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Fly Bar Pizzeria_Padua

August 20, 2020

Ob ich je so oft in einer Pizzeria in Italien gegessen habe? Wohl nicht beim ersten Italien-Aufenthalt auf einem Campingplatz in Bardolino 1974 am Gardasee, da waren meine Eltern sehr sparsam. Und danach in der Toskana, Venedig, in Apulien, Rom, der Cinque Terre, der Seiser Alm und Südtirol auch nicht, weil ich/ wir Abwechslung wollten oder zu kurz an einem Ort waren. Während der fünf Tage im Juni in Padua war mir diese auch wichtig, was Cafés anging. Aber mittags habe ich ausschliesslich hier gegessen. Das hier zu erklären versuchen, ist simpel und schwierig zugleich.

Auf den ersten Wegen vom Hotel Pellegrino an der Piazza San Antonio in die Innenstadt kam ich in einer Parallelstrasse zur belebten Via Roma zufällig an einer Ladenpassage vorbei und wäre fast vorbei gelaufen. Aber da es heiss war und hier schattige Kühle lockte, schaute ich kurz hinein und blieb sofort, weil sich da ein Lokal verbarg, das zugleich Caffè, Bar, Gelateria, Restaurant und (abends) Cocktailbar war. Und zwar nur für Einheimische. Jedenfalls in Corona-Zeiten, einen Monat nachdem der Lockdown für Lokale am 15. Mai aufgehoben worden ist.

Die Passage öffnete sich gegenüber eines viel breiteren, ebenfalls galerieartigen Laubengangs (Portikus) mit hier innen stark leuchtenden weissen Säulen der Kirche Santa Maria dei Servi aus dem 14. Jahrhundert. Maria. Mit einer Frau, die irgendwie der biblischen Maria ähnelte, beschloss sich mein Aufenthalt hier fünf Tage später.

Von der anderen Seite kommend, wo sich kaum Lokale befanden, wirkte der Zugang zur Passage namens „Galleria Tito Livio“ ganz anders. Weil man durch die Sogwirkung der sehr harmonisch den Blick in die Tiefe der Entfernung zur nächsten Ecke weit hinten ziehenden Via Roma nicht auf Nebengassen achtete, fällt das Lokal dort nicht auf. Anders von hinten, wo die Strasse Tito Livio eher unharmonisch mit unpassend eingefügten modernen Bauten verläuft und einem jedes Detail ins Auge fällt (die junge Frau in Shorts lief mir erst ins Bild, nachdem ich mich für das Foto postiert hatte). Die Perspektive war plötzlich diejenige der Bewohner des Quartiers.

Die roten Plastikstühle wirkten gewissermassen stilecht für diese Art Lokal, eine Auswahl von gelben und braunen Zuckertüten (Kristall- und Rohrohrzucker) signalisierten mir aber – neben dem Weltladen an der Ecke und in Kenntnis von Unigebäuden nahebei – dass zu den Stammgästen eher wohl junge Leute zählen, die gegenüber den Problemen unserer Zeit eher aktiv aufgeschlossen sind. Eine stylische Bar, etwa auch mit veganen Produkten, war dies aber nicht. Aber die einzige authentische, die ich mit Ausnahme der Caffeteria Bar Corso in der Innenstadt fand, in der sich also – versteckt von den Hauptwegen der Pilger und Touristen – nicht nur die sozialen Schichten, sondern auch die Geschlechter und Generationen durchmischten und öfters auch eine Gruppe alter Männer sass.

Das 1984 eröffnete „Fly“ versteht sich als „American Bar“, was immer das heissen soll. In den USA wird der Begriff kaum genutzt, er entstand wohl in Europa Mitte des 19. Jahrhunderts und bezeichnet eine Bar im „amerikanischen Stil“ oder ein Lokal, das „amerikanische Getränke“ (Alkohol?) serviert, wo man aber jedenfalls an der Theke sitzt. Solche Bars gab es in Europa lange Zeit fast nur in größeren Hotels (Hotelbar).

Das passt hier nicht wirklich. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass Inhaber Azem Fetaj ein Albaner ist. Was eher passt: Hier werden alle Bedürfnisse in Bezug auf Getränke und Speisen befriedigt, je nach Tageszeit andere. Diese Bar ist jedenfalls schon früh am Morgen geöffnet und bietet zugleich Nachtleben. Ich kam darauf, weil die mir am interessantesten erscheinende (erste) Pizza am 22. Juni „Kosovarja“ hiess. Aber zunächst glaubte ich deshalb darauf schliessen zu können, dass er aus dem Kosovo stammt. Durch ein Wandbild und ein daran anknüpfendes Gespräch mit der Kellnerin klärte sich dieses etwaige Missverständnis.

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Sie war von dort! Aber eigentlich vom Küstenort Durres, von wo sie vor zehn Jahren hierher kam. Innen ist das Lokal dreigeteilt, links die Gelateria und der Pizza-Ofen, mittig die Theke und rechts ein edel eingerichteter Bereich, der sogar noch einen rückwärtigen Raum hat, in dem die Familie zu Mittag isst und man sich abends wie in ein Séparée zurückziehen kann.

Ein faszinierend realistisches Gemälde zeigt den ehemaligen Königsort Kruje bei Tirana mit einer Statue des berühmten Freiheitskämpfers Skanderbeg davor (in Wirklichkeit steht sie unten im Tal). Da war ich mit meinem Sohn Tom vor acht Jahren im Hotel Panorama und wir stiegen in einem unvergessenen Erlebnis den Berg hoch zu einem Bektashi-Heiligtum.

Ich hatte jedenfalls meinen Ort gefunden, mich in Padua zu verheimaten – und es wurde halt irgendwie doch nicht die Pasticceria Lilium, von der ich das am ersten Abend gedacht hatte. Beim zweiten Mal im Fly wählte ich eine scharfe „Pizza Inverno“, die eigentlich hätte „Inferno“ genannt werden müssen. Beim dritten Mal verzichtete ich mit einer „Pizza Vegetariano“ dann mal auf Fleisch.

Fünf Mal war ich hier. Nicht nur wegen der fairen Preise für Pizzen zwischen 5 und 6 EUR, Espresso für 1 EUR und Bibita (Bitter Lemon) für 2,30 EUR. Und lernte, dass man zum Caffè/ Espresso extra sagen muss, etwas mehr Wasser zu bekommen, damit er nicht derart „kurz“ und stark ist, wie ich es nicht gewohnt bin. Beim letzten Mal sass da an dem Tisch, an dem ich mich vor fünf Tagen erstmals hierher setzte, eine Frau. Ich nenne sie mal „Maria“, weil ich kurz zuvor einen Stein mit einer Aufschrift diesen Namens sah. Ihre Eleganz faszinierte mich. Aber ich wagte weder Foto noch eine direkte Ansprache. Und lernte, dass ich den Augenblick nutzen sollte – Carpe diem. Das verstand ich aber erst, als sie plötzlich ging.

Und dann kam der Gedanke, den ich schon ein- oder zweimal anderswo umgesetzt hatte, Ausdruck meiner Einsamkeit: Ich folge ihr einfach mal! Sehen, was passiert. Das war eine Stunde lang interessant und aufregend, aber zuletzt frustrierend, weil ich verstehen musste, dass ich nie gelernt habe, attraktive Frauen in dieser richtigen Mischung eines offensiven Ausdrucks von Interesse und zugleich einer vorsichtigen Distanz, sie nicht zu irritieren oder zu beschämen, anzusprechen. Sie ging die Via Roma nordwärts…

An der Piazza dell`Erbe setzte sie sich in ein Lokal, um Zeit zu überbrücken, nachdem ein sie interessierendes Geschäft noch geschlossen war. Warum traute ich mich nicht dazu? Ich folgte ihr nur danach weiter, bis sie ein Rad nahm und entschwand.

Für immer. Man könnte sagen: She just flew away. Dennoch schön!

Adresse: Galleria Tito Livio 4, Padua/ Italien, m.me/flybarpizzeria, Tel.: +39 049 877 4860, Facebook

Fly Bar Pizzeria_Padua © Ekkehart Schmidt

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