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Brasserie La Baraka_Le Havre

Januar 9, 2020

Seit es Google Maps und Booking.com gibt, hat sich mein Reiseverhalten grundsätzlich verändert. Jedenfalls meine Vorbereitung, weil ich unterwegs nicht online bin: Ich schaue zumindest seit einem Jahrzehnt vorab, was es vor Ort an Hotels und Lokalen gibt, entscheide mich meist  bindend, wo ich übernachte – auch abhängig von einer Recherche über die Attraktivität der Umgebung des Hotels. Etwa seit 2012 ist das wichtiger geworden, als das Wälzen von gedruckten Reiseführern, so gut sie auch sein mögen. Das liegt an meinem Interesse, Interessantes für diesen Blog zu finden, aber auch an einem stärkeren Sicherheitsbedürfnis und einem höheren verfügbaren Reisebudget.

In den 30 Jahren davor, in denen ich auch schon auf eigene Faust gereist bin, habe ich vorab nur die Route geplant – entsprechend kultureller und anderer Sehenswürdigkeiten. Jedenfalls grob. Als Tramper, Radler und Zugfahrer wusste ich bis in die späten 1990er-Jahre nie vorab, wo ich übernachten würde – und es hat sich immer etwas ergeben. Aus finanziellen und tramptechnischen Gründen selten eine Pension oder ein Hotel, sondern eher eine Jugendherberge oder ein Platz für den Schlafsack. Egal, ob in Schottland, Jugoslawien, Frankreich, Spanien, der Türkei, in Syrien, Jordanien, Ägypten, Marokko oder dem Iran.

Ich habe auch deshalb nie vorab gebucht, weil ich außerhalb Deutschlands bis zum Bürgerkrieg in Jugoslawien ab 1992 keinen Flieger von A nach B nahm, der zu festgesetzter Zeit ankam, sondern noch das Abenteuer echten Reisens lebte. Erst bei Dienstreisen für isoplan ab 1994 in die Türkei oder nach Bosnien begann ich zumindest die erste Nacht vorab zu reservieren.

Die neuen Möglichkeiten sind faszinierend. Aber sie reduzieren stark die Spontatität und das Erleben der Situation, morgens nicht zu wissen, wo man abends schläft. Bewusst wurde mir das Mitte Dezember beim Trip nach Le Havre mit meinem ältesten Sohn, der wegen des SNCF-Streiks per Auto umzusetzen war. Ursprünglich hatte ich mir vorgestellt, nach der Ankunft per Zug in der Brasserie La Baraka in Bahnhofsnähe zu essen, ehe wir ein wenig die Stadt erkunden würden. Sie schien mir auf Google Maps die originellste Wahl auf dem Weg zu sein. Jetzt lief die Route anders, an der normannischen Hafenstadt vorbei. Aber dann habe ich bei unserem späteren Ausflug dorthin einfach doch das Geplante umgesetzt: Das Auto am Bahnhof geparkt, zwei tote Bars entdeckt (das St Augustin und die Navy Bar) und ab zum „La Baraka“.

Brasserie La Baraka_Le Havre © Ekkehart Schmidt

Brasserie La Baraka_Le Havre © Ekkehart Schmidt

Brasserie La Baraka_Le Havre © Ekkehart Schmidt

Die Entscheidung war völlig richtig. Wir bekamen ein sehr gutes, reichliches und für 12 Euro auch preisgünstiges Couscous, kriegten eine erste Idee der Stadt und ihrer Bewohner, von denen viele aus dem Maghreb stammen, fühlten uns vor allem vom Kellner mit wohl marokkanischen Wurzeln schön empfangen und aufgenommen.

Brasserie La Baraka_Le Havre © Ekkehart Schmidt

Brasserie La Baraka_Le Havre © Ekkehart Schmidt

Brasserie La Baraka_Le Havre © Ekkehart Schmidt

Wir hatten nach dem hiesigen Fußballverein gefragt, nachdem wir am imposant in blau neu gestalteten Stadion vorbei gekommen waren und wissen wollten, ob er in der ersten Liga spielt. Nein et non. Sein vorher fröhlich-freundliches Gesicht verfinsterte sich für einen Moment. Le Havre AC (oder Le HAC) ist zwar vielleicht der älteste Club Frankreichs, spiele aber schon lange nur noch in der zweiten Liga. Die Ligue 1. – das sei schon ein Jahrzehnt her. Man sei immerhin zwei bis drei Mal Meister gewesen (Ende des 19. Jahrhunderts…).

Aber das Stadion sei doch ganz neu? Oui – wegen der Frauen-WM letzten Sommer. Oh. Wir spürten seinen Kummer und fanden doch noch einen Weg, seinen Stolz zu wecken –  Indem wir nach bekannten Spielern fragten und er zwei Weltstars nennen konnte, die hier zu Beginn ihrer Karriere gespielt haben: Paul Pogba (damals in der U19, 2018 Weltmeister und bei ManU) und Torhüter Dimitri Payet.

Und dann begann er aufzutischen…

Brasserie La Baraka_Le Havre © Ekkehart Schmidt

Brasserie La Baraka_Le Havre © Ekkehart Schmidt

Brasserie La Baraka_Le Havre © Ekkehart Schmidt

Erst ein Riesenteller Couscous, dann köstlich durchgekochtes Gemüse in einem Keramiktopf für eher drei denn zwei Personen, schließlich drei Schälchen mit Kichererbsen und scharfen Soßen – und zur Krönung je zwei Hähnchenspieße. Unmöglich, alles zu tilgen.

Zwischendurch füllte sich das Lokal etwas und unser Kellner war abgelenkt. Ich fand es noch interessant, dass mich die Inneneinrichtung in ihrem modernen Stil zwar an das „Café de France“ in Casablanca erinnerte, aber keinerlei Hinweise auf Marokko zu sehen waren. Auch nichts Folkloristisches. Stattdessen Charlie Chaplin.

Brasserie La Baraka_Le Havre © Ekkehart Schmidt

Brasserie La Baraka_Le Havre © Ekkehart Schmidt

Was ich nicht weiter erfragt habe: Über dem Restaurant befindet sich ein zugehöriges Hotel, in dem es Betten offiziell im Einzelzimmer ab 45 Euro, bei Buchungsportalen aber auch schon ab 26 Euro gibt – wenn ein Zimmer zu zweit oder zu dritt gebucht wird, vielleicht auch in Form eines Schlafsaals. Ob da vor allem Marokkaner übernachten? Und wann mag das Haus wohl entstanden sein? Vielleicht Mitte des 20. Jahrhunderts, aber sicherlich grunderneuert? Wie so oft hab ich nur einen kleinen Einblick bekommen.

Das Wort Baraka kenne ich aber von einer Radtour durch Marokko 1984: Laut Wikipedia bezeichnet es im Islam eine Art Segenskraft, die an eine bestimmte Person oder an bestimmte Dinge an einem Ort gebunden ist, von denen sie auf andere Menschen übertragen werden kann. Im islamischen Volksglauben können Gegenstände mit Baraka „aufgeladen“ werden, etwa indem man Tücher auf Heiligengräber legt.

Pappsatt sind wir jedenfalls weiter, tatsächlich befruchtet von der Segenskraft einer herzlichen Aufnahme in der Stadt. Wir sind analog der vom Michelin-Führer vorgeschlagenen Route zum Hafen, folgten der Uferpromenade an den Strand und sind dann spontan mit der Straßenbahn schwarz zum Bahnhof zurück gefahren. Mich machte dieses bisschen spontanes „Abenteuer“ dann doch so nervös, dass ich beim Aussteigen die Kamera liegen ließ – aber eine aufmerksame Frau rief mir das rechtzeitig zu. Baraka…

Adresse: 213 Boulevard de Strasbourg, 76600 Le Havre, France, Tel.: +33 2 35 25 15 15, Homepage

Brasserie La Baraka_Le Havre © Ekkehart Schmidt

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