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Versuch über tote Gaststätten

Dezember 6, 2020

„Pächter wechseln im Gastgewerbe häufiger als die Namen der Lokale“, sagte mir einmal ein Wirt. Oft geht das übergangslos, so dass es den Nicht-Stammgästen gar nicht auffällt, manchmal dauert es viele Monate, in denen Still- oder kompletter Leerstand herrscht. Nach gut zehn Jahren aufmerksam durch Ortschaften streifend, überwiegend  im Saarland und Luxemburg, kann ich zusammen fassen, dass es geschlossene Gaststätten in vier Kategorien gibt:

  • kurzzeitig zu (wg. Corona-Lockdown oder älteren Gründen), bald mit neuem Pächter wieder eröffnend;
  • leidlich gut erhalten, aber eher hoffnungslos auf neue Pächter wartend;
  • klinisch tote Gaststätten, die gelegentlich wahren Zombies gleichen – ihrem Schicksal harrend, wartend auf einen Investor, der nie kommen wird (es sei denn für einen Abriss);
  • verschwunden und getilgt (zum Beispiel zur Wohnung umgebaut).

Mich interessiert vor allem die dritte Kategorie. Meine Recherche ist freilich nicht in der Gründlichkeit erfolgt, die „wissenschaftlichen Ansprüchen“ – etwa der Wirtschaftsgeographie, der Soziologie oder der Betriebswirtschaft – Genüge täten. Aber ich habe vor allem in der Grossregion Saar-Lor-Lux Dutzende und Aberdutzende Ortschaften per Rad so vollständig durchsucht, dass mir in diesem Beritt kaum eines entgangen sein wird.

Ich wollte eigentlich noch etwas warten, ehe ich dieses Sammelsurium veröffentliche. Aber der zweite Lockdown der Pandemie ändert alles: Sehr viele Lokale werden ihn nicht überleben. Sie werden insolvent gehen oder stille Betriebsschliessungen vornehmen (vor allem durch ältere Inhaber). Was luxemburgische Familienhotels betrifft, habe ich das eben erst in der woxx beschrieben. In der Dezember-Ausgabe der Saarbrücker Hefte beschreibe ich die Corona-Situation von Kneipen rund um Völklingen.

Hier versuche ich einmal einen anderen Ansatz: Gründe für Kneipenschliessungen gibt es viele: ökonomische (nicht mehr ausreichender Umsatz), soziologische (Wegfall der alten Stammkundschaft und neue Medien), persönliche (Pensionierung der Pächter), aber auch städtebauliche (Abriss der Gebäude für renditeträchtigere Neubauten durch Spekulation oder wegen öffentlichen Stadtentwicklungsprojekte). Diesen kleinen, persönlichen Überblick sortiere ich aus der Nähe meines Saarbrücker Wohn- und Luxemburger Arbeitskontextes heraus, nenne aber auch Lokale, die mir bei Nah- und Fernreisen begegnet sind.

Geschlossene Gaststätten haben mich anfangs vor allem aus sentimental-ästhetischen Gesichtspunkten heraus so interessiert, dass ich begann, sie fotografisch zu dokumentieren. Später kam der nostalgische Aspekt der Bestandsaufnahme dazu, als ich realisierte, dass ich es mit einem gesamtgesellschaftlichen Thema zu tun hatte: Dem Verlust von Alltagskultur und Begegnungsorten. Auf dem Dorf verschwinden die Orte des gemeinschaftlichen Austauschs, in der Stadt auch die anonymeren Lokalitäten der Vermischung von Einheimischen und Fremden.

In der Corona-Situation wunderbar klar hat aber die Bezirksbürgermeisterin für den Saarbrücker Westen, Isolde Ries, im Dezember 2020 in Analogie zur berühmten Weissagung der Cree das Problem benannt: „Ich kann nur appellieren, nicht jede Zahnbürste im Online-Handel zu ordern. Wenn der letzte Laden geschlossen ist und der letzte Bierhahn versiegt, werden wir erkennen, dass ohne Handel und Gastronomie die Städte nur noch Beton und Asphalt sind“.

Alte Post_Geislautern © Ekkehart Schmidt
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Totes Café_Tandel ⓒ Ekkehart Schmidt

Auch in Bezug auf die Lage („Eckkneipe“) und typische Architektur („Tanzcafe“) sind viele Verluste zu beklagen. Aber da sich die Bedürfnisse der Menschen ändern, wandelt sich auch die Funktion und Aufgabe mancher Räume, die ehedem Gastwirtschaften waren. Das muss man hinnehmen. Zumal das architektonische Erbe oft mit schönem neuem Leben erfüllt wurde. Gelegentlich sieht man ehemalige Gaststätten, die nach jahrelangem Leerstand eine neue Bestimmung gefunden haben, z.B. als Friseurgeschäft oder Kosmetikstudio (zum Beispiel die Vorstadt-Klause). Sie wurden, wie das New Tam Tam abgerissen oder umgewandelt in optische Hüllen für anderer Branchen. Ich hatte das Glück, sie noch lebendig zu erleben.

Ich muss aber zugeben, dass ich auf richtig hoffnungslos tote Wirtschaften fixiert bin – also solche, die seit langem geschlossen sind und wie „Zombies“ wirken – also lebendige Tote, die noch auf ihre Transformation warten. Davon habe ich in den letzten Jahren viele Dutzend schöne Beispiele gefunden – in nekrophiler Begeisterung, wie ich gerne zugebe.

Hier eine Auflistung, an der ich wohl noch ein paar Jahre arbeiten werde. Viele habe ich beiläufig oder intensiv dokumentiert, bei anderen steht das noch an. An Ausflugsideen mangelt es also nicht…

Saarbrücken

Café Strohfus_Dudweiler © Ekkehart Schmidt
  • Alt-Saarbrücken: Vorstadt-Klause, Bierbox,  Hohenzollern Stuben, Lehrer Lämpel (wurde erst völlig saniert und zum Café „Mon amie Marie“, dann im Herbst 2020 zum Standort von „Ingos Kleiner Kältehilfe“)
  • Malstatt: Zum Stern, Tempo 2.0, Multi Kulti
  • Burbach: Bistro Monika und Marktschenke (letztere seit 4-5 Jahren zu), Zum Orth (jetzt Sanssouci), Jackys/ Explorer, Billard Café Seki
  • Brebach: Zur Post, Gasthaus Müller und Gasthaus Ludwig Michler, S… Eck, Cabaret Eve und Arabella Eros Center
  • Dudweiler: Café Strohfus, Gasthaus Deutsch, Gasthaus Im Lindenhof, Zum Krokodil, Postschenke, Volkans Bistro, Eckhaus, Eckbrunnen, Zum Mennes, Krumm Stubb
  • St. Arnual: Alte Post
  • St. Johann: Römerbrünnchen, Bierkönig, Pö a Pö
  • Russhütte: Weisses Ross

Sonstiges Saarland:

Luxemburg

Café_Nidderkäerjeng © Ekkehart Schmidt

In einer Boomtown wie Luxemburg sind besonders viele Kneipen umgewandelt worden. Hier kann es keinen allgemeinen Bestandsschutz für ältere Gebäude geben. Aber das architektonische Erbe darf auch nicht unkontrolliert im Namen von Wachstum und Fortschritt geopfert werden. Am Boulevard Royal oder auf Limpertsberg und in der Route de Thionville, hatten viele Häuser, die über 100 Jahre alt und in einem ordentlichen Zustand waren, neuen Gebäuden zu weichen – weil es keinen Denkmalschutz gibt, der sie beschützt. àhnliches gilt für manche Schlafdörfer der Umgebung:

Ausserhalb der Grossregion

Le St Augustin Bar_Le Havre © Ekkehart Schmidt

Natürlich bin ich nicht der einzige, der sich dieses Themas annimmt:

Alle diese Lokalitäten haben viel zu erzählen. Ich habe mich immer bemüht, so weit es ging, „Tiefenbohrungen“ zu machen, war aber meistens eben doch nur ein Passant, der nicht wirklich wusste, welche Bedeutung sie hatten. Und die wenigsten haben online Spuren hinterlassen. So ist das hier in gewisser Weise auch ein virtueller Friedhof geworden, auf dem man ihnen gedenken kann.

Für Hinweise zu den hier genannten und mit älteren Blogs verlinkten Beschreibungen wäre ich sehr dankbar. Und seien es nur kleine Details und Anekdötchen: Ich werde sie hier einarbeiten. So gehen sie nicht verloren.

Versuch über tote Gaststätten ⓒ Ekkehart Schmidt

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