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Corona-Absonderlichkeiten

Juni 3, 2020

Was wir in Corona-Zeiten unter anderem erleben, ist ein völliges aus dem eingeübten Alltag-Fallen. Wir leben plötzlich ganz anders. Manches davon ist schön (Entschleunigung), anderes erhellend (Selbstbeobachtung) oder schwierig (ewig lang im Home Office). Wenn wir uns und andere in dieser Ausnahmesituation beobachten, gibt es manche Abstrusitäten. Ich versuche das für mich einmal etwas aufzuarbeiten.

  • „Erstbezug nach Renovierung in Bliesransbach inkl. 2 Rollen Toilettenpapier“ (Wohnungsanzeige von Holger Fuchs auf der Facebook-Seite Wohnungsmarkt Saarbrücken, 1. Mai 2020)
  • Homeoffice ändert ein Dutzend Details des täglichen Ablaufs manch immer gleicher Handlungen. Zum Beispiel gibt es in meinem Stammcafé „Le Relax“ in Luxemburg mittags zum Espresso immer eine viel zu grosszügig volle Zuckertüte, die ich – nur halb geleert – seit Jahren einstecke, um sie zu Hause in die Zuckerdose zu leeren und dann das Tütchen ins Altpapier. Oder die zwei Servietten zu Suppe und Käsebaguette dort: Ich nehme sie mit nach Hause und tue sie in ein Bastkörbchen an der Toilette, um sie als Toilettenpapier zweitzunutzen. Seit drei Monaten nicht mehr, was mir erst am 15. Juni 2020 beim ersten Besuch im Café auffiel.
  • Ich habe mir nie die Hände mit Seife gewaschen. Ausser, wenn die Fahradkette abgesprungen war. Also habe ich auch nie Seife gekauft. Oder nur, wenn es im Bioladen plötzlich echte Alepposeife gab (aber die wollte ich ja nicht wirklich benutzen). Ich hatte immer welche aus Hotels übrig: Mit Aufdruck des Namens – dann wurde es Sammelobjekt. Oder ohne – mal mit Erinnerung, mal ohne. Wenn ohne, könnte ich sie jetzt endlich aus dem Bastkörbchen im Bad holen und sinnvoll verwenden. Ob aus Istanbul 2002 oder Lübeck 1998. Aber erst hatte ich die Berliner Seife vom Januar aufzubrauchen, die ich – offenbar verwaist – in der Dusche des Art Hotel „Luise“ aufgepickt hatte, damit sie nicht im Müll landet. Sie hat drei Monate gehalten. Jetzt wird es schwierig, werde mich beim Blick ins Bastkörbchen überwinden müssen.
  • Am Saarbrücker Hauptbahnhof fiel mir auf, dass Obdachlose jetzt mehr trockene Unterschlupfmöglichkeiten haben, weil die meisten Geschäfte geschlossen haben und man also, vor ihnen liegend, morgends nicht verscheucht wird. Ich gönne es ihnen sehr, da sie Vor-Corona oft nur zugige und dreckige Ecken fanden.
  • Unsere WG ist gerade – was die Interaktion angeht – stark reduziert, obwohl ich jetzt ununterbrochen anwesend bin. Dafür sind die zwei anderen aus diversen Gründen fast ununterbrochen anderweitig unterwegs. Home Office ist eine sehr einsame Angelegenheit, wenn man ohne Partner/in ist, die Kinder bei der Mama leben und andere gewohnte Kontakte (der Busfahrer, die anderen Leute im Bus, die Kellnerinnen im Café) völlig ausfallen. Ich fühle mich da noch stärker vereinzelt, oft echt in Einsamkeit. Stattdessen ist da plötzlich die Tierwelt, mit der ich in Austausch trete: Von der Motte, die ich abklatsche, über die Wespen (die die Strohhalme des Balkon-Sichtschutzes zur Gewinnung von Material für ihr Nest abknabbern), Spinnen, Fruchtfliegen, Ameisen (die ihre Kolonien von Läusen auf dem Efeu und den Stiefmütterchen bearbeiten), die ich beobachte, bis hin zu den Kohlmeisen, denen ich Frischwasser auf den Balkon stelle und der Amsel, die mir beim Umgraben im Gemeinschaftsgarten schlau zuschaut, um sich dann Regenwürmer zu schnappen. Nicht zu vergessen der abendlichen Abfolge: Erst singt da ein Vogel wunderschön auf Partnersuche, dann streiten zwei Amseln, ehe die Raben von der Saar in den Wald hinter dem Haus zurückkehren und schliesslich die Fledermaus ihre Runden über dem Garten dreht – jeden Abend gleich.
  • Home-Office als neue Realität der Corontäne bringt mir in Kombination mit der Einführung des kostenlosen ÖPNV in Luxemburg ab dem 1. März 2020 als Grenzgänger, der per Bus von Saarbrücken nach Luxemburg fährt, quasi eine Gehaltserhöhung oder Kostenreduktion von 80 Euro für das Monatsticket (ich fuhr anfangs nur noch ein- bis zweimal im Monat für je 5 bzw. 9 Euro, ab Juni einmal die Woche). Ab Oktober kaufte ich nur noch einmal im Monat ein Ticket Hin- Zurück und betrog den Fahrer, indem ich von weitem mit einem alten Ticket winkte. Dadurch bekam ich eine Pizza-to-go for free. Nur einmal wurde ich erwischt und hatte zu rennen, um schnell doch noch ein gültiges Ticket zu kaufen. Danach standen die Fahrer immer unerbittlich fragend vor der Tür (ist ja auch schon OK…).
  • Burnout? Hat kein Mensch mehr (ausser im Gesundheitswesen), stattdessen warnen Mediziner vor der „Zoom-Fatigue“ als neuer Volkskrankheit. Ursächlich ist nicht nur die Erschöpfung der Augen, sondern auch das Fehlen klarer Spielregeln: Wie stoppt man den Dauerredner? Zeige ich auf, wenn ich etwas sagen will? Wo schaue ich hin? Wie kriege ich die Bilderkacheln so umsortiert, dass ich nur noch sehe, wen ich sehen will? Wie komme ich aus dem falschen „Breakout-Room“ raus? Wie setze ich mich hin, dass im Hintergrund nichts peinliches zu sehen ist? Und: Darf ich mit gebügeltem Hemd und Unterhose videokonferenzen?
  • Als ich mit den Kindern am 8. Mai 2020 nach gut sieben Wochen endlich wieder auf den Staden-Spielplatz durfte, gab es am Sandkasten eine Überraschung: Dutzende Wildbienen hatten sich am Rand des Sandkastens Schlupflöcher in den harten, verwaisten Sand gegraben, um dort zu brüten. Das wird nicht gut gehen…
  • Es gibt viele andere Beispiele von der Leere, welche die Corona-Krise weltweit in den Städten, an den Stränden und auf dem Wasser erzeugt. Zugleich erobern sich immer mehr Tiere diese Orte und Räume zurück und füllen sie mit Leben (Fotos in der „Bunte„). Ich führe das hier als „absonderlich“ auf, weil einem klar wird, wie sehr der Mensch andere Kreaturen verdrängt hat. Das Verhalten der Tiere ist völlig normal und natürlich.
  • A propos Natur (und Resilienz): Hier eine Entdeckung vom April 2021, auf einem seit Monaten ungenutzten Sportplatz in Steinbach bei Ottweiler:
  • Ein die Türkei liebender und deren Entwicklungen auch in der türkischen Presse verfolgender Freund erzählte mir eine wunderbare Fake-News-Geschichte aus Kurdistan: Ein Einwohnermeldeamt hatte zu schliessen wegen eines Riesenandrangs älterer Damen, die ihr Geburtsdatum ändern wollten, damit sie als Risikogruppe eingeordnet werden. Ich habe vergessen, warum sie das wollten.
  • Das Kreuzworträtsel im Luxemburger „Tageblatt“ wie auch im „Wort“ ist jetzt ganzseitig. Es fällt mangels Veranstaltungen offenbar schwer, die für die staatliche Pressehilfe erforderliche Seitenzahl zu füllen. Bei der „Woxx“, die üblicherweise mit einer Agenda aufwartet, die exakt die Hälfte der Wochenzeitung füllt, tat man sich schwer, das mit Tipps zu Kultur im Internet zu füllen.
  • Nach einer Augen-OP musste ich mich zwei Wochen lang zu HardCoreCoronaFerien zwingen: also so wenig wie möglich lesen und am PC sitzen. Das ging fast nicht, aber zum Glück hatte ich in einer Nachbarstrasse eine Sammlung von 12 CDs des Handelsblatts mitnehmen können, in der gut 80 Persönlichkeiten der Wirtschaft porträtiert wurden.
  • Mit Mundschutz merke ich plötzlich, wie ich als Raucher rieche (Ärrgs). Wie ich nach dem Rauchen einer Zigarette zu einem Glas Wein ausdünste, weiss ich nicht, weil ich das abends nie mit Mundschutz ausprobiert habe. Eine erschreckende Erkenntnis.
  • Auch das Dutzend Dealer rund um den Bahnhof Luxemburg trägt vollständig Mundschutz (so beobachtet bei einem Besuch am 1. Mai 2020). Die Junkies eher nicht?
  • Es ist toll, von zu Hause aus arbeiten zu können. Jede Woche 12 Stunden Weg zur Arbeit einsparen. Aber nach ein paar Wochen änderte sich das Gefühl: Es gibt keine Trennung von Arbeits- und Privatleben mehr. Ich muss das künstlich neu herstellen, indem ich morgens, mittags und abends per Rad eine Runde drehe. Und nach der Abendrunde muss Feierabend sein. Wie früher, wenn ich von der Arbeit kam.
  • Mitte August 2020 ist immer noch unklar, wie es nach dem Lockdown mit der steuerlichen Behandlung von Homeoffice weiter gehen soll. Berufspendler/innen durften vor Ausbruch der Pandemie nur eine begrenzte Anzahl an Arbeitstagen von ihrem Wohnsitz aus arbeiten, ohne dort Steuern zu zahlen (19 im Falle von Deutschland). Die Regelungen wurden während der sanitären Krise aufgehoben, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Das entsprechende Abkommen zwischen Belgien und Luxemburg wurde in den August verlängert und kann monatlich immer neu verlängert werden. Wie es mit Frankreich und Deutschland aussieht, ist unklar. „Wir wollen, dass die Regierung dauerhafte Regelungen mit den Nachbarländern ausarbeitet, was die Besteuerungsgrenzen und das Thema Sozialversicherung betrifft“, sagt der Generalsekretär der Gewerkschaft LCGB gegenüber der Woxx. Das würde mir sehr helfen – schliesslich denken wir an Homeoffice bis September und ich habe keine Lust auf plötzliche Steuernachzahlungspflichten seitens deutscher Finanzämter Jahre später.
  • Ende Juni 2020 bin ich per Zug von Deutschland nach Italien: Ab Basel in der Schweiz hatte plötzlich fast niemand im Zug mehr eine Maske auf, vorher und ab der Grenze nach Italien dann wieder alle. Ein Schaffner sagte: Nur sie seien verpflichtet, Passagiere nicht – und fügte sarkastisch hinzu, daran erkenne man den Grad an Gemeinsinn der Schweizer. Aber auf der Rückfahrt kam eine klare Durchsage: „Halten Sie bitte den Abstand von 1,50 m ein. Sollte das (und also nur dann) nicht möglich sein, tragen sie bitte eine Maske. Was absonderlich wirkte, erschien plötzlich in einem sehr freiheitlichen Licht.
  • Manche Leute, zu deren täglichen Gewohnheiten zwingend ein Kneipen- oder Cafe-Besuch gehörte, können davon nicht lassen, obwohl die Stammlokale zu sind. So holt man sich anderswo sein Getränk „to go“ und stellt sich in der Nähe oder davor an eine Stelle, wo man den Becher oder die Flasche abstellen kann, ohne dass er umkippt. Man bleibt an dieser Mauer, diesem Fenstersims, Kaugummi-Automaten oder dem Stromkasten alleine oder gesellt sich zu anderen. Und reflektiert diesen Wandel.
  • Die Biermarke „Corona“ ist pleite gegangen, hiess es im März 2020. In Saarbrücken wie in Padua fand ich Corona-Kronkorken. Also auch ein wenig Kult – jetzt erst Recht sagt man sich wohl hierzulande, während mein italienischer Fund schon angerostet war:

Unverdrossen weiter geführt wird die Pizzeria Corona Da Rocco in der Heidelberger Dossenheimer Strasse, die ich Mitte Oktober 2020 entdeckte:

Nicole, eine Bekannte mit ähnlich abstrusen Interessen wie ich (z.B. Luftschutzpfeile), zeigte mir im Januar 2021 eine CD eines Remixes von Lee Marrows Hit „The Rhythm of my Life“ von 1994:

Ich führe das hier als WORK IN PROGRESS für mich fort. Aber natürlich freue ich mich über eure Ergänzungen, wie die von Nicole. Und vielleicht führt das dann auch zu wichtigen Selbsterkenntnissen. Von Individuen und der Gesellschaft insgesamt.

Denn klar ist: Was vorher als „normal“ galt, darf es – nicht nur gesellschafts- und wirtschaftspolitisch – „Nach-Corona“ nicht mehr sein. Sonst kriegen wir die Klima- und Biodiversitätskrise, die eine viel grössere Bedrohung ist, nicht mehr in den Griff.

Wir sind disruptiv aus unseren Gewohnheiten gefallen und haben die einmalige Chance – oder notwendige Pflicht – danach in einer deutlich nachhaltigereren Weise weiter unser Leben zu leben. Die Zeit für einen radikalen Wandel ist: Jetzt. Now. Maintenant.

Oder haben wir das mit den milliardenschweren Rettungspaketen ohne sozial-ökologische Bedingungen schon verspielt? Egal wie: Völlig kontraproduktiv wäre es, seine Zeit jetzt besessen mit der Sammlung und Verbreitung von „Beweisen“ für die Verschwörungstheorie zu verbringen, die davon ausgeht, dass entweder das alles nur ein Spuk sei oder dass eine Machtelite die Pandemie zur Errichtung einer Diktatur missbraucht – wie ich es bei einer Bekannten erlebt habe.

Corona-Absonderlichkeiten © Ekkehart Schmidt

2 Kommentare
  1. noch absonderlicher als diese zähe zeit kommt mir jetzt die anmutung vor, wieder normal funktionieren zu sollen, arbeiten zu gehen, kreativ zu sein. es fehlt mir die zeit, meine schaeden und wunden zu lecken, der alltag will wieder etwas, was ich gerade gar nicht habe…..

    • Ja. Nichts ist mehr wie vorher. Aber Du hast doch gesehen, wie gut Dir die kreative Zeit tat. Dann lebe das doch weiter! Wunden lecken und Schäden analysieren willst du ja auch. Also: Just do it!

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