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Zum Marktgässje_Homburg/ Saar

März 8, 2020

Die Marktstraße ist ein kleines Gässchen, das den historischen Marktplatz auf dem Grund der ehemaligen vauban’schen Festung Homburg mit der Sankt-Michael-Straße verbindet. Wir waren heute vom älteren Teil der nach der Eroberung durch den französischen König Ludwig XIV im 17. Jahrhundert zu einem ziemlich einmaligen, doppelten Befestigungswerk auf zwei Ebenen ausgebauten Anlage gekommen. Von oben also.

Nach drei Stunden in den Schlossberghöhlen und der darüber liegenden, weitgestreckten Burgruine Hohenburg, in der die Kinder sich sehr lange im Abklopfen von Sandstein übten, waren wir durstig die 200 Treppenstufen hinunter gelaufen. Ich hatte ihnen einen Kakao oder Wasser versprochen, nachdem wir auf der Terrasse des sehr edlen Schlossberghotels nur eine konventionelle, also übersüsste Fanta und Kirschsaft zum Essen bekommen hatten. Wie lange das wohl noch dauert, bis auch so genannte Qualitätsrestaurants verstehen, dass ihre Kundschaft auch Qualität trinken möchte?

Obwohl die Festungsanlagen am Fuss des Felsens schon 1697 und 1714 geschleift worden sind, ist ihre Grundstruktur noch im Strassennetz der Altstadt erhalten geblieben. In den Höhlen hatten wir ein anschauliches Modell gesehen. Ein Wiedererkenungseffekt ergab sich aber nicht. Die Lokale am Marktplatz waren geschlossen, wie Homburg überhaupt an diesem Sonntag (und nach meinen bisherigen Erfahrungen auch werktags) sehr ausgestorben wirkte. Also ab in’s „Marktgässje“ – einer Kneipe, in die ich sonst mit Kindern nicht gegangen wäre, unter anderem, weil da jetzt Fußball lief – auf einem großen Flachbildschirm, der alle Blicke auf sich zog.

Zum Marktgässje_Homburg/ Saar © Ekkehart Schmidt

Zum Marktgässje_Homburg/ Saar © Ekkehart Schmidt

Zum Marktgässje_Homburg/ Saar © Ekkehart Schmidt

Wenn, dann war das hier aber die richtige Wahl im Vergleich zu McDonalds und anderen Imbissen, die jetzt vielleicht geöffnet hätten (der „Homburger Hof“, mein eigentliches Ziel, war bei dieser Durstdringlichkeit noch zu weit entfernt). Jedenfalls auch im Kontext meiner letzten Sommer begonnenen Kneipenrecherchen. Die Trittstufen zu den jetzt geschlossenen Fenstern verrieten, dass es hier im Sommer viel lebendiger zugeht – ein online gefundenes Foto suggeriert das jedenfalls. Solch offene Fenster kenne ich sonst nur vom „Interview“ in Luxemburg,

Marktgässje Homburg

Zum Marktgässje_Homburg/ Saar © Ekkehart Schmidt

Die Augen meines Vierjährigen wurden sofort unwiderstehlich vom Bildschirm angezogen. Er zog weder Jacke, noch Mütze aus und vergaß sogar sein Wasserglas. Es lief das Derby FC Bayern – FC Augsburg. Neben ihm schaute ein halbes Dutzend Männer. Bundesliga gibt es hier – nach immerhin drei Spielzeiten des FC 08 Homburg Mitte und Ende der Achtziger Jahre – nur noch im Fernsehen. Ich nutzte, unter den nicht immer präsenten Augen der Wirtin, die Gelegenheit, an der Mütze meines Jüngsten vorbei, heimlich Porträts der anderen Zuschauer zu machen.

https://fc08homburg.de/start/verein.html

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Es ergab sich vor allem eine längere Studie eines Wortführers des Stammtischs unter dem Fernseher. Ihn aus der Hand geschossen in konzentriert zuschauenden Momenten festhaltend (das Gespräch hatte mit Fußball nichts zu tun).

https://fc08homburg.de/start/verein.html

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Zum Glück war bald Halbzeit. Aber schnell noch auf’s Klo gehen, ehe wir für die Rückfahrt den relativ weiten Weg zum Bahnhof gehen wollten, war trotzdem schwer – denn jetzt setzte mit schnellen Schnitten und bunten Bildern die Werbung ein. Wer das nicht gewöhnt ist (wir haben keinen Fernseher), kann auch hier kaum die Augen abwenden. Es ist eine lange Wegstrecke mit Hunderten von Stunden vor diesem Apparat, bis diese Anziehung nachlässt und man nur noch apathisch einem müden Kick zuschaut, der dann doch 2:0 für den Favoriten endete.

Der Rückweg vom Klo war die Gelegenheit, trotz vorne vieler Besucher, unbemerkt die ziemlich typische Einrichtung der mindestens 50 Jahre alten Kneipe von hinten her zu dokumentieren – wenn auch nur unscharf aus der Hand geschossen..

https://fc08homburg.de/start/verein.html

 

https://fc08homburg.de/start/verein.html

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Ganz vorne bei uns, an der von Gläsern und Flaschen überladenen Theke, bei der mein Sechsjähriger eine – von mir abgewiesene – Begehrlichkeit für Paprikachips äußerte, saß ein Blinder, der nur noch 7 % Sehkraft hat, wie mir erklärt wurde. Als er gleich zu Beginn unseres Besuchs für eine Zigarette hinaus ging, hatte ich schon die Gelegenheit zu diesen Stilleben genutzt.

https://fc08homburg.de/start/verein.html

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Er hatte zwei Blindenhunde dabei. Einen weißen im Geschirr, einen braunen ohne. Der uns sehr zugeneigte und immer wieder mit uns sprechende Mann im hellblauen Blazer erklärte uns, dass der Braune eines Tages seine Arbeit nicht mehr richtig machen konnte und der Blinde einen neuen Blindenhund bekam. Den braunen nehme er trotzdem weiter bei seinen Gängen mit. Erzählt wurde das, um indirekt von der Liebe zu erzählen.

„Urige Kneipe direkt am Markt. Für das Kennenlernen von echten Homburschern solltet ihr euch im Urpils-Trinken üben…“ – heißt es zum „Marktgässje“ auf einer Seite mit Tipps für Studierende der Medizin, die mit der Feststellung beginnt: „Auf den ersten Blick scheint es so, als seid ihr in Homburg verloren, wenn ihr euch abends mal der gepflegten Gerstenkaltschale oder doch lieber einem fruchtigen Cocktail widmen wollt (…) Doch so ganz verloren seid ihr da nicht, nein eigentlich kann ich euch da beruhigen.“

Ansonsten finden sich neben der Facebook-Seite des Lokals online nur zwei polizeiliche Meldungen über eine Schlägerei und einen Diebstahl. Hier wird eben noch analog gelebt, getrunken, sich unterhalten und Fasching gefeiert. Man kennt sich, tauscht sich aus, nervt sich, freut sich aneinander. Das ist sehr viel, das man anderswo kaum noch findet. Zumindest, wenn man schon über 40 ist. Das Spiel ging übrigens 2:0 aus. Wie öde.

Adresse: Marktstr. 7, 66424 Homburg , Tel.: 06841-65188

Zum Marktgässje_Homburg/ Saar © Ekkehart Schmidt

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