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Zum Briggche_Ludweiler

März 19, 2020

Zunächst dachte ich am 1. März nur, dass die zwei sich in der Kurve am westlichen Ortseingang von Ludweiler gegenüberstehenden Lokale sicher schon ein Jahrhundert auf dem Buckel haben. Von wegen: Es sind über zwei. Meine Nachrecherche förderte bei der „Ratsschänke“ noch spannende historische Anekdoten zu Tage. „Zum Briggche“ lohnt aber ebenso einen Besuch. Es ist völlig anders eingerichtet und hat eine ziemlich unterschiedliche Kundschaft.

Es Briggche_Ludweiler © Ekkehart Schmidt

Zum Briggche_Ludweiler © Ekkehart Schmidt

Es Briggche_Ludweiler © Ekkehart Schmidt

Ich wusste zunächst nicht, ob ich mich hineintrauen sollte, da an der wenig einladenden Tür einerseits stand, dass fasst 24 Stunden geöffnet ist, und es andererseits hieß: „Zutritt erst ab 18 Jahren“. In der Vitrine hing auch keine Getränkekarte. Eine Spelunke? Etwas Rotlichtiges? Das wäre – so kurz vor/ hinter der französischen Grenze – aufgrund des dortigen Bordellverbots nahe liegend. Aber ich war müde vom Radeln, hatte Durst und mag gerne diese kleinen „Abenteuer“, also Erlebnisse, bei denen man vorher nicht weiß, wie es endet.

Zum Briggche_Ludweiler (c) Ekkehart Schmidt

Zum Briggche_Ludweiler © Ekkehart Schmidt

Zum Briggche_Ludweiler © Ekkehart Schmidt

Ich war der einzige Gast. Die nette, wohl osteuropäische Kellnerin erzählte, dass das Lokal schon alt sei und die Familie Pancar es seit sieben bis acht Jahren betreibe. Ich bekam meinen Espresso und einen Aschenbecher, während sie hinten in der Kochnische hinter der Theke aufräumte.

Zum Briggche_Ludweiler © Ekkehart Schmidt

  Zum Briggche_Ludweiler © Ekkehart Schmidt

Zum Briggche_Ludweiler © Ekkehart Schmidt

Zum Briggche_Ludweiler © Ekkehart Schmidt

Vor dem Franziskaner-Schild stand sie später und schaute in ihr Smartphone. Vorher nutzte ich die Zeit für fotografische Eindrücke in diese merkwürdige räumliche Konstellation.

Zum Briggche_Ludweiler © Ekkehart Schmidt

Zum Briggche_Ludweiler © Ekkehart Schmidt

Zum Briggche_Ludweiler © Ekkehart Schmidt

Zum Briggche_Ludweiler © Ekkehart Schmidt

Zum Briggche_Ludweiler © Ekkehart Schmidt

Zum Briggche_Ludweiler © Ekkehart Schmidt

Links vom Thekenbereich waren zwei Räume in ungewöhnlicher Weise abgetrennt. Im vorderen hellen ein Fernseher und ein Kicker, im anderen, düsteren  Spielautomaten. Hinter der Mauer noch eine Tür. Merkwürdig. Hier sei eher abends etwas los, sagte die Kellnerin. Viele Franzosen, vielleicht nach der Arbeit im nahen Völklingen auf dem Weg nach Hause? Das konnte ich – am frühen Nachmittag kaum einschätzen. Zuhause fand ich aber etwas zur Historie des Lokals und seines Gegenübers:

Ratsschänke Ludweiler

Zum Briggche_Ludweiler © Ekkehart Schmidt

Es könnte sich um einen Nachfolgebetrieb des „Gasthaus Kreis“ handeln, der hier etwa zur vorletzten Jahrhundertwende bestand. Vielleicht wurde das Haus aufgestockt? Jedenfalls floss damals ein Bächlein durch die Straße und mündete jenseits der beiden Häuser in den Lauterbach. Ein Steg (oder saarländisch ein „Briggche“, eine kleine Brücke) verband damals das diesseits des Bächleins stehende Haus mit der Hauptstraße.

Zum Briggche_Ludweiler © Ekkehart Schmidt

Damals wurde hier wohl noch mehr im Warndt gewandert. Und das Haus war ein Ausflugslokal. Jetzt ist das hier tatsächlich nur noch eine Spelunke, das letzte Lokal vor der Grenze. Aber es gibt im Ort selbst eine Kontinuität deutsch-französischen Austauschs, die 400 Jahre alt ist. 1604 hatten die ersten hugenottischen Flüchtlinge aus Frankreich von Graf Ludwig von Saarbrücken-Nassau ein Ansiedlungsrecht in Ludweiler ‚(ursprünglich Ludwigsweiler) bekommen und bauten das Gemeinwesen auf der Grundlage von rohstoffbedingt (Quartzsande, Farne für Pottasche und Holz für Holzkohle) guten Voraussetzungen vor Ort als Glasmacherdorf auf – mit einer ersten Hütte ab 1616.

Würde man jetzt weiter nach Lauterbach radeln, gäbe es mit Manuels Bistro, dem Restaurant „Akropolis“, der „Gaststätte Zur Sonne“ und dem „Café 44“ noch manch anderes eher schlecht gehendes Lokal entdecken. Aber man könnte von da weiter nach Lothringen, um gleich hinter der Grenze in Creutzwald mit dem „Bistro Baron“ ein sehr gut besuchtes, originelles Bistro im Pariser Stil zu entdecken – dem einzigen seiner Art, das ich hier kenne.

Nachtrag vom 9. Dezember 2020: Es gibt eine Debatte zur Anhebung der Vergnügungssteuer in Völklingen, in der auch die „Scheingastronomie“ an der deutsch-französischen Grenze angesprochen wird, zum Beispiel in Lauterbach, aber eben wohl auch schon hier: Diese Gaststätten dienten nicht hauptsächlich dem Verkauf von Speisen und Getränken, sondern hier stünden die Spielautomaten im Vordergrund, hiess es dabei. Es gebe einen „Glücksspielgrenzverkehr“ mit negativen Auswirkungen auf die Orte (ganz abgesehen vom Suchtthema).

Adresse: Völklinger Str. 3, 66333 Völklingen-Ludweiler, Facebook-Seite

Verwendete Quellen: W. Brücher et al (Hg.): Das Saarland. Beharrung und Wandel in einem peripheren Grenzraum, Band 1, herausg. aus Anlass des 47. Deutschen Geographentages in Saarbrücken vom 2. – 7.10-1989, Saarbrücken 1989, S. 70; Howest-Uthemann, Sigrid (Hg. im Auftrag des Heimatkundlichen Vereins Warndt e.V.): Völklingen und seine Stadtteile. Vom Dorf zur Mittelstadt. Eine Sammlung historischer Fotos, Merzig/ Völklingen ca. 1990, S. 440; Oberhauser, Fred: Das Saarland, DuMont Kunst-Reiseführer, Köln, 2. Aufl. 1992, S. 164f; Saeftel, Markus: Vergnügungssteuer soll in Völklingen steigen, Saarbrücker Zeitung, 09. Dezember 2020

Zum Briggche_Ludweiler © Ekkehart Schmidt

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