Zum Inhalt springen

Ratsschänke_Gersweiler

März 29, 2020

In Gersweiler begegnete mir meine erste saarländische Ratsschänke. Also – für einen Sohn einer Lokalpolitikerin – ein durchaus respektabler Ort, an dem die gewählten Politiker*innen jeglicher Couleur nach erbitterten Streitigkeiten öffentlicher Sitzungen im Rathaus erneut, nun aber anders zusammen kamen: als durstige und vielleicht auch hungrige Bürger*innen. Die CDU-Fraktion fand sich in der linken Ecke, die SPD-Fraktion in der rechten. Die Liberalen und diese merkwürdigen Gestalten der Grünen hockten da irgendwie dazwischen an ihren Stammtischen.In Bergisch Gladbach hieß der Ort aber auch „Ratskeller“, einem Namen, mit dem man nicht direkt den Ausschank von Bier assoziiert.

Und doch empfand ich es damals als Abiturient als eine super Idee, mich bei einem Schreibwettbewerb der FAZ zu kommunalpolitischem Engagement mit einem Text zu beteiligen, in dem ich hervorhob, dass manche oder viele engagierte Bürger*innen vor allem einsam oder geltungssüchtig sein könnten und ihnen der Ausklang der Sitzungen über Bürgersteig-Erhöhungen, Umgehungsstraßen oder Gewerbesteuererhöhungen bei einem Kölsch vielleicht die wichtigste Motivation ist. ein durchaus legitimer ungewöhnlicher Einblick ins Thema, fand ich. Aber ich habe nur ein kurzes, freundliches Danke-Schön-Schreiben erhalten – als erste journalistische Enttäuschung meines Lebens.

Gersweiler also. Die hiesige Ratsschenke (oder „schänke“?) gegenüber des ehemaligen Rathauses ist offenbar schon lange Geschichte. Als ich hier im Januar ein erstes Mal vorbei kam, wurde sie gerade in Sozialwohnungen umgewandelt. Die Häuserreihe wirkte nicht eben rathauslike-edel, aber wunderbar schön blau die Kacheln…

Ratsschänke_Gersweiler © Ekkehart Schmidt

Ratsschänke_Gersweiler © Ekkehart Schmidt

Ratsschänke_Gersweiler © Ekkehart Schmidt

Ratsschänke_Gersweiler © Ekkehart Schmidt

2014 wurde die Sternsinger zuletzt freundlich empfangen. Leider weiß ich nichts über das Alter, die Geschichte und das Ende dieses Lokals. Bis auf die Nennung eines Gastwirts und Schmieds namens Peter Raven, der hier am damaligen Rathaus mit seinem markanten Dachreiter mehrere Häuser besaß. Vielleicht auch dieses.

Ratsschänke_Gersweiler © Ekkehart Schmidt

Soweit mein Erleben am 31. Januar. Anderthalb Monate später:

Ratsschänke_Gersweiler © Ekkehart Schmidt

Am 17. März fand ich das Haus so vor. Wenn auch der Ventilator über der Tür als letztes Zeichen eines früheren Lebens abmontiert sein wird und dort die Familien Müller oder Cakmak leben, wird die Ratsschänke spurlos verschwunden sein. Später auf meiner Kneipenrecherchetour fand ich noch die Ratsschenke in Klarenthal, die ebenfalls gerade in Wohnungen umgewandelt wird, und eine gleichnamige, viel eher der Würde des Namens gerecht werdende Lokalität in Ludweiler. Aber das sind ganz andere Geschichten.

Verwendete Quelle: Hilgers, Richard: Kirwebuwe, frische Baguettes und einn verschwundener Zuckerhut, in: Albers, Jürgen/ Blaß, Ursula/ Bubel, Dirk/ Glaser, Harald (Hg.): Saarbrücken zu Fuß, Hamburg 1989, S. 198-210

Ratsschänke_Gersweiler © Ekkehart Schmidt

Kommentar verfassen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: