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Zum Brünnchen_Saarbrücken

November 11, 2019

Die klassisch urdeutsche Eckkneipe gibt es in Saarbrücken nicht, dafür ist die Stadt mit ihren kleinteilig gewachsenen Vorstädten nicht großstädtisch genug. Die hiesigen Kneipen haben trotzdem die gleiche Funktion. Sie sind mit ihrer in bestimmter Weise gepflegten nachbarschaftlichen Kommunikation ein echtes immaterielles Kulturgut. Wie das Kaffeehaus. Während letzteres in Bildbänden und Artikeln gerne als hochkultureller Ort gefeiert wird, ist das Wirtshaus eher ein Lokal geblieben, auf dessen gelebte Kultur gern herabgesehen wird. Weil dort Alkohol statt Kaffee gesoffen wird und dazu nicht Kuchen, sondern Nüsse genossen werden? Oder vielleicht, weil der gebildete Bürger das dort gepflegte Gesprächsniveau als minderwertig betrachtet? Oder, weil er als Teil einer stark individualisierten Gesellschaft das dort erlebte Zugehörigkeitsgefühl nicht braucht?

Beiden Orten geselliger Kommunikation gemein ist, dass Mann und (seltener) Frau sich in diesem öffentlichen Raum wegen der Lust auf ein Getränk einfinden, das sie gemeinschaftlich zu sich nehmen. Im Café meist alleine oder zu zweit für sich bleibend, in der Gastwirtschaft manchmal auch einsam, meist aber als Teil einer Gemeinschaft. Hier wie da will man zur Ruhe kommen, sich entspannen, in die Zeitung schauen und Leute beobachten. Im Café oder einer Bar geht es vielleicht, in der Kneipe unbedingt darum, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Weil zuhause keiner da ist für einen Austausch. Oder nicht die richtige Person für manche Themen und Probleme.

Das zweitälteste Gewerbe der Menschheit, das Bieten eines Ortes zur Kommunikation bei gleichzeitigem Alkoholgenuss, scheint jedoch in der Krise zu sein. Das Betreiben einer Gastwirtschaft ist ökonomisch schwierig geworden und wirkt wie ein Geschäft mit der Einsamkeit. Das war jedenfalls der Ausgangspunkt einer Recherche zur hiesigen Kneipenlandschaft, an der ich jetzt einen Monat sitze bzw. für die ich seit einem Monat kreuz und quer, aber systematisch durch die Innenstadt und die Ränder von Saarbrücken radele. Publiziert wird sie in drei Teilen in den Saarbrücker Heften.

Letzten Dienstag musste ich mal wieder in den vom Strukturwandel stark getroffenen Vorort Burbach, um offen gebliebene Fragen zu checken. Von Malstatt kommend ging es vorbei an der sieben Jahre alten, edel gestalteten Bistro-Bar „Krasniqi’s“ mit kosovo-albanischen Inhabern, sowie einer sich selbstironisch „Betreutes Trinken“ nennenden alten Kneipe nebenan, zum Burbacher Markt. Das kneipengeschichtlich interessanteste Lokal hier ist bzw. war sicherlich „Rolands Eck„, aber das ist seit 2015 geschlossen. Mir gefällt hier besonders die „Bierstube“, aber die war noch im Halloween-Fieber „geschmückt“ und ich wollte sie ungeschminkt fotografieren.

Gut, ich hatte ja noch ein anderes Unikum entdeckt: „Zum Brünnchen“ ist vorne ein Imbiss, hinten eine Kneipe. Sie wirkt von außen sehr abgewrackt, aber der Eindruck täuscht komplett. Die Tür nach innen wirkt eher abweisend, so lichtete ich – etwas unschlüssig und da niemand in Sicht war – erstmal die Speisekarte ab. „Darf ich fragen, was sie da machen?“ kam dann eine überraschende, durchaus strenge Frage von innen. Ich erklärte meine Hintergründe und hoffte, dass die resolut und zugleich mütterlich-freundlich wirkende Frau nicht befürchtet, dass ich „hässliches“ oder „unästhetisches“ der etwaig mangelnden Sauberkeit fotografiere.

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Sie verstand sehr gut und also war klar, dass ich das Hinterstübchen betrat. Drinnen äußerte ich mein Erstaunen über die zwei Seiten des Lokals und lobte sogleich das angenehme Flair. Erbaut wurde das einstöckige Gebäude 1963 von ihren Schwiegereltern und ist seitdem in der Familie geblieben, erzählte Frau Cremers (ich hatte draußen das Schild gesehen, das Heinz Cremers als Inhaber nennt). Die Hochzeit wurde übrigens in „Rolands Eck“ gefeiert. Ein Jahr älter als ich also, der sich äußerlich hoffentlich besser gehalten hat.

Bis etwa 1997 hieß es „Schlossbräu Brünnchen“, aber das habe ja keinen Sinn mehr gemacht, nachdem die Schlossbrauerei  aus Neunkirchen zu gemacht hat (jetzt liefert Karlsberg). Und hatte eine sehr dunkle Theke. „Das haben wir dann neu gemacht, irgendwann sieht man sich ja dran leid“.

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Einmal drinnen entdeckt man eine der saubersten Kneipen der Stadt. Der winzige, fensterlose Raum ist angenehm hellbraun gehalten. Ich bestelle eine Roaschwurschd, nach der ich – als stark auf Fleisch verzichtender „Flexitarier“ plötzlich regelrecht giere. „Es Mathild’sche“ kommt rein und es wird kurz über den Cholesterinspiegel gesprochen, ehe das Telefon klingelt. Es ist Heinz, der mit seiner Frau, aber auch mit Mathilde spricht.

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Als das sich mit einer anderen Besucherin wiederholt, merke ich das als interessant an: „Ja, das ist hier eine Wirtschaft mit Familienanschluss“ sagte die Pächterin, deren Vornamen Rita ich mittlerweile aus den Gesprächen mit den Besucherinnen herausgehört hatte, die in der Ecke über der Treppe hinunter zu den Toiletten saßen, während ich am Eingang saß.

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Mathilde geht und ich kann weiter meine Fragen stellen. Alle Viertelstunde muss Rita Cremers durch den Durchgang nach vorne: Ein Kunde möchte „das, was grad fertig ist“: Ein Fleischklops im Doppelweck für 2 Euro 70. „Und wie geht’s so, familymäßig?“ fragt sie ihn. Sie kennt ihre Stammkunden, „manche seit ihrer Geburt“.

Die andere Frau kommt für ein erneutes kurzes „Hallo“ zurück, wieder ohne zu konsumieren, dann wirft sie einen Euro in das rote „Sparkässje“ an der Wand. Es wird alle Woche geleert und einmal im Jahr wird abgerechnet – wie bei Frau Schwarz im „Storch„. Scheinbar scchauen hier viele immer wieder einmal hinein. Ob das hier tendenziell eher eine Frauenkneipe sei, frage ich? Nein, das liege grad eher an der Uhrzeit.

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Ich spreche Rita Cremers auch auf das Kneipensterben an, schon mit einigen Deutungsmustern wie Arbeitslosigkeit ehemaliger Stahlarbeiter und Rauchverbot. Aber sie nennt – nach einem kurzen, andeutungsreichen Ansprechen des Wandels der Bewohnerschaft (immer mehr Migranten meint sie wohl) – vor allem die Schließung bzw. Verlagerung der beiden Disccounter Lidl und Aldi nahebei, durch das die Bewohner*innen des „Dorfes“ nicht mehr so regelmäßig an den Markt kämen. „Es ist alles nicht mehr so, wie es einmal war“.

Aber das „Brünnchen“ scheint halbwegs zu überleben – vielleicht gerade weil es mit seinem Dreifach-Angebot von deftigen Grillwaren, Bier oder Kaffee und familiärem Gespräch ein echtes Unikum ist. Weil „äaner de anner kennt“ liegt immer eine gewisse Herzlichkeit in der Luft: Man ist offen füreinander, hilfsbereit und pflegt so ein Gemeinschaftsgefühl. In ökonomich schwierigen Zeiten ist das viel wert.

Nicht zufällig findet sich virtuell nichts zu dem Lokal. Hier ist alles noch analog. Was sich mit diesem Blog ändert. Er ist als Empfehlung zum Eintauchen in eine andere Welt gedacht, die man in der Innenstadt viel zu wenig kennt, leider zuweilen auch naserümpfend, außer wenn am Brünnnchen der fast schon hippe „Orientalische Markt“ stattfindet.

Adresse: Burbacher Markt, 66115 Saarbrücken

Zum Brünnchen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

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