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Gutenbergstube_Saarbrücken

Februar 1, 2020

Gutenberg? Nach dem Erfinder des Buchdrucks ist eine gegenüber des Verlagshauses der Saarbrücker Zeitung und neben der Hauptstelle der Sparkasse Saarbrücken in die Eisenbahnstraße mündende Straße benannt. Die Gutenbergstube liegt an der Ecke unter den Arkaden der 50er-Jahre-Neubebauung. Sie ist die einzige verbliebene Gastwirtschaft klassischen Stils zwischen Hauptbahnhof und Ludwigskirche, jedenfalls im Umfeld der Eisenbahnstraße. Nur eine Kneipe  in den Nebengassen hat noch überlebt: Das Bistro Kohlwaag auf der anderen Saarseite. Ansonsten finden sich in diesem Teil von Alt-Saarbrücken nur Restaurants, Eiscafés, Döner-Imbisse oder hippe Neu-Kreationen wie das „Fredrik“ oder das „Café Pikant“.

Gutenbergstube_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Gutenbergstube_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Gutenbergstube_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Gutenbergstube_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Gutenbergstube_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Gutenbergstube_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Ich hatte 20 Minuten, ehe mein Bus kam, also ab hinein in dieses Lokal, das mir im Oktober erstmals bewusst ins Blickfeld geraten war. Es war offenbar eine Weile geschlossen und hatte damals gerade wieder eröffnet. Ob mit Pächterwechsel oder nur nach einem längeren Urlaub und ob saniert oder nicht, muss ich noch herausfinden. Die Inhaberin trägt jedenfalls einen sehr schönen Namen: Ilinka Saar. Die wohl aus dem Balkan stammende Frau mit burschikosem Kurzhaarschnitt in den Fünfzigern hat grad – gegen 18.30 Uhr – nur einen deutlich älteren Gast an der Theke. Sie bedient dessen Gesprächsbedürfnis nett und ungezwungen, tritt dennoch immer wieder aus ihrem Geviert, um zu einem der beiden Spielautomaten zu gehen und auch ihm zu geben, was er braucht: neue Münzen.

Gutenbergstube_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

  Gutenbergstube_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Mir gefielen die Spiegelungen des Schriftzugs und ich spielte ein wenig damit, bis der Espresso kam.

Gutenbergstube_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Gutenbergstube_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Gutenbergstube_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Gutenbergstube_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Gutenbergstube_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

In einem Standardwerk zur saarländischen Küche wird das wohl in der Wiederaufbauphase nach dem Zeiten Weltkrieg entstandene Lokal deswegen erwähnt, weil es von 1964-66 von Fritz und Maria Dilger, einem bekannten Paar der hiesigen gehobenen Gastronomieszene, geführt worden ist. Dilger, der später von 1966-78 die Küche des Bayrischen Hofs führte, kochte hier deutsch, bediente aber auch französischen Geschmack. Das war das Besondere des saarländischen Geschmacks der 1950er- und 60er-Jahre: „Einerseits liebten viele Saarländer die französische Küche, andererseits wollten aber nicht alle ‚französisch‘ essen“, hat Hans-Christian Herrmann analysiert. „Die Gastronomie musste also zwei Geschmäcker bedienen“. Man bot typisch deutsches wie Tafelspitz, Schnitzel und Königsberger Klöpse sowie französische Spezialitäten wie Zwiebelsuppe, Bouillabaisse und Muscheln.

In den damaligen Stuben waren große Fleischgerichte wie die „Gutenbergplatte“ mit drei Sorten Filet von Schwein, Rind und Kalb mit üppiger Gemüsegarnitur für deftige 28 DM sehr gefragt. Gegessen wird hier heute nicht mehr. Dafür wirkt es auch zu klein, hat eher Eckkneipencharakter. Wenngleich es neben der Theke vier bis fünf abgetrennte, leicht erhöhte separate Bereiche gibt, in denen man gut essen könnte.

Dafür wird ein halbes Jahrhundert nach Fritz Dilger von Montag bis Samstag von 14 bis 1 Uhr umso variantenreicher getrunken: Die Karte bietet neben Kaffee, Tee und exklusiv Karlsberg-Bier in sieben Varianten (was Ilinka Saar nicht davon abhielt, weiterhin alte Bierdeckel der Konkurrenz von Beckers Bier zu verwenden und die Getränkekarte in einem Halter von „Bitburger“ zu platzieren) 35 Spirituosen von Asbach über Malteser bis Tequila (zum Preis von 1,80 bis 2,50 Euro), sowie zehn Longdrinks (von Aperol bis Wodka mit Orangensaft) für 2,50 bis 3,50 Euro an.

Adresse: Eisenbahnstraße 56, 66117 Saarbrücken

Verwendete Quelle: Herrmann, Hans-Christian: Über das Verwischen von Grenzen oder Die Kultursynthese im Kochtopf, in: Herrmann, Hans-Christian (Hg.): Saarbrücken à la Carte. Die Geschichte der Genussregion Saarland, Saarbrücken 2012, S. 98f

Gutenbergstube_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

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