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Mein Viertel Saarhundert

Januar 10, 2020

Eingeladen zum Neujahrsempfang der Landesregierung heute 18 Uhr, stellte ich kürzlich überrascht fest, dass dem eine Feier zu 100 Jahren Saarland voran gehen würde. Als „Saarhundert“ passend angekündigt – Bezug nehmend auf das erste offizielle Erscheinen der (territorialen) Spezies „Saarländer*in“ bei der Unterzeichnung des Versailler Vertrags am 10. Januar 1920. Ok, nehme ich das also heute noch mit, dachte ich mir, als ich 17.58 per Regionalbahn von einer Kneipenerkundungstour vom „Kumpel“ in Luisenthal zurück nach Saarbrücken kam.

18.05 waren in der Congresshalle allerdings „the doors closed“. Mist. Ich wollte schon gehen, als eine mir irgendwie bekannte prominente Schnauzbartperson mit einem Dutzend Begleitern in schwarzgrau schimmernden Anzügen ebenfalls verspätet herankam. Ich konnte mich dranhängen und setzte mich auf die Pressetribüne. So verpasste ich mit Glück und Chuzpe nicht meinen eigenen historischen Moment.

Mein Viertel Saarhundert © Ekkehart Schmidt

Mein Viertel Saarhundert © Ekkehart Schmidt

Mein Viertel Saarhundert © Ekkehart Schmidt

Ministerpräsident Tobias Hans verdeutlichte, was es heißt, Saarländer zu sein: Ein halbes Dutzend Machtwechsel und territoriale Änderungen, immer mit einem schwierigen ökonomischen Strukturwandel verbunden. Dadurch sei im Land ein besonderer Zusammenhalt und Pragmatismus entstanden, mit je neuen Herrschaften umzugehen. Daraus eine tiefe Gelassenheit ziehend, weil man es immer geschafft hat, sich umzustellen. Die Freude am Leben, am Hier und Jetzt ist wichtig – denn wer weiß, was kommt? Glück auf!

Dann betonte Außenminister Heiko Maas, dass das Saarland jahrzehntelang ein Fall für die internationale Diplomatie war, erwähnte, dass er im ehemaligen SED-Politbüro da sitze, wo vorher der Saarländer Erich Honecker saß (er werde aber wohl nicht so lange bleiben) und erzählte von seiner Oma, die ihr Leben lang im Haus lebte, in dem sie geboren worden ist. Sie hätte in dieser Zeit fünf verschiedene Pässe haben können.

Mein Viertel Saarhundert © Ekkehart Schmidt

Man habe auf die äußere Zugehörigkeit nie so viel geben können, daher habe sich der/ die Saarländer*in nach innen gewandt. Und seinen Pragmatismus entwickelt: Besser die Kräfte bündeln, sich unter den Mitmenschen zusammen tun, mit Mut trotz bestehender Barrieren Neues ausprobieren.

Ja, das ist hier wirklich ein „Schicksalsraum von Krisen und Konflikten“, wie es in der folgenden, sehr guten Rede „Der lange Schatten des überforderten Friedens“ von Prof. Dr. Jörn Leonhard zur historischen Einordnung der Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrags aus heutiger Perspektive hieß.

Und mir wurde plötzlich klar, dass ich vor fast genau auf den Tag 25 Jahren aus Köln kommend hier beim isoplan-Institut meine erste Stelle angetreten habe. Und dachte, dass ich spätestens nach 2 – 3 Jahren wieder gehen würde, hin zu scheinbar spannenderen Orten. Und merke, dass ich hier im Zentrum Europas jetzt – auch durch meine drei saarländischen Jungs von 22, 6 und 4 Jahren – nicht zufällig doch geblieben und schleichend zum Saarländer geworden bin. Sondern dass ich mich wohl irgendwie dafür entschieden habe. Und jetzt ist dies meine Heimat. Punkt.

Abschließend spielte nochmal das Staatsorchester des Saarlandes, das schon vor und zwischen den Redebeiträgen durchaus zur Geschichte passend dissonante und disruptive Stücke präsentiert hatte. Diesmal mit einer coolen Überraschung: Neben dem Dirigenten stand plötzlich Thomas Blug, einer der wohl besten deutschen  Gitarristen (No 1) auf der Bühne. Und dann ging es ordentlich ab: Beethovens heutige Europahymne „Freude schöner Götterfunken“ gemeinsam mit dem klassischen Orchester als wirklich auch emotional spürbarer Höhepunkt des Abends. Eine symbolisch zukunftsweisende – weil die traditionell staatstragende Theatralik überwindende – Inszenierung.

Mein Viertel Saarhundert © Ekkehart Schmidt

Mein Viertel Saarhundert © Ekkehart Schmidt

Sehr schade nur, dass der Saarländer Hermann Rarebell, von 1977 – 95 Schlagzeuger der „Scorpions„, weit hinten sitzend, unbeleuchtet und insofern für die meisten Zuschauer unbeachtet blieb. Stattdessen wunderten sich Kenner von Thomas Blugs früheren Auftritten nur, dass er so brav gekämmt und ordentlich gestriegelt erschien. Vielleicht hätte da noch Niccole als Sängerin hineingepasst. Aber den Gedanken hat man dann vielleicht doch als zu zurückgewandt erachtet, obwohl „ein bisschen Frieden“ gut gepasst hätte. Jedenfalls war ich stolz, dass wir neben Bundespolitikern noch anderes zu bieten haben…

Mein Viertel Saarhundert © Ekkehart Schmidt

Ergänzend zu diesem 25-Jahre-Zufall kommt, dass ich genau 25 Jahre nach Ausbruch des 2. Weltkriegs geboren wurde. Was mir das sagt? Es lohnt, das eigene Leben in einem historischen Kontext zu sehen – der einen stärker beeinflusst, als man denkt.

Mehr zur Veranstaltung: SR: Das Saarland feiert.

Mein Viertel Saarhundert © Ekkehart Schmidt

From → Heim Art, SaarLorLux

2 Kommentare
  1. Gibt’s denn wirklich ein saarland Staatsorchestet? Oder heißt das nicht philharmonisches Orchester Saarbrücken – Kaiserslautern? Das, kleine feine Saarland verwirrt mich…

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