Zum Inhalt springen

Zum Kraftwerk_Völklingen

Februar 2, 2020

Eigentlich kenne ich den Völklinger Stadtteil Wehrden sehr gut von Seminaren und Studien zur türkischstämmigen Bevölkerung anfangs der Nuller Jahre. Und dennoch kostete es mich heute trotz üblem Regenwetter einige Überwindung, auf meinen Kneipenrecherchen für die Saarbrücker Hefte die „Brücken-Schenke“ und die Gaststätte „Zum Kraftwerk“ zu betreten. Vielleicht, weil ich befürchtete, dass man meinem Ansinnen nicht wohlgesonnen sein würde. Ich täuschte mich. Die Leute möchten erzählen, möchten gefragt werden, wie sich die hiesige Szenerie im extrem schwierigen Strukturwandel seit Schließung der Hütte 1986 geändert hat.

26 Kneipen habe es hier einmal gegeben, hörte ich später. Ich fand nur noch vier: Neben den beiden genannten noch die „Saarstube“ unten eingangs der Schaffhauser Straße und die „Kleine Kneipe“ („Es Kneipche“) im oberen Wehrden. Dazu fünf oder sechs weitere Lokale, die heute Spielcasinos, Wettbüros oder Automatenkneipen sind und vor allem von Türken besucht werden. Von zwei weiteren lassen sich Spuren finden: Aus dem großen „Gasthaus Rupp“ (ursprünglich „Gasthaus z Sonne Nikolaus Rupp“) in der Schaffhauser Str. 8, lange Zeit „die Institution für Bierkenner“ wurde 1987 die Moschee der türkisch-islamischen Gemeinde. Das „Gasthaus Kuntz“ (eigentlich „Schankstätte Johannes Kurtz“, später „Altes Haus“ oder „Becker Madert“ bzw. „Wehrdener Stübchen“) ist seit 2018/19 geschlossen. Am verbliebenen großen Schild „Altes Haus“ biege ich rechts in den Kern des sehr dörflichen alten Wehrden ein, in dem gerade die Straßen saniert werden. Und entdecke in der Hostenbacher Straße ein Lokal, das ich in einem Bildband auf einem undatierten Foto, etwa aus den 1980ern, kannte: „Zum Kraftwerk“, ein wahrscheinlich damals schon rot gestrichenes Gebäude.

Zum Kraftwerk_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Zum Kraftwerk_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Der Vorplatz wurde saniert und am Haupteingang stand, man solle bitte den Hintereingang nutzen, wegen Verletzungsgefahr.

Zum Kraftwerk_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Zum Kraftwerk_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Rückseitig fand ich mit dem „Biergarten“ ein Kleinod der hiesigen Arbeiterkultur, das ich ohne Baustelle wohl übersehen hätte. Und fotografierte, nach kurzem Scan-Blick ins Innere der Wirtschaft, die Szenerie aus Maibaum und Kegelclub-Schild – um weiter zu fahren, obwohl pitschnass vom Regen. Es wirkte zu intim, als dass ein Fremder wie ich ohne Aufsehen zu erregen einfach hineingehen könnte. Sehr schön das geschnitzte Schild des Kegelclubs „Die Rossel Anos e.V.“ (genannt „Rosselanos“)

Zum Kraftwerk_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Zum Kraftwerk_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Aber da war ich schon von einem Mann „ertappt“ worden, der grad nach Hause gehen wollte, mich fotografieren sah und dann wegen mir durch die Hintertür zurückkehrte und noch eine halbe Stunde blieb. Anfangs standen da noch zwei andere Männer, die aber schon genug intus hatten und bald gingen. So blieb ich mit ihm und der Kellnerin im netten Gespräch bei einer Bitter Lemon on Ice (ich kann als Weintrinker in Bierkneipen ja nicht immer einen schlechten Espresso bestellen). Sie freuten sich über mein Interesse und hätten noch deutlich länger Anekdoten erzählt, wenn ich denn gewollt hätte. Ich durfte zwischendurch die mindestens seit 1955 bestehende Kneipe fotografieren. Mein Ansinnen der Beschreibung authentischer Lokale war verstanden und stolz akzeptiert worden.

Zum Kraftwerk_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Zum Kraftwerk_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Zum Kraftwerk_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Zum Kraftwerk_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Zum Kraftwerk_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Wie alt das Lokal ist? Der Mann verwies mich auf Urkunden an der Wand, zog sich aber gleich wieder zurück, während mich die Kellnerin begleitete. Er schien so viel zu wissen, dass meine Anfrage ihn irgendwie überforderte. Eine Urkunde der Karlsberg-Brauerei bedankte sich 2005 für 50 Jahre treue Belieferung. Eine  andere von 1985 bescheinigte Alfred und Maria Brandt 30 Jahre Treue. 1955 also?

Neben den Urkunden hing da auch ein Zeitungsartikel zu den „Völklinger Mythenjägern“, die den Zuckerrübensirup „Fenner Harz“ bewarben – da erkannte ich den Mann vom Hof als hier aktiven Uwe Jager. Tatsächlich scheint hier viel los zu sein. Vor allem kämen tatsächlich noch Alt und Jung zusammen. Es gebe am ersten Sonntag im Monat ein Frühstück, das gut angenommen werde. Und sonntags gutes Essen, zuletzt Rindergulasch mit Bandnudeln und Salat für 8,50 Euro.

Dann kam die Rede auf die damalige Inhaberin Maria Brandt, die noch lebe, aber dement sei. Sie begann morgens um 4 Uhr, Schichtenbrote zu schmieren, vor allem für die Junggesellen-Arbeiter, die dann gegen 5 Uhr kamen – für einen Kaffee oder schon „ei Halwie“. Dann sei die Nachtschicht aus der Hütte gekommen, „um eene zu drinke“, manchmal seien sie erst gegangen, als schon die Mittagsschicht kam. Das Bier habe in vier Reihen gestanden. So sei das bis spät abends um 1 Uhr gegangen. Er habe 1984 seine Lehre begonnen, aber schon Mitte/ Ende der 1990er Jahre sei dann in Bezug auf die Kneipen „alles zusammen gebrochen“.

Jetzt fing die Kellnerin zu erzählen an: „Für die meisten ist und war immer alles gleich: gleiche Zeit, gleicher Platz, gleiche Zahl Bier. Wenn die Kneipe einmal zu war wegen einer Kommunion oder Hochzeit, habe ich mir das wochenlang anhören müssen, dass sie woanders hin mussten und da die Zwiebelchen anders auf dem Mettbrötchen lagen und das Bier nicht kalt genug gewesen sei… 85 Prozent der Gäste würden nicht bestellen, sondern bekämen das immer gleiche übliche, jedenfalls die 60- bis 80-jährigen. „Ich sach immer ‚Tradition und Innovation‘ sollte man versuchen, zu vereinbaren.“

Heute kämen jetzt vor allem „normale Leute“, also Deutsche und Italiener, ergänzt Uwe, während die Türken weiter unter sich blieben und nur ab und zu manche hierher kämen. Aber beide betonen, dass man hier gut zusammen lebe. Auch dank der Arbeit des Vereins „Baris„. Wenn auch damals viele gesagt hätten: „Die können aufs Gasthaus Rupp nicht ein Minarett draufsetzen, da würde sich der alte Rupp im Grabe umdrehen.

Mir wurde dann auch das Licht im Nebenzimmer angemacht: Hier wird Darts gespielt: analog und elektronisch. Ein Team scheint sehr gut zu sein, kurz vorm Aufstieg in die Bundesliga oder so.

Zum Kraftwerk_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Zum Kraftwerk_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Zum Kraftwerk_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Zum Kraftwerk_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Ferner gibt es ein „Fußballzimmer“, aber seitdem Sky so teuer geworden ist, nutze man es nicht mehr. Und es gibt jenseits des Hofes seit 1974 eine von Maria Brandt eingerichtete Kegelbahn, vielleicht die einzige regelmäßig genutzte in der Stadt. Hier trainierte und spielte der 1971 gegründete Kegelsportverein Schwarz-Weiß Wehrden, ein Verein des früher sehr regen bürgerlichen Vereinslebens des Ortes – von Gesangs- über Karnevals- bis Sportvereinen, das so – abgesehen von letzteren – heute kaum noch existiert.

Ob der Verein hier noch Wettbewerbe austrägt, weiß ich nicht, aber mir wurde erzählt, dass hier gerne türkische Frauen mit viel Spaß kegeln:  „Da ist dann richtig ‚was los!“, so die Kellnerin.

Zum Kraftwerk_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Aber hier treffen sich zum Beispiel auch die ADFC-Radfahrer der lokalen Gruppe Völklingen-Warndt zu ihren Touren, wie ich ein paar Wochen später in der geislauterer „Taverna“ von Hans Holderbaum erfuhr, einem Aktiven, der thematische Touren anbietet (demnächst zum Beispiel „Von der Kohle zum Stahl„). Er erklärte mir auch den Namen des Lokals: Wenig nördlich von hier stand das älteste Kohlekraftwerk des Saarlandes, das vor 20 – 30 Jahren abgerissen worden ist. Die Brache wird seit Dezember bebaut: Hier entsteht ein Amazon-Verteilzentrum. Es werde zwar kaum an den Ort angebunden sein, sondern einen direkten Autobahnanschluss haben, aber sei doch sehr wichtig für den Ort, weil hier rund 140 Arbeitsplätze vorwiegend für Ungelernte entstünden – „Früher gab es für die nur Arbeit in der Grube – in der Hütte musste man schon eine richtige Ausbildung haben“. Das Lokal  wird sich aber nicht umbenennen in „Zum Amazon-Verteilzentrum“.

Adresse: Hostenbacher Str. 6, Völklingen-Wehrden

Verwendete Quelle: Howest-Uthemann, Sigrid (Hg. im Auftrag des Heimatkundlichen Vereins Warndt e.V.): Völklingen und seine Stadtteile. Vom Dorf zur Mittelstadt. Eine Sammlung historischer Fotos, Merzig/ Völklingen ca. 1990, S. 345, 353, hist. Foto: S. 364

Zum Kraftwerk_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Kommentar verfassen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: