Zum Inhalt springen

Le St Augustin Bar_Le Havre

Januar 1, 2020

Diesen „Fund“ hätte ich nie gemacht, wäre alles wie geplant gelaufen… Eigentlich wollte ich mit meinem ältesten Sohn per Zug einen kleinen Kurztrip in die Normandie machen, aber dann kam der große Streik dazwischen und wir beschlossen (wegen der nicht stornierbaren Buchung einer Ferienwohnung in Honfleur), einfach per Auto zu fahren.

„Einfach“ war das für ihn, nicht für mich, der ich so weit es geht auf Autofahrten verzichten will. Wir fuhren durch, kamen also nicht erst einmal am Bahnhof Le Havre an, um dort zu essen, einen ersten Eindruck der Hafenstadt zu bekommen und dann den Bus zu nehmen, wie ich das geplant hatte. Aber dadurch nahmen wir uns die Stadt als Ausflug vor und es war klar, als wir am 15. Dezember über die Seinemündung fuhren, dass wir einfach am Bahnhof parken und wie vorab überlegt von da die Stadt erkunden.

Le St Augustin Bar_Le Havre © Ekkehart Schmidt

Wir querten die Hauptstraße „Cour de la République“ vor dem Bahnhof und bogen auf Parkplatzsuche in die dahinterliegende kleine, unbelebte Parallelstraße Rue Haudry ein. Waow – da lag sie und ich mußte gleich rausspringen und schnell meinen ersten Fund dokumentieren: Eine versteckt liegende Bahnhofs- oder Hafenkneipe? Jedenfalls wie aus dem Bilderbuch, archetypisch abgewetzt – aber offenbar schon seit längerem geschlossen.

Le St Augustin Bar_Le Havre © Ekkehart Schmidt

Le St Augustin Bar_Le Havre © Ekkehart Schmidt

Le St Augustin Bar_Le Havre © Ekkehart Schmidt

Wann das „St Augustin“ wohl entstanden ist? Vielleicht schon vor dem zweiten Weltkrieg? Nach der alliierten Landung in der Normandie in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs war die Stadt mit ihrem Hafen eine Festung der deutschen Besatzungstruppen geblieben. Ihre Einnahme wurde Anfang September 1944 mit massiven englischen Bombardements vorbereitet. Dabei wurde die historische Bebauung fast vollständig – vom Meer landeinwärts bis wenige Straßenzüge von hier – zerstört.

Online finden sich keine Hinweise zur Bar. Nebenan fanden wir aber noch die ebenfalls geschlossene „Navy Bar„. So habe ich mich heute eine Weile mit der Frage beschäftigt, in welchem Kontext der Name und damit die Kundschaft der Bar wohl gestanden haben könnte: zivile oder militärische Matrosen, Hafenarbeiter oder Eisenbahner?

Gut 1 km stadtauswärts findet sich im Raffinerieviertel eine Kirche diesen Namens, aber nach der wurde sicherlich keine Bar benannt. Dann stolperte ich über die Zugverbindung von Le Havre nach Nice St-Augustin. Für die 844 km lange Strecke quer durch Frankreich braucht die SNCF neun Stunden. Es handelt sich nicht um den Hauptbahnhof von Nizza, sondern um den Bahnhof im gleichnamigen Stadtteil, direkt neben dem Flughafen. Vielleicht hatte die Strecke eine Bedeutung für Eisenbahner oder Hafenarbeiter wodurch sich „St Augustin“ als anziehender Name anbot?

Ach du lieber Augustin – es ist jedenfalls hin. Alles. Jeder Tag war ein Fest. Und jetzt? Was immer hier damals abging, unter zwielichtigen Gestalten oder müden Zugbegleiter*’innen. Und dennoch: Wenn die Ballade auch in Frankreich nicht bekannt zu sein scheint, so passt die historische Figur des Augustin insofern, als sie ein Inbegriff dafür ist, dass man mit Humor alles überstehen kann. Sogar, wenn man sturzbesoffen als vermeintliches Pestopfer bei lebendigem Leib begraben wird und schauen muss, wie man wieder aus der Gruft kommt.

Adresse: 9, rue Haudry, 76600 Le Havre/ Frankreich

Le St Augustin Bar_Le Havre © Ekkehart Schmidt

From → Gaststätten

Kommentar verfassen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: