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Arkaden-Schenke_Saarbrücken

Februar 4, 2020

Ich bin hier in 25 Jahren Saarbrücken hunderte, wohl tausende Male vorbei geradelt – aber erst letzten Herbst ein erstes Mal eingetreten. Zu sehr schien das eine Kneipe „unter meiner Würde“ zu sein. Dabei bietet sie etwas unschätzbares. Aber das habe ich erst heute verstanden.

Der Name nimmt Bezug auf die Arkaden der Kaiserstraße, wie auch der Bahnhofsstraße, also den Nachkriegsbau von Fußgängerpassagen unter den Neubauten der im zweiten Weltkrieg zerbombten Häusern in Bahnhofsnähe. Nicht so schön, wie in Bern. Aber praktisch bei Regen. Durch den Saarbahnbau wurde die Kaiserstraße im Vergleich zur parallelen Bahnhofsstraße, einer der meistbesuchten Einkaufsstraßen des Südwesten Deutschlands, stark abgewertet. Hier hält man sich nicht gerne auf. Hier fährt man durch, erledigt Bankgeschäfte oder isst einen schnellen Döner, von anderswo kommend. Interessant ist freilich eine Gedenktafel schräg gegenüber: Dort stand die Synagoge, die angezündet und abgerissen wurde – und nach dem Krieg durch einen Neubau 40 m hinter der Schenke ersetzt worden ist.

Arkaden-Schenke_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Arkaden-Schenke_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Oder man hat hier eben sein Refugium gefunden: Wohl nirgendwo anders in der Saarbrücker City bekommt man Kaffee, Bier und belegtes Wurst-Brötchen so preiswert – vor allem auch mit Gespräch dazu. Das eigentlich besondere an der Arkaden-Schenke ist jedoch die Raumaufteilung: Man kann unter den Arkaden sitzen, man kann eintreten und sich linkerhand in Korbstühle setzen oder rechterhand bei der Metzgerei-Auslage einen Imbiss zu Essen bekommen. Man kann aber auch weiter durchgehen: Da ist zunächst ein Zwischenraum mit Barhockern und Hochtischen, aber dann geht’s noch weiter und plötzlich – von außen nicht sichtbar – betritt man eine große Gaststube, die wiederum zweigeteilt ist in eine klassische Theke und eine dahinter liegende große Räumlichkeit mit fast einem Dutzend Tischen, die stilistisch eher wie eine Kaffeeklatsch-Stube wirkt.

Das sind sechs unterschiedliche Räume – erstaunlich bei üblicherweise gerade einmal einem Dutzend Kunden pro Stunde. Aber wahrscheinlich mit dem Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Straße entstandene Lokal überlebt seit drei Generationen, wenn ich das richtig verstanden habe. Der aktuelle Inhaber der Kneipe, sowie der zugehörigen Fleischerei in Illingen heißt Bernd Collet. Das Lokal hat sich offenbar perfekt an die unterschiedlichsten Zielgruppen angepasst: Vorne die spontan hungrigen oder durstigen Zufallspassanten, hinten die Stammkunden. Und dazwischen geht’s runter zum WC.

Arkaden-Schenke_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Arkaden-Schenke_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Arkaden-Schenke_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Arkaden-Schenke_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Arkaden-Schenke_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Arkaden-Schenke_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Ich hatte heute eine halbe Stunde Zeit und bestellte mir zwei belegte Brötchen mit Belag aus hauseigener Fleischerei und einen Espresso für zwei Mal sehr preiswerte 1,60 plus 1,80. Das war mit 5 Euro erstaunlich billig, wenn auch die Brötchen ohne Butter sehr trocken waren. Dazu gibt es Wurstsalat, Frikadellen, Fleischkäse und mittags scheinbar auch Rahmschnitzel mit Pommes. Preiswert sind auch der kleine Kaffee für 1,50 oder das Kännchen für 2,80, die Cola zu 1,60 und ein Stubbi oder anderes Bier für 1,90. Und dann natürlich 12 Spirituosen vom Obstler für 1,60 über einen Cognac für 1,90 zum Remy für 3,50. Ich war neben dem Herrn mit der Lupe der einzige Gast im hinteren Bereich.

Arkaden-Schenke_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Arkaden-Schenke_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Arkaden-Schenke_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Arkaden-Schenke_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Vor allem bekommt der Gast ein Gespräch, wenn er denn will: „Hey, halt mal Dein Maul. Schick Dich moo“, schimpft Katja, eine blondierte Frau in den frühen Vierzigern. Und schiebt – weiterhin im Spaß – nach: „Biste jetzt mal ruhig?“ Ein Mann hatte mit psychologischen Einsichten über den Charakter von Frauen doziert und kriegte jetzt Kontra. „Ach gebb dich ma, hier gebs doch a psychologisch Stündchen umsonst!“ Es war erstmal Ruhe, dann hob Katja wieder an, jemandem zugeneigt, den ich nicht sehen konnte: „Das ist doch mal ein Mann: graue Haare und hat noch Sex-Appeal!“ Nochmal Ruhe. Dann hob der Mann nochmal an: „Ich hab da noch ein mentales Problem…“ – „Oh, der Psychologe…“, ätzte nun ein anderer Mann. Dieses Frotzeln tut gut, offenbar.

Die Tischdecken und die Getränkekarte sind auf die farbige Gestaltung der Deckenbordüren und Wände abgestimmt, bei der breite orangene Linienführungen dominieren. Ein leicht erhöhter Bereich ist mit einer Art Gitterzaun abgetrennt. Ob das einmal der Platz für eine Tanzkapelle war? Online und auch analog habe ich keine tiefergehenden Infos zum Lokal gefunden.

Arkaden-Schenke_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Arkaden-Schenke_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Arkaden-Schenke_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Arkaden-Schenke_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Arkaden-Schenke_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Arkaden-Schenke_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Die Schenke liegt unter Arkaden wie die „Vier Jahreszeiten“ um die Ecke in der Dudweiler Straße oder die „Gutenbergstube“ jenseits der Saar. Aber sie ist deutlich größer, weitläufiger und damit außerhalb der Thekenecke nicht so heimelig. Neben der  erstaunlich konsequent in Orange-Gelb durchgestylten Inneneinrichtung verwundert  vor allem diese fast skurril historisch wirkende Fensterbemalung auf einem Glas, das nur fake ist – da ist kein Tageslicht dahinter. Obwohl sich dahinter ein straßenähnlicher Hof befindet.

An der Theke ist es düsterer. Da gibt es noch eine dieser typischen Sparclubfächer neben zwei Spielautomaten und es wird geraucht. Hierhin kann man sich aus dem lauten und stressigen Leben draußen zurückziehen und unter Menschen sein, die einen nicht taxieren und bewerten. Das ist sehr viel wert. Egal, ob man sich zu den „Erfolgreichen“ Menschen oder den „Losern“ zählt. Es zählt die Kommunikation miteinander.

Adresse: Kaiserstraße 11, 66111 Saarbrücken, Tel.: 0681 36636

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