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Blogpost # 1001

April 10, 2020

Au weia: WordPress teilte mir vorgestern mit, dass ich mit der „Warndtschenke“ meinen tausendsten Post produziert habe. Das ist ja eigentlich nur eine Zahl, wenn auch eine sehr hohe, aber irgendwie eher eine erschreckende, als eine mich mit Stolz erfüllende, befriedigende. Nummer 1 habe ich am 9. August 2011 gepostet: „Stadtrundgänge Kairo„. Das ist gut neuneinhalb Jahre her, grob 3470 Tage. Ich habe also im Durchschnitt alle 3,4 Tage etwas veröffentlicht. Meist nichts kurzes, schnelles, sondern etwas mit vielen Fotos und 1 – 3 Stunden Zeitaufwand. Hatte ich denn nichts anderes zu tun?

Doch. Ich habe 35 Stunden/ Woche bei etika in Luxemburg gearbeitet, bin umgezogen, habe zwei Kinder gezeugt und bis jetzt groß gezogen, mich auch um meinen damals 14jährigen erstgeborenen Sohn gekümmert, war tausende Male Kaffee trinken und bin viel gereist. Habe eine schmerzhafte Trennung erlebt und ab 2017 eine immer wieder wechselnde WG aufgebaut… Einen Teil dieses Lebens habe ich hier dokumentiert (und seitdem deutlich weniger Tagebuch geschrieben).

Was war der Impuls? Ich wollte nach einem Dreiviertel Jahr in Kairo 1988/89 und vielen Folgebesuchen sowie einer Diplomarbeit und einigen Exkursionen endlich meinen Traum verwirklichen, ein Buch über Kairo zu schreiben – diese Stadt, die mich wie keine andere beschäftigt. Natürlich anders, als alle bisher veröffentlichten. Da ich blockiert war, Verlage zu kontaktieren, kam die Idee auf, einfach per Blog anzufangen. Einen Text nach dem anderen. 144 zu Kairo seit den „Stadtrundgängen“. Da war halt der arabische Frühling dazwischen gekommen und also keine gute Zeit für einen Reiseführer, trotz erhöhtem Interesse. So machte ich immer weiter.

Dominante Reisethemen

Und betrachtete mit dem gleichen Blick auf ein „anderes“ Reisen, den ich zu (oder anhand von) Kairo vermitteln wollte jetzt auch andere besuchte Städte: Die wahren Sehenswürdigkeiten sind nicht nur die Baudenkmäler, sondern die Orte, in denen sich die normalen Menschen treffen, in denen man echte Einblicke in das Besondere dieser Stadt gewinnen konnte. Zu Paris entstanden 36 solcher Einblicke, zu Ouagadougou 34 (plus einige zu Bobo Dioulassou), zu Doha, Kiew, Kopenhagen, Manila und Warschau je 16 – 18. Zu Québec (mit Montréal) waren es 11, zu Istanbul 12.

Zu Istanbul zu posten war extrem unbefriedigend, weil ich diese Stadt über 25 Mal seit 1981 besucht habe, nur zuletzt eben kaum noch: Da fehlen so viele ungeschriebene Blogs… Ähnlich ist es mit Köln, London, Isfahan, Rom oder Teheran. Was ich da beschreiben konnte, war meist nicht das, was mich lange früher faszinierte. Nachholen wollte und konnte ich das nicht – nur bei Aleppo und Damaskus habe ich mir einmal die Mühe gemacht, alte Dias einzuscannen und so digital verwertbar zu machen. Ich habe aber eben auch erst vor zehn Jahren angefangen, Orte en détail zu fotografieren. In den analogen Zeiten hatte man Filme à 24 oder 34 Bildern und war sehr sparsam: Meist entstand pro Ort nur ein (das möglichst perfekte) Foto.

So habe ich für diese Orte keine eigene Kategorie eingeführt. Rom versteckt sich hinter sieben Café-Blogs zwischen September 2014 und Februar 2015, Addis Abeba hinter zehn von 42 Blogs zu Äthiopien. Und mein Wohnort Saarbrücken hinter „SaarLorLux“ und den üblichen Kategorien. Noch viel mehr Texte gibt es zu meinem Arbeitsort Luxemburg: Mittagspausen, Termine und vor allem jede berufliche Fahrt ins Land wurden genutzt, um nach alten oder toten Gaststätten zu fahnden…

So schweifte ich allmählich aus von den Kairothemen, die sich stark um Cafés, Hotels, Märkte und Plätze drehten, konzentrierte mich zwar weiter auf Cafés und Hotels ehe dann irgendwie auch Gaststätten im Sinne von Kneipen: Hauptsache authentisch, aber nicht retro-gehypte und (daher) meist kaum beachtet oder ignoriert. Den stilistisch wichtigsten Impuls bekam ich bei der Vorbereitung einer Äthiopien-Reise durch die Reportage „Hotel Gibe“ der Hamburger Fotografin Julia Kneuse. Fotografisch bin ich vergleichsweise ein echter Amateur, aber es wurde zur Obsession, solche Orte zu finden.

Ich habe in dieser Zeit Texte mit Bildern und Eindrücken aus folgenden bereisten Ländern gepostet: Deutschland, Luxemburg, Frankreich, Belgien, Großbritannien, Italien, Türkei, Ägypten (also Kairo), Äthiopien, Burkina Faso, Qatar, Iran und den Philippinen. Dazu einige Blogs mit alten Reisefotos aus Syrien. Und ich muss zugeben, dass ich sehr oft Orte nicht nur wegen der üblichen, sondern wegen meiner „Sehenswürdigkeiten“ besuchte. Oder mich bei beruflichen Reisen vor allem darum bemühte, vorab das „richtige“ Hotel zu buchen und schon mal nach spannenden Lokalitäten zu suchen, statt die Unterlagen von Konferenzen oder Seminaren intensiv zu studieren. Zumindest privat nahm das manchmal so überhand, dass es Stress mit der Mutter meiner Kinder gab, da sie das Gefühl hatte, dass mir die Doku von Cafés wie dem „Piccarozzi“ in Rom wichtiger wurden, als das Gespräch und Erleben der Fahrt mit ihr.

So wurden es viele Einzelporträts in Form von Foto-Reportagen zu Cafés, Gaststätten und Hotels, gerne als „Tiefenbohrungen“ angelegt. Aber auch viele Sammlungen wie Coiffeurschilder in Ouagadougou, tote Gaststätten (ein Fass ohne Boden, noch nicht fertig), Kaugummiautomaten, Starbucks widerstehende Kaffeehaus-Originale oder die fast tägliche Beute vom Containern. Letzteres wurde eine Fortsetzungsgeschichte, ein „Work in Progress“, so ähnlich wie beim Gedeihen unseres Gemeinschaftsgartens ging es halt immer weiter, schwierig, einen Schlusspunkt zu finden.

„Anders Leben“ wurde in Zeiten des erforderlichen Wandels immer wichtiger. Nur persönliche Themen wie „Mann und Frau“ kamen viel kürzer, als ich mir anfangs vornahm. Aber ich habe versucht, so viel Persönliches einfließen zu lassen, wie es ging – ohne Namensnennungen. Das hier sollte ja kein Reiseblog sein. Eher eine Fortsetzung meiner jahrzehntelangen Tagebuchschreiberei mit anderen Mitteln – und eben öffentlich.

„Clicks“, „Pageviews“ und „Likes“

Es gab Monate fast ohne Posts und welche mit über einem Dutzend. Auf das Jahr bezogen waren es meist mindestens 90: 2011 (22), 2012 (167), 2013 (112), 2014 ( 66), 2015 (138), 2016 (96), 2017 (123), 2018 (132) und 2019 (90). Bis Anfang 2019 waren immer Reisen die Quellen von Texten, meist Fernreisen. Seitdem bin ich nicht mehr geflogen und habe mich auf mein Saarbrücker Wohn- und Luxemburger Arbeitsumfeld konzentriert (mit genauso interessanten Funden, wie ich finde).

Natürlich hoffte ich auf Resonanz und checkte täglich die Statistik: Da wird einem angezeigt, wieviele Leute aus welchem Land jeden Tag auf der Seite waren, wieviel Pageviews es gab und welche Seiten am häufigsten angeschaut wurden. Das kann man sich auch per Woche, Monat und Jahr sowie insgesamt anschauen. Ab September 2014 stiegen die Besucherzahlen stark an: 6.900 Pageviews im August 2014 – was dann so ungefähr zur üblichen Höhe wurde, so 6.400 im März 2019. Jährlich waren es in den letzten fünf Jahren 51. – 56.000 Pageviews im Jahr.

Insgesamt hatte ich in all den Jahren 190.000 Besuche und 330.000 Pageviews vor allem aus folgenden Ländern: Deutschland: 38.115, Luxemburg: 2.723, Österreich: 1.626, USA: 1.515, Schweiz: 1.413, Frankreich: 1.125 und Ägypten: 821.vDas deutschsprachige Ausland dominiert natürlich, ich habe nur ein oder zwei Mal auf Englisch gepostet. Besucher aus Ägypten stehen im Zusammenhang mit meinen Facebook-Freund*innen dort.

Und selbstverständlich war ich froh, wenn die Pageviews über den Durchschnitt von grob 120-150 am Tag hinausgingen. Manchmal gab es richtige „Peaks“, oft wegen gut ankommender Texte oder weil andere das wiederum gepostet hatten – meist auf Facebook, wo ich mir gelungen erschienende Blogs gepostet habe. Am 10. August 2015 war so ein Peak mit 998 Besuchern nach dem Posten von „Awa macht ihr Zing“ (638 views dieser Seite).

2019/20 waren das vor allem (in Klammern der wahrscheinliche Hauptauslöser):

425 am 26.12.2019 (unklar)
404 am 25.12.2019 (unklar)
380 am 24.08.2019 (Containern – Ein Selbstversuch und Versuch über versandete Möwenfedern)
373 am 21. 08.2019 (unklar)
361 am 03.01.2020 (Navy Bar und St. Augustin in Le Havre)
329 am 01.04.2019 (Syrische Lokale in Saarbrücken)

Die am häufigsten angeschauten Blogs waren 2019 zumeist alte Texte:

Meine Texte zum kurdisch-iranischen Neujahrsfest Nowruz oder der vom Bärlauchwald an der Nied werden jedes Jahr auf’s Neue im März gefunden – wenn also „Saison“ ist und die Leute Lust auf das Sammeln von Bärlauch kriegen bzw. wissen wollen, was zu Nowruz auf den Tisch kommt. Andere alte Texte ohne „Gebrauchswert“ werden nie wieder aufgerufen.

Dazu gehören offenbar auch meine Texte zu Kairo, wie auch alle anderen zu authentischen, abgewrackten oder toten Cafés und Hotels.  Unprätentiöse Lokalitäten mit deutlich sichtbaren Gebrauchsspuren interessieren nur, wenn ich sie frisch gepostet habe. Egal. Relikte, die verloren zu gehen drohen und die ich würdigen möchte, wurden mein Hauptthema.

Austausch und Enttäuschungen

„Archetypisches“ als erfolgreichster Text, weil zu viele notgeile Typen billigen Sex suchen… (jedenfalls Vor-Corona). Wer bei Google „Bahndamm Düsseldorf“ eingibt, findet den Post an 7. Stelle. Dabei ging es mir um das Serielle der Fensterbilder mit sich anbietenden Frauen bei einem halben Dutzend Vorbeifahrten per Zug 2013/14… Natürlich gab es auch andere Enttäuschungen, also Texte, zu denen ich mir mehr Resonanz erwartet hätte, vor allem zu meiner echten 15jährigen Fleißarbeit zum Migrationshintergrund als Impuls für besondere künstlerische und politische Karrieren. Mit wöchentlich in Work in Progress ergänzten Sammlungen wie „Innovationen von Migrant*innen“ möchte ich den Blick auf Zuwanderung positiv einfärben.

Zuletzt enttäuschte die Quasi-Null-Resonanz auf den „Versuch über die Theke als Altar„. Aber so ist das hier: Man stellt etwas in die virtuelle Welt und hofft, dass die am Thema interessierten es finden, sich freuen und Nutzen daraus ziehen. Wenn ich die „Tags“ richtig gesetzt habe, so wirken die Texte langfristig.

Als Blogger bei WordPress findet man andere Autor*innen mit interessanten Inhalten und die finden einen. Im Moment folgen mir 100 Leute. Mit manchen trete ich oft in Kommunikation: ich reagiere auf deren und sie auf meine Blogs. Zum Beispiel die Foto-Poster Stadtauge und docugraphy oder Künstler*innen wie die Kopistin. Bei anderen tauscht man nur „Likes“ aus. Manche liken fast alles und erwarten vielleicht, dass man sich revanchiert. Manchmal mache ich das. Aber das Bloggen bleibt ein einsames Hobby. Es gibt mir einen Kick, nach einem vollen Tag mit beruflicher und väterlicher Verantwortung, in den letzten zwei Stunden vor Mitternacht noch etwas Fertiges Persönliches zu produzieren. In einer Dreier-WG wohnend nicht wirklich einsam, aber doch allein für mich seiend.

Das ist jetzt zwischen Karfreitag und Ostersonntag etwas lang geworden (ohne auf Eiersuche und viel Natur mit den Kindern zu verzichten). Aber diese Feiertage sind ja nicht nur ein Fest des Frühlings, sondern auch ein Anlass, über den Sinn des Lebens und des Todes zu reflektieren. So bin ich froh, dass dieser äußere und rein numerische Anlass der Zahl 1000 ein genaueres Nachdenken und ein Hineinfühlen in meine eigenen Beweggründe und Reaktionen angeregt hat. Hoffentlich selbstkritisch genug.

Blogpost # 1001

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