Zum Inhalt springen

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken

März 4, 2020

Eigentlich wollte ich heute den Blog über die Kantine des Deutschen Theaters in Berlin fertig stellen, als mir auf dem Heimweg einfiel: Ich könnte ja kurz noch beim Saarländischen Staatstheater vorbeischauen und fragen, ob es wirklich nicht öffentlich zugänglich ist und was die Speisen da so kosten. Dann kam es anders. Herr Lange an der Rezeption im Nebengebäude war sehr zuvorkommend und meinte, natürlich könne ich jetzt sofort mal hineinschauen. Man sei da nicht so streng, es kämen immer wieder auch Externe. Und – hopp – führte er mich durch die Pforte hinunter in die Katakomben. Im Nachhinein fotografierte ich die Kellerfenster, von denen ich bislang nicht wußte, was sich dahinter verbarg.

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Nach zwei WG-Mitbewohner*innen, die hier als Schauspieler*innen beschäftigt waren und sind, wusste ich, dass es in Theatern nicht nur im Foyer eine Gastro für Gäste während der Pausen gibt, sondern hinter den Kulissen auch eine nicht öffentlich zugängliche Kantine für alle Angestellten (neben den Protagonisten im hellen Scheinwerferlicht gibt es noch andere – ja sogar viel mehr – Leute im unsichtbaren Dunkeln). Das fand ich spannend.

Ein Theater ist ein räumlicher Körper, der aus zwei ineinander gehüllten Bereichen besteht, von denen nur einer öffentlich sichtbar und begehbar ist. Es führen allerdings unauffällige Türen von der Außenwelt ins Innere – zu den Proberäumen des Ensembles, der Tänzer*innen und Musiker’innen, Büros und Werkstätten der Bühnen-, Licht- und Tontechniker, Kostümbildner, Öffentlichkeitsarbeitern, Kulissenschiebern und natürlich der Direktion und Intendanz mit ihren Buchhalter*innen und anderen Angestellten eines Wirtschaftsbetriebs mit gut 400 Angestellten. Denen mittags und abends ein subventioniertes Essen angeboten wird. Herr Lange führte mich also runter.

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Er sagte der älteren Dame hinter der Theke, ich sei Journalist und würde über Theaterkantinen schreiben. Das sei also in Ordnung, dass ich hinein käme. Das war nett, aber im Nachhinein gesehen trug er auch ein bisschen dick auf. Egal. Ich war überrascht und froh, mich hier einfach in eine Ecke setzen zu können. Ich setzte mich in einen der vier abgetrennten Bereiche und bestellte erstmal eine Rhabarberschorle, während nebenan junge Ballettschülerinnen saßen. Ich lernte, dass Auswärtige einen 10 % Aufschlag zu zahlen haben. Also ist das hier gar nicht wirklich so exklusiv. Und wirklich fair.

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Es ist preiswert hier, aber nicht wirklich billig: Ein kleiner Kaffee kostet zwar nur 60 Cent (ein großer 70), aber ein Espresso schon 1 Euro (ein doppelter 1,60), eine 0,2 l Cola gibt es für 80 Cent, mein Saft kostete (mit Aufschlag) 1 Euro, die Flasche Bier bekommt man für 1,90 bis 2,70 Euro. Für das Sandwich mit Bio-Brötchen sind 2,30 Euro zu zahlen.

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Die Gestaltung der Räume war sehr schön bunt und ansprechend (wenn auch die Blümchen aus Plastik sind). Ob hier schon so manche Premierenparty gefeiert wurde? Eine Schauspielerin sagte mir aber auch, dass Teile des Ensembles gerne auch ins „Odeon“ am Markt gehen würden.

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Nachdem Herr Lange gesagt hatte, es gäbe vielleicht noch etwas zu essen, fragte ich die Dame: Ja, Linsensuppe oder Schweitzer Wurstsalat mit Bratkartoffeln für 5,90 Euro (statt 4,50 für Betriebsangehörige). Ich nahm letzteres, wegen der Optik für ein Foto.

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Ein Genuss der besonderen Art, aber OK. Links kalt, rechts heiß. Immerhin extra für mich zubereitet, nicht aus dem topf geholt. Und der Koch fragte später auf dem Weg zu einer Zigarette draußen sogar nach, ob es gemundet habe. „Sehr gut“, sagte ich, Statt: „War mal was anneres“. Ob er der Pächter, Herr Fluit, ist, der an der Theke genannt war? Die Kantine gehört jedenfalls zur Firma „finetime“, die nicht nur für die „qualitativ hochwertige Pausengastronomie“ im großen und kleinen Erfrischungsraum der äußeren Hülle des Theaters, sondern auch für die eher pragmatische Verpflegung von Theaterteam und Besuchern zuständig ist (mehr hier). Die Firma betreibt auch die Gastronomie am Schwimmbad „das blau“ in St. Ingbert, die „Lakai“ in Neunkirchen und ein Lokal im Flughafen.

Der sehr humorige Herr Lange sagte mir noch, mittags gebe es vegetarisches Essen und Essen „mit Aas“. Also diese Woche zum Beispiel Risotto mit Hähnchen an Salatbouquet oder Salatteller mit Falafelbällchen und Dip oder Schnitzel versus vegetarische Moussaka.

Anekdoten aus der Gründungszeit

Zuhause nahm ich mir einen Bildband zu 75 Jahren Staatstheater zur Hand, zu dem ich vor 7 Jahren ein Foto habe beisteuern dürfen. Die Kantine ist da tatsächlich ausführlich genannt – jedenfalls aus der Gründungszeit des Theaters. Alexander Jansen beschreibt zunächst, warum das Foyer und die Kantine in allen Theatern zu den wesentlichen räumen zählen:

„Hier wird nicht nur getrunken, gegessen und die Zeit vor den Auftritten, den Umbauten sowie in den Pausen totgeschlagen, hier wird ebenso Meinung gemachtdebattiert, intrigiert, gefeiert und meditiert, das Vergangene, Gegenwärtige und Künftige betrachtet. Die Beschäftigten dieser Etablissements sind gewichtige Personen, vordergründig Bierzapfer und Brötchenbeleger, eigentlich Seelenärzte, Geheimnisträger und systemische Therapeuten, also wahre Experten der Psyche eines Theaters, in vielschichtig existentieller Weise benötigt vom ensemble und seinem Publikum.“

Als Geschenk Hitlers an die Saarländer nach der für ihn positiv verlaufenden Abstimmung von 1935 war das Theater als monumentales „Gautheater Saarpfalz“ am 9. Oktober 1938 eröffnet worden. Mit Kantine. Sie besteht also schon 82 Jahre. Sie war freilich nicht ununterbrochen in Betrieb: Für die Spielzeit 1939/1940 waren 44 Premieren angekündigt, doch musste der Spielbetrieb aufgrund der vollständigen Evakuierung der Stadt zwischen dem Kriegsbeginn im September 1939 und dem für das Deutsche Reich siegreichen Ende des Westfeldzuges im Juni 1940 eingestellt werden. Zum Inventar des auf 60 – 70 Plätze ausgelegten Raumes gehörte in den Anfangsjahren also auch ein Luftschutzvorhang, ehe 1941 die Fenster im Rahmen der Luftschutzmassnahmen vermauert wurden.

Es gab aber – wie Jansen recherchiert hat – auch Probleme, aus dem Inenren des Betriebs kamen: „Wenige Wochen nach der Eröffnung des Hauses zeigten sich bereits erste Baumängel. Mitte November 1938 informierte das Städtische Hochbauamt den Oberbürgermeister darüber: ‚Im Gastraum der Kantine löst sich das Linoleum, weil unter dem Linoleum Wasser auftritt. die Flüssigkeit, die den Schaden verursacht, hat einen ekelhaften Geruch. Es liegt die Vermutung nahe, das an der Schenke verschüttete Bier tritt unter die Linoleumschicht und löst diese vom Unterboden.“ Nachdem auch auf der Bühne mehrmals betrunkene Darsteller zugange waren, wurde wenig später der Bierausschank ab 18 Uhr bis 10 Uhr gesperrt.

Die Kantine hatte einen so grossen Erfolg, dass die Angestellten auch familienmitglieder mitbrachten und sich auch fremde Personen und Geschäftsleute dort aufhielten. Deswegen und wegen gelegentlicher Alkoholexzesse, die zur „Dekonzentration“ führen würden, verfügte der damalige Intendant, dass der Raum nur noch „als Rauch- und Konversationszimmer benutzt werden“ solle. Den ausschank sollte ein pensionierter Bühnenarbeiter oder Chorist übernehmen. Er schlug vor: „Das Essen wird literweise aus der Küche des Rathauses geholt und in der Kantine warm gehalten“. Es gab massive Proteste und er konnte sich nicht durchsetzen.

Die Kantine wurde vom Betreiber der Vorderhaus-Gastronomie übernommen. Ihr Profil lautete: „Alkoholhaltige Getränke dürfen nicht verabreicht werden. alle anderen Getränke wie Sprudel, Limonade, Fruchtsäfte, Kaffee, Fleischbrühe etc. sollen zu leiccht erschwinglichen Preisen dem Charakter einer Belegschaftskantine entsprechend nur an Mitglieder des Gautheaters verabreicht werden. Vertraulichkeiten seitens des Bedienungspersonals mit den Gästen werdennicht geduldet. die Bezahlung der verabreichten Waren hat nur in bar zu erfolgen.“

1942 fielen erste Bomben auf das Theater, zum 1. September 1944 wurden alle Theater im Reich geschlossen, aber schon am 27. Mai diesen Jahres war der Saalbau durch eine Bombe zerstört worden. Die Wiedereröffnung erfolgte am 6. März 1948, ein Jahr nach einem starken Hochwasser. Beim nächsten Jahrhunderthochwasser im Dezember 1993 war ich auch erstmals in der Stadt – für mein Vorstellungsgespräch zu meiner ersten Arbeitsstelle. Damals wurden auch die Kellerräume mit der Kantine überschwemmt. Man hat das saniert, ehe es dann von April bis Oktober 2013 eine erneute Generalsanierung des Hauses und wohl auch der Kantine gab.

Herr Lange kam dann noch einmal extra zu mir, um mir zu erklären, warum im Theater und in der Kantine das Pfeifen verboten sei: Damals habe man ja Gasbeleuchtung gehabt und deshalb – wie in den Kohlegruben – Kanarienvögel, die vor sich hin trällerten. Würden sie aufhören, wüsste man, dass Gefahr wegen eines Gasaustritts besteht. Heute ist das kein Thema mehr, aber das Pfeifen – wie fröhlich auch immer – sei immer noch verboten. „Schreiben sie das, unbedingt“. OK, Bitte sehr.

Da kommt schon ziemlich viel historische Tiefe zusammen, wenn man einmal anfängt zu recherchieren – mal ganz abgesehen davon, welche Prominenz hier vor oder nach einem Auftritt nervös oder gelassen schon eine Kartoffelsuppe mit Wiener Würstchen oder hausgemachte Frikadellen mit Nudelsalat gegessen hat. Oder einen Schnaps gekippt: Helen Schneider 2010, Iris Berben und Joachim Gauck 2011, Dieter Hildebrandt 2012, Roger Willemsen 2014 … Vielleicht sogar Edith Piaf, die hier in den Nachkriegsjahren aufgetreten ist.

Adresse: Schillerplatz 1, 66111 Saarbrücken, Tel.: 06893-83385, info@finetime.de

Verwendete Quellen: Dagmar Schlingmann, Harald Müller (Hg.): Grenzenlos, 75 Jahre Saarländisches Staatstheater. Berlin 2013, S. 37f, 53; Wikipedia-Artikel „Saarländisches Staatstheater

Die Kantine im Staatstheater_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Kommentar verfassen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: