ein Dutzend finden sich alleine in Saarbrücken, aber auch in kleineren Orten wie Beckingen, Blieskastel, Rubenheim (ein Regal in einer alten Bushaltestelle) oder am Schaumbergturm in Theley wurden welche aufgestellt. Meines Wissens stehen zehn an der „frischen Luft“, alle anderen im Inneren von Institutionen wie der Uni-Bibliothek oder im Neunkircher Zoo.

Die ästhetische Wirkung dieser neuen Formen einer bürgerlichen „Stadtmöblierung“ ist sehr unterschiedlich. Gestern begegnete mir im schwäbischen Immenhausen ein sehr ansprechendes Beispiel, dem ich eine zwischen den Jahren in Bonn entdeckte Schmuddelvariante sowie ein dortiges edles Exemplar und den natürlich Klassiker – eine umgenutzte Telefonzelle (hier das „Bicherhaipchen“ in Berdorf/ Luxemburg) – exemplarisch gegenüberstellen möchte.

Ein oftmals übersehener Aspekt hierbei ist, dass durch diese kostenlosen Angebote in gewisser Weise auch ein gleichberechtigter Zugang zum Wissen, der Information und der Kultur ermöglicht wird. Offene Bücherschränke haben also – über das Tauschprinzip der „Sharing Economy“ auch eine soziale Rolle für sozial schwächere Menschen, beispielsweise einsame ältere Leseratten. Darin ähneln sie „Give Boxes“ oder „Free Boxes“, in denen auch andere neue oder gebrauchte Gegenstände zur kostenlosen Mitnahme bereitgestellt werden: Spielwaren, Kleidungsstücke, Gläser oder Küchensets.

Im Saarland ist mir keine solche „Verschenkbox“ bekannt, während die Idee in Luxemburg schon einige Jahre auf dem Buckel hat: Unter anderem in Esch, Luxemburg, Mertzig oder Préizerdaul stehen seit einiger Zeit Container, Kästen, kleine Häuschen oder ehemalige Bushaltestellen (Foto: Tageblatt), die randvoll mit den verschiedensten Objekten sind:

Ferner gibt es Umsonst- oder Schenkläden, bei denen – anders als bei Tafeln oder Kleiderstuben – die Bedürftigkeit ebenfalls nicht geprüft wird (mehr dazu bei Wikipedia). Der Sinn der Mühe vieler ehrenamtlich Aktiver beim Gestalten und Bestücken ist klar: gegen die Wegwerfgesellschaft ankämpfen und jemand anderem eine Freude machen. Der jüngste solche Laden öffnet am 27. März 2021 im luxemburgischen Wiltz: die „Kascht näischt Buttek„, ein Name, der alles sagt (zu deutsch: „Kost-Nichts-Boutique“).

Um es noch einmal zu unterstreichen: Neben Bücherregalen in ehemaligen Telefonzellen wie an vier Orten der Kommune Käerjeng (Bascharage, Hautcharage, dem Parc Um Paesch oder Clemency), gibt es – wie in Bonn – explizit für diesen Zweck errichtete „Bicherschaf“ (Bücherschrank) – unter anderem auf dem Theaterplatz, der Place Laurent und der Place de Gand in Luxemburg, sowie in Echternach, die in einem High-Tech-Stil gebaut worden, bei dem klar wird, dass es nicht um die Unterstützung von „Armen“, sondern eine neue Form der Konsumkultur geht. Alternativ zwar, aber in sehr edlem Design: Sie ruhen seit 2016 auf eigens errichteten Betonfundamenten, haben kratzfestes, hochwertiges Sicherheitsglas und sind absolut wasserdicht (folgendes Foto). Was es meines Wissens ebenfalls nur in Luxemburg gibt, ist ein Literaturcafé, in dem man sich Bücher mitnehmen darf: Das „Café littéraire Le Bovary„.

Auf dem Theaterplatz:

2017 wurde in Hamburg erstmals auch ein Zaun zum „Gabenzaun“ für Obdachlose und andere bedürftige Menschen erklärt. Dieser Zaun in der Nähe des Hauptbahnhofs war ursprünglich errichtet worden, um Obdachlose daran zu hindern auf einer Mauer zu sitzen. Menschen hängten dort dann in Tüten verpackte Sachspenden wie Kleidung, Hygieneartikel, Nahrungsmittel, Hundefutter etc. auf. Etwa 2019/20 wurde dies auch an der Johanneskirche in Saarbrücken eingeführt – wie diese Idee im Kontext der Corona-Pandemie 2020 in vielen weiteren Städten adaptiert wurde.

All diese Formen gibt es meines Wissens auch in den Nachbarländern Niederlande, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Österreich und der Schweiz, sowie einige wenige sehr punktuell in Italien, Spanien, Griechenland, Kanada, den USA, Brasilien oder Madagaskar. Vor allem in Frankreich gibt es mit der „Economie de troc“ eine alte Tradition mit einer grossen Diversität der geldfrei getauschten Güter (mehr zum „Troc“ bei Wikipedia). Was Bücher angeht, war mir als früherer leidenschaftlicher Besucher der Bouquinistes an der Seine in Paris bislang noch nichts vergleichbares begegnet. Aber da habe ich wohl einfach nur nicht aufgepasst.

Ich bekam nach dem Posten dieses Textes ein Feedback aus Frankreich: Doch, es gibt dort mindestens seit 2016 „Armoires à livres gratuits“ (oder auch „Boîte à lire“ oder „RecycLivre“), zum Beispiel in den Grand-Est-Städtchen Chaumont, Langres, Contrexeville und im Dorf Colombey-les-choiseul sowie mehrere an der Mittelmeerküste bei Narbonne: in Gruissan an der Lagune und schliesslich in Saint-Pierre-la-Mer. So jedenfalls das feedback einer Journalistin. Ich recherchierte: Es gibt in Frankreich über 5000 solcher Bücherschränke.

Erfunden wurde das Konzept des Bücherrecyclings aber zunächst durch Künstler. Ausgehend von Installationen als künstlerischem Akt (ab 1991 durch das Aktionskünstler-Duo Clegg & Guttmann, erstmals in Graz, auch in Mainz) wurden Ende der 1990er Jahre in Darmstadt und Hannover erste Bücherschränke zur Nutzung als „kostenlose Freiluft-Bibliothek“ realisiert. Andere Quellen nennen England oder die USA als Ausgangspunkt. Wenigstens entstand in den USA 2001 die Idee des „Bookcrossing“ (Wikipedia), übernommen von einer gleichnamigen englischen Organisation, bei der Bücher allerdings etwas komplizierter personalisiert geteilt und nach Lektüre mit Online-Spur weiter gegeben, also „frei gelassen“ werden… Daraus könnten sich die Bücherschränke entwickelt haben.

Wie dem auch sei: Andere Beispiele dieser „Sharing Economy“ sind Bücherverschenkbörsen und das Foodsharing, aber auch allgemeine Verschenkbörsen der Transition Town Bewegung, bei denen es vor allem darum geht, Produkte vor dem Müll zu bewahren. Dabei besteht für Nehmende keine Verpflichtung, auch ein Gebender zu sein. Das ist anders bei Saatgut- oder Pflanzentauschbörsen (die vor allem vor Beginn der Pflanzsaison im Frühjahr stattfinden) und „Tauschkreisen“ oder „Tauschringen“ (synonym: Tauschzirkel, Tauschnetze, Zeittauschbörse, Nachbarschaftshilfeverein, Local exchange trading system – LETS, Talentemarkt) bei denen vorrangig Dienstleistungen ohne Einsatz von Geld zwischen den Teilnehmern getauscht werden.

Kürzlich entstand der in Bonnevoie der erste „frigo solidaire“ oder „foodsharing point“ des Landes, eine Initiative der Vereine Frères des Hommes und Foodsharing, sowie dem Bio-Textilien-Laden „Naturwelten„, das sogar vom Ministerium für auswärtige und europäische Angelegenheiten finanziell gefördert worden ist.

Das alles sind Praktiken, die von der Menschheit schon immer genutzt wurden, durch die Finanziarisierung des Tauschs aber weitestgehend verdrängt wurden. Nun werden sie in einer Gegenbewegung neu entdeckt. Das stimmt mich sehr gesamtgesellschaftlich sehr optimistisch. Hmm. Aber wie war das konkret mit meinem eigenen Ballast? Vor fast zwei Jahren habe ich den ersten Aufbruch des täglichen Entsorgens eines Buches unterbrochen. Das muss gleich heute abend fortgeführt werden, auch weil die Buchhandlungen in Lockdown-Zeiten geschlossen sind und also die offenen Bücherschränke Nachschub brauchen… Ich muss es nur schaffen, einiges lieb gewonnenes frei zu lassen und zu teilen…

Verwendete Quellen: City: Un premier frigo solidaire en service à Bonnevoie, April 2021; Hermes, Sophie: Anlaufstellen für Leseratten, Luxemburger Wort, 05.01.2021; Hoffmann, René: Die bunte Schatztruhe auf dem Parkplatz, Tageblatt, 14.05.2020; Remus, Joscha: 111 Orte in Luxemburg, die man gesehen haben muss, Köln 2018, S. 34; Wikimedia (Foto Bicherschaf): ; Wikipedia-Artikel (oben verlinkt);

Bücherschränke zum Tauschen © Ekkehart Schmidt

From → Anders leben

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