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Café Nostalgie_Esch an der Alzette

November 21, 2019

Ich habe hier schon öfters in der Mesa gesessen und nach drüben geguckt, bin aber erst einmal hinein, im April 2017. Letzten Samstag hatte ich endlich noch einmal Zeit, mir dieses Lokal genauer anzugucken, das sich „Nostalgie“ nennt, äußerlich aber nicht an „gute alte Zeiten“ denken lässt.  Dafür wirkt es zu sehr nach 1970ern und nichts an der Inneneinrichtung hat etwas mit „Retro-Look“ zu tun – obwohl: Bei 70er-Design können mittlerweile auch schon viele nostalgisch werden.

Zwischen dem Jugendherbergs-Check-In am Bahnhof von Esch/ Alzette nahebei bis zum Björk-Konzert blieben gute anderthalb Stunden Zeit, um mich hier und bei der ebenfalls interessanten „Taverne Battin“ mal genauer umzusehen. Die Eindrücke von 2017 wirkten auf mich so, dass dies kein „Café“ ist, sondern eine von Glücksspiel dominierte Kneipe, in der mittags kaum etwas los ist:

Café Nostalgie_Esch/ Alzette © Ekkehart Schmidt

Café Nostalgie_Esch/ Alzette © Ekkehart Schmidt

Café Nostalgie_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Im Juli 2017 hatten wir – wieder in der Mesa – eine Zukunftswerkstatt meines Vereins etika, wobei ich vor dem Café den Vorbeimarsch einer Gruppe Frauen erlebte, deren Profession mir nicht ganz klar war. Alle mit Plateauschuhen – aber was heißt das schon?

Café Nostalgie_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Café Nostalgie_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Café Nostalgie_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Dann kam ich im Oktober diesen Jahres abends nochmal hier vorbei und widmete mich der Leuchtschrift des Lokals. Das Innere wirkte mir zu schummerig, um hinein zu gehen.

Café Nostalgie_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Café Nostalgie_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Die Schrifttype passt auch nicht zu meiner Vorstellung von Nostalgie. Aber was heißt das eigentlich? Der Duden definiert: „vom Unbehagen an der Gegenwart ausgelöste, von unbestimmter Sehnsucht erfüllte Gestimmtheit, die sich in der Rückwendung zu einer vergangenen, in der Vorstellung verklärten Zeit äußert, deren Mode, Kunst, Musik o. Ä. man wieder belebt“. Man könnte auch – ähnlich positiv gewendet – sagen: „Etwas zu vermissen füllt deine Zeit mit Erinnerungen“.

Wikipedia weiß: Sie „kann sich sowohl auf das eigene Leben beziehen als auch auf nicht selbst erlebte Zeiten (so genannte kollektive Nostalgie). Das Wort Nostalgie leitet sich ab von den griechischen Wörtern νόστος, nóstos (Rückkehr, Heimkehr) und άλγος, álgos (Schmerz) sowie dem nostalgia (Heimweh) im Neulatein.“ Also ein eher negativ interpretiertes Gefühl. Es ist wohl meist etwas ambivalent, zum Beispiel wenn man ein aus der Heimat vertrautes Getränk zu sich nimmt.

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Jetzt wollte ich also mal genauer hinschauen. Vorgestern betrat ich das Lokal wieder durch die Tür links, lief dann aber zum zweiten Eingang rechts durch, weil mich da die Szenerie rund um die Billard-Ecke interessierte und es mir dort – bei nur zwei Gästen und fern der Wirtin – ungefährlicher erschien, heimlich zu fotografieren. Ich saß dort bei Spieler*innen, die derart auf die Abfolge von Spielkarten und anderen Symbolen konzentriert waren, dass sie mich fast nicht wahrnahmen.

Café Nostalgie_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Café Nostalgie_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Café Nostalgie_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Café Nostalgie_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Café Nostalgie_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Café Nostalgie_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

Inhaber Hdhili Nefer bietet seinen Gästen mit Billard, Tischfußball und Darts gemeinschaftlich zu spielende Vergnügungen, aber mit Zubito, Pferderennen und anderen Glücksspielen auch einsame Beschäftigungen. Und eine Musik Box — die am ehesten nostalgische Bedürfnisse befriedigen kann, weil Musik schöne Erinnerungen weckt.

A propos: „Kein Mensch nimmt ungefiltert alle Sinneseindrücke wahr, die auf ihn einwirken. Jeder filtert das Gesehene und Gehörte unwillkürlich in wichtige und unwichtige Dinge (Erinnerung)“, heißt es bei Wikipedia. Und weiter: „Da der Mensch seine Erinnerungen während seines Lebens ständig umschichtet und umdeutet, gewinnen manche Erinnerungen eine höhere Bedeutung als andere. Besonders schöne und angenehme Ereignisse scheinen sich dabei dauerhafter einzuprägen als traurige oder langweilige. Dies ließe sich damit erklären, dass Menschen in der Umformung ihrer Erinnerungen ständig darum bemüht sind, eine möglichst erfolgreiche und glückliche Biografie zu generieren.“

Das ist in der ehemaligen Stahlmetropole Esch, in der auf Reichtum Armut und Arbeitslosigkeit folgte, natürlich ein Thema. Vor allem, weil hier viele portugiesische und italienische Arbeitsmigrant*innen wohnen, deren Leben hier vielleicht doch anders lief, als erhofft und die Heimweh haben. Die Journalistin Fanny Jiménez folgert: „Kaum jemand würde im hohen Alter vorgeben, ein sinnloses Leben voller Misserfolge und Peinlichkeiten geführt zu haben. Traurige Ereignisse können allerdings aufgrund der Intensität ebenfalls dauerhaft, vielleicht sogar dauerhafter sein als Ereignisse, die man als schön beziehungsweise angenehm empfand, da es von großer Bedeutung ist, ob ein solches prägte und lebenswandelnd beziehungsweise ob es einschneidend war.“

„Nostalgie kann also als eine Art Korrektiv angesehen werden, die bei Menschen entsteht, die sich in einem seelischen oder körperlichen Ungleichgewicht befinden. Dabei stellt Sie vielleicht eine Art Balance wieder her, aus der Kraft geschöpft werden kann. Oder sie bietet in schwer zu verarbeitenden Momenten einen emotionalen Ausweg aus der Situation. Nostalgie kann somit als therapeutisches Mittel verstanden werden, das eine depressive Stimmung aufzuhellen vermag“, fasst Jiménez psychologische Studien zusammen.

Die Forschung zur Nostalgie bezieht sich allerdings meist auf bei den Studien absichtlich herbeigeführte nostalgische Momente. Womit ich wieder hier im Café bin: Kommen die Leute deshalb hierher? Spielen, um doch noch etwas abzukriegen? Oder hat ihr Kommen überhaupt nichts mit dem Thema zu tun?

Ich werde noch ein fünftes und sechstes Mal kommen müssen.

Adresse: 1 Rue Boltgen L-4038 Esch-sur-Alzette, Tel.: 26 53 74 1

Verwendete Quelle: Fanny Jiménez: In unsicheren Zeiten werden Menschen nostalgisch – Nostalgie bietet einen emotionalen Ausweg, in: Die Welt, 22. 12. 2013.

Café Nostalgie_Esch an der Alzette © Ekkehart Schmidt

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