Zum Inhalt springen

Posthorn und Molschder Eck_Saarbrücken

November 14, 2019

Auf meiner Suche nach den letzten verbliebenen authentischen Kneipen der Stadt bin ich im Oktober vom Hauptbahnhof in Richtung Westen in die ärmeren, aber lebendigen Viertel. Gleich hinter dem Hauptbahnhof findet sich nur noch das „Hafen Bistro Café“ und das „Posthorn“, letzteres eine echte Kneipe alten Stils. Ein erster Stopp, ohne Fotos von innen (was ich nachholen muss).

Posthorn und Molschder Eck_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Posthorn und Molschder Eck_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

An der Theke drei Gäste aus der Nachbarschaft. Etwas trostlos und einsam, wenn auch im Smalltalk-Gespräch durchaus in eine gewisse Nähe kommend. Inhaber Frank Casper, dem auch das „Molschder Eck“ gehört, in dem er mit seiner polnischstämmigen Frau Nadzieja im Wechsel hinter der Theke steht, ist pessimistisch: Das Rauchverbot 2011 sei entscheidend negativ für den Besucherzuspruch gewesen. Eine Außenbestuhlung ist auf dem schmalen Bürgersteig nicht möglich. So überlebt er mit einer Handvoll Stammkunden. Er habe gehofft, dass durch ein Hotel nahebei mehr Gäste kommen, aber das war nichts. Es werde immer schwerer, er werde wohl Ende November schließen.

Ein paar Häuser weiter versucht seit drei Monaten ein Zuwanderer, das schon vorher unter dem Namen „Mini-Pub“ laufendes, gemütlich kleines Lokal fortzuführen. In der St. Johanner Straße nahebei befindet sich übrigens – neben der „Kleinen Kneipe“ in Malstatt – das einzige Lokal, das sich tatsächlich „Kneipe“ nennt: die „Multi Kulti Kneipe“. Aber sie ist geschlossen.

Ich radele weiter, passiere an der Eisenbahnunterführung eine zunächst unsichtbare Grenze der Segregation, aber schon schnell gelange ich in eine andere Welt. Hinter dem türkisch-arabischen „Aslan Market“ linkerhand findet sich an einem neu gestalteten Platz die „Brunnen Stube“, dann geht es in die Breite Straße mit ihren Second-Hand-Läden und Kneipen: „Molschder Eck“, „Wappenstube“… Früher konnte man in und um diese zentrale Achse noch in viel mehr Lokalen einen heben, wie Klaus Bernarding Ende der 1980er recherchiert hat: Es gab in Zeiten der Stahlkonjunktur so viele Kneipen, wie es Ecken gab. Über die genannten hinaus fand er linkerhand das „Karlsberg-Eck“, „Zum Knubbe“ und das „Gasthaus Puhl“. Rechterhand an der Ecke Katharinenstraße „Zum Schampi“ (ehedem „Zur Erholung“ und davor „Beim Schubmehl“) – sie alle existieren nicht mehr. Das Haus von letztgenanntem Lokal besteht seit einem Jahrhundert. Es beherbergt heute das „Arabische Restaurant“. Eine „Roaschwurschd“ bekommt man dort nicht mehr, dafür lecker frittierte Falafel.

syrische Lokale in Saarbrücken (c) Ekkehart Schmidt

Posthorn und Molschder Eck_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Posthorn und Molschder Eck_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Gegenüber liegt die „Wappenstube“, die sicherlich mindestens 60 Jahre auf dem Buckel hat. Waltraud Müller erzählt, dass sie schon 20 Jahre hier ist und nennt zwei weitere Vorbesitzer des Lokals, die es unter gleichem Namen auch je 20 Jahre betrieben hätten. Die Theke sei jedenfalls schon mal gut 40 Jahre alt. Die Spielautomaten nicht. Aber das beschreibe ich ein andern Mal.

30 Meter nebenan liegt das „Molschder Eck“ in einem unscheinbaren grauen Bau aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Zwei Mal war ich da, beim zweiten Mal traf ich auch wieder auf Frank Casper. Das Urpils vom Fass kostet bei ihm im 0,4l-Glas 2 Euro 60, die 0,3l-Flasche 1 Euro 90. Gute Argumente für Kunden, die wohl dennoch jeden Abend 10 bis 15 Euro an der Theke ausgeben. Und das Rauchen ist derart ausdrücklich verboten, dass sich kaum einer dran hält.

Posthorn und Molschder Eck_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Mich faszinieren die schwere, dunkelbraune Theke, die grünliche 70er-Jahre Gestaltung der Tische und die bunten Glasfenster.

Posthorn und Molschder Eck_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Posthorn und Molschder Eck_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Posthorn und Molschder Eck_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Posthorn und Molschder Eck_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Posthorn und Molschder Eck_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

In der Ecke hängt eine Reproduktion eines Gemäldes des Viertels, die aber sehr echt wirkt. Die Dort stehenden Männer, in eine Unterhaltung versunken, sind sich da sicher. Daneben ein Flachbildschirm als einziger Stilbruch des Interieurs, sieht man einmal von den drei Spielautomaten in Seitenecken ab (der neben der Tür wurde ausgestöpselt, seit von zwei Wochen das Verbot von mehr als zwei in Kraft trat).

Posthorn und Molschder Eck_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Bei meinem zweiten Besuch machte ich eine Zeichnung vom Inhaber und seiner Frau, die ersten Minuten des Lokalderbys FCS – FCH guckend.

Molschder Eck_Saarbrücken (c) Ekkehart Schmidt

Beim Zeichnen hörte ich ein wenig den Gesprächen unterm Flachbildschirm zu. Ein Stammgast begann, der Wirtin etwas zu erzählen, was ihm auf der Seele lag. Als eine Art running gag antwortete sie: „Ich bin der Priester, Du musst beichten“. Der FCS gewann dann in der Nachspielzeit, aber das war nicht so wichtig, wie das Fußballgespräch zwischendurch: Ein Serbe erzählte vom Fußballer Pancev von Roter Stern Belgrad, der immer nur im Strafraum gestanden habe, fast unbeweglich, aber wenn ein Ball in den 16er kam, machte er sein Tor. Er habe mit Belgrad sogar den Vorgänger der heutigen Champions League Sieger gewonnen, den Europapokal der Landesmeister (1991). Als er aber später bei Fortuna Düsseldorf spielte, sei er nicht mehr so erfolgreich gewesen. Das habe eben nur funktioniert, wenn das ganze Spiel auf ihn zugeschnitten worden sei. Pancev? Das muss ich mal recherchieren (Wikipedia). Beim ersten Besuch führte ein Algerier das Wort. Und der neue Hausbesitzer, ebenfalls ein Zuwanderer, spendierte mir eine Bitter Lemon, während er am Automaten zockte.

In der Breite Straße finden sich viele weitere solcher Kneipen, so das „Rumpelfass“, die „Gaststätte Tivoli“, „Zum Bierkrug“ oder das „Tick Tack“. Sehr versteckt unter der Malstätter Brücke ist noch das rotlichtig wirkende Etablissement „Gaststätte Wiesenstr. null“ zu nennen, schließlich im oberen Malstatt das „Tanzcafé Vera“ und „Uhl’s Eck“, das anstelle von Herrn Uhl nun einen türkischen Inhaber hat.

Sie wirken nicht so, als hätten sie noch eine große Zukunft vor sich. Dafür müsste man etwas investieren, vor allem, um sich an veränderte Kundenwünsche anzupassen. Beim „Tick Tack“ hat man das gemacht. Das Lokal ist zumindest 30 Jahre alt, wenn auch die original erhaltene große Theke auf ein Alter von mindestens 50 Jahren schließen lässt. Altmodisch sind auch die erhöhten Sitzecken. Im hinteren Bereich, einer Art Gewölbekeller, hat man aber eine Shisha-Bar eingerichtet – das passt sehr gut in die Breite Straße mit ihren aus dem Boden sprießenden arabischen Restaurants, Bekleidungs- und Süßigkeitengeschäften.

Was „sellemols“ gut lief, überlebt „heit“ selten. Aber viele Lokale überleben gegen jede ökonomische Logik. Das ist das Thema dieser Recherche für drei lange Texte für die Saarbrücker Hefte. Ich werde in kurzer Abfolge mehrere solcher Tiefenbohrungen schreiben. Dann schaffe ich es, solche Details für die Printfassung raus zu kürzen, von denen ich mich sonst nicht trennen könnte.

Adresse: Steinstr. 1/ Ecke Breite Straße, 66115 Saarbrücken, Tel.: 0681-4171556

Verwendete Quelle: Bernarding, Klaus: Wo der Löwe nach rechts schaut. Das untere Malstatt, S. 179 in: Albers, Jürgen/ Blaß, Ursula/ Bubel, Dirk/ Glaser, Harald (Hg.): Saarbrücken zu Fuß, Hamburg 1989, S. 182-197;

Posthorn und Molschder Eck_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

2 Kommentare
  1. Witzige und gekonnte Zeichnung-eine gelungene Überraschung! Danke

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: