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Graace Hotel_Luxemburg

August 25, 2020

Obwohl ich oft in Bonnevoie unterwegs bin, dem kosmopolitischsten Viertel der Stadt, mit vielen Restaurants, Cafés und Kneipen, habe ich hier etwas übersehen, das sehr bemerkenswert ist. Aus einer alten Schlosserei im Hinterhofcarré zwischen der rue Sigismund, der rue des Puits mit der ebenfalls in einer ehemaligen Fabrikhalle untergebrachten „Banannefabrik„, sowie der rue des Ardennes wurde ein ökologisch und architektonisch bemerkenswertes Hotel errichtet, das auch für die Stadtentwicklung wichtige Impulse gibt. Hier ein Google-Earth-Foto vor der Sanierung:

Luftaufnahme

Oder sagen wir: Geben könnte, wenn denn nicht die Pandemie dazwischen gekommen wäre. Die leer stehende Schlosserei wurde 2012 erstanden und aufwändig umgebaut. Im März sollte sie eröffnet werden – was wegen Corona dann erst im Juni erfolgte. Heute habe ich mir das „Graace Hotel“ einmal angeschaut: ein tolles Projekt.

Aber ihm fehlen die zahlenden Gäste. Corona führte dazu, dass es deutlich weniger Geschäftsreisende gibt, denen das Hotel ein besonderes Ambiente und eine ihren spezifischen Wünschen entsprechende Ausstattung bietet. Es sieht nicht gut aus, der Preis pro Übernachtung ist schon von den anvisierten und durchaus vertretbaren 200 EUR auf 120 gesenkt worden (im Oktober noch einmal auf 57 EUR) … Ich möchte es daher hier etwas bewerben.

Von aussen ist der Zugang zwischen zwei Häuserzeilen sehr unauffällig, aber nicht unscheinbar: Es wirkt edel. Ein Detail ist hier wichtig: Eine massive Metallabtrennung verhindert den Zugang etwaiger unerwünschter externer Personen und gibt den Gästen ein Gefühl der Sicherheit. Das ist nicht irrelevant in diesem Teil von Bonnevoie, in dem sich viele Einrichtungen für sogenannt randständige Personen befinden.

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Graace Hotel_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Graace Hotel_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Hinter der Metallwand öffnet sich ein weiter Hof mit Blick auf die in einem Container untergebrachte Rezeption, den Frühstücksraum und schöne Sitzecken unter Apfelbäumen, hinter denen es in die ehemalige Schlosserei geht, deren Metalldächer entfernt wurden, so dass der Zimmertrakt sehr licht wirkt. Architektonisch ist es eine Mischung zwischen skandinavischen und japanischen Gestaltungsvorstellungen, erklärt mir Geschäftsführerin Isabella Coltan, die mich herumführt.

Graace Hotel_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Graace Hotel_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Graace Hotel_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Graace Hotel_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Das Hotel bietet 28 Zimmer, 16 unten und 12 oben, die alle gleich gestaltet wurden: wie nebeneinander gebaute Tiny Houses, die alles bieten, was man braucht und wo Unnötiges – wie ein TV-Bildschirm  an der Wand – konsequent weggelassen wurde. Zum Beispiel gibt es statt eines Kleiderschrankes nur einige wenige Kleiderbügel an der Wand.

Graace Hotel_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Das Gebäude und die Zimmer wurden mit viel Holz gestaltet. Viele Details zeigen den konsequenten Willen, unnötigen Energieverbrauch zu reduzieren: So gibt es zwar an der Metallwand eine elektronische Klingel, aber jedes Zimmer ist mit einem mechanischen Nummernschloss gesichert, wie man es von alten Fahrradschlössern kennt. Und es gibt eine derart klare Ausrichtung auf Kund/innen im digitalen Zeitalter, wie ich sie noch nie gesehen habe: Zum Beispiel einen gesonderten WLAN-Zugang für jedes Zimmer und eine Aussparung in der Wand am Bett, um sein Tablet oder Smartphone griffbereit einzustecken.

Vier Räume folgen aufeinander: Arbeitszimmer, Bad mit Dusche (genial erweiterbar nach Aufklappen der innen verspiegelten Türen in den Flur), Schlafraum und kleine Terrasse bzw. Balkon.

Graace Hotel_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Graace Hotel_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Graace Hotel_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Die Krönung dieses Konzept-Hotels bilden dann die zwei Dachterrassen: Viele Pflanzen, weite Blicke rundum und mittendrin Hochbeete mit Gemüse – von Lauch bis Salat. Daneben eine Art hölzernes Gewächshaus mit prächtig gedeihenden Tomaten, in dem man sich auch in Ruhe hinsetzen kann.

Graace Hotel_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Graace Hotel_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Nachtrag: Mich hat diese tragische Geschichte so beeindruckt, dass ich im November für die Wochenzeitung Woxx eine Reportage geschrieben habe, in der ich auch die Corona-Schwierigkeiten dreier anderer Hotels beschreibe. Es gab aber auch Good News: Die hoch gelobte junge Konditorin Cathy Goedert hat hier im Oktober ihre von 2014-18 in der Altstadt bestehende Patisserie neu eröffnet – worüber sogar das Business-Magazin Paperjam berichtete. Im Chronicle heisst es, es werde ein Coffee-Shop mit Gourmet-Take-Out.

Für den 19./20. Dezember habe ich hier jedenfalls für die alljährliche Vater-Sohn-Escapade mit Tom eine Nacht gebucht (die jetzt wieder 99 Euro kostet). Wegen Corona bietet Cathy Goedert, die offenbar auch den Frühstücksservice übernimmt, kein Büffet im Hof, sondern wird uns das Petit Dejeuner ins Zimmer bringen. Es gibt schlimmeres, dachte ich vorab. Als wir dann aber ankamen, fand ich 15 Euro doch etwas überteuert, wenn wir auch nebenan in einer Boulangerie zum halben Preis Kaffee, Croissants und andere Schnäkereien to go holen und dann im Hotel frühstücken können. Also besorgten wir uns noch Bio-O-Saft und zwei Pizzen für den ersten unserer zwei gemeinsamen Abende. Tags drauf ging es nach Beaufort ins Müllerthal zum Felsenwandern. Unser dortiges Hotel „Auberge Rustique“ baut architetonisch auch auf Holz, ist aber ansonsten so ziemlich das Gegenteil des „Graace“. Das ist nicht abwertend gemeint.

Adresse: 10, Rue Sigismond, L-2537 Luxemburg, Tel.: +352 26 68 43 43, Homepage

Graace Hotel_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

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