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Winkelgast im Gasthaus Huth_Hasborn

Dezember 11, 2020

Ende August wollte ich endlich auch genau dort „Winkelgast“ sein, wo der Dichter Johannes Kühn diesen Begriff in seinem Gedicht „Im Gasthaus“ geprägt hat. Schliesslich hatte ich mich da in meinen jetzt auch schon mehrjährigen Kneipenrecherchen – nach einer zehnjährigen Konzentration auf Cafés – wiedererkannt: Als Beobachter in unbekanntem Terrain. Bei meiner Suche nach literarischen Texten zu Kneipen hatte mit Frank Peters vom „buchladen“ schon im Frühjahr diesen Tipp gegeben. Jetzt wollte ich da endlich mal hin, wo dieser Begriff entstanden ist.

Bevor ich meinen von Ottweiler über Hirzweiler nach Theley verzogenen, aber nicht zu sehr verwöhnten Sohn Tom zum Essen und Erzählen in die „Johann Adams Mühle“ einladen würde, wollte ich in Hasborn eine Weile im Landgasthaus Huth verbringen. Am besten in Kühns Winkel, seiner Ecke (falls der 86jährige sie nicht grade selbst besetzte). Dafür sass ich anderthalb Stunden in der Saarbahn und im Bus R4. Das lohnte sich aus anderen Gründen, als erhofft.

Zufällig hörte ich ein Gespräch eines Fahrgastes mit dem Busfahrer mit: „Die Flasche Bier kostet jetzt 2,30 Euro!“, echauffierte sich der etwas zerzuselt wirkende Mann in den späten Sechzigern: „Damit kann man den Umsatz nicht hochtreiben, wenn man alles teurer macht“. Leider hatte ich verpasst, welches Lokal nördlich von Lebach er meinte. Aber es war wohl eins, das durch den ersten Corona-Lockdown gelitten hat – wenn es wohl auch vorher schon kein wirklich tragendes Businessmodell mehr hatte. Dann dozierte er weiter, wobei mir unklar war, ob er jetzt von einer anderen Wirtschaft sprach, die bereits geschlossen hatte: „Es sind alle tot – oder über 80“, sagte er zu dessen Stammgästen. „Da musst de die Heizung anmache wege zwei Leuten. Da war das Zumachen vielleicht die einfachere Sache“.

Die Route führte uns noch durch drei Orte mit verbliebenen Gasthäusern: In Aschbach die „Gaststätte Schlosshof“, in Thalexweiler die grosse, rosa gestrichene „Gastwirtschaft Peter Thewes“ und in Sotzweiler die „Dorfschänke“ – ehe ich endlich, mittlerweile gierig auf fettige Speisen, in Hasborn aussteigen konnte.

Der „Winkelgast“ wird von den anderen an der Theke „gemieden, besucht nur vom welligen Gelächter, das als Meer mir an die Stirne spült“. Andere seiner Gedichte mit Bezug zu Kneipen sind „Arbeiterabend“, „Die Kartenspieler“ und „Der verlachte Dichter im Wirtshaus“. Sich manchmal verloren und verlacht fühlend, rächt er sich vielleicht mittels der einen oder anderen Charakterisierung – aber immerhin hat Kühn sich des Themas angenommen, während es von Ludwig Harig und anderen Schriftstellern unbewusst oder bewusst ignoriert, gemieden oder als Topos übersehen wird. Bei einer Lesung im Künstlerhaus kurz vor Weihnachten 2008 hatte ich diese Gedichte gehört und mir wohl selbst, etwas hochnäsig, die Szenerie vorgestellt.

Bei der Lesung am 19.12.2008 war der mir bislang völlig unbekannte Dichter begegnet und ich habe mir einen Gedichtband signieren lassen. Ich wollte jetzt wie er in einer möglichst unbeobachteten Ecke sitzen und schauen, aufnehmen und fotografieren.

Gabi Bollinger, die Autorin einer 2018 erschienenen Hommage „Papier, Stift, Kaffee und Zigarren – Der Dichter Johannes Kühn“ sagte über ihre Filmreportage: „Gedreht haben wir im Mai in Hasborn, dem Heimatort des Dichters Johannes Kühn. Und zum wiederholten Male habe ich verstanden, dass man für große Ideen, hier nun für gute Gedichte, nicht die große weite Welt benötigt. Das Dorf Hasborn, die Menschen, die umliegenden bewaldeten Hügel, die Natur, das Dorfgasthaus bieten dem Dichter genug, um zu dichten“.

Die Einführung auf der Homepage des Lokals klang freilich so, als würde ich zu spät kommen:

„Seit vielen Jahren ist unser Haus als traditionelle Gaststätte und gutbürgerliches Restaurant ein fester Begriff und beliebter Treffpunkt in der Region. Nach bewegten letzten Jahren sind wir nun da angekommen, wie Sie uns heute vorfinden: Ein modernes, zeitgemäßes und gastfreundliches Ambiente, eine gemütliche Atmosphäre, eine hochwertige und zeitlose Einrichtung in Gaststube und Speiseraum sowie ein einladender Festsaal stellen das „Land-Restaurant Huth“ nach außen dar. Moderne Technik und wohl sortierte Speisen sind die Garanten für ein Angebot, das bestimmt auch Ihren Ansprüchen gerecht wird.“

Ich befürchtete, dass das Gasthaus kaputt saniert worden ist. Als wir aber eintraten in dieses Lokal, das die gastronomieerfahrene Freundin meines Sohnes – vielleicht unbedacht – als „Asi-Kneipe“ abwertete, fühlte es sich nicht so an. Es war gut und behutsam saniert worden. Während der Busfahrt hatte ich keine einzigee derart gut besuchte Wirtschaft gesehen: Es roch gut und es war voll und wir wollten uns einen Winkel suchen – aber dann kam die böse Überraschung: Alles reserviert, kein Platz mehr. Wir hatten wie die begossenen Pudel abzuziehen.

Winkelgast im Landgasthaus Huth_Hasborn © Ekkehart Schmidt

„Asi“ meinte halt so etwas wie „uncoole“ Besucher, saarlännisch schwätzend, keine intellektuellen Gespräche führend, alte Leute, jedenfalls keine Vorbilder für junge Leute Mitte 20. So darf man das sehen, mit 23. Ich empfand die Männer und Frauen aber schlicht und einfach als sehr authentisch und wäre gerne geblieben, um mich in dieses Gedicht einzufühlen:

„Im Gasthaus

Ins gelbe Bier
die gelbe Sonne fällt
Die Schatten, schwarze Männer,
bellen an den Tischen.

Die weiße Wirtin eilt zum Kranen,
der verschenkt
von Gast zu Gast.
Und herber Duft
lockt Fliegen an,
die Schwärme vereinzeln sich
um kleine Tropfen auf dem Boden.

Ich Winkelgast,
gemieden,
nur besucht vom welligen Gelächter,
das als Meer mir
an die Stirne spült,
bedenke, daß mein halber Groschen schwitzt.“

Dazu passt nun das Foto von Johannes Kühn in seiner Ecke, das jemand (die Inhaber?) auf der Google-Maps-Seite des Lokals gepostet haben:

Johannes Kühn im Huth

„Wo arbeiten die Leute hier eigentlich?“, fragte ich Tom bei der Weiterfahrt. Eine Antwort fand ich später in einer Würdigung des Dichters und seiner Umgebung. In der Süddeutschen Zeitung wurde Kühn dann auch in einer Weise beschrieben, in der ich mich teilweise auch selbst wiederfand. Vielleicht wollte ich einen Seelenverwandten besuchen?

„Für einen wie ihn kennt die deutsche Sprache auffallend viele Bezeichnungen: Einzelgänger, Außenseiter, Eigenbrödler, Sonderling. Und wenn der Dichter zu seinem bevorzugten Aufenthaltsort, dem Dorfwirtshaus, ins Verhältnis gesetzt werden soll, kommen der „Eckensitzer“ oder der von ihm selbst bevorzugte „Winkelgast“ ins Spiel.

Johannes Kühn hat für sich noch allerlei Namen dazuerfunden, die er teils seinen bierseligen Mitdörflern ablauschte, teils seiner wehmütig-ironischen Selbsteinschätzung abgewann: „Wiesenpapst“ etwa oder „Elendsesel“. Der Esel, der sich störrisch allen Schlägen und allem guten Zureden widersetzt, trägt der Legende zufolge Narren, Propheten und den Messias auf seinem Rücken. Johannes Kühn, im Dorf Hasborn im nördlichen Saarland aufgewachsen und bis heute dort ansässig, hat Spott und Verkennung, Seelenkrankheit, frühe Schufterei und späten Ruhm überlebt und ist als Lyriker so etwas wie eine Legendenfigur geworden, vom ewigen Verlierer zur Inkarnation des „wahren Dichters“ aufgestiegen: So nannte ihn sein Kollege und Regionsgenosse Ludwig Harig, der zu den treuesten Bewunderern und Fürsprechern dieses bodenständigen Heimatlosen zählt.“

Ich hoffe sehr, dass das Lokal für uns beim nächsten Besuch noch einen Platz frei hat. Um die Atmosphäre wirklich erleben zu können. Ob als Winkelgast oder mitten drin im Austausch mit den vermeintlichen „Asis“.

Adresse: Landrestaurant Huth, Inh.: Adela Huth, Theeltalstr. 18,
66636 Tholey-Hasborn, Tel: 0 68 53 – 66 24, Landrestaurant-Huth@gmx.de, Homepage

Quelle des Gedichts: Johannes Kühn: Am Fenster der Verheissungen. Gedichte. Herausgegeben von Irmgard und Benno Rech, Sonderausgabe für die Gesellschaft zur Förderuug saarländischer Literatur e.V., Hanser Verlag Wien 1989 und Johannes Kühn 1992, S. 28. Oder Online.

2 Kommentare
  1. Danke.unterhaltsame Schreibe. Ich kenne nur ein Gedicht von j.k.das als thema einer BBKAusschreibung erwählt war. Ich fand es selbstmitleidig und schwülstig und baute die Worte um. Und wurde ausjuriert😉😎

    • Naja: Gedichte umbauen ist „selbstverständlich“ zu bestrafen, weil fertige Gedichte „heilig“ sind – denken wir, wurde uns eingetrichtert. Aber interessanter künstlerischer Ansatz! A suivre!

      Mein Vater nutzt immer den „Faust“, um – die Inhalte anpassend, aber den Duktus beibehaltend und neu reimend – bei Reden zu goldenen Hochzeiten oder 70. Geburtstagen Personen hoch leben zu lassen… Bei privaten Anlässen sind solche Plagiate erlaubt.

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