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Weisses Rössel_Völklingen

Mai 20, 2020

„Zum Adler, Bären, Löwen, Ochsen“…: Früher sind Häuser v.a. im badischen und bayrischen Raum gern markiert worden, mit Symbolen – sogenannten Hausmarken, später bekamen sie Bilder, die Hauszeichen, bevor sie in einigen Gegenden Namen bekamen. So habe es in Freiburg 1516 ein Gesetz gegeben, nach dem jedes Haus einen Namen haben müsse, der zur Straße hin gut sichtbar sei, zum Beispiel „Zum Löwen„. Die ersten Hausnamen seien aber um 1150 in Köln aufgetaucht, so Namensforscher Konrad Kunze. Anderswo mussten die Häuser Nummern haben. Wie das im Saarland war, weiss ich nicht. Hier gibt es kaum Lokale mit Tiernamen.

Mir ist bei meinen Kneipenrecherchen rund um das Saarland nur zwei Mal ein Krokodil begegnet (in Gersweilerund Dudweiler), dazu je einmal ein Storch, ein Adler (in Saarbrücken), ein Ochse (in St.Wendel) und ein seit einem Jahrzehnt toter Hirsch in Ottweiler. Und eben am 2. Mai dieses „Weisse Rössel“:

Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt
Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Ein „Rössel“ ist natürlich ein Ross, also ein stattliches Pferd. Und wenn es weiss ist, ist es ein Schimmel. Das ist ein erhabener Name für ein Lokal gegenüber eines der vielen Torhäuser der Völklinger Hütte. Und es wirkt mit seiner roten Fassade auch beeindruckend. Aber das ist alles Vergangenheit. Das Lokal hat geschlossen, seit mindestens/ etwa 17 Jahren, wie mir die Inhaber der benachbarten Lokale „Hüttenschenke“ und „Donner-Quelle“ sagten.

Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt
Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt
Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt

17 Jahre tot? So wirkte das nicht- Jedenfalls nicht von vorne in der Bismarckstrasse. eine Viertelstunde später entdeckte ich in der Hofstattstrasse, die parallel verläuft, einen Hintereingang zu einer Art Biergarten. Aber das war eher eine falsche Assoziation, wie ich von Dieter Baldauf, dem früheren Inhaber der „Hüttenschenke“ hörte: Rückseitig hieleten in den Hochzeiten der Stahlproduktion die Busse, die die Arbeiter zum Werk brachten. Sie gingen vor Schichtbeginn nicht selten durch die Lokale durch zum Torhaus und kehrten nach Schichtende hierher zurück – für ein oder zwei schnelle Biere und ein Mettbrötchen, ehe der Bus zurück fuhr.

Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt
Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt
Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt
Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt
Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Lokalitäten dieses Namens (in den Varianten Rössl, Rössle oder Röss`l) gibt es noch am Wolfgangsee in Österreich (Hotel und dort angesiedeltes bekanntes Singspiel aus dem Jahr 1930), als Gaststätte bei Aalen oder als „älteste bayrische Bierstube“ in Berlin (von 1938) und als Restaurants in Wasserburg am Inn, Hotel in Dietmannsried, oder in der italienischen Variante „Cavallino Blanco“ in Südtirol… Aber jedenfalls nicht allzuoft. Wie alt dieses hier ist, kann ich überhaupt nicht einschätzen. Nachkriegszeit?

Außer bei Apotheken und Gasthäusern seien diese Hausnamen mittlerweile in Vergessenheit geraten, schreibt jedenfalls der Gastwirtschaftsnamensforscher Kunze. Gasthäuser hätten schon bei den alten Römern Namen gehabt, doch das sei in Mitteleuropa nicht weitergeführt worden. Nicht zuletzt, weil es hier im Mittelalter kaum Gasthäuser gegeben habe. Die einzigen Reisenden seien damals Pilger gewesen – und die nächtigten zumeist in Klöstern. Folgerichtig bekamen später die ersten Gasthäuser auch Namen, die auf biblische Legenden zurückgehen. Wie zum Beispiel auf den „Raben“, der den biblischen Propheten Elias in seiner Verbannung mit Brot und Fleisch versorgt habe.

Doch nicht immer stimme die These des biblischen Ursprungs, meint Kunze. So sei die Meinung weit verbreitet, dass die gängigen Namen „Adler“, „Engel“, „Löwen“ und „Ochsen“ auf die Symbolzeichen der vier Evangelisten zurückgehe. Doch er habe hier Zweifel. So seien die Namen deutschlandweit sehr ungleichmäßig verbreitet. Den Ochsen gebe es zum Beispiel nur in Baden-Württemberg und der Schweiz, während der Löwe weit verbreitet sei. Zudem sei ihm nicht einleuchtend, wie aus dem Zeichen des Lukas, dem Stier, nun der Ochsen geworden sei. Kunze zufolge sind die meisten Gasthausnamen wohl schlicht und einfach aus den ehemaligen Hausnamen entstanden seien. Je nach Dialekt und Region hieß ein Gasthaus dann „Hirsch“, „Hirschen“ oder „Zum Hirschen“.

Hier in Völklingen hat man wohl völlig unabhängig von solchen historischen Kontexten einfach einen netten Namen gesucht, der einen Kontrast zum harten Hüttenalltag bot. Oder weiss jemand mehr?

Ob da nochmal ein Investor, Pächter, Prinz, Retter auf dem weissen Pferd kommt, der das Lokal aus seinem Dornröschenschlaf wach küsst?

Verwendete Quelle: Schöneberg, Mario: Von Engeln, Löwen und Ochsen. Gasthäuser und ihre Namen, Badische Zeitung, 28. 10.2008

Weisses Rössel_Völklingen © Ekkehart Schmidt

2 Kommentare
  1. Georg Meyer permalink

    Das Lokal ist erst seit Januar 2015 geschlossen.

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