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Zum Kumpel_Luisenthal

April 7, 2020

Teil 1 meiner Kneipenrecherche rund um Saarbrücken (Saarbrücker Hefte 120, S. 73-80) beendete ich in Burbach mit einem schlimmen Fauxpas: „Von hier über Luisenthal bis Völklingen hat keine weitere Kneipe mehr überlebt.“ Ich schrieb das, weil ich eben nie mit entsprechend offenen Augen durch diesen alten Industriestandort gefahren bin, dessen Umrisse einem diffus bleiben, weil man von Burbach über Rockershausen die Saar entlang in Richtung Völklingen den Eindruck hat, durch ein endloses Straßendorf zu fahren, in dem die Strukturkrise so böse zugeschlagen hat, dass es fast nur noch Leerstand gibt. Aber eben nicht im Luisenthaler Ortskern.

Auf der Straße, deren Namen von Luisenthaler Straße über Provinzialstraße zur Straße des 13. Januar wechselt, bin ich höchstens zwei Mal in 25 Jahren Saarland geradelt und hatte hier offenbar keinen Blick für die letzten offenen Lokale. Im Zug sitzend kam ich hier hunderte Male vorbei, aber von den Gleisen aus sieht man vom Ort nur Bahnhofsgraffitis und einen vor allem abends beeindruckenden Förderturm:

Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt
Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt

Lässt man diesen Turm auf sich wirken und stellt sich vor, wie tief dort der Schacht in die Erde geht und wie weit verzweigt sich von da die Stollen ausbreiten, in welche die Bergleute von hier einfuhren, lohnt es, über den Begriff des „Kumpels“ nachzudenken. Ein Kumpel ist viel mehr als ein Kollege. Er steht einem nicht so nahe, wie ein Bruder, aber unter Tage in der Tiefe lernt man sich doch ähnlich kennen und weiß, dass man voneinander abhängig ist, falls …

Ich stieg hier am 5. und 10. Januar erstmals aus und entdeckte die noch erstaunlich lebendigen Rudimente einer einstmals viel lebendigeren Kneipenwelt. Seit der Beendigung der 1820 begonnenen Kohleförderung am 17. Juni 2005 hatte sich diese natürlich mangels Kunden stark reduziert. Aber ich fand neben der Kneipe „Zum Kumpel“ noch ein halbes Dutzend andere geöffnete Betriebe. Das ist viel!

Dann kam ich am 7. Februar noch einmal hier vorbei, als des Grubenunglücks vor 58 Jahren gedacht wurde. 1962 waren beim schwersten Grubenunglück der Geschichte der Bundesrepublik 299 Bergleute ums Leben gekommen. Zur Kranzniederlegung am Barbara-Denkmal zwischen Eisenbahn und Grube kam ich zu spät. Es lagen Kränze, aber es war niemand mehr da – bis auf einen Franzosen, der früher auch in der Grube geschafft hat. Ich traf ihn später um 10 Uhr in der Pfarrkirche Christkönig zum Gedenkgottesdienst wieder (schlechte Smartphone-Fotos, weil die Batterie meiner Kamera den Geist aufgab). Es war sehr bewegend.

Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt
Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt
Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt
Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt
Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt

An diesem Tag konnte ich nicht noch einmal in’s Lokal gehen – und dann kam Corona. So bleiben nur die Eindrücke vom 10. Januar abends. Tagsüber ist hier noch der Imbiss von Bedeutung. Jetzt waren die Bratplatten kalt.

Zum Kumpel_Luisenthal (c) Ekkehart Schmidt
Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt
Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt

Man beachte neben den Aushängen die Trittstufen – wie beim Original der ersten Eis-„Dielen“ vor 70 Jahren, als noch aus Privatwohnungen italienischer Einwanderer Eis verkauft wurde, ehe die ersten Eiscafés entstanden.

Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt
Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt

Hinein also! Wie immer war ein wenig Mut nötig und ich tat wie gewohnt ganz selbstverständlich, setzte mich intuitiv erstmal ins Hinterzimmer, die neugierigen Blicke der Stammkundschaft spürend – um mich später langsam vorzutasten und in Kontakt zu treten (den dort beim Bier stehenden ehemaligen Kumpel ging es angesichts des Fremden wohl ebenso).

Es dauerte, bis die Wirtin kam und ich meine Bestellung abgeben konnte – natürlich als „running gag“ wieder einen Espresso, statt eines Bieres. Aber dazu eine Roschdwurst (oder was grad da ist). Im Gefühl, hier wirklich fremd zu sein, wenn zwar kein Eindringling, so doch jemand aus einer anderen Welt. Welterfahrener Akademiker trifft auf ortsverbundene Arbeiter… Espresso auf Rostwurst. Dieses Mir-bewusst-werden hinderte mich freilich nicht daran, die Situation als einzigem Gast hinten im Gesellschaftsraum sofort zu nutzen, um heimlich Fotos en gros und en détail zu machen: Da lernte ich die Stammkundschaft schon einmal etwas kennen, von der heute ein Dutzend anwesend war.

Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt
Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt
Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt
Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt
Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt

Hier fand ich meine erste und einzige offizielle Dummbraddlerecke (DUDEN-Redaktion: Was sagen Sie dazu?)

Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt
Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt
Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt
Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt
Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt

Ich studierte die Karte und die Aushänge; Montag bis Freitag gibt es ein mit 6,90 Euro tatsächlich „preiswertes Stammessen“. Diese Woche: Montag „Tortellini alla Panna Salat“, Dienstag „Kotelett, Püree, Gemüse“, Mittwoch „Bologneseschnitzel, Pommes, Salat“, Donnerstag „Wurstsalat, Bratkartoffeln“, Freitag „Spinat, Püree, Spiegelei“ und schließlich Samstag „Suppe“. Zusätzlich bietet die Karte (unterstrichen durch eigene Aushänge) zur Zeit Muscheln, sonst auch Heringe mit Pellkartoffeln. Dann wagte ich mich nach vorne. Erstmal ein wenig zuhörend, dann an den Stammtisch tretend.

Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt
Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt

„Jetz awwa hemm – nich in die nächste Kneipe!“, verabschiedete grad einer den anderen. „Froet Neijahr“ – die Antwort. Ein anderer erzählte grad: „der modernste Schrottplatz in ganz Deutschland… an der Pottaschdell — alles gut versiegelt, der Bodden mit Betong, mit Tanks drin…“ Die Gesprächsthemen drehen sich um Luisenthal. Ich bin dann einfach schnurstracks auf die Wirtin zu, fragte meine Fragen und lernte: Der „Kumpel“ entstand 1987, seit 1989 ist Karin Jochum Inhaberin.

Vorher befand sich im Haus eine Drogerie, von der noch ein als Büffet genutzter hoher Schrank mit vielen Kästchen und Schubläden hinter der Theke zeugt. Es kostete etwas Überwindung, zu fragen, ob ich diese Besonderheit zwischen den Gästen durch fotografieren dürfe (weil noch niemand mitbekommen hatte, dass ich hier mit Kamera unterwegs bin). Ja, OK.

Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt
Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt

Der „Kumpel“ ist geöffnet von 10 bis 1 Uhr, er bietet neben Speisen und Getränken ein Sparkästchen, eine elektronische Dartscheibe und einen großen Flachbildschirm im Hinterzimmer. Es läuft Musik für Ü50: zum Beispiel U2 „I still haven’t found what I’m looking for“ und „Waltzing Mathilde“ von Tom Waits.

Ich unterbrach das Gespräch am Stehtisch und fragte nach alten, ehemaligen Kneipen hier – und sie gingen sofort drauf ein, zählten akribisch, von der Ortsgrenze nach Burbach nordwärts abzählend: „Pottascchdelle“/ Stutz Talstraße, Knopp (nee, schon auf Saarbrigger Bann), „Peifersch Eck“, Zum Löwen (genannt „Café Scheißdreck“), „Zum Kumpel“, „Gehl Pit“ bzw. „Saarfürst Eck“ (heute ein Etablissement), „Korn“ (neben dem Puff, jetzt „Istanbul“ – Photo unten), von da in Richtung Brücke/ dahinter „Dorfkrug“ (es gibt noch einen „Dorfkrug“ in Klarenthal, der bis heute existiert), mit dazu gehörte jenseits der Brücke die „Stangenmühle“, aber das liegt ja schon in Fenne. Weiter an der Hauptstraße in Richtung Völklingen (?) das „Bitto“ (heute ein Kebab), am Stahldrahtwerk das „Gasthaus Flesch“ (oder Fläsch? aber jedenfalls nicht „Flash“) – da war mittags und abends alles voll,  „Keller“ auch noch… Ich konnte sie nicht mehr bremsen, hatte Schwierigkeiten, die längst verblichenen Kneipen zu notieren.

gegenüber Kraftwerk, jetzt zu Saarberg gehörig - "Da wurde in den 1960ern ein Tatort gedreht, mit Walter Giller".

Ich fragte dann noch nach dem massiven Gebäude gegenüber: das Kraftwerk, jetzt zu Saarberg gehörig – „Da wurde in den 1960ern ein Tatort gedreht, mit Walter Giller“. Und lernte noch, dass es am Bahnhof eine „Bahnhofswirtschaft“ gab (auch „Beim Bimbo“ genannt) und gegenüber der „D-Zug“ (oder „Shanghai“), in dem sich jetzt die Moschee befindet. Schließlich habe es auf dem Grubengelände ganz oben noch das „Schlosssbräu“ und/ oder „Schacht 4“ befunden. Außerdem am Friedhof „Brille“ und der Kiosk „Turnerheim“. Kurz gesagt: Von zwei Dutzend Kneipen alten Stils hat nur der „Kumpel“ überlebt. Nicht zu vergessen neun Kneipen allein am Jenneweg in oder am Bann nach Burbach/ Malstatt.

Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt

Ich verliess die Kneipe wie einen Monat später den Gottesdienst: dankbar für intensive Eindrücke. Beim anschliessenden „besinnlichen Zusammensein“ in der Kulturhalle nahm ich nicht mehr teil, sondern radelte über die Brücke auf die andere Saarseite, um weitere Kneipen zu entdecken. Beide Male war mir noch klar, dass ich bald für ein drittes Mal zurück kommen würde. Corona verhinderte das dann.

Ich war nur noch einmal auf Google-Earth dort und anhand eines Fotos vom Februar 2017 fest, dass man zwischenzeitlich das Äussere saniert hat: Damals hing noch ein Holzschild über dem Eingang und über die ganze Breite zog sich ein kleiner Dachvorsprung, der dem Lokal das Aussehen einer Blockhütte gab

Adresse: Straße des 13. Januar 251, 66333 Völklingen, Tel.: 06898-82475

Zum Kumpel_Luisenthal © Ekkehart Schmidt

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