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Zum Ochsen_Ladenburg

Oktober 23, 2020

Tack, tack, tack machte es letzten Samstag, als wir erstmals durch Ladenburg radelten, einem historischen nordbadischen Örtchen am Neckar, von dem ich neben alten Stadttoren wenig erwartete. Dann aber ging es in der Hauptstrasse Schlag auf Schlag: „Goldener Hirsch“, „Zum Goldenen Löwen“, „Zur Goldenen Krone“, „Gasthaus Zum Ochsen“, „Gasthaus Zum Schwan“.

Aber nicht nur das: Am Ochsen hing ein Schild, das behauptete, hier sei das Stammlokal von Carl Benz gewesen. Mein Bruder, den wir bei diesem kleinen Trip besuchten, erzählte und bestätigte, dass der Erfinder des Automobils hier (und nicht etwa in Cannstadt bei Stuttgart) gelebt (ab 1906) und getüftelt hat und dass Bertha Benz eine ihrer legendären Fahrten (wenn auch nicht die erste) mit einem die Kutsche ersetzenden „Wagen ohne Pferde“ fuhr. Oder wie die BILD im Mai schrieb: „Mannheim und Cannstatt sind die Geburtsstätten des Automobils, aber Ladenburg ist die Kinderstube. Hier baute 1910 Carl Benz (1844 – 1929) neben sein Wohnhaus und in Nähe seiner Fabrik die erste Auto-Garage der Welt.“

Aber bevor ich auf den Bezug des Erfinders zu diesem Städtchen eingehe (ohne zu wissen, ob es stimmt, dass er hier gerne gegessen und getrunken hat, oder ob das nur geschicktes Marketing ist), möchte ich auf den Namen des Lokals eingehen: Früher sind Häuser v.a. im badischen Raum gern markiert worden, mit Symbolen – sogenannten Hausmarken, später bekamen sie Bilder (die „Hauszeichen“), bevor sie in einigen Gegenden Namen bekamen. So habe es in Freiburg 1516 ein Gesetz gegeben, nach dem jedes Haus einen Namen haben müsse, der zur Straße hin gut sichtbar sei. Die ersten Hausnamen seien aber um 1150 in Köln aufgetaucht, so Namensforscher Konrad Kunze.

Anderswo mussten die Häuser Nummern haben. Außer bei Apotheken und Gasthäusern seien die Hausnamen aber mittlerweile in Vergessenheit geraten. Gasthäuser hätten schon bei den alten Römern Namen gehabt, doch das sei in Mitteleuropa nicht weitergeführt worden. Nicht zuletzt, weil es hier im Mittelalter kaum Gasthäuser gegeben habe. Die einzigen Reisenden seien damals Pilger gewesen – und die nächtigten zumeist in Klöstern. Folgerichtig bekamen später die ersten Gasthäuser auch Namen, die auf biblische Legenden zurückgehen. Wie zum Beispiel auf den „Raben“, der den biblischen Propheten Elias in seiner Verbannung mit Brot und Fleisch versorgt habe.

Doch nicht immer stimme die These des biblischen Ursprungs, meint Kunze. So sei die Meinung weit verbreitet, dass die gängigen Namen „Adler“, „Engel“, „Löwen“ und „Ochsen“ auf die Symbolzeichen der vier Evangelisten zurückgehe. Doch er habe hier Zweifel. So seien die Namen deutschlandweit sehr ungleichmäßig verbreitet. Den Ochsen gebe es zum Beispiel nur in Baden-Württemberg und der Schweiz, während der Löwe weit verbreitet sei. Zudem sei ihm nicht einleuchtend, wie aus dem Zeichen des Lukas, dem Stier, nun der Ochsen geworden sei. Kunze zufolge sind die meisten Gasthausnamen wohl schlicht und einfach aus den ehemaligen Hausnamen entstanden. Je nach Dialekt und Region hieß ein Gasthaus dann „Hirsch“, „Hirschen“ oder „Zum Hirschen“ (oder, wie einige Meter weiter hier: „Goldener Hirsch“):

Letzten Samstag haben wir woanders gegessen, aber als mein Sohn den Wunsch äusserte, in der letzten Woche der Herbstferien einen Ausflug in einen anderen Ort in der Nähe zu unternehmen, ging ich gerne drauf ein – um hier heute ein zweites Mal vorbei zu kommen und mit ihm dort zu essen. Neben dem Ochsen hatte mich auch die zwischendurch gelesene Info neugierig gemacht, Ladenburg sei die „älteste Stadt Deutschlands rechts des Rhein“. So lassen sich die Wünsche von Vater und Sohn doch gut verbinden. Und Hunger hatten wir auch nach einer Stunde am Skaterpark mit „Pump Track“):

Die Gaststube wirkte, als hätte man es mit einem sehr gut gehenden Lokal zu tun, in dem über die Jahre und Jahrzehnte viel saniert und die Einrichtung entsprechend der (vermeintlichen) Wünsche der Kundschaft perfektioniert worden ist. Es wurde nicht „kaputtsaniert“, aber doch die Original-Einrichtung stark verändert.

Die Kellnerin wies uns einen Tisch im (ebenso grossen) Nebenraum, der so genannten Carl-Benz-Stube. Ehe ich meinem Sohn die historischen Fotos zeigen konnte, entdeckten wir ein Modell eines Ochsen und ein Kühlfach mit Fleisch – was perfekt zum Buch „Die kleine Hexe“ passte, das ich gerade vorlas. In einer Episode des 1957 erschienenen Buchs von Otfried Preusssler ist vom Gasthof „Zum doppelten Ochsen“ und dem Ochsen Korbinian die Rede, der dann davor gerettet wird, beim Schützenfest verspeist zu werden. So fügt sich manchmal eins zum anderen…

Ich bestellte das am Eingang empfohlene Fischfilet mit Suppe vorab, mein Sohn den Schnitzel-Kinderteller „Biene Maja“ – beides wurde von der netten Bedienung in riesigen Portionen sehr schnell geliefert, so dass ich wegen der Rückfahrt mit dem Zug um 13.56 Uhr nicht in Stress geriet. Aber es war sehr fettlastig und ich fühlte mich noch Stunden später pappensatt von dieser Art so genannt „gutbürgerlicher“ Speise, bei der das Fleisch zwar „bio“ zu sein schien (ein Aufsteller am Eingang behauptete das), aber vom Küchenchef und Inhaber Heinz Jäger, seines Zeichens ausgebildeter Metzger, doch sehr konventionell zubereitet war. Aber ich will mich nicht beschweren: Das Essen kostete mit grosser Apfelschorle und Espresso nur 19,60 Euro.

Der in Mühlburg geborene Autoerfinder lebte ab 1898 in Ladenburg. Wieso Carl Benz hier gerne speiste, hat mit seinem Rückzug aus der 1899 in eine Aktiengesellschaft umgewandelte Benz & Cie. Rheinische Gasmotorenfabrik (Benz & Cie. AG) zu tun: Trotz des riesigen Erfolgs – um 1900 war sie die größte Automobilfabrik der Welt – zog sich Benz 1903 nach einem Patentstreit mit Gottlieb Daimler verärgert aus dem Unternehmen zurück und gründete 1906 mit seinen Söhnen in Ladenburg das Unternehmen Carl Benz Söhne, das sich auf den Fahrzeugbau spezialisierte und in dessen ehemaligen Räumlichkeiten heute das Automuseum Dr. Carl Benz zu finden ist. Er starb übrigens auch hier.

Möglicherweise nach vielen Schnitzeln im „Ochsen“. Er soll auch dem Rotwein von der Bergstraße nicht abgeneigt gewesen sein. Das wäre eine der bleibenden Fragen: Was wurde damals eigentlich aufgetischt? Und was haben Helmut Kohl und Franz Beckenbauer hier gespeist, die zumindest einmal bei der Familie Jäger zu Besuch waren?

Adresse: Hauptstraße 28, 68526 Ladenburg, Tel.: (06203) 14828, Homepage

Verwendete Quellen: Schöneberg, Mario: Von Engeln, Löwen und Ochsen. Gasthäuser und ihre Namen, Badische Zeitung, 28. 10.2008; Sturm, Axel: Carl Benz wäre am Montag 175 Jahre alt geworden, Rhein-Neckar-Zeitung, 25.11.2019

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Zum Ochsen_Ladenburg ⓒ Ekkehart Schmidt

From → Gaststätten

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