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Zum Krokodil_Gersweiler

Januar 31, 2020

Ich war hier letzten Oktober schon einmal vorbei gefahren und habe mich gefragt, was sich hinter dieser deutlich herunter gekommenen Fassade verbirgt: Eine namenlose Kneipe? Da hing nur ein großes, älteres Schild „Bitburger Pils“, das nicht mehr dem Corporate Design der sich längst bundesweit und international positionierenden Brauerei entspricht.

Zum Krokodil_Gersweiler © Ekkehart Schmidt

Zum Krokodil_Gersweiler © Ekkehart Schmidt

In den Fenstern einige Schilder und Deko-Gegenstände, die zeigten, dass es sich nicht um eine tote Gaststätte handelt. Heute war offen und ich bin rein – entdeckte ein echtes Unikum.

Zum Krokodil_Gersweiler © Ekkehart Schmidt

Ich betrat einen Getränkehandel in einer ehemaligen Gastwirtschaft. Der Inhaber, Herr Brust („Brust, wie Busen“), Mitte bis Ende 50, graue Haare und langer graumelierter Bart, erzählte mir gerne alles zur Geschichte des Hauses, was er wusste – oder besser gesagt, was mir an Fragen einfiel. Seit 1963 sei das Haus im Besitz der Familie. Hier befand sich die Gaststätte „Zum Krokodil“ (oder einfach „Kroko“). Das Schild über dem rechten Fenster habe er aber entfernt. Ganz oben am Haus, unter dem Dach mit vier Gauben, habe „Deutsches Haus“ gestanden. Aber das sei lange her. Vorher sei das Lokal eine Kino-Wirtschaft gewesen (später las ich, dass das Kino seit 6o Jahren zu ist). Die Tür linkerhand des Eingangs, wo er heute Getränkekisten stapelt, führte hinter das Haus zum „Krokodil“ genannten Kino. Den Kinosaal könne man noch sehen, wenn man hinter das Haus gehe. Es sei jedoch nicht im Besitz der Brusts.

Zum Krokodil_Gersweiler © Ekkehart Schmidt

Zum Krokodil_Gersweiler © Ekkehart Schmidt

Die Möblierung des Lokals sei noch original, erzählte er, inklusive der – je nach Blickwinkel – golden oder silbern blinkenden Decke aus Aluminiumfolie. Seit wann die Gastwirtschaft geschlossen ist, konnte er mir nicht sagen, „sicher seit 10, 15 Jahren“. Und woher stammt der Name? Ei von dem ausgestopften Krokodil über der ehemaligen Theke. Es sei „gut durchgeräuchert“. Beeindruckend, wenn es mit einer Länge von vielleicht 1,20 m aber eher ein Alligator ist.

Zum Krokodil_Gersweiler © Ekkehart Schmidt

Zum Krokodil_Gersweiler © Ekkehart Schmidt

Zum Krokodil_Gersweiler © Ekkehart Schmidt

Wir unterhalten uns eine Weile über das Kneipensterben und inwieweit es mit dem Rauchverbot zu tun hat. Alleine hier in der Hauptstraße habe ich mehrere ehemalige Lokale gefunden, von unten nach oben: „Cuisine“ (oder „Bei der Dutzeit“), das „Café Scholtes“ (heute ein Kebab-Imbiss), das „Gasthaus Schuler“ (heute CDU-Büro), die „Gaststätte Dierstein“ (heute ein Zahnlabor) und die „Ratsschenke“ gegenüber des Alten Rathauses

Damals liefen die Stahlarbeiter vor und nach der Arbeit in der Burbacher Hütte auf der anderen Saarseite die Hauptstraße hoch nach Gersweiler, kehrten in „ihrer“ Stammkneipe ein und tranken ein oder zwei oder drei Bier, ehe es nach Hause ging. Das sei lange her, sagt er etwas traurig. Aber so sei der Gang der Dinge. Ein Kneipier habe für 10.000 DM oder Euro ein Raucherzimmer eingerichtet. Und dann kam das totale Rauchverbot. Stattdessen habe oben ein Shishalokal aufgemacht. Ob das Rauchverbot nicht auch eine Ausrede für fehlende Anpassungen an die Kundenwünsche sei, frage ich. Vielleicht. Aber naja: Es fehle natürlich auch an Geld für Sanierungen.

Es scheint ein halbes Dutzend Getränkemärkte in Gersweiler zu geben, etwas weiter oben liegt der Abholmarkt „Marotte“ – der anders als Herr Brust auch per deutlich sichtbarem Schild wirbt. Aber die Hauptkonkurrenz sei natürlich der Aldi unten. Die könnten durch höhere Mengen viel günstigere Preise anbieten, Aber er lebe (wohl mehr recht als schlecht und nur, weil keine Miete zu zahlen ist ) von Stammkunden. Sein Laden ist auch deutlich origineller und ein Einkauf – sicher mit nettem Gespräch – zudem viel persönlicher. Er liefere außerdem auch außer Haus, was einen Gutteil seines Geschäfts ausmache.

Leider vergaß ich, ihn nach dem gleichnamigen Lokal in Dudweiler zu fragen, das offenbar geschlossen ist. Krokodile im Saarland…

Nachtrag vom 19. Februar: Es geht nichts über eine gut sortierte Regalreihe „Landeskunde“ in der Stadtbücherei… Dort fand ich heute eine Bestandsaufnahme der Denkmalschutzbehörde, in der das Haus nach allen Regeln der Kunst beschrieben wird. Zwei Fotos von 1996 zeigen den Zustand von vorne (fast wie heute) und hinten (rückwärtiger Giebel des Kinosaals):

Krokodil_Gersweiler 1996

ehem Kino Krodkodil_Gersweiler 1996

Die spannendste Erkenntnis: Der Kinosaal war früher ein Tanzsaal. Wann das Haus erbaut wurde, war nicht aktenkundig – wohl aber der Anbau einer Halle als Tanzsaal an der Rückfront des damals von Ernst Maurer betriebenen Gasthauses unbekannten Namens: 1906. Er verkaufte das Haus 1921 an die Gemeinde. Von November 1932 bis Februar 1933 wurde es von der „Vereinigte Saarländische Lichtspiele“ umgebaut. Ab 1933 besaß Hans Bliesmeister das Haus und war zugleich Kinodirektor. Er baute die Fassade um, 1953 auch den Eingangsbereich zum Kino linkerhand – ehe dieses 1960 für immer seine Tore schloss.

Aus dem Detailreichtum der Beschreibung des Äußeren (das Innere der Kneipe wurde völlig ignoriert) habe ich mir die der beiden Türen abgeschrieben: „linke Tür (2 Drehflügel) als Liefereingang, mit Stichbogen geschlossen, kassetiert, mit alten Beschlägen, mit davor liegender Rampe; Eingangstür zurückgesetzte, zweiflügelige Holztür mit kleinteiliger Verglasung, eingerahmt mit zwei Lisenen, davor einläufige Treppe (5 Stufen).“ Schade, dass – wie so oft – eine Gastwirtschaft nicht wirklich ernsthaft eines Blickes gewürdigt wurde. Als wäre es kein Kulturdenkmal.

Adresse: Hauptstraße 66, 66128 Saarbrücken-Gersweiler, Tel.: 0681-702385

Verwendete Quelle: Landeshauptstadt Saarbrücken. Baudezernat/ Denkmalpflege (Hg.): Gersweiler. Siedlungsentwicklung und Historische Bausubstanz, Texte und Fotos von Gert Körner und Gregor Scherf, Saarbrücken 1996, S. 108-09

Zum Krokodil_Gersweiler © Ekkehart Schmidt

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