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Le Week-End_Étretat

Januar 14, 2020

Die ur-französische Konzeption einer „Bar-Tabac“ gibt es in Deutschland nicht – also eines Lokals, das je nach Tageszeit halb Café, halb Kneipe und halb Bar ist, das vor allem aber ganztags Zigaretten, Zeitungen und Zeitschriften, Briefmarken, Kaugummis und andere Süssigkeiten anbietet. In Deutschland erfüllen Kioske und Trinkhallen eine vergleichbare Funktion, aber ohne Sitzgelegenheiten. Und ohne Wett- und andere Glücksspielmöglichkeiten (vor allem Pferderennen), die bei einer richtigen Bar Tabac so sehr dazu gehören, dass die einschlägigen Kürzel „PMU“ oder „Loto“ (für Lotto-Toto) auch außen angezeigt werden.

Mir ist diese Art Lokale im September 1981 erstmals begegnet, als ich ein Auslandsschuljahr am Lycée International de Saint Germain-en-Laye nahe Paris begann. Am dritten Schultag schrieb ich in mein Tagebuch: „Ich esse übrigens nicht in der Kantine, sondern bei Mario, der eine Fritten- und Sandwichbude hat. Es ist sauteuer – 4,50 Franc für ein Sandwich.“

Nach diesem Imbisswagen neben der Schule entdeckte ich wenig später mit Anne-Kathrin und Anna  „La Forêt“ und hatte in dieser Ganztagsschulzeit mein Stammlokal für die Mittagspause und Freistunden gefunden. Zu Kaffee und Sandwich habe ich dort Mathe abgeschrieben oder Ulrich Plenzdorf gelesen, öfters „Paris-Match“, „L’Express“, „France Soir“, „Le Monde“ oder Fußballzeitschriften wie „L’Equipe“ oder „Onze“ gekauft – im November 1981 ging es darum, wie geschickt Platini per Freistoß das entscheidende Tor zur WM-Quali gegen Holland geschossen hat. Da machte Französisch lesen ganz anders Spaß!

Der Kaffee kostete 2 oder 3 Franc. Meine Ausgaben notierte ich peinlich genau im Tagebuch. Ich hatte zu haushalten. Die Ausgaben für die dort gekauften Zigaretten der Marke „Royale Bleu“ verschwieg ich, weil ich meine Ausgabenliste vielleicht hätte den Eltern vorlegen müssen.

Die Bar Tabac war mein Refugium in Zeiten, in denen ich wirklich hart und ununterbrochen zu büffeln hatte. An dort geknüpfte Kontakte kann ich mich nicht erinnern, aber hier fühlte ich mich wohl: Abgesehen von den Ausflügen nach Paris (anfangs nur am Wochenende, später oft auch abends) war dies hier in der Banlieue der einzige Ort außerhalb des Hauses meiner Gasteltern, dem Haus meiner Freundin und der Schule, in dem ich regelmäßig war. Hier war ich in Ruhe für mich, ohne Pflichten.

Mitte Dezember 2019 hatte ich bei einem Besuch der Küstenstadt Étretat in der Normandie bei einer Bar Tabac Loto namens „Le Week-End“ ein „Déjà vu“, durch das ich angeregt wurde, mich fast 40 Jahre zurück in diese Zeit zu versetzen. Wir waren erst an die Uferpromenade gefahren und erlebten extrem stürmisches Wetter.

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Die Gewalt der Sturmböen war so stark, dass wir wirklich nicht wussten, wie gefährlich es sein würde, vom Parkplatz (auf dem viel herüber gewehter Sand und große Kieselsteine lagen) über die (gesperrte) Promenade zum berühmten Felsen zu laufen, der an einen Elefantenrüssel erinnert.

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Aber wir trauten uns durch die Brandung und auf steilen Wegen hoch. Oben wurde klar, dass die Gewalt des Meeres tatsächlich jährlich an manchen Stellen einen halben Meter oder mehr der Küste abzutragen in der Lage ist. Wie verwundbar der Ort wirkte!

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Mit nassen Füßen und ordentlich durchgefroren kamen wir in die Kleinstadt zurück und suchten einen Ort zum Aufwärmen mit Kaffee und kleinem Speisenangebot. Die vielen Touri-Restaurants kamen nicht wirklich in Frage. So holten wir uns in einer Bäckerei aufgewärmte Flammkuchen-Viertel und zwei Sorten Quiche, aßen sie am zentralen Platz an der Durchgangsstraße und fanden dann mit dem „Week-End“ ein warmes Lokal für ein Getränk, in dem außerhalb der Saison ein wenig echtes Leben spürbar wurde.

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Zigaretten kosten in Frankreich viel mehr als in Deutschland. Eine Schachtel à 20 kostet 7 bis 8 Euro. Grund dafür sind bewusst abschreckend viel höhere Steuern auf Tabakwaren als in Deutschland oder Luxemburg. Man kann sie nur in Tabakwaren-Geschäften kaufen, Automaten gibt es nicht. Und das Rauchen im Lokal ist seit 2008 verboten.

Die Tabakhändler erkennt man am charakteristischen roten Schild, dass seit 1906 obligatorisch über dem Eingang zu hängen hat und den schönen Namen „Carotte“ trägt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Tabak nur in Blattform verkauft. Die Blätter waren in Form einer Karotte zusammengeschnürt. Das Symbol hat sich im vergangenen Jahrhundert entwickelt, es ist nicht mehr zwingend rot, muss aber leuchten.

„Mais alors, d’où vient la forme et le nom de cette enseigne ?“ Form und Name des Symbols stammen aus dem 16. Jahrhundert. Damals wurde Tabak in Blättern verkauft, die man kaute oder rauchte. Die Blätter bekam man nicht im Paket, sondern in kleinen gebundenen Rollen, deren Form an Karotten erinnerten.

Die Internetseite France bleue beantwortet die Frage: „De plus, pour consommer ces rouleaux de tabac, le fumeur (ou le mâcheur) devait le râper , comme une carotte ! Depuis, l’usage du tabac, désormais tassé dans des cigares ou des cigarettes, a changé, mais le symbole de la carotte est resté.“ Das Zeichen ist eine Art französisches Kulturerbe geworden. Man sieht es im kleinsten Dorf. Nur hier gibt es Zigratette, auch nicht in anderen Kneipen (höchstens spät abends unter der Ladentheke) und auch nicht in Supermärkten oder kleinen Geschäften (auch nicht „chez l’Arabe“). Typisch sind auch die verschiebbaren Rollläden vor dem Eingang.

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Drinnen war es warm und nett. Man bekommt hier ab 7.30 Uhr ein Petit Dejeuner für 7 Euro und viele Varianten „Croque Monsieur“, wie ich es aus Paris kannte. Aber wir hatten ja schon gegessen. Also nur Espresso und Orangina.

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Das Lokal war außen und innen sehr rot gestaltet und erinnerte mich an britische Bars. Es war zudem weihnachtlich dekoriert.

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Und es gab einen Hinterausgang zum Parkplatz mit Flipper.

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Neben dieser „Bar Tabac Loto“ gibt es in Étretat noch ein zweites solches Lokal: die Bar Tabac PMU „Le Maupassant“. Alle anderen Gaststätten sind touristisch. Wir bekamen hier aber auch kaum Kontakt. An der Theke beim asiatischstämmigen Kellner stand ein Päarchen und man klönte. Wir blieben nicht lange, es war auch vor allem mein Wunsch, ein für meinen Blog interessantes Lokal zu besuchen…, nicht der meines 22jährigen Sohnes, der jetzt die Steilküste auf der anderen Seite sehen und erobern wollte…

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

Da man in Bars und Restaurants nicht mehr rauchen kann, hat sich übrigens seit einiger Zeit in Paris ein neuer Trend entwickelt: Smirting. Der Begriff setzt sich aus den Wörtern „Smoking“ und „Flirting“ zusammen. Man nutzt die Raucherpause, um vor der Tür Personen des anderen Geschlechts anzusprechen und kennen zu lernen. „Tu aurais du feu, s’il te plaît?“ („Hättest du bitte mal Feuer?“). Aber das war für uns in diesem Moment irrelevant. Und auch für mich in der Erinnerung an meine Pariser Schulzeit.

Egal wie: Eine Bar-Tabac ist damals wie heute ein Ort der Begegnung mit der lokalen Bevölkerung. Ne le manquez pas, n’importe ou en France! Nur in Lothringen, vor allem in Grenznähe zu Luxemburg wird man sie umsonst suchen: Die Niedrigpreise für Zigaretten in Luxemburg, bzw. der Import und Verkauf unter der Hand von Stangen für 48 statt 70 Euro haben ihnen hier den Garaus gemacht.

Adresse: 8 Rue Abbé Cochet, 76790 Étretat/ Frankreich, Tel.: +33 2 35 27 00 67

Le Week-End_Étretat © Ekkehart Schmidt

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