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„es Budsche“_Saarbrücken

November 15, 2019

Als Grundschüler und Gymnasiast führte mich der Weg zur Schule morgens immer zur Straßenbahn. Da gab und gibt es ein „Büdchen“ – wie man die Kioske an Dutzenden anderen Haltestellen der KVB (Kölner Verkehrsbetriebe) nennt. Später als Praktikant in Frankfurt/ Main lernte ich das dortige Pendant der „Trinkhalle“ kennen. Nicht zu vergessen ähnliche Verkaufsstände für Zeitungen, Süßigkeiten, Kaffee aus der Thermoskanne und Kaltgetränke, die mir im Ruhrgebiet, Paris oder Brüssel begegnet sind. Während ich diese Lokale heute auf Reisen höchstens zu später Stunde und zur Not für Zigaretten oder Rotwein aufsuche, drehte es sich damals um Lakritze und andere Süßigkeiten „to go“ in so genannten „gemischten Tüten“.

Während Kioske und Trinkhallen im Ruhrgebiet, der anderen Stahl- und Bergbauregion, eine Ikone der regionalen Identität ist (es soll noch gut 15.000 an Rhein und Ruhr geben), ist diese Institution, bei der es zum Kauf gerne auch ein Schwätzchen gibt, im Saarland heute eher selten. Ich kenne nur einen Kiosk auf dem Matzenberg und unterhalb dieses früheren Kasernengeländes ohne sonstige Läden in der Julius-Kiefer-Str. in St. Arnual, das „Bistro Kiosk Bierhölle“ oberhalb von Burbach und den „toten“ Schnellimbiss R. Schank in Geislautern. Ende Oktober entdeckte ich dann aber, fern von ÖPNV-Haltestellen an einer – pardon – wunderbar tristen Ecke des Oberen Malstatt, dieses – offenbar für immer geschlossene – Büdchen.

"es Budsche"_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

"es Budsche"_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

"es Budsche"_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Dieses Büdchen verfügt – wie die meisten anderen auch – über eine tresenähnliche Ablage, auf der die Kundschaft wohl ihren Kaffeebecher, die Bierdose oder eine Flasche abstellen konnte, um bei einer Zigarette ein Gespräch mit dem Inhaber zu führen. Vor oder nach der Arbeit. Oder auch spät am Abend, wenn man noch etwas braucht und dazu ein Bier trinkt. „Seelendurst“ löschend, wie es einmal in der FAZ hieß. Das war wahrscheinlich schon damals eine eher triste Situation. Aber vielleicht ist das nur eine klischeehafte Mutmaßung meinerseits. Schließlich habe ich „es Budsche“ nie geöffnet erlebt.

Nachtrag vom 21. Februar 2020: Ich fand im Bildband „Burbacher Gold“ eine Beschreibung zur Bedeutung der Büdchen und Trinkhallen zu Zeiten der boomenden Stahlindustrie. Zwar Bezug nehmend auf den an Malstatt anschließenden Stadtteil Burbach, aber zwischen beiden lag die riesige Hütte. Insofern wird der Gerhard Ames und Reinhard Klimmt zitierende Text auch auf dieses Büdchen zutreffen:

„Die Schicht prägte Burbach und ließ zugleich mit ihrer Betriebsamkeit das Leben pulsieren (…) Eine Landschaft von Trinkhallen,aufgekommen zu beginn des 20. Jahrhunderts, prägte den Hüttenstadtteil Burbach. Ihre Blütezeit dürfte in den 1950er- und 1960er-Jahren gelegen haben. Mit dem Ende von Kohle und Stahl schlug auch ihre letzte Stunde. Vor Schichtbeginn um 6 Uhr steuerten die Arbeiter sie schon kurz nach 5 Uhr an und dann nach sechs Uhr die Arbeiter von der Nachtschicht. Gerhard Ames beschrieb diese Kultur als „Akt der Betäubung“ von der harten Arbeit. eine solche Trinkhalle oder „Büdchen“ gab es  bis weit in die 1980er-Jahre (…). In den Trinkhallen wie den Kneipen warteten  zum Schichtwechsel die „Kurzen“ und das Bier  schon in langen Reihen, um den Brand der Arbeit zu löschen – wie sich Reinhard Klimmt erinnert, der zur Frühschicht als Juso und Landtagsabgeordneter präsent war und Flugblätter und Wahlwerbung verteilte.“

Ach hätten doch auch andere Leute mehr Wert auf eine Beschreibung dieser Alltagskultur gelegt, statt sie gering zu schätzen oder gar als irrelevant zu betrachten. Sie ist ein ganz wichtiger, leider fast spurenlos verloren gegangener Aspekt der Identität des Saarlandes. Umso mehr ein Anreiz für mich, dem weiter nachzuforschen.

Verwendete Quellen: aro: Kurort der Kumpel: Die Trinkhalle im Ruhrgebiet löscht Seelendurst, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.1995; Burger, Reiner: Budenzauber, Frankfurter Allgemeine Woche, 27/2016; Herrmann, Hans-Christian/ Bauer, Ruth: Burbacher Gold. Kohle, Stahl und Eisenbahn – Ein Stück Saarbrücker Stadtgeschichte, Veröffentlichung des Saarbrücker Stadtarchivs 4, Saarbücken 2019, S. 272

„es Budsche“_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

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