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Von Oma und Opa Nachhaltigkeit lernen

Februar 19, 2020
Orangenschalen schnippeln © Ekkehart Schmidt
Persische Möhrenmarmelade (Moraba-ye Hawidj) © Ekkehart Schmidt

Jahrhundertealte Kulturtechniken sind durch die Industrialisierung, die Elektrifizierung, die Automobilisierung, den Aufstieg der Pharma- und Konservendosenindustrie und den Triumphzug der Discounter im Kontext von Agrarindustrie, Globalisierung und neokolonialer Ausbeutung des Südens verloren gegangen: Der mitteleuropäische Mensch musste nicht mehr Lebensmittel für den langen Winter haltbar machen oder selber herstellen.

Er bekam diese Waren zu einem zunehmend günstigeren Preis (auch weil soziale und ökologische Kosten nicht eingepreist, sondern von der Gemeinschaft der Steuerzahler zu bezahlen waren). Unser Leben wurde immer bequemer. Immer weniger Zeit und Geld waren für Lebensmittel und Bekleidung einzusetzen. Oma und Opa als Meister in Sachen Nachhaltigkeit wurden zu peinlichen Relikten der länsgt vergangenen , entbehrungsreichen Kriegsjahre.

Bis…, ja bis klar wurde, dass dieser Lebensstil den Planeten zerstört, weil er mit Lebensmittelverschwendung, Transport- und Verpackungswahnsinn, Bodenzerstörung und Umweltverschmutzung einhergeht, vor allem aber auf dem unmäßigen Verbrauch von fossilen Energien beruht, die im Übrigen auch nicht unendlich zur Verfügung stehen.

Es ist an der Zeit, unsere Omas und Opas zu fragen, was sie wie und warum energieschonender und vielleicht auch befriedigender gemacht haben: Einkochen, Fermentieren und Keltern, Brot selber backen und aus Brotresten leckere Speisen bereiten, Heilkräuter und Hygieneartikel selber herstellen, Kleidung selber nähen, Stopfen und Flicken, Sammeln und Reparieren statt Wegzuwerfen… Ich habe meine Mutter (82) gefragt, weiter recherchiert, nachdem Susanne von unserer Saarbrücker Transition Town Initiative vorgeschlagen hatte, eine Art praktischen Gesprächskreis anzubieten, den wir „wandel.werkstatt“ nennen wollen.

Es geht dabei stark um Methoden des „Haltbarmachens“ – klingt öde, aber der englische Begriff dafür („Food-Prepping“) liefert auf Instagram hunderttausend Ergebnisse und das Weckglas avanciert gerade zu einem neuen Statussymbol. Schauen wir also mal.

Das Einkochen von Marmelade ist als Kulturtechnik der Konservierung nicht verloren gegangen, wohl aber das Einkochen von Steinobst in der ganzen Frucht oder von Gemüse wie Möhren, Erbsen oder Bohnen während der Saison, also während diese günstig und in Mengen vorhanden sind, ehe sie energieintensiv zu kühlen sind, um ganzjährig zur Verfügung zu stehen. Da darf man ruhig kreativ sein: Im Iran ist zum Beispiel Möhrenmarmelade mit geschnippelten Orangenschalen sehr beliebt (Fotos oben).

Und meine Mutter erinnert sich daran, dass in den Nachkriegsjahren „jeder eingelegte, hartgekochte Eier in Salzlake konservierte“. Das braucht man heute nicht neu zu erlernen, es sei denn, man hat dauernd Eier im Überfluss. Aber das „einwecken“ an sich (von den Weckgläsern mit der Erdbeere oben drauf) kommt wieder in Mode. Nur nicht als Überlebensökonomie: Meine Mutter erzählte, dass ihre Mutter nach der Ausbombung ihres Hauses in Kassel einen Zugang zum Keller suchte und fand, um aus den Trümmern die unbeschädigten Gläser mit eingekochtem Apfelmus und eingemachtem Gemüse raus zu schleppen.

Mein Vater ergänzte: „Daher kommt der Ausdruck ‚Es geht ans Eingemachte‘. Das war die Notration, wenn man gar nichts mehr hatte“.

An die Stelle des Einkochens trat etwa ab den 1960ern dann das extrem energieintensive Einfrieren. Vorher hatte man mit der Speisekammer oft einen Raum mit Fenster und Lüftung nach außen, durch den gekühlt wurde. Seit einigen Jahren wurde das Einkochen wieder entdeckt, auch um exotische Speisen herzustellen. Zum Beispiel selbstgemachte Chutneys, die man gut in gebrauchten Marmeladengläser füllen kann.

Privat fermentiert wird heute höchstens noch Kohl zu Sauerkraut – als Lieferant von Vitamin C im Winter. Dabei lassen sich auf diese Weise viele Früchte energieeffizient haltbar machen. Auch Paprika, Sellerie oder Radieschen. In der Vergangenheit war die Fermentation eine Technik, die sich über alle Kulturen der Welt erstreckte. Noch heute wird sie zum Beispiel in der arabischen Welt verwendet, um Gemüseschnipsel sauer zu konservieren und Speisen wie Falafel als „Turchi“ beizugene. Nicht zu vergessen die britischen „Mixed Pickles“. In Deutschland kennen wir neben Sauerkraut nur noch die sauren Gurken, die heute aus dem Spreewald kommen, während man das nach der Ernte der schnell verderblichen Gurken früher selbst gemacht hat: „in Essig, mit Dill und Zwiebeln“.

Bei dieser Konservierungsmethode werden lebendige, nützliche Mikroorganismen benutzt, ohne dass das Obst oder Gemüse vorgekocht werden muss und ohne dass schädliche Zusatzstoffe notwendig sind. Zur Fermentierung hatte damals jeder Haushalt viele dieser gebrannten und glasierten braunen oder blauen Tongefäße, von denen man die kleineren Varianten heute noch auf Flohmärkten oder über den Tresen von Traditionslokalen findet. In der Familie meiner Mutter benutzte man in Kassel viel größere Gefäße, vor allem für Sauerkraut: „Die waren mindestens einen halben Meter hoch, oft noch größer – mit einem Durchmesser von 50 cm. Man raspelte den Weißkohl, stopfte ihn hinein und legte ein Brett drauf, das man mit einem dicken Stein beschwerte“. Die Gefäße stammten aus dem Kannebäcker Land. Hier im Saarland kamen sie aus Krughütte, einem Vorort von Saarbrücken.

„Während das traditionelle Wissen über die Fermentation von Generation zu Generation verloren geht, investiert und entwickelt die Lebensmittel- und Pharmaindustrie massiv in diesem Forschungssektor, um einzelne Stämme von Mikroorganismen zu industrialisieren und zu monetarisieren“, so Stefania Filice. Geschäftsführerin der luxemburgischen Firma Microjungle, die Fermentierungsbehälter anbietet. Es scheint viel Nachfrage zu geben.

Eine eher in heißen Ländern praktizierte Methode des Haltbarmachens ist das Dörren von Früchten. Oma kannte das kaum. Aber plötzlich verkaufen sogar Discounter Dörrautomaten, mit denen man Apfel- oder Pflaumenchips herstellen kann.

Neben der Haltbarmachung gibt es noch den Aspekt der optimalen Resteverwertung zur Vermeidung von essbaren Abfällen, neudeutsch: „Zero Waste Küche„.

Trockene Brotreste lassen sich mit einer Reibe bei relativ wenig Aufwand zu Paniermehl machen, mit dem nicht nur eingefettete Kuchenformen bestreut oder vegane oder fleischliche Schnitzel geschmacklich aufgepeppt werden können, sondern auch leckere Speisen wie „Arme Ritter“ (aus Weißbrotresten), Semmelknödel, Frikadellen oder Brüsseler Brotpudding zubereitet werden können  (Tipps und Rezepte bei brotexperte.de). Am wichtigsten aber: Brot gar nicht erst vertrocknen lassen, indem man Aufbackware vermeidet und Brot richtig lagert (Römertopf). A propos Römer: Früher galt das achtlose Wegwerfen von Brot als Brotfrevel, worauf eine göttliche Strafe stand.

Dazu heißt es in einem Online-Kochbuch: „In Zeiten, als Fast Food noch nicht in Mode war, wurde dem Essen allgemein noch ein höherer Stellenwert beigemessen. Die Menschen gaben mehr von ihren Einnahmen für Nahrungsmittel aus und legten dementsprechend auch noch mehr Wert darauf, dass nichts verdarb und weggeschmissen werden musste. Rezepte aus Omas Küche richten sich daher häufig nach dem Prinzip der Resteverwertung.

Brötchen vom Vortag müssen nicht unbedingt in den Müll kommen, mit Mehl, Eiern und Milch werden daraus leckere Knödel als Beilage zum Hauptgericht. Ebenso hat die Großmutter häufig Obst, das niemand mehr roh essen mochte, weil es schon ein paar braune Stellen hatte, zu Mus oder Kompott verarbeitet. Aus den Salzkartoffeln vom Vortag zauberte Oma dann herzhafte Bratkartoffeln mit Zwiebeln und Speck. Fleisch, das die Familie nicht aufgegessen hat, fand sich am nächsten Tag im Eintopf wieder. Die Rezepte aus Omas Küche sind daher nicht nur lecker und traditionell, sondern auch clever, kreativ und kostenbewusst.“

Und meine Mutter ergänzt, dass man damals mit der Milchkanne losging, um beim Bauern oder anderswo Milch zu holen. Das war ein Spaß, auf dem Weg die große Kanne durch die Luft zu drehen und zu wirbeln… Oft legten sie das Geld dort hinein, manchmal vergaßen sie es und mussten dann zuhause die Milch umschütten, das Milchgeld herausholen und zum Bezahlen nochmal zurück laufen. Wenn dann diese weder homogenisierte, noch pasteurisierte Milch nach einigen Tagen sauer wurde, hat man sie in einen zwischen zwei Stühlen gespannten Tuchbeutel gegeben, um die Molke abzutrennen: aus dem in der Schüssel landenden Rest machte man dann Quark.

Kalten Kaffee kann man aufwärmen, Honigreste im leeren Glas kann man mit heisser Milch ausspülen (z.B. für ein Müsli), Marmeladenreste kann man ebenfalls mit Milch weiter verwenden (z.B. als Salatsauce) – wenn man einmal gelernt hat, sparsam zu sein.

Wirklich ungeniessbare Lebensmittel können auch ohne Schweine oder Hühner als Abnehmer bzw. Garten oder Balkon kompostiert werden – oder indem man sich eine Wurmkiste für die Wohnung baut – die übrigens geruchsfrei ist.

Viele Opas bauten sich ihre Werkstatt im Keller zum Wohnzimmer aus. Sie zerlegten dort kaputte Geräte und Möbel in ihre Einzelteile und verstauten sie, ordentlich katalogisiert in Kistchen und Regalen – auf einen neuen Einsatz wartend. Die Einzelteile waren ja noch gut! Schranktüren, alte Lattenroste und anderes wurde gehortet, um sie irgendwann in ein Kinderspielhaus, Kaninchenställe oder ein Gewächshaus umzuwandeln. Neu gekauft wurde nur das allernötigste.

„Heute haben wir uns angewöhnt, viele Dinge schnell auszutauschen. Weil es so einfach ist. Weil es so günstig ist. Weil alle es tun. Unsere Kinder lernen es von uns,“ schreibt Jessica Pankoke. Aber zum Glück können uns Oma und Opa in Sachen Nachhaltigkeit ein echtes Vorbild sein.

Von ihnen neu lernen kann man auch das Stricken von Jacken, Pullovern und Socken, das Nähen neuer Kleidung aus abgenutzter alter Kleidung (meine Mutter nähte uns Jungs aus alten Cordröcken Cordhosen), sowie das Stopfen von Löchern oder Applizieren von Löcher abdeckenden Stoff- oder Lederteilen. Durch Umnähen kann man viele Kleidungsstücke cool upcyceln, statt sie wegzuwerfen.

Und verpackungsfrei einkaufen? Das war vor der Invasion der Plastiktüten normal. Heute kann man sich in vielen Geschäften Brot, Käse und andere Waren mit einem eigenen Behälter einkaufen – für viele davon sind Wachstücher gut geeignet.

Verpackungs- und chemiefreie Hygiene ist ein weiteres Thema, zu dem wir die Großmütter befragen sollten: Seife, Shampoo und Cremes lassen sich selbst herstellen, Babys können in Stofftüchern gewickelt werden (Zero-Waste-Baby) und auch bei der Monatshygiene gibt es Alternativen. Seife wurde früher in vielen Haushalten selbst gekocht. Und meine Mutter erzählt von der Kaminasche, die man in der Nachkriegszeit als Waschmittel benutzt hat. Anders als die Seifenherstelllung brauchen wir das heute freilich kaum neu zu erlernen.

Gerade sehr im Kommen ist etwas, das ich seit etwa zwei Jahren praktiziere – ursprünglich, weil mir meine Haare zu aufgeplustert wirkten: Beim Duschen auf Shampoo verzichten. Und mich nicht mehr eincremen, weil dadurch die Haut rauher wurde, wenn ich ein paar Tage auf Creme verzichtete. Ich lernte, dass die natürliche Regenerationskraft von Haut und Heeren durch künstliche Mittel so eingeschränkt wird, dass man immer weiter diese Produkte der Pharmaindustrie zu kaufen hatte.

Aus ersterem wird gerade ein Trend: No Poo als Abkürzung für die Formulierung „No Shampoo“. Die Plattform evidero.de erklärt, dass Haarshampoo oft synthetische Tenside, Parfüms oder Silikone enthalten, die Kopfhaut und Haare austrocknen lassen. Zudem rege häufiges Haarewaschen mit Shampoo die Talgdrüsen zu einer übermässigen Produktion an – schnell fettende, ungepflegt wirkende Haare als Ergebnis. No Poo heisst: Die Haare werden einfach nur mit Wasser oder höchstens mit roggenmehl, Heilerde, Natron oder natürlichen Seifen aus Öl gewaschen. Man muss bei der Umstellung freilich anderthalb Monate warten, bis sich die Kopfhaut umgestellt hat. Wichtig ist dann allerdings das sorgfältige Bürsten der Haare, so dass sich das Sebum, der natürliche Talg am Haaransatz, gut verteilt.

Ähnlich ist es mit „Omas Hausapotheke„: Wir brauchen die Produkte der Pharmaindustrie nur bei echten Krankheiten. Es gibt so viele Kräuter, die bei kleinen Wehwehchen oder ernsthaften Erkrankungen helfen – Kräuter, die direkt hier in der Umgebung wachsen. Wir müssen sie nur kennen lernen. Bei Kräuterwanderungen. Und wir können Tees selber machen (meine Mutter erinnert sich an das Sammeln von Kamille und Pfefferminze), ja sogar Kaffee-Ersatz wie damals in Kriegszeiten…
„Einfach. Jetzt. Anders (wie dazumal). Machen.“ So könnte unsere Richtschnur für einen Wandel lauten.

Um diesen Wandel einer Rückorientierung zu alten Kulturtechniken anzuregen und umzusetzen, bzw. erst einmal praktisches Wissen zu vermitteln, hat sich der Verein Transition Town Saarbrücken eine neue Veranstaltungsreihe überlegt: die „wandel.werkstatt„. Anders als in Repair Cafés geht es nicht um das Reparieren (statt wegwerfen und neu kaufen) von mechanischen und elektronischen Geräten, sondern um das uns neu aneignen von fast verloren gegangenem Wissen: Eine Person, die etwas davon ausprobiert hat, Fachwissen erworben hat, zeigt dies anderen Interessierten im kleinen, gemütlichen Kreis.

Wir wollen damit im Sommer beginnen. Und sind sicher, dass sich genug Leute finden, die der Wunsch eint, wieder etwas mit den eigenen Händen zu machen. Vor allem etwas zu essen, das selbst gesammelt oder zumindest verarbeitet ist.

Verwendete Quellen: Biringer, Eva: Echte Handarbeit, in: Frankfurter Allgemeine Woche 34/2019, S. 34f; Pankoke, Jessica: Noch gut!, eve, 6/2020, S. 22; tha: Tipps für die Haarpflege ohne Shampoo, Saarbrücker Zeitung, 22. Mai 2020

Von Oma Nachhaltigkeit lernen (c) Ekkehart Schmidt

From → Anders leben

One Comment
  1. Hat dies auf Schneider bloggt rebloggt und kommentierte:
    Danke vielmals für diesen Blog der genau zur richtigen Zeit kommt. Ich möchte meinen, wir werden mehr, die beginnen zu verstehen, was Agenda 2030, die nachhaltigen Entwicklungsziele, Transormation und Transition an Botschaften in sich bergen. Auch wenn Tesla in Brandenburg letztendlich doch den Wald fällt bevor wir unsere Mobilität neu aufgestellt bekommen.

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