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Zum Bohnsdorfer Eck_Bohnsdorf

Januar 30, 2020

21 Uhr an der S-Bahn-Station Grünbergallee in Alt-Glienicke im äußersten Süden Berlins – und weder ein Kiosk, noch ein Automat. Ich brauchte noch Zigaretten. Und mein altbackenes Hotel im kleinen Dorf Bohnsdorf nahe der schon sehr ländlichen Grenze nach Brandenburg, einen Kilometer entfernt, würde sicher keine haben. Ach Shit: Hätte ich das doch nicht vergessen, eine Dreiviertelstunde vorher in Schönefeld… An dieser letzten Station vor dem Flughafen Schönefeld, ganz am Südrand des Bezirks Treptow-Köpenick und nahe der Autobahn nach Dresden, gab es keinerlei Geschäfte – nur ein Flughafenhotel und riesige  Baumärkte. Da in der Innenstadt kein Platz mehr sei, würden sie sich jetzt so weit außerhalb, buchstäblich auf der grünen Wiese, ansiedeln. Ein kleines Alltagsdrama für mich Raucher.

OK, ich hatte mich in mein Schicksal zu fügen und konnte nur noch (sehr unrealistisch) auf mein Glück hoffen. Und bei Pech die letzten sechs streng rationieren. Ich ging also zum Abzweig in Richtung altem Dorfkern, der heute völlig überprägt in einem kleinen Winkel zwischen Autobahn, Schnellstraße „Am Seegraben“ und Flughafen liegt. Und da: Licht! Eine Gaststätte! Die Rettung!

Zum Bohnsdorfer Eck_Bohnsdorf © Ekkehart Schmidt

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Ich wurde freundlich begrüßt, aber einen Zigarettenautomaten hatten sie nicht. Wenn ich 7 Euro klein hätte, könnten sie mir aber helfen, sagte der junge Kellner. Hatte ich nicht. Also bestellte und bezahlte ich mit einem 20-Euro-Schein einen Espresso. für das Kleingeld, aber auch: Warum nicht mich hier kurz setzen? Das Lokal wirkte sehr authentisch und altdeutsch. Ein schönes Objekt für meine Kneipendokuserie. „Marlboro, Lucky Strike oder LM?“ – „Luckies oder LM, haben Sie auch Light?“ – „Ich schaue mal“. Er ging und ich konnte ungestört fotografieren.

Zum Bohnsdorfer Eck_Bohnsdorf © Ekkehart Schmidt

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Im zweiten Raum, rechts der Theke, wurde gerade ein Geburtstag gefeiert, von dem ich nur die Mikro-Ansagen des engagierten Musikers (oder war es der Haus-DJ?) mitbekam: „Wir setzen unsere Reise fort und kommen jetzt nach Tschechien. Ich kann mich nicht entscheiden zwischen der ‚Biene Maja‘ und ‚Babicka‘. Die Biene Maja ist ja eher etwas für diejenigen, die sich  ihr kindliches Gemüt bewahrt haben…“ Es dauerte eine Weile, bis sich die Gesellschaft für eins der Lieder von Karel Gott entschieden. Dann spielte er Babitschka (nicht zu verwechseln mit Babuschka von Kate Bush) und es wurde halbherzig mitgesungen.

Ich interpretierte das so, dass ehemalige „Ostler“ feiern und nostalgisch ihre Lieder singen – später kam das eher westdeutsche „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens. Der Alleinunterhalter spielte sich wohl von der DDR über Polen und Russland durch den ehemaligen Ostblock südwärts ans Mittelmeer.

Und bekam ein Gefühl dafür, dass hier eine sehr eigene Identität bewahrt worden ist: Die Dorfkirche von Bohnsdorf ist nicht zufällig das dominante Element von Visiten- und Speisekarte, sowie der Internetpräsenz. Dazu hingen einige alte Fotos an der Wand, die die Situation vor dem Bau der Autobahn und des Flughafens zeigen. Hier war schon die Mark Brandenburg und Berlin war 1928 weit weg.

Zum Bohnsdorfer Eck_Bohnsdorf © Ekkehart Schmidt

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Nur von der hier gelebten Gemütlichkeit bekam ich nichts mit, weil ich wegen der Geburtstagsfeier im anderen Raum hier alleine blieb.

Zum Bohnsdorfer Eck_Bohnsdorf © Ekkehart Schmidt

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Der Espresso kostete überraschend stattliche 2,30 Euro. Die Karte hatte englische Untertitel, weil jetzt öfters Gäste aus einem nahen Flughafen-Hotel kommen, wo es keine Restauration gibt und „die auch mal etwas echt deutsches sehen wollen“. Deftiges, aber auch Apfelstrudel mit 1 Kugel Vanilleeis für 5 Euro oder Kaiserschmarrn mit Vanillesauce für 4,50 Euro. der junge Mann mit Nackentattoo, vielleicht der Sohn der Inhaberin Karola Zobel, erzählte, dass das hier ursprünglich in den 1980er-Jahren als „Eisenbahnerhaus“ aus Massivbeton entstanden sei, als hier noch ein Stellwerk gebaut werden sollte, was sich dann aber zerschlagen habe. Dann habe man eine Gaststätte daraus gemacht und diese schrittweise ausgebaut. Man überlebt irgendwie, auch mit einem Catering-Angebot und hofft auf die Flughafen-Eröffnung nach Lösung der Dübel-Problematik

Zum Bohnsdorfer Eck_Bohnsdorf © Ekkehart Schmidt

Die – wegen des Geburtstags – zugeparkte Allee des Schwarzweißfotos ging ich dann hinunter in Richtung Kirche und „Hotel Plovdiv“. Bohnsdorf ist ein slawisch-deutscher Mischname und bezeichnet nicht etwa einen Ort, an dem besonders viele Bohnen angepflanzt wurden und werden, sondern ein Dorf, das von einem Mann namens Bon gegründet wurde. Immer noch ein echtes Idyll.

Zum Bohnsdorfer Eck_Bohnsdorf © Ekkehart Schmidt

Ich konnte am nächsten Morgen eine Stunde herumlaufen, ehe ich auf dem Weg zum ICE nach Saarbrücken wieder am „Bohnsdorfer Eck“ vorbei kam, das aber erst 11.30 Uhr wieder öffnet.

Zum Bohnsdorfer Eck_Bohnsdorf © Ekkehart Schmidt

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Adresse: Grünbergallee 101, 12526 Berlin, Tel.: 030-6763464, info@zum-bohnsdorfer-eck.de, Homepage

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From → Gaststätten, Reisen

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