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Primavera_Luxemburg

Juni 8, 2020

Als Undercover-Blogger gerate ich manchmal in Situationen, durch die ich einfach durch muss. Im April 2019 hatte ich erstmals im Leben Kaninchen zu essen. Gut: Ich hätte mich bei einem Tagesgericht ohne Alternative auch einfach umdrehen und woanders hingehen können. Aber dieses Lokal, das vorne eine Bäckerei-Konditorei und hinten eine Mittagskantine für Portugies*innen ist, in das mich eine Arbeitskollegin etwa 2015 erstmals ausgeführte hatte und deren Inneneinrichtung  ich 2016 zu dokumentieren begann, war saniert worden. Ich hatte das zufällig bemerkt, beim Mittagessen heimlich fotografiert und wollte damit weiter machen. Kaninchen also: „Bom Apetit!“

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Sonst gab es ganz hinten an einer garküchenähnlichen Theke nahe der Küche bei der Köchin immer die Wahl zwischen Fisch mit Reis und Kartoffeln sowie einem ähnlichen Gericht typisch portugiesischer Hausmannskost. Dieses Mal nicht. Was da präsentiert wurde, sah lecker aus: Wirsing, Kartoffeln und knusprig gebratenes Fleisch. „C’est du lapin“ warnte mich die Köchin, aber ich sagte trotzdem gleich ja. Wenn ich sechs Tage die Woche bio und weitestgehend vegetarisch esse, dann kann ich einmal die Woche auch ein konventionelles Fleischgericht essen. Vor allem, weil ich mir vorstelle, dass die Luxemburger Portugiesen für ihre Zutaten eher eigene Quellen nutzen und nicht ausschließlich preisbewusst agroindustrielle Massenware einkaufen.

Dann blieb der Blogtext liegen – bis ich nach dem Corona-Lockdown heute noch einmal vorbei kam und feststellen musste: Es ist geschlossen, es wird umgebaut und aus dem Restaurant wird ein Primavera-Einkaufsmarkt. Dieser Text und die Fotos sind also die Dokumentation von etwas, das es nicht mehr gibt.

Aber ich fange vielleicht besser nochmal vorne an: Bei der Boulangerie-Patisserie. Der Gast betritt eine typische Bäckerei mit drei Stehtischen linkerhand. Es gibt portugiesisches Weißbrot, Croissants, aber auch Pastel de Nata – Blätterteigtörtchen mit Pudding.

Primavera (c) Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Hinter der Bäckerei ging es aber weiter, es öffnete sich eine Gaststube mit einem Dutzend Tischen und dann – nach einem Durchgang – noch ein wekterer Raum mit der beschriebenen garküchenähnlichen Theke. Im Zwischenbereich sah es im April/ Mai 2016 so aus:

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Dass sich hier hinter der Fassade von einer der acht Bäckereien in einem Radius von 300 Metern rund um die Place de la gare  ein mit 9,50 Euro durchaus preiswerter Mittagstisch mit Getränk und Nachspeise (oder Kaffee von der Brasilia Kaffeemaschine) verbarg, wussten wohl wenige der im Viertel arbeitenden Leute. Jedenfalls sind geschätzte 80 Prozent der Gäste portugalstämmige Migrant*innen. Sieht man einmal von den fünf Bäckereien ab, die nur Filialen von Ketten sind (Fischer, Oberweis, Paul und Brioche Dorée) haben die anderen drei als lokale Familienbetriebe meist eine sehr interessante Geschichte (neben Primavera auch Hoffmann, Kathy’s Deli und Cupcakery und die Boulangerie logique).

Die Geschichte des Familienbetriebs Primavera wird auf der Homepage stolz und ausführlich dargestellt: Im Alter von 15 Jahren war der spätere Gründer und langjährige „patron“, Manuel Rui Fernandes, als Kind einer portugiesischen Kaufmannsfamilie nach Luxemburg gekommen. Schon im Alter von 16 Jahren übernahm er Verantwortung. Nach dem Militärdienst in Portugal lernt er mit 21 seine Frau kennen, die wie er aus aus Figueira da Foz stammt. Ein Jahr später heiraten sie. Sie besaß in der rue Joseph Junck eine Epicerie namens „Primavera“ („Frühling“ auf Portugiesisch). Sie behielten den Namen bei und machten sich gemeinsam mit aller Energie und ihrem Wissen daran, daraus einen Supermarkt zu machen.

1978  verwandeln sie eine weitere Fläche im inneren Passsagenbereich der Galerie Kons, weiter unten an der Straße, das 1979 mit zunächst 12 und später 23 Angestellten auf einer Fläche von 1000 m2 als Supermarkt Primavera öffnet. Die ursprüngliche Epicerie wurde zu einer Boutique und später einem Hotel-Restaurant, das 2004 verkauft wurde. 1997 weitete sich der Supermarkt weiter aus und beschäftigte 35 Angestellte auf 1.500 m2. Dort gab es wohl auch ein Restaurant. Ein weiterer Markt entstand 2014 in Gasperich. Es war aber hier, gegenüber des Bahnhofs, wo ich diesen Namen 2008 erstmals wahrnahm, aber nie hin ging, weil es vorne nicht sichtbar war, zu tief im Haus gelegen. Das Gebäude wurde dann ab 2017 abgerissen und durch den lokalen Sitz der ING-Bank ersetzt.

Zurück zu meinen Mittagspausen: In der rue Origer wurde es immer heimisch-portugiesisch-intimer, je weiter man nach hinten durchging. Leider fehlt bei den folgenden Fotos das entscheidende: Die breite Speisetheke mit den netten Köchinnen aus Portugal und den Kapverden ganz hinten. Sie waren einfach zu sympathisch und präsent, als dass ich diese Szenerie hätte unbemerkt ablichten können.

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Manuel Rui Fernandes beschreibt sich selbst als humanistisch inspirierten Unternehmer. Das Konzept eines knallharten Discounters sei ihm fremd. Er versuche natürlich, preiswert zu sein, aber nicht zu jedem Preis. Gemäß seiner Vorstellung mache Qualität zu einem guten Preis den Erfolg aus. Bäckereiprodukte stammen aus der Fabrik Primavera Pain in Düdelingen, die auch an weitere Orte liefert. Und er setzt auf menschliche Nähe und Nachfrageorientierung:  «Le client demande, je donne», sagt er.

Aber zurück zum Lokal: In der Boulangerie vorne angeboten wurden auch fünf Frühstücksvarianten. Sie reichten vom „Petit déjeuner express“ oder „simple“ für 3,10 Euro (entweder mit Croissant oder Toast) bzw. „spécial“ für 4,95 (mit einem zusätzlichen Saft)  bis hin zu den Varianten „maison“ und „super spécial“ für 6,45 bzw. 6,20 Euro, bei denen noch Marmelade und Baguette dazu kommen. Die Präsidentin meines Vereins traf sich dort öfters mit anderen aus der zivilgesellschaftlichen Szene, um beim Frühstück Aktionen zu besprechen. Jetzt ist hier in Bahnhofsnähe der letzte Ort mit alternativem Flair für solche Treffen verschwunden. „Schade“ ist vielleicht die Quintessenz dieses Nachrufs.

Nachtrag vom 20.11.2020: Die Befürchtungen sind wahr geworden – zwar gibt es seit der Neueröffnung Anfang November hinten noch eine Theke und man kann sich ein Mittagessen für 8,50 Euro mitnehmen (nicht nur in Corona-Zeiten, sondern generell), aber es gibt keine sitzplätze mehr. Das Lokal ist ansonsten ein Supermarkt mit vielen Kühlboxen bis ganz nach hinten. Das werde ich nicht dokumentieren, bewahre mir lieber die Erinnerung.

Adresse: 7, rue Jean Origer, L-2269 Luxemburg, Tel: +352 48 84 62, Homepage

Weitere Filialen: Dudelange (41, Place de l’Hôtel de ville) und Differdange (27, avenue de la liberté)

Primavera_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

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