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Brasserie Hôtel de Ville_Esch an der Alzette

März 10, 2020

An einem regnerischen Morgen Ende Februar machte ich nach einer wirklich guten Nacht in der nagelneuen Jugendherberge von Esch an der Alzette mal wieder eine Runde „Guerilla Marketing„. Wenn ich schon einmal da bin – was vor allem in den letzten vier Jahren wegen etika- oder Greenpeace-Veranstaltungen öfters vorkam – kann ich schauen, wo ich in unkonventioneller Weise ein bisschen Aufmerksamkeit für die Grünsozialefinanz wecken kann: Manchmal frage ich in Cafés, Restaurants oder öffentlichen Einrichtungen mit einer entsprechenden Auslagemöglichkeit. Manchmal nicht: Es geht darum, an Orten, wo unsere Zielgruppe anzutreffen ist, punktgenau einen kleinen Stapel schöne Postkarten oder anderes abzulegen.

Als ich aus dem 1937 eingeweihten Rathaus (also „Hôtel de Ville„) kam, blieb noch Zeit, endlich einmal in diese so altehrwürdig wirkende Brasserie gegenüber zu gehen. Ich brauchte – trotz einer wirklich guten Nacht – etwas anderes, als den Herbergskaffee vom Typ „Bodensee“.

Die Geschichte dieses wichtigsten Platzes der ehemaligen Stahlmetropole beginnt im 19. Jahrhundert. Damals gab es dort noch ein kleineres, 1863 eingeweihtes Rathaus. Die Alzette (luxemburgisch: Uelzecht; deutsch: Alzig) wurde im Zuge des starken Wachstums der Stadt 1910 überdeckt und die darüber angelegte Rue de l’Alzette (Uelzechtstrooss) mit ihren Nebenstraßen zum neuen Stadtkern. Etwa vor 40 Jahren wurde die quer durch den Ort zum zweiten großen Platz, der Place Brill im stark italienisch geprägten Einwandererviertel nahe der Hütte, führende Straße verkehrsberuhigt. Den Fluss muss man sicch auf dem obigen Foto also unterirdisch zwischen der rosa Stadtmöblierung und der Brasserie denken. Der Platz verkam ab den 1950er-Jahren zum großen Parkplatz, der erst bei einer 2005-2008 erfolgenden Wieder-In-Wert-Setzung beseitigt wurde. Seitdem kann man hier wieder flanieren oder gemütlich auf dem Wochenmarkt einkaufen.

Die Umgestaltung führte auch dazu, dass das schöne Äußere der Brasserie, die sich in einem der ältesten Häuser (vielleicht sogar dem ältesten) am Platz befindet, wieder zur Geltung kommt. Aber nicht nur das Äußere zieht an, auch das Innere bietet eine Überraschung.

Die Lage als eine von nur zwei Kneipen ausgangs der Fußgängerzone, gegenüber des Rathauses und neben dem modernen, vor gut acht Jahren entstandenen Friedensgericht, einem weithin sichtbaren weissen Monolithen mit filigranen Säulen, ist natürlich ideal. Aber die Stoßzeiten sind sicherlich andere als 9 Uhr.

Mich beeindruckte die Batterie von Barhockern an der Theke, an der nur ein anderer, einsamer Gast saß.

Das Lokal muss etwa 17 Jahre alt sein, oder jedenfalls ist der/ die aktuelle Pächter*in seitdem dort. Wahrscheinlich ist es auch unter diesem Namen deutlich älter, vielleicht gut 150 Jahre.

Das Haus steht auf einer leicht geknickten Parzelle nicht nur am Rasthausplatz, sondern auch direkt an der Einmündung der kleinen Rue des Jardins in die Rue de l’Alzette. Und hat einen Hinterausgang zum Boulevard J.F. Kennedy, der den Stadtkörper hin zur Bahnstrecke, dem Hauptbahnhof und der Jugendherberge abschließt. Die Glastüren und die Einrichtung dieses hinteres Teils wirken ein wenig so, als habe man sich nicht entscheiden können, ob hier ein moderner Kontrast zum vorderen Teil gesetzt werden soll, oder ob man dieses Raumgefühl nicht doch besser ein wenig mit Möbelstücken vom Antiquitätenhändler abschwächt.

Was für mich der Hinterausgang war, wirkt von der anderen Seite durchaus wie ein Haupteingang unter einer beeindruckend schönen, schmalen Fassade mit Backsteinen. Wenn man genau hinsieht, merkt man aber, dass es sich wahrscheinlich um einen Hausdurchbruch zur Vergrößerung der Gaststube handelt – jedenfalls suggeriert die Optik der Eingangsfassade eine Entstehung vor nicht allzu langer Zeit.

Brasserie Hotel de ville Esch_Google

Interessant. Aber ich empfand die Atmosphäre trotz anziehender äußerer Optik ähnlich wie das Café Nostalgie deutlich altbackener, steriler und weniger originell als etwa die warme und lebendige Taverne Battin/ Chez Anita oder die Kanalbar/ Chez Olga, das durch die dortige Drogenszene mittlerweile berüchtigte Café Chez Nadia, das portugiesische Vereinslokal Sede UJPE und das Caparica Café oder die beiden jungen, nachhaltig wirtschaftenden Gastwirtschaften Escher Kafé und Mesa. All diese Lokale liegen am anderen Ende der Stadt in lebendigeren Vierteln. Nicht zu vergessen das eher nachbarschaftliche Café Belval nahe des zum modernen Stadtteil mit Universität umgewandelten ehemaligen Hochofengelände.

Ich bin jetzt selbst überrascht, dass ich über den beruflichen Anlass des Guerilla-Marketing immerhin schon zehn Escher Kneipen hab dokumentieren können. 2022 ist Esch an der Alzette Europäische Kulturhauptstadt. Irgendwie muss ich dem Orga-Team noch vermitteln, dass zum Thema Industriekultur zwingend auch das viel zu oft übersehene Thema Arbeiterkneipenkultur gehört.

Adresse: Place de l’Hôtel de Ville 2, 4138 Esch-sur-Alzette, Luxemburg

Verwendete Quellen: Goedert, Jean: Friedensgericht, Tageblatt, 14. Juli 2020; Das letzte Foto stammt aus Google-Earth.

Brasserie Hôtel de Ville_Esch an der Alzette_© Ekkehart Schmidt

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