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Größe vor dem Tod

Dezember 2, 2019

Strandhafer auf Borkum © Ekkehart Schmidt

Zwei Monate haben wir uns nicht gesehen. Vorgestern war die Beerdigung seiner Schwiegermutter. Einen Monat vor der Geburt seines ersten Kindes. Es sei sehr schön gewesen. Die Verstreuung der Asche über ihrem Geburtsort. Mich rührten die Umstände zu Tränen. Eine Entscheidung der dem Tode geweihten 54jährigen. Zwei Wochen vorher.

Unmittelbar nach dem 1. Advent und dem Konsum-Wahnsinn von Black Friday und Cyber-Monday möchte ich innehalten und euch einladen, von ihrer selbstlosen Entscheidung in einer bestimmten Konstellation zu hören. Es geht um Mutter- und Nächstenliebe, letzteres christlich aufgeladen.

Der Blogger gawwas reflektierte heute darüber in seinen „Adventsgedanken„: „Früher dachte ich, sie sei die Goldene Regel, heute denke ich anders. ‚Behandle andere so, wie du gern von Ihnen behandelt werden willst‘, gebietet die positive Form der Goldenen Regel; ‚was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem andern zu‘, die negative. Doch steckt in diesen Formeln das, was man Liebe nennt? Heißt aus Liebe zu handeln, den Geliebten Gutes zu tun, da man hofft Gutes zurück zu bekommen? Ich weiß es nicht, doch scheint es mir nicht richtig, es fühlt sich nicht richtig an.“

Nein. Tatsächlich darf Nächstenliebe – auch wenn man Immanuel Kants „kategorischen Imperativ“ statt der Bibel zitiert – nicht so interpretiert werden. Und das wird die Schwiegermutter auch nicht im Kalkül gehabt haben.

Ihr Körper war seit langem „voll Krebs“. Vor 11 Monaten sagten ihr die Ärzte, sie habe bestenfalls noch ein Jahr. Sie konnte damit umgehen, bis die Tochter schwanger wurde und der Wunsch entstand, wenigstens noch das erste Enkelkind erleben zu dürfen. Der Wunsch war sehr stark und hielt sie am Leben. Aber dann, einen Monat vor der Geburt, entschied sie sich um.

Sie nahm eine Opiumkapsel geringer Dosierung, die den Körper darauf vorbereitet, kurz vor dem Tod starke Schmerzen und weitere Morphine aushalten zu können. Weil sie verstanden hatte, dass sie vorher gehen musste. Ehe das neue Leben auf die Welt kommt. Damit sich bei ihrer Tochter und deren Mann nicht Trauer und Glück überlagern.

Sie leitete in Liebe zu ihren Nachkommen ihr Ende ein, damit die Trauer um sie schon ausreichend Zeit bekommen haben würde, ehe das Kind Glück bringt. Mit dieser Erkenntnis konnte sie loslassen. Kein Opfer, sondern ein Geschenk.

„Das war wirklich groß“, sagte mir der künftige Vater. Und ich verstand – in starker Rührung – den scheinbaren Widerspruch einer „schönen“ Beerdigung. Gut, dass ich erstaunt nachgefragt habe, sonst hätte er mir diese Geschichte vielleicht nicht erzählt.

 

From → Anders leben

2 Kommentare
  1. Maxi permalink

    Ich bin ein Kind mit ähnlicher Geschichte. Mein erster Gedanke ist, dass es intime Familiengeschichten sind. Auch, dass es entlastend sein kann, Leben kommen und gehen zu lassen, ohne einzugreifen. Ich will das Recht nicht negieren. Und beim Eingreifen sollte man vielleicht keine Öffentlichkeit herstellen? Mich hat dieses Familienergeignis sehr geprägt, da ich zudem den Geburtstag direkt weiterführe.

    • Hallo Maxi, Danke für Dein Feedback. Ich war mir auch unsicher, ob ich – anonymisiert – diese Geschichte erzählen soll und darf. Ich fand aber, dass man daraus so viel über Selbsterkenntnis, Überwindung, Demut und Größe vor dem Tod lernen kann, dass es legitim ist, das öffentlich zu machen. Ich hoffe, das ist richtig.

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