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A yellow face in Luisenthal

Januar 5, 2020

Gelb ist nicht meine Lieblingsfarbe, es sei denn, Sonnenwärme scheint durch. Ich entdeckte ein solches Gelb heute am Bahnhof der Grubensiedlung Luisenthal, auf halbem Weg zwischen Saarbrücken und Völklingen. Der 1858 eröffnete Bahnhof zählt – neben dem von Friedrichsthal – zu den am stärksten verwahrlosesten Bahnhöfen des Saarlandes. Und durch die heute extrem niedrige Passagierfrequenz – nach Schliessung der Grube 1994 – auch zu bevorzugten Orten für Graffiti. Er strahlt vergangene Größe aus: eine Zeit, in der hier täglich Hundertschaften an Grubenarbeitern zur Arbeit an- und abfuhren.

A yellow face in Lusienthal © Ekkehart Schmidt

A yellow face in Lusienthal © Ekkehart Schmidt

A yellow face in Lusienthal © Ekkehart Schmidt

1962 machte der Ort bundesweit Schlagzeilen wegen eines Grubenunglücks: Bei einer Schlagwetterexplosion und mehreren Kohlenstaubexplosionen starben in der Grube 299 Bergleute. ein Denkmal hinter dem bahnhof erinnert daran.

Ein Graffiti auf der Rückseite des Backsteinbaus sprach mich besonders an: Ein fast bananenförmig überzogen gebogener gelber Kopf mit Stoppelhaarfrisur und Schnauzbart. Ein sehr ungewöhnliches (Selbst-)Porträt eines Mannes mit Migrationshintergrund, wie mir schien. Nachdenklich. Kein Rapper, aber perfekt passend in dieser Umgebung mit hohem türkischen Bevölkerungsanteil. Wenn auch ohne Bezug zur Historie. Oder ist es doch ein Sohn eines angeworbenen Grubenarbeiters, der sich fragt, wieso er hier geboren wurde? Wahrscheinlicher ist ein Bezug zur kleinen Moschee in der Theodor-Körner-Str. 4, direkt am Bahnhof, in dem die „AMGT – Avrupa Milli Görüs Teskilatlari“ ihren Sitz hat – eine vom Verfassungsschutz beobachtete türkisch-muslimische Organisation, die aber offenbar bislang nicht negativ durch Radikalität aufgefallen ist, sondern unter anderem mit dem Roten Kreuz zum Beispiel bei der durchführung von Schulungen zusammen arbeitet (siehe sol.de).

A yellow face in Lusienthal © Ekkehart Schmidt

A yellow face in Lusienthal © Ekkehart Schmidt

Eine simple und geniale Idee: Das Auge nicht auszumalen, sondern backsteinbraun zu lassen. Ein Kenner der hiesigen Graffitiszene meinte, diesen Stil und die Signatur „Frasz“(?) nicht zu kennen. Vielleicht war es doch eher ein Auswärtiger. Mit einem Erlebnis, wie ihm geschehen: Ohne Fahrkarte unterwegs nach Völklingen, erwischt werden, aussteigen müssen – und weil man sowieso Spraydosen dabei hat, einfach etwas malen, bis der nächste Zug kommt.

A yellow face in Luisenthal © Ekkehart Schmidt

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